GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger —a—————■) Jahrgang 1936 Samstag, den 9. Mai Nummer 35 Das Iahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl icf) hin, und das Herz us den Rücken, — geht sie noch? Ja, sie geht. Sie hält viel aus und ist unermüdlich mit ihrem zarten Getick, kein Augenblick entkommt ihr. Wie lange kann David den Atem anhalten? Genau fünfzig Sekunden. Ach, will denn kein Mensch im ganzen Dorf wissen, wieviel es geschlagen hat? Auf dem Kirchplatz trifft David den Vorstand, Guten Tag, sagt er keck. Geht der Vorstand nicht zur Vesper? Was? Wieso? Ist es schon Zeit? Drei Uhr, sagt David und läßt den Deckel aufspringen. Drei Uhr gebigen Tag-- David aber ist unsagbar glücklich und stolz. Er trägt den Kuchenteller in seine Kammer und geht sogleich wieder fort. Unter der Haustür übersieht er die Schwelle, er fällt der Länge nach hin, und das Herz stirbt ihm ab vor Schreck. Langsam dreht er sich auf sie noch? Ja, sie geht. Sie hält viel aus und ist u Copyright 6p Insel-Derlag ju Leipzig. 10. Fortsetzung. David schaut den Bischof an, — in der Stadt? Dort ist die Mutter, sagt er langsam. Aber es ist weit, meint die Krämerin, zu Fuß kann man nicht hingehen. Nein, zu Fuß wohl nicht. Aber es hat ja auch noch Zeit. Wir wollen uns das eine Weile überlegen, sagt der Bischof, wir beide! Helene bringt den Kaffee und die Torte herein, ihr rundes Gesicht schwebt wie der liebe Vollmond über dem duftig weißen Gebäu aus Schaum und Sahne, und sie bringt es dennoch fertig, tief und ehrerbietig vor dem Bischof zu knixen, ehe sie das Brett auf den Tisch rückt und die Tasten verteilt. Gesegnete Mahlzeit, sagt sie und knixt abermals und segelt hinaus. Und nun kann David auch weggehen, wenn er will, er muß durchaus nicht den ganzen Berg vor sich auf der Stelle verschlingen. David steht sofort auf, er weih, was sich gehört, Pater Johannes braucht ihm gar nicht erst mit den Brauen zu winken. Er klemmt seinen Teller in den Arm, Gott vergelte alles tausendmal, sagt er, seufzt noch einmal aus dem Vollen und wendet sich zur Tür. Halt! ruft der Bischof. Das Firmgeschenk! David hat ja noch kein Patengeschenk bekommen. Aber was in aller Welt könnte es sein? Einen Anzug besitzt David schon, Schuhe auch. Der Bischof steht wieder da und wiegt den Kopf und denkt nach, sein Gesicht ist ganz rot und über die Maßen pfiffig, während er so nachdenkt. Plötzlich zieht er seinen Kämmerer in die Fensterecke und flüstert mit ihm. Der Kämmerer hört zu, hört noch einmal hin, er zupft sich die Nase und zuckt die Schultern, — wie denn? slüstert der Bischof. Wir dürfen uns da nicht lumpen lassen, sagt er. Der Kämmerer löst die Kette von seiner Weste, er zieht auch die Uhr heraus und betrachtet sie nachdenklich aus beiden Seiten, und dann drückt er sie dem kleinen David wortlos in die Hand. Eine silberne Uhr, denkt euch, so ein blankes Ding mit einem Sprungdeckel und einem zuckenden Sekundenzeiger. Keine zehn Leute im Dorf besitzen eine Sackuhr, und obendrein ist kaum eine davon verläßlich, sie dienen nur dem äußeren Ansehen. David ist ganz wirr im Kopf, plötzlich bückt er sich und drückt einen lauten Kuh auf die haarige Hand seines Paten. Gut, gut, sagt der Kämmerer erschrocken, geh jetzt mein Kind! Er wischt seinen Handrücken an der Hose trocken, geh jetzt! sagt er noch einmal. Weiß Gott, denkt er vielleicht, der Bischof hat heute seinen frei- zweieinhalb Minuten. Ja ja, auch einem Vorstand kann einmal die Sprache versagen. Am Abend reift der Bischof ab. Er sitzt wieder im Wagen und grüßt mit seinem runden Hut, lebt alle wohl, Kinder Gottes, große und kleine! Im Wipfel der Esche steht David und schwingt nicht nur ein weißes Tuch, sondern eine große farbige Fahne. Der Bischof schaut hinauf und lächelt und winkt mit der Hand, lange noch sieht er dieses festliche Tuch über den Bäumen flattern, bis der Wagen im Tal verschwindet, vier Minuten lang. Aber das kann nur David so genau feststellen, der Kämmerer würde vergeblich in die Westentasche greifen. Christine hat ihr Kind begraben. Ganz allein ging sie hinter dem Plärrer her, totenbleich in der schwarzen Frauentracht. Den Rosenkranz hatte sie wie eine Fessel um die Hände geschlungen, und erst ein paar Schritte weiter folgten ihr die Dorfleute im Rudel, als sei sie eine Verurteilte, die man zur Richtstätte führt. Voran schritt der Totengräber, er trug den blaugestrichenen kleinen Sarg auf den Armen zur Gruft. Die Sterbeglocke schrie vom Turm und klagte laut, kalt war der Morgen, grau mit Nebeln verhängt. Christine hörte die Seelenmesse stehend an, wieder allein und allen Augen ausgesetzt in der ersten Bank. Aber als der Pfarrer die Gebete sprach, antwortete sie laut und hell und erstickte das Gemurmel hinter sich mit ihrer unbewegten Stimme. Und nun liegt der kleine Adam in der Erde, seine schwarzen Augen werden niemanden mehr ein Aergernis sein. Bielleicht hat der Bauer recht, und seine Haare wären wirklich mit der Zeit heller geworden, das weiß man nicht. Gott hat ihn wieder zu sich genommen, und so muß es gut sein. Christine dient wieder auf Eck, aber sie ist keine demütige Magd, sondern sie führt ein scharfes Regiment und fragt nicht, was ihr zusteht. Einmal kommt abends der föiedjt in die Stube und flucht, und das Blut schießt ihm aus