Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 60 Zreitag. den Z. August Jahrgang 1956 „Es steht Ihnen gar nicht gut, mir zu drohen! Das kann ein anderer auch! Mein Bruder ist hier in Paris; die Polizei ist auf der Jagd, und wenn Sie dabei beharren, mich mit Ihren Klageliedern anzuöden, so will ich Ihnen auch eine kleine Ueberraschung bereiten, Herr Rolles. Aber meine Ueberraschung werden Sie einmal erleben, und dann wird s aus sein. Verstehen Sie mich? Jedes Ding hat mal ein Ende, und Sie haben es dahin gebracht, daß jetzt meine Geduld zu Ende ist. Dienstag um sieben Uhr; nicht einen Tag, nicht eine Stunde früher! Nicht den kleinsten Bruchteil einer Sekunde früher — und wenn es darum ginge, Ihr Leben zu retten! Und wenn es Ihnen nicht paßt, folange zu warten, so mögen Sie meinetwegen zur Hölle fahren, wo sie am tiessten ist — tnir ist es Wurst!" Mit diesen Worten stand der Diktator von der Bank auf und ging in der Richtung nach dem Montmartre davon, indem er mit wütendem Gesicht den Kopf schüttelte und mit dem Spazierstock in der Luft herumfuchtelte. Sein Begleiter dagegen blieb in einer Haltung, wie wenn er ganz verzweifelt wäre, auf seiner Bank sitzen. Francis Scrymgeour war vor Erstaunen und Entsetzen außer sich. Seine Geiühle hatten einen furchtbaren Stoß bekommen. Die hoffnungsvolle Kindesliebe, in der er sich auf die Bank gesetzt hatte, hatte sich n Abscheu und Verzweiflung verwandelt. Der alte Scrymgeour war ein viel freundlicherer und achtungswerterer Vater als dieser gefährliche und leidenschaftliche Intrigant. Aber Francis verlor seine Geistesgegenwart nicht und zögerte keinen Augenblick, der Spur des Diktators nach- ^ZDieser Herr lief in seiner Wut mit schnellen Schritten davon und war mit seinen zornigen Gedanken so vollständig beschäftigt, daß er sich auch nicht ein einziges Mal umsah, bis er vor seiner eigenen Tur stand. Das Haus stand hoch oben in der Rue Sepie, von wo man eine Aussicht über ganz Paris hat und die reine Lust der Höhe atmet. Es war zwei Stockwerke hoch, mit grüngemalten hölzernen Fensterladen, und alle aus die Straße hinausgehenden Fenster waren dicht geschlossen. Baumwipfel erhoben sich über die hohe Gartenmauer, und diese selbst war durch eiserne Spitzen geschützt. Der Diktator blieb einen Augenblick stehen und suchte in der Tasche nach seinem Schlussel; hierauf öffnete er eine Pforte in der Mauer und verschwand. Francis sah sich um. Die Gegend war sehr einsam; das Haus lag ganz für sich allein in seinem Garten. Es sah so aus, wie wenn seine Beobachtungen hier plötzlich zu Ende wären. Ein zweiter Umblick zeigte ihm jedoch gleich nebenan ein großes Haus, dessen Giebel nach dem Garten zu lag; und in diesem Giebel befand sich ein einzelnes Fenster. Er begab sich nach diesem Hause hin und sah einen Aushangzettel, daß unmöblierte Zimmer monatsweise zu vermieten seien; als er sich erkundigte, stellte sich heraus, daß auch das Zimmer mit der Aussicht auf den Garten des Diktators zu vermieten war. Francis besann sich keinen Augenblick; er nahm das Zimmer, machte eine Anzahlung auf bie Miete und kehrte nach seinem Gasthof zurück, um sein Gepäck zu I,Ot2)er alte Herr mit dem Säbelschmiß war vielleicht sein Vater, vielleicht auch nicht- er war vielleicht auf der richtigen Spur, vielleicht auch nicht. Soviel aber war gewiß: er sah sich einem sehr aufregenden Geheimnis gegenüber, und er nahm sich vor, in seiner Beobachtung keinen Augenblick zu ermüden, bis er dieses Geheimnis vollständig ergründet hätte. Das Fenster seiner neuen Wohnung gewährte dem jungen Scrym- qeour einen vollständigen Ueberblick über den Garten des Hauses mit den grünen Läden. Unmittelbar unter ihm beschattete ein sehr hübscher Kastanienbaum mit dichtem Laub ein paar Holztische, an denen man im Hochsommer speisen konnte. Dichter Graswuchs bedeckte überall den Boden- nur auf der einen Seite, zwischen den Tischen und dem Hause, sah er einen Kiesweg, der von der Veranda bis zur Gartenpforte ^Francis spähte durch die Latten der venezianischen Fensterläden hindurch die er nicht öffnen durste, um nicht bemerkt zu werden; er beobachtete nur wenig, was einen Schluß auf die Gewohnheiten der Haus- insasien zuließ, und aus diesem wenigen ging nur hervor, daß es Leute waren, die sehr abgeschlossen lebten und die Einsamkeit liebten. Der Garten erinnerte mit feiner Mauer an einen Klostergarten, das fiau« sah wie ein Gefängnis aus. Die grünen Fensterläden der Außenseite waren sämtlich geschlossen; die Tür, die in die Veranda führte, ebenfalls- der Garten, soweit er ihn übersetzen konnte, lag vollkommen einsam im Abendsonnenschein. Nur ein dünner Rauchfaden, der aus dem einen Schornstein ausstieg, bekundete die Anwesenheit lebender 932eUminirf)t ganz untätig zu sein, und zugleich seiner Lebensweise einen gewissen äußeren Anstrich zu geben, hatte Francis eine französische U-b-rsetzung von Euklids Lehrbuch der Geometrie gekauft. Dieses: ub-- s-chte er ins Englische und übertrug die Zeichnungen, indem er sich r'- I den Fußboden gegen die Wand setzte und seinen Kofser als Schreioti.ch Dee Diamant öes Raöschah von Robert Louis Stevenson Copyright by Verlag Albert Langen / Georg Müller, München 5. Fortsetzung. Schließlich kam der Samstag heran und er begab sich an den Kassenschalter des Theaters in der Rue Richelieu. Kaum hatte er seinen Namen genannt, so brachte der Kassierer die Karte in einem Umschlag zum Vorschein, auf dem die Adresse offenbar unmittelbar vorher geschrieben war, und sagte zu dem