GiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956 Montag, den Z. Dezember Nummer 95 tausend Mark. Er hatte die Worte und Zahlen aufmerksam durchgelesen, schöne Versprechungen, wundersame Möglichkeiten. Er wird «s wagen! Für seinen Vater setzte er die Spargroschen aufs Spiel. Schon sah er sich glücklich vor ihm stehens Hier, Vater, bring die Sache im Spielwakön- geschäst in Ordnung, kauf den Laden! Ich habe in der Lotterie gewonnen ... Nun, so weit war es ja noch nicht. Und wer weiß, ob es je so käme. Sorgenfalten standen auf seiner Stirn. Sicherlich tat die alte Frau Trockenhut nicht mehr lange mit. Schon recht schwach war sie auf den Beinen und wärmte sich die Nieren mit einem Katzenfell. Der Vater, der es vom Arzt wußte, hatte gesagt, sie sei recht anfällig, schonungsbedürftig. Manchmal täuschen sich auch Aerzte nicht, und so stimmte der Befund mit Klicks Beobachtungen überein: er hatte die Ladenbesitzerin schwer ächzen und schnaufen hören, als sie die Treppe hinauf ins Lager stieg. Eines Tages würde es mit dem Aufziehn des Federwerks vorbei sein, dann war es damit zu Ende. Und was hernach? Klick wagte nicht die Folgen auszudenken. Oft ging er ihr zur Hand und nahm ihr mancherlei Griffe ab: er rückte für sie die Leiter an die hohen Lagergestelle und schob schwere Truhen, damit sie sich nicht zu bücken brauchte. Er sprang für sie auf den Speicher, wo die Holzwaren, die bemalten Körbchen, Spanschachteln und Schubkarren aufbewahrt wurden, säuberlich in braunes Packpapier eingepackt und mit Nummern und Einkaufspreisen in Geheimbuchstaben versehen, und er rannte auch in den Keller, wenn sie ihr vom Arzt verordnetes Mineralwasser trinken muhte. Dafür dankte sie ihm ab und zu mit einem kleinen Geschenk: er bekam beschädigtes oder zerbrochenes Spielzeug. Um all dies nährte Klick insgeheim Sorge: um den Vater, Frau Trockenhut, das Geschäft und die zerbrochenen Spielwaren. Sollte er 'da nicht hin und wieder ein wenig in der Lotterie das Glück versuchen? Das letzte Los einer Kirchenbaulotterie hatte nicht gewonnen. Schlechter Anfang. Das konnte nur ein gutes Ende nehmen. Ueber diese Enttäuschung war er hinaus. Man dars sich nicht entmutigen lassen. Durch die winterliche Seestraße ging er, zwei Markstücke in der Faust, auf das Lotteriegeschäft zu. In der Auslage stand ein Glücksrad. Die Trommel mit den Glasscheiben war bis zu einem Drittel mit weißen Losröllchen gefüllt. Wohl an die tausend und mehr mochten es sein. Die zahlreichen Nieten waren mit den seltenen Gewinnen gemischt, die sich in der Röllchenmenge verloren wie Glasperlen im Sand. Er stellte sich vor, wie am Ziehungstage die Trommel rollte und wie die Röllchen darin rauschten, wie Glück und Pech aus der Trommel kamen. Nichts« und Zahlen, Enttäuschung und Freude. Klick öffnete die Glastür des Geschäfts und trat in den Schalterraum. Seine zwei Markstücke klirrten auf die Zahlplatte. „Ich möchte zwei Lose der Zwingerbaulotterie", sagte er zu dem jungen Mann, der einen fein geschlungenen Binder trug. Der Angestellte reichte ihm einen Fächer von Losen zur Auswahl. „Aber solche, die gewinnen!", setzte Klick seinen Worten hinzu. „Jedes zehnte Los gewinnt", sagte der junge Mann. „Nimm zwei zehnte Lose!" Neun muß ich auslassen, dachte Klick, das zehnte muß ich nehmen. Aber welche davon sind „zehnte Lose"? Sie mochten in dem Losfacher nebeneinander stecken oder auch gar nicht darin enthalten sein. Wer merkt es ihnen an, daß sie das Glück mit seinem unsichtbaren Zeichen beschrieben hat? Klicks Augen überwanderten die Zahlen. Ernster Augenblick. Waren es die richtigen Ziffern? Welche Lose mußte er zsthn? Zwei Mark standen auf dem Spiel und ein Sinn voll Hoffnung. Nicht länger gezaudert! Klick langte in den Fächer und zupfte zwei Lose heraus. Sie gehörten ihm. Hatte er damit auch das Glück am Zipfel erwischt? Dreißiqtausend Mark war der Haupttreffer. Der wäre was für den Vater. Ein Schwindelgefühl regte sich in dem Loskäufer. Unwahrscheinlich , große Nummer! Ziehung Ende März. Der junge Mann, der für spätere Losanpreisungen einen Kundenstamm sammelte, schrieb die Losnummern in eine Liste, den Namen des Kunden Mikolaus Bodenweber' dazu, und Klick nahm feine Lose. Ehe er den Schalterraum verließ, rollte er die beiden Zettel zu blechiftdunnen Röllchen zusammen, wie sie ähnlich in der Glückstrommel >m Schaufenster lagen, und steckte sie in seinen Safe: m die braune Wollmutze zwischen Futter und Stoff. In der Naht innen war em kleines, mit dem Finger gebohrtes Loch. Einen sichereren Aufbewahrungsort für dw Lofe gab es nicht. Er hatte die Mütze auf dem Kopf und immer bei sich. Mit kräftigem Ruck zog er sie über die Ohren. Der Scknee trieb durch die Straße, auf dem Altmarkt wirbelte em weißer Sturm über die Autos und Taxi. Klick überlegte, ob er zu ferne. Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Von Friedrich Schnack Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig Klick aus der Freßgasse. Eigentlich hieß der zwölfjährige Junge, der hübsche, nette Kerl aus der Webergasse in Dresden, Nikolaus; aber der Huftenonkeh der immer mit einem grünen Regenschirm ausging, auch bei schönem Wetter, hatte ihn Klick genannt, und dabei blieb es. Als nämlich Nikolaus vor Jahren zum erstenmal in die kleine Tierhandlung des Hustenonkels 'n der Weber- gasfe kam um sich nach dem Preis der Springmaus zu erkundigen, die freilich unerschwinglich blieb, schrie der rotbefrackte Papagei Ricka m einem fort: „Klick! Klick! Klick!" — ein Pagageienwort, das er zuvor nie im Schnabel geführt hatte, und nun nach dem Auftauchen des Jungen beständig hinausplärrte. Und deshalb nannte der Hustenonkel den Jungen kurzerhand: Klick. Nikolaus ließ sich den Namen anhangen --Hang er doch im Papageienfchnabel fast wie Gluck, und Gluck hatte Klick gern einmal gehabt. Sein alter Name gefiel ihm überdies nicht sonderlich. Wer hieß schon Nikolaus? Nikolaus, zu dem man sich einen langen weihen Bart umstellen konnte. Glück hätte er gern gehabt, ein saftiges, vollfettes, kein abgerahmtes, wie städtische Magermilch. Oft genug hatte er sich im versucht. Aber das Glück, wenn es überhaupt noch eines gab m dieser zerschundenen und verkratzten Welt, schlug andere Wege ein, als Klick sie wußte und nahm, es schien den netten hübschen Jungen aus der Webergasse gar nicht zu kennen Er war wohl auch nicht dumm genug. Dummheit und Gluck wachsen auf einem Stück. Aber Klick war nicht dumm; er war em heller Junge, demnach nicht der wahre Nährboden für den Glückspilz — und so hatte er eben auch kein Glück, wenigstens vorerst nicht Und doch wollte er es haben. Nicht etwa für sich. Ihm ging es gut, satt wurde er noch immer ab und zu gab es auch für kleine Botengänge ein Trinkgeld, und um Schlafen hatte er fein gutes Bett. Auch zählte er erst zwölf Jahre — Glücks genug. Aber für feinen Vater hatte er gern einmal em wenig Glück gehabt. Ein kleiner Buchhalter mit wenig Verdienst und spärllcher Beschäftigung hat für einen Gluckszufall stets etwas übrig. Der konnte Glück brauchen. Der Junge überlegte lange, auf welche Weist man heutzutage noch Glück haben konnte. Recht gering waren die Möglichkeiten. Die Welt war ausgeplündert, stak sie auch voller Ueberrafchungen, wie Krieg, Erdbeben Schiffsuntergangen und Autounglücken. Aber Gluck? Früher horte man hin und wieder von einem reichen Erbonkel aus Amerika — Vater darüber in der Zeitung. Jene Onkels besaßen dicke Brieftaschen und Banknoten. Sie kamen über das große Wasser herüber zu ihren armen Verwandten, und wenn sie starben, vermachten sie ihnen schwindelerregende Summen, wie jenem armen Dienstmädchen von Prag, das über Rächt Dollarmillionärin wurde, weil ihr Onkel in Washingstm gestorben war. Nun brauchte sie nicht mehr die Dreckarbeit in der Schweinemetzgerei zu verrichten; einen Unternehmer kannst sie heiraten und zusehen, wie andere für sie arbeiteten. Das waren die Dollaronkels. Klick hatte keinen. Dann gab es noch kostbare Bilder, die auf Dachböden verstaubten und plötzlich als große Kunstwerke entdeckt wurden, sie machten ihren ahnungslosen Besitzer zum reichen Mann. Ader Schwamm drüber! So war es einmal. Gestorben oder verkracht waren die Amerikaner, und die Bilder auf den Speichern waren nichts wert. Kein Mensch hätte einen Pfennig dafür gegeben, auch nicht für Die großen bunten Tafeln auf dem Speicher der Frau Trockenhut, in deren Spielzeuggeschäft der Vater die Buchhaltung führte. Es blieb nur eines: die Lotterst. Sie war der amerikanische Erbonkel und das verstaubst Malerbild in der Rumpelkammer. An sie mußte man sich halten. Kleine Jungens sollten ja in der Lotterie besser nicht spielen. Klick wußte das. Aber er wollte ja nicht für sich spielen, sondern für den Vater. Wie lange noch — dann machte vielleicht auch Frau Trockenhut den Laden zu, hatten sich doch nach und nach die meisten Türen geschlossen und öffneten sich nicht wieder. Die Kinder bekamen jetzt viel weniger Spiel- fachen geschenkt als früher. Das Geschäft ging schlecht. Frau Trockenhut hatte Sorgen, und der Vater mit ihr. Klick wußte davon. Wenn er motz in der Lotterie einen großen Gewinn erzielte! Mindestens zehnmal schon hotte er heute den Anschlag der Zwingevbaulotstrie durchgelesen. Em Los kostete eine Mark. Wer Glück hatte, gewann den ersten Preis von dreißig Freundin AN gehen sollte, die in der Webergasse ihm gegenüber wohnte, oder zu seinem Vater in den Spielzeugladen. Kopf, Schrift? spielte er in Gedanken, und schnell zählte er an seinen Joppenknöpfen ab: 81 ... $a ... 81... Sa ... — was heißen sollte: Ali — Vater — Ali — Vater — VaterI, sagte der letzte Knopf. Da ging Klick in diese Richtung. Auf der Straße staute sich die Menge. Es war Vorabei^L vor Weihnachten. Klick, seinen Schatz auf dem Kopf, bog in die „Freßgasse" ein. „Freßgasse" nennen die Dresdner ihre von der Seestraße am Altmarkt abzweigende Webergasse, weil sich darin ein Lebensmittelgeschäft an das andere reiht, — eine Gasse von Fleisch, Würsten, Brot, Schnäpsen, Fischen, Käse, Kaffee, Tee, Leckereien. Zwar liegen am Eingang eine Buchhandlung und ein ebenso trockenes Blusengeschäft, und in der Mitte auf der linken Seite das Spielzeuggeschäft von Frau Gerda Trockenhut Witwe und etwas weiter unten rechts die Tierhandlung, wo Klick einst vom Papagei und vom Hustenonkel