der Nase. Was heißt das, fragt der Bauer, wer hat dich so zugerichtet? Sie! schreit der Knecht zurück. Dein Kindsmensch! schreit er. Wasch dir dein Maul, sagt der Bauer scharf. Er geht hinaus, auf der Tenne trifft er Christine. Was treibst du mit dem Knecht? fragt er. Ich will da Frieden haben. So? Dann sag ihm, er sott seinen Unflat anderswo ausleeren, ich bin mir zu gut dafür. Wofür? Was sagt der Knecht? Wenn du es wissen willst: ob er dir aushelfen soll. Ob du vielleicht nicht Manns genug bist, meint er. Uebrigens kann Christine auch gehen, was hat sie denn hier? Arbeit, ja, sie dankt für so einen Dienst, für diese Art Frieden. Nein, Christine kann jeden Tag einen besseren Platz finden. Glaube nur nicht, sagt sie, daß ich gerade auf deine Futterschüssel angewiesen bin. Ich sage ja nichts, antwortet der Bauer. Und das ist wahr, der Bauer schweigt. Es liegt so in seiner Ari, daß er altes unendlich langsam in seinem Kopf bewegt, Worte und Entschlüsse. Wie Fische fängt er seine Gedanken mit schwerfälligen Händen, immer wieder entgleiten sie ihm und schnellen in das trübe Wasser zurück. Es ist gut für einen Bauern, wenn er langsam denkt. Denn was er tut, ist nicht für den Augenblick getan, sondern auf weite Sicht. Seine Gedanken sind gleichsam in dem großen Triebwerk verzahnt, das auch die Zeit bewegt, den Kreislauf alles Lebendigen, die Gedanken können nicht schneller laufen. Alles um ihn her hat ja einen stetigen, unbeirrbaren Schritt. Der Bauer weih, daß er im Herbst Hafer mähen wird, wenn er im Frühjahr Hafer gesät hat, natürlich. Aber es hätte keinen Sinn, wenn er jeden Abend sehen wollte, wieviel Mr Hafer gewachsen ist, und keine Ungeduld hülfe dazu, daß er schneller wüchse. Das versieht jedes Kind, und dennoch liegt ein ewiges Geheimnis darin verborgen. So wie mit dem Hafer ist es mit allen Dingen, denkt der Bauer, man muß ihnen Zeit lassen, reif zu werden. Nur Christine fügt sich nicht in diese einfache Regel. Sie ist beweglich und hartnäckig zugleich, ihm ähnlich und fein Gegenteil. Doppelzüngig ist Christine, schlau, und trotzdem auch wieder ehrlich, ein fester und verläßlicher Mensch. Sie gleicht einem, der auf grundloses Moor gerät und nun verzweifelt um sich schlägt. Es ist gefährlich, so einem Menschen nahezukommen. Stünde er aber aus festem Grund, so wäre er gewiß friedlich und ein guter Weggenosse. Ja, vielleicht ist alles, was Christine tut, einfach und natürlich zu erklären, man kann jedenfalls nicht den Finger darauf legen und sagen: dessen bist du schuldig. Allein ebensowohl kann Christine der schwärzesten Untat fähig sein. Als das Kind starb, schrie sie laut und schlug auf die Dielen, wie von Gottes Hand gefällt. Gestand sie bann? Löste sich auch nur ein Wort von ihrer Zunge? Keines, nein. Sie stand wieder auf und ordnete ruhig ihr Haar, und das Essen kam an diesem Abend wie sonst auf den Tisch. Vielleicht verbarg sie eine ungeheure Schuld im Schatten ihrer Augen, vielleicht auch nur einen großen und wortlosen Kummer, sie schleppte ja schwer genug an allem Unglück, wenn man es so verstand. Ein paar Tage nach dem Begräbnis kommt der Wachtmeister auf den Hof, nicht gerade in einer besonderen Sache, er rastet nur ein wenig vor dem Haus und spricht mit den Dienstleuten. Du bist auch schon deine Jahre hier, sagt er zum Knecht, so lange ich dich kenne. Ja, neun werden es zu Lichtmeß. Neun, was du sagst! Dann hast du noch bessere Zetten gesehen, unter dem Alten. Besser oder nicht, jedenfalls keine solche verdammte Weiberwirtschaft wie jetzt. So? Jaja, die Christine! Das ist eine Haarige, was? Die weiß, wo sie hinaus will. Möglich. Darum schert sich der Knecht wenig, er tut feine Arbeit. Ader Christine soll zusehen, daß sie nicht einmal Haare lassen muß. Wie? Wenn man es so betrachtet, — wo ist denn jemals ein Kind aus der Wiege gefallen und gleich daran gestorben? Ja, merkwürdig. Das wundert den Wachtmeister auch. Hat der Knecht das Kind gesehen? Es war doch eigentlich ganz heil, oder wie? Nicht so ein bißchen rot um den Hals? Fragst du mich aus sagt der Knecht und reißt die Augen auf. Ich weih nichts, sagt er. Ich verbrenne mir nicht das Maul, verstehst du? Nun ja. Der Wachtmeister geht in die Stube, vielleicht bekommt er dort einen Schnaps von Christine. Er ist ein lustiger Mensch, gesprächig und immer zu einem Spatz aufgelegt. Christine müßte ihn doch kennen, sie brauchte nicht so zu erschrecken, wenn er sich nun unter die Tür stellt und aus seine Art grüßt, — im Namen des Gesetzes! Aber sogleich fährt sie herum und wird weiß wie ein Tuch. Der Wachtmeister hält sich den Bauch vor Lachen, so gut ist ihm dieser Scherz noch nie gelungen, — Christine! Hast du denn etwas gegen das Gesetz? . Ach was, sagt Christine, steh du am Herd und laß dir so in den Rücken brüllen! Gut, der Wachtmeister setzt sich an den Tisch, Christine schenkt ihm ruhig den Schnaps ein und verschüttet kaum einen Tropfen. Ja, beinahe besteht sie die Jungsernprobe. Deine Gesundheit! sagt der Wachtmeister. Christine hat so einen Zuspruch nötig, blaß und abgehärmt, wie sie ist. Ach Gott, ja, so ein Unglück, ein Verhängnis, könnte man sagen, denn wo in aller Welt fällt ein Kind aus der Wiege und stirbt auch gleich daran? Wie ging das nur zu? Kroch er heraus, mit feinen sechs Wochen, war es zu hoch