Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956 Zreitag, den 9. Oktober Nummert FELIX TIMMERMANS Die Delphine EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig (Schluß.) Den ganzen Tag überlegte er, was er machen sollte, und konnte der Versuchung kaum widerstehen. Jede Nacht verschob er die Ausführung bis zur nächsten, in der Ueberzeugung — denn er fing an, sich mit dem Gedanken zu beschäftigen —, daß es besser sei, wenn die Liebe unmittelbar aus dem Herzen käme. „Warum sollte das schließlich nicht möglich sein?" dachte er naiv, mit strahlenden Augen. Nach Corenhemel fragte sie nie in ihrem Fieber, auch nicht, wenn sie einmal die Augen aufmachte. Das einzige, was sie immer wieder fragte, war: „Bin ich hineingefallen, oder bin ich hineingesprungen?" Wie sehr auch sich Pirruhn und der Arzt Mühe gaben, ihre Seelenqual zu lindern, indem sie sagten: „Sie sind hineingefallen, der Dachdecker hat es ja gesehen", wiederholte sie doch im Fieber immer dieselbe Frage. Und weil sie nicht nach Corenhemel fragte, freute sich Livinus. Warum sollte es nicht möglich sein ohne diese beiden Haare und den Apfel? Livinus war glücklich, weil Corenhemel sie so selten besuchte. Nun würde diese Liebe wohl für immer ein Ende haben. Anna-Marie murmelte etwas. Gleich schob er den Kopf durch die Vorhänge und lauschte. Mit offenen Augen lag sie da und blickte ihn unter ihren langen schwarzen Wimpern gütig an. „Möchten Sie trinken?" fragte er stammelnd, von ihrem Blick verwirrt. Sie sah ihn an, und ihre Augen bekamen einen heftigeren Glanz. Es schien, als wollte sie ihm mit diesem Blick ihre Seele geben. Dann senkten sich langsam die lang bewimperten Augendeckel und blieben sest geschlossen. Ganz verduzt setzte er sich hin. Erstaunt blickte er um -sich. Er fühlte plötzlich die Stille dieses Zimmers, wo beim Schein einer flackernden Nachtlampe unruhige Schatten spielten, er fühlte plötzlich die Stille der Sommernacht da draußen. Es war still im Zimmer, es war still in der Nacht. Er wußte sich allein mit ihr, ganz allein. Er blickte sich um nach seinem Schatten. Mit ihrer Seele hatte sie ihn angesehen, sie lag dort hinter den seidenen Vorhängen, er war allein mit ihr, ganz allein, und sie schlief. Er fühlte sein Herz klopfen vor Freude und Angst, blickte um sich, schob vorsichtig den Kopf durch die grünseidenen Vorhänge und drückte zart und ehrfurchtsvoll einen leisen Kuß aus ihre Stirn. Sie erschauerte, und da bemerkte er auf dem weißen Kopfkissen ein langes Haar wie einen schwarzen gebogenen Strich; gierig griff er danach, zog den Kopf aus dem Bett zurück und wickelte es schnell und ungeschickt um seinen Finger zu einer dünnen Locke, die er zwischen einem alten Brief in seine Tasche versteckte. Er keuchte, als hätte er ein Verbrechen begangen, und der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er war froh, daß es vorüber war, und seufzte. War es ein Zufall, daß sie erschauerte, als er sie küßte? ... Er betrachtete sie, um festzustellen, ob sie auch so nicht erschauerte; ruhig wie eine Wachsfigur lag sie da. Er wollte es noch einmal wagen, schnell küßte er sie wieder auf die weiße -Stirn, und wieder erschauerte sie. Da mußte er sich auf einen Stuhl niederlassen. „Sie weiß es, sie weiß es", murmelte er voll inneren Jubels, „aber ach, sie wagt noch nicht, es zu zeigen." Und den Kopf zwischen den Händen dachte er über fein Leben nach, das nun schön und herrlich zu werden versprach. Das Verbot. Pirruhn suchte Livinus in feinem kleinen Schlafzimmer bei Bande Nast aus. Mit beiden Händen griff er ihn beim Kragen. „Wie stehts? Willst du Grain d'Or im Stich lassen, ja oder nein? Ich habe ihr Weinen und Jammern satt! Warum läßt du dich nicht mehr in meiner Wohnung sehen? Was ist denn mit dir los?" Livinus sah Pirruhn willenlos und gütig an, schwieg aber. „Affe!" rief Pirruhn und bann plötzlich drohend, daß feine grünen Augen ausleuchteten wie Phosphor im Dunkeln: „Du setzt mir keinen Fuß mehr über Anna-Maries Türschwelle, verstanden! Schluß!" „Warum?" fragte Livinus bestürzt. „Weil du sie liebst!" schrie Pirruhn. Livinus antwortete nicht, sondern starrte traurig auf die Koralle in Pirruhns Halstuch. „Du fetzt keinen Fuß mehr in ihre Wohnung", sagte Pirruhn entschlossen. „Ich verstehe sehr gut, daß du dich in diese Frau verliebt hast. Ich habe selber schon gesagt, wäre ich jung gewesen, und hätte ich Adelaide nicht gekannt, dann wäre sie meine Frau geworden. Ich kümmere mich auch gar nicht darum, was du tust, aber so lange Grain d'Or bei mir wohnt, stehe ich für sie ein. Das habe ich ihr versprochen. Deshalb sage ich dir, du setzt keinen Fuß mehr dort ins Haus!" Eine Pfeife rauchend, flieg Pirruhn brummend die dunkle Hühnerstiege hinunter. Anna-Marie. Die Tage gingen vorüber, und die Krankheit wurde immer schlimmer. Das heiße Fieber ließ nicht nach, und allmählich magerten die zart gerundeten Glieder ab. Der Ring mit dem sunkelnden Rubin saß nun iocker auf dem glänzenden Elfenbeinsinger, die Wangen waren etwas eingesunken, die Nase war blaß und spitz geworden, und die grauen, diele famtgrauen Augen hakten einen goldenen Schimmer bekommen, wie man ihn bei Seifenblasen sieht, und