GietzenerZamilienbMer Unterhattungrbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 87 Montag, den 9. November Jahrgang 1936 sie ich wußte nicht, daß ich der Gedanke, hierher Su sie. war plötzlich so weit Er sagte: Das sieht nun ein wenig sonderbar aus, aber dich hier treffen würde. Nein, das wußten Sie nicht, antwortete sie/ Es war ein Einfall von mir, es kam mir so gesetzten Seite gerade entgegen. Ein hilfloser Zorn packte ihn, er wünschte sich weit, weit fort, diesmal mußte sie ja selbstverständlich glauben, daß er ihr nachgegangen sei Sollte er nun wieder grüßen? Vielleicht konnte er nach einer anderen Seite sehen, und dann hatte er auch noch diesen Wespenstich. Aber als sie nahe genug herangekommen war, erhob er sich und zog die Mütze. Sie lächelte und nickte. Guten Abend. Willkommen daheim, sagte sie. Wieder schienen ihre Lippen ein wenig zu beben; ober rasch gewann “ ihre Ruhe wieder zurück. VA ♦ /S Geschichte einer Liebe von Knut Hamsun gehen. Au! er hatte du gesagt. • Wie lange bleiben Sie nun zu Hause? fragte Bis zum Ende der Ferien. Nur mit Mühe konnte er ihr antworten, sie fort. Weshalb hatte sie ihn dann angesprochen? Bitief sagt, Sie seien so tüchtig, Johannes. Sie machten so gute Prüfungen. Und dann sagt er, daß Sie Gedichte schreiben; ist das wahr? Er antwortete kurz lind wand sich dabei: Ja, selbstverständlich. Das tun alle. Nun würde sie wohl bald gehen, denn sie sagte nichts mehr. Hat man so etwas schon gesehen, mich hat heute eine Wespe gestochen, sagte er und zeigte ihr seinen Mund. Deshalb sehe ich so aus. Sie sind eben zu lange fort gewesen, die Wespen hier kennen ete nicht mehr. Es war ihr gleichgültig, ob er von einer Wespe entstellt worden war oder nicht. Jawohl. Da stand sie und drehte auf ihrer Schulter einen roten Sonnenschirm mit goldenem Knopf am Stack, und nichts ging ihr nahe. Er hatte doch mehr als einmal das gnädige Fräulein auf seinen Armen getragen. .... .. . Ich kenne die Wespen auch nicht wieder, antwortete er; früher sind sie meine Freundinnen gewesen. Copyright by Albert Langen^Georg Müller Verlag,München 1. Fortsetzung. Er ging den Weg zum Schloß hinüber. Am Morgen war er von einer Wespe gestochen worden, und seine Oberlippe war geichwollen, wenn er jetzt jemand treffen würde, wollte er grüßen und sofort weiter« gehen. Er traf niemand. Im Schlohgarten sah er eine Dame; als er näher kam, grüßte er tief und ging vorbei Es war die Schloßhernm Er fühlte noch wie in alten Tagen das Herz klopfen, wenn er am Schloß vorbeiging. Die Achtung vor dem großen Haus, vor .den vielen Feilstem, vor der strengen, feinen Persönlichkeit des Schloßherrn saß ihm noch im Blut. Er nahm den Weg zur Landungsbrücke. Da begegnete er plötzlich Dilles und Vietona. Das war ihm unangenehm, sie konnten ja glauben, er sei ihnen nachgegangen. Außerdem hatte er eine geschwollene Oberlippe. Er verlangsamte feinen Schritt, ungewiß, ob er weitergehen sollte, ober er ging doch weiter. „Schon von weitem grüßte er und behielt die Mütze in der Hand wahrend er vorbeiging. Stumm beantworteten die beiden seinen Gruß und schritten langsam vorüber. Victoria sah ihn ganz offen an; ihr Ge- fichtsausdruck veränderte sich ein wenig. .. Johannes ging weiter, zum Kai hinunter; eine Unruhe hatte ihn ergriffen, sein Gang wurde nervös. Nein, wie groß Victoria geworden war! Vollkommen erwachsen, herrlicher als je zuvor. Ihre Augenbrauen liefen über der Nase beinahe zusammen, sie waren wie zwei feine samtene Linien. Die Augen waren dunkler geworden, sehr dunkelblau. Als er nach Hause ging, schlug er einen Weg ein, der weit außerhalb des Schloßgartens durch den Wald führte. Niemand sollte von ihm sagen können, daß er den Schloßkindern nachliefe. Er kam auf eine Anhöhe suchte sich einen Stein und setzte sich. Die Vögel musizierten wild und leidenschaftlich, lockten, suchten einander, flogen mit Zweigen im Schnabel umher. Ein süßlicher Geruch von Erde, sprießendem Laub und verfaulenden Baumstämmen lag in der Luft. Er war auf Victorias Weg geraten, sie kam ihm von der entgegen- Sie aber verstand den tiefen Sinn dieser Worte nicht, sie antwortete nicht. Oh, und es lag ein so tiefer Sinn darin. Ich kenne nichts mehr wieder. Sogar der Wald ist ausgeholzt. Ein leises Zucken lief über ihr Gesicht. Dann können Sie hier vielleicht nicht dichten, sagte sie. Stellen eie sich vor, wenn Sie einmal ein Gedicht an mich machen würden! Nein, was sage ich da! Da können Sie hören, wie wenig ich davon verstehe. Er sah zur Erde, erregt und stumm. Sie machte sich in freundlicher Weise über ihn lustig, sprach überlegen und beobachtete, welche Wirkung das hatte. Verzeihung, er hatte feine Zeit nicht nur mit Schreiben vergeudet, er hatte mehr gelernt, als die meisten ... Ja, ja, wir treffen uns wohl noch. Leben Sie wohl einstweilen. Er zog die Mütze und ging, ohne etwas zu antworten. Wenn sie wüßte, daß