SietzenerKmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1936 Montag, den 9. März Nummer 20 eheimnis der ^eide ROMAN VON FRANK F. BRAUN (7. Fortsetzung.) Die Orangenmarmelade war wirklich' gut, und der Honig duftete verlockend: aber Frau v. Blinkburg schob den Teller zurück. Ihr war plötzlich der Appetit vergangen. Sie rührte mit dem Lössel in der Tasse und mutzte es gar nicht; als das Porzellan anklirrte, schrak sie zusammen. Aber weshalb? Die Kellner waren ja fortgegangen. Es gab nichts mehr zu hören. Sie wollte auch nichts mehr hören. War es nicht gerade genug, was Se erfahren hatte, sogar die Hotelangestellten machten sich ihre Ge- anken über den Fall Alwien, selbst den Kellnern war Adalbert Steyer verdächtig geworden. Wie lange konnte es dauern, und die Behörden bekamen Wind von diesen Mutmahungen und machten sie sich zu eigen? Haftbefehl gegen den Schriitsteller Adalbert Steyer. Mordverdacht. Ber- dunkelungsgefahr. Sofortige Festsetzung des Verdächtigen. Eine Frage der Zeit? Vielleicht schon aufgesetzt, unterwegs nach hier mit dem Gendarmen! Und der Törichte, dieser Steyer, gab sich dem Spielchen hin, eine Weile den gewitzten Privatdetektiv seiner Romane vorzustellen. Mutzte man ihn nicht warnen? Aber die Gerechtigkeit! Die Gerechtigkeit ist auch eine Art Rache. Die Gesellschaft nimmt sie vor, der Staat. Sie fühlte sich — grandiose Empörerin in diesem einzigen Fall — dieser Gemeinschaft nicht an- geschlosseNaßte Schriftsteller nicht. Selbst wenn der Verdacht sich verdichten würde, selbst wenn es eines Tages Unabweisbarkeit sein sollte, in ihm den Mörder Alwiens zu sehen, — ja, was dann? Sie dachte nicht zu Ende; sie wagte es nicht. Aber sie fühlte stark, wenn ihr Ja oder Rein einmal ausschlaggebend in Frage kommen würde, war Steyer gerettet. Und sie erschrak nicht einmal über dieses Wissen. Sie trug es wie eine schicksalhafte Fügung. Vielleicht war Fatalismus dabei, — oder nur frauliche Passivität; denn, nicht wahr, wenn Gott nicht wollte, dah dies alles geschah, wenn ihr nicht gerade diese Rolle zugedacht gewesen wäre, wie leicht mußte es dem lieben Gott sein, ihre Empfindungen zu ändern! Rein, sie sorgte sich nicht sonderlich, die schöne Frau v. Blinkburg; ihre Seele oder was hinter dem Wort stand, reagierte höchst ungewohnt und durchbrach Form und Tradition. Nahm man das hin? Noch hatte ja keine Obrigkeit den Finger gereckt und auf Steyer deutend verkündet: er ist schuldig. Dieser allerletzte Gewissenskonflikt war ihr bis jetzt noch erspart. Warnte man also den Steyer, wie es das Empfinden verlangte? Warnte man ihn mit allen Mitteln, die zu Gebote standen. Und rasch, ehe die Antwort vom Schwa- Ser eintraf, ehe das Resultat der chemischen Untersuchung womöglich hreckliche Klarheit brachte. , Sie zog den Teller nun doch wieder heran, nahm em Brötchen und machte es sich zurecht. Man muh immer wissen, was man will. Dann ist das Leben einfach und kann sogar sehr schön sein. Das Brötchen war frisch und knusprig; die Butter hatte einen zarten Teedust. Ueber den Rand der Kiefern kam mit ersten spitzen Strahlen die Sonne. Alles war Heller, klarer und zuversichtlich. Ein Vogel schlug sein Morgenlied an; sicherlich eine Nachtigall. Als Adalbert Steyer nach Stunden im Hotel anlangte, er kam geraden Wegs vom Bahnhof, fand er Frau v. Blinkburg in rosigster Laune auf einer Bank unterm Sonnenschirm im kleinen Vorgarten. Er wollte mit einem Gruß vorbeigehen, sicherlich hatte er die Absicht, sich erst ein wenig zurechtzumachen, aber seine Freundin rief ihn an und rief ihn an ihre Seite. Da folgte er ihr gerne, denn bis zur Tischzeit kam er immer noch einmal auf sein Zimmer. „Ich danke Ihnen für den Briefbericht. Sie nehmen sich >a des Falls mit einem fast erstaunlichen Eifer an, Herr Steyer." Er lächelte ein bißchen und nahm neben ihr Platz. „Erschien ich Ihnen so lässig, daß Sie sich jetzt wundern müssen? „Nein, das natürlich nicht. Aber zuweilen taucht die Frage auf: was geht den Schriftsteller, der hier zur Erholung weilt, dieser Kriminal- fall an!" „Sie haben recht. Ich mutzte mich in letzter Zeit das selber einige Male fragen." „Und die Antwort?" Er sah ins Leere. „ , _ „Ich kann es nicht erklären. Mich hat eine seltsame Lust gepackt. So, denke ich mir, zog Columbus aus, so setzten sich die Alchimisten vor die Retorten, so betreten Hazardeure den Spielsaal in Monte Carlo." Ihr Mund war ganz schmal, ein Strich nur; in den gepreßten Lippen war kein Blut. „Va banque", sagte sie, und der Schreck fiel in sie hinein: dies ist so gut wie ein Geständnis. Aber es war schon etwas Sonderbares um dies Spiel und Gegen- Augen leuchteten, dann lachte auch sein sagte er. „Sie wissen den Einsatz. Ahnen Sie den Preis?" Frau v. Blinkburgs Gesicht entspannte sich. Sie lächelte zurück. Diese Worte nahmen etwas und schoben es weit weg; diese Worte waren eine Angelegenheit zwischen dem Mann und der Frau. Eine Werbung. Sie verstand das sofort. Es war im einzelnen nicht ganz klar, was er meinte. Aber so war Männerart; ihr Stolz gestattet ihnen nicht, sich auszuliefern, immer bleibt da die Möglichkeit des Rückzugs. Sie hatte die Frage schon auf der Zunge, spitzte schon den Mund zum spöttischen Tonfall: wie meinen Sie das? Ader dann fragte sie doch nicht. Dies Kampfspiel hatte wohl andere Regeln. Sie war für den sofortigen