Eichener Kmnlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1956 Montag, den 6. Juli Kummer 51 Oie Fahrt nach der Ahnfrau Erzählung von Paul Fechter Copyright 1935 by Deutsche Verlugs-Anstalt Stuttgart 7. Fortsetzung. Georg Ebener sah sie an und nickte. Mit dir gern, dachte er; aber er sagte es nicht. Er hörte zu, wie sie mit ihrer tiefen Stimme sprach, sah gelegentlich auf ihre schmalen, kräftigen Hände und dachte: Regina — Reginal — Aber er meinte nicht di« Urgroßmutter. Der Dampfer begann leicht zu schaukeln; er hotte eine Wendung zum Lande hin gemacht. Von unten drang vergnügtes Kreischen herauf. Zwei der Möwenmädchen liefen neugierig zur Treppe und sahen, letzt ohne Zeißgläser, hinunter, die Ursachen suchend. Eine leere L.imonaden- flajche rollte vom Tisch, ohne Schaden zu nehmen. „Da ist Rossitlen", sagte di« Schwester Regina, „wie schnell das ge- 9hm Nidden zeigen, falls er nicht mit dem Nach- Mittagsschiss nach Königsberg zurück wolle. Der Doktor Ebener sah die Schwester Regina wieder mißtrauisch an. Nein, sie führe erst morgen. An einem Tag hin und zurück sei eine zu große Hetze, und übernachten könne sie hier billiger als in Königsberg Ihm fiel ein Stein vom Herzen, und er gestand diesen Fall sogar ehrlich ein. Sie gingen zu Blöde zurück und nahmen Quartier, und oann brachen sie auf in die Dünen. Sie gingen die lange, sandige Straße das Dorf entlang, nach Süden, bis sie auf die Hasfbucht am Fuß der Hohen Dune stießen. Ein paar Keitelkähne lagen da verlassen weite Fläche des Wassers flimmerte golden im Widerschein der Nachmlttagssonne, der sie beinahe entgegengegangen waren. Vor ihnen aus dem Haff hob sich eine flache Halbinsel, wie der Rücken einer schmalen Mondsichel. Das sei der Grabsche Haken, sagte die Schwester. Sie gingen auf dem moorig-sandigen schmalen Uferstreifen an dem mageren dürren Kiefernwald entlang, bis sie am Fuß der Düne an- kamen Die war schon aufgeforstet; niedriges Kieferngehölz teilte ihren Hang in großen Vierecken aus; dazwischen gingen schmale, sandige Wege streng parallel nach beiden Seiten vom Hauptweg. Zur Rechten stieg der dünne Wald weiter mit ihnen bergauf, nach oben zu schon kräftiger und voller werdend — und bald ragte rot und rund, grell von der Sonne beschienen der Niddener Leuchturm auf der Höhe der Nehrung über dem Wald nicht allzu fern in das tiefe Himmelsblau. Auf den Rat seiner Begleiterin vermied es der Doktor, während des Aufstieges zuruckzublicken. Erst als sie oben angelangt waren und vor ihnen schon über einer besonnten Senkung voll Gebüsch und ferner dünner Birken die See aufblinkte, wandten sie sich um. Fahlqrün mit Hellen Sandslecken senkte sich die Düne, die sie eben erstiegen hatten- dahinter hob sich lichtblau, unbewegt in strahlender Heiterkeit die Fläche des Haffs fast steil himmelan. Klein und fern lagen unten die Häuschen von Nidden, rot und gelb und weißlich; über ihnen schwang, von der hellen Sandkuiwe des niedrigen Dünenrandes am Ufer gefaßt, die Hasenbucht. Drüben vom Lande sah man nichts. Himmel und Wasser verschwebten im Licht. Nur zur Rechten dämmerte da und dort schmal wie mit zarten Tupfen angedeutet die Küste von Nemonien herüber Ein weißes Segel schwebte wie ein ruhender Schmetterling fern in dem gewichtlos lichten Blau des Nachmittags. Zur Rechten aber stieg wie ein heller Schatten scharf und schmal ein Sandgebirge ins Licht, farblos, eine blasse Silhouette in toter Verlassenheit, wie ein schmaler Felsgrat im Gebirge. In steilem Sturz war der Sand von diesem Thron der Einsamkeit nach beiden Seiten abgesunken, zum Hofs hinab und ebenso landwärts