er die Gedichte alle miteinander, sogar das an die Nacht, sogar das an den Moorgeist, an sie und an keine andere gerichtet hatte! Das sollte sie niemals erfahren. Am Sonntag kam Dittef und wollte ihn mit hinüber zur Insel haben. Ich soll wieder den Ruderknecht machen, dachte «r. Er kam mit. An der Landungsbrücke waren einige sonntagsmüßige Menschen, sonst war alles jo ruhig, und die Sonne schien warm vom Himmel herab. Plötzlich erklangen Töne weit draußen, sie kamen über das Wasser, von den Inseln; in großem Bogen schwang das Postschiff herein bis an die Brücke, es hatte Musik an Bord. Johannes machte das Boot los und setzte sich an die Ruder. Er war in einer weichen und wagenden Stimmung, dieser helle Tag und die Musik auf dem Schiff webten einen Schleier aus Blumen und goldenen Aehren vor feinen Augen. Warum kam Dilles nicht? Er stand an Land und sah die Menschen und das Schiff an, als habe er nichts anderes mehr vor. Johannes dachte: länger fitze ich jetzt nicht mehr an den Rudern, ich gehe an Land. Er schickte sich an, dos Boot zu wenden. Da sieht er plötzlich einen weißen Schimmer vor den Augen und hört ein Klatschen auf dem Wasser; ein verzweifelter, vielstimmiger Schrei erhob sich vom Schiff und von den Leuten an Land, und eine Menge Hände und Augen deuteten nach der Stelle, wo dos Weiße verschwunden war. Die Musik brach sosvrt ab. In einem Augenblick war Johannes zur Stelle. Er handelte vollständig instinktmäßig, ohne Ueberlegung, ohne Vorsatz. Er hörte nicht, daß die Mutter oben auf dem Schiff schrie: mein Kind, mein Kind! und er sah auch keine Menschen mehr. Ohne weiteres sprang er aus dem Boot und tauchte unter. Einen Augenblick lang war er verschwunden, eine Minute lang; man sah, wie an der Stelle, wo er hineingesprungen war, das Wasser kochte, und man begriff, daß er arbeitete. Auf dem Schiff dauerte der Jammer an. c Da tauchte er wieder auf, ein wenig weiter draußen, mehrere Klafter von der Unglücksstelle entfernt. Man schrie ihm zu und deutete wie rasend: Nein, hier war es, hier war es! Und er tauchte wieder. Von neuem eine qualvolle Spanne Zeit, ununterbrochenes Wehklagen einer Frau und eines Mannes auf Deck, die die Hände rangen. Ein anderer Mann sprang vom Schiss hinab, der Steuermann, der Jacke und Stiefel abgeworfen hotte. Sorgfältig suchte er die Stelle ab, wo das Mädchen untergegangen war, und olle setzten ihre Hoffnung auf ihn. Da fah man wieder Johannes' Kopf über der Wasserfläche, noch weiter draußen als zuvor, viele Klafter weiter draußen. Er hatte feine Mütze verloren, fein Kopf glänzte wie der eines Seehundes in der Sonne Man erkannte, daß er mit etwas kämpfte, er schwamm mühsam seine eine Hand war nicht frei. Einen Augenblick später hielt er etwas mit dem Mund, mit den Zähnen fest, ein mächtiges Bündel; es roar die Verunglückte. Erstaunte Schreie drangen vom Schiff und vom Land bis zu ihm hinaus, selbst der Steuermann mußte die neuen Rufe gehört haben, er steckte den Kopf herauf und sah sich um. Endlich hatte Johannes das Boot erreicht, das abgetrieben roar; er brachte das Mädchen an Bord und kam selbst nach, das Ganze ging otjne Ueberlegung vor sich. Die Leute sahen, wie er sich über bas Mädchen beuate und ihr die Kleider am Rücken buchstäblich ausriß, dann packte er die Ruder und ruderte im Sturm zum Schiff hin. Als die Verunglückte ergriffen und an Bord gezogen wurde, ertönte ein vielseitiges, '^SßiMamen Sie darauf, so weit draußen zu suchen? fragte man ihn. Ich °kmne"°den Grund hier. Und bann ist hier Strömung. Das ^Herr drängt sich an der Sdjiffsfeite vor, er ist bleich wie der Tod. er lächelt verzerrt und Tränen hängen ihm an den Wimpern. Kommen Sie einen Augenblick an Bord! ruft er hinunter. Ich möchte Ihnen danken. Wir schulden Ihnen so viel Dank. Nur einen Augenblick. Und der Mann eilt wieder aus der Menschenmenge weg, bleich wie der Tod. Die Ladetüre an der Schiffsseite wird zurückgeschlagen, Johannes geht an Bord. Er blieb nicht lange dort; er gab seinen Namen und seine Adresse an. Eine Frau hatte den triefenden Mann umarmt, der bleiche, verstörte Herr hatte ihm seine Uhr in die Hand gedrückt. Johannes kam in eine Kajüte, wo zwei Männer an der Geretteten arbeiteten, sie sagten: jetzt kommt sie zu sich, der Puls schlägtl Johannes sah die Kranke an, ein junges, blondes Mädchen in kurzem Kleid; das Kleid war am Rücken ganz zerrissen. Dann setzte ihm ein Mann einen Hut auf den Kopf, und er wurde hinausgeführt. Es war ihm nicht ganz klar, wie er an Land gekommen war und das Boot auf den Strand gezogen hatte. Er hörte, wie noch einmal Hurra gerufen wurde und die Musik festlich spielte, als das Schiff fortdampfte. Eine Woge der Wollust durchrollte ihn kalt und süß von oben bis unten; er lächelte, bewegte die Lippen. So wird also heute nichts aus der Fahrt, sagte Ditlef. Er sah mißvergnügt aus. Victoria war gekommen, sie trat hinzu