Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956 Hreitag, -en 10. Januar Nummer 5 Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann (Schluß.) „Weißt du noch, wie wir hier damals mit unserem Karren stecken blieben?" fragt Lars. ,Hch mußte damals wahrhaftig die Hälfte der Sachen erst abladen und hier am Wege stehen lassen, und als ich sie dann nachgeholt hatte, saßest du auf der Türschwelle und weintest." O ja, Lena weiß das noch so gut wie er. Es ist ja überhaupt keine Zeit der Freude gewesen bis jetzt, die sie hier draußen gehabt haben. „Das weih Gott", antwortet Lars und sinkt wieder in sein Schweigen zurück. Dann wenn er es betrachtet, hat er vom ersten Tage an ja nur an einer Last getragen, wie sie schwerer für ihn kaum zu denken ist. Aber nun ist es zu Ende damit, wenn er auch zehnmal ärmer darüber geworden ist, als er jemals vorher war ... Gewiß, leicht wird er es auch in Zukunft nicht haben. Vielleicht, daß es ihm gelingt, ein kleines Fuhrgefchäft zu beginnen. Er hat ja Hopla und den Wagen dazu, den er vielleicht gegen einen kleinen Federwagen eintauschen kann. Aber das kam darauf an, ob ihm Pferd und Wagen überhaupt bleiben würde, wenn er nun mit Martin ans Abrechnen ?>ehen würde... Nun, wenn alle Stricke rissen, hatte er ja immer noch eine beiden gesunden Arme... Schöner wäre es ja, wenn es mit dem Fuhrgeschäst etwas würde. Er war ja am Hafen gut bekannt und vielleicht fanden sich auch sonst Gelegenheiten für ihn... Aber das nächste war wohl, Martin zu verständigen, dann konnte man weitersehen. Gleich morgen wollte er in den Hamburger Hof gehen und ihn aufsuchen. Aber wie — wenn Martin Lohmann sein Geständnis nicht so aufnahm, wie er es sich erhoffte? Nun, darauf mußte er es ankommen lassen ... so oder so, es gab keinen anderen Weg. Vielleicht, daß Sorte ihn ein wenig vorbereitete? Sie würde sicher viel eher die richtigen Worte dafür finden. Aber dann verwarf er den Gedanken wieder. Nein, er wollte selber und allein mit ihm sprechen und hatte nicht vor, sich davor zu drücken oder sich gar dahinter zu verstecken, daß Sorte Martins Schatz war. Denn wenn man es bei Licht besah, so hatte das nichts, aber auch gar nichts mit der Sache ^u tun, und er würde genau so handeln, wenn Martin Lohmann ihm völlig fremd gewesen wäre. Da wird es plötzlich merkwürdig hell über der Gegend, und Lena blickt sich verwundert um. „Lars!" schreit sie auf. „Nein — Lars!" Erschreckt fährt Lars aus feinen Gedanken auf und zieht die Zügel an. „Was ist denn, Lena?" Aber da sieht er es schon selber. Ein Brand ist es, und es ist sein Haus, das da in Flammen steht! „Krick!" entfährt es ihm im ersten Erschrecken. Darum also versteckte er sich vorhin vor ihm? Vielleicht, daß er schon dabei war, das Feuer anzulegen, als er ihn rief? „Lars!" jammert Lena und bricht in Tränen aus. „Lars!" Wie? Kehrt er nicht um? Macht das Pferd vom Wagen los und reitet zurü um noch zu retten, was nur zu retten ist? f i er röhrt sich nicht einmal. Schlaff liegt das Leitseil in seiner Hand. Er weiß ja viel zu gut, daß gegen die Glut da drüben nichts auszurichten fein wird — das ganze Dach ist ja schon ein einziges Feuer — eine lodernde Fackel, die mit aufschießenden Flammen gen Himmel schlägt. Dazu kommt noch ein anderes, das ihn zurückhält, eine dumpfe, unausgesprochene Ahnung, daß auch dies irgendwie mit zu der Gerechtigkeit gehört, die in allem ist. Ein Schauer überläuft ihn, und wortlos stiert er in den Feuerschein, der über die verschneite Landschaft hinweg zu ihm herüberleuchtet. Lena kann und kann sich das Unglück nicht erklären. Das Feuer auf dem Herd hat sie noch nachgesehen und die Asche darüber gelegt, als sie vorhin über die Diele gegangen ist, und im Ofen in der Stube war es schon erloschen, als sie das Haus verließen. Sollte es möglich sein, daß Krick vielleicht mit seiner Pfeife unachtsam gewesen ist oder leichtsinnig ein brennendes Streichholz weggeworfen hat? Auch Lars hat wohl an so etwas gedacht, als er im ersten Schreck feinen Namen nannte? Aber Lars zuckt nur die Schultern. ®ut, daß sie ohne Schuld daran sind. Lena soll nur nicht länger mefjr Hinsehen, es ist nur quälend für sie und helfen können sie ja b*be nicfjt mehr. Und gut ist es auch, daß keine Nachbarhäuser da sind, die in Gefahr geraten könnten. Selbst der Fuhrenkamp wird kaum unter der Glut leiden, so nahe er auch am Hause liegt. Der Schnee, der auf den Bäumen liegt, wird ihn schützen. Und Krick? Ob er gar nicht an Krick denkt? fragt Lena ihn. 0 doch. Gewiß denkt er an ihn. Aber er will nicht aussprechen, was er denkt. Er war ja bei Vernunft, nicht wahr, wenn er auch etwas getrunken hatte, als er vorhin nach Haufe kam. Und da wird er schon wissen, was er zu tun hat--Auch hat Lars ihn vorher noch gerufen, ehe sie wegfuhren ... „Ja, ja", antwortet Lena, „das hörte ich ja auf dem Wagen. Aber er antwortete dir nicht, nicht wahr?" „Nein", sagt Lars und schüttelt den Kops. „Er wollte es wohl nicht. Vielleicht hatte er mir auch nichts mehr zu sagen, siehst du. Wir sind fertig miteinander, Krick und ich." „Du meinst, daß er —" Aber Lars zuckt nur die Schultern. „Nein, quäl dich nicht damit. Du kannst das jetzt doch nicht verstehen. Ich konnte ihm nicht raten und nicht helfen, wenn man es mit einem Worte sagen soll... Niemand hätte ihm helfen können — und nun ist dieses wohl seine Antwort — auf alles .. Eine Ahnung zuckt in Lena auf. Aber sie will sie nicht äußern. Hat Lars ihr nicht versprochen, ihr