schienen nun größer in ihrem Gesicht, das schmal und klein geworden war. Sie glich einem Bild aus weißem Marmor, hinter dem die Sonne scheint. Pirruhn sand, daß sie noch schöner geworden war, und ließ Schwan rufen, um sie zu sehen. Anna-Marie ging es von Tag zu Tag schlechter. Livinus erfuhr es jeden Abend bei Van de Nast, wurde fast wahnsinnig und verlor jeden Halt. Eine Pfeife nach der anderen rauchend, irrte er tagelang in der Einsamkeit der sonnigen Sommerlandschaft umher oder zog sich in die Kapelle zurück, wo er die Tür verriegelte und niemand aufmachte. Er erschien nicht mehr zu den Mahlzeiten bei Pirruhn und ließ sich nicht mehr im Delphin blicken. Morgens stand er früh aus, machte sich ein paar Butterbrote zurecht und verschwand. Zu später Nachtstunde kam er zurück, fragte an Van de Nasts Schlafzimmertür, wie es um Anna- Marie stände, und schritt dann noch stundenlang in seinem Zimmer auf und ab. Es gab Leute, die behaupteten, daß sie ihn abends hinter den Bäumen auf dem Lindendeich gesehen hätten, wo er die erleuchteten Fenster im ersten Stock des Blauen Hauses beobachtete. Man erzählte sich in der kleinen Stadt, daß Anna-Marie Livinus von Grain d'Or weggelockt hätte. * Aber Livinus konnte es nicht mehr aushalten. Er hatte Anna-Marie seit sechs Tagen nicht mehr gesehen und fühlte sich von einer inneren Glut verzehrt. Das Leben hatte für ihn keinen Wert mehr, er mußte Anna-Marie sehen, ihre Hand in der seinen halten, diese kleine Hand, die bereits vom Tode gezeichnet war. Und mit einem düsteren Vorgefühl klingelte er nachmittags leise am Blauen Hause. Die Magd öffnete, wischte sich mit dem Zeigefinger eine Träne aus dem Auge und schüttelte bedenklich den Kopf. Er ging sofort hinauf und trat, ohne anzuklopfen, aus den Fußspitzen ein. Pirruhn war in Hemdsärmeln und trug grüne Filzschuhe; er wandelte vorsichtig vor den fünf Fenstern hin und her, die Hände in den Hosentaschen. In einem Plüschsessel saß der magere, vornehme Dechant und las mit halbgeschlossenen Augen in seinem Gebetbuch. „Wie stehts?" wandte sich Livinus ängstlich an Pirruhn. „Du hast hier nichts zu suchen ..." flüsterte Pirruhn böse. Dann sagte er, milder gestimmt: „Morgen ist sie tot", und nahm seinen Spaziergang wieder auf. Livinus blieb verduzt mitten im Zimmer stehen. Der Geistliche hob seine Brille von der Nase, betrachtete Livinus ein wenig verächtlich und las bann weiter. Pirruhn klopfte Livinus leise auf bie Schulter, zog ihn ans mittlere Fenster und flüsterte ihm ins Ohr: „Halte bich bereit, jeden Tag können die Papiere kommen!" und dann in befehlendem Tone: „Gleich gehst du mit mir zu Grain d'Or! Die Lauferei muß ein Ende haben! Das Mädchen wird noch ganz verrückt!" Livinus wollte etwas sagen. „Sssst!" machte Pirruhn mit dem Finger am Munde und begann wieder auf und ab zu gehen. Livinus fetzte sich verwirrt auf einen Stuhl und betrachtete die silber- befticften Bettvorhänge. Pirruhn stand nun vor einem Gemälde, auf dem Daphnis und Chloe unter hohen, braunen Bäumen Wasser tränten, und der Dechant las weiter in seinem Gebetbuch. Im Zimmer hörte man nur die kurzen Aiemsköße der Kranken und ab und zu das Umblättern des Geistlichen. Die dünnen Vorhänge an den Fenstern waren zugezogen, aber unten und an den Seiten warf die Sonne einen Hellen Streifen auf den blauen Teppich und die mattgoldene Wandtapete. Die Zeit strich lautlos vorüber. In kurzen Zwischenpausen ging Pir- ruhn ans Bett, schob den Oberkörper durch die Vorhänge und befeuchtete die blassen Lippen mit kühlem Wasser. Dann kam der Arzt. Pirruhn berichtete ihm über den Zustand der Kranken. Der Arzt öffnete die Bettvorhänge und sah auf seine Uhr, während er ihr den Puls fühlte. „Gnädiges Fräulein, nehmen Sie, bitte, noch einen Löffel!" Langsam öffnete sie die Augen. Livinus und der Geistliche waren ausgestanden. Blaß und zart lag sie da, mit einem blauen Schimmer unter der weichen Haut. Ihre Augen hatten einen inneren Glanz, als hätte ihre Seele große und schone Dinge geschaut. Jede ihrer Hände spielte mit einer schwarzen Locke ihrer dunklen Haare. Sie sah die Umstehenden einen nach dem anderen an. Pirruhn schien sie zu kennen, ihr linker Mundwinkel zog sich mit einem kurzen Lächeln in die Hohe. Die anderen betrachtete sie gleichgültig, was Livinus plötzlich ganz traurig machte. Sie schloß die Augen, öffnete sie aber gleich wieder, als hätte sie etwas vergessen. Sie suchte, und als sie Livinus gefunden hatte, dessen Gestalt sich dunkel vom sonnegetränkten Fenstervorhang abhob, da lachten ihre Augen und ihr Mund eine lange Weile, so daß Pirruhn erstaunt auf Livinus blickte, aber ein plötzlicher Schmerz zog die langen schwarzen Wimpern wieder zusammen. Der Arzt hob ihren Kopf, der welk auf feiner Hand lag, und goß ihr vorsichtig eine rötlichgelbe Flüssigkeit aus einer braunen Masche zwischen die weißen Zähne. Dann schloß er die Bettvorhänge und slüsterte Pirruhn zu: „Man darf sie diese Nacht nicht allein lassen. Es geht zu Ende!" „Ich allein wache", sagte Pirruhn, „ich allein." Livinus ließ sich auf einen Stuhl fallen, den Kopf zwischen beiden Händen. Der Geistliche und der Arzt verabschiedeten sich.. „Komm", flüsterte