und sagte rasch: Nein, bist du verrückt! Er muh doch heim und die Kleider wechseln. Hoh, welch ein Ereignis, in seinem neunzehnten Jahre! Johannes eilte nach Hause. Immer noch klang die Musik und das laute Hurra in seinen Ohren, eine starke Erregung trieb ihn immer weiter. Er ging an seinem Heim vorbei und schlug den Weg durch den Wald hinaus zum Granitbruch ein. Hier suchte er sich einen schönen Platz aus, wo die Sonne hinbrannte. Seine Kleider dampften. Er setzte sich. Eine närrische und freudige Unruhe ließ ihn wieder aufstehen und umhergehen. Wie war er des Glückes voll! Er fiel auf die Knie und dankte Gott mit heißen Tränen für diesen Tag. Sie hatte dabei gestanden, hatte die Hurrarufe gehört. Gehen Sie heim und ziehen Sie trockene Kleider an, hatte sie gesagt. Er setzte sich und lachte immer wieder, hingerissen vor Jubel. Jawohl, sie hatte ihn diese Arbeit ausführen sehen, diese Heldentat, mit Stolz hatten ihre Blicke ihn begleitet, als er mit der Ertrunkenen zwischen den Zähnen herankam. Victoria, Victoria! Wenn sie wüßte, wie unsagbar er zu jeder Minute seines Lebens ihr gehörte! Er wollte ihr Diener und Sklave sein und ihren Weg mit seinen Schultern reinfegen. Und er wollte ihre beiden kleinen Schuhe küssen und ihren Wagen ziehen und an kalten Tagen Holz in ihren Ofen legen. Vergoldetes Holz wollte er in ihren Ofen legen, Victoria! Er sah sich um. Niemand hörte ihn. Er war allein mit sich selbst. Er hielt die kostbare Uhr in der Hand, sie tickte, sie ging. Dank, Dank für diesen guten Tag! Er streichelte das Moos auf den Steinen und die abgefallenen Zweige. Victoria hatte ihm nicht zugelächelt; nein freilich, das war nicht ihre Art. Sie stand nur auf der Landungsbrücke, ein kleiner roter Hauch flog über ihre Wangen. Vielleicht hätte sie feine Uhr angenommen, wenn er sie ihr gegeben hätte? Die Sonne sank, und die Wärme nahm ab. Er fühlte, daß er nah war. Da sprang er, leicht wie eine Feder, nach Hause. Auf dem Schloß waren Sommergäste, Fremde aus der Stadt, es gab Tanz und Musik. Und eine Woche lang wehte Tag und Nacht die Fahne auf dem runden Turm. Und Heu lag da und sollte eingefahren werden, aber die Pferde waren durch die vergnügten Gäste in Beschlag genommen worden, und das Heu blieb liegen. Und große Strecken ungemähter Wiesen standen da, aber die Knechte wurden als Kutscher und Ruderknechte verwendet, und das Gras blieb stehen und verdarb. Und die Musik spielte immer noch im gelben Saal ... In diesen Tagen lieh der alte Müller feine Mühle still stehen und verschloh das Haus. Er war klug geworden; es war vorgekommen, dah eine ganze Schar dieser luftigen Städter gekommen war und allerhand Streiche mit seinen Kornsäcken getrieben hatten. Denn die Nächte waren so warm und hell, und der Einfälle gab es viele. Der reiche Kammerherr hatte in seinen jungen Tagen einmal mit höchsteigenen Händen einen Ameisenhaufen in einem Trog in die Mühle getragen und ihn dort abgeleert. Jetzt war der Kammerherr gesetzten Alters, aber Otto, fein Sohn, kam noch auf das Schloß und belustigte sich mit seltsamen Dingen. Man konnte vieles über ihn hören ... Hufschlag und Rufe klangen durch den Wald. Die jungen Leute ritten spazieren, und die Pferde vom Schloß waren glänzend und übermütig. Die Reiter tarnen an das Haus des Müllers, klopften mit ihren Peitschen an und wollten hineinreiten. Die Tür war fo niedrig, aber sie wollten doch hineinreiten. Guten Tag, guten Tag, riefen sie. Wir wollten Euch begrüßen. Der Müller lachte demütig über diesen Einfall. Dann fliegen sie ab, banden die Pferde fest und liehen die Mühle anlaufen. Der Mahlgang ist leer, schrie der Müller. Ihr beschädigt die Mühle. Aber niemand hörte etwas in dem brausenden Lärm. Johannes! rief der Müller mit der ganzen Kraft [einer Lungen zum Steinbruch hinaus. Johannes kam. Die zermahlen mir die Mühlsteine, schrie der Vater und deutete hin. Langsam ging Johannes auf die Gesellschaft zu. Er war schrecklich bleich, und die Adern an (einen Schläfen schwollen an. Er erkannte Otto, den Sohn des Kammerherrn, der Kadettenuniform trug; außer ihm waren noch zwei andere dabei. Einer von ihnen lächelte und grüßte, um alles wieder gutzumachen. Johannes rief nicht, winkte nicht, sondern ging seinen Weg. Er strebte gerade auf Otto zu. In diesem Augenblick sieht er zwei Reiterinnen aus dem Walde nachkommen, die eine war Victoria. Sie hatte ein grünes Reitkleid an, und ihr Pferd war die weiße Stute vom Schloß. Sie steigt nicht ab, sondern bleibt sitzen und beobachtet alle mit fragenden Augen. Da ändert Johannes seinen Weg, er biegt ab, steigt zum Damm hinauf und öffnet die Schleuse; nach und nach nimmt der Lärm ab, die Mühle steht still. Otto rief: Nein, laß sie gehen! Warum machst du das? Laß die Mühle gehen, sage ich. Hast du die Mühle anlaufen lassen? fragte Victoria. Ja, antwortete er lachend. Warum steht sie still? Warum darf