feinen Namen erhalten hatte; aber die anderen Geschäfte bieten beinahe alle miteinander Ehwaren feil, das Ansehen der Gasse erhaltend und fördernd. Klick keilte sich in den Schub der Leute. In den Geflügelgeschästen brüsteten sich Gänsebrüste neben gerupften Tauben und Hühnern. In den Wildbretläden hingen steif gefrorene Hasen, Rehziemer und gebündelte Schneehühner. Berge von Würsten schauten mit verlockenden Rundgesichtern von Zunge, Salami, Mortadella und Thüringer Hausmacherleberwurst durch die eisigen Scheiben auf die Vorübergehenden, und die Leute schauten gierig und abschätzend auf sie. In anderen Geschäften waren blecherne Pyramiden ausgebaut mit Bohnen, Pilzen, Erbsen und Spargeln. Richt faul hatten sich die Bäcker gezeigt. Sie hatten knuspriges Brot gebacken und Weidenkörbe voll Semmeln, auch allerlei Kuchen. Christstollen waren mit Zucker bestäubt und in durchsichtiges Papier gepackt; lockend lagen sie in ihren schimmernden Häuten. Einen dieser mandel- und rosinengespickten Stollen hätte Klick gern zu Weihnachten auf dem Kaffeetisch gesehen. In den Fischhallen waren ganze Fischzüge gestrandet, schockweise lagen die Goldbarsche neben den Zandern. Flach hatten sich die Flundern auf die Seite gewälzt und sich wie vor Schreck dünn gemacht, weil sie dem Ealzwasser entrissen waren. Schellfische hatten sich eingefunden, um die ärmeren Leute zu nähren, Flußhechte und Karpfen waren für die Bessergestellten da. Vor der Bärenschenke, dem uralten Wirtshaus mit dem braunen Baren im Wappen, lungerten Nichtstuer. Sie rissen ihre Witze, während die Schneeflocken sich dicht wie Watte auf ihre Schnurrbärte setzten und der langbeinige Koch des Gasthauses im weißen Küchenanzug über die Straße storchte, zur Fischhalle, wo er Schleien für die Festtage einkaufte. Die Käsegeschäfte hatten Wagenräder von Schweizerkäse und Emmentaler ausgeschnitten. Mit den roten Edamerkugeln hätte man Kegel schieben und sie durch die Gasse wie Bälle rollen können, verstünden bloß die Händler einen kleinen Spaß. Klick strich vorbei, drängte sich durch das Getümmel, das sich, ein ununterbrochener Menschenstrom, durch die Gasse stieß und drängte Langst vertraut waren ihm die Schätze der Freßgasse. Schinken Gänseklein und Harzer Handkäse rahmten den täglichen Weg ein. Hätte er zu Hause Hunger leiden müssen, wäre die Webergasse für ihn wahrscheinlich em nichtswürdig grausamer Weg gewesen. Leise vor sich hinpfeifend, ging er in das Spielwarengeschäft. „Schön, daß du kommst, Klick!", sagte Frau Trockenhut an der Kasse. Sie kurbelte Zahlen und gab Kleingeld heraus. Ihr Zwicker saß auf öer Nase torkelnd und unternehmungslustig schief. Durch Gesichterschneiden kämpfte sie gegen ihn an, damit er nicht herunterrutsche. Aber plötzlich tropfte er in die Tiefe. * „Kannst mit einpacken. Klick." Er glitt hinter den Packtisch. Cinpacken tat er gern. Keiner schnürte wie er so sein und wie im Handumdrehn Pakete. Der alte Hausdiener Schramedey hatte es ihn gelehrt. Klick ergriff eine Schachtel mit einer Puppe und schlug sie in Packpapier ein, eins zwei, drei, vier — ritsch klitsch Bindfaden darum, Knoten, eine Schleife. Fertig. „Danke!", sagte Frau Lukas, die bei der Kreuzkirche wohnte. Klick packte bereits eine Eisenbahn, ehe noch Frau Lukas sich um- gewandt hatte. Wie am fließenden Band arbeitete er. Ein Auto kam eme kleine Drehorgel mit der Melodie „Alle Vögel sind schon da ...", eine Dampfmaschine, Eisenbahnschienen, eine Tanzmaus. Endlich besiegte er einen Ball, der nicht in die Umhüllung hinein mochte. Mit einem ®niff und Ruck hatte er ihn eingerollt, umschnürt und gefesselt. Der Fußball schaukelte an der Hand seines Käufers zum Laden hinaus. Nun kam ein Roller, ein fchöner, blauroter Roller mit rotem Griff und hohen Gummirädern. „Schicken Sie ihn mir, bitte, zul", sagte die Käuferin, Frau Direktor Rotkorn aus Blasewitz. „Gewiß, gnädige Frau!", versprach Klick, „ich selbst werde ihn heute nachmittag bringen." Die pelzverbrämte Dame lächelte ihn an und schwamm zur Tür. Klick machte hinter ihr zu und eine tiefe Verbeugung gegen die Scheibe. Eine Menge Leute war im Laden. Man verkaufte flott. Das war ja gut. Klick zählte, fast zwanzig Kunden waren es. Sie suchten in der Spielzeugwelt herum, in den kleinen, aus den Schautischen aufgebauten Städten, in den Lämmerherden und Zoologischen Gärten, in den Armeen der Bleisoldaten und den Puppenheeren, im Volk der Teddybären, die guten Muts waren und nichts davon ahnten, daß ihre Sippe, wie sie da auf den Gestellen friedlich und behaglich hockte, der Rest eines aussterbenden Bärenvolkes war: Spieltiere auf Abbruch, denn im Lager ging der Vorrat langsam zu End«, und Nachbestellungen konnte Frau Trockenhut nicht mehr vornehmen. Sie lebte von ihrem Lager, von der Vergangenheit, den vesseren Zeiten. Die Bestände wurden aufgezehrt. Neues, Ersatz kam nicht hinzu oder nur ganz spärlich, es lohnte nicht. Der Spielzeugladen wurde Tag für Tag ausgeplündert — ausgeraubt wie die ganze gegenwärtige Zeit. Klick reichte die Pakete den wartenden Kunden. Bälle waren es, Hampelmänner, Nußknacker, kleine Flugzeuge, die man hoch in die Luft