Pirruhn Livinus zu, ihn am Aermel ziehend, „wir gehen zu Grain d'Or." „Nein", sagte Livinus entschlossen. Pirruhn ging wütend erregt auf und ab. „Schon", meinte Pirruhn plötzlich, „dann kommt Grain d'Or hierher! Du blöder Dickkops!" Livinus gab keine Antwort. Pirruhn bebte vor Wut, wollte ihm an den Kragen, trat aber erst ans Bett, überzeugte sich, daß dort alles ruhig und in Ordnung war, und kam bann zu Livinus zurück. „Es kostet mich das Leben, wenn ich dir nicht eine versetzen kannst' zischte er, schlug Livinus mit den Knöcheln seiner harten Faust auf den Kopf und verließ das Zimmer. Livinus zuckte die Achseln und ging sofort ans Bett, wo er die Vorhänge weit öffnete und Anna - Marie bewundernd und ehrfurchtsvoll betrachtete. * Sie wachte auf, als ob sie gefühlt hätte, daß jemand sie anguckte. Wie aus einem bösen Traum aufgeschreckt, blickte sie um sich, und als sie die gütigen Augen von Livinus sah, strahlte der Friede wieder aus ihren Zügen. Sie betrachtete ihn lange, und ihr schien, als wäre die träge Dämmerung, in der ihre Seele so lange gelebt hatte, plötzlich von einem großen Licht erhellt. Wer mar es doch, der da stand? Hatte sie diesen Blick nicht schon irgendwo gesehen? War ihre Seele nicht wie ein Gestrüpp von Spiegeln, in denen dieser Blick hängen gebtieben war? Wo war sie ihm früher begegnet? Ach, das war ganz gleichgültig, aber sie schien etwas wieder- gesunden zu haben, wonach sie ihr ganzes Leben lang gesucht hatte. Diese Augen waren zwei kostbare Edelsteine, die sie brauchte, um restlos glücklich zu fein. Sag nicht hinter diesen Augen eine silberne Ferne mit goldenen Bergen, von der sie sich stets angezogen gefühlt hatte? Das war nun das Glück! ... Vor Freude hob sie den Kopf. Da stand es vor ihr und lockte sie zu sich heran. Schnell, ja schnell wollte sie es haben, das Glück, das volle Glück, woran das Herz bricht und das Leben stirbt! Doch wer war es? Wer trug diese schonen Augen im Kopf? Er war es, nach dem ihre Seele sehnsüchtig verlangt hatte und dessen Namen sie nicht kannte. Oh, das war nicht schlimm. Es ist überall und bei jedem dasselbe, wenn man es erst einmal entdeckt hat. Und gierig nach dem, was ihr stets gefehlt hatte, streckte sie ihre dünnen Arme nach Livinus aus. Er beugte sich über sie, ihre Hände schlangen sich um seinen Hals. „Komm, komm, da drüben, ins Licht!" keuchte sie, und zitterte am ganzen Körper. Ein fremder Wille schien sie zu durchströmen. Schwankend zwischen Angst und Glück legte Livinus zögernd den Arm unter ihren Kopf. Träumte er, war er wahnsinnig geworden, oder war dies nun die langersehnte Liebe? Er fühlte die zarte Magerkeit ihres schlanken Körpers, ihre glühenden Backen, ihre Arme, die schwer an seinem Halse hingen; ihre feuchten Augen hatten einen goldenen, göttlich-glücklichen Schimmer, und ihr Mund suchte den seinen. Ihre Arme ließen seinen Hals nicht los, und langsam zog sie seinen willigen Kopf zu sich, sah ihn aus der Nähe an, verwundert über so viel Güte, die sich zu ihr neigte. Das war es nun, woran man stirbt. Livinus bebte vor Entzücken. Welch eine Seelenherrlichkeit unter dem Schatten dieser langen Wimpern, welch eine Liebe, die ihm jubelnd entgegenströmte, ihn mit sich reißend und zermalmend! Und, von einem tiefen Glücksgefühl überroätigt, tauchte er fein Gesicht in ihre Haare, küßte sie auf die Augen und küßte sie auf den Mund. Sie seufzte vor Seligkeit. Seine Hände lagen auf ihrer nackten, trocken- heißen Schulter; er bog den Kopf zurück und betrachtete sie, als könne er so viel Glück nicht fassen. Sie lachte ihm strahlend zu, aber plötzlich blieb ihr Mund in diesem Lachen stehen, die langen Wimpern senkten sich dunkel. Sie erinnerte sich an etwas ... sah sich nach beiden Seiten im Zimmer um, blickte ihn wieder an und dann sich selbst. Sie erschrak heftig. In einem plötzlichen lichten Augenblick erkannte sie ihn. „Livinus?" fragte sie. Er sah sie ängstlich an. War sie vielleicht doch wahnsinnig gewesen? War dieses Glück nur Schein? Seine Nasenflügel zitterten, die Angst blitzte in seinen Augen, die zugleich flehten, daß das, was hier geschah, doch keine Lüge sein mochte. Sie wurde sich sofort ihrer Lage bewußt. Es war Livinus, dessen Kopf sie umschlungen hielt. Schnell, wie bei einem Blitz in der Nacht, sah sie alles vor sich: Corenhemel, das Wasser, ihre Liebe, alles, alles, aber sie fühlte zugleich den Tod in sich aufsteigen. Alles war dahin und sinnlos gewordenl Ein Ding war ihr treu geblieben: Livinus' Liebe. In ihm erkannte sie die Liebe, nach der sie sich stets gesehnt hatte. Reste schöner Träume von früher durchzuckten sie. Was niemand ihr hatte geben können, das gab er, das trug er im Herzen für sie, und das machte sie jetzt, während der Tod über sie kam, glücklich. Eine tiefe Rührung hatte sich ihrer bemächtigt, und ihre Seele schmolz vor Glück. Wieder zog sie seinen Kopf zu sich herab. Ihre Augen brachen, und nachdem sie ehrfurchtsvoll und dankbar seinen Namen geflüstert hatte, küßte sie sich tot auf feinem Mund. In aller Stille wurde sie zu Grabe getragen, nur von den sechs Del- phinen und einigen Bettlern begleitet, und unter einem weißen Marmorstein, im Schatten einer vor Alter