jungen Bankbeamten: „Die Karte wurde gerade in diesem Augenblicke genommen." „Was Sie nicht sagen! Darf ich fragen, wie der Herr aussah? „Ihr Freund ist leicht zu beschreiben", antwortete der Angestellte. „Er ist ein alter, kräftiger und schöner Herr mit weißen Haaren und einer Säbelnarbe im Gesicht. Sie müssen eine so ausfallende Persönlichkeit unbedingt sofort erkennen." „Ohne Zweifel , antwortete Francis, „und ich danke Ihnen bestens für die freundliche Auskunft." „Er kann noch gar nicht weit fein", fetzte der Kassierer hinzu; „wenn Sie sich beeilen, können Sie ihn vielleicht noch einholen." Francis ließ sich das nicht zweimal sagen; er lief aus dem Theater heraus, stellte sich mitten auf die Straße und sah sich nach allen Richtungen um. Mehr als ein weißhaariger Herr befand sich innerhalb seines Gesichtskreises; aber obwohl er sie alle, einen nach dem anderen überholte, fand er doch nicht den richtigen; denn keiner von ihnen hatte den Säbelhieb. , „ r . Beinahe eine halbe Stunde lang lief er durch alle Straßen in der Nachbarschaft; schließlich sah er ein, daß dieses Herumlaufen ganz zwecklos war, und beschloß, einen längeren Spaziergang zu machen, um feine Aufregung zu meistern; denn es war dem jungen Mann doch tief zu Herzen gegangen, daß er seinem mutmaßlichen Vater so nahe gewesen war. Der Zufall führte ihn in die Rue Drouot und von dort die Rue des Martyrs hinauf; und der Zufall bediente ihn diesmal besser, als die sorgfältigste Ueberlegung es hätte tun können. Denn auf dem äußeren Boulevard sah er zwei Herren, die in eifrigem Gespräch auf einer Bank saßen. Der eine war dunkelhaarig, jung und hübsch; er trug weltliche Kleider, war aber unverkennbar geistlichen Standes; der andere entsprach in jeder Einzelheit der Beschreibung, die der Theaterkassierer ihm gegeben hatte. Francis fühlte, wie ihm das Herz klopfte; er wußte, daß er letzt bald die Stimme seines Vaters hören würde. Er ging daher in weitem Bogen um die beiden herum und setzte sich geräuschlos hinter sie, die zu ernstlich in ihrem Gespräch vertieft waren, um viel anderes zu bemerken. Wie Francis erwartet hatte, wurde die Unterhaltung in englischer Sprache geführt. „Ihr Mißtrauen beginnt mich zu ärgern, Rolles , sagte der altere. „Ich sage Ihnen, ich tue mein Aeuherstes; aber man kann nicht in einem Augenblick Millionen flüssig machen. Habe ich denn nicht Sie, der Sie mir völlig fremd waren, aus bloßem guten Willen bei mir aufgenom- nu.i? Geben Sie nicht sehr behaglich von meinen freiwilligen Gaben? „Von Ihren Vorschüssen, Herr Vandeleur", berichtigte der andere. „Meinetwegen sagen Sie Vorschüsse; und sagen Sie statt,aus gutem Will-n' ,aus Gewinnsucht', wenn Sie dieses Wort vorziehen", antwortete Vandeleur ärgerlich. „Ich habe keine Lust an Wortklaubereien. Geschäft ist Geschäft; und Ihr Geschäft — gestatten Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen — ist zu schmutzig, als daß Sie so hochnäsig zu fein brauchten. Vertrauen Sie mir oder sagen Sie sich von mir los und suchen Sie sich irgendeinen anderen; aber verschonen Sie mich endlich einmal, um des Himmels willen, mit Ihren Jeremiaden! „Ich fange an, die Welt kennenzulernen", antwortete der andere, „und ich ehe, daß Sie jeden Grund haben, mich zu betrügen, und keinen einzigen Grund, ehrlich gegen mich zu sein. Ich habe ebensowenig wie Sie ein Vergnügen an Wortklaubereien; Sie wollen den Diamanten für sich selber haben; Sie wissen, daß Sie das gar nicht leugnen können. Haben Sie nicht schon meine Unterschrift gefälscht und in meiner 21 ü= Wesenheit meine Wohnung durchsucht? Ich begreife, weshalb Sie mich fortwährend vertrösten: Sie liegen auf der Lauer — Sie fmb ja d Diamantensäger! Und Sie werden früher ober spater durch gute oder schlechte Mittel den Stein in Ihre Hände bringen so denken Sie, Ich sage Ihnen: das muß aufhören! Treiben Sie mich noch etwas weiter, und Sie sollen eine Ueberraschung erleben!" benutzte; denn er hatte weder Tisch noch Stuhl; von Zeit zu Zeit stand er aus und warf einen Blick in den Garten des Hauses mit den grünen Läden; aber die Fenster blieben nach wie vor geschlossen und der Garten leer. Erst spät am Abend ereignete sich etwas, das seine fortgesetzte Aufmerksamkeit belohnte. Zwischen neun und zehn Uhr weckte der scharfe Klang einer Klingel ihn aus einem leichten Schlummer, in den er gesunken war; er sprang an seinen Beobachtungsposten und kam noch zur rechten Zeit, um zu hören, wie mit großem Geräusch Schlösser geöffnet und Riegel zurückgeschoben wurden. Dann sah er Herrn Van- deleur, in einem wallenden Talar von schwarzem Sammet mit gleichem Käppchen, eine Laterne in der Hand, aus der Veranda herauskommen und gemächlich nach der Gartenpforte zu gehen. Das Klirren von Schlössern und Riegeln wiederholte sich, und einen Augenblick später sah Francis in dem hüpfenden Licht der Laterne den Diktator, wie er ein Individuum von sehr gemeinem Aussehen in sein Haus führte. Eine halbe Stunde nachher wurde der Besucher wieder bis an die Straße begleitet; Herr Vandeleur setzte seine Laterne auf einen der Gartentische und rauchte unter dem Kastanienbaum nachdenklich seine Zigarre zu Ende. Francis konnte alle seine Bewegungen genau beobachten: wie er die Asche abstreiste oder lange Züge an der Zigarre tat; er bemerkte eine Wolke auf der Stirn des alten Mannes und ein starkes Zucken der Lippen, das auf ein angestrengtes und wahrscheinlich schmerzliches Nachdenken schließen ließ. Die Zigarre war schon fast aufgeraucht, als plötzlich die