gebettet, oder wie? Vielleicht, Christine weiß es auch nicht. Sie schlief ja selbst. So, sie schlief. Und dann starb es also? Ja, starb. Nach einer Woche, es half nichts mehr. Der Wachtmeister schweigt und wiegt bekümmert den Kopf, was soll man da zum Trost sagen? Es ist am besten, man spricht von anderen Dingen. Ratten habt ihr, sagt der Wachtmeister nach einer Weile. Vorhin schlüpfte eine am hellen Tag aus dem Katzenloch. Das ist nicht gut, Christine, Ratten im Stall, tut ihr nichts dagegen? Nun, man schlägt sie tot, was soll da sonst helfen? Gift, zum Beispiel. Rattengift in Milch gekocht. Das wirkt langsam, Christine, aber sicher. So? antwortet Christine nachlässig. Jaja, es gibt immer wieder etwas Neues. Schade um die Milch, meint sie, ein Holzschuh tut es auch. Wenn man nicht daneben trifft, Herr Wachtmeister! Noch einen Schnaps zum Abschied? Nein, keinen mehr, der Wachtmeister hat noch einen weiten Weg. Christine schaut ihm lange aus dem Fenster nach, wie er über den Zaun steigt und sich umsieht und dann doch den Weg ins Dorf einschlägt. Sie nimmt das Glas vom Tisch und schüttet den Rest des Branntweins in das Herdfeuer. Die Flamme schlägt ihr heiß und gierig entgegen, sinkt zusammen und erlischt. Christine lächelt. Sie stellt das leere Glas wieder auf den Tisch zurück. Später kommt der Bauer von der Alm nach Hause. Christine gibt ihm Brot und kühle Buttermilch für den Durst, es ist ein heißer Tag. Der Bauer betrachtet das Glas vor sich, er trinkt seine Milch und schweigt, lange Zeit. Ist kein Brief gekommen? fragt er dann und rückt das Glas mit dem Finger. Der Frachtbrief für den Kunstdünger. Nein, — hat der Bauer Dünger bestellt? Uebrigens bringt der Wachtmeister feine Briefe, der kehrt auf Eck nur dem Schnaps zuliebe ein. So, der Wachtmeister. Was meinst du, fagt der Bauer, fangen wir morgen mit dem Schneiden an? Wann du willst, antwortet Christine gefügig, jeden Tag. Ist es fo weit? denkt sie. Ein leeres Glas bringt dich zum Reden? Ja, denn es ist hoher Sommer, die müßige Zeit zwischen Heumahd und Kornschnitt. Eine trockene Hitze flimmert über den Feldern, abends steigen Gewitter aus dem grauen Dunst, aber sie entladen sich nicht, wie schwerer Rauch eines ungeheuren Brandes ziehen die Wolken vorüber. Die Bäume schütteln durstig ihr Laub im spärlichen Wind, gelb flackert Feuerschein über den Himmel, und dann ist die Stille wieder da, es kommt kein Regen, nur ein paar Tropfen schlagen in den Staub. Schwül ist auch die Nacht, man liegt auf dem Strohfack in der Kammer und kann nicht schlafen, — ein junger Mensch, der spürt sein Blut in fo einer Nacht. Irgendwo stehen Pferde beisammen aus der Weide und stampfen und schnauben in der Dunkelheit. Var dem Fenster sprudelt der Brunnen, der Mann könnte hinausgehen und wenigstens seinen Arm ins Wasser tauchen, vielleicht Hülse das. Aber er kommt nur bis in den Hausflur, fetzt den nackten Fuß auf die erste Treppenstufe und horcht. Die zweite Stufe kracht, wieder eine, — langsam, warte eine Weile! Oben öffnet sich die Tür, jemand steht im Hemd auf der Schwelle, und die Kerze brennt hinterwärts aus dem Tisch. Es ist ein verteufelt dünnes Hemd. Wer geht da, flüstert es, du? Ja, fei still! Der Mann hat etwas auf dem Gang gehört, einen fremden Schritt, ihm war fo. Das sind die Katzen, geh schlafen! Und dann wird die Tür ins Schloß gedrückt. Der Mann steht vor dieser Tür und streicht mit der Hand über das Holz, er ist rein verrückt. Christine! sagt er leise, laß mit dir reden! Christine? Die Hand sucht nach der Klinke und drückt sie nieder, — aber die Klinke gibt nicht nach, sie wird von innen festgehalten Der Mann schnauft, er drückt die Tür mit Gewalt aus und stemmt fein Knie in den Spalt, die Dielen krachen, die Angel knirscht, oben in der Dachkammer hustet der Knecht. Geb schlafen, flüstert Christine noch einmal. Langsam lockt ihn der weiche Widerstand in die dunkle Kammer hinein ... In dieser Nacht löst sich endlich der Regen vom Himmel und reinigt die Luft. Der Morgen ist wieder klar, Wind kommt aus dem Gedirg, nicht stetig, sondern in kurzen Stößen, wie frischer Atem nach einem leugnen brauchte. (Fortsetzung folgt.) Trunk. Der Bauer geht zeitig in das Dorf, er will sich nach Schnittern umsehen. Du könntest beim Pfarrer fragen, meinte Christine, dort werden am frühesten Leute frei. Sie sagte es, während Magd und Knecht bei der Schüssel saßen, vor den Dienstleuten gab sie ihm einen solchen Rat und sah ihm ruhig ins Gesicht. Ein wenig jünger war sie vielleicht an diesem Morgen, nicht mehr so blaß. Gut, der Bauer spricht mit dem Pfarrer. Er besieht sich die Garben, wie es die Höflichkeit verlangt, entkörnt eine Aehre. in der Hand und lobt das Wetter. Wenn es so bleibt, werden sie morgen auch auf Eck mit dem Schneiden anfangen, der Bauer ist nach Leuten unterwegs. So, fagt der Pfarrer, schneidet ihr auch schon? Es ist ein gutes Jahr. Dann kann ich dir den Peter schicken, Josefa auch, und David, der ist schon so gut wie ein Knecht. Und weil bas alles eine fo freundliche Art hat, dieses Gespräch auf dem Feld und überhaupt der ganze Tag, blau und wolkenlos und sauber, darum will der Bauer wohl ein übriges tun und dem Pfarrer etwas zu Gefallen sagen. Wenn wir fertig sind, sagt er in den Boden hinein, wenn der Pfarrer Zeit übrig hat, bann