schnellen konnte, Motoren für Strom zum Antrieb von Spielzeugsägen, Turbinen, Bohrmaschinen, Pumpwerken und Brunnen. Diese kleinen Werkstätten und Fabriken liefen noch, und die Hände, von denen sie bedient wurden, waren nicht arbeitslos. Billige Sachen gingen am besten. Die schweren Baukästen aber mit ihren vielen Schrauben, Schienen, Zwingen und Bauplänen, die großen Maschinen mit Dampfanzeigern und Kesselhäusern blieben stehen, auch die feinen Puppenhäuser. Diese Spielsachen waren den sparsamen Kunden zu teuer. Selbst eine Frau Direktor Rotkorn aus Blasewitz, die in einer schönen Villa wohnte, begnügte sich diesmal für ihren einzigen Jungen mit einem Roller für neun Mark, anders als früher, da sie reichlicher gekauft hatte. Der geheim vor sich gehende Ausverkauf bereitete dem aufmerksamen Klick Kummer. Von dem Lager droben kamen die Sachen in den Laden, gingen durch feine Hände; er verpackte die verkaufte Ware, und dann schwebte sich zur Tür hinaus. Oben wurde der Leerraum immer größer und auffälliger. Dem Laden sah man ja noch nichts an. Er war gut versorgt, die Auswahl nicht gering, strahlte von Gegenständen und Farben, von hunderterlei Spielzeug. Ganz gesund war scheinbar seine schöne Welt, rosig angehaucht wie die Puppengesichter, kräftig und stolz wie die Indianer und stark wie die Maschinen. Aber Klick kannte sich aus. Der Vater hatte ihm erzählt, wie sich der Umsatz beständig verringerte und die Einnahmen immer dünner flössen. Die meisten Geschäfte litten heutzutage an der Auszehrung. Zwei Stunden lang packte Klick. Als eine Stockung eintrat, huschte er durch den langen schmalen Laden, in das Geschäftszimmer. Hier faß der Vater am Schreibtisch und schrieb Zahlen in ein großes Buch. Er hockte in sich zusammengekauert, die Schultern hoch und spitz, seine Augen starr auf das Papier gerichtet. Klick, seinen Vater betrachtend, der versunken schrieb und rechnete, zögerte einen Augenblick auf der Schwelle. Liebevoll hastete fein Blick an ihm. Grau und stark gelichtet war das Haar. „Vater!", sagte er, „ich ljabe mitgeholfen beim Paketmachen. Nun geh ich austragen. Damit du weißt, wo ich bin." Herr Vodenweber schaute mit zahlenumflortem Blick auf. Furchen durchzogen das Gesicht, wie Papier war die Stirn zerknittert. „Recht, Klick! Geh und mach Trinkgelder!" „Fahrtspefen zu Lasten der Firma?", fragte der Sohn. „Versteht sich." Klick begab sich auf den Weg. Er trug den Roller, ein Flugzeug, wohlverpackt in einer langen Schachtel, und ein Kindergrammophon mit Schallplatten. Während er mit seinen Paketen auf der Straßenbahn neben dem Fahrer stand, prägte er sich die Namen und Wohnungen der Käufer noch besser ins Gedächtnis, als sie ohnehin schon darin saßen. Medizinalrat Sauerbrei), wiederholte er, Nürnberger Straße 5, erster Stock: abzugeben das Kindergrammophon ... Frau Direktor Rotkorn, Blasewitz: den Roller ... Oberbaurat Haftschloß, Albertplatz, Hochhaus: das Flugzeug ... Die Straßenbahn klingelte, ratterte, Fahrgäste stiegen auf und ab, der Schaffner am kleinen Schiebefenster der Dorderiür rief: „Alles Fahrscheine?" „Umfteigen!", brüllte Klick, zahlte und nahm den Schein. Dann versank er wieder in leichte Träumerei. Durch die Lust wirbelten Schneeflocken. Er sah sich dahintreiben, fahren, rollen. Die Elektrische entführte ihn der Freßgasse. Einen Augenblick empfand er: er fährt mit dem Flugzeug des Oberbaurats durch die Schneewolken, daß es stäubt — mit dem Roller rollt er davon — sanft, schnell, lustig — auf herrlichen Straßen. Wie die Räder schwirren! Aus einem Radiogeschäft, an dem die Straßenbahn vorübertoste, brach ein Schwarm von Musik in den Schneedampf, Aetherklänge. Hatte nicht das Kindergrammophon von Medizinalrat Sauerbrey plötzlich Musik gemacht? So fuhr, raste, rollte, flog und schwebte Klick neben dem Fahrer, der die Kurbel drehte und mit dem Fuß auf die Glocke hämmerte. Im Hochhaus rauschte er mit dem Lift in die Höhe. Als er das Flugzeug abgegeben hatte, sank sein Hochgefühl rasch auf den Tiefpunkt. Man gab ihm kein Trinkgeld. „Dankei", sagte das Mädchen und schloß die Tür. Schlechte Zeiten, wenn selbst Oberbauräte für kleine Jungens nichts tun können. „Danke!", sagte Klick und verließ unten den Lift. In Blasewitz erlitt er keine Enttäuschung. Frau Direktor Rotkorn, die für ihren Jungen den Weihnachtsmann spielte, nahm persönlich den Roller in Empfang. „Du bist ein netter Junge", sagte sie. „Hier hast du auch was." Sie gab ihm fünfzig Pfennig. Ein Page im Film dankte nicht zierlicher, als Klick es tat. Er führte einer feiner schönsten Verbeugungen aus. Sein Gesicht leuchtete und glänzte noch, als er in der Nürnberger Straße landete und das Kindergrammophon mit Schallplatten bei Sauerbrey ablieferte. Auch hier erhielt er etwas in die Hand gedrückt, wenn es auch bloß dreißig Pfennig waren. Mit achtzig Pfennig Tageseinnahme fuhr er nach Haufe. Null — dreißig — fünfzig, dachte er. Haftschloß nichts, Sauerbrey gut, Rotkorn sehr gut. Hastschlösser sind die meisten, Rotkörner die seltensten. So sind die Leute. „Santel", sagte er, zu einem unsichtbaren Zuhörer. (Fortsetzung folgt.) Rauhreif. Von Lina Staab. Gestern