Stimme eines jungen Mädchens aus dem Innern des Hauses ihm zurief, es fei zehn Uhr. „Ich komme sofort", antwortete John Vandeleur. Mit diesen Worten warf er den Zigarrenstummel weg, griff nach seiner Laterne und verschwand für diese Nacht in der Veranda. Sobald die Tür geschlossen war, lag das Haus wieder in vollständiger Dunkelheit. So angestrengt Francis auch hinblickte, konnte er auch nicht einmal einen einzigen Lichtschimmer an einer Ritze der Fensterläden bemerken; er zog daraus den sehr verständigen Schluß, daß die Schlafzimmer sich sämtlich auf der anderen Seite des Hauses befänden. In der Frühe des nächsten Morgens — denn er war schon zeitig auf den Beinen, nachdem er eine unbequeme Nacht auf dem Fußboden verbracht hatte — sah er sich veranlaßt, diesen Schluß wieder umzustoßen. Die grünen Läden wurden einer nach dem anderen aufgezogen, offenbar vermittels einer Vorrichtung, die sich im Inneren der Zimmer befand, und unter ihnen tarnen eiserne Läden zum Vorschein, wie man sie für Schaufenster benutzt. Diese wurden ebenfalls in die Höhe gezogen und dann etwa eine Stunde lang die Zimmer gelüftet. Nach Ablauf dieser Zeit schloß der alte Vandeleur mit eigener Hand die eisernen Läden und ließ dann die grünen Läden wieder herunter. Während Francis sich noch über diese Vorsichtsmaßregeln wunderte, ging die Tür auf; ein junges Mädchen trat heraus und sah sich im Garten um. Es dauerte keine zwei Minuten, bis sie wieder in das Haus ging; aber auch in diesem kurzen Augenblick sah er genug, um überzeugt zu sein, daß sie eine ungewöhnlich reizende Erscheinung war. Dieser Vorfall erregte nicht nur seine Neugier in hohem Maße, sondern erfüllte ihn auch mit einer freudigen Erwartung. Die beunruhigenden Manieren und die mehr als zweifelhafte Lebensweise seines iöaters bekümmerten ihn nicht mehr; von diesem Augenblick an schloß er sich mit leidenschaftlicher Liebe seiner neuen Familie an; einerlei, ob die junge Same seine Schwester oder seine zukünftige Gattin wäre — er war auf alle Fälle überzeugt, daß sie ein Engel in Menschengestalt wäre. Diese Ueberzeugung war so stark, daß ihn ein plötzliches Entsetzen ergriff, als er darüber nachdachte, wie wenig er in Wirklichkeit wüßte, und wie leicht es möglich wäre, daß er gar nicht den Richtigen verfolgt hätte, als er dem alten Herrn Vandeleur nachgegangen war. Der Hausmeister, den er auszufragen suchte, konnte ihm nur wenig Mitteilen; aber auch diese geringe Auskunft hatte etwas Geheimnisvolles. Der Herr im Nebenhaufe fei ein außerordentlich reicher Engländer, der in feinen Gewohnheiten und Neigungen ebenso exzentrisch fei. Er besitze große Sammlungen, die er in feinem eigenen Hause aufbewahre, und um diese zu sichern, habe er seine Wohnung mit den eisernen Läden, den grünen Holzläden und den eisernen Spitzen auf der Gartenmauer versehen. Er lebe sehr einsam, obgleich zuweilen sonderbare Besucher kämen, mit denen er dem Anschein nach Geschäfte mache: und in dem Hause befinde sich außer ihm und Mademoiselle kein anderer Mensch als eine alte Dienerin. „Ist Mademoiselle seine Tochter?", fragte Francis. „Freilich. Mademoiselle ist die Tochter des Hauses, und es ist sehr ausfallend, wie sie arbeiten muß. Obgleich der Herr so reich ist, muß sie selber die Einkäufe besorgen, und Sie können sie an jedem Wochentage, mit einem Marktkorb am Arm, hier vorübergehen sehen." „Und die Sammlungen?" „0 mein lieber Herr! Die sind unermeßlich wertvoll! Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Seitdem Herr de Vandeleur in das Haus eingezogen ist, hat kein Mensch aus unserem Stadtviertel die Schwelle überfchritten." „Wenn das auch nicht der Fall ist", bemerkte Francis, „so müssen Sie doch gewiß einigermaßen wissen, was diese berühmten Kunstsammlungen enthalten. Sind es Bilder, seidene Stoffe, Statuen, Juwelen ober was sonst „Meiner Seel!", sagte der Mann mit einem Achselzucken, „es könnten Mohrrüben fein — ich kann Ihnen das nicht sagen. Woher sollte ich das wissen? Das Haus wird, wie Sie bemerkten, gleich einer Festung bewacht." Aber als Francis, sehr enttäuscht, wieder aus dem Zimmer gehen wollte, rief der Hausmeister ihn zurück und sagte: „Etwas ist mir noch eingefallen, mein Herr! Herr de Vandeleur ist in allen Weltteilen gewesen, und ich hörte mal die alte Frau behaupten, er habe viele Diamanten mitgebracht. Wenn das wahr ist, muh hinter diesen eisernen Läden eine schöne Ausstellung zu sehen sein." Am Sonntagabend saß Francis schon früh auf seinem Platz im Theater. Der Sitzplatz, der für ihn ausgewählt worden war, befand sich nur zwei ober brei Nummern von bem Gang zur Linken unb einer ber Parkettlogen unmittelbar gegenüber. Da ber Platz befonbers ausgesucht worben war, so ließen sich ohne Zweifel aus feiner Lage einige Schlüffe ziehen, unb fein Instinkt sagte bem jungen Mann, baß bie Loge zu feiner Rechten in irgenbeiner Beziehung zu bem Drama stehe, in welchem er unwissentlich eine Rolle spiele. Diese Loge lag nämlich so, baß ihre Insassen, wenn sie Lust hatten, ihn vom Anfang bis zum Ende des Stückes bequem beobarMen konnten, während sie selber sich nur zurückzusetzen brauchten, um or Gegenbeobachtung seinerseits gesichert zu sein. Er nahm sich vor, die Loge nicht einen Moment aus dem Auge zu lassen, und während er sich im Zuschauerraum umsah ober scheinbar bie Vorgänge auf ber Bühne verfolgte, sah er aus ber Augenecke beständig in bie leere Loge. Der zweite Akt näherte sich bereits feinem Enbe, als bie Tür ber Loge geöffnet mürbe, zwei Personen