Nummer 86 Zreitag, den 6. November Jahrgang 1956 Victoria mit Borsten auf dem Schnabel wohnten. Einmal hatte er auch ein Er hörte das Lachen und Sprechen der jungen Gesellschaft, die sich entfernte. Gut, lebt wohl einstweilen. Aber sie hätten ihn wohl mit- Hermelin gesehen. Er schob das Boot wieder ins Wasser und fing an, zur anderen Seite der Insel zu rudern. Als er ein gutes Stück weit gekommen war. Geschickte einer Liebe bönnkn. ___, o x .ZcrnffAM iJ honon SRnitihnn/tpf -onnen elt ame, tief versteckte Löcher tm Felsen, in denen Raubvogel von Knut Hamsun ' ' ' ------------t“* i" "" n,,A SietzenekKlmilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________ wurde ihm zugerufen: Rudere zurück. Du schreckst die Bogel auf. Ich wollte euch nur zeigen, wo das Hermelin ist? antwortete er fragend Er wartete ein wenig. Und dann könnten wir das Schlangenloch ausräuchern? Ich habe Zündhölzer dabei. Er bekam keine Antwort. Da drehte er das Boot um und ruderte zum Landungsplatz zurück. Dort zog er das Boot an Land. Wenn er einmal erwachsen war, wollte er vom Sultan eine Insel kaufen und jeden Zutritt dazu verbieten. Ein Kanonenschiff sollte eine Küsten beschützen. Ew. Herrlichkeit, würden dre Sklaven ihm melden, draußen zerschellt ein Boot auf dem Riff, an dem es gestrandet ist, die jungen Menschen darauf kommen um. Laßt sie umkommenl antwortete er. Ew. Herrlichkeit, sie rufen um Hilfe, noch können wir sie retten, und es ist eine weihgekleidete Frau dabei. Rettet siel befiehlt er nut Donnerstimme. So sieht er nach vielen Jahren dre Kinder des Schloh- herrn wieder, und Bictoria wirft sich ihm zu Fuhen und dankt ihm für ihre Rettung. Nichts zu danken, das war nur meine Pflicht, antwortet er: geht frei umher in meinen Landen, wohin Ihr wollt. Und dann läßt er ihnen die Tore des Schlosses öffnen und bewirtet sie aus goldenen Schüsseln, und dreihundert braune Sklavinnen singen und tanzen die ganze Nacht hindurch. Als aber die Schloßkmüer wieder fort- reifen wollen, da vermag Bictoria es nicht, sie wirst sich vor chm m den Staub und schluchzt, denn sie liebt ihn: Laßt mich hierbleiben, verstoßt mich nicht, Ew. Herrlichkeit, macht mich zu einer Eurer Sklavinnen ... Er beginnt hastig in die Insel hineinzugehen, von Erregung durchschauert. Jawohl, er wollte die Schloßkinder befreien Wer weiß, vielleicht hatten sie sich jetzt auf der Insel verirrt? Vielleicht hing Bictoria zwischen zwei Felsen fest und konnte nicht loskommen? Er brauchte nur den Arm auszustrecken, um sie zu befreien. Die Kinder aber sahen ihn erstaunt an, als er kam. Hatte er das Boot verlassen? Ich mache dich für das Boot verantwortlich, sagte Otto. Ich könnte euch zeigen, wo es Himbeeren gibt? fragte Johannes. Schweigen in der Gesellschaft. Victoria griff sofort zu. Nein? Wo denn? Aber der Stadtherr überwand sich rasch und sagte: Damit können wir uns jetzt nicht befassen. Johannes sagte: r Ich weiß auch, wo man Muscheln finden kann. Neues Schweigen. Sind Perlen darin? fragte Otto. Denkt, wenn Perlen drin wären! rief Victoria. Johannes antwortete, nein, das wüßte er nicht; aber die Muscheln lägen weit draußen im weihen Sand, man müsse ein Boot haben und nach ihnen tauchen. Da wurde der Vorschlag erst recht verlacht, und Otto sagte: Ja, du siehst mir wie ein Taucher aus. Johannes begann schwer zu atmen. Wenn ihr wollt, so kann ich ja auf den Berg dort hinaufgehen und einen schweren Stein ins Meer hinabrollen, meinte er. Wozu? Nein, nur so. Aber Ihr könntet dann zusehen. Aber auch dieser Vorschlag wurde nicht angenommen, und Johannes schwieg beschämt. So fing er an, fern von den anderen, auf einer anderen Seite der Insel nach Eiern zu suchen. Als die ganze Gesellschaft wieder unten beim Boot versammelt war, 1 hatte Johannes viel mehr Eier als die anderen, er trug sie vorsichtig *n Me^ist^ es möglich, daß du so viele gesunden hast?, fragte der Stabtberr.^, antwortete Johannes glücklich. Jetzt lege ich sie zu den deinen, Bictoria. Halt! schrie Otto, warum? e , Alle sahen ihn an. Otto deutete auf die Mutze und fragte: Wer steht mir dafür ein, daß die Mütze sauber ist? . Johannes sagte nichts. Sein Glück brach plötzlich ab. -tann gmg e mit den Eiern langsam wieder in die Insel zurück. 1 Was hat er denn? Wo geht er hin? sagt Otto ungeduldig. Copyright by Albert Langen^Gevrg Müller Verlag,München I. Der Sohn des Müllers ging umher und grübelte. Er war ein kräftiger vierzehnjähriger Bursche, braungebrannt von Sonne und W n und voll der verschiedensten Gedanken. Wenn er erwachsen war, wollte er Zündholzmacher werben. Das war so wunderbar gefährlich, keiner würde dann wagen ihm die Hand zu geben, weil er Schwefel an den Fingern haben konnte. Und um Mesens unheimlichen Handwerkes willen würde er em großes Ansehen unter seinen Kameraden genießen. , Er sah sich nach seinen Vögeln im Walde um. Er kannte sie ja alle rouftte wo ihre Nester lagen, verstand ihre Schreie und antwortete ihnen mit verschiedenen Zurufen. Mehr als einmal hatte er ihnen kleine Mehlkugeln aus des Vaters Mühle gebracht. 