Themawechsel, der den Mann weiterhin zum Reden bringen mußte. „Sie fuhren gestern abend wirklich noch nach Hamburg, Herr Steyer? , fragte sie, als ob sie nicht ganz sicher sei, daß er eben mit dem ersten Zug von dort zurückgekommen war. Adalbert Steyer nickte bedächtig. Er war sofort — und dies Sofort konnte fast peinlich berühren — bei der Sache und gab die Plänkelei auf. „Ich fuhr gestern abend, wie ich es Ihnen geschrieben hatte. Sie wissen, der Zug ist ziemlich spät in Hamburg. Aber für mich und meine Pläne war das gerade die rechte Zeit. Früher würde ich die rote Olga wohl doch nicht auf St. Pauli entdecken. Ich ging wieder in das Hippodrom. Aber dort war sie noch nicht. Der Stallmeister meinte, ich würde Olga in einer kleinen Wirtschaft in der Großen Freiheit treffen; dort pflegte sie zu Abend zu essen. Also machte ich mich auf und ging in die Große Freiheit. Kennen Sie die Straße? Da ist eine Speisewirtschaft neben der anderen. Würste, Fleischteile, rohe und fertiggekochte, liegen gestapelt in den Schaufenstern. Man braucht nur hineinzugehen, mit dem Finger zu zeigen: diese Portion möchte ich, und sie wird rasch warm gemacht. So erlebt keiner der Seeleute, die hier die Gäste stellen, bezüglich des Quantums eine Enttäuschung. Beim Schlachterhein fand ich denn auch die rote Olga. Sie hatte wohl schon gespeist und saß bei einer Zigarette. Ein paar holländische Matrosen unterhielten sich plattdeutsch oder holländisch mit ihr über zwei, drei Tische hinweg, an denen Chinesen saßen, die kein Wort verstanden. Einer der Holländer kam und gab ihr neue Zigaretten. Als sie mich sah und erkannte nickte sie mir zu und tat eine einladende Handbewegung, die auf die Bank an ihrer Seite wies. Ich setzte mich zu ihr. Wir tranken einige Grogs miteinander. Mir war bald, als spüre ich sacht die Wirkung des Jamaikarums; aber Olga war nichts anzumerken. Ich fragte sie, aber sie lachte mich aus. Ich muß noch in den Sattel steigen, sagte sie, und Eberhard, das ist der Stallmeister, hat einen neuen Schimmel gestellt, der bockt noch manchmal und will ausbrechen. Den müssen ausgerechnet Sie reiten? Ich muß nicht, ich will! Sie hatte runde, sehr glänzende Augen; sie rauchte eine honigduftende englische Zigarette und blies den Rauch aus Mund und Nase mir ins Gesicht, daß ich husten mußte. Das schien sie zu vergnügen. Und dann war sie es selbst, die mitten in das Thema sprang. Sie waren es doch, der mich neulich über Erwin ausfragte? Ja, sagte ich, aber wenn Sie Zeit haben, lassen Sie uns noch einen Grog trinken. Der Kellner war auf einen Wink bereit. Olga goß erst noch etwas von dem heißen Wasser aus dem Glas unter den Tisch, bann schenkte sie den Rum dazu. Prosit! Die Seeleute aus Rotterdam sahen mich nicht gerade entzückt an, aber sie mußten einsehen, daß ich ein alter guter Bekannter der Olga war, und sie mischten sich nicht ein. Als Sie ihren Freund Erwin zuletzt hier in Hamburg sahen, hatte er es eilig, nicht wahr? meinte ich zwinkernd. Olga trank erst noch ihr Glas aus. Sie winkte dem Kellner, ohne mich zu fragen, so gut kannten mir uns also schon. Sehr eilig hatte er es, bestätigte sie mit glucksendem Lachen. Plötzlich besann sie sich. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Unvermittelt sagte sie und stellte den Satz gewissermaßen vor sich hin: Nun ist er tot, und mir sitzen hier und lachen. x Wir müssen alle einmal sterben, sagte ich leise. Sie nickte. Natürlich. Nur, er war noch so jung. Er meinte, es ginge spiel der beiden. Steyer sah sie an. Seine Mund. „Und menn es so wäre!". bergan; dabei stand et vor seiner offenen Grube. Ich habe einen Roman gelesen. Er erscheint in Fortsetzungsheften. Er hieß — sie fand den Titel doch nicht. Da wischte sie etwas mit der flachen Hand vor den Augen weg; den Roman wahrscheinlich und die Meditation über das Sterben. Ich habe ihn gewarnt, hob sie wieder an, Auge um Auge, Bem um Bein. Zahn um Zahn. , , , Ja, was habe ich gesagt? Erwin hat mich ausgelacht; aber das war falsch. Glauben Sie an Gott? Ich meine nur: es gibt da etwas. Einer agte mir mal — oh, ich kenne feine Herren, studierte Leute, Sie müssen nicht denken, weil ich hier auf St. Pauli — aber lassen wir das. Was wollte ich? Ja, einer hat mir gesagt, Gott ist Gerechtigkeit. Immer kommt ein Ausgleich. Er war Student, und er hat mich sehr geliebt; aber er fand, ich sei verkommen. Das war auch falsch. Sie sah tiefsinnig in ihr Glas. Ich winkte den Kellner heran und er füllte es nochmals. Um auf Erwin zurückzukommen, Fräulein Olga, Sie wollten mir sagen, wovor Sie ihn warnten. Vor Gott. Vor der Gerechtigkeit. Ich kann Ihnen die Geschichte heute ruhig erzählen. Erwin ist tot. Mir kann nichts geschehen, ich war bei dem Einbruch nicht beteiligt. Ich habe an der Straßenecke gewartet. Ich hätte ihn gewarnt, wenn eine Polizeistreife gekommen wäre. Ist das nicht Menschenpflicht? Aber es kam keine Patrouille. Es regnete zu sehr. Sie waren gewiß lieber auf den Wachen. Und doch muß Verrat im Spiel gewesen sein. Die Bankfiliale war sonst nachts niemals bewacht gewesen. In der Nacht, als Erwin ein- stieg, überraschte ihn der Wächter. Erwin sagte mir, er sei angegriffen worden. Notwehr nannte er es. Gut, was geht es mich an. Das hat er mit sich selber abzumachen. Er hat den alten Mann niedergeschossen. Von dem Geld habe ich keinen Pfennig