eintraten unb sich in ben buntelften Schatten setzten. Francis konnte kaum seine Aufregung bemeiftern. Es waren Herr Vanbeleur unb seine Tochter. Das Blut schoß ihm mit betäubender Geschwinbigkeit durch bie Adern; es sauste ihm in den Ohren und schwamm ihm vor den Augen. Er durfte sich nicht umsehen, um feinen Verdacht zu erregen. Der Theaterzettel, den er immer wieder vom ersten bis zum letzten Buchstaben las, erschien seinen Augen in roter Farbe, und als er einen Blick auf die Bühne warf, sah er diese wie in unendlich weiter Ferne, unb bie Stimmen unb Oebärben der Schauspieler tarnen ihm höchst albern unb lächerlich vor. Von Zeit zu Zeit wagte er einen schnellen Blick in bie Richtung, bie ihn vor allen Dingen interessierte, unb wenigstens einmal war er überzeugt, baß feine Augen benen bes jungen Mäbchens begegneten. Es gab ihm einen Stoß burch ben ganzen Körper, unb er fah alle sieben Farben bes fRegenbogens. Was hätte er nicht barum gegeben, wenn er hätte anhören tonnen, was bie Vanbeleurs untereinanber sprachen; was hätte er nicht barum gegeben, wenn er soviel Mut gehabt hätte, sein Opernglas zu nehmen unb ihre Haltung und ben Ausbruck ihrer Züge zu mustern? Dort würbe, soviel er wußte, über sein ganzes Leben entschieben — unb er bürste fein Wort bazu sagen, tonnte nicht einmal hören, was gesprochen würbe, unb mußte in ohnmächtiger Aufregung still auf feinem Platz sitzen unb alles geschehen lassen. Enblich war ber Akt zu (Enbe. Der Vorhang fiel, unb die Zuschauer rings um ihn herum begannen, ber Pause wegen, ihre Plätze zu verlassen. Es war nur natürlich, baß er ihrem Beispiel folgte; unb wenn er bies tat, war es nicht nur natürlich, fonbern notroenbig, baß er unmittelbar an ber bewußten Loge vorüberging. Allen feinen Mut aufbietenb, aber mit niebergeschlagenen Augen, näherte Francis sich ber Stelle. Er kam sehr langsam vorwärts; benn sein Vorbermann, ein alter Herr, ging unglaublich langsam unb schnaufte sortwährenb. Was sollte er tun? Sollte er im Vorbeigehen bie Sßanbeleurs bei ihrem Namen anreben? Sollte er bie Blume aus seinem Knopfloch nehmen unb in bie Loge werfen? Sollte er sein Antlitz erheben unb einen langen, zärtlichen Blick ber Dame zusenden, die entweder seine Schwester ober seine Braut war? Währenb er im Wiberstreit biefer Gefühle langsam norroärtsging, sah er wie eine Vision sein früheres, friebliches Dasein als Bankbeamter, und empfand eine gewisse Sehnsucht nach der Vergangenheit. Mittlerweile war er bei ber Loge angekommen; unb obgleich er immer noch unentschlossen war, was er tun sollte, ob er Überhaupt etwas tun sollte, roanbte er ben Kopf zur Seite und schlug die Augen auf. Kaum hatte er dies getan, so stieß er einen Ruf der Enttäuschung aus unb blieb wie festgewurzelt stehen. Die Loge war teer. Währenb er so langsam vorwärts gekommen war, hatten Herr Vanbeleur unb seine Tochter bie Loge verlassen. Ein Herr hinter ihm machte ihn höflich barauf aufmerksam, daß er ben Weg versperre; mechanisch ging er weiter und ließ sich in dem Gedränge widerstandslos aus dem Theater mitsühren. Als er auf ber Straße ftanb unb bas Gebränge aufhörte, gab bie kühle Abendluft ihm sofort seine Denkkraft zurück. Er fand zu feiner Ueberraschung, daß er heftige Kopfschmerzen hatte und bah ihm von ben beiben Akten, bie er angehört hatte, fein Wort im Gebächtnis zurückgeblieben war. Der Aufregung, in ber er sich befunben hatte, folgte ein bringenbes Schlaf- bebürfnis; er rief eine Droschke an unb suhr, vollkommen erschöpft unb bes Lebens überdrüssig, nach feiner Wohnung. Am nächsten Morgen legte er sich auf bie Lauer, u... Fräulein Vandeleur auf ihrem Gang nach dem Markt zu sehen, und als es acht Uhr schlug, sah er sie die Gasse hinunterkommen. Sie war einfach, ja sogar ärmlich gekleidet; aber in ber Haltung ihres Kopses unb Körpers war etwas Ebles, bas auch bie geringste Kleibung hätte vornehm erscheinen lasten. Sogar ihr Marktkorb erschien als ein Schmuck ihrer Person, so zierlich wußte sie ihn zu tragen. Francis trat in einen Torweg unb hatte ein Gefühl, wie wenn vor ihren Schritten die Schatten entfliehen unb Heller Sonnenschein ihr folgte; unb es kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, baß in einem Käfig an einem Fenster über ihm ein Vogel sang. C?r ließ sie an sich vorübergehen, trat bann aus seinem Versteck hervor unb rief von hintenher ihren Namen: „Fräulein Vanbeleur!" Sie brehte sich um unb wurde totenblaß, als sie sah, wer er war. „Verzeihen Sie mir", fuhr er fort; „der Himmel ist mein Zeuge, baß ich nicht bie Absicht habe, Sie zu beunruhigen; unb es braucht Sie in ber Tat nicht zu beunruhigen, baß Sie einem Menschen gegenüber» stehen, ber es so gut mit Ihnen meint, wie ich. Unb glauben Sie mir: ich hanble mehr aus Notwenbigkeit als aus freier Wahl. Wir haben manches miteinanber gemein, aber ich tappe vollständig im Dunklen. Es gibt vieles, was ich tun sollte, unb mir finb bie Hänbe gebunben. Ich weiß nicht einmal, wie ich fühlen müßte, wer mein Freunb unb wer mein Feinb ist." (Fortsetzung folgt.) Lied. Von Hermann Claudius. Kleine leichte weihe Wolke — lächelnd gleitest du durchs Blaue. O wie gern ich nach dir schaue, kleine leichte weihe Wolke. Sieh, du kannst mir nicht entrinnen: leise tret' ich vor die «Stufen meiner Seele, dich zu rufen, lieb« leichte weihe Wolke. Und, du kommst und schaust hernieder. Und du nimmst mir lächelnd meine Schwere, so, als wär' ich eine kleine leichte weiße Wolke. Olympische Erzählung. Von Paul Gerhardt Dippel. Alkinoos war