2lüe Bäume am Wege waren feine guten Bekannten. Im Fruh- iabr hatte er das Harz von ihnen abgezapft, und im Winter war er ihnen wie ein Heiner Vater gewesen, hatte sie vom Schnee befreit ihre Aeste wieder aufgerichtet. Und sogar oben in dem verla enen Gran b brück war kein Stein ihm fremd, m viele hatte er Buchstaben uno Zeichen eingehauen und sie ausgestellt, sie geordnet wie eine Gemeinde um den Pfarrer. Di« seltsamsten Dinge gingen in diesem alten ®ramt- ^GrZg'a'b' und kam zum Teich hinunter. Die Mühle war im Gange ein ungeheurer und dumpser Lärm umfing ihn. Er war gewohnt, hier umherzuwandern und mit sich selbst zu reden; jede Schaumperle hatte gleichsam ihr eigenes kleines Leben, über das etwas zu sagen war, und | gort bei der Schleuse fiel das Wasser jäh ab und sah aus wie em glänzendes Gewebe, das hier zum Trocknen hing. Im Teich unterhalb des Wasserfalles waren Fische; oft genug hatte er hier mit seiner Rute 6eft$3enn er erwachsen war, wollte er Taucher werden Das wollte er Da stieg er dann vom Deck eines Schisses ins Meer hinunter und kam in fremde Reiche und Länder, da wogten große seltsame Walder, au? bem tiefsten Grund aber lag ein . Schloß aus Korallen Und aus einem Fenster winkt chm die Prinzessin und sagt: Komm herein! Da hörte er hinter sich seinen Namen; der Vater stand da und nef Jo- h^Man hat aus dem Schloß nach dir geschickt. Du sollst die jungen Leute zur Insel hinüberrudern! Er beeilte sich. Eine neue und große Gnade war dem Sohn des TOUDer5 .Herrenhcst" sah in der grünen Landschaft wie ein kleines Schloß aus, ja, wie ein unwahrscheinlicher Palast m der Einsamkeit. Das Haus war ein weißgestrichener Holzbau mit vielen Bogenfenstern in den Wänden und auf dem Dach, und von dem runden Turm wehte die Flagge, wenn Gäste auf dem Hose waren. Die Leute nannten es das Schloß. Bor dem Herrenhof aber lag auf der einen Seite die Bucht und auf der anderen waren die großen Wälder; in weiter Ferne sah man einige kleine Bauernhäuser. Johannes ging zur Landungsbrücke und half den jungen Leuten ins Boot. Er kannte sie von früher, es waren die Kinder des ,,Sd)loß= Herrn" und ihre Kameraden aus der Stadt. Alle trugen hohe, feste Stiefel, mit denen sie durchs Wasser waten konnten, Bictoria aber, die nur kleine Spangenschuhe hatte und außerdem nicht älter als zehn Jahre war, muhte an Land getragen werden, als sie zur Insel kamen. Soll ich dich tragen? fragte Johannes. Nein, ich! sagte der Stadtherr Otto, ein Mann im Konsirmanden- alter, und nahm sie in seine Arme. Johannes stand da und sah zu, wie sie weit aufs Ufer hinausge- tragen wurde und hörte sie danken. Dann sagte Otto zurück: Ja du gibst jetzt wohl aufs Boot acht, — wie heißt er? Johannes, antwortete Bictoria. Ja, er gibt aufs Boot acht. Er blieb zurück. Die andern gingen mit ihren Körben in bcn Händen tiefer in die Insel hinein, um Eier zu sammeln. Eine Weile stand er da und grübelte; gerne wäre er mit den anderen gegangen, das Boot hätten sie ja einfach an Land ziehen können. Zu schwer? Ls war nicht zu schwer. Er packte das Boot und zog es ein Stuck weit herauf. Wo gehst du hin, Johannes? ruft Victoria und läuft ihm nach. Er bleibt stehen und antwortet still: Ich lege die Eier in die Nester zurück. Eine Weile standen sie da und sahen einander an. Und heute nachmittag gehe ich in den Steinbruch, sagte er. Sie antwortete nicht. Dann könnte ich dir die Höhle zeigen. Ja, aber ich habe so Angst, antwortete sie. Du sagtest, sie sei so dunkel. Da lächelte Johannes trotz seinem großen Kummer und erwiderte mutig: Ja, aber ich bin ja bei dir. Seit jeher hatte er da oben in dem alten Granitbruch gespielt. Die Leute hatten ihn reden und arbeiten gehört, obwohl er allein war; bisweilen war er Pfarrer gewesen und hatte Gottesdienst abgehalten. Diese Stätte war seit langer Zeit verlassen, jetzt wuchs Moos auf den Steinen, und die Spuren der Bohr- und Sprenglöcher waren beinah verwischt. Aber in der verborgenen Höhle hatte der Sohn des Müllers aufgeräumt und sie mit vieler Kunst ausgeschmückt, und dort wohnte er als Häuptling der tapfersten Räuberbande der Welt. Er schellt mit einer silbernen Glocke. Ein kleines Männchen, ein Zwerg mit einer Diamantenspange an der Kappe, hüpft herein. Das ist der Diener. Er verbeugt sich bis zur Erde. Wenn Prinzessin Victoria kommt, so führe sie zu mir! sagt Johannes mit lauter Stimme. Wieder verbeugt sich der Zwerg bis zum Boden und verschwindet. Johannes streckt sich bequem aus dem weichen Diwan aus und denkt nach. Zu jenem Sitz dort wollte er sie führen und ihr köstliche Gerichte auf silbernen und goldenen Schüsseln reichen; ein flammender Scheiterhaufen sollkc die Höhle beleuchten. Hinter dem schweren goldbrokatenen Vorhang im Innern der Höhle würde ihr Lager bereitet werden, und zwölf Ritter sollten Wache stehen ... Johannes erhebt sich, kriecht aus der Höhle und lauscht. Unten auf dem Steig raschelt es in Aesten und Laub. Victoria! ruft er. Ja, antwortet es. Er geht ihr entgegen. Ich wage es fast nicht, §agt sie. Er zuckt mit den Achseln und antwortet: Ich bin eben dort gewesen. Ich komme jetzt von dort. Sie gehen in die Höhle. Er weist ihr einen Platz auf einem Stein an und sagt: Aus diesem Stein hat der Riese gesessen. Hu, sag nichts mehr, erzähl mir nichts! Hattest du nicht Angst? Nein. Ja, aber du sagtest doch, er habe nur ein Auge; aber nur die Trolle sind einäugig. Johannes überlegte. Er hatte zwei Augen, aber auf dem einen war er blind. Das sagte er selbst. Was sagte er noch? Nein, erzähl es nicht! Er fragte, ob ich bei ihm dienen wollte. Aber das wolltest du wohl nicht? Gott bewahre dich. Doch, ich antwortete nicht nein. Nicht geradezu nein. Bist du verrückt! Willst du im Berge eingeschlossen werden? Ja, ich weiß nicht. Auf der Erde ist es auch nicht schön. Pause. Seit diese Buben aus der Stadt gekommen sind, bist du nur noch mit ihnen zusammen, sagt er. Wiederum Pause. Johannes fährt fort: Aber ich bin stärker und kann dich besser tragen und aus dem Boot heben als irgendeiner von denen. Ich bin sicher, daß ich es fertig brächte, dich eine ganze Stunde lang zu halten. Schau her. Er nahm sie in die Arme und hob sie auf. Sie umfaßte seinen Nacken. So, jetzt reicht es schon. Er setzte sich nieder. Sie sagte: Ja, aber Otto ist auch stark. Und er hat sich auch schon mit erwachsenen Leuten geprügelt. Zweifelnd fragt Johannes: Mit erwachsenen Leuten? Ja, mit erwachsenen. In der Stadt. Pause. Johannes denkt nach. Ja, ja, dann ist es also damit vorbei, sagt er. Ich weiß, was ich tue. Was tust du? Ich verdinge mich beim Riesen. Nein, bist du denn verrückt, hör doch! schreit Victoria. Ach wo, mir ist alles gleich. Ich tue es. Victoria sinnt auf einen Ausweg. Ja, aber vielleicht kommt er jetzt gar nicht wieder? Johannes antwortet: Er kommt. Hierher? fragt sie rasch. Ja. Victoria steht aus und zieht sich nach dem Ausgang zurück. Komm, gehen wir lieber wieder hinaus. Es eilt nicht, sagt Johannes, der selbst bleich geworden ist. Er kommt nicht vor heute nacht. Er kommt um die Mitternachtsstunde. Victoria ist beruhigt und will wieder ihren Platz einnehmen. Aber Johannes fällt es schwer, des Unheimlichen, das er selbst heraufbeschworen hat, Herr zu werden, es wird ihm zu gefährlich in der Höhle, und er sagt: Wenn du wirklich wieder hinausgehen willst — ich habe draußen einen Stein mit deinem Namen darauf. Den könnte ich dir zeigen. Sie kriechen aus der Höhle und suchen den Stein. Victoria ist stolz und glücklich darüber. Johannes ist gerührt, er möchte weinen und sagt: Wenn ich jetzt fort bin und du siehst ihn manchmal an, dann mußt du an mich denken. Mir einen freundlichen Gedanken schenken. Ja, bestimmt, antwortet Victoria. Aber du kommst doch wohl wieder? Ach, das weih Gott allein. Nein, ich werde wohl kaum wiederkommen. Sie fingen an heimzuwandern. Johannes ist dem Weinen nah. Ja, leb wohl, sagt Victoria. Nein, ich kann noch ein Stückchen weiter mitgehen. Aber daß sie ihm so herzlos, je ehe desto lieber, Lebewohl sagen kann, macht ihn bitter, läßt in seinem verwundeten Gemüt den Zorn aufsteigen. Er bleibt plötzlich stehen und sagt voll ehrlicher Erregung: Aber das will ich dir sagen, Victoria, du wirst keinen bekommen, der so gut gegen dich sein wird, wie ich es gewesen wäre. Das will ich dir nur sagen. Ja, aber Otto ist auch gut, wendet sie ein. Jaja, nimm ihn nur. Schweigend gehen sie einige Schritte weiter. Ich werde es sicher großartig bekommen. Hab nur keine Angst. Denn du weißt noch nicht, welchen Lohn ich erhalten werde. Nein, was erhältst du als Lohn? Die Hälfte des Reiches. Doch das ist erst das eine. Nein, so etwas! Und dann bekomme ich die Prinzessin. Victoria blieb stehen. Das ist nicht wahr, oder? Doch, das sagte er. Pause. Victoria murmelt vor sich hin: Wie sie wohl aussehen mag? Aber du lieber Gott, sie ist schöner als irgendein Mensch auf Erden. Das weiß man doch schon seit jeher. Victoria ist bedrückt. Willst du sie denn haben? fragt sie. Ja, antwortet er, es wird wohl so kommen. Als das Victoria wirklich nahegeht, fügt er hinzu: Aber es kann schon sein, daß ich einmal wieder- kehre. Daß ich einmal einen Ausflug auf die Erde mache. Ja, aber nimm sie dann nicht mit, bat sie. Wozu willst du sie dabei haben? Nein, ich kann auch allein kommen. Willst du mir das versprechen? O ja, das kann ich versprechen. Was machst du dir übrigens daraus? Ich kann doch nicht erwarten, daß du dir etwas daraus machst. Das darfst du nicht sagen, hörst du, antwortet Victoria. Ich bin sicher, daß sie dich nicht so lieb hat wie ich. Eine warme Freude durchbebt sein junges Herz. Am liebsten wäre er vor Freude und Beschämung über ihre Worte in die Erde gesunken. Er wagte nicht, sie anzublicken, er sah weg. Dann hob er einen Zweig