schwarzes Gitter, hart und kalt. Heut im Morgenlicht ein leicht Zerfließen, ahnungsvolles Schimmern, facht Erschließen, hingehaucht, verwandelt steht der Wald. Wächst in ihm ein zartrer Hain aus Eis: Perlennnadeln — zierliche Agraffen — sterngesticktes Moos zu Falten raffen. Auf den Wegen wuchsrt's spitz und weiß. Heiderispen glitzern überblüht. Helle Brunnen steigen aus den Gräsern. In dem Strauchwerk klirrt es dünn und gläsern. Ginster starre Strahlengarben sprüht. Rings ein Zauberspiel von Baum zu Baum: Aus den Tannen tuschelt Kindcrflüstern, aus den braunen Blättern Rauschgoldknistern — silbriges Gespinst aus Traum und Flaum. Nicht aus unfern Zonen stammt dies Licht: Eines Engels holdes Atemwehen blieb kristallen in den Lüften stehen — Strahlenschein um zagendes Gesicht. Eines Engels Finger rührt uns an. Große Flügel brausen wie Gesänge, und für eines Schwingenschlages Länge hält die Welt aus ihrer dunklen Bahn. Das gespenstige G rick-Knäuel. Von Börries Freiherrn von Münchhausen. Ein Mann, den sein Beruf viel auf den Gütern Norddeutschlands herumtrieb, und dessen Name ihm überall eine besonders freundliche Aufnahme verschaffte, hat mir einmal von drei Erlebnissen erzählt, die sich unter Menschen abrollten, welche ihm selbst und einander völlig fremd waren. Erlebnisse, die sich doch auf eine seltsame Weise ineinanderfügten, so, als ob einer in drei verschiedenen Jahren an drei verschiedenen Orten eine Uhrkette und dann die dazu gehörige Uhr und schließlich den zu ihr passenden Uhrschlüssel fände. Mein Freund Albrecht war als Kunstkenner auf ein pommersches Gut geladen, wo der Hausherr die ererbte Sammlung von Bildnissen aus dem Besitze eines Vetters begütachten lassen wollte, um sie zu verkaufen. Albrecht verfaßte ein Verzeichnis mit kurzen Beschreibungen. Dabei fielen ihm zwei Damenbildnisse auf, die, in gleichem Rahmen und vom selben Künstler gemalt, offenbar Gegenstücke waren, obgleich die dargestellten Mädchen leider auch Gegensätze für das Auge des Beschauers bildeten: Ein wundervoll edles, durchgeistigtes Antlitz schaute unter der weißgepuderten Haartracht des Rokoko nach rechts, — und ihm starrte, nach linksgerichtet, ein Gesicht entgegen, dessen geradezu gemeine Häßlichkeit weder durch den üppigen Schmuck noch den tiefen Busenausschnitt der Zeit von 1750 gemildert werden konnte. Die Häßliche hielt Federball und Schläger in den eitel gespreizten Fingern, zu ihrem Gegenstück schrieb Albrecht in sein Verzeichnis: Sehr auffallend ist, daß der schönen Gestalt (offenbar viel später!) ein Stiftskreuz um den Hals und ein ganz wunderliches großes Knäuel aus grauer Wolle in die Hand gemalt ist. — Mit einem Kopffchütteln tat er die Sache ab. Und sie fiel ihm auch nicht wieder ein, als er etwa ein Jahr später auf einem märkischen Gute das folgende Erlebnis hatte: Der Hausherr hatte ihn zur Jagd eingeladen, Albrecht war schon dort, als sich plötzlich ein hoher Beamter des Auswärtigen Dienstes als Gast ansagte. Natürlich stellte Albrecht sofort fein Gastzimmer, das beste des Hauses, der Hausfrau zur Verfügung; fein Angebot wurde zwar herzlich dankend angenommen, aber dieser Dank war doch von einem so vielsagenden Blick der Eheleute untereinander begleitet, daß er, etwas erstaunt, fragte: „Warum fall ich nicht in einer eurer Bodenkammern übernachten, glaubt ihr, daß ich alter Feldsoldat mir etwas aus hartem Bett und kleinem Waschbecken mache?" „Gewiß nicht", antwortete der Freund, „und daß du keine Bangebüxe bist, wollen wir deinem ,Pour le merke' glauben. Nur ist eben der Spuk in unserer ehemaligen Bilderkammer — mein Vater hatte alte Familienbilder dort aufgestapelt — auch für einen beherzten Mann derartig ... störend, daß ich ..., daß wir ..." „Aber, ich bitte euch", rief Albrecht lebhaft, „nichts ersehne ich ja mehr, als endlich einmal eigenäugig und eigenohrig einen rechten Spuk zu erleben! Ich bitte euch also dringend, in eurer Bilderkammer diese Nacht und — selbst nach dem Fortgang Seiner Exzellenz — die nächsten Nächte wohnen zu dürfen!" Halb erleichtert, halb zögernd gaben seine Gastsreunde dem geäußerten Wunsche nach. Der Botschafter hatte glänzend geplaudert, es war weit nach Mitternacht, als Albrecht fein Zimmer betrat. Doch schon beim Anknipsen des Lichtes hinderte ihn ein weicher Gegenstand, der mit unruhigen Sprüngen über den Fußboden gegen ihn anlies. Nicht sichtbar, nein, zu sehen war nicht das Allergeringste, auch dann nicht, als Albrecht, der zunächst zurück- gewichen war, damit der unsichtbare Ball ihn nicht berühre, erneut über die Schwelle trat und gleichzeitig die Deckenlampe, die Lampe über dem Waschtisch und das Lämpchen auf dem Bettschrank aufleuchteten. Nein, zu sehen war in dem niedrigen und ungewöhnlich weiten Zimmer nichts. Desto mehr freilich zu hören! Albrecht zwang sich, alle die nötigen und ihm geläufigen Vorhaben jedes Abends auch heute gewissenhaft und unbekümmert zu beobachten, ohne sich um das Etwas zu kümmern, das ja fein gespenstisches Eigenleben über den Erdboden hin sührte. Er öffnete, als Liebhaber von Morgensonne und Luft, alle drei vom Mädchen sorgfältig geschlossenen Vorhänge und