GiehenerKnniHeniMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956___________________________Zreitag, den z. Zebruar______________________________Nummer \[ 1SkW.lö«e.AMM! Von Otto Folberth. Copyright 1935 by Romanvertrieb Langen/Müller, München. (4. Fortsetzung.) Die Sonne ist eine große runde Scheibe und hängt vor ihnen im Morgennebel. Ganz nieder, ganz nahe ist sie, daß man sie greifen kann. Wer jetzt seinem Pferd die Sporen gibt und mitten auf sie zu sprengt, wird mit der Mütze ihren feurigen Rand streifen. Blutrot ist dieser Rand und blutrot sein Kern, wie Möß ihn noch niemals sah, ein zähes, dickflüssiges Glühen und Lodern, Wallen und Wehen. Alles, alles andere ringsum verschluckt der weiße Rebel: die verlassenen Gehöfte, die Aecker, die spärlichen Bäume, die irrenden Reiter — nur die blutrote Scheibe verschluckt er nicht. Langsam schiebt sich die klirrende Karawane durch die nebelweiße Wüste, Welle auf, Welle ab, über die zertretenen Kartoffelfelder von gestern. Kein Stein, kein Stamm, der Grenzen schüfe und ein Maß setzte dieser weichen, weiten Erde. Kein Zeichen hier und kein Zeichen dort. Die Sonne, die blutrote Sonne bleibt der einzige Wegweiser. „Halt! Ha—alt!" Wer rief aus dem Rebel? „Hier, in dieser Bodensenke, protzt ihr ab und baut das Geschütz auf. Verstanden, Möß? Telephonisten mir nach!" Damit spritzt Gero, der Nebelreiter, wieder davon. Aber es dauert lange, bis die Lichtwolken dieses Morgens verhauchen, bis Vormeister Dömner ein halbwegs entsprechendes Hilfsziel anvisieren kann, bis das Geschütz auf die genaue Ostrichtung eingestellt ist. Und ebenso lange dauert es, bis Gero aus einem Schützenloch der vordersten Linie die feindlichen Gräben auf einer der gegenüberliegenden Bodenwellen erkennt. Seltsam, ihr Feuer, das jetzt einsetzen müßte — denn wir liegen ja halb oder auch ganz ungedeckt hier vor ihrer Rase — ihr Feuer bleibt aus. „Oder sollten sie etwa noch — schlafen?" flüstert es aus dem nächsten Schützenloch herüber. Schlafen? Zwei Granaten Geros schaffen Gewißheit. Rein, sie schlafen nicht. Sie sind überhaupt nicht mehr da. Sie sind auf und davon ... Suchten nächtlings das Weite. Mit einigen Schüssen noch tastet Gerö den Raum hinter den feindlichen Gräben ab. Keine Antwort. Schweigen. Ungewohntes, völlig unerklärliches Schweigen. Es ist, als ob der Feind, mit dem man doch in der Nacht noch angeregte Kugelzwiesprache gepflogen, von irgendeiner Nebelmacht Verblasen, verwischt, ausgelöscht worden sei. Was ihnen bloß eingefallen sein mag, plötzlich zu fliehen? Haben wir denn gestern gerade so großartig gesiegt? War es nicht vielmehr so, daß wir eigentlich nur zu siegen versuchten, um nicht mehr länger und entscheidend unterliegen zu müssen? Diese Fragen, in einem halben Dutzend Zungen gestellt und wieder gestellt, wandern die Schützenketten hinauf und hinab. Die Befehlsstellen sind, als sie von der Räumung des Feindes Kenntnis erhalten, bestürzt. Auch sie verstehen den Sinn des Rückzuges nicht. Wozu dann überhaupt der verlustreiche Durchbruch? Wozu das schwere Ringen der letzten Wochen in Regenschauern und Nebeltreiben, im lehmigen Matsch des Frühwinters? Erobert man unter Einsatz guter, ausgeruhter Truppen Hügelfalte nach Hügelfalte eines zerwühlten und verdreckten Geländes, um es dann nach dem ersten ernsten Versuch des Gegners, es zurückzugewinnen, ihm in einer einzigen Nacht in Bausch und Bogen wieder zu überlassen? Nein, sie trauen dieser Strategie nicht. Sie roten hin und her, zerbrechen sich eine halbe Stunde lang die Köpfe. Endlich schwirrt der Befehl durch die Drähte der Artillerie: Aufklärer vor! Aufklärer vor! „Kutyaläb“, schimpft Gerö, „wo bleiben eure Husaren?" Aber insgeheim freut sich sein Reiterblut, daß sie wieder durch Artilleriepatrouillen ersetzt werden müssen. Denn Gerö ist nicht nur Jäger, er ist auch Reiter aus Leidenschaft. Wenn er sich sitzend irgendwie wohl fühlt, dann ganz gewiß nur im Sattel. Hej, Kutyaläb, hej! ♦ Möß lächelt wehmütig, als im Rudel der grasenden Pferde zwei Sättel zurechtgerückt und zwei Gurten fester geschnallt werden Aber es hilft ihm nichts, Korporal Köteles darf heute Serös einziger Begleiter sein. Man kann die Mannschaft bei der ungeklärten Lage nicht allein lassen. Wer weiß, was sich in der Abwesenheit Geros alles ereignen wird. Und da führt Köteles auch schon das Pserdepaar heran; Maxl, den kleinen, ehemals kaiserlich russischen Kosakenrappen für Oberleutnant von Gerö. Und für sich selber Engel, eine graue Eisenschimmelstute. Eigentlich macht die Stute den herrschaftlicheren Eindruck. Sie ist ziemlich hoch, leicht und schlank gebaut, trägt ihren Schwanenhals wie eine Paradegaul. Wie ein Paradegaul tänzelt sie auch, da sie jetzt an der Mannschaft vorbei herangeführt wird. Gerö kann gerade dies Wesen an ihr nicht leiden. Er ist und bleibt von Grund aus abhold allen Parademätzchen. Niemals hat er deshalb Engel als Reitpferd für sich ernstlich in Betracht gezogen. Freilich, ganz verzichten konnte er auf sie nicht. So läßt er sie denn von Köteles reiten, von Köteles, der die längsten Beine und den härtesten Schenkelzwang im Fähnlein hat. Neben ihr betrachtet ist Maxl beinahe ein Maultier. Er ist kurz und gedrungen. Er hat einen starken Hals und trägt ihn geradeaus, ohne Spiel und ohne Ziererei. Ueberhaupt liegt ihm kein Gedanke ferner als der, jemandem irgend etwas vorzumachen. Wer, der ihn nicht kennt, sähe ihm in diesem Augenblick beispielsweise an, daß er Beine wie aus Stahl, Nerven wie Drahtseile hat? Die Mannschaft des Gebirgsgeschützes, ja, die kennt ihn freilich schon lange. Bei ihr ist es weiter kein Wunder also, daß