könnte er vielleicht einmal mit Christine kommen. So, mit Christine. Das tu nur, antwortet ber Pfarrer schnell, mach bir keine Sorgen, was meine Zeit betrifft. Er freut sich offentunbig über biefe Nachricht. Seib ihr also einig? Siehst bu, ich badjte es mir. Der Abam, buchte ich immer, ber läßt sich nicht irre machen, habe ich recht? Der Pfarrer kennt Christine von Kinb auf, um einmal davon zu reben, sie war schon immer ein bißchen wild, verstehst du, sie braucht eine ruhige Hand. Ach ja, das Gerede, darum kümmere dich nicht. Es ist schon so, wie die Alten sagen, jeder kaust seine Frau dem Teufel ab. Das meint der Pfarrer, beinahe redet er zuviel in feinem Eifer. Adam hat ja nur beiläufig von dieser Sache gesprochen, weil es sich gerade so traf, es eilt nicht damit. Uebrigens mutz er jetzt gehen, er will noch ein paar Sicheln kaufen. Der Pfarrer schaut ihm nach, hat er nun etwas verdorben? Es ist schwer für den alten Mann, immer häufiger geschieht es, daß eines von seinen Pfarrkindern fo davongeht, er hat sein Bestes gesagt und alias Heilsame und Wahre in seinen Gedanken zusammen gesucht, und plötzlich wendet sich der Mensch von ihm ab, es ist nichts, es Hilst nicht, was der Pfarrer fagt. Er lieft wohl die Bedrängnis von den Gesichtern, die geheimnisvolle Schrift der Leidenschaften, aber es sind fremde Zeichen, er kann sie nicht mehr entziffern. Sein eigenes Blut ist längst zur Ruhe gekommen, gewissermaßen gleicht sein Herz einer Austragstube, da lebt er noch eine Weile allein, hält feinen geringen Hausrat in Ordnung und betrachtet die Welt aus dem Fenster. Und was er sieht, scheint ihm überaus einfach zu fein, er begreift gar nicht, warum die Welt fo voll Lärm und Unruhe ist, diese schöne und friedliche Welt Gottes vor dem Fenster. Kindlein, denkt der Pfarrer, liebt euch doch, liebet einander! Liebt auch eure Feinde, ihr werdet alle Brüder sein, wenn ihr das tut. Was ist es denn im Grund, was bewegt euch (o sehr? Seit vielen Jahren setzt sich der Pfarrer in den Beichtstuhl, und es sind immer dieselben Gebrechen, die er heilt, mit der Gnade des Herrn. Immer wieder fliegt auch der Same des Bösen zu, man muß geduldig fein, ein sorgsamer Gärtner, und die rechte Saat aus der Verstrickung lösen. Aber wird Gott nicht einmal Rechenschaft von ihm verlangen? Sieh, wird er vielleicht sagen, bu bringst mir wenig Frucht. Du hättest tiefer pflügen fallen, schärfer jäten, du warst ein lässiger Gärtner. Habe ich dir nicht Gewalt gegeben, zu binden und zu lösen? Der Gott, dem Pater Johannes dient, würde vielleicht so mit ihm abrechnen, er ist der Herr der zehn Plagen in Aegypten, der immer schlug und schlug und zornig aus dem Feuer sprach. Der alte Pfarrer betet zu diesem Gott mit Scheu und kindlicher Furcht, er hat keine Zwttfel, aber manchmal denkt er, Gott fei vielleicht damals, zu Anfang der Zeit, noch härter gewesen, voll vom Eifer und von der jugendlichen Kraft des Schöpfers, er hatte ja noch nicht gelitten. Später sah er seine Welt milder an, er suhr nicht mehr in den Dornbusch, sondern wirkte im Brot, er schickte nicht aus, nach Gerechten zu suchen, sondern er verzieh den Sündern. Sein Altar raucht nicht mehr vom Blut der Opfertiere, er hat sich selbst zum Opfer gemacht als ein rechter König und Vater, unerschöpflich ist der Schatz feiner Gnaden, nie mehr erlischt uns bas Licht feiner Tröstungen. Was können wir benn tun, benkt ber Pfarrer, Gutes ober Böses, daß ble Gröhe bes Herrn nicht himmelweit barüber wäre? Gibt es eine Sünbe, bis größer ist als Gott? Nein, bas kann ber Pfarrer nicht glauben. Jeben Morgen steht er am Altar unb verwanbelt bas Brot, unb ber Herr fügt sich willig in feine groben Hänbe. Der Pfarrer hebt ihn über sich, um ihm bas Volk zu zeigen. Schau beine Kinber an, flüstert er. Da steht Agathe in ihrem Stuhl, aufrecht unb (alt, bie unbußferttge Krämerin. Seit vielen Jahren kommt fie nicht mehr zur Beichte, aber bafür finbet ber Pfarrer zuzeiten etwas in feinem Beichtstuhl, Windel- zeug für bie Kinber, Tabak ober eine Hanbvoll Kaffeebohnen für bie Alten im Armenhaus. Weit hinten, unter ber Säule hockt ber Roßknecht gleich dem Zöllner, er ist im Zuchthaus fromm geworben unb führt einen gerechten Wandel vor der Gemeinde, nicht wie ber Schuster neben ihm, für ben ber Pfarrer einen Zettel in ben Opserstock legen mußte: Lieber Schuster Matthias, Geben ist seliger benn Nehmen! Anbere haben ben Kops voll von Wiberspruch unb Zweifel, ber Totengräber zum Beispiel. Unlängst kam er mit einem Buch in ben Pfarrhof, er hielt ben Finger unterwegs fest auf eine bestimmte Zeile gebrückt, unb ba ftanb es nun zu lesen: ber Mensch ist gar kein Mensch, fonbern er stammt vom Affen her. Was sagte ber Pfarrer bazu? Gut, sagte ber Pfarrer. Wenn bas so ist, bann hast bu es immerhin weit gebracht. Aber ber Asse, mein Lieber, wer hat nun ben gemacht? Richtig, meinte ber Totengräber, davon steht hier nichts. Und dann ging er wieder und war zusrieden, weil er Gott nicht durchaus zu Waldlied. Von Gottfried Keller. Arm in Arm und Kron an Kron steht der Eichenwald verschlungen, Heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen. Fern am Rande fing ein junges Bäumchen an sich sacht zu wiegen, Und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen. Kam es her in mächtgem Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen. Hoch sich durch die Wipfel wälzend kam die Sturmesslut gezogen. Und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen, in den Lüften, Und dazwischen knarrt und dröhnt es unten in den Wurzelgrüsten. Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine, Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Hainei Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen; Alles Laub war weißlich schimmernd nach Nordosten hingestrichen. Also streicht die alte Geige Pan der Alte laut und leise. Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise. In den sieben Tönen schweift er unerschöpflich auf und nieder, In den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder, Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken, Kauernd in den dunklen Büschen sie die Melodien trinken. 3Ro6infon in der Dichtung und in der Wirklichkeit. Von Arthur von Riha. Das Vorbild des Robinson. Alexander S e l k i r k (Selcraig), siebenter Sohn eines Schuhmachers Im Dörfchen Largo (schottische Grafschaft Fise) entlief der väterlichen Lehre, fuhr als Leichtmatrose auf einer Hamburger Kogge, erlernte da die Steuermannskunst und schiffte sich im Frühjahr 1703 al- Navigationsoffizier auf dem britischen Kaper „Cinque Ports" ein. Bei einem Sturm im Stillen Ozean erlitt das Schiss Beschädigungen, Kapitän und Navigator gaben sich daran gegenseitig die Schuld und zerkrachten sich darüber so gründlich, daß Selkirk zornig seine Ausschiffung verlangte, als die Insel Mas-a-tierra in Sicht kam. Spalding, der Kapitän, ließ sich das nicht zweimal sagen und setzte ihn im September 1704 auf dem unbewohnten Eiland aus. Mas-a-tierra (näher dem Festlande), Mas-a-suera (näher der Außenseite) und Santa Clara bilden als Kegel eines unterseeischen erloschenen Vulkans die Inselgruppe Juan Fernandez, benannt nach ihrem Entdecker, dem andalusischen Seefahrer, der 1572 Mas-a-tierra anlief und einige Ziegen und Katzen aussetzte. Gleichzeitig landete eine Anzahl feiner Schiffsratten, deren Nachkommen für Selkirk ebenso lästig werden sollten, wie ihm die Nachkommenschaft der Ziegen zugutekam. Die Inselgruppe ist rund dreihundert Seemeilen vom südamerikanischen Festland entfernt und steht unter chilenischer Oberhoheit. Bei seiner Aussetzung war Selkirk sechsundzwanzig Jahre alt. Er nahm seine Seemannskiste mit allen Habseligkeiten, Bettzeug, eine Flinte mit Munition, ein Feuerzeug, eine Axt, ein Matrosenmesser, einen Kochkessel einige Vermessungsinstrumente, eine Bibel und einige Andachts- bllcher mit. Nach einem unfreiwilligen Aufenthalt von vier Jahren und vier Monaten wurde er am 1. Februar 1709 vom britischen Kaper „Duke" gesichtet und an Bord genommen. was der Robinson selbst erzählte. Der Gerettete konnte sich nur noch in gebrochenem Englisch verständlich machen. Er hatte die ganze Zeit mit keinem Menschen gesprochen und fast seine Muttersprache verlernt. Kaum verständlich erzählte er dem Kapitän des „Duke" sein Erlebnis. Die ersten acht Monate hatte er in schreckhafter Schwermut zugebracht. Tag für Tag faß er am Ufer und wartete auf ein Schiff, bis die Dunkelheit jeden Ausblick verbot. So wurde jeder Abend eine schwere Enttäuschung, die ihn nachts um so schlechter schlafen ließ, als ihn das Geheul gelandeter Robben mit 6nt= setzen erfüllte, weil er sie für dämonische Seeungeheuer hielt. Dadurch wurden seine Nerven so mitgenommen, daß er an Selbstmord zu denken begann und an Weinkrämpsen litt. Endlich gewöhnte er sich langsam an die furchtbaren Schrecken der Einsamkeit. Seine Lebensgeister erwachten. Er baute sich zwei Grashütten, eine als Schlafraum, die andere als Küche und Vorratsraum. Mit Lesen in den Andachtsbüchern, mit dem Beten und Singen von schottischen Psalmen stählte er seinen Mut. Er lebte von Schildkröten, Langusten, Wildziegenfleisch, Rüben und kleinen schwarzen Pflaumen, die er mühsam an den Felsenhängen pflücken müßte. Als ihm die Munition ausging, erreichte er im Barfußlaufen eine solche Geschwindigkeit, daß er die Wildziegen einfangen konnte. Aus ihrem Fell bereitete er sich die Kleidung, nachdem die mitgebrachte in Fetzen gegangen war. Zweimal entging er dem knappen Tod: Das eine Mal fiel er dreißig Meter tief in einen Felsengrund hinab, wo er mehrere Tage bewußtlos liegen blieb, und das andere Mal mußte er vor gelandeten Spaniern in das Jnselinnere flüchten, weil sie ihn für einen Schatzhüter hielten und verfolgten. Sie kamen unter dem Baum vorbei, in dessen Laubkrone er sich verborgen hatte, und horte er, roie sie über die Foltern berieten, mit denen sie ihn zur Bekanntgabe feines Schatzverstecks zwingen wollten, bevor sie ihn erschlugen. Seine schlimmsten Feinde waren die zahllosen Ratten, die ihn nachts in die Füße bissen, bis er sich einige wilde Katzen zähmte und damit die Bestien vertrieb. Auf dem „Duke" erlernte Selkirk sein fast vergessenes Englisch wieder. Er blieb zwei Jahre acht Monate an Bord, bis das Schiff nach England heimkehrte, wo Kapitän Rogers 1712 ein Buch über feine Kaperfahrt veröffentlichte und darin die Geschichte Selkirks erzählte. Die angesehenste britische Zeitschrift „Englishman" schrieb darüber einen Artikel, und so wurde das Abenteuer Selkirks weit bekannt. Der Dichter des Robinson. Daniel D e f o e (1660 bis 1731) machte