bald über alles Klarheit zu geben, was für sie rätselhaft blieb? So schweigt sie und meint nur in leisem Wimmern in sich hinein, nun die Flammen da drüben höher und höher schlagen, und stößt einen leisen Schrei aus, als das Dach des Hauses plötzlich mit einem prasselnden Krachen in sich zusammenbricht, daß es in der meilentiefen Stille der Nacht zu ihnen herüberschallt. „Lars, Lars — und was soll nun mit uns werden?" Lars will ihr nichts vormachen und weiß selber viel zu gut, daß es nicht leicht für Lena werden wird, was auf sie wartet. Was das Haus betrifft, fo ist es versichert, und wenn Martin als neuer Eigentümer will, kann er sich später ein neues bauen, wenn die Summe auch nicht hoch sein wird, die man ihm auszahlen wird. Nur die Sachen im Hause! Lars hat diesmal den Betrag für die Versicherung nicht aufbringen können ... Schweigend legt er den Arm um Lenas Schultern und zieht die Weinende an sich. „Sorg dich nicht", bittet er sie. „Gewiß, es wird nicht einfach fein für uns. Aber wir müssen den besten Fuß vorsetzen, siehst du." Noch nie hat Lena die Ruhe und Gelassenheit seines Wesens so tief empfunden wie in diesem Augenblick. „Daß du noch immer wieder Mut hast!" sagt sie und tastet nach feiner Hand. „Ja, Lena. Im Grunde ist ja nichts verloren, siehst du. Ich meine sogar, mit dem Hause da drüben wird auch vieles zu Asche, was schwerer aus mir gelegen hat, als du ahnen kannst. Und im übrigen habe ich schon in jungen Tagen gelefnt, die Zähne zusammenzubeißen, siehst du." Nun das Dach eingestürzt ist, ist das Haus nur noch ein rauchender Trümmerhaufen. Scharf und brandig bringt der Geruch des schwelenden Qualms zu ihnen herüber. Nein, es ist nur quälend für beide, noch länger hinüberzusehen. „Komm, Hopla, voran denn!" ruft Lars in plötzlichem Entschluß, und gehorsam legt sich der alte Gaul wieder in die Stränge. Ein gutes halbes Jahr ist darüber hin. Aus der Brandstätte erhebt sich ein neues Haus. Ganz so groß wie das alte ist es nicht, aber es ist nach der Weise der Väter gebaut, und das Dach, bas tief unb bis auf bie niebrigen Fenster in ben Beitem roänben herabgeht, ist mit Stroh gebeckt. Der Bauunternehmer hat Lars zu Ziegeln geraten, aber er hat sich nicht bazu entschließen können. Nein, er hat es so roieber haben wollen, wie es war unb wie er es in seinen Kinbertagen auf bem ßanbe nicht anbers gekannt hat. Unter einem solchen Dache hat es bas Vieh im Winter in ben Ställen wärmer, unb billiger ist es auch, nun Lars bas Stroh bafür auf ben eigenen Felbern fchneiben konnte, bie er im vorigen Herbst noch in Ruhe beackerte unb besäte. Auch hat er beim Bau selber ben Hanblanger gemacht. Er weiß sich ja mit allem zu behelfen, unb es gibt fo leicht keine Arbeit, bie er nicht kennt. So ist es ihm möglich gewesen, mit der kleinen Summe, bie bie Versicherung für bas abgebrannte Haus ersetzt hat, wenn auch nicht ganz auszukommen, so boch bie hauptsächlichsten Kosten zu becken. Denn mit seinem Fuhrgeschäst in ber Stabt ist es nichts geworben. Es wäre auch wohl nicht bas richtige für ihn gewesen. Auch Martin hat es nicht (eiben wollen. Denn vor bem Gesetz ist Lars immer noch ber Eigentümer ber kleinen Stelle, wenn Dörte unb er Martin auch oft genug auseinanbergefetjt haben, baß niemanb anbers als er ber wahre (Eigentümer bes Hofes fei. Zuletzt haben sie sich untereinanber geeinigt, baß sie alle vier, Lars, Lena, Borte unb Martin, nebeneinanber in bem neuen Haufe wohnen wollen. Von Kricks Untat haben sie sich vorgenom- men zu schweigen. Nur baß er bas Haus in feiner Betrunkenheit ange- zünbet unb babei wohl den Tod in ben Flammen gefunben hat, hat Cars die Hand Unterschlag Es ist liegt das Lars und Lena Hullmann, 1933." ganz still am Tisch. Niemand sagt ein Wart. 9n sanfter Glut Licht der Abendsonne in den kleinen Scheiben der Fenster im 9e3fiopla! ruft Lars, als er die Wendung des Wagens beim Einbiegen in den Weg, der zum Hause hinaufsührt, ein wenig kurz genommen hat und das eine der Hinterräder über den alten halbversackten Grenzstein acht der dort in der Erde steckt, so daß der Wagen ordentlich einen Ruck bekommt. Aber Hopla hat keine Schuld daran und sieht sich nur verwundert um, als er Lars Ausruf hört. , - Aber diesmal meint Lars ihn gar nicht. Er wollte nur sagen. Da war ich doch eben wirklich ganz in Gedanken. | Nur die Kiefern an Heidmanns Kamp find nicht mehr da Lars hat sie, noch zu rechter Zeit, geschlagen, um die Dachsparren zum Hause aus ihnen schneiden zu lassen. Aber niemand ist glücklicher und zufriedener als Lena. Denn Lars ist ja einfach nicht wieder zu erkennen, nun die Last, die aus ihm gelegen, ihm von den Schultern genommen ist ... Als er soeben seine Fuhre durch die große Tur auf die Diele rollen und Hopla die Stränge löst, ruft Lena zum Abendbrot Ja das ist schon richtig und er hat einen rechtschaffenen Hunger mtt- gebracht. Aber erst muß er jetzt das Pferd versorgen. Als sie dann zusammen im Unterschlag am Tische sitzen — er ,st nur aus Tannenholz, aber wenn sie sich miteinander erst ein wenig heraus- qemacht haben, soll wieder ein eichener her, wie er sein muh in einem Bauernhause — sagt Lars: „Weißt du, Lena, das Haus ist ja gut geworden, das muß man sagen, ganz wie ich es mir gedacht habe. Aber etwas hat der Dussel von Zimmermann doch vergessen!" , . . ™ , Wirklich?" fragt Lena verwundert, denn Lars hat noch nie ein Wort gesagt, daß er mit etwas nicht zufrieden gewesen wäre. „Aber du bist doch immer mit dabei