ein Mensch, der sich gewahrt hatte, weil er wußte, was er wert ist. Er war jung wie alles Schöne, schön wie alles Junge. Und so war es nicht weiter verwunderlich, daß Parrhastos, sein Genosse, eine stille Verehrung für ihn hegte, wie sie der Jüngere dem Aelteren, der etwas bedeutet, als eine Selbstverständlichkeit zollt. Parrhastos war feit Tagen der Gast im Elternhaus des Alkinoos. Vor vielen Jahren hatten sich bereits die Eltern der beiden Kameraden Gastfreundschaft erwiesen. Es galt daher als gute Sitte, daß sich die Gastlichkeit des Hanfes auch auf die Söhne übertrug. Nachdem Parrhastos seinen Körper in Wochen harter und zäher Ausbildung für das heilige Wettkamp en gerüstet hatte, nahm er zum ersten Male an den Olympischen Spielen teil Da nun aber die Eltern des Alkinoos nicht unfern vom Olympischen Stadion wohnten, die Heimat der Parrhasios aber im tiefsten Süden Griechenlands lag und die Anstrengungen der beschwerlichen Reise groß waren, war es gut, daß er sich die letzten Tage in das elterliche Haus des Alkinoos begeben konnte. Es waren Stunden voll zähen Ringens und bedachten Zurüstens gewesen. Und die Vorbereitungen für die Kampftage hatten ihnen den Inhalt gegeben. Heute kamen sie von Katalokon, dem Einfallshafen von Olympia, über die gewellten Hügel zum Stadion, zum Olympiatal. Die Lüfte zitterten. Sie hatten die Felder mit den lustig hüpfenden Ziegen hinter sich gelassen. Auch die Maulesel, die im Disteldickicht standen, hatten ihre Anteilnahme nicht erweckt. Zartbunte Häuser ragten aus dem weiten Gefilde hervor. Farbe um Farbe fügte sich zu einem Bilde, über das sich der Himmel in weichem Blau breitete. Hellster Tagesglanz leuchtete auf. „Man sagt, daß bei euch nur 25 Tage des Jahres die Sonne umwölkt ist", sagte Parrhasios, dessen Augen die klare Schönheit tranken. Wir hassen das Unwetter, wie wir das Dunkel und die Nacht verabscheuen", erwiderte Alkinoos, indem er Salzkuchen und Oliven aus den Falten seines Chitons zog. Er zerteilte beides sorgfältig und reichte die Hälfte dem Kampfgenossen. Sie waren an einer Höhe angelangt, wo Pinien und Zypressen Wacht hielten. Am Saume eines Wäldchens lagerten sie sich tm Schatten eines Olivenbaumes. Sie zogen das leichte Gewand von der muskel- gestählten Brust und gaben Arme und Schultern der Sonne preis. Die Hand fuhr kräftig über die Haut, um sie mit Oel zu tränten. Eine violette Dunstschicht lagerte über der Hügelkette, gegen die Alkinoos setzt feine Hand hob. „Dors wohnen die Götter?", kam es von feinen Lippen. Varrhasios schwieg. Sein Auge umfing die Höhen und schneeigen Gipfel, die sich über dem Gelände türmten. Berge und Täler waren ruhig aneinanbergefügt. „Das ist also auch der Peleponnes!", sagte er, um ein Wort des Beifalls zu geben. Seine Stimme schwang in einem hohen 10,1 jst als ob wir die Götter in dieser Wunderlandschaft empfangen müßten!",'meinte Alkinoos. Aber Parrhasios wußte nichts zu sagen. Die Luft war von leisem Singen erfüllt, als die beiden sich erhoben hatten. Sic bewegten sich dem breiten Talkessel zu. Hin und wieder hob einer von beiden eine Agave auf, die am Boden lag, um sie gemeinsam zu verspeisen. „Wie lange hältst du schon den Zwang der Speise- gesetze?", wollte Parrhasios wissen. „Es mögen etwa fünf volle Wochen fein." Alkinoos hatte den Arm um die Schulter des Jüngeren gelegt. „Wir wissen ja beide, daß solche harte Uebung, die jeder Ueppigkeit abhold ist, sich im Kampfe belohnt." Parrhasios nickte. Er dachte an den Siegerpreis, den sich Alkinoos in den letzten Olympischen Spielen vor vier Jahren geholt hatte. Nun verlangsamte sich ihr Schrittz Eine Wunderwelt tat sich auf. Parrhasios sah zum ersten Male das Tal, in dem er morgen auf der sandbedeckten rechteckigen Flache mit dem Pentathlon, dem Fünfkampf, beginnen wollte. Jetzt cs- oI? °° die Schlucht voll schöner Musik läge, als ob der Wind selbst zu einem Harfenspieler geworden sei. Ringsumher ruhten die Tempel mit den steinernen Bildern, die die Sterblichen in die Knie zwangen. „Man könnte hier ein Wunder erwarten", sagte Alkinoos andächtig, indem er den Marmorstein am Stadion, von dem aus die Läufer zum Schnellaus starteten, mit dem Blick streifte. „Das Wunder sind wir doch selbst", entgegnete Parrhastos; und er umspannte mit der gebräunten Rechten die sehnige Wade des linken Beines, die sich in den Schnürungen der leichten Sandale vereng e Als sie in das Riesenoval des Tales getreten waren, zeigte Alkinoos feinem Begleiter den großen Sockel, auf dem das geheimnisvolle Lud der Hippodameia stand. Diese Statue ragte wie eine Sphinx, am die die Wagenlenker im Rennen ihre Pferde steuerten, und die schon so manchem von ihnen zum Verhängnis geworden war. Das Rennen begann, wenn die Nachmittagsfonne zum Stadion hin schräg stand. Alkinoos entsann sich des kampferfüllten Nachmittags vor vier Jahren, als ein Leuchten von den Augen dieser Hippodameia ausging. Um jeden Wagenlenker, der nur für eine Sekunde fein Gesicht geblendet abwandte, war es geschehen; dann zerschellten die Räder am Wendestein, und die Hufe der Ißferbe und andere Wagen gingen zermalmend über ihn fort. Die Brust des Alkinoos dehnte und spannte sich, als sich feine Gedanken auf den morgigen Tag richteten und um vier Jahre zurückwanderten. „Warum ist den Frauen der Zutritt zum Tal und zu den Feierfpielen verboten?" Parrhasios dachte an feine Geliebte in der Heimat, die jetzt zu Haufe war ober heute mit ben Eltern im Weinberg mit ber Hacke arbeiten mochte. „Die Götter wollen es