in das Tal zu den Füßen des Sandbergs. Ein schmaler, scharfer Grat war geblieben, wie eine Scheide zwischen Haff und Meer, ein Rücken ohne Breite, der in feiner Linie au/stieg bis zu dem beglänzten Gipfel, der die Umgebung mit der seiner selbst sicheren Diskretion des von der Natur zum Herrschen Bestimmten nur wenig und doch entscheidend überragte. Georg Ebener fragte, ob das schon die Hohe Düne sei. Er schien ein wenig enttäuscht. Aber die Schwester Regina lächelte: „Kommen Sie nur, hier beginnt es erst." Sie gingen wieder ein Stück südwärts, der Sonne entgegen, die schon nach der See hinüberzugleiten begann. Niedrige Kiefern geleiteten itjren Weg; auf einmal waren sie zu Ende, blieben zurück, und vor ihnen lag eine Welt, in der nichts mehr war als Sand. Zur Rechten winkten noch fern von der Seejeite bräunlich ein paar verwehte, kleine Baume, ein paar Heideflecken herüber; je mehr sie wieder talwärts gingen, desto mehr versanken die, und es blieb nur die tote, helle, fremde Welt des Anorganischen. Der Sand, auf dem sie gingen, war fest und trug ihre Schritte. Der W,nd hatte ihn seltsam zierlich gewellt; wie sorgfältig gelegte Locken, dachte der Doktor, oder auch wie ein fein und gleichmäßig verbogenes flaches Wellblech lagen die kleinen Höhenzüge graubläulich vor ihnen. Dann und wann, wenn ein schärferer Windstoß sie traf, sah man die Sandkörner rieselnd abwärtstanzen; die Fußspuren die sie hinterließen, füllten sich, kaum daß sie sie hinter sich gelassen hatten, unter Wind und Schwere von neuem mit Sand. „Footprints in the sands of time?“, sagte die Schwester. .Kennen Sie das Gedicht?" Der Doktor verneinte; er war Humanist. „Eigentlich schade, daß wir jeder was anderes gelernt haben", meinte er; aber die Schwester Regina widersprach: „Das ist gerade hübsch. Man kann sich doch was erzählen und mitteilen, während man sonst nach drei Tagen nicht mehr wüßte, wovon man reden sollte." Unter anderen Umständen hätte der Doktor diese Feststellung zum Ausgangspunkt einer tiefsinnigen Erwägung über die geistigen Fundamente des Zusammenlebens genommen. Hier verhinderte ihn die Landschaft daran. Sie waren einen zweiten Hang hinabgelausen oder mehr mit dem rieselnden Sand hinabgeglitten; nun standen sie aufatmend im Tal und hatten nur noch Sand und Himmel um sich Vor ihnen ragte, ein fahler Schatten, die Hohe Düne scharf ansteigend in den Nachmittagshimmel: hinter ihnen hob sich der Hang, den sie herabgekommen waren. Zur Rechten, zur Linken lagen niedrige Sandwellen, den Blick zum Haff, zur See versperrend — eine Wüstenlandschaft umgab sie, ohne Baum, ohne Strauch, ohne Wasser. Ein dunkler Fleck Moorerde oder dergleichen vor ihnen am Fuß der Hohen Düne war das einzige, das eine kleine Abwechslung in den leblos harten, unbarmherzigen Steinton der Welt rings um sie brachte. „Ist der Name nicht richttg — Tal des Schweigens?" fragte halblaut die Schwester Regina. Der Doktor nickte; er horchte in die Stille, aber nichts rührte sich, kein Rauschen der See, kein Laut des Windes, kein Vogelruf kam herüber — nichts als Schweigen. Er glaubte das Knirschen des Sandes unter seinem stehenden Fuß zu hören, und eine kleine, blendendweiße Wolke, ms gerade hinter dem Gipfel der Hohen Düne hervor sich in das reine Blau schob, hatte etwas Tröstendes wie der Gruß eines lebenden Wesens. „Wie im Gebirge", sagte Georg Ebner. Die Schwester nickte: „Hier war im Krieg Vergeltungslager. Die Leute sahen nur Sand." „Unsere auch", sagte er hart. „Es war nur gerecht." Sie nickte und begann schweigend, den beschatteten Hang der Hohen Dune emporzusteigen. Georg