gesehen. Auch Glaskarl nicht, der mit von der Partie war. Ich bin gewiß, mir hätte Erwin etwas gegeben. Er hat nur nicht mehr die Zeit gefunden. Er hatte es so sehr eilig, hier wegzukommen und das neue Leben anzufangen. Sie rührte in ihrem Glas. Ihre Stirn war gefaltet in Nachdenklichkeit. Als sie dann wieder anhob zu reden, war sie in einem anderen Gedankengang. Trotzdem glaube ich nicht, daß Glaskarl oder die anderen Freunde sich gerächt haben. Keiner wußte, wo Erwin geblieben war. Weder Glaskarl noch die Kollegen oder ein Mädchen ahnten, daß er in eine bürgerliche Existenz untergeschlüpft war. Nur ich wußte es. Ich war seine Vertraute, wahrhaftig. Sie neigte sich zu mir. Ihre Stimme war heiser, Erregung oder Alkohol tönten sie so. Es gab nur eine Person, die unfern Erwin um die Ecke gebracht haben kann. Wissen Sie, wer es ist? Das Mädchen vom Gut in der Nähe seines Hotels. Glascha heißt sie. Ich habe sie einmal gesehen. Ihr Vater ist Professor oder so etwas. Er war bei mir, Sie wissen es. Ich habe lange gegrübelt, was der alte Mann hier wollte und warum er Erwin gerade hier suchte, den er jeden Tag im Hotel treffen konnte. Ich habe es nicht herausgefunden. Aber eines scheint mir sicher. Wenn Erwin ermordet wurde, hat es dies Fräulein, des Professors Tochter, getan! Aber weshalb? Sagen Sie mir einen Grund! Es gibt nur einen Grund, wenn eine Frau zu solcher Tat sich durchringt. Er bedrohte sie; er war gewiß ihr Liebhaber gewesen; er wurde ihr lästig und gefährlich. Nein, Fräulein Olga, das Mädchen Glascha hat ihn geliebt. Geliebt. Was sie Liebe nennen! Ich habe ihn geliebt! Ich war überrascht. Man suchte Erwin. Nie wußte ich, wann er kommen würde. Aber einmal würde es gewiß sein. Von welcher Zeit sprechen Sie?, warf ich ein. Aber sie hörte mich nicht. Ich wußte, er konnte nur kommen, wenn das Hotel schlief. Also mußte es mit dem letzten Zug sein. Er durfte nicht in mein Haus kommen, das war umstellt und Überwacht. So habe ich jede Nacht am Bahnhof auf ihn gewartet. Er kam nicht. Er konnte nicht mehr kommen. Sie schluckte. Dann schrie, ja, schrie sie plötzlich nach dem Kellner und verlangte ein neues Glas. Ich lieh ihr einen Augenblick Zeit. Vorsichtig fragte ich bann: Waren Sie auch in jener Nacht am Bahnhof, als er starb? Natürlich. Ich sagte Ihnen: jede Nacht. Haben Sie in der Nacht einen Mann den Zug verlassen sehen, der einen Büschel Heidekraut mitbrachte? Sie sah mich verdutzt an. Zufällig vielleicht?, schwächte ich die sonderbare Frage ab. Sa, ja, sagte sie, alle bringen sie Heidekraut mit. Aber ich weiß schon, welchen Mann Sie meinen. Der Glatzkopf, nicht wahr, der ohnmächtig im Abteil lag? Der in der Heide die Sternschnuppe aus den Kops gekriegt haben will! Hätte Olga mich mit der Faust zwischen die Augen geschlagen, meine Verblüffung hätte nicht größer sein können. Erst ihre neuerliche Frage: Meinen Sie den Mann?, rief mich zu ihr zurück. Ich beeilte mich, zu nicken. Den meine ich, gewiß. Karn er in ein Krankenhaus? Wo blieb er, wissen Sie es? Man schaffte ihn ins Hafenkrankenhaus, sagte Olga. Hier geschah eine Unterbrechung. Ein baumlanger Matrose betrat das Lokal. Er trug den Union Jack in Rot und Blau auf der nackten Brust. Er war sicherlich nicht mehr ganz nüchtern, aber auch noch nicht betrunken. Denn er machte eine grüßende Bewegung zu mir, als er an unjern Tisch trat. Hallo, machte Olga, und lachte den Neuangekommenen an, how are you, old friend? Der Engländer lachte mit einem Raubtiergebiß. Er legte statt aller Antwort die breite Rechte um Olga und zog das Mädchen zur Begrüßung an sich. Olga sträubte sich nicht mehr als durchaus notwendig. Der Engländer schien ein guter Bekannter, den es schon oft nach St. Pauli verschlagen hatte; aber er mußte sie wohl ein bißchen zu herzlich gedrückt haben, oder sie fürchtete für ihr Seidenkleid, plötzlich stieß sie einen kleinen spitzen Schrei aus und wehrte den Seemann mit der Hand ab. Und da geschah es. Ich war nicht handgreiflich geworden; ich hatte offenkundig eine ernsthafte Besprechung mit Olga gehabt; ich war nicht Mann im Sinne von Nebenbuhler für die Holländer gewesen, die da zwei Tische entfernt saßen und deren Zigaretten Olga rauchte. Dieser Engländer aber war ihresgleichen. Er nahm sich hier Rechte heraus, die sie keineswegs gewillt waren, anzuerkennen. Der eine Mann aus Amsterdam oder Rotterdam erhob sich. Let her go, Tommy! rief er bedächtig. So warnt eine Mutter ihr Kind. Der Engländer sah sich um, erkannte den Gegner und brüllte gereizt: Shut up! Das hätte er nicht sagen dürfen. Auf so harte Art läßt sich kein fahrender Holländer den Mund verbieten. Come on!, sagte der Rotterdamer nur noch. Und dann wirbelte ein gefülltes Glas durch die Luft und traf den Engländer genau vor die nackte Brust. Das Glas traf also auch feine tätowierte Fahne, oder der Grog war noch heiß gewesen. Der Engländer sprang an wie ein gestochener Stier. Ein Tisch fiel um. Ein Halbkreis von Fachleuten umstand sofort die Fechter. Ich nickte Olga zu. Sie sah nicht mehr zurück; sie war der Preis dieses Kampfes und wartete auf den Sieger. Der Kellner nahm meinen Geldschein und vergaß in der Aufregung, die diese Schlacht schuf, das Wechselgeld herauszugeben. Ein Brüllen schwang in der Lust, eine grelle Pfeife rief nach der Polizeistreife. In der Minute, als die