sie ihn liebt, daß sie ihn jetzt, da er unbekümmert an ihr vorbeischreitet, mit einem freundlichen Blick begleitet. Mancher würde sogar, darauf ließe sich wetten, vortreten, wäre es nur statthaft, und würde fein seidenweiches schwarzes Fell streicheln. Mancher würde ihm wenigstens ein Wort zurufen, eines jener Worte, die bei Licht betrachtet, eigentlich wenig oder nichts verraten, aber in der Sprache des Fähnleins große Bedeutung gewonnen haben. Sie wissen alle: wenn Gerö ihn heute nach wilder Hatz — wer freilich kann voraussehen, wie es kommen wird? — plötzlich anhält und ihm die Zügel m den Nacken wirft, steht Maxl wie angegossen und rührt sich nicht. Gerö kann dann ruhig den Stutzen an die Wange legen und Piff und Paff in die Büsche knallen, Maxl wird stehen wie ein Fels, wie eine Bildsäule ... Oder aber — denn wer freilich kann voraussehen, wie es kommen mag? — es wird sich wieder bestätigen, daß sie recht und recht haben mit ihrer Behauptung, Maxl fei das schärfste Tier weit und breit, Maxl sei noch nie geschlagen worden, wo es darauf ankam, richtig auszuholen ... Das, ja das hält die Mannschaft von Maxl, dem unscheinbaren kleinen Rappen. Und Gerö? Gerö hat einmal den Ausspruch getan — das war damals, als der neue Kadett Maxls Tugenden zu erkennen begann und es auch sagte, was er doch für ein gutes Pferd fein müsse — den Ausspruch also: „Ein Pferd ... was ein Pferd? Ein vollendeter Krieger!" * Langsam, entsetzlich langsam schleichen die Stunden des Wartens. Wann eigentlich ist Gerö abgeritten? Und jetzt hat die Sonne schon längst ihre Scheitelhöhe überschritten, und noch keine Nachricht traf von ihm ein. Einmal hört Möß einen Hufschlag sich nähern und spitzt die Ohren. Aber es ist nur ein Reiter vom Train mit Post. Ein Reiter allerdings, der auf seine Art Möß eine große Ueberraschung bereitet, denn er händigt ihm nicht weniger als einen langen Brief von Muttern ein und dazu zwei Liebesgabenpäckchen, die ersten, seit er im Felde steht. Möß, der glückliche Empfänger, fetzt sich mit kreuzweis verschränkten Beinen auf den Acker. Vor sich hin stellt er wie ein Kultgerät die beiden Päckchen. Und erbricht den Brief. „Bist Du nun endlich zufrieden, mein Junge, daß Du draußen bist? ... Warst Du schon in Schlachten? ... Hast Du Freunde gewonnen ...?" Dann wiegt er prüfend die kleinen Schachteln in der Hand, dreht und schüttelt sie, um zu hören, ob auch wirklich alles noch drinnen sei. Endlich gestattet er sich, sie zu öffnen. Da liegen vor ihm in der Sonne auf dem galizischen Acker die erbrochenen Päckchen. Jedes Stück des süßen Backwerks ist sauber in Seidenpapier gehüllt. Er lüftet die Hülle eines der Törtchen, läßt sich feinen Duft um die Nase fächeln, in dem er Hof und Haus in der fernen Heimat und das Herz feiner Mutter erkennt, und genießt mit feinen Blicken im voraus den Geschmack der dicken Zitronenglasur. „Soll ich — soll ich nicht zugreifen?" überlegt er lange hin und her. Dann zählt er seine Knöpfe ab und befragt dies harmlose Orakel. „Nein, ehe Gerö da ist, rühre ich nichts davon an. Er muß ja jeden Augenblick zurück sein." Zwei Stunden später ist Gerö noch immer nicht zu sehen. Auch die Telephonisten in der Beobachtung sehen einen Schmarrn und können also nichts Gescheites melden. Ihr Blickfeld reicht ja nur bis zur nächsten Hügelwelle, hinter der Gerö nun schon vor einer Ewigkeit verschwunden ist. Die Befehlsstellen hinten wissen weniger als nichts. Fronther ist kein Schuß zu hören. Nichts. Nichts. Nichts. leutncmt von „Die Herren sprachen miteinander. Niemand hatte die Ruski gesehen. Keiner war angeschossen worden. Wir müssen ihnen nach, sagte Ober- ______ ____ Gerö, bis wir aus Widerstand stoßen! Der tschechische Leutnant fertigte einen Reiter mit einer Meldung ab. Dann setzten wir uns wieder in Bewegung." „Alle zusammen — wie?" „Nein. Es war ohne Zweifel ausgemacht worden, daß wir zwei wieder links der Straße ausschwärmen sollten. Der Herr Oberleutnant nahm jedenfalls Richtung über den Hügel dort. Der Tscheche blieb auf der Straße, ließ seine Pserde vorsichtig Schritt vor Schritt tun. Der Sommersprossenleutnant trabte nach rechts ab. Eine Weile kamen wir aut voran. Nachher aber stießen wir auf ein Hindernis nach dem andern. Biele Schützengräben durchziehen dort drüben das Gelände. Es find neue, frisch ausgeworsene darunter, aber auch uralte. Der Teufel weiß, wann die alle entstanden sind. Der Teufel auch hol' sie, besonders die alten, die halbverfallenen. Maxi ist ja gut, mit Maxi komnit man überall durch. Aber Engel ist ein Biest, tut so, als wage sie alles, und kneift im letzten Augenblick doch aus. Kurzum, wir mühten uns ab, ohne recht voranzukommen, ohne aber auch nur ein einziges Mal angefchoffen zu werden. Es hat keinen Zweck, sagte endlich Herr Oberleutnant Gerö, durch alle diese Löcher zu torkeln, wo wir drüben aus der breiten Straße bequem reiten können. Und sieh mal nur: die Straße dort läuft ausgerechnet über die höchsten Punkte des Geländes, echt russisch, damit sie im Winter nicht verweht werde. Sie ist von allen Seiten eingesehen. Kutyaläb, mitten aus ihr muß man noch am ehesten angeblitzt werden! Und damit kehrten wir auf die Straße zurück. — Dasselbe muß sich übrigens auch der Sommersprossige gedacht haben. Hier, bei diesem Straßendurchlaß, über den wir jetzt reiten, waren wir alle wieder zusammen." Möß hält sein Pferd an, um einen Blick auf die Karte zu werfen. Dieser Straßendurchlaß liegt drei Kilometer vor unsern Schützenlöchern. Wo denn, bei der heiligen Dreieinigkeit, wo fiel Gerö? Köteles zeigt die gerade, leere, tote Straße entlang. Ja, leer und tot ist sie