Ebener folgte; er hatte das Gefühl, daß es eigentlich unrecht fei, diese schöne, wunderbar ausgeglichene gleichmäßige Fläche des Hanges durch Besteigen zu zerstören. Aber dann sah er, wie die Spur seiner Begleiterin schon halb im Schreiten wieder Zerrann, und er folgte ihr mühsam Schritt für Schritt die Wand empor, dem Gipfel zu, der da oben vor ihnen nah und unnahbar zugleich ins Blau ragte. Und bann hielten sie oben, an dem höchsten Punkt des Sandgrats und der Doktor bekam ein leichtes Schwindelgefühl. Seine Füße wollten im Sand nicht haften, und zum Haff stürzte die Wand in einem Fall- roinfel ab, der etwas Mitreißendes hatte. Er stand hoch im Raum, nicht mehr auf der Erde. Die war mit ihrer Fruchtbarkeit und Sicherheit irgendwo ganz fern, dort, wo der Wald war, dort unten, wo Nidden lag. Hier war Sand, Unsicherheit, Einsamkeit zwischen Wasser uni)' Himmel, der mit dem Wind von der See über sie dahinzustreichen schien. In nefelnbem Fall glitten bie Sandkörner von ihrem Standort abwärts zum Hass — wie kleine trockene Wasserfälle. Hinter ihnen war ja Land; aber es war tot, leblos, Sand: erst fern nach der See hin dämmerte zwischend Büschen und kleinen Bäumen wieder etwas von der alten, richtigen Erde auf, die sie hier oben verlassen hatten. (Forts, folgt.) Regenlied. Von Klaus Groth. Walle, Regen, walle nieder, Wecke mir die Träume wieder. Die ich in der Kindheit träumte, Wenn das Nah im Sande schäumte! Wenn die matte Sommerschwüle Lässig stritt mit frischer Kühle Und die blanken Blätter tauten Und die Saaten dunkler blauten. Welche Wonne, in dem Fließen Dann zu stehn mit nackten Füßen! An dem Grase hinzustreifen Und den Schaum mit Händen greifen. Oder mit den heißen Wangen Kalte Tropfen aufzufangen Und den neuerwachten Düften Seine Kinderbrust zu lüften! Wie die Kelche, die da troffen, Stand die Seele atmend offen, Wie die Blumen düstetrunken In den Himmelstau versunken. Schauernd kühlte jeder Tropfen Ties bis an des Herzens Klopfen, Und der Schöpfung heilig Weben Drang bis ins verborgne Leben. — Walle, Regen, walle nieder. Wecke meine alten Lieder, Die wir vor der Türe sangen. Wenn die Tropfen draußen klangen! Möchte ihnen wieder lauschen, Ihrem süßen, feuchten Rauschen, Meine Seele sanft betauen Mit dem frommen Kindergrauen. Ich nicht! Eine russische Geschichte von Hans Fra n ck. Einhundertneunundsechzig Menschen, vierundzwansig davon Deutsche, lagen seit einer Woche im Gefängnis des Bezirkes Wolowo hinter derselben Tür: Männer, Frauen, Kinder, alle mit Lumpen angetan, manche fast nackt. Obwohl draußen Kälte die Gesichter zerschnitt, wurde die Zelle während der Woche nicht ein einziges Mal geheizt. Dennoch war es darin so heiß, so dumpf und drückend, daß jemand mehrere Scheiben des eisenrippigen Fensters mit der Faust einschlug. Wenn auch niemand ihm dankte — es widersprach auch keiner. Was sie verbrochen hatten, die einhundertneunundsechzig Menschen? Sie waren nicht in die Kollektive gegangen! Durch jahrzehntelange eigene und jahrhundertelange Arbeit der Vorväter ihrer Gesinnung, ihrem Wesen nach Bauern, hatten Saat und Ernte, Acker und Vieh, Wind und Wetter für sie größere Bedeutung gehabt als Wahlen und Fllnfjahres- plan, als Trotzki und Stalin. Das Zentralkomitee der Partei aber hatte zur Stärkung der proletarischen Diktatur, zur Festigung der Sowjetunion die Entkulakisierung des flachen Landes auf das Strengste befohlen! Hatte genaue Richtlinien ergehen lassen, wer den Kulaken zuzuzählen sei! Also waren auch achtzehn Dorfsowjets des Bezirks Wolowo beflissen gewesen, ihre Umgebung von diesen staatsbedrohenden, sowjetfeindlichen