gewesen, als die Handwerker daran bauten. „Das ist richtig", nickt Lars und lächelt. „Ich wollte auch nicht darauf schelten, siehst du.'Nur daß kein Hausspruch draußen in den Turbalken gekommen ist, das paßt mir nun doch nicht. Aber das ist kein Unglück. Wenn die Arbeit auf dem Felde getan ist habe ich immer noch Zeit dafür und kann es dann ganz gut felber nachholen." „Und hast du dir schon einen Spruch dafür gedacht? Ich sah vorhin wohl, wie gedankenvoll du nach Hause kamst." „Das hab ich!" sagt Lars, „und ich hab lange darüber nachdenken müssen. Aber nun ist mir vorhin, als ich mit dem Wagen vom Felde kam, etwas in den Sinn gekommen, und ich meine, daß es der richtige Spruch dafür wäre, und wenn ihr und Martin mit ihm einverstanden wäret, würde es mich freuen. Dann könnte ich gleich morgen damit anfangen, ihn in den Balken zu schneiden." „Morgen, am Sonntag?" fragte Lena verwundert. „Gerade, weil morgen Sonntag ist", nickt Lars versonnen, „Denn es ist eine rechte Sonntagsarbeit, seht ihr, und sie soll für mich sogar noch etwas mehr sein als das Gespannt sieht Lena ihn an, und Dorte legt dem kleinen Jan, der ungeduldig mit seinem Lössel auf dem noch leeren Teller herumrührt, "" " * auf den Arm. „Myn Ehr und Recht, dat wör verzahn, Gott let se wedder uperstahn. Amen. Geschichte eines Lebens. Von Josef Ponten. Die Geschichte meines bisherigen Lebens, die ich hier zu erzählen habe, ist beinahe, und näher dem Heute zu mehr und mehr, die meines ^^Gefch?chte°n'sind Geschehnisse, die an und mit Menschen spielen. Nur der Mensch war das dunkel gefühlte Ziel meiner inneren Bewegung ,m Grunde beschäftigt mich auf der Welt nichts als der Mensch. Aber Mensch" das ist ein schweres Stück Studium, und obgleich wir selbst Mensch sind, so sprechen wir wie von etwas Unbekanntem so wie wir mit einer gewissen dunklen unwissenden Ehrfurcht vom „Smbe sprechen, dessen Sein und Wesen wir doch, jeder von uns, durchlebten. Vom Menschen tief innerlich zu wissen, das ist im Ganzen ein Vorrecht der Jahre und des Alters. Ausschließlich mit ihm werden wir uns am Lebensende bC'ais'^nabe las ich von Dichtungen nur des Vlamen Eonsciene Romane „Der Löwe von Flyndern", „Der Bürgermeister von Lüttich damals wußte ich nicht, daß es in meinem Blute Beziehungen zu Land und Volk jener Dichtungen gab. Aber dann legte ich tue Dichtung bei- feite und beschäftigte mich in den kostbaren schicksalbestimmenden Frei, stunden der drangvollen unvernünftigen Schulzeit mit Stern- und Erdkunde, mit Geschichts- und vieler Art Menschenwissen. Leute, die mich zu kennen behaupten, sagen mir die Eigenschaft nach, „mchts zu vergessen. Ich hatte meist auf dem Lande gelebt in Einsamkeit, Wiesen Wald, Venn und Gebirge, hatte Vieh gehütet und war gewandert im alten ..lotharingischen" Londe, im Rheinland, Belgien, Holland und Frankreich, und 1908 gab ich, fünfundzwanzigjährig, einen „Landschaftsroman „Sieben- quellen" heraus. _ . _ . In eben dem Jahre wurde, was bisher an Sonntags- und Ferienwandern gewesen war, bereits Auswandern. Freilich auch nur eins auf Zeit, wenn auch auf Jahre und um rein geistiger Ziele willen. Das Wandern an sich, sportlicher, kaufmännischer, oder nur abenteuernder Weise, war nicht nach meiner Art und Vorbestimmung, es mußte Geistiges dabei eingesetzt und gewonnen werden. Der Kriegsausbruch sand mich auf Spitzbergen. Ein Gefühl für tue Notwendigkeit, neben der klassischen Welt die germanische durch Wissen und Erlebnis zu gewinnen, hatte sich schon ausgewirkt Ich kam über Skandinavien nach Deutschland und trat im August 1914 in der westlichen Heimatstadt ins Heer. Ich war nicht Soldat gewesen, und da der Krieg angeblich zu Weihnachten zu Ende sein wurde so war keine Zeit I zu verlieren mit Marschieren-, Schießen- und gar Grußenlernen. Mit dem am meisten vom Abenteuer beschenkten Heere, dem auf dem äußersten rechten Flügel marschierenden des Generals Kluck, tarnen wir so nahe an Paris heran, daß wir nachts den Lichtwiderschein am Hummel sahen. Als der Krieg nun doch um Weihnachten 1914 nicht zu Ende war, lernte ich nachträglich marschieren, schießen und die Vorgesetzten richtig qrüßen — ich tarn in den Osten, Und da ich dazu bestimmt wurde die Bewegungsfeldzüge mitzumachen, so bewegte ich mich in dem weiten Raume, den die Namen der Städte Riga, Dunaburg, Kiew, Bukarest, Konstantinopel, Elbasan, Triest, Trient umschreiben mögen. Das war für । wich von großer Bedeutung, als ich dort den Rlesenfacher deutscher Auswanderungen früherer Jahrzehnte kennenlernte. Raume, Menschen, Umstände, Tatsachen, Geschicke, von denen ich nichts wußte und wahrscheinlich nie etwas erfahren hätte. In Konstantinopel mußte ich auf dem Wege zum persischen Kriegsschauplatz umkehren, erkrankt schied ich aus dem Heer und Krieg aus. , Während in Berlin Spartakus mit den Regierungstruppen kämpfte, schrieb ich, ein Leidender, dort die Bolksnovelle „Die Bockreiter , in der an einem rheinischen Beispiel geschildert wird, wohin es tcmmen kann wenn man der unregierten und unbeherrschten Masse zu viel Macht in die Hand gibt. Ich suchte, von meiner engsten Eupener He,ma aus- geschlossen, die rheinische auf, aus der ich aber auch wieder wich, als das belgische Besatzungsheer unser Haus in Aachen an sich nahm. Ich wanderte lange wohnungsuchend durch Süddeutschland, durch Schwaben und Bayern, wohnte im süddeutschen Dorf beim Bauer oder Gartner, im Kloster ober im Stift, bis ich schließlich in München in Enge und Düsternis