sie nicht gehen? Weil sie leer ist, antwortete Johannes mit stockendem Atem und sah ihn an. Verstehen Sie das? Die Mühle ist leer. Sie war doch leer, hörst du, sagte auch Victoria. Wie konnte ich das wissen? fragte Otto und lachte. Warum war sie leer, frage ich? War denn kein Korn drin? Sitz wieder auf! unterbrach ihn einer feiner Kameraden, um der Sache ein Ende zu machen. Sie sahen auf. Einer von ihnen entschuldigte sich bei Johannes, ehe er fortritt. Victoria war die letzte. Als sie ein kleines Stück weit gekommen war, wandte sie das Pferd und kam zurück. Sie müssen so gut sein und ihren Vater bitten, daß er er das entschuldigen möge, sagte sie. Es wäre richtiger gewesen, wenn der Herr Kadett das selbst getan hätte, antwortete Johannes. Jawohl. Natürlich; aber ... Er ist so voller Einfälle ... Wie lange ist es her, feit ich Sie gesehen habe, Johannes Er sah zu ihr auf, lauschend, ob er richtig höre. Hatte sie den letzten Sonntag vergessen, seinen großen Tag! Er antwortete: Ich sah Sie am Sonntag auf der Landungsbrücke. Jawohl, sagte sie sofort. Welch ein Glück, daß Sie dem Steuermann beim Suchen helfen konnten. Ihr habt doch bas Mädchen gefunden? Kurz und gekränkt antwortete er: Ja. Wir fanden das Mädchen. Oder war es fo, fuhr sie fort, als fiele ihr etwas ein, war es fo, daß Sie allein ...? Na, es ist gleich. Jaja, also, ich hoffe, Sie richten es Ihrem Vater aus. Gute Nacht. Sie nickte lächelnd, straffte die Zügel und ritt fort. Als Victoria außer Sicht war, schlenderte Johannes ihr nach in den Wald, zornig und unruhig. Er sand Victoria, wie sie ganz allein bei einem Baum stand. Sie lehnte an dem Baurn und schluchzte. War sie heruntergefallen? Hatte sie sich weh getan? Er ging zu ihr hin und fragte: Ist Ihnen etwas zugestoßen? Sie trat ihm einen Schritt entgegen, sie breitete die Arme aus und sah ihn strahlend an. Dann hielt sie inne, ließ die Arme sinken und antwortete: Nein, es ist mir nichts zugestoßen; ich stieg ab und lieh die Stute vorausgehen ... Johannes, Sie sollen mich nicht so ansehen. Sie standen beim Teich und sahen mich an. Was wollen Sie? Er stammelte: Was ich will? Ich verstehe nicht ... Sie sind da so breit, sagte sie und legte plötzlich ihre Hand auf die seine. Sie sind da so breit, am Handgelenk. Und Dann sind Sie ganz braun von der Sonne, nußbraun ... Er bewegte sich, er wollte ihre Hand nehmen. Da raffte sie ihr Kleid zusammen und sagte: Nein, es ist mir also nichts zugestoßen. Ich wollte nur gern zu Fuß heimgehen. Gute Nacht. Johannes reifte wieder zur Stadt. Und Jahre und Tage vergingen, eine lange, bewegte Zeit mit Arbeit und Träumen, Studium und Versen; er hatte gute Fortschritte gemacht, es war ihm geglückt, ein Gedicht zu schreiben über Esther, „ein Judenmädchen, das Königin in Persien wurde", eine Arbeit, die gedruckt und sogar bezahlt wurde Ein anderes Gedicht, „Der Jrrgang der Liebe", das in den Mund des Mönches Vendt gelegt war, machte seinen Namen bekannt. Ja, was war die Liebe? Ein Wind, der in den Rosen rauscht, nein, ein gelbes Irrlicht im Blute. Die Liebe war eine höllenheiße Musik, die selbst die Herzen der Greise tanzen macht. Sie war wie die Marguerite, Die sich dem Kommen der Nacht weit öffnet, und sie war die Anemone, die sich vor einem Atemhauch verschließt und bei Berührung stirbt. So war die Liebe. Sie konnte einen Mann zugrunde richten, ihn wieder aufrichten und ihn wieder brandmarken; sie konnte heute mich lieben, morgen dich und morgen nacht ihn, fo unbeständig war fie. Aber sie konnte auch festhalten wie 'ein unzerbrechliches Siegel und bis zur Stunde des Todes gleich unauslöschlich flammen, denn fo ewig war sie. Wie war denn die Liebe? Oh, die Liebe ist wie eine Sommernacht mit Sternen am Himmel und mit Duft auf der Erde. Aber weshalb läßt sie den Jüngling verborgene Wege gehen, und weshalb läßt sie den Greis in feiner einsamen Kammer auf den Fußspitzen stehen? Ach, die Liebe macht des Menschen Herz zu einem Pilzgarten, einem üppigen und unverschämten Garten, in dem geheimnisvolle und freche Pilze stehen. So war die Liebe. Nein, nein, sie war doch wieder ganz anders, und sie war wie nichts ein der ganzen Welt. In einer Frühlingsnacht, als ein Jüngling zwei en, zwei Augen sah, kam sie auf die Erde. Er starrte und sah. Er küßte einen Mund, da war es, als träfen sich zwei Lichter in feinem Herzen, eine Sonne, die einem Stern entgegenblitzte. Er fiel in einen Schoß, da horte und sah er nichts mehr auf der ganzen Welt. Die Liebe ist Gottes erstes Wort, der erste Gedanke, der durch [ein Gehirn glitt. Als er sagte: Es werde Licht! ward es Liebe. Und alles, was er geschaffen hatte, war sehr gut, und er wollte nichts davon wieder ungeschehen machen. Und die Liebe ward der Ursprung der Welt und die Beherrscherin der Welt; aber all ihre Wege sind voll von Blumen und Blut, Blumen und Blut. (Fortsetzung folgt.) Heimatgesühl. Von