vom Boden auf, nagte die Rinde ab und schlug sich mit dem Zweig in die Hand. Schließlich fing er in seiner Verlegenheit zu pfeifen an. Ja, ja, ich muß wohl heimgehen, sagt er. Ja, leb' wohl, antwortet sie und reicht ihm die Hand. 2. . Der Sohn des Müllers reifte fort. Lange blieb er weg, er ging in die Schule und lernte sehr viel, wuchs, wurde groß und stark und bekam auf der Oberlippe einen Flaum. Es war so weit in die Stadt, die Reise hin und zurück so teuer, viele Jahre lang lieh der sparsame Müller seinen Sohn Sommer und Winter in der Stadt. Er studierte die ganze Zeit. Inzwischen war ein erwachsener Mann aus ihm geworden, er war achtzehn, zwanzig Jahre alt. Da ging er eines Nachmittags im Frühling vom Dampfschiff an Land. Auf dem Schloß war die Flagge gehißt, für den Sohn, der mit dem gleichen Schiff ebenfalls in die Ferien heimkam; man hatte ihm einen Wagen an die Landungsbrücke entgegengeschickt. Johannes grüßte den Schloßherrn, die Schloßherrin und Victoria. Wie groß und froh war Victoria geworden! Sie beantwortete feinen Gruß nicht. Er nahm die Mütze noch einmal ab und hörte sie ihren Bruder fragen: Du, Ditlef, wer grüßt denn da? Der Bruder antwortete: Das ist Johannes, Johannes Müller. Sie warf ihm noch einmal einen Blick zu; aber nun schämte er sich, noch einmal zu grüßen. Dann fuhr der Wagen fort. Johannes begab sich nach Hause. Mein Gott, wie lustig und klein doch die Stube war! Er konnte nicht aufrecht durch die Türe gehen. Die Eltern empfingen ihn mit einem Willkommentrunk. Eine große Erregung bemächtigte sich seiner, alles war so rührend und lieb, Vater und Mutter empfingen ihn so grau und gut, eins nach dem andern reichte ihm die Hand und hieß ihn zu Hause willkommen. Noch am selben Abend ging er umher und besah sich alles, war bei der Mühle, beim Steinbruch und besuchte den Fischplatz, lauschte mit Wehmut den vertrauten Vögeln, die in den Bäumen schon ihre Nester bauten und dann und wann zu dem riesigen Ameisenhaufen im Wald hinüberflogen. Die Ameisen waren fort, der Haufen ausgestorben. Er wühlte in dem Haufen, es war kein Leben mehr darin. Während er so umherging, bemerkte er, daß der Wald des Schloßherrn stark ausgeholzt worden war. Kennst du dich hier wieder aus? fragte der Vater im Scherz. Hast du deine alten Drojseln wieder getroffen? Nicht alles ist so wie früher. Der Wald ist ausgehalzt. Der gehört dem Schloßherrn, antwortete der Vater. Es ist nicht unsere Sache, seine Bäume zu zählen. Ein jeder kann Geld brauchen, der Schloßherr braucht viel Geld. Tage tarnen und gingen, milde, liebe Tage, merkwürdige Stunden der Einsamkeit, mit zarten Erinnerungen aus den Kinderjahren, ein Äurückgerusenwerden zu Himmel und Erde, zur Luft und zu den Bergen. (Fortsetzung folgt.) Abfckned. Don I. W. von Goethe. Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist, Fliehe mit abgewendetem Blick! Wie er, sie schauend, im Tiefsten entflammt ist. Zieht sie, ach! reiht sie ihn ewig zurück. Frage dich nicht in der Nähe der Süßen: Scheidet sie? scheid ich? Ein grimmiger Schmerz Fasset im Krampf dich, du liegst ihr zu Füßen, Und die Verzweiflung zerreißt dir das Herz. Kannst du dann weinen und siehst sie durch Tränen, Fernende Tränen, als wäre sie fern: Bleib! Noch ist's möglich! Der Liebe, dem Sehnen Neigt sich der Nacht unbeweglichster Stern. im Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dein soeben Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen neuen Buch des Dichters: „W a g r a i n e r T a g e b u ch". „ Sommergäste sind merkwürdige Geschöpfe, unergrundüche sie stecken voller Rätsel. Ob sie nun singen oder pfeifen oder im stillsten Wresen- arund sitzen und Marschmusik auf einer höllischen Maschine spielen, einerlei, den Drang zum Geräusch haben alle in sich. Wenn irgendwo ein Vogel auf dem Zaun sitzt, um seine Federn zu putzen, und es kommt ein Sommergast des Wegs, dann schwelgt der Vogel und wartet mit seinem Geschäft, bis der Fremde vorbeigegangen ift. 2tber der kann nicht schweigen, der muß mit dem Finger auf den Vogel zeigen und einen Schrei ausstoßen: Seht her, ein Kuckuck! Und dann fliegt der Bogel davon und kommt lang nicht mehr. Natürlich, weil ihn das ärgert, er ist gar kein Kuckuck, sondern ein Häher. Andere Sommergäste wieder sind über alles menschliche Maß hinaus neugierig, besonders die weiblichen, und es gibt fast nur solche, soweit ich mich entsinne. Wo immer ein Kind am Wege sitzt, das eben erst em wenig krähen kann, gleich wird es in ein weitläufiges Verhör gezogen, wie es denn hieße und wer sein Vater sei, lauter sehr peinliche Fragen. Das Kind darf ja schweigen und sich sein Teil denken, aber unser- einem ist es weniger leicht gemacht. Zum Beispiel habe ich einmal, als mir sonst nichts einfiel, die Fensterläden an meinem Haus blau angestrichen, alle bis auf zwei im Untergeschoß, die sind braun geblieben. Die Dorfleute regt das nicht weiter auf, sie begreifen, daß einem