besternten, lackglänzenden Tschakos auftauchten, dar- runter die erregungslosen, sicheren Gesichter von Polizisten, die solchen Lagen seit Jahr und Tag gewachsen sind, gewann ich die Straße." Frau v. Blinkburg lehnte sich aufatmend zurück. „Guter (Bott", sagte sie, „wenn man Sie angegriffen hätte!" „Angegriffen, mich? Ich sagte Ihnen ja: ich kam nicht in Frage für die Leute. Denn ich stellte später fest, daß ich in der Eile ohne genügende Ausweise hier abgereist war. Man hätte mich unter Umständen eine Nacht auf der Wache behalten." „Wie gräßlich!" „Auch das ist nicht so schlimm", lachte Steyer. „Ich habe das nach einer Reise über den Hamburger „Dom" als junger Mann erlebt. Es wurde fogar ganz nett. Wir spielten mit den dienstfreien Polizisten Skat. Ich gewann zwei Mark und achtzig. Ich weiß es noch ganz genau. Am Morgen, als mich mein alter Herr telephonisch auslöste, besorgten wir — die Geschichte spielte vor dem Kriege, zur Zeit der alten Reichsmark —, einen kräftigen Abschiedstrunk für diesen Gewinn, und die ganze Wache konnte teilnehmen." „Erzählen Sie mir das genau, das ist ja eine reizende Geschichte." „Später, gnädige Frau, wenn Sie erlauben. Darf ich Ihnen jetzt erst sagen, wie meine Nachforschungen gestern weiter verliefen? Ich muhte versuchen, den Mann, den Wanderer aus der Heide, der In einem Krankenhaus lag ober gelegen hatte, ausfindig zu machen. Die Geschichte, die mir Olga aufgetischt hatte, war ja wahrhaftig zu merkwürdig gewesen. Man hat noch nie gehört, daß einem Menschen eine Sternschnuppe auf den Kops gefallen wäre." „Silvesternacht vielleicht einmal!" Er lachte mit ihr. „Das dachte ich auch. Aber der Mann sollte ins Hafenkrankenhaus geschafft worden fein! Olga hatte das zudem alles völlig ernst vorgebracht. Ich nahm einen Taxi und fuhr in das Krankenhaus am Elbpark. Es gelang mir, in der Aufnahme aus den Einlieferungslisten jenes Tages den Mann festzustellen, der in Frage kommen mußte. Ich erfuhr, er iet noch immer Pattent und liege hier. Es war spät, man wollte mich natürlich nicht in den Saal lassen, aber ich kenne am Hafenkrankenhaus den kleinen Doktor Zurlacher, der ermöglichte mir eine kurze Unterredung mit dem Mann. Ich muhte leise sein. Er lag im großen Saal. Wir unterhielten uns flüsternd. Zurlacher blieb dabei. Er hatte mir noch zugeraunt: Gehirnerschütterung gehabt; Loch im Kopf; nicht allzuviel sprechen lassen. Der Patient war ein Schneidermeister; er hatte eine Heidetour gemacht. Auf dem Wege zum Bahnhof — er war querfeldein geschritten —, fielen plötzlich Steine vom Himmel. — Herr, Sie mögen es mir glauben ober nicht, ich kann nichts anberes aussagen als biefe Wahrheit. Faustgroße Steine. Sie prasselten nieber in die Heibe aus — wie soll ich es besser ausbrütfen? — aus heiterem Himmel. Einer traf mich wuchtig am Kopf. Ich fiel hin. Sicherlich bin ich eine Welle bewußtlos liegen geblieben. Denn als ich erwachte und verstört, fassungslos zum Zug lief, immer dies Gefühl im Kopf, gleich fällst du um, gleich ist es wieder aus, kam ich gerade noch zur Abfahrt zurecht. Noch meiner Berechnung vorher hätte ich viel zu früh dort fein müssen. Ich fragte, obgleich Doktor Zurlacher abwinkte: Sie wissen nicht, woher die Steine kamen, aus welcher Richtung? Vom Himmel, Herr, Meteorsteine. Ich habe Glück gehabt, ich konnte erschlagen werden. Sahen Sie noch jemanden in der Heide zu der Zeit, als dies geschah? Der Schneider nickte. Es ging da noch ein Mann, sagte er. Er kam auf dem Weg einher- gefchritten. Ich habe nicht auf ihn geachtet. Aber doch! Wenn Sie mich jetzt fragen: der Mann war weg, als ich wieder aufkam. Ist er auch getroffen worden und hingefallen, ober entging er bem Steinfall? Es ist noch nicht sicher; ich banke Ihnen für bie Auskunft. Schlafen Sie sich gefunb. Gute Nacht. Zurlacher geleitete mich roieber hinaus. Er fragte mich nichts, Ich war ihm sehr bankbar basür." (Fortsetzung folgt.) Mnem Jleugeborenen bei der Taufe. Von Hermann Claudius. Was dir geschieht, du selber weißt es nicht. So grüßt die Knospe das Licht, und so die Blume erblüht. Aber alles geschieht in dem großen Geschehen, darinnen wir alle stehen und kommen und gehen, ein jeder zu seiner Frist. Doch ewig bleibet, was Gottes ist. Das Märchen. Eine Legende um den Freiherr» vom Stein. Von Robert Hohlbaum. Es war in jener allertrübsten Zeit, die das deutsche Volk erlebt hat, da nicht feindliche Gewalt von außen her es niederhielt, sondern dunkle Mächte des Innern alles Starke und Gute verfolgten, das sich ins Licht ringen wollte. Der alte Reichsfreiherr vom und auf dem Stein, der fein fruchtbares Leben lang bemüht gewesen war, am Bau eines großen Reiches zu wirken, sah den Traum dieses Baues in immer fahlerem Grau verblassen und endlich schwinden. Als man die besten Deutschen in Ijodp notpeinliche Prozesse verstrickte, der Jugend das Reden und Singen verbot, als die Kerker und Festungen, die früher von Lumpen besiedelt waren, mit den aufrechtesten Männern sich füllten, als Stein selbst einer Haussuchung nur mit genauer Rot entging, da begrub er seinen Üebens- traum im Grabe einer abgrundtiefen Verbitterung, verschloß sich allem äußeren Geschehen und verließ den Bannkreis seiner Felder und Gehöfte nur mehr zu kurzen unaufschiebbaren Reisen. So vereinsamte er langsam, denn auch die Anhänger und Bewunderer, die sich vor