Clemens Brentano. Wie klinget die Welle! Wie wehet der Windl O selige Schwelle, wo wir geboren sind! Du himmlische Bläue! Du irdisches Grün! Voll Lieb' und voll Treue wie wird mein Herz so kühn! Wie Reben sich ranken mit innigem Trieb, so, meine Gedanken, habt hier alles lieb! Da hebt sich kein Wehen, da regt sich kein Blatt, ich kann draus verstehen wie lieb man mich hat. Ihr himmlischen Fernen, wie seid ihr mir nah! Ich griff nach den Sternen hier aus der Wiege ja! Treib' nieder und nieder, du herrlicher Rhein! Du kommst mir ja wieder, läßt mich nicht allein! O Vater, wie bange, war mir es nach dir, horch' meinem Gesänge, dein Sohn ist wieder hier! Du spiegelst und gleitest im mondlichen Glanz, die Arme du breitest: * Empfange meinen Kranz! Oas Bild des Friedens. Von Joachim von der Goltz. Es war einmal ein König, der hieß in seinem Volke bei jung und alt nicht anders als König Friede. Denn solange er regierte, hatte kein Feind die Landesgrenzen zu überschreiten gewagt, und die Leute suhlten sich so sicher, daß die Haustüren Tag und Nacht unverschlossen blieben. Handel und Gewerbe blühten, und es war kein Herd im ganzen Lande, auf dem nicht die fröhliche Musik der Bratpfannen gespielt wurde Da aber dem König alle Unternehmungen wohl gerieten, und seine Schatzkammern die Menge Gold und Silbers kaum faßten und unaus- börlich vom Morgen bis zum Abend sein Herz mit Lob und Dank erquickt wurde, schien seinem Glück nur das eine abzugehen, daß er immer noch unvermählt war. — An dem Tage, als er sein vierzigstes Lebensjahr vollendete, und die Glocken von allen Kirchtürmen lauteten, fiel er in eine schwere und heftige Krankheit. Der König siechte, ohne daß jemand zu sagen wußte, aus welcher Ursache, dahin. Eines Nachts, als die Bewohner des Palastes in großer Sorge um das Leben ihres Herrn auf Zehenspitzen durch die Flure schlichen, wurde der Kanzler an das königliche Bett besohlen. — Kanzler, sprach der Kranke indem er sich mühsam aufrichtete, ich hatte vorhin einen Traum. Ein Bild war mir erschienen, in dessen Anschauen ich mich wundersam erquickt fühlte; doch es entschwand. Erwacht, bemühte ich mich vergebens, das Bild zu erinnern, es blieb verschwunden. Nur das eine weiß ich, daß es das Bild des Friedens war. — Das Bild des Friedens, lieber Herr, ist das nicht Euer eigenes, glückseliges Volk? — Matt schüttelte der König den Kopf. Geht, sprach er, und erlaßt einen Befehl an sämtliche Maler meines Königreiches, das Bild des Friedens zu malen. Vielleicht gelingt es einem. Denn wenn ich es nicht wiederschaue, muß ich sterben. — Ach, seufzte der alte Staatsmann, wenn die Majestät phantasiert, was bleibt alsdann noch niet- und nagelfest. Es erging aber in derselben Nacht der Befehl an alle Maler im Reich, das Bild des Friedens, ein jeglicher nach seinem Sinne, anzufertigen und sich mit dem vollbrachten Werke an dem und dem Tag in der Hauptstadt bei dem Herrn Kunstmarschall einzufinden. Der Maler des Bildes aber, das den Traum des Königs erfüllte, sollte als Lohn «ine Grafschaft mit vielem köstlichen Zubehör empfangen. — Als nun der kranke König, in eine Sänfte gebettet, durch die Räume getragen wurde, in welchen man die Bilder des Friedens aufgehängt hatte, und alles mäuschenstill war vor Erwartung, wer der glückliche Maler nach seinem Herzen sein werde — sah man erst recht, wie blühend und reich- gesegnet doch di« Zustände in diesen Landen waren. — Da saß in lichter, schöngetäfelter Stube, nach vollbrachtem Tagwerk, die Hände im Schoß gefaltet, der fleißige Landmann, während fein Weib die dampfenden Schüsseln hereinträgt, und das Hündlein nach einem Knochen schnappt, der von der reichlichen Mahlzeit des vergangenen Tages zeugt. Ein anderes Bild zeigte das Löschen eines eben gelandeten Frachtschiffes» rüstig fliegen die Ballen von Arm zu Arm, keck und wetterfest blicken die Matrosen drein, und ein Heimkehrerlied scheint zu den winkenden Mädchen auf dem Kai herüberzuschallen. Der nächste Maler hatte eine Gruppe lichtgekleideter Mädchen, die um einen Maienbaum tanzen, dargestellt, ein anderer eine würdige Magistratssitzung unter dem Schutze einer Marmorbüste des Königs. So hatte ein jeder auf seine Weise das Bild des Friedens zu schildern gesucht, meist aber waren es spielende Kinder an einem Bächlein,, äsende Rehe auf einer Waldlichtung, Bauernhauser im Abendsonnenschein, schöne symbolhaste Frauengestalten und allerlei erquickliche Szenen aus dem Alltagsleben eines betriebsamen glücklichen Volkes, das keine Not kennt. — Ach, seufzte der König, nachdem man ihn durch mehrere Säle getragen und er lange im Anschauen verweilt hatte, ich spüre, daß ich sterben muß. — Da fiel sein Blick auf ein klemes Bild das sich zwischen den schweren Goldrahmen seiner Nachbarn recht unscheinbar ausnahm. — Pfui, sagte der Kunstmarschall, der davor- tand, wie unsachlich! — Reicht es mir, sprach