des möblierten Zimmers zu einer vorläufigen Ruhe kam. Kurz vor dem Kriegsende war der im Zeustempel von Olympia sechs Jahre stüher begonnene, in der Krankheitszeit vollendete Roman Der babylonische Turm" erschienen. Diese rheinische Familiengeschichte, in der ich versucht hatte, meinem Volke ein Sinnbild für den inneren Zerfall aus Dinglichkeitsstreben, Größenwahn und Herzensleere hinzustellen, brachte mir Ansehen. Aber ich fühlte wohl wie wenig ich, der der eigentlichen ßiteratur Abholde, für epische Aufgaben geschult war und wandte mich für einige Jahre der Novelle zu, in deren Pflege strenge Schule gesehen werden kann. Ader auch die Auseinandersetzung mit dem rein und einseitig Litera- rischen in dem Roman „Die Studenten von Lyon , in dem junge Menschen in bitterstem Ernst vor die Frage gestellt werden, ob man sich mit ausgeklügelten dialektischen Worten vor den Entscheidungen drücken dürfe ober ob biefen ins Auge gesehen werben müsse. Dieser Roman entftanb in ber Hauptsache auf einer großen Vollrunbreise durch Frankreich, wurde vor und in französischen Kathedralen, in deren Kunst und Welt ich schon zwanzig Jahre zuvor geschwärmt hatte, geschrieben. Denn allmählich waren die aus Verfemung und Geldentwertung aus- gebauten Zäune um Deutschland gefallen, und ich mar schnell ins Aus- fanb gegangen, besten Luft zu atmen, besten Sprache zu gebrauchen, dessen Spannungen zu mir und meinem Lande zu fühlen mir anfd)einenb eine schon durch die Herkunft bedingte Notwendigkeit war. Ich lernte die Schweiz kennen (ich hatte schon als Student ein erstes Semester in Genf verbracht), ich lebte in der Bretagne und in Sizilien. Da, bereit nach Meriko abzureifen, erreichte mich im Jahre 1925 die i Einladung zu einem Kongreß von Naturwissenschaftlern nach dem östlichen Rußland (ich hatte einiges Unbedeutende im Reiche ber Natur- ,n bei Vernehmung sagen müssen. Beim Aufräumen der Brandstätte ' 'hat man denn auch seinen Leichnam gesunden, Gut, baß Lena vor bem 4"w -ul I-d-n bl. V-»i-qch°It-»z ber Felber behalten. Er selber versteht nicht recht was davon. Dafür will «sich neben bem Hause eine Werkstatt einrichten unb m.eber auJem em Handwerk rnrückkehren. So kann er, wenn einmal Not am Mann Ist, ßars auf bem Selbe helfen unb in ber übrigen Zeit m feinem Berus tätig fein Vttl wirb es ja wohl nicht fein, was er an Arbeit bekommen wirb dazu liegt bas Haus zu weit von ben Dörfern m der Umgebung ab Aber mit der Zeit wird es sich schon herumsprechen, wo er zu finde ift unb wenn keine Kunben zu ihm kommen, in ber ersten Zeit werben bas nicht viele sein, wirb er zu ihnen gehen unb in den Hausern nach Arbeit fragen. Nun es den Leuten auf bem Lande nach und nach wieder ein wenig bester geht, wird es auch für ihn wieder Arbeit geben. Da ist ja i0 yjeles was bisher zurückgeftellt werden mußte und in I^m Handwerk schlägt, von Pferdegeschirren an bis zu Bettmatratzen und Vor- hängem Nein, nur Geduld, er wird schon in Gang kommen. Darum hat er seine Stellung als Hausdiener im „Hamburger Hof auch bereits gekündigt, und es find heute nur noch vierzehn Tage, daß er zu ihnen herauskommen wird, und dann soll auch gleich die Hochzeit mit Dorte fetaJo jung sie auch noch ist. Denn sie hat sich wunderbar herausgemacht im letzten halben Jahre, und es ist Cars ganzer Stolz, daß er sie aus dem Hotel hat herausnehmen können und sie nun bereits draußen bei Lena unb ihm ist unb an ihrer Aussteuer nahen kann, so bescheiden sie auch sein wirb, trotzbem sie einen Packen Seinen bafur von Martins Mutter bekommen hat. Denn Lars hat letzt nach dem Bau auch nichts übrig, unb ihre eigenen kleinen Ersparnisse sind nicht von Belang. Abe ist bie Hoffnung nicht ba, daß sie für ihre junge Ehe em Darlehen vom Reich bekommen werden? Martin hat bereits ben Antrag bafur gestellt, und warum soll man ihm verweigern, was doch auch andere bekommen, mdDarum?finb Lars und Lena auch schon eher, als sie gerechnet haben, in der Kartoffelernte, wenn es auch noch em wenig früh ist dafür und die Kartoffeln noch gut acht Tage hatten m der Erde bleiben können. Aber reif sind sie, und das Wetter ist wie ausgesucht dafür, fo warm die Sonne in Öen Mittagsstunden noch auf der braunen Moorerde liegt. Martin hat Hopla in den wenigen Stunden, die ,hm fein Dienst für so etwas Ruhe läßt, ein neues Kopfgefchirr gemacht, unb ber alte Gaul sieht orbentlich stattlich vor feinem Ackerwagen aus, nun Lars mit ihm die Kartoffeln nach Haufe fährt, die sie heute ausgeworfen haben. Sogar der kleine Jan hat dabei geholfen, und er hat sich ganz anstellig dabei Wissenschaften getan). Die Reise die Wolga hinunter und später wieder hinaus, über die Kaspis und den Kaukasus wurde eine Schicksalsreise. Bei der zweiten Wolgasahrt im September 1925 siel mir eines Nachts auf dem «Schiffe in der einsamen Welt der dort hausenden Deutschen das Thema ein: VolkoufdemWege — drei Novellen. Noch in Bartenstein in Ostpreußen begann ich im Frühwinter des Jahres mit der Arbeit. Ich schrieb in den folgenden Monaten eine erste Fassung der mittlerweile zu einem einbändigen Roman ausgewachsenen „Drei Novellen", die aber noch im selben Jahre, ungedruckt geblieben, verworfen wurde. Sofort ging ich an eine größere Neufassung, von der ich die fertige Handschrift im Jahre 1928 nach Nordamerika mitnahm. Denn mittlerweile hatte sich aus einem großen Studium der Geschichte der Auswanderung von Millionen Deutscher (und auswandernder Volksteile überhaupt, von