Jahrgang (936 Montag, den 6. April Nummer 28 SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Das Jahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig. 3. Fortsetzung. Es geschah dann, daß die Seufzer Marias den Wind rührten, der unter dem Himmel ruhte. Und er machte sich auf und wehte von den Gärten her, so daß Maria den Lobgesang der Engel vernahm, die dort standen und schon den Herrn mit lauter Stimme priesen, den Auferstandenen. Und darum segnet der Pfarrer an diesem Tage die Elemente, den Erdkreis und die vier Winde, Feuer und Wasser, weil sie die Schmerzensmutter in ihrer schwersten Nacht erquickt und getröstet haben. Frühmorgens wird mit Stahl und Stein vor dem Kirchtor ein Feuer angezündet. Die Bauern bringen Buchenscheite in kleinen Bündeln und sengen sie in der geweihten Glut, oder auch Kienholz, sauber geschnitzt und mit dem Reifmesser zu zierlichen Bäumchen und Blumenstengeln aufgekräuselt. Man muß diese Späne in den Rauhnächten statt der Lampe brennen, um die unholden Geister abzuhalten, und die Buchenscheite stößt der Bauer in die Herdflamme, wenn ein Wetter aufzieht. Am Osterfeuer entzündet der Pfarrer auch ein dreizackiges Licht, das ein Sinnbild des Dreieinigen Gottes ist, Kraft, Wort und Geist. Es brennt das ganze Jahr über kein Licht im Haus des Herrn, das nicht von dieser Flamme ausgegangen ist. Auf mannshohem Leuchter steht die Osterkerze, schneeweiß zum Zeugnis der Unschuld des Gekreuzigten, mit fünf Nägeln und fünf Körnern Weihrauch besteckt. Denn obgleich er den Tod der Sünder starb, gebühren ihm doch Räucherwerk und göttliche Ehren. Desgleichen weiht der Pfarrer das Wasser im Taufbecken und in den Krügen der Frauen, denn, sagt der Psalmist, wie der Hirsch nach der Quelle verlangt, so mein Herz nach deinem Segen, o Gott. Der Pfarrer berührt die Fläche des Wassers minder flachen Hand, so schwebte der Geist Gottes über den Fluten. Er teilt es mit dem Finger, so gliederte Gott den Erdkreis. Und er sprengt es in alle vier Winde, damit es den Böltern das Heil bringe, wie der Meister versprochen hat: mein Joch wird süß sein und meine Bürde ist leicht. Biele haben diese Bürde getragen, und wer immer vor ihm oder nach ihm Gutes tat, der hat es in seinem Namen getan, versteht das recht. Niemand kann gut sein, außer in seinem Geist. In der Glockenstube steht David und wartet aus den Augenblick, in dem der Pfarrer seine Arme heben und das Gloria anstimmen wird. In der Wand des Turmes ist ein kleines Fenster angebracht, man sieht von der Höhe herab die festliche Schar der Gläubigen, eng in die Stühle gepreßt und noch die Gänge füllend. Man sieht die prunkvollen Gewänder am Altar im Schein der Kerzen schimmern, von Weihrauch umwölkt. Es ist noch still in der ganzen Kirche. Auf dem Chor sitzt der Lehrer an der Orgel, er hat alle Register im voraus gezogen und die Finger auf die Tasten gelegt. Die Bläser stehen bei ihren Pulten und drücken schon Luft in die geblähten Wangen, Gott gebe, daß sie noch Atem haben, wenn ihre Zeit gekommen ist! Desgleichen stehen die Sängerinnen offenen Mundes bereit und zwingen mit Mühe den ersten Ton in die Kehle zurück, die Meßbuben heben ihre Schellen hoch, und selbst draußen hinter der Friedhofsmauer warten atemlos die Böllerschützen mit rauchenden Lunten, auch sie haben die Rohre doppelt geladen, mögen sie alle zerspringen zum Ruhm des Herrn! David quetscht seine feuchte Nase gegen die Scheibe, — noch nicht! Noch immer nicht, aber jetzt! Er winkt mit der Hand hinter sich, da greifen die vier Männer hoch in die Stränge und ziehen mit Macht. Brausend erklingt die Orgel, ein hundertstimmiger Jubelschrei, ein tönender Sturmwind rauscht durch die Kirchs. Trompeten fallen schmetternd ein, die Fenster klirren vom Donner der Freudenschüsse, laut und inbrünstig steigt das große Alle- lujah zum Himmel auf. Zu keiner anderen Stunde des Jahres klingen die Glocken so herrlich und freudenvoll zusammen. Sie preisen den auferstandenen Gott, aber der Mensch ist auch auferstanden, und alle Kreatur. Ja, du schüttelst ab, was welk an dir war, deine Sorge will dir nicht mehr so groß, dein Kummer nicht mehr so unabwendbar scheinen. In deinem Garten stehst du und betrachtest den alten Kirschbaum. Im letzten Sommer brachte er nicht mehr viel, du dachtest schon daran, ihn umzuhauen, weil er nur Schatten auf deine Beete warf. Und jetzt trägt er doch wieder pralle Knospen in seiner