zur Unzeit die Farbe ausgehen kann oder die Geduld, aber die Sommergäste bringt so etwas außer Rand und Band. Sie sammeln sich vor dem Haufe an und beraten die Sache unter sich. Etliche ziehen Schlüsse auf meinen Geisteszustand, auf meine Gemütsart, andere meinen, ich muffe auf jeden Fall ein Mensch von Eigenart fein und wieder andere bezweifeln das, die raten auf eine völlig zerrüttete Ehe. Und wahrhaftig, es fehlt nicht viel daran, daß sie recht behielten, denn auch die Haus- genos en mischen sich in den Streit und wollen die Schande nicht langer dulden. Ich weiß nicht, vielleicht werde ich tun, was Salomon getan hätte Ich werde noch ein paar Fenster rot und gelb dazumalen. Dann heißt mein Haus das Regenbogenhaus, und alle sind zufrieden. , ®in anderes Mal, während ich am Schreibtisch sitze, weil mir ist, als käme mich ein Gedanke an, trifft mich plötzlich eine Stimme vom Fenster her in den Rücken. Hier wohnt er, sagt die Stimme. Ja, sagt eine zweite. Aber er soll so scheu fein. Was heißt das nun? Natürlich muß ich sogleich aufstehen unb leise zum Fenster schleichen, es war immerhin eine ziemlich tresfende Le- merkung Ich schaue hinaus, und weil das nicht mehr Aureicht.stecke ich den Kopf durch das Gitter. Aber in diesem Augenblick dreht sich das eine der beiden Wesen noch einmal um und sieht mich nut gerecktem Hals und lächerlich zerraustem Haar, ich kann um alles in der Welt den Kopf nicht schnell genug wieder einziehen. Es gibt freilich auch dreistere, die stehen plötzlich vor der Tur und kichern und stoßen sich an. Nach einer Weile klopft cs auch wirklich, und dann knöpfe ich in Gottes Namen den Hemdkragen zu und führe die beiden herein. Die eine hat einen Zettel mitgebracht, damit ich ihr einen Vers darauf schreibe, sie sammelt solche Zettel. Die andere aber, die Hübschere, ist eigentlich nur spaßeshalber gekommen, um mir dabei zuzuschauen. Sie hat überhaupt noch keinen lebendigen Dichter gesehen, immer Fasse sie wieder! Empfindet felbander Euer Besitzen und euren Verlust! Schlägt nicht ein Wetterstrahl euch auseinander, Inniger dränget sich Brust nur an Brust. Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist. Fliehe mit abgewendetem Blick! Wie er, sie schauend, im Tiefsten entflammt ist, Zieht sie, ach! reißt sie ihn ewig zurück. Neugierige Gäste. Von Karl Heinrich Waggerl. nur Denkmäler. Nun, was mich betrifft, ich bin keineswegs aus Stein, sondern ein zugänglicher Mensch. Man darf bei mir in der Stube umhergehen und alles genau betrachten, darf sich in jeden Stuhl setzen und Bilder aus dem Fach kramen, und wenn man einen Üppigen Mund hat und winzige Sommersprossen auf der Nase, bann darf man auch Fragen stellen, obwohl mir dabei der Reim wieder entfällt, den ich eben gefunden habe. Ob ich denn diese vielen Bücher auch olle gelesen hätte? Einige. . Und wie das eigentlich zuginge, ob ich mich einfach hinsetzte und schon fiele mir etwas Gereimtes ein? Ach nein, erklärte ich, viel Sfter etwas Ungereimtes. Aber die Lent» merken es gar nicht immer. Natürlich, sagt das Fräulein, als habe es ohnehin nichts Besseres von mir und den Leuten erwartet. Und ob ich immer nur Verse machte ober manchmal auch etwas onberes? Ja? Was benn zum Beispiel? Zum Beispiel diese Uhr an der Wand, behaupte ich, um mir eitt neues Ansehen zu geben. So. Und die Bilder vielleicht auch? Ja, sage ich zerstreut, denn ich habe den Reim wieder gesunden. Und diesen Krug auf der Truhe? Jawohl, erkläre ich, auch den, mein Kindl Und woraus? , . Aus Lehm und Geist, sage ich, und schreibe meinen Vers auf den Aber bann müssen wir beide lachen, denn ich habe schändlich ausgeschnitten, es klebt ja eine Marke unten auf dem Krug. Nein, sagt die Freundin säuerlich, nein, Liese, du bist entschieden zu vorlaut! _ r _ Sie ist die Aeltere von den beiden, sie hat keine Sommersprossen auf der Nase. . Das Kind aber verstummt, und ich wende mich auch wieder zu meinem Gedicht, ein wenig betreten. Es ist ja wahr, ich sollte mehr Würde zeigen, das bin ich dem Ansehen meiner Zukunft schuldig. Wohin kämen wir wenn jedes stupsnasige Mädchen seinen Spaß mit uns treiben könnte? Wenn gar die Leute anfingen, bei allem, was wir ihnen zeigen, auch den Boden zu besehen! , Nein, wir dürsen uns nicht zu sehr gemein machen, auch In dem nicht, was sterblich an uns ist. Denn der Gott, der nur einmal merken läßt, daß er eine weniger erhabene Kehrseite hat, der ist auch schon entthront. , Ich bin freilich nur ein kleines Licht unter so vielen Leuchten. Und wenngleich man sagt, es fei kein Heiliger so gering, daß er nicht doch darauf hielte, seine eigene Kerze zu haben, zuweilen ist es mir dennoch viel wert, wenn einmal ein Bauer an mein Fenster tritt und ein paar verständige Worte mit mir redet. Oder wenn sonst jemand kommt, nicht, weil er etwas besonders Tiefsinniges von mir hören möchte, sondern weil er meint, ich sei vielleicht auch ein Mensch, dem Fleisch und Blut