Elementen zu säubern. Sie hatten sechsundsechzig Bauernwirtschaften für kulakisch erklärt. Dabei blieben keineswegs nur die Richtlinien des Zentralkomitees maßgebend. Willkür, Mißgunst, Roheit trugen zu dem Schicksalsspruch der fanatischen Exekutoren bei. Aber Moskau war weit! Die Betroffenen hatten durch den Spruch der Dorfsowjets als ausgesiedelt zu gelten, waren ihres Stimmrechts und damit ihres Eigentums verlustig. Bei 25 Grad Kälte wurden die einhundertneunundsechzig Menschen aus ihren Häusern gejagt. Brot? Wozu? — Kulaken! Geld? Wofür? — Kulaken! Am besten, man trieb das Gesindel nackt zum Bezirksgefängnis. Immerhin, ihre Blöße muhten sie doch wohl bedecken. Aber das genügte. Runter mit den guten, den bourgeoisen Kleidern! Einem Bauern zu Tetersk wurde das saubere Zeug vom Leibe gerissen: als einziges Kleidungsstück bekam er eine geflickte, dreckige alte Hose zurück. Ein weißhaariger Mann im selben Dorf behielt nichts als sein Hemd. Einer Bäuerin zu Meschewaja, die ein buntes Kopftuch trug, warf man ein schmutziges Staubtuch ins Gesicht und zwang sie, es über ihr glänzendes schwarzes Haar zu binden. Vorwärts! Nicht aufhalten. Vorwärts! Nichts mitnehmen. Vorwärts! Nicht umfehn. Vorwärts! Als der Jüngst« des Bauern Koberski, ein schmächtiger, blasier Einundzwanziger namens Adolf Abramowitsch, der es mit den Büchern hatte und trotz anstrengender Feldarbeit viele Stunden des Nachts hinter der Lampe saß, nach neun Werst nicht mehr weiterkonnte, schlug ihm ein Konvoi mit dem Säbel auf das Rückgrat. Er fiel ohne Aufschrei um, und seine beiden Brüder mußten ihn unter die Arme nehmen, daß er das Bezirksgefängnis lebend erreichte. Dort lagen dann die einhundertneunundsechzig Menschen, vierundzwanzig davon Deutsche, eine Woche lang hinter derselben Tür. Ihre Herzen beteten nicht um Rückgabe der verlorengegangenen Güter. Sie waren einer gleich dem anderen bereit, alles, was sie ihr Eigentum genannt hatten, für immer hinter sich zu lassen. Nur: leben! Auf den Knien an die Grenze kriechen? Niemand hätte nein geantwortet, wenn es um einen Preis von ihnen verlangt wäre: leben! Am achten Morgen stampfte vor dem Gefängniswärter ein Rotgardist in die Zelle, grätschte die Beine und las zehn Namen von einer Liste ab. Die Zehn wurden auf dem Korridor durch Gewehre in Empfang genommen. Befehle, Schüsse, Gepolter vom Gefängnishof herauf ließen in den zurückgebliebenen Einhundertneunundfünfzig keinen Zweifel, was mit den Aufgerufenen geschehen war. Am neunten Morgen das gleiche: Schlüsselrasseln, Stiefelgestampf, Vorlesen von zehn Mann oben in der Zelle — Befehle, Schüsse, Gepolter unten auf dem Gefängnishof. Auch am zehnten Morgen stand der Gardist mit gegrätschten Beinen vor eingesperrten, des Kulakentums beschuldigten, bäuerischen Menschen, einhundertneunundvierzig an der Zahl. Er las: Nikolai Jakowlewitsch Marchlewski. Ein fünfzigjähriger Mann trat vor. Stumpf, langsam, ergeben. Wenn man nicht mehr hinter seinem Pflug hergeben konnte, nicht mehr ernten durfte, was man mit eigner Hand gesät hatte, wenn die Kollektive einem doch alles wegfraß, dann schon lieber: Schluß! „Alexandra Lwowna Woroschilowa!" Eine dreißigjährige Bäuerin küßte ihren fünfjährigen Jungen, legte seine Hand in eine der vielen Hände, die sich gelobend nach ihr ausstreckten, und wankte nach vorn. Bleich, verhärmt. Aber ohne Tränen, die ihre leergeweinten Augen nicht mehr hergaben. Wieder, nachdem das Kreuz hinter dem Namen der Vorgetretenen in der Liste angebracht war, die Stimme des Gardisten: „Adolf Abramowitsch Koberski" Ein schmächtiger blasser