Italienern, Griechen, Iren) die Notwendigkeit ergeben, sollte etwas Ordentliches, Erlebtes zustande kommen, die Auswanderungsstraße selbst zu betreten, dem Volke auf dem Wege auf abkürzenden Richtwegen meinetwegen entsprechend der Kürze des menschlichen Lebens nachzugehen. Dort drüben wurde mir recht klar, was ich sollte und wollte. Das erste Halbe Jahr verging über dem Suchen nach der rechten Einstellung zum Thema und nach Orten der Erfahrung. Ich fand ausgewanderte, jetzt am Mississippi farmende Bedienstete unseres Hauses, deren uns bekannten Wohnort wir aufsuchten, fand aber auch meinen jüngeren Bruder Jakob, der vor zwei Jahrzehnten davongegangen und verschollen war. Ich holte sehr weit aus. Da war vieles kennenzulernen: Neger der Südstaaten Nordamerikas und namentlich die Indianer, jene sich fruchtbar und glücklich mehrenden Einwanderer (besser Eingewanderte, durch Gewalt anderer nämlich), diese stolz schweigenden Opfer der Zuwanderung einer rücksichtslosen Rasse; das Abfließen Europas in eine fast leere, jedoch mit Besitztiteln belegte Welt in seinen großartigen und grausigen Folgen. Wir lebten ein herrliches Leben. In Urwald und Sumpf, in Wüste und Hochwald — das Wort „Hoch" in Hochwald von einer in Europa unbekannten und fast unvorstellbaren Maßbedeutung. Das Wetter war der südlichen Breite gemäß, die der von Marokko entspricht. Wir fuhren fast dreiviertel Jahr im Kraftwagen über einer Fläche hin und her, deren Durchmesser die Entfernung von Deutschland bis Indien mißt. Wir lebten lange das amerikanische „out door life", das Leben im Freien: in Wagen und Zelt. Bäume, die schon zu Abrahams Zeiten lebten, türmten ihr ehrwürdiges Holz über uns, und wir verkehrten mit dem Indianer, der vor kurzem erft'aus der Steinzeit gewaltsam in unser Maschinenzeitalter hereingerissen und ihm angeschlossen worden war. Die durch Amerika auf einer dem Erdumfang gleichen Entfernung mitgeschleppte Handschrift gab ich, im Jahre 1930 wieder in Europa, endiich heraus, unter dem Titel „W o l g a Wolga" Viele von der Wolga hinter den Mississippi ausgewanderte oder geflohene Wolgadeutsche hatte ich getroffen und gesprochen. Im Jahre 1931 schrieb ich einen Folgeband „Rhein und Wolg a", in dem der als Hauptgrund der Auswanderung nach Rußland gesehene Jahrhundertdruck der Franzosen auf den Rhein dargestellt war — schrieb das Buch unter den Augen der Franzosen nicht ohne Beklemmung und in Sorge um die Handschrift in Oasen der Sahara, int blauporzellanen Gartenkaffeehaus des deutschen Generalkonsulats in Algier und beim Schmettern der „clairons" im nahen Fremdenlegionslager in Fez in Marokko. In einer herrlichen Halbjahrsfahrt brachte uns der Wagen über Italien nach Nordafrika und über Spanien zurück. Gedörrt von der monatelang tagtäglich scheinenden, mittags der senkrechten, nahestehenden Sonne, im Kampf mit dem geflügelten Geschmeiß und elend gemacht von der Wirkung glaubersalzhaltigen Oasenwassers führten wir ein Leben, um das ich mich heute selbst beneide. Aber „Wolga Wolga" und „Rhein und Wolga" wurden alsbald verworfen und an ihre Stelle treten „Im Wolgaland" und „Die V ä t e r z o g e n aus" als die Bände I und II des Werkes „Volk auf dem Wege", das je länger desto mehr mit meinem Leben eins wird. Der lederne Schnappsack. Von Friedrich Freksa. An jenem gesegneten 21. September des Jahres 1929 lag in Singa- pore für mich der Fall klar genug. Ich hatte auf die zweitausend Dollar, die mir meine Gesellschaft in Oakland auszahlen sollte, allzu sicher gerechnet, und nachdem meine Hotelrechnung bezahlt war, blieben mir nur noch 25 China-Dollar übrig. Das gab ein unbehagliches Gefühl in der Brieftasche und im Herzen. Mich jetzt darauf zu versteifen, auf die zweitausend Dollar zu warten, beim Konsul zu betteln, mit dem ich Cocktails getrunken hatte, daran dachte ich nicht. Ich mußte im Oktober in Frisco fein. Meine Dollars würde ich schon bekommen. Also ging ich in die Kneipe des deutschen Schlächters, wo sich die Seeleute treffen. Und hier schmierte ich mit zwanzig Dollar den Ersten Koch von der „Celebes", einem Achttausend-Tonner, der mit bunten Passagieren und Stückgut am 24. nach Frisco ging. Ich übernahm einen Vormannposten in der Küche. Das war nicht schön, aber ich konnte sofort an Bord gehen. Meine letzten fünf China- Dollar blieben in meiner Tasche. In der Schlafkoje waren wir zu acht. Neben mir lag Riggins, der, wie ich, dem Ersten Koch unterstand. Die anderen waren Fahrensmänner von echtem Schrot und Korn, rauhe Kerls, die erst ihren Spaß mit uns hatten und uns bann die Stange hielten. Ich lebte also ein wenig unbequem, aber mit dem schönen Gedanken: Bist du erst in Oakland, ist alles gut, und du kannst gegen deinen Boß auftrumpfen, der dich im Stich gelassen hat! Anders war es bei Riggins. Er war einer von diesen unglücklichen Menschen, die aus dem Kurs geraten waren. Ingenieur und Kaufmann war er gewesen, hatte drunten in Schanghai einen großen Posten gehabt, war auf dem Wege, ein erster Mann zu werden. Dann waren Frau und Kind plötzlich gestorben, er hatte getrunken, hatte gespielt. Er war herabgerutscht, und schließlich war er in Singapore ein Vagabund iS schmutzigen weißen Anzug und verbeulten Tropenhelm geworden. Einer der Offiziere der „Celebes", der ihn in feinen Glanztagen gekannt hatte, las ihn vom Hafenpflafter auf, brachte ihn unter, damit er nach Amerika käme und sich besinnen könnte. Und er besann sich auf feine Art! Er haderte mit dem Schicksal, er