als Geschäftsmann zweimal bankrott, erfuhr als Politiker das unsichere Auf und Ab der Regierungsund Volksgunst, machte mit dem Pranger und dem Gefängnis unliebsame Bekanntschaft, wurde als Journalist wegen der Schärfe seiner Feder gehaßt und stand an der Schwelle der Sechzig, als ihn Selkirks Abenteuer zum Schreiben seines ersten Romans veranlaßte. Er nannte seinen Helden Robinson Crusoe, verlegte die Insel seines Aufenthalts an die Atlantikseite Südamerikas vor die Orinokomündung und erfand den Eingeborenen Freitag dazu. Er bezeichnete sein Werk jedoch nicht als Roman, sondern als wahre Geschichte, weil er als Fleischersohn selbst ein Kind des Volkes war und wußte, daß es lieber wirkliche Erlebnisse als wirklichkeitsferne Dichtungen hört. Mit seinem Abweichen vom ausgetretenen Literaturgeleise feiner Zeit hatte er jedoch bei den Verlegern wenig Glück. Er erhielt fein Manuskript immer wieder als unbrauchbar zurück, bis endlich ein kühner Verlagspionier 1719 die Herausgabe wagte. Es wurde ein Bombenerfolg. Defoes Buch wurde nicht nur in die Sprachen aller Kulturvölker, sondern auch in die klassischen und in die verschiedensten seltenen Sprachen (z. B. Maori, Malayisch, Sudanesisch, Arabisch, Bengalisch usw.) übersetzt. Außerdem entstand in allen Sprachen eine Flut von Robinsonaden Fünfzig Jahre später grub Rousseau den inzwischen vergessenen „Robinson" Defoes wieder aus. Benjamin Franklin pries seinen erzieherischen Wert, und so entstanden die Jugenderzählungen, von denen der „Robinson der Jüngere" des deutschen Pädagogen Campe (Hamburg 1779/1805) der berühmteste wurde und den Ur-Robinson durch seine Auflagen und Uebersetzungen fast erreichte. Robinson als Jahrmarklssensakion. Selkirk hatte sich nach seiner Heimkehr in sein väterliches Dorf Largo zurückgezogen, wo er zwar eine Sehenswürdigkeit war, aber in ärmlichen Verhältnissen lebte. Da er keine rechte Lust zum Arbeiten hatte, saß er mit seinem Schwiegervater mehr in der Kneipe als daheim. Infolgedessen ging es den beiden schlecht, bis eines Tages eine elegante Kutsche im Dorfe einfuhr und vor dem armseligen Häuschen Selkirks hielt. Dem Wagen entflieg die Witwe eines schottischen Lords mit ihren zwei Knaben, die Defoes Buch gelesen hatten und den Helden des Abenteuers selbst sehen wollten. Geschmeichelt legte Selkirk auf ihre Bitte die Ziegenfellkleidung seines Jnselaufenthaltes an und erklärte ihnen, wie er als Robinson gelebt hatte. Die Knaben hörten begeistert stundenlang zu, und beim Abschied schenkte ihre Mutter dem Abenteurer einige Goldstücke. Der war verblüfft darüber, wie leicht sich da Geld verdienen ließ. Als echte Schotten waren er und fein Schwiegervater geschäftlich genügend talentiert, um jetzt zu erkennen, wie sich die Beliebtheit des Buches Defoes auch von ihnen in klingende Münze umsetzen ließ. Sie gründeten eine reisende Schaubude, mit der sie zuerst die Jahrmärkte in ganz Schottland und bann in England abgraften und schließlich nach London kamen. Am Eingang der Bude hingen Selkirks Personaldokumente unter Glas und Rahmen, und drinnen berichtete er den Zuhörern — in voller Robinson-Ausrüstung — (ein abenteuerlich ausge- schmücktes Erlebnis, wobei er sich klugerweise an die Darstellung Defoes hielt. Der erstaunliche Zulauf des Publikums übertraf die kühnsten Erwartungen Selkirks, und nach 5 Jahren kehrte er mit feinem Schwiegervater als wohlhabender Mann nach Largo heim, wo er feine Tage in behaglicher Beschaulichkeit beschloß. Sein Ziegenfellanzug und feine Flinte wurden noch 1806 in Largo bei feinem Urenkel, einem wohlhabenden Webermeister von einem englischen Zeitungsreporter gesehen. Robinson ist in jeder Generation immer wieder aktuell, weil er ein Sinnbild für den menschlichen Kampf ums Dasein ist. Jedes Alter, jedes Volk und jede Zeit haben ihren Robinson. Die Robinsoninsel heute. Wegen ihrer Wildziegen war Mas-a-tierra durch die Jahrhunderte eine wertvolle Nahrungsquelle der Seeräuber, die im 18. Jahrhundert je nach ihrer Flagge die drei Nordbuchten der Insel als den spanischen, französischen und britischen Hafen benannten. 25 Kilometer lang, neun breit erreicht die Insel im Yunque über 900 Meter Höhe. Sie ist sehr waldig und hat mehrere Täler, die durch Frischwasserläufe befruchtet werden. Steile tiefrote Klippen erstrecken sich zwischen den drei Nordhäfen rings um die prachtvolle Cumberlandbai, in der Anfang 1915 ber deutsche Kreuzer „Dresden" nach der Schlacht bei den Falkland- Jnseln von den drei britischen Kreuzern „Glasgow", „Kent" und „Drama" eingeschlossen und vollkommen manövrierunfähig, in Grund gebohrt roU5aS Klima von Mas-a-tierra ist zwar im Sommer regnerisch, aber roeaen feiner Gesundheit von Touristen feit dem Weltkrieg so gesucht, daß der Bau eines Kasinos (nach dem Muster Monte Carlos) geplant wird Bemerkenswert ist der große Reichtum an Langusten, von denen monatlich rund 6000 Stück nach dem südamerikanischen Festland geschickt werden. Die Begründung der Langusten-Großfischerei hängt übrigens auch mit einer Robinsonade zusammen. Im Jahre 1891 scheiterte der französische Segler „Telegraphe" bei einem schweren Sturm an den Klippen der Cumberlandbai. Bloß ein Mann der Besatzung, namens Charpentier, erreichte lebend das Ufer. Während er als unfreiwilliger Robinlon auf eine Schiffsgelegenheit