selbst jetzt noch, da die Abendsonne die langen Schatten des Kadetten Möß und des Korporals Köteles auf ihren weißgrauen Rücken wirft. Einmal schreitet ein Berbindungsposten, ein einziger Mann, daher. Sein ängstlicher, mißtrauischer Blick, seine Flüsterstimme verraten, daß ihn die Einsamkeit seines Weges nicht unberührt gelassen hat. Einmal begegnen sie einem Husaren, der behauptet, die Spitze, ja die sei weit voraus, aber aus der Straße selber sei man noch beileibe nicht gegen Ueberraschungen gefeit, eben erst sei sein Kamerad, dort und dort, aus dem Sattel geschossen worden. (Schluß folgt.) Plötzlich einmal klöhnt der Summer des Feldtelephons. Man hört ihn zwanzig Schritte weit auf dem füllen Äcker, auf dem der schwärm der Kanoniere sich den Rücken von der Sonne wärmen läßt. .Kallo, Geschützstation!" "Eben ^süht^n wir im Borfeld einen Reiter mit zwei Pferden im scharsen Trab in Richtung auf euch. Es könnte ..." „Mit zwei Pferden?" „Ja." „Und wer könnte es fein? So redet!" „Meldet dem Herrn Kadetten, es könnte ... es kann nur Köteles sein." Wie vom Blitz gerührt fährt Möß empor. „Und Oberleutnant von Gerö?" möchte er fragend schreien, mochte er 6füllen wie ein Tier, um feine Gedanken, um feine schlimmsten Befürchtungen 3U übertoben. Aber er fchreit nicht, er brüllt nicht, er bringt keinen einzigen Laut hervor. Er tritt mit einigen Schritten aus dem Kreis der Mannschaft heraus und wendet sich ab, das Kinn tief auf die Brust gestützt. * In zehn Minuten ist Köteles da und erstattet Meldung. „Tot? sagst du, tot? Weißt du auch, was du redest, Bursche? — Und wo denn tot, wo?" . „Weit, sehr weit, Herr Kadett." Er zeigt mit einer hoffnungslosen Gebärde nach Osten. „ „„ „Höre, Köteles! Kennst du den Weg? Kennst du die Stelle? „Jawohl, ich kenne sie gut." .Köteles, wir müssen zu ihm. Wer weiß. Wir müssen ihn holen. „Gut, Herr Kadett. Zu zweit, ja, zu zweit können wir ihn schon holen. Wir müssen aber Stangen und Zeltblätter mitnehmen ..." Und sie reiten. Korporal Köteles hat die Zeltblätter vor sich über die Satteltaschen gebunden, die Stangen hält er wie Lanzen im Arm. Eine Halslänge vor dem Kadetten, so trabt er dahin ... Möß reitet eigentlich nicht. Mechanisch, rein mechanisch bewegen sich seine Schenkel auf und ab. Er denkt auch nichts, er sieht nichts, er sagt nichts, sein Kopf ist schwer wie Blei, droht vornüber aus die Mähne des Pferdes zu finken. Als sie die Linie der Schützenlöcher überqueren, in denen die Infanterie, die Pünktchen von gestern, gelegen, fällt ihn ein erster Eindruck an. Eine ganze Anzahl, hier zwei, dort drei von den Schützenmulden sind nicht mehr, was sie waren: Vertiefungen im Acker. Die Erde, die rings um sie ausgeworfen war, hat jemand wieder zurückgescharrt. Kleine Hügel sind so an ihrer Stelle entstanden. In einigen stecken Holzkreuze drin und Soldatenmützen baumeln daran. Nach einer Weile, als sie schon ein gut Stück hinter den gestern noch feindlichen Grüben reiten, sagt Köteles: „Hier, an dieser Stelle, trafen wir mit einer Patrouille, die wie wir ausgeritten war, zufammen, mit einem tschechischen Leutnant und zwei Unteroffizieren. Und dort auf der Straße, wo man die Dachsparren des verbrannten Hauses sieht, wir reiten gleich daran vorbei, dort mit einer zweiten." „Wer war ihr Führer?" „Ebenfalls ein Leutnant, Artillerist, mit vielen Sommersprossen im Gesicht." „Na und ...?" Februar. Von Theodor Storm. Im Winde wehn die Lindenzweige, Von roten Knospen übersäumt; Die Wiegen sind's, worin der Frühling Die schlimme Winterzeit verträumt. • Appelhannes. Bon Hans Franck. Seinem Namen soll man Ehre machen. Wer „Meister" genannt wird, hat die doppelte Verpflichtung Meister zu sein. Wem es auserlegt wurde, als „Herr Honig" durch die Erdentage zu gehen, braucht zwar nicht von früh bis fpät einen süßen Mund zu machen; aber er Hute sich, will er nicht naheliegenden Spott heraussordern, vor dem Sauersehen. Man sollte meinen, daß jemand, der Johannes Appel heißt, es nicht sonderlich schwer haben könnte, der Verpflichtung, die ihm dadurch auserlegt ist, gerecht zu werden; und doch hat der Junge, welcher in einem niedersächsischen Dorfe fo getauft wurde, einen weiten und gefahrvollen Weg gehabt, bis es ihm gelang, fein Geben mit seinem Namen in Einklang zu bringen. Appelhannes — wie die Dorfbewohner, gemäß chrer damaligen Sitte, den Menschen umgekehrt zu rufen wie er im Kirchenbuch verzeichnet stand, den einzigen Sproß eines Tagelöhnerpaares hießen — Apppelhannes war mit einer Veranlagung auf die Welt gekommen, die ihn von allen anderen Jungen weit und breit unterschied: er vermochte kein Fleisch zu essen. Seine Eltern, die meinten, daß er ohne fleischliche Nahrung später nicht imstande sein werde, die schwere Arbeit des Landbewohners durchzuhalten, versuchten von früh an ihren Knaben auf jenen Weg zu drängen, den alle feine Altersgenoffen gingen. Da beide die Weigerung des kleinen Johannes, Fleifch in den Mund zu nehmen, nicht als Eigenart, sondern als Eigensinn betrachteten, so waren sie nut ihren Mitteln, das Vorgesetzte zu erreichen, nicht eben wählerisch. Der Vater schalt — die Mutter bat, der Vater drohte — die Mutter befahl, der Vater schlug — die Mutter zeterte: aber es änderte sich dadurch an dem Verhalten des Appelhannes nichts. Als man ihn eines Tages zwang, Fleisch hinunterzuwürgen, erbrach er das Essen, so daß der Tagelöhner und seine Frau weitere gewaltsame Eingriffe in seine Nahrungsweise nun doch unterließen. Von allen pflanzlichen Speisen schätzte Appelhannes Fruchte am höchsten, und unter sämtlichen Früchten der Erde ging ihm nichts über einen Apfel. Woher aber sollte ein