wurde gelb, wenn er die reichen Passagiere in der Bar oder beim Tanz sah. „Ich habe einen Bruder in Los Angeles", jagte er, „der scheffelt Geld, und der wird mich unterbringen. Aber es wird ja doch nur ein Almosen werden, was er mir gibt! Ja, wenn ich etwas milbrächte, bann wäre ich ihm willkommen, bann würbe er mich zum Partner machen in seinem Geschäft! Oh, ich weiß Bescheibl Ein Mensch ist nur soviel wert, wie er Dollars in der Tasche hat!" Unter den Passagieren der „Celebes" fiel nach ein paar Tagen schon ein Inder auf. Er hatte eine Außenbordkabine erster Klasse, saß bei Tisch für sich allein. Er trug feinen Abendanzug mit Anstand. Nur an den merkwürdig aufgewickelten Haaren und dem dunklen Ton der Haut erkannte man den farbigen Gentleman. Er hatte einen großen schweinsledernen Schnappsack bei sich, den er selbst beim Essen neben feinen Tisch stellte. Und dieser lederne Schnappsack erregte natürlich die Neugier des Knzen Schiffes. Der Steward hätte das Ungetüm gern aus dem Speiseck entfernt, aber der Inder gab ihm eine Pfundnote, und damit war die Sache in Ordnung. Verschiedene Mitreisende redeten den Inder an, besprachen mit ihm bas Wetter ober die Fahrt ober bas Reiseziel, fragten nach dem Schnapp- sack. Dann lächelte ber Inder und sagte: „Ja, es ist ein guter «Satti Er ist sehr fest!" Auch bei uns Leuten vom Vorderkastell wurde über den Inder gesprochen. Er nahm die Phantasie so stark gefangen, daß fast nur von ihm die Rede war und wenig von den hübschen Frauen und ihren Liebschaften, wie fie an Bord vorkommen. Passagiere und Mannschaft waren überzeugt, baß biefer gelbe, schweinslederne Schnappsack Schätze von ganz besonderer Art bergen müßte. „Gold würde er so leicht nicht tragen können", stellte Riggins fest, „aber ich kann mir denken, daß er Edelsteine von großem Wert bei sich führt, altes Geschmeide! Vielleicht hat der Inder einen Tempel ausge- raubt und bringt sie nun nach Amerika in Sicherheit?!" „Dann entgeht er den Rächern nicht!" sagte ber alte Kirby und zupfte sich dabei am Goldring, den er im rechten Ohrläppchen trug. Und er erzählte uns den ganzen Abend über von Tempelräubern und von den geheimen Rächern, die den Schuldigen auf rätselhafte Weise zu Tode brächten. „Ich habe so einen Inder mal erlebt", erklärte er uns, „der war auch ein feiner Herr und fuhr von Bombay nach Port Said. Und denkt euch, wie wir in Port Said vor Anker gehen und die Passagiere von Deck müssen, fehlt der indische Gentleman! Und wie wir feine Kabine dann aufbrachen — da war er fort — verschwunden! Seine Kleider waren da, und fein Gepäck war da, und fein Paß war da. Aber der Kerl selbst war fort! Die Rächer konnten ihn nur durchs Bullauge hinausgeschoben haben, und dann haben ihn die Haifische gepackt — die Haifische!" „So!" sagte Riggins, „so!" Er wurde sehr nachdenklich. In den folgenden Nächten hörte ich ihn an meiner Seite stöhnen. Ich gab ihm dann einen Puff. Er fuhr auf und erklärte, er hätte Alpdrücken gehabt. Auf Deck traf ich ihn, als wir Freizeit hatten. Ich sah, wie er dem Inder folgte. „Dich hat wohl der schweinslederne Schnappsack verhext?" fragte ich. Er fuhr auf wie aus tiefem Traum und sagte: „Joe, denk mal an, wenn unsereiner bas hätte, was ba in bem Schnappsack brin ist! Da brauchte man das ganze Leben nicht mehr zu sorgen! Und zu denken, daß dieser farbige Gentleman ein Dieb ist, der Heiligtümer ausgeraubt hat und nun sich zurückzieht nach Amerika und dort als ein reicher Kerl sein Leben genießt — und unsereiner muß sich burchdvücken, immer so am Rande nebenbei leben! Unsereiner darf nichts darstellen, muß zu seinem eigenen Bruder Dankeschön sagen, wenn er einen Posten kriegt mit hundert Dollar vielleicht!" „Riggins", sagte ich, „wer wird sich solche faule Grütze in den Kopf fetzen! Für einen tüchtigen Kerl fängt das Leben mit jedem Tage neu an!" „Ja, ja, Joe, du kannst zu deinen Datlanbleuten gehen und hast dein Geld sicher, und die ganze Reise ist für dich nur eine «Sparbüchse, für mich aber ist sie die Heimkehr des verlorenen Sohnes!" Die „Celebes" lief ihren Kurs durch die blaue See. Die Passagiere wechselten in Penang, Hongkong, Schanghai, Pokohama, der Inder blieb. Sein Reiseziel war, wie das unfere, San Franzisko. Und bann kam ber Morgen, biefer wunbervolle rotflammenbe Morgen, da wir durch Golden Gate, das goldene Tor, einliefen in die Bai von San Franzisko! Die «Stewards klopften an bei den Passagieren erster Klasse zum Aussteigen. Wir machten uns fertig, um von Bord zu gehen. Da sah ich, daß unser Erster Offizier mit dem Purser sprach; ich hörte die Worte: „Alle Passagiere haben ihre Safes geöffnet, nur noch nicht ber Inder! Und ber «Stewarb hat schon breimal angeklopft!" Ich sah, wie bas Kinn von unserem Ersten sich senkte und fantig würbe. Er schaute sich um, bemerkte mich und ries: „Verstehen Sie sich auf Schlösser?" Ich nickte. — „Machen Sie bie Kabine 17 auf!" — Ich bekam Werkzeug, ber Dberfteroarb, ber Stewarb unb der Erste Offizier folgten mir. Kirby, ber etwas gehört hatte, kam uns nachgelaufen. „Die Rächer!" sagte er, „bie Rächer sind es, bie mit ihm aufgeräumt haben! Ihr werdet ihn nicht finden!" „Was für Rächer?" fragte ber Erste. „Nun, bie Hüter der Tempelschätze!" sagte Kirby geheimnisvoll. „In Port Said, auf der .Calebonia', war es genau basfelbe vor breizehn Jahren! Da fanben fie ben Inder auch nicht, nur feine Kleider, und er selbst war verschwunden und bie Schätze auch!" „Dummes Zeug!" sagte der