nicht!", entgegnete Alkinoos unwirsch, „du weißt, baß sie Unheiliges nicht bulben." Nicht mehr wollte er von bem naturgegebenen Gesetz dieses Tales, das die Geburtsstätte des Olympischen Gebankens war, preisgeben. Die Selbstbeherrschung forberte es. Uno ba ihm berweil bie Fragen bes fübgriechifchen Genoßen ein wenig lästig geworden waren, wandte er sich zum Hain, wo die Tempel lagen und zum Gebet und zur Einkehr einluden. „Wir wollen zu den Unsterblichen flehen und eine gute Weile unser Knie beugen", sagte Alkinoos. Sein Fuß schritt munter fort. Parrhasios hielt an. „Ich bleibe", trotzte er, „ich verachte es, mich vor den Göttern in den Staub zu ducken wenn ich morgen den Göttern gleich fein will." Sein Auge funkelte wild und hell. Wie du willst", entgegnete Alkinoos, „so bleibe hier und warte auf mich. Danach wollen wir zu Arxebes gehen, einem Freunde des Vaters. Er weiß viel aus alten Zeiten von den Spielen und Feierlichkeiten Olympias zu erzählen. Auch wird er uns einen Becher voll guten Wein reichen. Während Alkinoos zum Tempel, der Gottheit herrlichen Wohnsitz, ging, verharrte Parrhasios. Er blieb im Geviert, und fein Blick hing an dem bunten Fries des Olympiatempels. * Es war ein großes Stillestehen des Lichtes, als sich der letzte Nachmittag der feierlichen Spiele von Olympia im letzten Leuchten sammelte und auch im Tale der Weihe noch keine Schatten stiegen. Noch einmal hatte die Schläfe des Alkinoos an der kühlen Säule tm Tempel geruht. In feine Knie war etwas von der Glut des uralten Tempelgesteins geriefelt, die hier waltete. Ihn grüßten der Hermes des Praxiteles und die gewaltige Nike. Derweil lag Parrhasios bei einem ßorbeergeftrupp auf dem nahen Anger, salbte und knetete die Muskeln und spurte die Fülle einer gottdurchströmten Jrdischkeit. Er kannte nicht die Segnungen des Göttlichen, das die Kämpfe und Kräfte schürt. Weißer Kalkstaub lag in der Lust des Tales von Olympia aufgewirbelt durch das Rollen der Räder und das Stampfen der Hufe. Und viele Schiffe schaukelten draußen im Hasen des nahen blauen Meeres wo die Kugel- roölbung des Himmels in die Flut tauchte. Lärm dröhnte rings umher Die Lippen der jungen Kämpfer spalteten sich im Lachen. Das war Kampftag! Das war die Tat, die Frucht glühender Traume. Göttliche Gesundheit und reinigende Kraft leuchtet aus all diesen biegsamen Körpern. Großes Getöse erscholl weithin. Waffenklirren und Rostermehern Hangen ineinander, und die befehlende Stimme des Kampfwachters untermifcfjte sich mit dem ungeduldigen Scharren der Hufe. Als Parrhasios, der den Pentathlon eben feierlich beendet hatte, auf Alkinoos stieß, war lautes Jauchzen in ihren Worten. 2llftnoos faf) bas herz bes Parrhastos im schnellen Auf zucken ber Halsadern deutlich pochen. Auch Alkinoos batte das gefährliche Wagenrennen mit einem unbestrittenen Siege abgeschlossen. Und beide hielten als Siegespreis des Kampfes den schlichten Oelbaumzweig in der Hand. Der alltägliche Freudengruh „Chaire!", den jeder zu jeder Zeit mit feinem Landsmann tauscht, gewann ein Helles Flackern in ihrem Munde. „Wollen wir jetzt zu den Altären gehen und zu den Göttern treten, daß wir uns ihnen gleich und ähnlich fühlen?", jubelte Parrhastos. Wir wollen zu den Altären gehen. Gewiß, du und ich, Parrhastos! , antwortete Alkinoos mit gütiger Bestimmtheit, „aber nicht, um uns bet ihnen zu rühmen, sondern um ihnen zu danken! — Parrhastos stutzte zuerst, aber dann fügte sich fein Schritt zu dem Schritt des Sameraben, ber bem Haine zuging. Sollte in ber kühlen Tempelhalle ber Kampf noch 2l(s Parrhasios mit Alkinoos Arm in Arm wie Freunbe bk Treppen- ftufen bes Tempelhauses hinabschritten, waren ihre W°rte gedampft und vertraut. In ihnen beiben fang bie Gewißheit, baß bte ©otter ben ßeib heiligen, wenn sie bie Hüter ber Menschen bleiben. „Wie leicht mochten wir bie Gleichorbnung ber Dinge verlernen, wie leicht konnten Leib unb Seele bie im Schaße bes Göttlichen ruhen, ausemanbergezerrt werben, würben wir zu Freunben ber Götter", sagte Alkinoos besorgt und stolz Es war als ob er ein Geheimnis in fernen Worten hege. — „Aber mir sind doch die Lieblinge der Gottheit!" Parrhasios betrachtete feinen Oel- >weig ben er feiner (Beliebten zeigen wollte. — „Wir ftnb bie Lieb mge ber Gottheit nur so lange", entgegnete Alkinoos, „als wir bie heiligen Gesetze nicht verletzen, nach benen unser Leben läuft. Sonst zerstören wir ihr Sinnbilb: uns selbst." .... . Die letzten Worte ertranken beinahe in bem Tumult unb Lärm ber Menge, bie bas ganze Tal erfüllte. Parrhasios war es auf einmal, als ob biefes Tal, an besten Raube ber Sitz ber Götter war, mit bem Walten her hohen Gesetze, von benen Alkinoos eben gesprochen hatte, unzerreißbar verbunben sei. Die Worte bes Alkinoos hatten sich in feiner Seele aufgelöst, wie ein Tropfen Wein in einer Schale Masters verschwimmt unb bie Nüchternheit verschlingt mit ber Süße eines starken Iraums. 211s ber Abenb gekommen war. funkelte der Wem in den V-wern der beiden wie ber Schein eines mystischen Rubins. Parrhasios uns Nkmoos badeten ihr Antlitz im Selbe ber Untergebenen Sonne. Unb sie neigten ihre Becher zueinander unb fpenbeten ben Göttern viel Wnn indem sie ihn auf den durstigen Boden goffen. 