Tagelöhner, zumal vor einigen hundert Jahren, Aepfel genug nehmen, um den Fruchthunger dieses Jungen zu stillen? So begann Appelhannes, sich die Aepsel, die er für feine Ernährung brauchte, zu stehlen. Anfangs glaubte der Knirps, er habe das gute Recht, sich zu holen, was er an Nahrung bedurfte. Sehr bald jedoch kam ihm das Bewußtsein, daß er Unrecht tat. Appelhannes drang nun heimlich in die Gärten ein. War er früher durch die Pforten gegangen und hatte unbekümmert mit Knüppeln und Steinen in die Bäume geworfen, bis herunterfiel, wonach ihn verlangte, fo fing er es jetzt heimlich an. Er schlüpfte durch Hecken, übersprang Mauern, erkletterte Zäune, verbarg sich im Blattwerk der Baume, stopste seine Taschen voll und rannte wie ein Dieb davon. Kein Garten war vor Appelhannes sicher, nicht die der Büdner — nicht die der Bauern, das winzige Geviert des Häuslers so wenig wie der unübersehbare Garten des Guts- 1)6 Cs konnte nicht ausbleiben, daß Appelhannes bet feiner Stehlerei erwischt wurde. War es wieder einmal geschehen, so gab es Schelte, Ohrfeigen, Hiebe. Mitteilungen an die Eltern, Meldungen beim Schulmeister, Anzeigen beim Schulzen blieben nicht aus. Jedesmal stand Appelhannes bann als zerknirschter Sünder da. Er versprach allen, die solches von ihm verlangten, feierlich, daß er es nicht wieder tun werde, versprach es niemandem öfter und glaubensgeroiffer als feiner Mutter. Aber wenn irgendwoher der Duft reifer Aepfel in feine Nafe drang — und keiner im Dorf hatte einen fo feinen Geruch für Aepfel wie Appelhannes, mit verbundenen Augen konnte er jede Sorte auf mehr als Meterweite nach dem ersten Schnuppern erkennen — bann ruhte ber Junge nicht, bis er feine Zähne in eine der köstlichen Früchte geschlagen hatte, gleichviel wem sie gehörten. Einen im Dorf ausgenommen: den Herrn Pfarrer! Das war um so verwunderlicher, als dieser den gepflegtesten Obstgarten hatte wohl zwanzig Meilen weit in der Runde. Insbesondere Aepsel wuchsen darin, welche die Dörfler nicht einmal dem Namen, geschweige denn dem Geschmack nach kannten. So stolz war der Herr Pfarrer auf (eine Obstbaumschätze, daß er zwar manchen Taler an die Mitglieder seiner Gemeinde verschenkte, aber nicht einen Apfel. Auch nicht an Appelhannes, um dessen Eigenheit er sehr wohl wußte. In den Apselaarten des Herrn Pfarrers wagte Johannes Appel, aus Scheu vor dem heiligen Herrn, sich lange nicht. Als er aber sieben Jahre alt geworden war und den ersten gestohlenen Apfel aus dem Pfarrgarten gekostet hatte, lud er sich nirgendwo häufiger als dort zu Gast. Der Pfarrer wollte es anfangs nicht glauben, daß jemand es wage, einen Diener Gottes zu begaunern Indessen, da sich die Zeichen des Bestohlenwerdens nicht länger verkennen ließen, zumal der Junge — endlich doch zum Geschmack der Pfarräpfel gekommen — immer gieriger würde, so lauerte er dem Dieb auf, und wenn es auch geraume Weile dauerte, bis er zum Ziel kam — denn der Tagelöhnersjunge war inzwischen ein kleiner Meister des Diebshandwerks geworden — schließlich erwischte er aber den Apfelspitzbuben — wie konnte es anders sein? — Johannes Appel. Der Pfarrer schlug nicht zu, schalt nicht, trieb den Jungen nicht aus seinem Garten. Appelhannes, das Schlimmste fürchtend, lief zerknirscht davon. Es erfolgte jedoch keine Anzeige beim Schulmeister. Die Vorladung auf das Schulzenamt blieb aus. Nicht einmal mit den Eltern nahm der Herr Pfarrer Rücksprache. Das Diebchen bebte und bonge in seiner Seele, wie man bebt und bangt, wenn man weih, daß ein Gewitter kommen muh und nicht zu sehen vermag, aus welcher Richtung und in welcher Stärke es auszieht. Am nächsten Sonntag, als Appelhannes glaubte, das Gewitter sei versackt, entlud es sich über sein Haupt. Nach der Predigt — der sieben- jährige Junge sah in einer der Hinteren Kirchenbänke zwischen Vater und Mutter — begann der Herr Pfarrer wegen der von Jahr zu Jahr zunehmenden Obststehlereien im Dors von der Kanzel herab ein Donnerwetter, wie es die Gemeinde noch nicht vernommen hatte. Zum Beschluh 'drohte er dem schlimmsten Sünder, der es gewagt hatte, sogar in den Apselgarten der Pfarre einzudringen, der der ewigen Verdammnis und bezeichnete als diesen, von ihm erwischten, Dieb durch Handaufheben Johannes Appel, genannt Appelhannes. Schlimmer als die Androhung der Hölle erschien dem Jungen die Blohstellung vor der ganzen Gemeinde, und nicht einmal die eigene, sondern die Bloßstellung der Eltern. Aber obwohl Appelhannes meinte, er müsse in die Erde versinken, geschah weiter nichts, als daß sich alle Köpfe nach drei Menschen in der Kirche umwandten, der Vater beide Hände zur Faust ballte, die Mutter vor sich hinschluchzte. Als der arme Sünder mit den Eltern zu Hause angekommen war, schlug der Vater ihn blutig. Appelhannes schrie jämmerlich. Denn der handfeste Tagelöhner drosch einen kräftigen Dreivierteltakt. Sobald aber die Tür hinter ihm zugeknallt war, biß Appelhannes die Zähne zusammen. Er wußte aus Erfahrung, daß dadurch die Schmerzen am schnellsten abklangen. Daß freilich in jedem Fall, ob er nun heulte oder nicht, es Wochen dauerte, bis fein Hinterteil über alle Regenbogenfarben weg wieder das natürliche Aussehen hatte, brauchte niemanden zu bekümmern; zumal es keiner sah. Die Mutter begann unaufhörlich zu weinen. Sie prophezeite ihrem Jungen, er werde eines Tages zum Räuber werden. Jawohl: mit Kleinem finge es an, mit Großem höre es auf! Alle Räuber hätten als Obstdiebe begonnen. Ein Räuber und Mörder werde aus ihm. Sie sah ihn schon als Erwachsenen am Querholz hängen, ihren siebenjährigen Jungen und malte ihm — unter verstärktem Heulen aus, wie schrecklich