Jüngling aus dem Menschenhaufen heraus: „Ist gestern schon aufgerufen — mein Bruderl" „Nach vorn! Daß man hört, wer redet!" Der Angeschriene gehorchte. „Wladimir Abramowitsch Koberski war gestern dran!" widersprach der Gardist fauchend. „Nicht Adolf Abramowitsch." „Stimmt auch nicht! Wladimir Abramowitsch, mein ältester Bruder, ist vorgestern aufgerufen und gestern mein zweitältester Bruder Adolf Abramowitsch." Und wie heißt du?" „Pawel Abramowitsch." „Unsinn! Der ist vorgestern erschossen. Oder gestern. Gleichgülttg, ob gestern ober vorgestern. Jedenfalls: erschossen! Nicht Adolf Abramowitsch. Sondern Pawel Abramowitsch. Da steht's. Kreuz hinter dem Namen: tot: Strich dahinter: aufrufen." „Irrtum! Adolf Abramowitsch ist tot. Ich bin Pawel Abramowitsch." „Stimmt das?" „Ja." „Du bist nicht gefragt. Sondern die — dal Hab ich mich geirrt beim Kreuzmachen? Ist das hier Pawel Abramowitsch? Antwort!!" „Ja!!" antworteten einhundertneunundvierzig Menschen — Männer, Frauen, Kinder. „Man wird die Sache untersuchen. Im übrigen — gleichgültig! Ruf ich eben Pawel Abramowitsch Koberski morgen auf. Oder übermorgen. Kommt alle dran, ihr Lumpenhunde, ans Aufgerufenwerden. Und ans andere, ihr — pfui Teufel! — Kulaken. Verlaßt euch drauf: alle ohne Ausnahme! Weiter!" Und der Gardist mit den gegrätschten Beinen las wieder Namen nach Namen; machte, wenn der Aufgerufene vortrat — als ob nichts von Belang bevorstünde — wieder Kreuz nach Kreuz in feine Liste. Einziger Unterschied gegen die beiden andern Tage: draußen auf dem Korridor wurden neun Menschen von Gewehren in Empfang genommen. Neun, statt zehn. Am nächsten Morgen stand der Gardist nicht mit gegrätschten, sondern mit zusammengerissenen Beinen in der Zelle der Einhundertvierzig. Sein höchster Vorgesetzter war als Erster eingetreten: Knebelbärtig, schmal, betreßt. Er verkündigte — vom Zentralkomitee der Partei war inzwischen die revidierte Verordnung der ursprünglichen Richtlinien über die Entkulakisierung eingegangen, welche dem wüstesten Uebereifer und der sinnlosen Ueberstürzung fanatischer Dorfsowjets zu wehren suchte — verkündigte den einhundertvierzig Todgeweihten, daß sie begnadigt feien und in ihre Dörfer zurückkehren dürsten. Da — war es Ekel über die Leichtfertigkeit, mit der man Menschenleben im Buch der Zeit ausstrich, stehen ließ? war es ein Versagen der gemarterten Nerven? war es Augenblicksirrsinn? war es all das zugleich? da sprang Adolf Abramowitsch nach vom und schrie — man wußte nicht ob heulend, ob lachend —: Ich hab gestern gelogen! Ich bin nicht Pawel Abramowitsch! Der ist erschossen! Ich bin Adolf Abramowitsch. Jawohl — alle können bezeugen — Adolf Abramowitsch Koberski." Der Gardist mit gezücktem Säbel auf den Schreienden zu. Befehle des Betteßten, Arme der Leidensgenossen verhindern, daß der Schädel eines Einundzwanzigjährigen durch die Säbelhiebe des routgrimmigen Gardisten zerspalten wird. Schneidende Vorgesetztensttmm«: „Der da bleibt hier. Als einziger. Man wird den Fall untersuchen!" Ein Gardist grinst. Drei Uniformierte gehen. Die Tür der Zelle bleibt offen. Und einhundertneununddreißig Menschen geben einem Jüngling, aus dem der Schrei feines Namens das Sprechenkönnen fortgerissen hat, die Hand zum Abschied: verlegen, kopfschüttelnd, bedauernd, meinend, tröstend. Sobald der letzte gegangen ist, schließt sich die Tür. Vor dem Einhundertvierzigsten. Als man am andern Morgen Adolf Abramowitsch Koberski auf den Gefängnishof hinunterführen wollte, daß ihm geschehe gleich den Neun- undzwanzig, von denen zwei Wladimir Abramowitsch Koberski und Pawel Abramowitsch Koberski