3d) und du. Von Friedrich Hebbel. Wir träumten voneinander und sind davon erwacht, wir leben, um uns zu lieben, und sinken zurück in die Nacht. Du tratst aus meinem Traume, auk deinem trat ich hervor, wir sterben, wenn sich eines im andern ganz verlor. Aus einer Lilie zittern zwei Tropfen rein und rund, zerstießen in eins und rollen hinab in des Kelches Grund. Ss 3ranöenbufg r Tor zum Sch . Spaziergang durch das historische Berlin. Von Herbert Günther. Deutschlands Hauptstadt Berlin begrüßt die Gäste aus aller Welt in einem würdigen Empfangssaal: dem Pariser Platz. Das Brandenburger Tor in seinem Hintergrund, eins der edelsten Bauwerke Deutschlands und unvergleichlich in seinem preußischen Griechentum, führt noch heute unmittelbar auf dieses einstige „Quarre" Friedrichs des Großen im Westen des historischen Stadtkerns. König Friedrich Wilhelm II., der Nachfolger des „Alten Fritzen", ließ das Tor erbauen. So erstanden hier im Norden über leiten und Meere hinweg noch einmal die Formen der Propyläen der Akropolis von Athen. Derselbe Baumeister Langhans, der mit diesem Werk hellenische Klassik eingedeutscht hat, setzte zwei Kilometer östlich den Quaderbau der mittelalterlichen Marienkirche einen gotischen Turm von unwahrscheinlicher Eleganz auf. Zwischen Brandenburger Tor und Marienkirche liegt das geschichtliche und zugleich das repäsentatwe Berlin, das zunächst jeden Fremden anzieht. Was könnte es einem leichter machen, diese Strecke hinzuschlendern als die breite, als olympische „via triumphalis“ festlich geschmückte Straße Unter den Linden", deren Mittelpromenade zum Spazieren verführt. Rechter Hand werfen wir einen Blick in die Wilhelmstraße, das deutsche Regierungsviertel. Ein schönes Adelspalais aus Barock und Rokoko war Heim und Arbeitsstätte des Reichspräsidenten von Hindenburg; heute dient es den Staatsempsängen des Führers. Gleich schlichte Häuser beherbergen die Ministerien und das Auswärtige Amt. In dem Arbeitsraum, dem Speisesaal des diplomatisch-reservierten Auswärtigen Amtes, wo Bismarck die berühmte Emser Depesche verfaßte, hatte einst vor ihm die ehemalige Tänzerin Barbarina des jungen Königs Friedrichs des Großen als Freiin von C o c c e j t Haus geführt. Zwei Jahrhunderte, zwei Welten. Heute hat das traditionelle Gesicht der Wilhelmstraße einen modernen Abschluß erhalten durch den schlichten Neubau der Reichskanzlei. Die Front ihrer Fenster wird nur unterbrochen durch den Balkon, von dem aus der Führer so ost die ihm huldigende Menge grüßt. Hier weitet sich die Wilhelmstraße zum Wil- helmplatz. Die Denkmäler friederizianischer Feldherren sind jetzt auf die Ostseite gerückt, die gesamte Fläche wird nunmehr lediglich durch den U-Bahn-Zugang unterbrochen. So kommt auch der schöne Bau des Propagandaministeriums wirkungsvoll zur Geltung. Doch wenden wir uns wieder den „Linden" zu. Bald hinter der Wilhelmstraße deuten Schilder mit dem weithin sichtbaren „S" auf die Haltestelle „Unter den Linden" der neuen Nordsüd-8-Bahn hin. Die jetzt zur Eröffnung gelangende Teilstrecke von hier bis zum Stettiner Bahnhof ist das Olympia-Geschenk der Deutschen Reichsbahn. Hinter der erneuerten „Linden-Passage", einer überdachten Ladenstraße quer durch einen Häuserblock, stehen wir schon an der weltbekannten Kranzlerecke; zwar zäunt dieses vielgenannte Cafe feine wenigen Tische und Stühle auf dem Bürgersteig noch nach Biederrneier- art mit niedrigen Ketten und Pfählen ein, doch hängt man heute nicht mehr seine Beine darüber wie früher die Offiziere zur Zeit der Königin Luise... Die Kranzlerecke ist, wie vor 200 Jahren, Verkehrszentrum. Hier kreuzen sich Unter den Linden und Friedrichstraße. Reizvoll ift’s, von der Cafe-Terrasse aus das bunte Leben zu betrachten... Weiter geht's die „Linden" hinauf bis zum Denkmal Friedrichs des Großen, wo sie in einem geräumigen Platz, dem „Forum Fridericianum", ihren großartigen Abschluß erhalten. Zwei markante Gebäude stehen on ihrem Ende: zur Rechten das bescheidene Palais Kaiser Wilhelms I., zur Linken der wuchtige Bau der Staatsbibliothek. Das Denkmal Friedrichs des Großen beherrscht das Ganze von hohem Postament. Ringsum ist jedes Gebäude ein Stück Geschichte, das so beglückt, wie ihr harmonischer Zusammenklang — trotz verschiedenster Entstehungszeiten. Hier reitet Preußens größter König in würdig realistischem Abbild, drüben hinter dem Schloß Brandenburgs größter Kurfürst Friedrich Wilhelm, Inbegriff menschlicher Majestät durch Schlüters barocken Wurf: ihr Geist lebt in dielem Bezirk. Das Pferd des Fridericus-Denkmals — Übrigens ein gewagter Guß aus einem Stück — spürt keine Sporen (fein Reiter trug tatsächlich niemals welche), dem des Großen Kurfürsten fehlt ein Huf- °isen, und hieran schloß sich die Legende, sein Schöpfer habe sich deshalb in die Snree gestürzt (tatsächlich fiel Schlüter bei König Friedrich I. in Ungnade und starb zu Petersburg). Und noch eine zweite Sage knllpst sich an d"s Monument: Schlag zwölf in der Neujahrsnacht soll der Herrscher seinen Platz verlassen,'vor sich im Sattel seinen Schutzengel, das Kind von Fehrbellin, das er während der siegreichen Schlacht gegen Schweden (1675) aus einem brennenden Haus rettete — und sehen, was aus feiner Residenz geworden ist —, eine Stunde lang, dann ist feine Zeit um, er erstarrt wieder zu Erz. Zwei Hauptgebäude jenes „Forum Fridericianum“ liegen sich gegenüber: die Universität, ehemals Palais des Prinzen Heinrich, des Bruders Friedrichs des Großen, und das Staatliche Opernhaus — das einzige Berliner Werk des Erbauers von Sanssouci, Wenzeslaus von Knobelsdorfs. Auch die frühere Königliche Bibliothek, jetzt Aulagebäude der Hochschule, zieht den Blick auf sich; ihr wienerisches Rokoko gesellt sich anmutig zu den antiken Tempelformen ringsum. Die geschwungene Fassade erinnerte