gespalteten Trauerweide bestattet. Es war Ende August, und das erste Obst leuchtete in den Bäumen. Festgedicht für einen Freund. Von Friedrich Hölderlin. Sei froh! Du hast das gute Los erkoren. Denn tief und treu ward eine Seele dir; Der Freunde Freund zu fein bist du geboren; Dies zeugen dir am Feste wir. Und felig, wer im eignen Haufe Frieden Wie du und Lieb' und Fülle sieht und Ruh'; Manch Leben ist wie Licht und Nacht verschieden; In gotbner Mitte wohnest du. Dir glänzt die Sonn' in wohlgebauter Halle, Am Berge reift die Sonne dir den Wein, Und immer glücklich führt die Güter alle Der kluge Gott dir aus und ein. Und Kind gedeiht, und Mutter um den Gatten, Und wie den Wald die goldne Wolke krönt, So seid auch ihr um ihn, geliebte Schatten, Ihr Seligen, an ihn gewöhntl O feid mit ihm! Denn Wölk' und Winde ziehen Unruhig öfters über L-and und Haus, Doch ruht das Herz von allen Lebensmühen Im heil'gen Angedenken aus. Und sieh! Aus Freude sagen wir von Sorgen, Wie dunkler Wein erfreut auch ernster Sang; Das Fest verhallt, und jedes gehet morgen Auf schmaler Erde seinen Gang. Vom Leben der Deutschen in Afrika. Von Sofie von Uhde. Als ich im früheren Deutsch-Südwestafrika im Sandsturm von Walfischbai an Land ging glaubte ich, vor mir stünde das Erlebnis Afrika. Doch was ich im schwarzen Erdteil gesehen habe, war nur zum geringsten Teil Afrika: ich habe Deutschland erlebt, wie ich es noch niemals erlebt habe! In Stolz, Summer und Bewunderung t)abe ich erfahren, was es heute heißt, deutsch zu fein und bleiben zu wollen. Und fo will ich aus Afrika von deutscher Arbeit, Treue und Not erzählen, soweit sie mir in den Tagen meines Dortseins begegnet sind. Hell klingt das schone Geläut der Glocken über Windhuk hin. Den Schulberg herunter, den Kirchberg hinaus, und entlang die breite Beut- weinstraße kommen die Kinder geeilt; denn die Ferien sind zu Ende, und dies ist der erste Gottesdienst vor dem neuen Schuljahr. In der Kirche flutet die brennende afrikanische Sonne, kaum gebrochen durch die bunten Glasfenster. Die großen Kerzen am Altar kommen nicht auf gegen dieses strahlende Licht, das aus den hellen Wänden spickt und über die vielen Kinderköpfe huscht; lauter flachsblonde deutsche Kinderköpfchen. Ich muß sie immer wieder ansehen alle diese Kinder: Knaben, aus die der Weg von Männern wartet, die unter der Fremdherrschaft und unter der Not gehen, Mädchen, die einmal die Gefährtinnen dieser Männer werden sollen, und die ihre Kinder unter Entbehrungen und Leiden tragen werden, — diese deutsche Jugend, um derentwillen die Heimat an dieses Land gebunden ist, mit allen Banden des Blutes. Sie haben es schwer hier im Südwest, die Eltern dieser Kinder, die wenigen Deutschen zwischen lauter Buren. Aber an Widerständen wächst die Kraft, und so stehen sie hier trotzig und aufrecht und zu. jedem Opfer bereit für ihre Sache, ein kleines Häuflein Menschen, das an die Heimat benft mit seinem ganzen Herzen. Viele schlichte Erzählungen von ein- iacken Leben, deren Inhalt Arbeit und Treue war, habe ich gehört, vrele brennende Wünsche nach der Hand des Vaterlandes, an der allein sie ihre Kinder durch die Zukunst gehen lassen wollen. Auch in der Union habe ich gutes Deutschtum gefunden. Wohl sind die Deutschen dort nicht — und können nicht sein — was sie in Südwest sind. Während sie dort auf ihrem einstmals grunddeutfchen Böden sitzen, und ihr ganzes Bestreben dahm geht und gehen muß, die Ansprüche auf diesen Boden und ihre deutschen Rechte hochzuhalten, sind biß Scutichsn in bet Union ©äjtß im frcmbßn ßonb. SJlit um jo tieferer ffreube erfüllt es einen bann, hier beutschen (Siebtem zu begegnen, bte feit fünfzig Jahren im Lande sitzen, und deren Geist noch immer der alte stolze Bauerngeist ihrer Lüneburger Heimat ist: ich meine die deutschen Bauern in der Blakte. Ihre Geschichte ist rasch und einfach erzählt. In den sechziger Jahren kamen auf Anforderung der Buren pommerfche und brandenburgifche Landarbeiter nach Südafrika, um auf burischen Farmen zu arbeiten. Freie Wohnung und Verpflegung und 15 bis 20 Mark Lohn im Monat waren die Bedingungen. Die Ueberfahrt mußte von den Deutschen abbezahlt werden. Jahre harter Arbeit und Entbehrungen folgten, aber zähe Bauernenergie hielt Stand. Als der Arbeitskontrakt abgelaufen war siedelte sich ein Teil dieser Deutschen mit kleinen Ersparnissen in Konstantia am Tafelberge als Weinbauern an und erregte die Aufmerksamkeit des Landes durch fleißige und gesegnete Arbeit. Als im Parlament die Bewegung zur Besiedlung weiterer Strecken des Landes einsetzte, veranlaßte diese ehrliche Arbeit der Deutschen die Regierung, weitere deutsche Auswanderer anzufordern. Sie sollten die Vlakte, die Ebene zwischen dem Tafelgebirge und den Bergen von Stellenbosch, zur Besiedlung erhalten und daraus das Gemüseland für das immer mehr wachsende Kapstadt schaffen. Im Jahre 1877 langten die ersten Siedler an, zwischen 1883 und 1894 folgten die anderen, — größtenteils Leute aus der Lüneburger Heide. Was sie an Siedlungsland vorfanden, war eine baumlose unfruchtbare Sandsteppe, die sich zur Regenzeit in Sumpf und Morast verwandelte. Und während man seinerzeit anderen