Jahren noch in großer Zahl an jedem Tag eingestellt hatten, blieben zum größten Teile aus, die Schwachen getrauten sich nicht, und die Starken sahen entweder hinter Schloß und Riegel oder wurden so scharf bewacht, daß ihnen eine fo liebe Wallfahrt nicht möglich war. So nahm es ihn fast wunder, daß eines Sommertags im letzten Abendlicht der alte Diener ihm zwei Herren meldete. Sie feien Hessen wie er, beflissen sich der Gelehrsamkeit und hießen Jakob und Wilhelm Grimm. Der Reichsfreiherr saß im Schatten eines breitästigen Baumes in feinem Garten, das letzte Sonnenlicht spielte in den Zweigen, und so lag über der wuchtigen Gestalt ein Abglanz des großen Lebenslichtes, das dem herrlichen Manne geleuchtet hatte, und doch auch das Dunkel feines verbitterten Alters. Und dennoch fügte sich dies alles zum harmonischen ungetrübten Bilde. Das empfanden auch die beiden jungen Männer, sie hielten in der Gartentür und nahmen das schöne Bild in sich auf mit einer stillen Ehrfurcht. Erst als der Hausherr ihrer ansichtig wurde, sich erhob und sie flehend erwartete, traten sie näher, verbeugten sich, nicht demütig, was dem Alten sogleich gefiel, und nahmen Platz auf den vom Diener bereit gestellten Sesseln. Der Freiherr sprach nicht; wie es seine Art war, sah er die beiden Besucher aus geweiteten Augen ohne Rückhalt an, aber diese Musterung hatte, nichts Verletzendes an sich, sie war so selbstverständlich, wie alles, was er tat. Die beiden Brüder hielten der Prüfung freimütig stand, der ältere, mit dem ein wenig stärkeren klaren Männerblick, und der jüngere, in dessen Augen eine fast weibliche lächelnde Anmut lebte. „Was wünschen die Herren von mir? Ich sage Ihnen gleich vorneweg, über die leidige Politik äußere ich mich nicht. Nein, davon will ich nichts hören!" Die große Hand machte eine abschließende starke Geste. Wilhelm Grimm antwortete: „Wir sind keine Politiker, und wir haben uns nie um die äußeren Geschehnisse dieser Welt gekümmert." Nun regte sich Verdacht in Stein. Am Ende waren es Aestheten. Vor dieser Sorte hatte er zeitlebens einen argen Abscheu gehegt. „Ich muß Ihnen aber auch sagen, daß ich nicht willens bin, über eine Tiecksche Novelle oder die Hegelsche Philosophie zu disputieren. Papierene Dinge halte ich mir streng vom Leibe. , sind wir in aller Ehrfurcht derselben Meinung wie Exzellenz." Aber was", er wurde ungeduldig, „in Teufels Namen führt Sie ben■: u mir?" Wilhelm Grimm ließ sich nicht beirren. Er sprach ruhig weiter: „Wir haben immer mehr die Gesellschaft der Handwerkshurschen, Köhler und alten Mütterchen, kurz des Volkes gesucht als die der sogenannten Gebildeten. Und haben so auf unserem bescheidenen Gebiete, wieder in aller Unterordnung gesagt, nach derselben Wurzel gegraben wie Eure Exzellenz, der Sie ja aus den Kräften des Volkes heraus den großen deutschen Staat schaffen wollten." „Den großen deutschen Staat", lachte Stein verbittert auf, „ja, ich hatte einmal diesen sonderbaren Schwarm. Das hat man mir gründlich msgetrieben. Reden wir nicht mehr davon! Was bringen Sie also?" Nun griff der Aeltere, Schweigsame in sein Felleisen und zog daraus mit gelehrter Umständlichkeit ein Buch. „Wir haben es uns zur Aufgabe gefetzt, die Märchen, die da in Unserer Heimat noch immer roeitum im Umlauf sind, zu sammeln, damit dieses kostbare Gut dem Volke nicht verlorengehe. Nun sind sie erschienen, «nd wir bitten Eure Exzellenz, ein Stück als ehrfurchtsvolle, bescheidene Huldigung anzunehmen." Ein wenig zögernd nahm Stein das Buch entgegen, wog es zweifelnd in der starken Hand. _ , v „Märchen", fagte er kopfschüttelnd, „Märchen, in dieser Zeit der harten Tatsachen, da jeher sein Stärkstes und Bestes wirken soll gegen die Macht des Teufels? Märchen .. " „Belieben Eure Exzellenz", bat der Jüngere, „nur einen Blick hineinzuwerfen. Sollte es nicht den Beifall Eurer Exzellenz finden, so wollen wir es wieder mit uns nehmen. An unserer Verehrung wird dies nichts ändern." Stein blätterte flüchtig in dem Buche, sah auf und wieder in das Buch hinein, las ein wenig, blätterte, las wieder, bis er endlich nicht mehr ausblickte, sondern sich immer tiefer in das Buch versenkte. Die Sonne sank, der Diener stellte die Windlichter und eine Flasche Wein auf den Tisch, füllte die Gläser, daran die Brüder Grimm von Zeit zu Zeit nippten. Sie saßen ganz still, wagten kein Wort und sahen nur unverwandt in das wunderbare Antlitz dieses Mannes, der jahrelang, als alles wankte, allein Deutschland gewesen war. Und dieser Mann wurde nun eins mit ihrem Werk, nein nicht mit ihrem, mit dem Werk des Volkes, dessen Hüter sie waren, wurde eins mit der ganzen im Dunkel versinkenden, im Mondlicht wieder erstehenden Landschaft, die in ihrem Werke lebte. * Endlich sah Stein auf, seine Hände hielten das Buch, indes er mit einem weiten Blick, das Land umfing. „Sie sind glücklich zu preisen, meine Herren, daß Sie fähig waren, durch den Schlackenwust der Zeit in diese Reinheit niederzusteigen. Nun, da ich wieder zur Erde zurück muß, fühle ich doppelt die Last. Märchen ..." sprach er vor sich hin, „Märchen. Ja, Ich werde Ihnen einmal ein Märchen erzählen, das fängt an: es war einmal ein törichter Mann, der wollte ein großes Deutschland schassen. Schreiben Sie dass meine Herren! Nein, tun Sie's nicht. Sie würden Ihr reines Buch beschmutzen!" Den Brüdern