das Volk an Möbelsormen der Rokokozeit, und so nennt es den Bau bis heute einfach „Kommode". Von der runden St. Hedwigs-Kathedrale, die auf Wunsch Friedrichs II. nach dem Vorbilde des „Pantheon" in Rom erbaut wurde, und deren patiniertes Kupferdach warm zwischen all dem Grau leuchtet, erzählt man eine hübsche Geschichte: Als die Katholiken Berlins um die Gewährung einer Kirche baten, trank der König gerade Kaffee, und befragt, wie sie aus- fehen solle, stülpte er einfach feine Taffe um: „Sol" In der Gruft dieses Gotteshauses, das aus Liebesgaben des ganzen katholischen Europa errichtet worden ist, ruhen kurioserweife auch Protestanten, so z. B. der englische Botschafter White. — Bescheiden schließt sich an die „Kommode" — mit ihren seltsamen Dachsiguren ohne Rücken — das kleine Palais Kaiser Wilhelms I. an, auch innen ein bürgerliches Heim aus der Zeit um Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts. Das Eckfenster, den „Linden" zu, ist feit dem Tode des Kaisers von einer weihen Gardine verhängt. Hier erschien der greise Monarch jeden Mittag um 12 Uhr und nahm die Wachtparade ab. Jenseits der Oper, am früheren Kronprinzenpalais, das jetzt die neue Abteilung der Nationalgalerie birgt, findet sich ebenfalls ein sonderbares Fenster — ohne Kreuz: König Friedrich Wilhelm III. liebte es, vom Arbeitszimmer aus dem Spiel seiner Töchter im Prinzessinnen-Palais zuzusehen und wollte sich darin durch kein Fensterkreuz stören lassen. Gegenüber zwei erhabene Stätten der Erinnerung: das soldatisch-schlichte Ehrenmal von großartiger Feierlichkeit, nur wenig umgestaltet aus der spartanisch-strengen „Neuen Wache" des großen Berliner Architekten Schinkel, und das wuchtig- maßvolle barocke Zeughaus mit den kunstvollen Totenmasken von Schlüter. Und nun öffnet sich jenseits der Spree der Lustgarten, umrahmt von Schloß, Dom und Museum. Der riesige Bau des Hohenzollern- schlosses zeigt den Stil des preußischen Barock, wie ihn der Baumeister Schlüter entwickelte. Kostbare Kunstsammlungen und architektonisch wie historisch bedeutsame Räume lohnen einen Besuch im Innern. Der verträumte Renaissance-Seitenflügel ist die ehemalige Apotheke. Der älteste Schloßteil an der Spree birgt den „Grünen Hut", einen Turm aus dem 15. Jahrhundert, auf dessen Wendeltreppe die Weiße Frau des Hauses Hohenzollern unheildrohend spuken soll. Prachtvoll ist die Treppe im inneren Schloßhof: auf ihr kann man nicht nur gehen, sondern auch reiten ober fahren bis vor die Tür der Gemächer! Den Neptunsbrunnen vor der Südfassade hat die Stadt Berlin Kaiser Wilhelm II. zum Regierungsantritt geschenkt. Ursprünglich sah Neptun zum Schloß, aber er mußte umgedreht werden; denn das junge Kaiserpaar wollte sich nicht in die Fenster sehen lassen — auch von keinem Wassergott! Dieser Weg vom Brandenburger Tor zum Schloß sollte für jeden Berlin-Besucher einer der wichtigsten fein, aber nicht der einzige. Wieviel Merkwürdigkeiten warten noch darauf, betrachtet zu werden! Die nahe Petrikirche hat einen Turm und zwei Turmspitzen: ihre neue, eine der höchsten Berlins, und ihre alte — im Keller des Nachbarhauses. Beim letzten Brande 1734 ist sie herabgefallen, hat ein Haus durchschlagen und ist dort liegengeblieben. Die dekorativen Kirchtürme des Französischen und des Deutschen Doms, rechts und links vom Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt, sind Attrappen; Friedrich den Großen freute lediglich die äußere Form. Dem einen Kuppelbau fehlen sogar die Uhrzeiger; angeblich sollten mit der Beendigung des einen Baues auch die Arbeiten am anderen eingestellt werden. Der Volksmund sagt auch, daß die beiden Baumeister eine Wette abgeschlossen hätten, wer zuerst fertig würde. Um das Anbringen der Uhrzeiger war der eine dem anderen voraus, und der Unterlegene habe sich vom Turm gestürzt. Zum Gedenken an diesen unglücklichen Ausgang habe man die Uhr für alle Zeit ohne Zeiger gelassen. Ebenfalls im Raum zwischen Pariser Platz und Marienkirche steht in einer Seitenstraße, der Spandauer Straße, die gotische Heilige-Geist- Kapelle. Sie ist heute ein Hörsaal der mit ihrem Bau verbundenen Handelshochschule. So müssen sich die biblischen Gestalten, die auf alten Gemälden ihre Wände zieren, heute Vorlefungen über Nationalökonomie, Finanzwirtschaft und moderne Betriebslehre anhören... In der Burgstraße, gegenüber dem Schloß, steht noch heute das Hotel „König von Portugal", der Schauplatz von Lessings „Minna von Barnhelm" war. Auch Fritz Reuter, der ebenso wie Lessing zu den Gästen des Hotels gehörte, hat ihm ein Denkmal gesetzt. In seiner „Reis' nach Belligen" wird der goldbetreßte Portier des Hotels als „König ut Portulack in vollen Staat" bestaunt. Ueberhaupt die Wirtshäuser der Altstadt! Gegenüber dem Gymnasium zum Grauen Kloster, auf dem Otto von Bismarck die Bänke drückte, ladet der „Klosterkeller" zu einem erfrischenden Glase ein. Er ist — über 300- jährig — neben dem idyllischen Gasthof „Zum Nußbaum" in der Petristraße die älteste Gaststätte Berlins; schon der spätere Reichsgründer Bismarck hielt sich als flotter Primaner nicht ungern darin auf. Ebenso hat sich in Berlins ältestem Hause, Hoher tzteinweg 15, eine gemütliche Wirtschaft eingerichtet. Weinstuben in einem rätselhaften Kreuzgewölbe, unter dem sich bei einem guten Schoppen behaglich Sammlung finden läßt nach so vielen Eindrücken — und Lust zu neuen Entdeckungen. 'verantwortlich; vr. HansThyrivt. — Druck undDerlagtDrühl'scheU niversitäts-Buch-undSteindruckerei. D. Lange,Gießen.