lieber ist als Papier und Tinte. Gut, wenn Gott einem von uns manchmal die Zunge lost, daß er den Menschenbrüdern etwas zum Trost sagen kann. Aber in uns allen ist das Beste stumm. Oie Hündin Kora. Von Johan Luzian. Die Tage kommen und schwinden, und mit jedem Tag kommt der Herbst näher heran. Bald wird es Winter sein. Der lange Winter! Die Rehe kommen bann bis vor bas Haus unb betteln mit braunen, traurigen Augen um Futter. Sie überwinden ihre Scheu und uertrauen dem Menschen, der bescheidenen, kleinen Güte des Menschen. Seht, da werden schon ein paar Blätter gelb, hier und da! Das sind Vorboten. Und bald wird der ganze Wald lodern im feurigen Braun und Geld, die Stürme werden den Brand über die weite Erde treiben. Dann kommen die grauen Tage. Da weichen die Wege auf vom endlosen Regen, da werden Haus und Wald und Tal belagert von den Bergen Trübsal unb Unlust, die dräuend zwischen Himmel und Erde stehen, die Nebelberge, die Dampfgebirge, wenn das Wasser noch wärmer ist als die Luft. Johannes lobt das Haus, er lobt seine Hütte. Sie schneidet ihm aus der herbstlichen Welt ein kleines Stück aus, ein winziges geborgenes Stück Raum, in dem er daheim ist, genug Raum für sich und fein treues Tier. Die Nebelvögel fliegen über die enttarnten Wiesen, über die buschige Wildnis der Hänge, über den lichteren Wald. Die Wolken kommen schläfrig dahergetollt, sie haben das Licht gefressen, sich die Bäuche gemästet. , Er zeichnet die Hündin, zeichnet ihren schönen grauen Wolsinnenkopf. Wie sie zuweilen schnuppernd durch die Stube geht, wie sie die Pfote« auf das Fensterbrett fetzt, um hinauszuschauen, und wie sie sich behaglich knurrend wieder zusammenrollt zu den Füßen ihres Herrn! Johannes ging einmal ins Dorf hinauf, da war er ihr begegnet. Zwei junge Burschen aus dem Nachbardorf führten sie am Strick unb hatten ihr einen Maulkorb oorgebunben. Sie taten trotzbem ganz aufgeregt, als hätten sie ein Abenteuer bestauben. „Nicht anfassen!", rief ber eine. „Das Vieh ist bissig!" „Wir sollen sie zum Jäger bringen, er soll sie kaputt machen! , sagte ber anbere. ... Kaputt machen ... Ein harter Ausbruck für eine harte Sache. Es wird etwas zerbrochen, in Stücke geschlagen, ausgelöscht, es liegt da, wird häßlich und verwest und verdirbt. „Nein, hört einmal! Dieses schöne Zier!" „Ja, niemand will sie geschenkt haben!" „Sie hat ein Kind gebissen. Es ist ein ganz verkommenes Biest! „Aber echt ist fiel Ein Kommerzienrat hat sie einmal gehabt! Aber nun ist sie verdorben, sie war überall schon ..." „Niemand will sie haben?", fragte Johannes. „Dann gebt sie mir, wenn ihr mögt. Man soll es doch noch einmal versuchen!" „3a, aber wir stehen für nichts ein!" „Nein, wie heißt sie benn?" Das wußten sie nicht, sie hatten sie unterwegs bekommen, um sie rasch fortzuschaffen. „ , . .... , ., „Nun, bann komm ohne Namen mit!", sagte Johannes unb führte die Hünbin heim. Sie ging auch willig neben ihm. In ber Waldhutte gab er ihr zu fressen. Reissuppe, Knochen unb altes Brot. Sie fraß gierig unb knurrte beim Fressen. , „Nun, nun, es nimmt btr ja niemanb etwas weg! , sagte Johannes begütigend. bun unverrichteter Dinge in die schützende Elbemündung zurücksegeln, wahrend K n i p h o f f seinen Schlupfwinkel bezog und von da aus bei Wetterzulah sein Unwesen mit verdoppeltem Eifer weiterbetrieb. Er hatte es dabei besonders auf die schwach befestigten kleinen Küstenplatze abgesehen, die er durch überraschende Uebersälle brandschatzte. Das mißfiel dem Hamburger Rat aufs höchste, weshalb er das Strafgeschwader um zwei Bojer (Ewer) vermehrte und trotz Herbftwetter wieder auf Kreuzung schickte. Der Hamburger Admiral trachtete zunächst zu erkunden, wo der Nothafen des Korsaren lag. Zu seiner Freude erfuhr er, daß Kniphoffs Schlupfwinkel gar nicht fern von der Elbemündung war. Er befand sich in der Osterems, dem Fahrwasser zwischen den Watten östlich der Insel Borkum, unfern des ostfriesischen Dollarts, des Meerbusens, in den sich die Ems ergießt. Hier steckte der Korsar, im Grunde genommen, in einer Falle, die ein entschlossener Gegner zuziehen konnte. Deshalb segelte das Hamburger Geschwader mit vollen Segeln hin, ohne sich durch die wütenden Herbststürme auf« W'e die Hamburger den Kniphoff finge’' Ein Blatt aus der deutschen Seegeschichte. Von Kapitän von R z i h a. Bor vierhundertundzehn Jahren rüstete Christian II. von Dänemark eine Flotte aus, um das verlorene Norwegen zurückzuerobern und die deutsche Hansa zu demütigen. Die mächtige Flotte zerfiel in mehrere Geschwader, deren eines von dem fünfundzwanzigjährigen Kopenhagener Klaus Kniphoff befehligt wurde. Seine Kommandoflagge wehte auf der „Gallion , einem gewaltigen viermastigen Orlogschiff. Außerdem bestand sein Geschwader aus zwei Dreimastern und einem Zweimaster. Er ging noch in der Fastenzeit unter Segel, was damals gegen Kriegsbrauch war, und kreuzte im Gewässer der Insel Blieland, wo ihm viel« hanseatische