war es, als umzöge sich der Himmel mit trübem (Brau, als welkten die Bäume, als verblaßten die Sterne. So sehr waren für ihren inneren Blick schon der Mann und das Land verbunden. Aber allmählich erstarkte der Blick doch an der Kraft der herrlichen Nacht. „Eure Exzellenz, in unserer Sammlung ist auch ein Märchen enthalten, darin der Prinz das Dornröschen wachküßt, das so lange geschlafen hat. Ich entblättere nicht gerne den Zauber dieser Blüte, aber wenn ich auf den sinnbildlichen Kern verweise, die ewige Wiederkehr von Winter und Frühling, von Tag und Nacht, so will ich damit nur sagen, daß diese Märchen so ganz aus der Natur und nicht aus der Phantasie irgendeines Dichters erwachsen sind. Alle Jahre, alle Tage erleben wir das Märchen vom Dornröschen. Exzellenz, auch Märchen werden wahr. Für den, der den Glauben trägt." Der Reichsfreiherr vom Stein hebt das Haupt und lauscht dem Nachhall der Stimme. Und ihm ist, sie käme nicht aus einem Menschen, sondern aus dem unfaßbaren Dunkel und Licht der unendlichen Rächt. Jagd auf den Bären. Von Woldemar Graf von Schwerin. Der Verfasser hat auf feinen Streifzügen im Nukon-Terri» torium in Kanada unvergeßliche Jagdfreuden erleben können, über die er in dem im Verlag Paul Parey, Berlin, erschie- nenen Buch „Berge der Verheißung" berichtet. Während Georg mit dem Glase nach dem Hirsch suchte, rief er plötzlich: „Ich sehe einen Bären!" Ich lieh mir das Glas geben und fah tatsächlich auf demselben Hang wie die Caribous, leider nur doppelt so weit, über der Waldgrenze einen starken kohlfchwarzen Bären, der dort offenbar Moßbeeren äste, denn er bewegte sich kaum vom Fleck. Die Aussichten waren trotz der großen (Entfernung günstig, da nicht anzunehmen war, daß der Bär so spät am Abend noch einmal nach dem Wald zurückwechseln würde. Georg fah mich zweifelnd an, da er meine Abneigung gegen lange und anstrengende Bergsteigereien kannte. „Wollen Sie wirklich bis dort hinüber zum Bären laufen? Selbst bei schnellstem Gehen wird es eine gute Stunde dauern, bis wir drüben sind." Aber die schwarze Decke drüben ließ mir keine Ruhe. Wir machten uns augenblicklich auf den Weg, und zwar talwärts in unserem bewährten Marathonlauf. Unten im Tal ging es endlich wieder etwas im Schritt, und ich fing eben an, langsam wieder zu Atem zu kommen, da entdeckte Georg unglücklicherweise über uns wieder den starken Hirsch. „Geben Sie mir die Büchse her! Wenn wir bis zum Büren einen Trab laufen, dann können wir vielleicht hinterher noch den Hirsch schießen!" Nun begann eine Raserei bergauf, daß mir Hören und Sehen verging. Dadurch aber, daß wir von Zeit zu Zeit immer wieder den Bären über uns sahen, und jedesmal deutlicher, wurde meine Passion so erhitzt, daß ich die wahnsinnige Anstrengung eigentlich gar nicht merkte. „Nur oben fein, ehe er feinen freien Platz verläßt", das war mein einziger Gedanke. Endlich hatten wir die obere Waldgrenze erreicht, und damit die ärgste Schinderei hinter uns. Mit größter Vorsicht ging es nun am Hang entlang der Stelle zu, wo wir den Bären zuletzt gesehen hatten. Das Gelände war hier ziemlich kupiert, Felsen, einzelne Fichten, kleine Sättel, die sich am Hang entlang zogen, man mußte mächtig aufpassen, um den Bären nicht zu übersetzen. Wir kamen so schließlich an die Stelle, wo wir ihn zuletzt gesehen hatten, der Platz war aber leer. Plötzlich flüsterte mir George zu: „Er ist über uns hinter den zwei Fichten, streichen Sie schnell an der kleinen Fichte vor Ihnen an, er wird gleich rechts von den Fichten erscheinen". Die Anstrichsichte war nur etwa anderthalb Meter hoch, ich kniete also rasch nieder und machte mich in Richtung auf die beiden Fichten, die etwa 100 Schritt entfernt waren, fertig. Es erschien aber kein Bär. „Kommen Sie etwas weiter nach rechts und schießen Sie schnell, er hat uns weg", flüsterte George. Ich rutschte aus den Knien etwa einen Meter weiter nach rechts und sah nun das Haupt des Bären, der mit gespitzten Lauschern nach uns herabäugte. ocu mar letzt nicht mehr zu verlieren, ich strich also an meinem 1 Gehstock an, hielt etwa zwei Handbreit unter den Fang des Baren ins Grüne und versuchte mein Heil, nicht sehr fest überzeugt vom Erfolg. «u meiner Freude brach der Bär im Feuer zusammen und flüchtete sichtlich schwerkrank, seitwärts, wo er, noch ehe ich den zweiten Schuh abqeben konnte, hinter einer anderen Fichte verschwand, ohne auf de anderen Seite wieder zu erscheinen. Ich glaubte schon, er wurde dort verenden: nach einer halben Minute kam er aber doch auf der anderen Seite wieder zum Vorschein, worauf ich 'hm sofort eine weitere Kugel gab, die aber unglücklicherweise etwas kurz hmter dem Vorderlauf saß. | Jetzt war er plötzlich wieder ganz munter und kam in leichten fordernden Fluchten den Hang herab dem Walde zu. . ™ , ... Nun kam einer von den Momenten, wo ich leider m der Regel vollkommen versage, d. h. aus dem Gefühl heraus: „Jetzt darfst du nicht vorbeischiehen", mich sozusagen überziele und dann zu kurz Diesmal war aber Diana mit mir, tm Knall sah ich den Baren durchs Fernrohr sich wie ein Haje überschlagen, und als ich absetzte, rollte er schon mit großer Vehemenz dem oberen Waldrand zu, wo er ohne noch einen Lauf zu rühren, liegen blieb. Es war ein starker, alter Bar mit kohlschwarzer Decke, und meine Freude war natürlich entsprechend. Wir