wartete, kam der deutschschweizerische Graf Alfred v. Rodt auf die Insel und erkannte, daß mit dem Langustenreichtum des Gewässers ein Geschäft zu machen war. Carpentier war als Fischer Fachmann, und deshalb schloß Rodt mit ihm eine Partnerschaft, aus der eine große FUchereigesettschast entstand. Die Langusten von Mas-a-tierra haben ein feineres Fleisch als die mit ihnen verwandten Hummer». Auf den südamsrskantschen Märkken durch Graf Rodt neu eingeführt, werden sie über die Anden bis nach Buenos Aires und Rio de Janeiro versandt, wo sie auf den Speisekarten als .Langusten ä la Robinson" an das große Lebensabenteuer Selkirks erinnern. Marschlied. Von Gerhard Schumann*. Die müden Tage sind vorbei. Da wir um Gnade baten. Wir knien vor keinem, wer es fei. Das Reich bricht an. Das Reich wird frei. Und Deutschland braucht Soldaten. Aus allen Städten strömt es her Mit Hacken und mit Spaten. Hell klirrt der Arbeit blanke Wehr. In zähem Trotz wächst Land ins Meer. Und Deutschland braucht Soldaten. Die Nacht glüht von der Essen Brand. Die Sonne reift die Saaten. Ein Pulsschlag springt von Hand zu Hand. Gott segne unser Mutterland. Und Deutschland braucht Soldaten. Oer rote Sven. Geschichte eines schwedischen Trommelbuben. Von Claus Dörner. Wer sein Vater war, wußte keiner. Das eine aber stand fest: Er mußte ein Soldat gewesen sein. Seine Mutter war noch jung bei seiner Geburt und starb wenige Wochen darauf im Fieber. Es wußte auch niemand, wo sie herkam. Die Soldaten nannten sie einfach: die schöne Beriet. Sie war schon ein Jahr bei den Soldaten in Stockholm gewesen. Doch keiner konnte sich ihrer Liebe rühmen. Weil die Soldaten gerade keinen anderen Namen wußten, so vannten sie den Jungen einfach Sven, Sven Beriet nach feiner Mutter. Keiner hätte für Sven gesorgt in der Welt. Doch die Soldaten meinten: Er ist eines Kriegsmanns und der schönen Beriet Kind, so müssen wir für ihn sorgen. Also wuchs Sven bei den Soldaten auf. Er lernte sehr schnell laufen, denn ein Soldatenjunge muß laufen können. Und daß er krumme Beine kriegt, das fchadet nichts, dann wird er eben ein Reiter. Sven lernte keine andere Sprache, als die kurze, rauhe Krieqsleute- fprache, die in jedem Land verstanden wird. Das macht ihr Klang. Denn sie ist so echt und gut und hart, wie niemals die Sprache der feinen Leute, die ihre Worte kunstvoll drechseln und um alles gute Ding herumreden. Die Männer ließen den kleinen Sven auf ihren Knien reiten. Doch er fehnie sich schon mit drei Jahren nach einem richtigen Pferd. Da schnitzten sie ihm in ihrer Freizeit kleine Pferde aus Holz und Holzschwerter und Holzspieße, denn sie meinten, etwas besseres könne es nicht geben für einen Soldatenjungen. Und Sven war es zufrieden. Er lief mit feinem größten Holzschwert auf die Straße und schlug ganz allein drei andere Jungen in die Flucht. Da lobten ihn die rauhen Männer und hieben ihn mit schweren Händen auf die Schultern, als wäre er einer von ihnen. Sven hatte fuchsrote Haare bekommen. Er hieß bald nicht mehr Sven Beriet, sondern sie nannten ihn allenthalben den „roten Sven". Mit anderen Jungen vertrug er sich nicht. Die lachten Über seine Haare. Die Kriegsmänner sagten nie etwas über seine Haare. Sie hatten gelernt, daß eine harte Faust wichtiger sei als das schönste Aussehen. * Als der rote Sven zehn Jahre alt war, da rief zum Frühjahr der große Schwedenkönig Gustav Adolf feine Herren zusammen. Er sagte ihnen, daß die Schweden jetzt Ordnung schaffen müßten auf deutschem Boden. Das ganze deutsche Land sei in Brand geraten. Und die kaiserlichen Heere würden die Lutherischen stark bedrängen. Es fei an der Zeit, dem Papst und dem Kaiser zu zeigen, daß noch ein starker Arm im Norden sei, bereit, für die gerechte Sache zu streiten. Und es fei auch wohl gut, wenn die Dftfeetüfte eine schwedische Küste werde —. Auch die Soldaten von Stockholm mußten in den Krieg. Einer sagte zu Sven: „Nun kommt bald der Abschied, roter Sven!" ,-,Nein", sagte Sven, „ich gehe mit!" Die Männer lachten. Der breite Karl packte ihn bei beiden Schultern. „Aber Sven, wir können dach keine Kinder mit in den Krieg nehmen!" Dach Sven ritz sich los und sagte noch einmal: „Ich gehe mit! Ich bin groß genug!" Er war ja ein großer, starker Kerl für fein Alter. Er hatte feste graue Augen und eine vorspringende, scharfkantige Nase. Als sie ihn so an= sahen, dachten alle: Der weiß wohl, was er will. Sie mochten ihm Kreden so und so. Er schüttelte nur den Kopf: ,Lch gehe mit!" — Da ließlich, als das Gerede und Gelache kein Ende nehmen wollte, reichte * Mit Erlaubnis des Albert Langen/Georg Müller Verlages in München aus dem mit dem nationalen Buchpreis 1935/36 ausgezeichneten Gedichtband „Wir aber find das Korn" von Gerhard Schumann, einem kraftvollen Zeugnis der jungen deutschen Dichtung. Karl ihm fehle große Hand hin: „Na, Sven, dann muffen wir dich wohl mitnehmen!" Während der langen Ueberfahrt sprach Sven nicht viel. Er stand jeden Tag lange Stunden am Heck des Schiffes und sah mit feinen ruhigen grauen Augen dahin, wo die schwedischen Schären im Nebel und Wasser verschwunden waren. Die Soldaten kümmerten sich nicht um ihn. Sie hatten genug zu tun mit Branntwein und Würfeln. Der Branntwein tat gut, denn die unruhige See forderte von den See- ungewohnten ihr Opfer. Es