geheißen hatten, war die Zelle teer. Wie der Schwächling das Unmögliche vermochte, die Eisenrippen des Fensters zu verbiegen — niemand hat Antwort auf diese Frage gewußt. Ebenfalls ist nicht offenbar geworden, ob Adolf Abramowitsch die Grenze erreicht, ob Mütterchen Rußland auch sein Geopfertwerden verschleierten Auges geduldet oder ihn erbarmend angesehen und in ihre Arme genommen hat. Oie Zeit geht nicht. Von Gottfried Keller. Die Zeit geht nicht, sie stehet still, wir ziehen durch sie hin: sie ist ein Karawanserei, wir sind die Pilger drin. Es blitzt ein Tropfen Morgentau im Strahl des Sonnenlichts; ein Tag kann eine Perle sein und ein Jahrhundert nicht., Es ist ein weißes Pergament die Zeit, und jeder schreibt mit seinem roten Blut daraus, bis ihn der Strom vertreibt. An dich, du wunderbare Welt, du Schönheit ohne End', auch ich schreib meinen Liebesbrief auf dieses Pergament. Froh bin ich, daß ich ausgeblüht in deinem runden Kranz; zum Dank trüb' ich die Duelle nicht und lobe deinen Glanz. Brezeln aus Niederwasier. Erzählung von Wilhelm Hausen st ein. Die abfallende Seitenstraße neben dem großelterlichen Haus war das Rechte zum Rodeln — oder, wie man dort drüben einfältiger sagt: zum Schlittenfahren. Sie kam im Bogen von der oberen Altstadt herunter und von dem großen Scheunenhaus des Großvaters dem Scheunenhaus mit dem Familienomnibus, mit den mancherlei Wagen für Menschen, Feldarbeit und Fracht, mit dem Heuboden und den Stallen, in denen die Milchkühe standen und in den guten Zeiten an die zwanzig Gäule Bon dort oben, wo schon das Reich der Geheimnisse und der Abenteuer anfing, lief die Straße, mäßig breit, zwischen dem Garten des reichen Nachbars, des Fabrikanten, und dem Seitengärtchen der Billa hin, die unser Großvater zwischen Altstadt und Vorstadt für sich und die ©einigen erbaut hatte — ein Patriarch mit weißem Bart, klugen, hellen Äugen, roten Backen, guten Humoren und mit einer erz- väterlichen Strenge, die durch eine wohllebende Vorliebe für Elf-Uhr- Frühstücke mit eigenen Forellen und französischem Champagner gemildert war ... Uns Kindern war es eine große Lust, droben, im fast schon Unbekannten hinter der Scheune, mit den niedrigen Schlitten bäuchlings anzusetzen und dann, wie im Triumph aus unwahrscheinlichen Fernen niedersaufend, am Seikengärtchen vorbeizufliegen — nicht ohne daß die schrägen Abzugsgräbchen, die über die Straße liefen, in die Höhe schleuderten wie Sprungbretter: aber dies steigerte die Pracht unserer Leistung für den Blick des zuschauenden Altvaters, der in Wasserstiefeln, die Garibaldianermütze auf dem munteren Greisenhaupt, durch den verschneiten Garten stapfte. Flogen wir endlich aus die Hauptstraße vor, die im Tal drunten den Vorstoß unserer Rodelbahn empfing, so kannten wir keine Rücksicht — weder auf uns selbst, noch auf Leute und Wagen, die auf der Hauptstraße zogen. Wir fuhren auf gut Glück, prellten an Räder, blieben heil und bekamen dort drunten den doppelten Geruch von der Arbeit des Rotgerbers und der großen Holzsäge in die Nase: den etwas widrigen Geruch der Felle, den guten der Lohe, den köstlichen der frischgeschnittenen Bretter, die schimmernd wie weißes Gold, rutschend aus der Säge sanken — eine Kaskade aus Holz. Hatten wir angehalten, und standen wir auf, um die Schlitten wieder bergan zu ziehen, so geschah es uns wohl auch, daß wir aufblickten zu den Höhen der Tannenberge, die sehr dunkel und so weiß wie das Märchen waren. Auf halber Höhe stand die Ruine des Schlosses Hornberg, und es hob unseren Stolz, zu denken, daß sie einem Anverwandten zu eigen war, mit allem