Fenster, er stellte die Lackschuhe vor die Tür und hängte seine Kleider über den Kleiderbügel. Und während dieser ganzen Zeit rollte etwas Weiches und offenbar ziemlich Großes über die Dielen. Ein Ball hatte Albrecht beim Betreten des Zimmers geglaubt, — nein, jetzt hörte er, daß dies hier nicht das blanke, fast etwas schmatzende Geräusch war, mit dem ein Gummiball vom Boden hüpfte. Spielende Katzen, Rotten — das war fein nächster Gedanke gewesen, aber auch deren Tritte waren seinen Jägerohren viel zu vertraut, um länger als sekundenlang daran zu glauben. Hier wurde, wie ihm schien, ein Bündel dicken Kleiderstoffes rastlos über den hellerleuchteten Fußboden geworfen, gefchleist, geschoben ... Und dazwischen glaubte er das Knistern von Papier aus den Ecken des Zimmers zu hören. Nach etwa einer Stunde hörte das Geräusch plötzlich auf, aber die Stille jetzt war furchtbarer als das Geräusch, das Gerümpel, das Pumpeln des unsichtbaren Bündels vorher. Albrecht sah noch über eine Stunde wach im Bett und schrieb seine Beobachtungen so gewissenhaft wie möglich in fein Tagebuch. Nach kurzem, unruhigem Schlafe wachte er auf. Aber er mochte wohl feinen Nerven mehr zugemutet haben, als sie vertragen konnten — jedenfalls war ihm der Gedanke an eine zweite Nacht in der Bilderkammer unerträglich. Ziemlich unbegründet reifte er ab, feine bekümmerten Freunde wagten nicht, ihn zu halten. „Es ist ein Unglück für uns", sagte die Hausfrau, „dieser Spuk kostet uns auch noch unsere Freunde, nachdem schon die Mädchen einem fortlaufen, sobald sie ihn erleben. Als mein M^mi das Gut vorn letzten Freiherrn von Maus kaufte, wußten wir noch nichts davon, und als wir, empört über die Verheimlichung dieses Umstandes, den Kauf rückgängig machen wollten, da war der alte Maus gestorben, und wir saßen da!" — Das dritte Erlebnis spielte sich in der Uckermark ab. Albrecht war als Gast eines Freundes mit diesem auf ein Nackchargut gefahren. Man hatte gegessen und getrunken und saß schon in den tiefen Stühlen um den Kamin, um zur Zigarre den Rest des Abends zu verplaudern. Zwei Herren, die sich etwas neben dem großen Kreise niedergelassen hatten, sprachen über familiengeschichtliche Forschungen, und Albrecht wurde Zeuge folgenden Berichts: Mir ist da neulich eine sehr merkwürdige Geschichte in den Briesen eines Vorfahren meiner Mutter aufgestohen. Diese, eine geborene Freiin von Maus, hatte einen Ururgroßvater, der zu Zeiten des Alten Fritz General war und in Potsdam stand. Er muh zwei Tochter gehabt haben, eine von ungewöhnlicher Schönheit, die andere angeblich häßlich, — Bilder haben sich leider nicht erhalten, da der Großvater meiner Frau einen ganzen Wogen voll Familienbilder vertrödelte, wohl aus Aerger darüber, daß er das alte märkische Familiengut nicht hatte halten können. Da kam nun eines Tages ein schwedischer Hauptmann an den Hof des großen Königs, verliebte sich in die schone Tochter des Generals und warb um sie. Der Baron Maus aber wollte die Tochter nicht so ohne weiteres auf das Gutglück einer Liebe auf den ersten Blick in das ferne Land ziehen taffen und gab feine Zustimmung nur unter einer Bedingung: Die Liebenden sollten zunächst, da der Schwede in seine Heimat zurückmußte, in einen Briefwechsel treten, der sie seelisch und geistig näher zueinander führen — oder ihre Neigung als übereilt erweisen sollte. Der schwedische Graf reifte ab. Nie kam er wieder, nie kam ein Brief von ihm. Die unglückliche Braut weinte sich die Augen blind und schrieb zunächst in leidenschaftlicher und dann in immer verzweifelterer Liebe — aber es kam keine Antwort. Da entschloß sich der Vater, dem der Jammer feiner Tochter ins Herz fchnitt, zu einem Schreiben an den vergeßlichen Äräu- tigam — aber es kam keine Antwort. Endlich brauste in dem General der Zorn über den Ungetreuen auf, und er forderte ihn trotz seinem Alter auf Pistolen — aber es kam keine Antwort. — Jahre vergingen, Jahrzehnte vergingen. Der alte Soldat war längst zur großen Ärmee einberufen, auch die Schwester war tot, als die nun schon silberhaarige Verlassene in eines der adligen Stifte der Mark eintrat. Vorerst veräußerte sie, was sie von ihrem Erbe im Kloster nicht gebrauchen konnte. Aus dem Nachlaß der Schwester aber nahm sie eine Truhe mächtiger Wollknäuel an sich, denn damals spann und stickte man ja noch mehr als heute. So saß sie also in ihrem Altjungfernstübchen und strickte in jahrelanger stiller Tätigkeit die Knäuel ab, die ihre häßliche Schwester bei Lebzeiten gewickelt hatte. Ja, und nun kommt das Entsetzliche: Eines Tages blickte aus einem schon dünner werdenden Wolleball ein Stückchen vergilbten Papieres vor, und wie sie es neugierig hervorzieht, da ist es ein glühender Liebesbrief, geschrieben in Stockholm vor dreißig Jahren und gerichtet an sie. Und wie sie mit fiebernden Händen den Faden weiter ablaufen läßt, da findet sie nacheinander alle jene wilden Verzweiflungen über ihr unerklärliches Schweigen, das ebenso in ihren Briefen an den Geliebten gestanden hatte — vor dreißig Jahren! Ihre Schwester hatte aus Neid alle ihre Briefe vernichtet, hatte aber in einer jener unerklärlichen