Erste. Er befahl, während ich am Schloß arbeitete, man solle den Schiffsarzt holen. . Ich drehte den Schlüssel, der innen im Schloß steckte, mit einer feinen Zange um. Die Tür tat sich plötzlich auf. Das Fenster des Bullaugs schlug mit einem Klack beiseite an die Wand, und ein heftiger Wind stieß uns ins Gesicht. „ , Wir schauten in die Kabine. Am Boden, vor dem Waschtisch, lag ein Körper, zusammengekrümmt auf den Knien, das Gesicht gegen den Boden gedrückt, die Fäuste in den Haaren! • „Da ist der Schnappsack!" rief Kirby. „Aufgeschlitzt! Die Racher! Ich sagte es!" „Aber das ist nicht der Inder!" rief der Erste. Da hörten wir vom Bett her ein Zischen. Ein breiter Kopf richtete sich auf, wiegte sich. Wir fuhren zurück vor der Schlange! Ich warf den Hammer auf den geringelten Körper. Sie fauchte. Wir schlugen sie tot. „Ein böses, giftiges Bieft!" sagte der Schiffsarzt und nannte einen lateinischen Namen. Dann kehrten wir den Körper des toten Mannes um: Es war Riggins! Elisabeth. Von Theodor Storm. Meine Mutter hat's gewollt, den andern ich nehmen sollt'; was ich zuvor besessen, mein Herz sollt' es vergessen; das hat es nicht gewollt. Meine Mutter klag' ich an, sie hat nicht wohlgetan; was sonst in Ehren stünde, nun ist es worden Sünde. Was fang ich an! Für all mein’ Stolz und Freud' gewonnen hab' ich Leid. Ach, wär' das nicht geschehen, ach, könnt' ich betteln gehen über die braune Heid'! Aus -er Zeit des Posthorns und des Postwagens. Von Dr. Ludwig Roth. Vor mir liegt der „Kalender des Kayferlichen und Reichskammergerichts auf das Jahr 1783", wie er mit „Römischer Kayserlicher Majestät allergnädigsten Privilegio" alljährlich zu Frankfurt am Main in der Andreaeischen Buchdruckerei gedruckt und in meiner Vaterstadt Wetzlar viel verbreitet war. Das Reichskammergericht hatte in Wetzlar, der alten freien Reichsstadt, seit dem 15. Mai 1693 feinen Sitz. In Wetzlar ist es nach Auflösung des Heiligen römischen Reiches am 6. August 1806 entschlafen. Es hat ein Alter von 391 Jahren erreicht (als königliches Kammergericht 1415 errichtet) und war recht altersschwach geworden. Als Sitz des höchsten Reichsgerichtes war Wetzlar ein vielbesuchter Platz und so ist es durchaus verständlich, wenn besagtem Reichskammer- aerichts-Kalender auch ein „Verzeichnis derer Posten" beigefügt ist, „wie solche täglich und wöchentlich in dem Kayferlichen Reichs-Post-Amt zu Wetzlar von verschiedenen Orten ankommen und abgehen." Montags und Freitags abends um 5 Uhr tarnen die Niederländifch- und Coellnische Poft an; Sonntags und Donnerstags nachmittags um 3 Uhr ging die Poft von Wetzlar ab. Diese Post vermittelte den Verkehr: Nach Amsterdam, Rotterdam, nach dem Haag, Utrecht, Dortrecht, nach ganz Holland und Brabant. Nach Brüssel, Antwerpen, Mechxln, Tongern und nach London, ganz England, Schott- und Irland. Mit dieser Post wurde aber auch der Verkehr verbunden nach Koblenz, Bonn, Sinzig, Linzig, Neuwied, Andernach, Nassau, Bad Ems. Ferner nach Weilburg, Limburg, Hadamer, Montabaur, (Samberg, Selters-Brunnen, Schaumburg, Runkel, Dierdorf, Diez, Hachenburg, Siegburg, Altenkirchen, und sämtlichen Gräflichen Saynischen Landen. Die „Schwäbisch- Bayrisch- Französisch- Reichs- Niederländisch- Bergsträßer und Frankfurter Poften" gingen täglich abends um 5 Uhr ab und tarnen täglich um 8 Uhr morgens an. Diese Posten fuhren nach Darmstadt, in die ganze Bergstraße und in die Pfälzischen Lande, item nach Heppenheim, Weinheim, Worms und Mannheim. Ferner nach Nastätten, Schmalbach, Wiesbaden und Höchst sowie nach Mainz, Frankfurt, Hanau, Friedberg, Butzbach und in die ganze Weiterau. Diese „Französische Post" vermittelte den Verkehr nach Straßburg, Marseille, Bordeaux, Paris und nach allen französischen Landen. Die Schwäbisch-Bayrische fuhr nach Bayern, Württemberg, Schwaben, Baden. Wichtig ist die Linie nach Aschaffenburg, durch den Spessart, nach Würzburg, Regensburg, Nürnberg, München, Passau, Wien, und nach ganz Ungarn. Es bestanden außerdem noch folgende Linien: Die Moselstromer Post, die Westfalische und Kurhessische Poft, die Sauerländer Poft, die Nordisch-Sächsische und Fulder Post, die Westerwäldische Post, die Schweizer und Breisgauer Poft, die Speyerische Poft und die Salzburger Post. Zur Abfertigung dieser vielen Postwagen bedurfte es eines großen Personals, zur Bespannung waren viele kräftige Pferde nötig. Große Stallungen. Wagenschuppen und Unlerfunftsräume waren naturgemäß für tue „Poftbalierei" notwendig. In den Stallungen des Posthalters Wald- fchmidk zu Wetzlar standen — wie mir in meiner Jugendzeit erzählt wurde — täglich 120 bis 140 Pferde im Ausspann, bzw. zum Um- und Vorspann. Häufig erschienen auch Extra-Posten. Del der Reichskammer- gerichtsVisitation, die in den Jahren 1767 bis 1776 in Wetzlar ftattfand, fuhren der Kaiserliche Kommissar Fürst zu Fürstenberg und der Ge- heimrat Freiherr von Spangenberg in sechsspännigem Wagen unter Glockengeläute und Kanonendonner in die Reichsstadt ein; ihm folgten der Reichsguartiermeister in einem vierspännigen Wagen, der Kur- sächsische Gesandte in einem sechsspännigen Wagen, der Kurmainzische Gesandte ebenfalls in einem sechsspännigen Wagen, eine ganze Reihe vierspänniger Wagen, und viele Reiter. Es müssen also in der alten Reichsstadt viele Stallungen vorhanden gewesen fein. Wir sind aber mit der Aufzählung der Postlinien noch nicht zu Ende. Wir finden noch die Voigtländische, die Bayreuther, die Böhmische und Oberpsälzer