Siedlern Tiere und Geräte gegeben hatte, gab man ihnen nichts als diesen unwilligen Boden. Mittellos fingen sie an. Was folgte, ist ein Hohelied auf die Treue der deutschen Arbeit. Unter Hunger und Entbehrungen ohnegleichen, in verbissener Arbeit, die auch die Kinder nicht ausschloß, haben sie in Jahren, die sie die beste Kraft ihres Lebens kostete, aus der Wüste ein fruchtbares Neuland geschaffen. Wege, Häuser, Felder, Gärten, Wälder entstanden, wo früher der tote Sand in Herbst- und Frühlingsstürmen wirbelte. Alles was das große Kapstadt an Gemüsen benötigt, kommt nun aus dieser einst so unwegsamen Steppe. — Aber die sie bebauten, haben lahme Hände und krumme Rücken bekommen über diesem Zuviel an Arbeit. Sie, die mit ganzer Zuversicht an die fremde Küste kamen, und geträumt hatten von sonnigen Sonntagmorgen auf der Bank vor dem Hause, die Kinder auf den Knien, — haben Frühling und Sommer und Herbst ihres Lebens hinschwinden sehen unter Hunger und Not und Arbeit und noch einmal Arbeit. Aber dann war es geschafft. Als stillgewordene Alte saßen sie endlich ausruhend auf der eigenen Schwelle. Und vor den staunenden Augen der Fremden lag, als Zeugnis deutscher Bauernkraft, ein blühendes Land. ♦ Es war ein Sonntagmorgen, als ich in der Vlakte eintraf. Die Gemeinde war in der Kirche, ich schob mich still in die Bank. Vorne am Altar prüfte ein alter Mann junge, blondhaarige Kinder für ihre Konfirmation. Ich sah mich in der hellen, hübschen, freundlichen Kirchs um: rings in den Bänken faßen lauter deutsche Bauern; die schwieligen Händer gefaltet, sahen sie ernst auf ihre Kinder, die nun ins Leben hinaustreten sollten. Nicht ein Hauch von fremder Art hatte diese Menschen gestreift in all den Jahren, die sie nun so ferne von der Heimat waren, sie waren so wunderbar einfältig, wie nur irgendein Bauer zu Haufe unterm Strohdach. Vor mir faß ein alter Mann, wie ich dann hörte, der Aelteste dieser Ansiedler. Sein weißes Haar leuchtete wie Schnee. Er war so klein, so faltig, so verschrumpft geworden vor lauter harter Arbeit, so ein demütiges kleines Menschenbild, aber es hätte mich nicht gewundert, wenn durch die offene, fonnenflimmernde Türe ein Engel Gottes getreten wäre, um vor diesem Alten das Knie zu beugen. Nahe vor seinem letzten großen Feierabend stand er an seinem Platze, ehrfürchtig das weiße Haupt gebeugt, während er das Gebet sprach in den Worten seiner Lüneburger Vorfahren. Die Kinder vorne am Altar antworteten mit heller Stimme auf die Frag« des Pastors, sie hatten gut gelernt und recht verstanden; die Eltern hörten zu, mit rührendem Stolz in den ernsten Gesichtern. Später holte der Lehrer mich ab zu einem Gang in die Schule. Dieses einfache Haus, vor vielen Jahren aus Opfern und Not erbaut, um den Kindern Wissen und Art der Heimat zu erhalten, hat seine Bestimmung treu erfüllt. Aus den freundlich-dürftigen Räumen, von deren Wänden die fernen Landschaften der Heimat blicken, ging und geht eine Generation ins Leben, die für Ehre und Ansehen Deutschlands ihr ehrliches Teil still und treu gewirkt hat und weiterhin wirkt. Voller Stolz zeigte der Lehrer sein kleines Reich. Ein Rundgang durch verschiedene Gemüsefarmen zeigte recht anschaulich den erstaunlichen Segen, der aus dem Schweiß und aus der Ar..it dieser Lüneburger Bauern erwachsen ist. Alle nur erdenklichen Gemüsesorten prangten in unglaublicher Größe und Vollkommenheit au den Feldern, wahre Ausstellungsstücke, herrliches Obst leuchtete aus dem dunklen Laub, und auf den freundlichen Höfen führten stolz die Hähne ihre schönen Hennenscharen. Ein paar der alten, ehrwürdigen Häuschen, m denen vor 50 Jahren das hoffnungslos scheinende Werk begonnen wurde, stehen noch: Lehmwände, mit Stroh gedeckt. Nun wohnen sie alle in sauberen Steinhäuschen mit sreundlichen Veranden, und Blumen blühen überall. Wo ich hinkam, wurde ich mit Fragen bestürmt nach der Heimat, nach Deutschland; sie sind mit ihm verwürzest und verwachsen, ie, die das Land zum Teil nie gesehen haben, so daß man staunend und ehrfürchtig vor folcher Kraft des Biutes steht. — Deutschland hat aber viel Grund, diesen Vlaktebauern dafür zu danken, daß auch sie, an ihrer bescheidenen Stelle, die gern gebrauchte Unwahrheit von der Kolonisationsunsähigkeit der Deutschen [o schlicht und einfach widerlegt haben. * Die Nordprovinz unserer ehemaligen Kolonie Deutsch-Ost ist wohl das Schönste von allem, was dies herrliche Land aufzuweifen hat: sie umfaßt das geheimnisvoll göttliche Gebiet des Kilimandscharo und des Meru, die ewigen Wälder um den Ngorongoro, die wunderbar freien und verlockenden Steppen um den Longido. Sie liegt zwischen dem dritten und dem vierten Breitengrad, also sehr äguatorial, aber die be- Kirchlichen Höhenlagen geben frischere Tage und oft recht kühle Nächte. Gesund und fieberfrei, fruchtbar und berückend schön ist sie ein Juwel unter den Provinzen unseres lieben alten Koloniallandes. Rings um den Kilimandscharo und Meru und bis hinein in die Steppe dehnt sich das Siedlungsland. Viele Deutsche sitzen da, ältere Leute, die vor dem Kriege schon jahrelang in dem Land gearbeitet haben, die sich und ihrer Familie in Afrika eine Existenz aufbauen