der König. Doch kaum stell er das Bild in Händen, als er in die Kissen zurllcksank und sogleich in einen wohltätigen Schlummer fiel. — Kurios, meckerte der Kanzler, der nach einer Weile in die Sänfte hineinzugucken wagte. — Was? Was? Wieso? wisperten die Hofschranzen und Ehrengäste einstimmig. — Majestät erlauben? raunte der Kanzler der Form wegen, ehe er das Bild mit den Fingerspitzen aus der Sänfte herausnahm, um es umherzuzeigen. — Ein Vogelnest! rief die Staatsrätin. — Wie süß, sagte ein junges Fräulein, das Malerei studierte, es sind Eier darin. — Em Windstoß kann das Nest herunterwerfen, fiel der Reichsschatzmeister ein, dann stürzt es in den schäumenden Wasserfall, welcher dicht unter dem tragenden Zweige das Geröll hinabtost! — Eine Schlange, sprach mit tiefer Stimme der Minister für Landwirtschaft, der seit kurzem. von einer Gemahlin getrennt lebte, eine Schlange ringelt sich an der Wurzel des Baumes! — Ach, rief das Fräulein, wie reizend unbesorgt trotz aller Gefahren der Vogelpapa dem brütenden Weibchen die Lebensmittel in den Schnabel steckt! — Darunter, brummte der Kanzler, unter dem Ganzen steht: PAX! PAX, wisperten die Hofschranzen, Würdenträger und Ehrengäste einstimmig. — Pa ... pa ... pax, machte der Vater des Fräuleins, ein berühmter Professor der Malkunst, und alles wollte sich ausschütten vor Lachen. Ueberdem erwachte König Friede, und als er seine Glieder dehnte und sich reckte, ward er froh, denn er fühlte mit Wonne seine Kräfte wiederkehren. Er schlug die Sänfte auf, trat heraus und mitten unter fein verstummendes Gefolge. Seine Frage war nach dem Maler des Bildes. Doch soviel und eifrig man nachforschte, er war nicht aufzufinden, und alles, was man ermittelte, war dies, daß an demselben Morgen ein alter Mann, den niemand kannte, und der auf einem Maultier angeritten kam, das Bild abgegeben hatte und sogleich verschwunden war — Freudengeschrei erfüllte die Stadt und überall gab es Lustbarkeiten, wohin sich die Nachricht von der Genesung des guten Königs verbreitete. Er selbst aber saß einsam in seinem Palaste, und als es Nacht geworden war, tat er einen grauen Mantel um und verließ durch einen geheimen Ausgang die Königsburg, lind er zog von Ort zu Ort, und wo er hinkam, war er wohl aufgenommen, denn er war freundlich und offenen Wesens und scheute sich auch nicht bei einer Arbeit mit anzufassen. Als aber die Tage kürzer wurden und die Nachte rauf), und er immer noch nicht den gefunden hatte, den er suchte, ward er traurig, und er beschloß in dem nächstbesten Orte zu bleiben und daselbst den Winter zu erwarten. Denselben Abend gelangte er an das Tor einer kleinen Stadt, die am Fuß eines hohen Gebirges lag. Es war aber hier gegen Abend der erste Schnee des Jahres gefallen, und als er in die kleine Stadt hineinging, wo alles schlief, vernahm er seine eigenen Schritte nicht und seine Fußtapfen waren gleich der Fährte eines Wildes. Da hielt der König an und seufzte, denn er dachte, wie einsam er geworden war. Da gewahrte er in einer Gasse einen Lichtschein, und als er nähertrat, sah er in dem erleuchteten Laden eine junge schöne grau, die bügelte. Bei dem Ofen saß ein Alter vor re#WT Leinewand und malte darauf. Die Frau fang: Schläfst du, König Friede? Antwortet der Alte: Ich wache. Singt die Frau: Kennst du das Vöglein, das baut auf eines Astes Bein, fürchtet nicht Habichtskrall, noch Schlange, Wind, Wasserfall? Der Alte: Ich kenn es wohl, es fliegt zwischen Nord- und Süderpol und ruft kiwitt, kiwitt — Beide zusammen: Kiwitt, kiwitt! Die Welt ist heiß, verbrennt doch nit! Da schlug der König den Mantel um sein Haupt und pochte an und bat um Herberge. Mitten in der Nacht aber, als er in dem Bette lag, tat sich die Türe der Kammer auf, und die junge schöne Frau kam herein. Ihm klopfte das Herz, so schön war sie. Sie setzte sich auf den Rand des Bettes und sprach: Schläfst du, König Friede? — Antwortet der König: Ich wache. — Begann die Frau: Kennst du das Vöglein ...? Aber der König, der es vor lauter Freude an ihrer Schönheit nicht aushielt, richtete sich auf und schlang seinen Arm um ihren Nacken und sprach- Du hast den Alten gelehrt das Bild des Friedens zu malen? — Ja erwidert die Frau. — Sprach der König: Willst du meine liebste verantwortlich: vr. HanS Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche UniversitätS-Duch. und Steindruckerei. R. Lange. Dieben. Wiegenlied. Von Detlev von Liiiencron. Vor der Türe schläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht del Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Schlaf, mein Wulff. In später Stund küss' ich deinen roten Mund. Streck dein kleines dickes Bein, Steht noch nicht auf Weg und Stein. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Schlaf, mein Wulfs. Es kommt die Zeit, Regen rinnt, es stürmt und schneit. Lebst in atemloser Hast, hättest gerne Schlaf und Rast. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Vor der Türe fchläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Fra« Königin werden? — Vielleicht, sagte die Frau, und lachte. Da küßte der König ihren frischen roten Mund und sprach: Liebste Frau Königin, du bist neuntausendmal gescheiter als mein Kanzler und Staatsrat, ich will dir neuntausend Küsse schenken! — Fang an, sagte die junge Frau, einmal ist keinmal, und sie lachte. . In dieser Nacht schneite es eine weiße Decke über das ganze Königreich. Und als es Frühling wurde und die Eisblumen von den Fenstern geschmolzen waren, erscholl draußen auf dem Marktplatz munteres Hus- aetrappel. Das waren die Königsboten, die ausgezogen waren, ihren verschwundenen Herrn zu suchen. Da sprang König Friede auf sein Roß, und er nahm sein junges Weibi vor sich in den Sattel, und die roten Husaren bliesen ein Stück, und fort ging es nach der Hauptstadt, wo alsbald die Hochzeit in Freude und Herrlichkeit gefeiert wurde. fünfzig Pfennig für den Nachtplatz, sie bürstete jedesmal das Gewand des Sängers halbwegs zurecht und sagte ihm jedesmal, er möge im anderen Jahr wisderkommen. ... . ... n , In so einem andern Jahr dann, nachdem man sich dreißig Jahre gekannt hatte und die grauen Haare weiß geworden waren, geschah es, daß Urban in der Wagenwirtschaft bei den fahrenden Leuten zur Nacht bleiben muhte. Die Harlin weinte, die Bodenkammer war nicht mehr da, das Heu war naß und das Haus hatte nur noch eine unbeschädigte Stube. Der große Wind war gekommen und hatte das brüchige Haus in Trümmern auf die Wiefe geworfen. . Daß ein Wind so böse sein und ein gutes Haus in Trümmer werfen konnte, das einer braven alten Frau gehörte, das wollte Urban nicht verstehen. Er konnte im Bett der Wagenwirtschaft nicht schlafen, er sah immer das verweinte Gesicht der Frau vor sich, er stand auf und lies sinnlos herum, durch den Markt zuerst, dann über di« Wiesen draußen, über die Pachtäcker und die taunassen Krautselder. Viermal kam er an den Platz, an dem die Trümmer des zerbrochenen Hauses in die Nacht ragten, und als er zum vierten Mal über die Wiese trottete, sah er das Licht der Alten aufflammen in der einzigen Stube, die noch geblieben war. Er klopfte, aber die Harlin war scheu geworden und fürchtete nun alles, was so in der Nacht daherkam wie der Wind. Er mußte erst eine 'lange Zeit rufen, bis ihn die scheue Frau einlieh. Das war nun alles, diese Stube, die paar gesunden Balken darüber, die regenfeuchte Decke, der Herd und das Bett. Und der Bänkelsänger muhte selber das Feuer anmachen im Herd, als er nach dieser unschönen Nacht eine Schal« Kaffee haben wollte. Erst als es warm wurde vom Feuer, wurde auch di« Frau wieder zugänglicher. Sie sah am Tisch, an dem sie immer gesessen waren, und zeichnete mit den Fingern etwas auf die Tischplatte. . . Bauen werde sie wohl müssen, meinte sie. Bauen, em weng herumbauen um diese verbliebene Stube, wieder so ein Haus, so ein ganz dürftiges Haus, denn das Geld sei doch ganz wenig. Leise sagte sie es dem Mann ins Ohr, wie wenig Geld sie habe, um wieder ein Haus zu bauen. Und Urban meinte, dann müsse es wohl nur ein kleines, ein sehr kleines Haus werden, mit den billigsten Steinen gebaut und nur schlecht gedeckt. Er fragte die Alte auch nach ihren Plänen und tränt den Kaffee dazu, wie er ihn jedesmal in den ruhigen Jahren getrunken hatte an die- i Es kam dann jo, dah an diesem 23omittag die Marktleute sich selber Unterhaltung schaffen mußten, weil Urban immer noch in der Stube bet der Harlin saß und mit den Fingern nachzeichnete, was die alte weihhaarige Frau vorzeichnete. Ein Haus sollte werden, ein bescheidenes Haus für eine wunschlose Frau. Der Mann, der nie sehr sroh gewesen war, wenn er ein allzu fest gefügtes Haus-um sich gehabt hatte, der bloß am freien Leben der Straße feine Freude hatte, hielt mit einem Bleistiftstummel das fest auf der Tischplatte, was da einmal ein Haus werden sollte. Als es Mittag war, zeichneten die zwei Leute immer noch, und di« Frau tat einen kleinen Schrei, als sie die Rechnung des landfahrenden Burschen hörte. Nein, so konnte es gar nie werden, so durfte sie nicht bauen, so war das ihr End« und das Ende des bescheidenen alten Lebens. Urban schüttelte den Kopf und überlegte weiter, während der Bleistiftstummel wieder zeichnete auf der Tischplatte. Dieses eine Mal versäumte der Bänkelsänger seine Märkte und sein ganzes Geschäft, er mußte bei der alten Frau fein und ihr helfen, wenn sie bauen wollte. Er sagte ihr nach ein paar Tagen sein Geheimnis, das sich hinter der Dürfttgkeit des verstaubten Gewandes verborgen hatte. Geld hatte er, ein wenig bares Geld, nicht sehr viel zwar, aber genug, um das Haus so zu bauen, wie er es haben wollte, für die alte Frau groß genug und für ihn ausreichend und den Kühen Platz bietend. Er vergaß die Moritaten, die er auf den Märkten