drumherum .. . Dies war unsere ganz und gar feste Welt. Jenseits der Berge, die den Talgrund unseres Städtchens umgaben, war, so wußten wir, noch „Schwarzwald", und an den Festtagen fuhr die ganze Sippe, wir Kinder in der Mitte, zum Fohrenbühl hinauf, wo man schier mit einem Fuß im Badischen, dem andern im Schwäbischen stehen konnte, wenn man die Beine tüchtig spreizte, um den gelbroten und den schwarzroten Pfosten zu überholen, und wo die Base den frischesten Kaffee, das leckerste Schwirnrnend-Schrnalzgebackene mit üppig zugreifenden Händen zurichtete — denn zwanzig Eier in den Teig, das reichte noch nicht. Aber diese Ausfahrten waren das Aeußerste. Die weitere Erde war nur ein Gerücht. Immer sogleich nach dem Mittagessen, das mit dem Zwölfuhr-Läuten begann und eine breite Dauer hatte (während deren die auftragende Magd alles tun mußte, um ein Anstößen gegen den großväterlichen Sessel am oberen Tischende zu vermeiden, denn sonst gab es ein Donnerwetter, das uns freilich fast begeisterte, weil die Größe der Wirkung zur Winzigkeit der Ursache in einem aufregend-unfaßlichen Verhältnis stand) — sogleich nach dem Mittagessen also waren wir immer mit den Schlitten draußen auf unserer Bahn, und nun ging es bis an den Rand der Dämmerung. Nur daß man um drei Uhr neuen Hunger hatte. Dann lagen Bratäpfel im Kachelofen bereit; und wenn es keine Bratäpfel gab, so wallte der Kinderkaffee in einer Messingkasserolle auf dem weitläufigen Küchenherd, und auf dem gescheuerten Küchentisch standen die Ohrentassen, lagen die „Wasserwecke". Es waren langgestreckte vierteilige Weißbrote. Ich habe sie niemals wieder so gut gegessen, in aller Welt nicht wieder; sie sind mir bis auf diesen Augenblick, in dem die Zunge sich ihrer nur noch auf die Ferne erinnert, der Inbegriff des weißen Brots geblieben. Wenn es dann fünf Uhr geworden war, kehrte man zum zweitenmal ins Haus zurück; und was nun von einem echten, wüsten Bubenheißhunger verschlungen wurde, hieß „das Desperle". Da wurde alles mögliche aufgetragen: Roggenbrot mit Speck, mit Butter, Himbeergelee und Quittenmus zumeist. Nur am Samstag geschah das ganz besondere: da waren die Salzbrezeln aus Niederwasser aufgeschichtet, und um sie her waren Butter und Rahmkäse geordnet. Am Samstag, wo es die frischen Brezeln gab, wurde das Rodeln, eben um der Brezeln rxillen, sogar um eine kleine halbe Stunde eher abgebrochen. Man stürmte ins Haus zurück, setzte seinen Schlitten in den hinteren Hausflur, die blanken Beschläge nach außen kehrend; man lief auf die Stube, wechselte die Strümpfe, „schlupfte" in die warmen Pantoffeln, die von der Großmutter und den vielen Tanten aus wolligen und filzigen Streifen gefertigt waren, und sand sich endlich in der hinteren, kleinen Eß- ftube zusammen, die den Blick auf die Seite der Rodelbahn noch freigab — so daß der Ort unseres Getümmels von uns verlassen, uns noch immer ein Schauspiel blieb. Wir saßen, warteten — denn es konnte nicht angefangen werden, solange die Großmutter nicht gekommen war, um auszuteilen. Im Monat Februar war es um diese Zeit noch leidlich hell im Zimmer. Wir saßen in einem köstlichen Halblicht, in das vom Osentllrchen her feurige Streifen fielen. Es war warm, und die Wärme war die besondere Wärme, die vom Holz kommt, nicht von Kohlen. Das große Sofa an der Innenwand war mit dunkelrotem Rips bezogen, den der Tapezierer mit weihköpfigen Nägeln ausgeftiftet hatte, fo daß damit ein unschuldiges und reizendes Muster gebildet war. In der Mitte und in den gebuchteten Ecken tagen gehäkelte weiße Deckchen, lieber dem Sofa mit der geschweiften Fassung