es für sie fein werde, wenn er oben am Galgen baumele, die Raben ihm die Augen auspickten und sie unter ihm hingehen müsse. Denn die Mutter von Erhängten dürfe ihren Weg nicht um den Galgen herum, sondern nur unter dem Galgen durch nehmen. Weit mehr als die Hiebe des Vaters schmerzten Johannes Appel die Tränen seiner Mutter. Und er versprach ihr hoch und heilig: Nie mehr werde er einen Apfel stehlen. Die Mutter wies ihn ab: Hundertmal habe er ihr das gleiche zugesagt und nie fein Wort gehalten. Sie glaubte ihm nicht mehr. Ueberhaupt nichts mehr glaube sie! Außer dem einen, daß er als Räuber und Mörder am Galgen ende. Appelhannes wiederholte, steigerte, überbot feine Beteuerungen: Niemals mehr! Bei der ewigen Seligkeit — nie! nie! Die Tagelöhnerin schüttelte den Kopf und sagte: „Eher wird die Mutter Maria einen Apfel aus deiner Hand annehmen, ehe ich dir jemals wieder glaube, daß du das Apfelftehlen läßt, du Appelhannes!" Der Junge schwieg. Am andern Morgen, nach schlafloser Nacht, trat Johannes Appel mit einem Apfel, dem schönsten, den er in seinem Hamsterlager gefunden hatte, vor die Mutter und sagte: „Komm!" — „Wohin?" — „Zur Kirche." — „Was solls?" — „Der Mutter Maria diesen Apfel bringen." — „Sie nimmt nichts von einem Spitzbuben." — „Komm mit! Sie nimmt den Apfel. Komm!" So gebieterisch waren die letzten Worte, daß die Tagelöhnersfrau ihrem siebenjährigen Jungen folgte, obwohl sie es nicht wollte. In der Kirche befand sich rechterhand vom Altar eine Muttergottes, die ihrem Kinde einen Apfel hinhielt, nach dem Jesus aufjouchzend griff. So lebenswahr hatte der mittelalterliche Bildschnitzer es vermocht, die Bewegung des Hinhaltens und des Zugreifens aus dem Lindenholz herauszuhauen, so nah war Jesus dem begehrten Ziel mit feinen Händchen, daß man kaum begriff, warum er feinen Willen nicht erreichte, sondern es Jahr um Jahr beim Gebenmögen und Habenwollen blieb. Vor diesem Muttergottesbild kniete der Junge mit seinem schönsten, mit dem — es läßt sich nicht leugnen — gemausten Apfel hin, gelobte, daß er nie wieder in einen fremden Garten einbringen, nie wieder eine Frucht stehlen werde und bat, daß Mutter Maria — zum Zeichen, daß sie ihm glaube und zu dem Zweck, daß auch feine Mutter von neuem an ihn glauben lerne — den Apfel aus seiner Hand entgegenzunehmen. So innig, so flehentlich, so hoffnungsstark bat Johannes Appel, wie nur ein Kind zu beten vermag. Und bann geschah bies: Die Mutter Gottes warf bem Knaben, ber nun mit betenb aufgereckten Hänben vor ihr stanb, ben buntbemalten Apfel zu, griff nach bem wirklichen Apfel in den Hänben bes Appelhannes, wollte ihn zu sich herauf heben unb — wie Tag unb Nacht bie tote Frucht — fortan bie lebenbige Frucht Jesu Hinhalten. Sie kam aber unversehens mit ihrer Bewegung bem Kinbe zu nahe. Das packte ben Apfel, holte ihn zu sich herüber unb ließ ihn nicht roieber fahren. Die Tagelöhnersfrau lief vor Schreck aus ber Kirche. Johannes Appel nahm ben hölzernen Apfel, welchen bie Mutter Gottes ihm zu- yeroorfen hatte unb folgte beseligt seiner Mutter. Man bente nicht etwa, baß bie Dorfbewohner ben Tausch ber Aepfel unb bie Veränberung in ber Hänbehaltung ber beiben Heiligen Figuren noch am selben Tage ober am nächsten Tage bemerkt hätten. Man glaube ebenfalls nicht, baß bie Versunkenheit ins Gebet sie baran hinderte. O nein! Auch hier übersahen Menschen bas Schöne, weil sie es täglich sahen. Erst als nach Wochen ber Äpfel in ber Hanb bes Jesu- knäbleins schrumpelte unb faulte, gewahrte man ben Unterschieb Daß nicht mehr Mutter Maria bie Frucht in Hänben hielt, barüber wunderte sich keiner. Denn einmal muhte Jesus sein Ziel, ben Apfel zu bekommen, erreichen. Wohl aber verwunberte es jebermann, baß ein Apfel in ber Hanb bes Gottessohnes vergehen könne Der Pfarrer aber sagte von ber Kanzel herab: Wie sollte er nicht vergehen! Da bas Iesuskinblein — als Mensch — wohl Verlangen nach irbischer Speise haben könne, ihrer aber — als Gott — in Wirklichkeit nicht bebürfe, müsse bas Wunber so, wie geschehen, verlaufen. Appelhannes hielt Wort. Er stahl seit jenem Tage, da die Mutter Gottes ihn erhört hatte, keinen Apfel mehr. Maria hat es ihm freilich leicht gemacht, fein Versprechen zu erfüllen. Denn wenn er an dem hölzernen Apfel roch, ben sie ihm zuwarf, fog er ben Duft jener Apfelforte ein, nach ber er Verlangen hatte. Unb fobalb er zum Schein davon abbiß — wie Kinber tun, bie aus Sanb Kuchen gebacken haben — würbe er fruchtsatt. Er hat später sein Dorf im Niebersächsifchen verlassen unb ist an ben Rhein gezogen. Dort würbe aus bem Apfelbied Appelhannes ber ehrsame Apfelbauer Johannes Appel, beffen (Barten weit größer war, noch schönere Früchte trug, als ber bes Pfarrers baheim. Nie hat ein Kinb an feinem Zaun geftanben, ohne baß er ihm Aepfel — benn anbere Früchte baute er nicht — geschenkt hätte. Unb als anfangs bie Herren Jungen ihn trotzdem bestahlen, hat er — sobald er einen von ihnen erwischte — ihnen das Doppelte, das Dreifache des Gestohlenen aufgenötigt, so daß sie — weil man durch eine Bitte, ja ohne diese, genug Aepfel vorn Appelhannes erhalten konnte, bald das Mausen ließen. Da Johannes Appel hochbetagt als angesehener Mann starb, wollte man nach seinen letzten, schriftlich niedergelegten Worten handeln, und ihm — statt des Kreuzes — auf die Fahrt zum Himmel jenen hölzernen Apfel in die Hand geben, dessen Schlupfwinkel genau bezeichnet war. Man sand aber statt seiner eine natürliche, auf einem Baurn gewachsene Frucht, und zwar von solcher Schönheit, wie sich niemand erinnerte, jemals eine gesehen zu haben. Also legte man den wirklichen Apfel in die Hände