wollen. Menschen aller sozialen Schichten arbeiten hier in lebendigster „Gleich- chaltung". Arbeiter und Studierte, Adel und Bauern, alte Schutz- truppler und Jugend der Nachkriegszeit eint ein und dieselbe Hoffnung, ein und dieselbe Sorge: Kafseel Und sie arbeiten nicht für den Tag und den raschen Erwerb, sie chauen auch in die Zukunft, sie forsten wieder auf, wo sie geschlagen haben. Es geht ihnen nicht besonders gut, den Deutschen hier, sie haben viele Sorgen, aber sie geben die Hoffnungen nicht auf und schlagen sich tapfer durch, zum Teil in Betätigungen, die ihnen nicht an der Wiege gefangen worden sind. So kenne ich zwei Mitglieder des deutschen Hochadles, die ihr Brot als Frachtfahrer verdienen; mit ihren Loren von 1,5 Tonnen fahren sie Tag für Tag über bie staubigen, glutenden Straßen, Meilen um Meilen, mit Zement, Kaffee, mit Sand, mit Kisten, was immer es ist, das man ihnen anvertraut, laden auf, laben ab von Sonnenaufgang bis oft in bie späte Nacht, müssen mit- nehmen, wer fahren will, weiß wie schwarz, müssen sich einen Schilling anbieten lassen ober Grobheiten, roie’s gerade kommt, und sind dennoch immer bereit, immer höflich, immer guten Mutes. * Am Rande der Urwälder, an den Hängen eines gemaligen Vulkangebietes ist eine Siedlung von deutschen Kaffeepflanzern entstanden, die eine ganz vorbildliche Leistung kolonialer Arbeit darstellt. Im 3abre 1927 zwei Jahre, nachdem die Engländer dieses ehemals deutsche Land auch deutschen Siedlern wieder öffneten, drangen arbeitsfreutnge Kulturpioniere in die auffteigenben Urwälder am Oldiani, noch ohne Weg und Steg und rodeten aus den feuchten, grünverstrickten Schlupfwinkeln der Rhinozerosse und der Elefanten Hektar um Hektar in harter Arbeit zu Kaffee- und Maisland um. Dieser Versuch erwies sich als sehr glücklich. Die nahrkraftige Lavaerbe ließ alles rasch unb gut emporwachsen; Wasser gab es oben im Urroalb genug, um es in schmalen Bewässerungsgraben auf bie Pflanzungen herabzuleiten, bie sehr nassen Nacht- unb Morgennebel sorgten für Luftfeuchtigkeit, auch wenn ber Regen ausblieb; bie als Sonnen- und Windschutz angepflanzten Schattenbäume schossen rasch in bie Hohe unb taten balbigft ihre Pflicht; so wuchs ein starker unb junger Kaffee heran, ber sich gegen Schüblinge zu behaupten wußte. Cs ist eine wahre Freube, zur beginnenben Erntezeit biefe Psian- zunaen ZU besuchen, und weichin im dunklen ßaub die roten Aasseekirschen leuchten zu sehen. Die fröhlichen Geräusche einer Kaffee-Ernte, ber Gesang ber pslückenben Kinder, bie hellen Rufe ber in ber Pflanzung verstreuten Affenwächter, bas Surren ber Fabrikanlage, bas Tappen ber vielen nackten Sohlen unb ab unb zu ein schwäbischer ober bayerischer Krastausbruck bleiben einem noch lange heiter im Ohr. Die Farmhäuser am Dibiano finb nieder unb langgestreckt, mit dicken Strohdächern aus Bambus, die Wände aus einer Mischung von Lavaerde Nashorndung und gehäckseltem Bambus zusammengebacken, innen mit 'etwas Farbe bestrichen, die Möbel selbst gemacht aus den edlen Hölzern des Urwaldes. All die vielen Erinnerungen an die Heimat: das Bild eines Gutshofes irgendwo in der Mark, eine Ansicht von Goethes Gartenhäuschen, die Kameraden vom Regiment, ein paar deutsche Feldblumen, liebevoll getrocknet, wirken in solch exotischem Häuschen recht seltsam und ergreifend. Als ich Südwest verließ, baten die Deutschen: vergessen Sie unser armes Sandland nicht über den Wäldern von Ost — unb es lag tn dieser Bitte schon ber Unterton: Sie werben es ja doch vergessen. Ms ich in Ost ankam, sagten bie Deutschen: „So, nun erholen Sie sich mal von bem Paviansland da drüben!" Und ich selbst, voll Hunger nach Laub und Gras unb etwas mehr Süße bes Lebens, stürzte mich froh in bie lleppigfeit ber ostafrikanischen Landschaft. ♦ Diese beiden Länder, so verschieden wie Tag und Nacht haben nur eines gemeinsam: bie Sonnei Sübwest, bas heißt: Sanb unb Stein unb Entbehren, bas heißt Herden, bie Nahrung suchenb burch kargen, unenblichen Busch ziehen, Land der Weiten über Menschenmaß unb ber Stille über Menschenmaß und der Einsamkeit über Menschenmaß. Oft — das ist Afrika wie bas Herz es träumt: Urwälder, in denen Fruchtbarkeit seit tausenden von Jahren kocht, Steppen und Dickichte, in Denen die großen Wildrudel der Vorzeit leben, Berge, bie ihre Häupter aus Zedern unb Erikawölbem, aus lleppigfeit unb lebensvollem Geheimnis heben, Städte mit Sportplätzen und Villenvororten, Geselligkeit unb Frohsinn — pulsendes Leben, warmes Leben, freies Leben, hinreißendes Leben — unb dennoch — ich habe Heimweh nach Siid- westi Wieder einmal erweist sich das unbegreifliche Ratfel des menfch- lichen Herzens, das sich aus der Fülle in die Kargheit sehnt, als dem einzigen Weg zu sich |elbft. Mitten in den grünen, von Fruchtbarkeit beratenden Tiefen des Urwaldes, wo Geben noch auf dem faulenden Holze toter Stämme wuchert und überall im feuchten Dickicht das gewaltige Wild der Urwelt sich regt, muß ich an das verloren ziehende Bergkudu denken auf den rötlichen Felsen der Errosberge, an den einsamen dunklen Kameldornbaum am Rande der abendlich brennenden Kalahari und an das Nachtlied der Grillen. Lebensmitte. Von Wilhelm