war der 4. Juli 1630 und ein Heller Sommertag, da gingen die 13 000 Mann schwedisches Fußvolk und Reiterei in der Odermündung auf der Insel Usedom an Land. Als sie endlich festen Boden unter den Füßen hatten, sagte der rote Sven zu dem breiten Karl: „Du, das ist wohl ein sehr großes Land, das vor uns ist?" „3a, sehr groß —Karl beschrieb einen weiten Bogen mit seiner Hand. „Und warum blieben wir nicht in Stockholm?" „Unser König sagt, der Kaiser werde zu mächttg und unterdrücke die Protestanten. Und dann — das Meer, über das wir gefahren sind, das ist unser Meer. Nun wollen wir auch das Land haben, das um das Meer herum liegt —, verstehst du?" „3a", nickte Sven, als sei er ein erwachsener Mann. „Und kommen wir einmal wieder nach Stockholm?" Karl zuckte die Achseln: „Viele werden wohl hierbleiben. — Ader wenn wir gesiegt haben über die Kaiserlichen, bann fahren wir zurück!" „3dj komme wohl nicht zurück!" Sven schüttelte seine roten Haare. Karl lachte: „Was weißt denn du —?" ♦ Sie waren nun schon ein 3ahr und zwei Monate In Deutschland. Sie waren hin- und hergezogen und hatten hier und dort gekämpft. Da der rote Sven nun gerade zwölf 3ahre alt war, hatte man ihm eine Trommel zu tragen gegeben. Er konnte nicht gut trommeln, nein, gar nicht, er trommelte immer die gleiche Weise. Aber er lief nie davon. Nur wenn geblasen wurde zum Rückzug, das war Befehl, bann ging's zurück. Er trommelte und marschierte. Seine Augen sahen in bie Spieße bet Feinde, als seien die gar nicht da. Seine Haare flatterten im Wind. Er trommelte vorwärts, immer vorwärts. Und die Kriegsknechte, die feine Trommel hörten, die folgten ihrem Klang, vorwärts, immer nur vorwärts. Es ist so: Weil er ein Soldatenjunge war, hatte er die Furcht nicht gelernt. — Bei Breitenfeld traf König Gustav Adolfs Kriegsmacht endlich auf bas Kaiserliche Heer, bas ber gewaltige Tilly befehligte. Die Kaiserlichen waren zur Schlacht gestellt in wohlgeordneten Reihen und schwer bewaffnet. Das starrte von blanken Spießen und Hellebarden und Brustpanzern, bas blinkte unb glänzte in ber Septembersonne, als sollte der Sieg gleich diesem Blinken folgen. Die Schweden griffen nicht in breiter Front an, wie Tilly es sich erhofft, daß sie sich an seinem eifenftarrenben Heere verbluten sollten. Es begann ein tolles Schießen aus Büchsen unb Kanonen. Wo eine Kanonenkugel in bie bichtgeschlossenen kaiserlichen Reihen schlug, da fielen gleich zehn Mann um und blieben liegen. Als die Büchsen alle einmal abgebrannt waren, setzten die schwedischen Fußknechte zum Angriff an. Sie suchten den Feind von der Seite zu fassen. Doch die Kaiserlichen standen wie Festungsmauern. Und die Schweden mußten zurück. Wieder und wieder flutete der Angriff vor — doch immer noch blieben bie kaiserlichen Reihen fest geschlossen. Viermal hatte der rote Sven seine Trommel bis vorn an den Feind getragen. Sein Arm war ihm lahm vom Trommeln. Seine Augen leuchteten immer wilder. Er hätte selbst dazwischenhauen mögen. ,^)aft dich gut gehalten, Sven", brummte der breite Karl neben ihm. Ein anderer gab ihm einen Schluck Schnaps aus seiner Flasche. Und alle waren sie stolz auf ihren Soldatenjungen. Sven aber schrie sie an: „3etzt habt ihr Zeit zu reden —. Und da stehen die Kaiserlichen — unbesiegt —!" Da flogen wieder Kommandos durch bie Reihen, ba schrien wieder die Hörner und brummten die Trommeln: Zum fünften Sturm! Manch einer von den Kriegsknechten machte ein böses Gesicht, dachte an schöne Tage in der Heimat —. Der rote Sven lachte nur: Es ging ja an den Feind. Und er schlug auf feine Trommel, wild und ohne Takt. Ein großer Lärm ging an ihnen vorüber. Sven sah ein riesiges Roß unb einen großen, starken Mann barauf. Dessen helle Haare wehten frei. Auf seinem Gesicht stand ein Siegerlachen: Der König! Und hinter ihm die ausländilche Reiterei: Die Pferdeleiber glänzten weiß und schwarz und rostrot. Die Hufe trommelten den Boden, und Waffenklirren drang aus dem Staub. Sven sah sich um. Er sah bie verwegenen Gesichter ber Stockholmer Fußknechte. „Das sind Kerls — unb der König —!" Der Sturmbefehl überschrie seine Gedanken. Er fing plötzlich an zu laufen. Dabei schlug er wie toll auf bas Trommelfell Hinter ihm fällten bie Männer ihre Spieße. Das sollte ein Hauen und Stechen werden —! Sven lief und trommelte und trommelte und lief. Sein Gesicht war rot vor Anstrengung, und sein Atem ging stoßweise. Aber er lief gegen den Feind. Dort, wo ber König mit seinen Reitern bie Bresche geschlagen hatte, dort trommelte er seine Stockholmer hinein. Die schlugen um sich und stachen wie besessen. — Sie trieben die spanischen Garden auseinander. Und was nicht lief um fein Leben von den Kaiserlichen — das wurde in die Hölle geschickt, da gab es feine Gnade. ♦ Als die Schweden schweißtriefend und müde von dem harten Handwerk die Walstatt absuchten, fanden sie auch den roten Sven. Ein Schlag hatte ihn mitten in die Stirn getroffen, so daß fein Haar noch roter war als sonst. Seine Hände hielten die Schlegel fest, und seine Trommel stand neben ihm. Karl nahm ihn auf feine breiten Hände. Er legte ihn neben viele andere in bas große Soldatengrab. Dann sagte er: „Der hatte keine Furcht — im Leben nicht — und war doch erst zwölf Jahr!" 'verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, (Sieben.