nahmen uns gar keine Zeit, ihn richtig zu betrachten, sondern leaten ihn nur auf den Rücken und breiteten die Pranken aus, damit er am nächsten Morgen richtig zum Zerwirken läge, dann ging es auf die Vo°n'dem Moment, wo wir den Bären zuerst gesehen, bis zu seiner Erlegung war genau eine Stunde vergangen, und es war 5.40 Uhr, als wir auf die Caribous starteten. Der Bär hatte die erste Kugel auf den Stich bekommen, und es ist verwunderlich, daß er noch so weit ging. Den Hirsch trafen wir leider nicht mehr an der Stelle, wo wir ihn $U George schlug vor, er wolle allein hinaufgehen und mir von oben ein Zeichen geben, wenn er den Hirsch sähe, ich hatte aber diesmal auch meinen Stolz und kletterte selbst hinauf, wenn mir auch die Viertelstunde steilen Steigens nach den Anstrengungen des Tages sauer genug wurde. . . ... Alle Mühe aber war umsonst: der Hirsch war nirgends zu entdecken, die Jagd oorbeil , Ich' warf mich ins Gras, um einen Augenblick auszuruhen. Die Sonne, die den ganzen Vormittag hinter Wolken verborgen gerne en war, gönnte uns einen letzten Abschiedsblick, der gerade noch die höchsten Gipfel erreichte und dem Neuschnee auf ihnen einen schonen rosa Schirn- "" Aber George mahnte zum Ausbruch, die Dämmerung kam rasch, und wir waren weit vom Lager. Wir rechneten allerdings damit, durch Benutzung eines anderen Passes ein gut Stück Weges abfchneiden zu können, das Licht würde aber trotzdem knapp werden Obwohl wir gut ausschritten, zog sich der Weg zum Paß doch Zlemlich in die Länge, und es war schon recht dunkel, als wir ihn erreichten. Wir konnten gerade noch zu unserer Enttäuschung erkennen, daß unter uns nicht unser Lager, wie wir erwartet, sondern ein ganz fremdes Tal lag, wir also offenbar aus der Richtung gekommen waren. Der einzige Ausweg war fetzt ein anderer, hoher, fchneegefüllter Paß, und es kam nur darauf an, daß wir dort nicht im Dunkeln in unpassierbare Geroll- selder tarnen. , .... , Wir liefen, was wir konnten, um das letzte bißchen Tageslicht noch auszunutzen, und wir hatten Glück: der Paß war verhältnismäßig leicht zu machen. Oben war es allerdings schon so dunkel, dah wir nicht mehr viel sehen konnten, wir waren uns aber beide darüber einig, wo das Lager liegen mußte, und machten uns ohne Säumen an den Abstieg ... aeschütz nicht mehr auf, das bereits feit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts verwendet wurde. Da standen die Heerführer plötzlich vor einer veränderten Sachlage und wußten weder ein noch aus. In dieser militärischen Ratlosigkeit erwuchs in Deutschland der Feldherr, der als erster den taktischen Wert der bis dahin geringgeschatzten Fußtruppe erkannte. Es war Georg von Frundsberg, der Schöpfer der Jn- fanterietattit mit beweglichen Abteilungen, die erst durch den modernen Mafchinenkrieg in den Hintergrund geraten ist. Frundsberg (Freundsberg) entstammte einem Tiroler Geschlecht, das nach Schwaben gekommen war. Glänzende Feldhermgabe, orgamfato- rischer Blick, persönliche Körperkraft, Stattlichkeit, tapferes Haudegentum und eine jede Kriegsbeute verschmähende Redlichkeit vereinten sich in Georg von Frundsberg zu einer eigenartigen Erscheinung, die unter feinen Zeitgenossen einzig dasteht. Das wirkte besonders auf den romantisch-ritterlichen Sinn Maximilians. Als eifriger Gemfenjäger hatte überdies Maximilian eine besondere Vorliebe für Tirol, so daß Frundsbergs Abstammung dazu kam, um rasch das volle kaiserliche Vertrauen zu gewinnen. So wählte der Kaiser ihn zum Feldhauptmann, als er das erste Landsknechtsregiment aufzustellen beschloß. Durch seine Fuhrungs- kraft Organs ation und Taktik blies Frundsberg der neuen Truppe erst den Lebensatem ein. Mit Recht wird er daher der »Vater der Landsknechte" genannt, die er von Sieg zu Sieg gegen die Welschen führte. Das glorreiche Ruhmeszeichen dieser Siege, das deutsche Eichenlaub am Sturmhelm schmückte durch anderthalb Jahrhunderte die deutsche Waffenbrüderschaft der Landsknechte. Der deutsche Charakter der Lands- knechte ging mit dem Dreißigjährigen Krieg dahin, als durch die Ber- koppelung der Habsburger mit Spanien die sogenannte „Reichsarmee größtenteils ein Lumpengemisch sämtlicher Rassen und Völker wurde, die aus allen Windrichtungen aus bloßer Beutegier zu den kaiserlichen Fahnen hergelaufen tarnen. Mit dem großen Friedländer fiel der letzte deutsche Landsknecht durch tückische fremde Mörderhand. Dagegen waren die Landsknechte nur Deutsche, meist aus dem Süden und Westen des Reiches. Ihr bewußtes Deutschtum zeigte sich unter anderem darin, daß sie sich auch als Bundesgenossen nie mit den Schweizern vertrugen, weil diese mit Vorliebe Solddienst bet den besser zahlenden Franzosen und Italienern nahmen. Das geflügelte Wort Kein Geld, keine Schweizer" wurde von einem Landsknecht geprägt. Noch manch anderes Wort kam durch die Landsknechte in den deutschen Sprachgebrauch. So das Wort „Kamerad", mit dem sie sich gegenseitig ansprachen und das durch das bekannte Soldatenlied „Ich halt' einen Kameraden" in die deutsche Volksliteratur gelangte. Aus der Landsknechtzeit stammt nicht nur durch den Fahnenschwur die heutige symbolische Bedeutung der Fahne als Hoheitszeichen, sondern auch die militärische Gleichkleidung, die Uniform. Sie entstand übrigens durch einen Zufall. Anfangs war jeder Landsknecht so gekleidet