Luetjens. An meines Gartens wiesengrünem Saum mit vollen Früchten prangt der Apfelbaum. Weither aus fernen Wäldern weht der Wind, mit feinen Puppen spielt im Gras mein Kind. Die Mutter sieht dem Spiele innig zu, in ihren Blicken glüht ein dunkles Du. Aus vielen fremden, vielen leeren Stunden hab ich zur Kindheit neuen Weg gefunden. Den Wind der Weiten rauschend noch im Ohr, fing ich mein kleines Lied im Lebenschor. Ein roter Apfel wiegt sich reif im Winde — Ich breche ihn und geb ihn meinem Kinde. Noch prangen Früchte viel im vollen Baum an meines Gartens (ommerbuntem Saum. Das eigene Haus. Eine Erzählung von Johannes Linke. Als die Zimmerleute, von den Maurern und einigen Nachbarn untersetzt, den Dachstuhl gehoben hatten, der Richtbaum mit den Bändern und 'Papierfähnchen aufgenagelt war und der Zimmermeister vom Firstbaum aus, mit dem Bierkruge in der Hand, den Bauherrn hatte hochleben lassen, sein Haus aber in Gottes Obhut besohlen hatte, ver- jammelten sich die Handwerker und ihre Helfer in der unfertigen großen Stube, wo ein Tisch von rohen Bohlen aufgefchlagen stand, den zwei Bretterbänke säumten. Durch die scheibenlosen Fensteröffnungen strich der milde Nachsommerwind, von dem sich die Schwalben geschwader- weise emporreißen ließen, um über ben höchsten Baumwipfel auseinanderzustieben, durcheinanderzuflitzen und wieder gemeinsam bis dicht an die Gräser herniederzuschießen, wo sie sich im Sturze fingen und erneut mit wenigen Flügelschlägen zur Höhe strebten. Der Bauherr zapfte das große Faß an, das auf zwei Holzblöcken lag, und die Hausfrau half ihm beim Auffüllen der Krüge, die von den Lehrbuben an ihren Platz gestellt wurden. Man lobte das schöne Bauwetter, in dem die Arbeiten noch einmal so rasch vorangegangen waren, als wenn der Sommer verregnet wäre, labte sich an dem frischen Bier, scherzte und sang Da sagte einer der Nachbarn, die beim Balkentragen geholfen hatten: Du hast ein rechtes Glück mit deinem Hausbau, Georg. Andern Leuten fällt er schwerer: da paßt das Wetter nicht oder das Bauholz taugt nichts, oder das Geld für die Handwerker geht ihnen überm Bauen aus, oder es stürzt einer vom Gerüst und bricht sich die Knochen, oder es geht ihnen wie meinem Vater, daß sie den Hebeschmaus nur noch tot erleben." Die meisten wußten nichts mehr davon, wie das gewesen war, andere erinnerten sich nur noch schattenhaft an diese Dinge, jedenfalls wollten sie alle 'nähere Auskunft darüber haben, und so erzählte der Nachbar: „Wie ich ein Bub war, da wohnten meine Eltern mit uns Kindern bei fremden Leuten in der Herberge, und wir hatten nur zwei kleine Stuben und waren unser sieben, und meine Mutter konnte keine Geiß füttern, weil wir keinen Stall hatten und keinen Platz im Stadel, wo wir ein Heu ausheben dursten. Solange ich denken kann, hatte mein Vater im Sinn, für uns ein eigenes Häusel zu bauen, damit wir doch wenigstens unabhängig würden und uns rühren könnten. Immer wieder sprach er mit uns davon, und oft einmal riß er ein Blatt aus unferm Schreibheft und malte auf, wie das Haus ausfehen sollte, wo die Küche hinküme und wo der Stall, und im Bodenraum sollten zwei Schafstuben sein, und hinter der Küche eine Kammer, und ein kleiner Stadel sollte ans Haus angehängt werden, genau so, wie es jetzt bei unserm Hause der Fall ist. Aber dann fing er wieder an zu rechnen und zu zählen und zu überlegen, und wenn er zuvor gelacht und gesungen hatte, so kam er hinterher allemal in Sorgen, denn mein Vater, ihr werdet's viel- le'cht noch wissen, war ein Holzmacher im Sadtwald, und von seinem Lohn blieb nicht viel übrig, weil wir alles selber kaufen mußten: Milch und Brotmehl, Erdäpfel und Schmalz. Ins Wirtshaus ging er nie; da reute ihn jeder Pfennig, den er fürs Bier hätte ausgeben müssen. Einmal, ich ging grab bas erste Jahr zur Schule, nahm uns mein Vater mit hinaus auf einen Reutfleck vom Dorfe, ich weiß es noch wie heut, und sagte: „Das Land gehört unser, und bis in zwei, drei Jahren steht hier unter Häusel". Es war kein überaus großer Fleck, vielleicht ein Tagwerk, und ganz voll Steine und Stöcke und Wurzelgelump, mit Kraut und Staudenwerk bewachsen, eine rechte Wildnis, aber es war nun unser Grund. In jeder freien Stunde haben wir dort Steine zusammengetragen und Stöcke ausgegraben, und mein Vater hat den Keller und den Graben für die Grundfesten ausgeschachtet und hat mit den Zimmerleuten die Balken behauen, und alles, was er selber tun konnte, hat er getan. Nun war aber mein Vater, getröft ihn unser Herrgott, ein ganz besonderer Mann, müßt ihr wissen, und von den Steinen, die wir aus unserem Grund heraufgeholt haben, taugten ihm nur die allerschönsten zum Hausbau; die andern mußten wir an unsere Flurmark bringen und sie zu einer Feldmauer aufeinanderschichten. Auf die Art vergingen zwei Jahre, wir hatten schon einen schmalen Ackerstreifen mit Erdäpfeln an- gebaut, und in diesem Sommer sollte nun unser Haus aufgerichtet werden. Unten am Bache, wo er den großen Bogen macht, gruben wir den schönsten Flußsand aus und fuhren einen Schubkarren voll nach dem andern zu unserem Bauplatz. Die Dielenbretter waren luftig auf- gerichtet, der Kalk war auch schon angefahren