fang, und er pfiff beim Planzeichnen alte Lieder vor sich hin, die Boden hatten und irgendwo daheim waren, nicht so ohne jeden Halt wie sein Landfahrerleben, das kein Daheim kannte. Immerzu zeichnete er, neue Pläne, schöner« Pläne, für deren Durchführung das zusammengeworfene Häuflein Geld nicht ausreichen konnte. Aber er plante weiter. Die Harlin stand bei ihm und drängte: so müsse es werden und so müsse es bleiben. Das bewegte ihn nicht, jetzt nicht, wo er einmal sich eingeträumt hatte in die Freude, wo er neben seiner unsicheren Sttaße einmal ein sicheres Haus haben wollte. Er machte Pläne, und das Schneewasser des Winters kam durch di« Decke der alten Stube. Er zeichnete bunte Fenstersimse mit Blumen darauf, und das Frühjahr kam, das ihn sonst immer hinausgeführt hatte auf die Märkte. Die Harlin saß daneben und meinte. Es wurde wohl nie etwas mit dem Bau des Hauses, denn der Mann baute sinnlos dahin auf der Tischplatte und dem Papier, fein Planen war zur Narretei geworden, nachdem er ein langes Leben lang die Festigkeit gehaßt und alles Häusliche verachtet hatte. Mitten im Sommer dann zog Urban wieder fort auf die Märkte, und er hatte neue Wider und neue Reime. Die Bilder waren auf der Tischplatte der alten Frau gezeichnet worden mit bunten Simsen und Fenstern davor, und die Marktleute lachten darüber, weil der Bänkelsänger in den alten Tagen mit solch törichten Dingen auf die Märktereise ging. Ihr wißt doch den allen Urban noch, den Narren, der in seiner letzten Zeit unsinnige Lieder von Häusern und vom Bauen gesungen hat, bis man ihn überall wegwies, weil die Menschen mit solchen Torheiten nicht geplagt werden wollten? Der allen Harlin hat er fein erspartes Geld zurückgelassen, und di« Harlin hat wieder gebaut, ein ansehnlicheres Haus als zuvor. Aber wohin er selber gekommen ist, der Urban, der Narr, das weiß ich nicht, das weiß niemand. Er war ein Bänkelsänger, und solche Leute bleiben eben einmal irgendwo liegen, weil sie doch keinen Platz, kein Daheim und kein Haus haben. Oer Bänkelsänger. Don Josef Martin Bauer. Ihr wißt doch den alten Urban noch, den Mann mit der langen, faltigen Harmonika vor dem Bauch und den zwölf Bildertafeln unterm Arm. „ , .. „ , , u Ihr habt doch auch, als ihr noch Kinder wart, ine Nasen platt* gedrückt an den Fenstern der Marktwirtschasten, wenn der Urban bannen fang von der Liebe und dem harten Tod des Räubers Mathias oder von dem sterbenden Legionär. Und jetzt, wenn der große Markt ist, an dem sich alles trifft, ihr Jungen zur Liede und ihr Alten zum Bereden, jetzt fragt ihr umsonst nach dem Bänkelsänger. Er kommt nicht mehr, er ilt vielleicht schon tot, oder er ist so müd geworden, daß er den endlosen Weg von Markt zu Markt gar nicht mehr machen kann. Vielleicht vermißt ihr ihn gar nicht, denn er war doch bloß ein aller unwichtiger Mensch, und er war wohl ein Narr, wie die Zirkushans- wurste auf den großen Märkten, die Witze reihen und arm in die Welt schauen, wenn man die Farbe von den entstellten Gesichtern wäscht. Dreihigmal war er hier, und bann ist er nicht mehr gekommen, weil ihn bie Leute mit ihrem Lachen vertrieben haben. Er hat die dreißig Mal in den Marktnächten auf dem Heu geschlafen, in einer bettlosen Bodenkammer, die Platz gab für ihn, die Harmonika und die zwölf Bilder Und alle dreißig Mal hat die Harlln, die ihn in ihrer Bodenkammer zur Nacht behielt, mit ihm bann am gleichen Tisch ben Morgenkaffee getrunken, bevor ber Markt begann und Urban ben Diehbauern, bie am zweiten Tag kamen, feine Lieber vorsang. Dreißigmal. Unb man kam oft weit in ben angebrochenen Vormittag hinein, wenn bie Harlin erzählte, wie es mit den drei Kühen gegangen war in diesem Jahr, wie es die Pachtwiesen verregnet hatte, wie es den zwei Töchtern in ber Ehe erging. Urban saß bann bei ihr unb nickte manchmal. Sehr viel wollte er von diesen Dingen nicht wissen, denn er war ein landfahrender Kerl. Aber dankbar wollte er zu der guten allen Frau sein, die ihn immer aufnahm. Die Frau war doch so, daß sie still unb aufmerksam hinhorchte, wenn Urban das Seine erzählte. Sie lachte gutmütig, wenn er beim Erzählen lachen konnte, weil das letzte Jahr vielleicht gut gewesen war. Alles ging so seinen Weg, alles blieb vom einen Jahr zum anderen ziemlich gleich, Urban roch es am Heu, wenn die kleine Ernt« eines Jahres verregnet worden war, die Harlin sah es am Gewand des Bänkelsängers, wenn die Marktleute geizig den Beutel zugehalten hatten. Den verheirateten Töchtern erging es nicht schlecht, das dürftige Haus der Harlin hielt immer noch zusammen, obgleich es schon ganz alt und morsch war, Urbans Harmonika mit ben vielen Flickstellen an den Ecken ber Quetschfalten tat immer noch ihren Dienst, die Sttaßen waren bester geworben in ben letzten Jahren, unb sonst war kaum etwas notwendig für fo einen landfahrenden alten Burschen. Die Frau nahm jedesmal bie