des Appelhannes und vermeinte, er hätte — obwohl er doch tot war unb sie nicht mehr zu bewegen vermochte — aus eigener Kraft bie Finger noch fester barum geschloffen, als eines feiner Kinder sie herumgelegt hatte. Seit dieser Stunde hält in dem Heimatkirchlein des Appelhannes die Mutter Gottes, deren Rechte jahrzehntelang teer gewesen war, so daß man nicht begriff, wonach ihr Kindlein die Hand ausstreckte, den hölzernen Apfel — wie man heut noch durch eigenen Augenschein fest- ftellen kann — Jesu wieder zum Greifen nahe hin. Oie Kisiänzerin. Von Andreas Zettler. Täglich, seitdem die Kälte anhielt, war auf bem silbernen Eisspiegel bes Parkteichs ein junges Mäbchen zu sehen, bas bie geschmeidige Kunst, bie viele bort übten, vollenbet beherrschte. Es besaß eine zierliche, sehr biegsame Gestalt ein stets frisch gerötetes, noch kindlich offenes Gesicht, in bem bie Äugen bas Glück ber Bewegung unb ber belohnten Mühe ein wenig fieberglänzend roiberfpiegelten, unb war in bas herkömmliche Kostüm ber Kunstläuferinnen getleibet, beffen Farben (Brau, Hellblau unb Weiß man als sehr glücklich gewählt betrachten mußte, ba ber harmonische Anblick, ben bie Kleine springend, schwebend, fliegend und über das blinkende Eis leichten Fußes hintanzend bot, zum guten Teil mit davon herrühren mochte. Wenn das junge Mädchen die buntgefleckte Tafel des Teichs betrat, bie mit ber freubigen Schrift unzähliger Füße bekritzelt war, entstand sogleich ein offener Platz in der Mitte Man bildete einen Kreis; die Anfänger unterbrachen ihr stolperndes Eilen, das sie einer ziellos rollenden Kugel gleich werden ließ; die Vorgeschrittenen, die schon durch knappes Gewand und entschlossene Mienen künftige Meisterschaft verkündeten und für freilich noch erträumte Wettbewerbe zu trainieren Vorgaben, trennten sich von ihren Bogen und Schleifen; die Kinder, trotz ihrer heftigen Sucht, mit den Händen, der Brust unb auch bem Gesicht bas Eis zu berühren, ftanben plötzlich aufrecht; bie Musik wechselte, nicht ohne Mühe unb einzelne unbeabsichtigte Töne, bie Melobie; ein Walzer erklang unb bie kleine Eisläuferin flog wie ein freigelaffener Vogel mit himmelblauem Glanz herbei. Es begab sich bies: ein junges Mäbchen, ach, es war noch ein halbes Kinb, bas gewiß an jebem Morgen mit ber schweren Schultasche bie Elektrische bestieg unb ben langen Vormittag aus Büchern unb bem Wort ber Lehrerinnen „fürs Leben" lernte, ein kleiner Mensch von vierzehn Jahren verbreitete Freube. Er bewegte sich unb, während man bies sah unb froher Zeuge war, wie aus einem feinen Wiegen nach einer plötzlichen kleinen Drehung ein heftiger Wirbel entftanb, biefer sich roieber in einen fünften Bogen auflöfte, bem eine fröhliche Welle ein Enbe setzte, unb schließlich sich alles mehrere Male in lockerer Folge verschlang, oeränberte sich ber großstäbtische Wintertag ein bißchen. Er schien schöner zu werben, neu unb blank, wie ein Tag in ber Frembe, roo alles Sichtbare bie Seele tränkt, unb man nicht weiß, wohin sich roenben: hier wie bort wirkt bas Leben stolz, prächtig unb leicht Gewiß, bas heitere Licht, bas bie silbernen Kringel aus bem Eis lockte, bie farbigen Jacken unb Kappen ber Läufer noch greller machte, als sie ohnehin waren, unb auf ben bereiften Bäumen bas glimmenbe weiße Feuer entzünbete, war schon vorher bageroefen; es würbe größerem Zauber gebankt, unb auch ber Himmel hatte bereits bie bünnverschleierte Bläue gehabt, bie ben Grunb bes Teichs, über bem bas Mäbchen tanzte, zu grüngrauem Quarz werben ließ. Aber bas stumpfe Auge ber Menschen hatte biefe Schönheit als etwas Alltägliches, Selbstverständliches unb ihm Zukommendes angesehen unb erst einer rounberbaren Vermittlung beburft, um sie wahrzunehmen. Jetzt erblickte man bas Mädchen, bas bahinschroebte, ein blaues Wölkchen über einer silbernen, äthertiefen Scheibe, unb fühlte: mir würben beschenkt unb finb reich. Nun ist aber nichts ausgeglichen unb wenig bleibt ungetrübt, am fettesten bie gemeinsame Freube. Cs kam eines Tages zur Stunbe ber Eistänzerin ein Sportsmann in ben Kreis, ein Kunstläufer in schwarzem, antiegenben Dreß, eine ebensolche Kappe auf bem Haupt, in feinem Gebaren überheblich wie ein SBorftabfafrobat unb anzusehen wie bie finstere Verkörperung unheilbringenber Geschwinbigkeit, ein Gott bes Norbwinbs unb ber kalten Fernen. Er nutzte bie Aufmerksamkeit ber Leute, bie bem lichtgeflügelten Mäbchen galt, für sich, inbem er unbekümmert ihre schönen Figuren mit seinen groben Kunststücken zerstörte, sprang, radschlug, mehrere Male den Handstand ausführte, und endlich. «eraniwortlich: vr. Kans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche LlniversitätS-'Luch. und Steindruckeret. «.Lange. Gießen. Der Tanz der Völker im Wandel der Zeiten. Von Dr. Wilhelm Gemperle. Aus mehreren Quellen entspringt der Tanz. In gläubiger Verzückung bewegten sich die Menschen schon seit uralten Zetten an heiligen Stätten nach den rhythmischen Klängen dumpfer Trommeln und anderer einfacher Instrumente. Das war die Geburt des Tanzes aus dem Dienst an den Gottern. Daneben war er Ausdruck ursprünglichster Lebensfreude oder seelischer Spannungen, die nach außen, nach Gestaltung und Lösung drängen Hier ist er dem Spiel zu vergleichen, das ohne greifbaren Zweck >st und seinen Sinn in sich selbst findet. Religiöse Anbetung und veredelte Lebensbejahung verbinden sich dann später in den höheren Kulturen zu den künstlerisch gebändigten Kräften, wie sie das Griechentum gekannt hat. Was jeweils die Urgründe der rhythmischen Bewegung und des tänzerischen Spiels gewesen sind, ist im einzelnen schwer zu verfolgen, und vor allem die