Kauffahrer in die Hände fielen. Das brachte ihn auf den Geschmack, daß er bald über jedes Handelsschiff ohne Unterschied der Flagge herfiel, um es als gute Prise einzuheimsen. . , Auf diese Weise verwandelte er sich vom dänischen Admiral zum Seeräuber, der auch die neutrale Schisfahrt nicht verschonte. Trotzdem hätte er in den unruhigen Zeitläuften noch länge sein schnödes Spiel treiben können, wenn die Hansa nicht beschlossen hätte, ihm das Handwerk rasch und gründlich zu legen. Die Hamburger übernahmen die Durchführung des Femespruchs und rüsteten em Geschwader von vier Kraffeln (Dreimaster) aus, dessen Befehl der Admiral Simon P a r s e v a l übernahm. Er führte sein Flaggschiff selbst, und auf den drei andern Kraffeln befehligten die Kapitäne Dittmar Pohl, Klaus Hasse und Dirk v. Minden. Zu Hauptleuten der miteingeschifften Kriegsvölker wurden Michel Schröder und Jürgen Sibbern ernannt. Das Hamburger Strafgeschwader kreuzte jedoch vergeblich den ganzen Sommer lang an der norwegischen Küste, ohne den geriebenen Korsaren abzufassen. Deshalb mußte es mit dem Einbruch der Herbststürme Als sie gesresien hatte, legte sie sich zu seinen Füßen nieder, duckte den schlanken Kopf mit den lauernden braunen Augen auf die Pfoten und spitzte die Ohren, als lausche sie, was da nun weiter kommen solle. „Wie heißt du denn nun wohl?" Die Hündin hob den Kopf ein wenig, als wundere sie sich über Den sanften Ton seiner Stimme. „Wollen wir Freunde werden?" Da begann sie mit der buschigen Rute den Boden zu klopfen. Sie war also einverstanden. Sie witterte keine Bosheit in seinen Worten. „Hm, du scheinst es schlecht gehabt zu haben in der letzten Zeit... Du bist nicht gerade überfüttert worden, deine Rippen sind vollzählig beieinander, wie ich sehe ... Wie ich gehört habe , fuhr er nach einer Weile fort, kommst du aus einem reichen Hause. Aber der reiche Herr starb wohl eines Tages, he? Oder war er dich leid? ... Du bist billig ausqeboten worden, bist unter die Leute gekommen, hast den Herrn verloren und einen neuen nicht gefunden ... Du bekamst Fußtritte, was? Hast dich nicht zu deinem Vorteil verändert.^... Natürlich, so wird es gewesen sein. Eine Hündin, wer will eine Hündin haben? Im Fruchahr hat man die Schererei mit deinen Liebhabern, die den Zaun umschleichen, die das Haus ankläffen, lauter Unruhe ..." Schließlich erwischt dich der rothaarige Metzgerhund, und in irgendeiner Ecke wirfst du ein paar Bankerte, die man in einen Sack tut und ersäuft, weil sie nichts roert sind Da heulst du nun los, denn du liebst deine Kleinen, und wirst aufgeregt und bissig und rennst überall herum, eine Plage für die Leute. Fort damit, hinaus mit dirl Und so wanderst du von Hand zu Hand, wirst ein Straßenköter, mit Steinen wirft man nach dir, die Kinder aus der Dorfstraße freuen sich, wenn du den Schwanz zwischen bie Beine klemmst und davonjagst. Einmal fällst du einen der kleinen Peiniger an, man fängt dich ein, du wirst überwältigt, kriegst einen Maulkorb vor und sollst kaputt gemacht werden ... Ja, schwänzle nur, du hast nicht mehr viel Zeit gehabt! ..." Das dumme Angstgefühl vor dem Rätselhaften und Unbekannten tn dem Tier war von ihm gewichen. Er streckte der Hündin die Hand hm und sagte: „Gib Pfote!" ..... Das war ein Klang aus der alten Zeit. Wirklich, die Hündin erhob sich und legte ihm die Pfote tolpatschig in die nackte Hand. Sie lieh sich den Kopf streicheln und den Hals kraulen. „Siehst du wohl, wir werden noch gut miteinander auskommen. Wenn ich nur wüßte, wie man dich ruft ..." Er versuchte einen Namen zu finden, aber ihm waren nur Hundenamen geläufig. Strolch, ©trupp, Wolf, Arco, Tyras, Lord ... Ein Hündinnen- name fiel ihm nicht ein. Schließlich aber kam er doch auf einen. „Kora!", rief er leise. .. Und wer hätte diese Wirkung erwartet? Die Hundm hatte sich bereits wieder niedergelegt und sich zusammengerollt. Nun hörte sie den Namen, den Johannes fragend und unsicher rief. Ja, das war ja ihr Name, ihr eigener Name, den ihr erster Herr ihr gegeben hatte! Und nun sprang sie auf, als hätte sich vor ihren Augen ein Tor in die Jugend wieder geöffnet, ein Tor in die guten Tage. Sie stieß ein Freudengeheul aus, ein helles, erstauntes, ungläubiges Geheul, und dann folgte ein Gebell von wilder Leidenschaft und ein Getänzel in der kleinen Stube, daß Johannes sich die Ohren zuhalten mußte. Die Hündin bestürmte ihn mit ihrer plötzlichen Munterkeit, fetzte ihm die Pfoten auf die Brust und wollte ihm das Gesicht lecken. Sie war wieder eine junge, heitere Hündin geworden, sie hieß wieder Kora. Wirklich. Johannes hatte ihr ihren Namen zuruck- gegeben. ,, , .. r r. Ja, das war ein großer Augenblick zwischen ihnen beiden gewesen, sie werden ihn nicht vergessen! halten zu lassen. Als Kniphoff das Herannahen der Hamburger erfuhr, wollte er aus feiner Falle heraus. Aber fein Lotse war ein gebürtiger Hamburger, den die Piraten mit Gewalt in ihren