Launen, die so oft einen Verbrecher fast zauberhaft zwingt, eine Spur seiner Tat unverwischt zu lassen, die Briefe des schwedischen Offiziers aufgehoben und in mehreren dicken Wollknäueln versteckt. Ist diese Tat nicht geradezu teuflisch?" Der Zuhörer in der Ecke schüttelte den Kopf aus Grauen über diese abgründige Gemeinheit. Aber als ein Spötter, der er war, sagte er, über seine eigene Empörung hinweggleitend: Wissen Sie, die ewige Gerechtigkeit sollte dieses Tier von einem Weibe bis in alle Ewigkeit spuken lassen am Orte ihrer Tat — jawohl, spuken mit ihren verdammten Knäueln!" ,, . . , Albrecht aber, der ungebetene Zeuge des Gespräches, schwieg damals und schwieg später, bis er mir die drei Erlebnisse einmal in einer tiefen Stunde erzählte. Er schloß damals seinen Bericht mit den Worten: „Mir i war, als hätte ich Gottes Hände selber drei Ringe zu einer Kette zu- | (ommenfügen sehen!" Willkommen und Abschied. Von 3. 2ß. von Goethe. Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan, fast eh' gedacht. Der Abend wiegte schon die Erde, und an den Bergen hing die Nacht; schon stand im Nebelkleid die Eiche, ein aufgetürmter Riese, da, wo Finsternis aus dem Gesträuche mit hundert schwarzen Augen sah. Der Mond von einem Wolkenhügel sah kläglich aus dem Duft hervor, die Winde schwangen leise Flügel, umsausten schauerlich mein Ohr; die Nacht schuf tausend Ungeheuer; doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern welches Feuerl In meinem Herzen welche Glut! Dich sah ich, und die milde Freude floß von dem süßen Blick aus mich; ganz war mein Herz an deiner Seite und jeder Atemzug für dich. Ein rosenfarbnes Frühlingswetter umgab das liebliche Gesicht, und Zärtlichkeit für mich — ihr Götter! Ich hofft' es, ich verdient' es nicht! Doch ach, schon mit der Morgensonne verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen, welche Wonne! In deinen Augen, welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden und sahst mir nach mit nassem Blick: Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück. Oie Mtsel Schillers. Von Hanns Martin El ft er. Unter o uj 111 e r 5 Werken finden sich vierzehn Rätsel. Er hat sie für die Uebersetzung des Märchenglaubens „Turandot" von G o z z i gedichtet. Er rechnete sie zu den sogenannten „Halslösungsrätseln", das heißt zu den Rätseln, die in einer wichtigen Entscheidung aufgegeben werden und auf denen der Tod steht, wenn man sie nicht löst. Sie „kosten also den Hals". Von den vierzehn Rätseln hat Schiller in „Turandot" drei verwandt und dreizehn unter seinen Gedichten der dritten Schaffenszeit wiedergegeben unter dem Namen „Parabeln und Rätsel", so daß sich also zwei doppelt abgedruckt finden. Vor die Untersuchung des Wesens von Schillers Rätseln sei ein Wort über das Rätsel selbst gesetzt. Das Rätsel entsteht aus dem Traum, der Traum gibt Bilder, die beseelt, belebt und bewegt sind. Während beim Traum die Bewegung des Bildes innerhalb einer Handlung zur Hauptsache wird, bleibt aber beim Rätsel das Bild der Mittelpunkt des Denkens. Das Bild ist Anschauung; es kommt dem Rätsel darauf an, das Gedachte und Vorgestellte neu und seltsam zu sehen, ohne es zu nennen, und es so zu bezeichnen, daß es durch die Beschreibung vor dem Auge im Innern des Zuschauers erscheint und damit das Rätsel zu erraten aufgelöst wird. Die Auflösung löst aber nicht auch zugleich das Bild auf, sondern das Bild bleibt bestehen, es wird bestätigt und dadurch erweckt es Freude. Neben diesem Anschauungsrätsel gibt es Rätsel, die eine Verbindung von Einzelzügen zu einem nicht als Bild gesehenem Ganzen ist, sondern als etwas, das erst vermöge der Auflösung einen Begriff erhält und durch die Auflösung auch zerfällt. Von einem solchen Rätsel bleibt nichts übrig, es gibt auch keine Freude, sondern nur Befriedigung der Eitelkeit, die man bei einer zutreffenden Auslösung über den eigenen Scharfsinn empfindet. Deshalb verwendet das eigentliche Rätsel, das V o l k s r ä t s e l, ihn nicht, da das aus der Volksdichtung entstammende Rätsel ein künstlerisches Ziel hat. Der Wert des Anschauungsrätsels liegt nun darin, daß das geschaute Bild so fein, so genau wie möglich ausgefeilt wurde, und je vollkommener das Ding, das Bor- gestellte ohne Benennung gestaltet war, desto größer war der Erfolg des betreffenden Rätsels. Das Ausfeilen und Treffen des gewünschten Bildes machte das Volk nun auf folgende Weise: es beseelte den Stoff, weil durch die Beseelung „am einfachsten die äußere Form an die innere Notwendigkeit geknüpft wird, die innere Notwendigkeit sich in die äußere Form hineindrückt" und gab das Bild, den einzelnen Gegenstand, wenn es nur möglich war, nicht in Ruhe, sondern in einer besonders bezeichnenden Bewegung. — Das Wesentliche des eigentlichen Rätsels ist also eine möglichst scharfe Ausfeilung eines Anfchauungsbrldes mit Hilfe der Kennzeichnung durch Sprache, Beseelung, Bewegung, Auge und Ohr ohne ^Benennung in möglichst knapper Form. Kehren wir nun zu Schillers Rätseln zurück, von denen Goethe sagt, daß es „entzückende Anschauungen des Gegenstandes" seien und damit den Nagel auf den Kopf trifft, weil auch er sich