heutigen Tänze in allen Ländern der Welt mu »riumvhscharfem Blick auf das seiner Sache nicht mehr sichere Kind, von 3roei Heisern die ihm glichen, ein paar Fässer heranholen lieh, über bie er seinen schwarzen Leib warf, und zwar noch, als sie schon auf sechs vermehrt worden waren. ,a h.r Wenn dies auch als Leistung anerkannt werden mußte der Bei fall den er mit eitlen Verbeugungen allzu deutlich erheischte, fiel nur fürs und spärlich aus. Als nun aber die Kleine, die bislang verschüchtert am Rande gestanden Hatte, wieder zur Mitte schwebte, brach es laut und freudig los; ein Zeichen, das der Fremde auch sogleich verstand Statt sich jedoch zurückzuziehen, wie man es erwartete, trat er an die Tänzerin heran, um mit ihr gemeinsame Sache zu machen und die fiälfte der Liebe, die das Publikum ihr erwies, auf sich zu übertragen. Man sah, wie sie seine Worte mit einem Kopfschutteln beantwortete und sich anschickte, allein nach der ungenutzt verfliegenden Musik den Tanz zu beenden Aber der Dunkelgekleidete muhte sehr entschlossen und seiner Sache gewiß sein. Sogleich holte er sie wieder em und legte seine Hand um die Hüfte der nun neben ihm Lausenden; nebeneinander, ein merkwürdiges Paar, durchmaßen sie den Kreis. Da, als er an> eine Wendung nach links dachte, entfloh sie ,hm unversehens nach rechts und eilte, so schnell sie vermochte, aus seiner Nahe, um sich eine andere Stelle des Teichs wieder ganz zu der ihren zu machen. Em Helles Gelächter erhob sich; einzelne regten auch wieder die Hande, freilich nur wenige Male, denn länger war für Beifall und Freude kern Raum. Der Gefoppte hatte sich heftig herumgeschwungen und war, wohl vom Gelächter gereizt, schärfer als notwendig der Entwichenen nach- aesetzt. So traf er auf sie, als sie gerade einen ihrer kleinen Wirbel begann: auf der Fußspitze stehend drehte sie sich rote ein Kreisel um sich felbft und der weißbesetzte Saum ihres kurzen Röckchens zeichnete eine hastige Wellenlinie in die Luft. Unter dem Anprall des h-ransausenden und ungeschickt bremsenden, wohl auch im letzten Augenblick noch stolpernden Fremden stürzte sie taumelnd aus der Bewegung heraus und hart aufs Eis, wobei, wie man deutlich bemerkte, dieser auch noch über sie hinwegsprang, um das Gleichgewicht zu behalten Die kleine Tänzerin stand nicht wieder auf; bewußtlos blieb sie liegen, mit einem blaffen, jäh ein wenig kantig gewordenen Gesicht. Zwei Herren trugen sie rasch von der Bahn. Dabei fiel einer ihrer Handschuhe herab, ein graues, verknäultes Ding, das man m ber ®ue des bestürzten Vorbrängens aufzuheben vergaß. Der fremde Kunstläufer, der ein paarmal zum Zeichen gleichgültigen Bedauerns mit den Achseln gezuckt hatte als sei bie Schulb an bem Borsall ber Gestürzten selbst beizumessen, hätte es tun müssen; er war hinter ben übrigen zurückgeblieben unb stand dem Handschuh am nächsten: aber er bückte sich nicht, im Gegenisill Wie um sich in dem verlassenen Gegenstand der überlegenen Gegnerin nochmals zu einem Wettbewerb, allerdings fragwürdigster Art zu versichern, begann er damit zu spielen. Erst sahen es wenige. Als ein Auto die Tänzerin hinweggebracht hatte und man sich »teber über bas Eis verstreute, tarnen andere hinzu, und bald war um den Kunstläufer unb ben Hanbfchuh ber frühere Kreis gebilbet. Er beschrieb elegante Bogen barum, legte ihn in bie Schleifen eines verzwickten Kunstwerks aus Geraben unb Kurven, umrahmte ihn pompös mit einem Kranz mehrfach variierter Achten, übersprang ihn hierbei von rechts unb links, unb entwickelte eine ganze Stufenleiter befonberer Künste, wie sie in solcher Prägnanz auf btefem Teich noch nicht erblickt worben waren. „ . Gleich einer kleinen, kümmerlichen Leiche, einem Vogel, von den Winden verstoßen, lag der Handschuh in der Mitte, unerbittlich von seinen blankbewehrten Schuhen umkreist. Immer mehr Figuren fugte der Mann aneinander, immer gewagter und hastiger wurden seine Sprünge — oh, er wußte sich nicht nur auf dem Eise vollendet zu bewegen! Er verstand sich auch auf die Menschen, die leicht bestechlichen, und übte geschickt die Kunst der Betörung! Hatten sie ihn nicht soeben noch verwünscht? Nun fiel schon hier und da ein anerkennendes Wort, bald ruhten auch die Hände nicht länger, man klatschte, unb als ber Läufer enblich keuchenb innehielt, scholl taute Zustimmung über ben Platz. Die kleine Tänzerin schien vergessen — Da gab ein junger Mann, ber vom Ufer her alles mit angesehen hatte, anberen Empfinbungen bünbigen Ausbruck. Mit seinem kränklich blassen Gesicht unb ben etwas ermübeten Augen, vor benen er eine Helle Hornbrille trug, machte er ben Eindruck eines jungen Wissenschaftlers oder Schriftstellers, der auf einem .Spaziergange begriffen mar, und als er sich nun bückte und einen kleinen Schneeball formte, mußte es als zweifelhaft erscheinen, ob er sein Ziel gut und genau treffen würde. Aber das Glück war auf feiner Seite. Der Ball flog dem Fremden kräftig mitten ins Gesicht; sogleich perlte ihm Blut aus der Nase, und nach einigen erschrockenen Seitenblicken räumte er endlich das Feld und verschwand im Umkleidehaus. feiten sich aus so vielfachen Quellen ab und sind das Endergebnis einer io alten Entwicklung, daß mir vor dem Zusammenklang unendlich zahl- reicher Kräfte und Beweggründe stehen. Gerade weil der Tanz einer der unmittelbarsten Aeußerungen des menschlichen Wesens ist, gibt er uns wertvolle Aufschlüsse über die Seele der Völker. In der germanisch-deutschen Geschichte spielen die Schwertertänze eine bedeutende Rolle. Tacitus beschreibt sie tm 24. Kapitel feiner „Germania", ohne daß ihm jedoch ihr tiefer kultischer Sinn offenbar wird; es