Dienst gezwungen hatten. Er sah nun die Gelegenheit zur Vernichtung der Seeräuber, und da wollte er gegen die Feinde feiner Vaterstadt begeistert das Seine tun. Deshalb ließ er das auslaufende Geschwader K n i p h o f f s in der Osterems auf den Sand rennen. Che die Schiffe hier wieder loskamen, waren die Harn- ■ger schon vor der Ausfahrt angelangt. Kniphoff mußte bei Gretsyl in der Osterems vor Anker gehen, während die Hamburger sich hinter die Insel Neuwerk legten. Sie hielten hier Kriegsrat, entwarfen ihren Schlachtplan und segelten in die Osterems hinein. Nahe am Geschwader Kniphoffs ankerten sie und machten chre Schiffe klar zum Gefecht. Am nächsten Morgen hoben sie Anker und eröffneten mit schwerem Breitseitfeuer die Schlacht. Kapitän Dittmar Kohl suchte das überlegene Flaggschiff Kniphoffs zu entern. Die beiden Bojer eilten zu feiner Unterstützung herbei und erschossen mit ihren Bleipillen einen großen Teil der Deckmannfchaft auf der „Gallion". Während infolgedessen auf dem Flaggschiff des Piraten Verwirrung herrschte, segelte Admiral P a r s e v a l mit seiner Kraffel heran, um die „Gallion" ins Kreuzfeuer zu nehmen. Aber Kniphoff setzte sich tapfer zur Wehr. Er ließ seine Kartaunen und Feldschlangen spielen und belegte die vier Hamburger Kraffeln mit Donner und Blitz. Vor feiner überlegenen Artillerie musste das Hamburger Admiralschiff zurückweichen, indem es sich außer Schußweite treiben ließ. Jedoch Kapitän Dittmar Kohl ließ nicht locker. Er hielt dem mörderischen Bombardement der „Gallion" auf Biegen oder Brechen stand und ermutigte dadurch die Kapitäne Klaus Haffe und Dirk v. Minden, die mit ihren beiden Kraffeln die übrigen drei Schifte Kniphoffs vom Eingreifen zugunsten der „Gallion" abhielten. Sie belegten die drei Korfarenfchifte mit Brandgeschossen und setzten sie außer Gefecht. Nun konnte das Hamburger Geschwader seine Stoßkraft auf die mächtige „Gallion" sammeln, und diesem vereinten Anprall mußte auch das gewaltige Orlogschiff erliegen, das — ursprünglich von den Spaniern zur Bedeckung ihrer amerikanischen Silberflotten gebaut — als der unbezwingbare „Dreadnought" seiner Zeit galt. Die „Gallion" wurde im Sturm geentert und der größte Teil ihrer Besatzung niedergehauen. Die Ueberlebenben — darunter der schwer verwundete Kniphoff — muhten sich auf Gnade und Ungnade eraeben. Als Korsaren hatten sie nach Kriegsbrauch ihr Leben verwirkt. Kniphoff war sich daher über sein unvermeidliches Schicksal im Klaren und suchte sein Leben zu retten, indem er sich als gewöhnlicher Matrose verkleidete, bevor er sich ergab. Er wurde jedoch erkannt und von Dittmar Kohl gefangen auf sein Schiff gebracht. Mit vier beuteschweren Piratenschiffen und hundertzweiundsechzig Gefangenen kehrte das siegreiche Hamburger Geschwader in die Elbe zurück. Admiral Parseval erstattete mit seinen Kapitänen, Besatzungen und Gefangenen in feierlichem Aufzuge die Meldung vor dem hohen Rat, der ihn im Rathaus empfing. Drei Tage später kam Kniphoff mit feinen Gesellen vor das Hochgericht. Er verteidigte sich mit großer Klugheit und Seelenkraft, indem er sich auf den Kaperbrief feines Königs berief. Auswärtige hohe Herren verwendeten sich lebhaft für ihn. Aber die Hamburger Schöffen blieben feft auf dem Standpunkt, daß er kein Kaper, sondern ein gemeiner Seeräuber war. Als er die Unmöglichkeit feiner. Rettung erkannte, bat er nur um Gnade für feine Leute, die bloß feinem Befehl gehorcht hatten. Er wurde aus dem Graasbrook enthauptet, wo die Hamburger feit uralten Zeiten alle verurteilten Seeräuber angesichts des Elbestroms hinrichten ließen. Fünfundsiebzig seiner Gefährten teilten sein bitteres Los. Ihre Köpfe wurden nach altem Brauch am Elbufer auf Pfähle gesteckt, um allen Seefahrern als heilsame Warnung vor der Strenge der Hamburger Gesetze zu dienen. Denn es war eine schwere und kriegerische Zeit. Der Rest von Kniphoffs Gesellen wurde begnadigt und auf Hamburger Schiffe verteilt. Kapitän Dittmar Kohl hatte bei der Bezwingung der Korsaren den meisten Ruhm erworben. Zwei Jahre später wurde er dafür in den hohen Rat gewählt. In seinen fünfzehn letzten Lebensjahren leitete er als Bürgermeister das Geschick der mächtigen Hansestadt. Noch lange nach seinem Hinscheiden gab es zwischen der Insel Neuwerk und dem Vogelsand ein eigenartiges seemännisches Denkmal, mit dem die Hamburger sein Andenken ehrten. Es war eine große Seetonne, die als Schiffahrtszeichen der Elbezufahrt diente und „Dittmar Kohls lonne, hieß. Erst im vorigen Jahrhundert kam sie außer Gebrauch, als sie bei einer Veränderung des Fahrwassers nicht in die neue Fahrrinne verlegt wurde. Dadurch verlor sie sich in der Erinnerung der Nachfahren, so daß heute selbst der älteste Lotse nicht mehr weih, wo sie einst verankert war und was mit ihr seither geschehen ist. verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Llniverfitäts-Buch- und Steindruckerei. L. Lange. Giehen.