und | bewaffnet, wie er es eben aus eigenen Mitteln vermochte und verstand. Die Uniformierung, die für jedes Fähnlein zumeist anders war, ergab sich dadurch, daß einmal die Kasse eines Fähnleins leer war und der Hauptmann den Sold nicht auszahlen konnte. Er befaß jedoch als Kriegsbeute mehrere Ballen schwarzer und weißer Tuche. Das Fähnlein erklärte sich bereit, das Tuch an Zahlungsstatt für den Sold anzunehmen Der Troßschneider des Fähnleins machte daraus für alle Mann eine gleiche Bekleidung in Schwarz und Weiß, womit die Leute stolz einherspazierten und von den andern bunt durcheinander gekleideten Fähnlein beneidet wurden. Sogleich wollte jedes Fähnlein ebenfalls feine neue gleichmäßige Bekleidung haben, um die engere Waffenbrüderschaft auch nach außen zu zeigen. Damit war der Gedanke der militärischen Uniformierung in die Welt gefetzt, um bann später für die stehenden Heere allgemein durchgeführt zu werden. Aus der Landsknechtzeit stammt auch einer der wichtigsten taktischen Begriffe, die Kampfreferve. Sie ergab sich aus der Kampfweife der Land e„echte. Beim Angriff bestand das erste Glied aus den doppelt befolbelen „verlorenen Knechten", die gegen den Gegner ausschwärmten und dabei zumeist ihr Leben einbüßten ober schwer verwunbet würben. Hinter ihnen griff, geschloffen unb mehrere ©Heber tief, der „helle HaUf" an, feine Fahne zum besseren Schutz im vierten ober fünften ©lieb. Bei ber Verteibigung bilbete ber Häuf ben „Igel", bas lanzenstarrenbe Karree, in bas ber angreifenbe Gegner einzeln mit ben Hellebarben hereingerisfen würbe. Ob also Angriff ober Sßerteibigung, stets erfolgte ber Kampf in einer streng geschlossenen Formation unb bamit mit einer so gewaltigen Stoßkraft, baß man ben geschlagenen Gegner nicht zur Ruhe kommen lassen bürste, solange er nicht seiner eigenen Geschlossenheit beraubt unb bamit zu einer plötzlichen Wieberaufnahme bes Kampfes unfähig war. Das Auseinanderfprengen bes zurückgehenben Gegners konnte aber nur burch eine zielbewuhte unb hartnäckige Verfolgung erzielt werben, wozu jeboch bie eigene kampferfchöpfte Truppe zu miibe war. Daher hielt balb jeher Heerführer einen befonberen Haufen zurück, ber sich nicht an ber Felbschlacht beteiligen Durfte, säubern erst zur Verfolgung bes geschlagenen Gegners ober zur Deckung bes eigenen Rückzuges eingesetzt würbe. Ihren mobernen Kampfwert erhielt bie Reserve in ber zweiten Hälfte bes Dreißigjährigen Krieges, nachbem W a l l e n ft e l n gezeigt hatte, baß man mit ber Reserve nicht bloß untätig auf Sieg ober Nieberlage warten mußte, fonbern besser mit ihr ben Sieg erzwingen konnte, wenn man bie aufgesparte frische Truppe schon währenb bes Kampfes gegen ben ermübeten Gegner ober an bebrohten Stellen zum Schutz ber eigenen erschöpften ober gelichteten Kampftruppen eingreifen ließ. Die kulturelle Bebeutung bes Lanbsknechtswefens liegt in ber Schöpfung bes kamerabfchafttichen Geistes beutfcher Waffenbrüberfchaft, der in Deutschlands Notzeiten durch fein stets Neuerwachen immer wieder feine Unsterblichkeit erweist. Als Berufssoldaten erbeten in ben kriegerischen Zeitläuften ihres Bestehens wenige Lanbsknechts im heimatlichen Bett. Die meisten deckten bie Schlachtfelber West-, Mittel- unb Süd- I europas. Deutschlands erste Waffenbrüderschast. Aus ber Geschichte des Landsknechtswesens. Von A. T u r a t. Als bie selbschukischen Türken zu Beginn bes fünfzehnten Jahr- hunberts ben Balkan erobert hatten, stießen ihre Raub-, Brenn- unb Morbzüge gegen bie „Ungläubigen" in bie Steiermark vor. Der enb- tofen Drangsal miibe, grünbeten bie steirischen Ackerbürger ber kleinen schwachen Grenzstäbte einen gemeinsamen Heimatschutz, besten Mit- gtieber sich „Knechte bes ßanbes Steiermark" ober kurzweg „Lanbs- knechte" nannten. Die steirischen Lanbsknechte begnügten sich jeboch nicht mit ber bloßen Abwehr einfaUenber Türkenhorben. Als kampf- freubige Gebirgler kehrten sie ben Spieß um unb bilbeten Streifgruppen, bie ins Ungarisch-Türkifche einbrangen unb sich mit Zinsen zurückholten, was ihnen bie Feinde geraubt hatten. Durch bie Kampsbrüberschaft entwickelte sich ein heimatliebenber Geist, ber immer mehr Jungmänner zu ben Lanbsknechten zog. Gegen Ende bes fünfzehnten Jahrhunberts waren bie steirifch-kärntnerifchen Lanbsknechte bereits eine militärisch brauchbare, stattliche Truppe, mit ber Erzherzog Maximilian, ber „letzte Ritter", bie oerbünbeten Ungarn und Türken bei Villach entscheibenb schlagen konnte. Als Maximilian später beutscher Kaiser würbe, plante er bie Schaffung eines eigenen Heeres. Er erinnerte sich ber Schlagfertigkeit ber alpenlänbifchen Lanbsknechte unb begründete nach ihrem Muster bas beutsche „Lanbsknechtsregiment", bie erste beutfche Waffenbrüderschaft, bie burch ben „Schwur am Fahnenstock" auf Leben unb Tod verbunden war. Militärisch fiel die Gründung des deutschen Landsknechtswesens in bie Geburtswehen einer neuen Zeit. Bis bahin hatte bie ganze Kriegskunst bes Mittelalters hauptsächlich im regel- unb zügellosen Zusammenprall gepanzerter Reiterhaufen beftanben, bie solange aufeinanber ein« braschen, bis der Schwächere unterlag und mit seinen Resten das Weite suchte. Damit kam man jedoch selbst gegen das primitive erste Feld- Veraniworiltch: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» unb Steinbruckerei, R. Lange, Gießen.