und in der Grube gelöscht, also alles war da, nur die Maurer gingen uns noch nicht her, weil sie anderswo noch zu arbeiten hatten. Die Bauern fingen gerade mit dem Heuen an, da wurde mein Vater ungeduldig, weil er meinte, das Häusel könnte in diesem Jahr wieder nicht mehr fertig werden. Am liebsten hätte er selber allein die Mauern aufgeführt, aber davon verstand er nichts. Deswegen ließ er es [ein und ging zu dem Berghang, wo der allerhärteste Stein felsenmäßig aus der Erde kommt, und brach sich dort mit dem Pickel und der Eisenstange die fauberjten Brocken, wenn er gleich schon mehr als genug am Bauplatz hatte. Und wie er so mit der Brechstange hantiert, aus einmal wird die ganze Wand locker und kommt ins Rutschen, er wirst sein Werkzeug weg und springt fort, so geschwind er kann, der Steinfelsen hinter ihm drein, aber die Masse konnte meinen Vater nicht mehr erwischen, weil er zu schnell war. Nur ein einziger Brocken, gar nicht recht groß, etwa wie ein kleiner Laib Brot, traf ihn noch am Kreuz. Er hat sich gar nicht viel drum gekümmert, wenn ihm auch der Rücken furchtbar geschmerzt hat, sondern hat seine Arbeit fertig verrichtet und ist heimgegangen. Zwei Tage lang hat er sich noch hin- geschleppr, aber am dritten hat er sich vor lauter Wehtun und Mattigkeit niederlegen müssen — und an diesem selben Tage haben gerade die Männer mit dem Bauen angefangen." „Das wird ihm hart geworden sein, deinem Vater", seufzte der Bauherr, „bas kann ich ihm nachfühlen." „Jawohl", sagt ein älterer Maurer, jetzt kann ich mich auch noch drauf besinnen. Ich hab selber damals als Lehrbub bei dem Bau mitgearbeitet. „Mein Vater", fuhr der Nachbar fort, „hat sich seine Bettstatt ans Fenster stellen lassen, aber sehen konnte er von dem Bau nichts, weil andere Häuser und allerhand Bäume dazwischen waren. Aber wenn das Fenster bei der warmen Zeit offenstand, hat er die Maurer oft einmal aus der Ferne gehört, wenn sie die Steine beklopft oder geschrien haben, wie es die Maurer so machen. Ich hab meinem Vater immer erzählen müsson, wie weit sie sind und er hat mir zugehört und hat die Zähne zusammengebissen vor lauter Verdruß und Traurigkeit, weil er nicht selber mithelfen konnte. Das ist aber auch wirklich eine Kreuz gewesen für diesen Mann. Jahrelang hat er sich geplagt und hat gehaust und hat nichts im Sinne gehabt als den Hausbau, und hat sich darauf gefreut wie ein kleines Kind, und nun, wie es endlich so weit war, mußte er daheim im Bett liegen und Schmerzen leiden. „Wenn sie erst fertig sind", hat er gemeint, „dann werde ich schon wieder gesund sein, aber bann ift’s zu spät." Aber er ist nicht roieber gesunb geworben, sondern von einem Tag zum andern ift’s ihm schlechter gegangen. Zuletzt hat er sich gar nimmer rühren können, und wir haben ihn füttern müssen, daß er nicht verhungert ist. Die Türstöcke wurden eingesetzt und die Fensterstöcke, das Balkenlager für den Boden wurde eingezogen und der Kniestock in der Höhe aufgemauert, und nun war alles fertig bis aufs Dach. Wie nun mein Vater gehört hat, daß der Dachstuhl gehoben wirb, hat er so lange gejammert und gebettelt, wir sollen ihn hintragen dazu, daß roir’s zuletzt getan haben. Zwei Maurer packten die Bettstatt vorn an, und zwei Zimmerleute trugen sie hintennach. Es war ein wunderbarer Tag wie heute, die Bauern hatten schon den Hafer eingefahren, und das Grummet lag auf den Wiesen gehäufelt. Die Luft ging mild über die Stoppelfelder, und die Sonne schien warm, als sie meinen Vater nach seinem letzten Willen zum Bau brachten. Es war wie ein Leichenzug, und die Männer, die uns begegneten, blieben stehen und taten ihre Kappen ab. Unten in der Küche setzten sie bann bie Bettstatt nieber. ba konnte er jebes Wort hören und jeden Handgriff sehen, weil in der Höhe noch keine Bretter gelegt waren. Er hat die Hänbe gefaltet unb hat ben Hanbwerkern zugeschaut, wie sie bie Stellsäulen aufrichteten unb bie Stellbäume darüber legten. Daß er glücklich war, bas haben wir an [einen Augen gesehen: bie leuchteten wie zwei Sterne am Himmel. Wie aber bann der Zimmermeister auf ben Firstbaum hinaufstieg unb ben Bauherrn hochleben ließ, ba war er schon tot." „Der Mann hat ein hartes Schicksal gehabt", seufzte bie Hausfrau, „aber wenigstens ist ihm eine schöne, glückliche Sterbestunbe vergönnt gewesen, und das ist auch etwas wert." „Jawohl", nickte der alte Maurer, „bas weiß ich noch gut. Das war ein trauriger Hebeschmaus. Deine Mutter hat geweint, unb ihr Kinber habt geweint, unb bie Zimmerleute haben ein Totenbrett von ben Dielenpfosten abgeschnitten unb haben beinen Vater draufgelegt, und hernach haben wir erst einmal miteinander gebetet, unb wie wir bas gebebter tranken: immer lag ber tote Bauherr auf bem Brett zwischen uns. So etwas kommt alle hunbert Jahre einmal vor, bas vergißt man nicht leicht." , „„ „Das ist auch ein Glück", lachte der Bauherr, „daß es nicht öfter vorkommt, denn schließlich baut man sich doch fein Haus nicht nur zum Sterben, sondern auch zum Leben. Und nun trinkt Männer, unb feib luftig!* Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Derlag: Drühl'sche Universitäts-Duch- unb Steinbruderei, R. Lange, Gießen.