des eigentlichen Rätsels vollkommen bewußt war. Trotz diesem Goethischen Lobe befriedigen aber Schillers Rätsel nicht ganz. Wie kommt das? Die Erklärung ist einfach' Schiller mutet dem Leser zu viel Arbeit zu, ehe er zum Bilde kommen läßt. Das Bild ist beim Volksrätsel blitzartig da, bei Schillers Rätsel erst nach langem Vergleichen, Zusammensuchen der zueinander passenden Merkmale, Zerlegen usw., nach denen die Gedicht-Freude längst dahin ist, wenn man das Bild zusammen hat, um so mehr, als jedes der aufeinanderfolgenden Bilder das immer vorhergehende totschlägt. Man vergleiche nun das Rätsel mit der Auflösung „Schiff": Ein Vogel ist es, und an Schnelle Buhlt er mit eines Adlers Flug; Ein Fisch ist's und zerteilt die Welle, Die noch kein größeres Untier trug; Ein Elefant ist's, welcher Türme Auf seinem schweren Rücken trägt; Der Spinnen kriechendem Gewllrme Gleicht es, wenn es die Füße regt; Und hat es fest sich eingebissen Mit seinem spitz'gen Eisenzahn, So steht's gleichwie auf festen Füßen Und trotzt dem wütenden Orkan. Dazu soll es noch ein Halslösungsrätsel sein, also so schwer wie möglich. Goethe drängte denn auch darauf, daß die Rätsel nicht zu leicht seien, weil der Zuhörer sie nicht früher erraten darf, als der Prinz auf der Bühne im „Turandot". Das Märchen wußte das auch und machte feine Rätsel schlechthin unerratbar oder vielmehr „nur durch ein äußerliches Wissen" erratbar. So übersetzte sich das Märchen in seiner Sorglosigkeit die Forderung des Scharfsinns, der es selbst nicht gewachsen sein konnte. Diesen Weg durfte Schiller aber nicht wählen, da eine Scharfsinnsprobe kein Vorwurf für eine Dichtung ist, weil der Scharfsinn zerlegt, die Dichtung aber zusammensetzt, fchafft, gestaltet. Schiller aber ließ sich zu der Rätselart drängen, die er mit seinem künstlerischen Gefühl zu meiden suchte. Er gab Scharfsinnsrätsel, die noch dazu leicht zu lösen waren, in zergliederten Anschauungen. So hatte Goethe recht, wenn er schreibt (2. 2.1802): „Ihre beiden neuen Rätsel haben den schönen Fehler der ersten, besonders des Auges, daß sie entzückte Anschauungen des Gegenstandes enthalten, worauf man fast eine neue Dichtungsart gründen könnte. Das zweite habe ich aufs erste Lesen, das erste aufs zweite Lesen erraten. Meo voto würden Sie den Regenbogen an die erste Stelle setzen, welcher leicht zu erraten, aber erfreulich ist; dann käme meins, welches kahl, aber nicht zu erraten ist; dann der Blitz, welcher nicht gleich erraten wird in jedem Falle einen sehr schönen und hohen Eindruck zurückläßt ... Ich bemerke auch, daß August Ihre beiden Rätsel schon in der Hälfte des Vorlesens geraten hat." Man vergleiche nun einmal Schillers Rätsel vom Auge, in dem man eine Menge Hauptanschauungen erst auseinander trennen und dann vereinigen muß, um das Bild zu erraten, also Verstandesarbeit, und zwar nicht zu wenig, zu leisten hat, mit dem deutschen Volksrätsel vom Auge. „Es ist eine kleine Tür, aber die ganze Welt kann da durchgehen." Wie wird da gleich alles in eins zusammengefaßt; Verstandesarbeit, also unkünstlerische Arbeit, ist nicht nötig, weil das Rätsel sich mit einer einzigen Beziehung begnügt, wahrend Schiller eine Anzahl wesentlicher Beziehungen wählt, die in der Vorstellung viel prächtiger sind als das Volksrätsel, das auf ein einheitliches Bild hinaus will. Und das hat Schiller wohl gewußt und auch erstrebt, wie es das Rätsel vom Blitze zeigt, das auch Goethe, obgleich er es als „Fehler" für eine Scharfsinnsprobe ansah, beibehalten wissen wollte, weil es „in jedem Falle einen sehr schönen und hohen Eindruck" zurückläßt: Unter allen Schlangen ist eine Auf Erden nicht gezeugt, Mit der an Schnelle keine. An Wut sich keine vergleicht. Sie stürzt mit furchtbarer Stimme Auf ihren Raub sich los. Vertilgt in einem Grimme Den Reiter und das Roß. Sie liebt die höchsten Spitzen; Nicht Schloß, nicht Riegel kann Vor ihrem Abfall schützen; Der Harnisch — lockt sie an. Sie bricht, wie dünne Halmen, Den stärksten Baum entzwei; Sie kann das Erz zermalmen. Wie dicht und fest es sei. Und dieses Ungeheuer Hat zweimal nie gedroht — Cs stirbt im eignen Feuer; Wie's tötet, ist es tot! Das ist ein geschlossenes, gewaltiges Pjld, das mit fortr auch wenn man weiß, daß der Blitz gemeint ist, eben weil es c f ' ä h ist. Aber packt nicht folgender Volksreim mit derselben Vorstellung noch mehr? Hochauf sitz ich Hochauf fchweb ich; Komm ich herab, so freß ich sechs Ochsen. So hat Schiller zwar keine „neue" Dichtungsart eingeleitet oder geschaffen, aber das Ringen mit dem Rätsel, das Streben nach der einheitlichen Anschauung zeigt, wie germanisch Schiller ist. Triebmäßig fiößt er wieder auf die Entwicklungslinie, die das germanische Rätsel genommen hat, am deutlichsten in dem isländischen Rätselschrifttum. Dazu kommt noch, daß Schiller in seinem Rätsel eine in seinen Dichtungen sonst ganz fremde Natürlichkeit gibt, ein zartes Empfinden ohne jedes „Pathos", wie es das Rätsel vom Monde und von den Sternen am feinsten zeigt." Verantwortlich: l)r. Hans Tbvriot. — Druck und Derlag:Drühl'fche Univers itätS-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.