aus blankem Nußholz hingen in ovalen Rahmen Bilder aus dem Familienstand. Die Männer und die Frauen hatten die Köpfe und Trachten der Biedermeierzeit; einige schienen noch aus den Zeiten des Rheinbundes hergekommen, in denen die menschliche Haltung und Tracht auch dem inneren Schwarzwald die Zeichen des Kaiserreichs verlieh — des bonapartifchen, versteht sich. Unter dem Zeitungshalter mit der Schwarzwälder Chronik und dem demokratischen Landesblatt hing der Kalender Mit dem Lahrer hinkenden Boten. Es ist mir nie klar geworden, und ich habe wohl auch nie danach gefragt, ob die Bäcker im eigenen Städtchen keine salzigen Brezeln buken. Es war die angenommene, auf keine Weife zu erörternde Regel, daß die Brezeln aus dem nahen Dorfe Niederwaffer gebracht werden mußten. Eine alte Bötin trug sie jeden Samstag nachmittag nach vier Uhr zu. Wir paßten ihr auf. Sie nahm die Trage vom Rücken, lüftete ein rot in rot gewürfeltes Tuch und zählte in der Speisekammer die Brezeln heraus. Sonderbare Brezeln, wie ich sie nie mehr gesehen habe; sie waren nicht in die Breite gezogen, sondern in die Höhe. Zu beschreiben, rote gut sie waren, würde unmöglich sein. Denn ihre Güte gehörte zu den unbedingten Sicherheiten jener frühen Jugend, denen selbst das nur einfach beschreibende Wort, vom nachdenklichen Gemüt ins Bewußtsein gezogen, das Wesen nähme. Nein, hier bleibt nicht weiter zu urteilen. Wir aßen sie, und sie waren herrlich. Wir verschmeckten das Salz wie die jungen Geißen und Böcke. Aber dies war nicht alles. Der Brauch war mit dem Ding eins geworden, und beides, so Brauch und Ding, konnte gar nicht besser fein. Wäre es lächerlich zu gestehen, daß mir die Salzbrezeln von Niederroasser im Grunde der Erinnerung sichtbar liegen wie bedeutende Kostbarkeiten, in denen der Sinn einer Kindheit sich angesammelt und zum Gleichnis gesunden hat? Nun — ich würde es auf mich nehmen, darum lächerlich zu fein. Wahrscheinlich ist, daß die Gegenwart der Großmutter den Augenblicken die Feier — ja, das eigentlich Schwere, Verpflichtete der Sitte gab. Es ist immer wesentlich und schön, wenn Menschen zusammen um einen Tisch sitzen, der die Nahrung trägt. Als die Großmutter den Tisch regierte, war es am allerschönsten und allerwichtigsten; da mar es am gewissesten; da hatte das Natürliche eine schier geweihte Beschaffenheit, der wir uns unwissend widmeten, indem wir aßen, was wir mit der Gier junger Tiere nur in uns bringen konnten. Auch dies hatte etwas zu sagen, daß es Samstag nachmittag war, Vorabend des Sonntags. Aber am meisten lag das Wohlig-Außerordentliche dieser Abende an der Gegenwart der Großmutter. Da saß sie zwischen uns Enkeln; klein, vorn arbeitsamen Leben eingedörrt, mit einem Pergameutgesicht- chen voll von Runzeln — in denen freilich wunderbare Äugen aufgehoben waren, blaue Augen, schier veilchenblau. Wir sahen in diese Äugen, während wir kauten und uns wohl auch einen Schluck vom Most oder Rotwein erbettelten, den die Großmutter als einzige im grauen, blau gemusterten Steingutfrüglein vor sich stehen hatte und sparsam, aber freundlich mitteilte. Später ging ich in die Stube und setzte mich zum Mühlespiel. Als ich genug hatte, holte ich meine Papiere und bunte Kreiden und machte zum soundsovielten Male mir selbst die Probe zum Exempel: ich zeichnete Afrika unter der heimischen Winterlampe aus dem Gedächtnis und brachte das Blatt zur Großmutter. Sie legte es nickend zum übrigen. Denn sie besaß das nämliche Bild wohl schon im Dutzend. Verantwortlich: l)r. Hans Thvriot. — Druck und Der lag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.