heißt dort: „Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Fest gleich. Nackte Jünglinge, die es zum Vergnügen tun, schwingen sich im Tanz zwischen Schwertern und drohenden Lanzen Hebung hat sie gewandt gemacht, Gewandtheit anmutig, doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn: ihres so verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer." Im deutschen Mittelalter ging bie Ueberlieserung ber Schwertertänze auf bie Zünfte über, Ueberrefte ftnben sich auch noch heute in manchen Volksbräuchen. . Im Mittelalter gab es zwei verschiebens Tanzarten: bie Ring- ober Kreistänze ber Bauern, bie im Freien ftattfanben, unb bie gemessenen Schreittänze ber oberen Schichten, bie fast nur in geschlossenen Raumen getanzt würben unb bie ber Polonaise ähneln. In beiben Fallen aber hanbelte es sich um G e m e in s ch a st s t a nz -. Erst vom 14. Iahr- hunbcrt ab roanbeln sich bie Gruppentänze allmählich in Paartanz« um, unb zu gleicher Zeit vollzieht sich auch bie stärkere Trennung von Gesellschaftstanz unb Volkstanz, bie erst zu Anfang bes 19. Jahrhunberts mit bem Aufkommen bes Walzers roieber etwas ausgehoben würbe. Aus bem Volkstanz hebt sich immer beutlicher ber Lanbler hervor, währenb bie Entwicklung bes Gesellschaftstanzes ber oberen Schichten vor allem an ben Höfen in bem gekünstelten Menuett gipfelt. In ber Renaissance gab ber italienische Tanzmeister in allen euro- I päischen Kreisen, bie „etwas auf sich hielten", ben Ton "v. Die italienischen Tanzanregungen gingen nach Frankreich unb oerbanben sich bort mit ben Volkstänzen ber verschiebensten Lanbschasten. So würben bte merfroürbigen Formen eines Reigens, ben man bei ben Bauern von Poitou bewunderte, umgebilbet unb zum Menuett verfeinert, aus englischen Bauerntänzen entwickelte sich ber (Eontre, unb von den deutschen Drehern führte ein gerader Weg über die gehaltene Alle- m a n b e zu unserem Walzer. Spanische unb slawische Tanze hinterlassen beutliche Spuren in ben Ballsälen ber europäischen ßanber Sie Polonaise, bie Polen nur ihren Namen unb nicht wie bie M a - Turta unb bie Cracovienne ihre Entstehung verbankt, erinnert noch als beliebte Eröffnung unserer heutigen Balle an jenen ersten großen Aufzug in ber Form eines einfachen Reigens, mit bem tm 17. Jahrhunbert der Hofball durch den König eröffnet wurde Ihr ausgeprägter Dreivierteltakt, der sie vom Marsch unterscheidet, soll zuerst in Sachsen aufgetaucht sein, wo unter August dem Starken dem König von Polen, der Tanz vielleicht seinen Namen erhielt. Ms Höhepunkt der veredelten, allerdings auch lehr gekünstelten Gesellschaftstänze aast das Menuett. „Er ist der König der Tänze und der Tanz der Könige" läßt M a u p a f f a n t eine alte Dame in einer feiner entzückendsten Skizzen über diesen Tanz sagen. Hundert Jahre lang komponierten die brühmtesten Musiker ihrer Zeit, wie Bach, Haydn und Mozart, Menuetts, und hundert Jahre lang feierten die anerkanntesten Maler bes Rokoko bie Bewegungen biefes Tanzes in ben zartesten In bie wohlabgezirkelte Gemessenheit ber Gesellschaftstänze bes Rokoko, bie sich immerhin noch viel länger am Leben erhielten als bie gepuberten Perücken unb bie Reifröcke, brang nun ber W a l z e r wie ein Sturmwinb ein. Er bewirkte eine Revolution im Ballsaal, unb bie beweglichen Klagen über bie Flucht ber Grazie aus bem Salon wollten bei ben Verfechtern ber „guten alten Zeit" kein Enbe nehmen In einer Zeitung ber eleganten Welt hieß es zu Anfang bes 19. Jahrhunberts: Wie schön waren boch bie Zeiten, ba Tänzer unb Tänzerin in ben strengen Figurenkreis einer feierlichen Pavane, einer steifen Sarabanbe, eines zierlichen Menuetts gebannt, bie Chiffern ber Liebe auf bas blanke Parkett zeichneten, sich kaum mit ben Fingerspitzen leis berührten unb aus selten aufgeschlagenen Augen nur tiefe fülle Blicke tauschten bet ben langen großen Reverenzen. Jetzt umfaßt ber Chapean feine Dame mit beiben Händen, rundum, und rast mit ihr die Ecossaisen-Kolonnen herunter, wiegt sich mit ihr in dem wollüstigen Walzer, so zücht- unb sittenlos, bah alles Liebliche, Gefällige bes Tanzes ganz unb gar aus unseren Ballsälen gewichen ist." . Der einfache Drehschritt biefes alten Volkstanzes war rote em Protest gegen bie letzten Herrschaftsansprüche eines mube abtltngenben Zeit- alters. Der Walzer, ber mit feinen Vorläufern — bem „Länble r" ober Sangaus" — schon so lange Bauern unb Bürger bei ungebunbenen Lustbarkeiten erfreut hatte, zuckte jetzt auch in ben Füßen ber vornehmen Damen unb Herren ber europäischen Gesellschaft unb löste einen Tanz- taumel aus, wie ihn bie feinste Courante unb bas schönste Menuett nie hatte ahnen lassen. Vergebens versuchte man auf bem Wiener Kongreß bie Geselligkeit bes ancien regime zu einem letzten Scheinbasein zu erwecken unb bas würbevolle Schreiten ber Polonaisen und Quadrillen wieder in seine alten Rechte einzusetzen, es schwebte doch alles im Rausche des Walzers durcheinander, mochte man auch noch so sehr über „diesen Würger der Moralität und Keuschheit" wettern. Noch 1856 eifert ber Verfasser eines Zeitschriftenaufsatzes über „Das Tanzen ber Deutschen" gegen bie „heutigen Sturm- unb Barrikaben- Galoppaben", bie „so viele junge Mäbchen bem Tobe in bie Arme liefern", unb ruft bagegen ben Schutz ber Obrigkeit an. So läßt sich aus ber Geschichte bes Tanzes ein farbiges Bilb ber Kulturentwicklung gewinnen. Das Verhältnis bes Volkstanzes zum Gesellschaftstanz hat sich im Laufe ber Jahrhunberte ebenso mannigfaltig geroanbelt wie bas Wechselspiel zwischen ber Betonung ber nationalen Eigenart unb bem Einbringen frember Elemente in bie deutschen Tanz- I fitten.