Post. Die „Odenwälder Post" kommt Montags und Donnerstags morgens 8 Uhr in Wetzlar an, und geht Montag und Freitag abends um 5 Uhr ab; sie fährt nach Oberroden, Dieburg, Lengfeld, in die ganze Grafschaft Erbach, Habitzheim, Umstadt, Reichelsheim und Fürth. Die „Westricher Post" geht ins „Westrich" und da lesen wir: nach Zweibrücken, Saarbrücken, Bergzabern, Bliescastel, Sankt Jmbrecht, Homburg, Ottweiler, Cusel, Meisenheim, Sodernheim, Oppenheim, Obernheim, Daun, Alzey, Kirchhain, Nierstein, Kreuznach, Bingen, und auf dem Hunsrück. Besonderes Interesse erregt die „Jtaliänische Post". Abgang: Sonntags und Donnerstags abends 5 Uhr, Ankunft Montags und Donnerstags morgens 8 Uhr. Sie geht nach Rom, Genua, Neapel, Mantua, Mailand, Venedig, Florenz, Brixen, Bozen, Trient und Turin. Ausdrücklich ist vermerkt: „Die Turiner Briefe gehen Sonntags besonders gut über Mantua, wohin selbe einen kürzeren Weg nehmen als durch die Schweitz und müssen selbige franco Mantua gemacht werden. Montags, Donnerstags und Freytags aber können solche durch die Schweitz dahin laufen." Schließlich hören wir noch: „Der Kayserliche Reichs-fahrende orbinaire Wagen kommt im Sommer, so wie im Winter in Wetzlar an: von Frankfurt: Dienstags und Samstags Abends; geht von Wetzlar ab: Montags und Donnerstags früh." Was muß das für ein Leben vor der Posthalterei bei der Ankunft und Abfahrt der vielen Posten gewesen sein! Gerne bewegte sich auch das „Publikum" um diese Zeit in der Nähe der Post; Ankunft und Abfahrt der Postwagen waren ein wichtiges Tages- Ereignis. Die gewöhnliche Landpost war ein sehr langsames, unbehilfliches Beförderungsmittel. Ihr Schneckengang war berüchtigt. Kunft- strahen gab es nirgends in Deutschland; erst nach dem Siebenjährigen Kriege wurden die ersten „Chausseen" gebaut, auch diese schlecht. Fünf Meilen am Tag, zwei Stunden die Meile, scheinen die gewöhnliche Geschwindigkeit gewesen zu sein. Eine Entfernung von 20 Meilen war zu Wagen nicht unter drei Tagen zu durchmessen, meist wurden vier dazu gebraucht. Waren die Landstraßen gerade schlecht, was in der Regenzeit des Frühlings und Herbstes regelmäßig eintrat, so unterließ man die Reise. Das Eintreffen fremder Reisender in einer Stadt war bas Tages- Ereignis; neugierig umstand die Menge den angekommenen Wagen. Die Reisenden erhielten Reise-Scheine, die von der „Fürstlich-Thurn und Taxis'schen Ober-Post-Amts-Expedition fahrender Posten" ausgestellt wurden. Auf dem Reise-Schein waren Bemerkungen für das reisende Publikum abgedruckt. Da lesen wir: „In dem bezahlten Postgelbe finb alle übrigen Gebühren mit inbegriffen, namentlich: Einschreibegebühr, Packer- ober Wagenmeister-Gebühr, Postillons-Trinkgelb, Chaussegelb, unb Brückengelb. Den Wagenmeistern, Packern, Postillons ist es durch- aus verholens irgend eine Anforderung an die Reifenden zu machen ober selbst mit Höflichkeit sich ein kleines Geschenk zu erbitten. Die Kondukteurs haben ebenfalls keine Anforderung eines Trinkgeldes zu machen. Nur für das Fortbringen des Reisegepäcks aus ober nach bem Pofthause bürfen die Packer, Wagenmeister ober beren Gehülfen eine ihren Bemühungen angemessene Vergütung in Anspruch nehmen. Das einmal bezahlte Passagiergelb wirb in keinem Falle mehr zurückerstattet: ber Abgang ber Post wirb über bie festgesetzte Zeit nicht verschoben, baher müssen sich die Reisenden eine Viertelstunde vor der angezeigten Stunde vor der Post-Expedition einfinben, indem sie es sich selbst zuzuschreiben haben, wenn der Postwagen abfährt und sie Zurückbleiben müssen; alles Anhalten in und vor der Stadt, vor Privat- ober Gasthäusern ist untersagt. Tabakrauchen kann nur im Einverständnis mit der übrigen Reisegesellschaft stattfinden; Hunde dürfen in den Post- und Eilwagen nicht mitgenommen werden. Das Gepäck der Reisenden muß spätestens eine Stunde vor Abfahrt des Wagens und wenn letztere morgens früh erfolgt, Abends zuvor in das Postbüreau eingeliefert werden. Bei zu später Ueberbringung der Bagage kann nicht auf Beförderung derselben mit der nämlichen Post gerechnet werden. Jeder Reisende hat am Gepäck bis 30 Pfund frei. Für das Mehrgewicht wirb bie vorgeschriebene Taxe bezahlt. Passagier- Bagage, welche wegen Schwere ober Mangel an Raum nicht auf den Postwagen geloben werben kann, wirb mit bem abgehenden Packwaaen befördert. Kleinere .Reisebedürfnisfe' wie Degen und Säbel, Stöcke, Mäntel und Oberröcke, leere Fußsäcke dürfen von den Reisenden zu sieh in den Postwagen genommen werden, wenn sie ohne Belästigung der Mitreisenden darin untergebracht werden." In den damaligen unsicheren Zeiten hatten die meisten Reisenden außerdem eine Pistole, meistens ein „Paar Pistolen" bei sich. (Bergt. Goethe: „Werthers Leiden", Leipzig 1774, S. 213: „Wollen Sie mir zu einer vorhabenden Reise Ihre Pistolen leihen? Leben Sie recht wohl".) War alles verstaut, bann ging es unter bem Klange bes Posthorns zum Stäbtlein hinaus! So ging es bem Reiseziel entgegen, immer in Spannung, bah nicht ein Wegelagerer ober eine Räuberbande wie Schinderhannes, Jekoff Juda ober „Morbche" unb andere berüchtigte Gesellen unterwegs die Post überfielen und die Passagiere ausraubten. Der berühmte UeberfaU auf den Postwagen in der „Hörre" bei Herborn war ein Zeichen der Zeit: der Unsicherheit im Heiligen römischen Reiche teutscher Nation mit seinen 326 Vaterländern! Verantwortlich: vr. HanSThyriot. — Druck unbDer lag:Brühl'scheUniv er fitäts-Duch»un bSieinbrucker ei. R. Lange, Gieße«.