struppigen Krone, nein, du wirst ihn noch einmal blühen lassen. Vielleicht findest du jemand in der Nachbarschaft, den du zur Kirschenzeit in deinen Garten laden kannst. Das ist mein alter Kirschbaum, wirst du dann sagen. Aus seinem Stamm willst du einmal Bretter schneiden lassen, er ist noch gut im Holz. Was für Bretter? fragt dein Gast und lacht wie ein Täubchen aus der Kehle. Wiegenbretter, antwortest du. Denn du fühlst mit einem Male wieder Mut für allerlei. Die Welt ist voll von Liebe, die Blüten färben sich bunt, Zugvögel kommen zurück, und nachts rumort der Igel unter deinem Fenster. Der Nachbar streicht die Läden neu an, im Winter hattest du einen Zwist mit dem alten Kerl, es ging hart auf hart, aber jetzt läufst du hinüber und lobst seine grasgrünen Fensterläden, und auch er ist versöhnlich gestimmt und schwatzt mit dir. Ja, er wird seiner Tochter die Botschaft ausrichten, was deine Kirschen betrifft ... Es geht die Sage, daß niemand auf Erden sterben muß, solange die Osterglocken läuten. Immer ist der Tod unterwegs, nur in dieser einen Stunde ruht er aus, im Andenken dessen, der ihn überwand. Und darum darf der Chor des Geläutes nicht wirr und regellos klingen, sondern die Stimmen müssen sich kunstvoll verschränken, und keine darf versagen. Am reinsten klingt die Frauenglocke, sie hat Silber im Erz, deshalb ist ihr Gesang so lieblich und hell unter den anderen. Die Zügenglocke schlägt schnell und hastig wie ein fieberndes Herz, breit die Wetterglocke, kraftvoll und schlicht, als spräche ein ruhiger Mensch immer dasselbe trostlose Wort. Am tiefsten aber, und langhinsummend, ist der Ton der großen Glocks, ihr riesiger Leib hängt so schwer im dreifachen Joch, daß die Kraft eines einzelnen Mannes nicht ausreicht, sie anzuläutsn. Die Wucht ihres Schwunges ist ungeheuer. Wer es versteht, das Seil im richtigen Augenblick zu fassen, der schwebt wie auf Engelsflügeln empor bis unter die Decke der Kammer. Freilich ist auch das eine Kunst, die geübt sein will. Als David es zum erstenmal versuchte, fuhr er mit beiden Beinen durch das Fenster in der Wand und erschien für einen Augenblick zu Häupten der staunenden Christengemeinde, um sogleich wieder klirrend und brüllend zu verschwinden. Viele hielten es für ein Zeichen und Wunder. Aber zuletzt nahm doch alles das gewöhnliche Ende, mit Prügeln und Püffen überall hin, wo David noch heil war. Am Ostersonntag ruft der Pfarrer den kleinen David zu sich in die Stube. David überschlägt eilig die letzten Tage im Kopf, aber er findet nichts Bedrohliches an seinem Wandel. Wegen des Meßweins kann es doch nicht (ein, wegen eines so winzigen Schluckes? Nein, es ist nicht von Meßwein die Rede, eine fremde Frau fitzt im Zimmer des Pfarrers. Sie lächelt ihm zu und reicht ihm die Hand^über den Tisch. Das ist deine Mutter, sagt der Pfarrer. So. Ja, die Mutter also. David betrachtet diese Frau erstaunt, es ist gar keine Frau. Mütter sind jedenfalls anders, sie tragen blaue Schürzen über dem oorgewölbten Leib, sie haben grobe rote Hände und müde Gesichter und dünne Zöpfe darübergesteckt, alle, die David kennt. Diese hier ist eher ein Mädchen, aber auch das nicht. Sie trägt das Haar kurz im Nacken, ihre Wangen find so sonderbar rot, auch die Lippen. Und dann ihre Strümpfe, immerfort muß David diese Strümpfe anstarren, sie sind dunkelblau und seidig glänzend wie Schlangenhaut. David? sagt die Fremde jetzt, sie zieht den Rock über die Knie und beugt sich vor, — kleiner David, nennen sie dich so? Du mußt hingehen, meint der Pfarrer. Geh zu deiner Mutter! Aber die Frau streckt wieder ihre Hand aus und berührt ihn sanft an der Schläfe, streicht nur so leichthin mit den Fingern durch sein Haar, und so lockt sie ihn langsam an sich. Ja, und dann erkennt er sie plötzlich wieder, das verschollene Bild, den Geruch, den weichen Druck ihrer Wange, die naß ist von salzigen Tränen ... David betrachtet verstohlen das Gesicht der Mutter, während sie mit dem Pfarrer spricht, sein Herz schlägt bis in die Kehle herauf vor Glück und Stolz, weil seine Mutter so schön ist, viel schöner als alle andern Mütter im Dorf. Weißt du, sagte Agnes einmal, weißt du überhaupt, wer deine Mutter ist? Nein. Eine Schlampe, die Schwester hat es gesagt! David verstand das Wort nicht, aber es mochte schon wahr sein. Eine Magd war sie vielleicht, oder sie lief mit den Zigeunern und kam nie mehr zurück. Und nun! David denkt an ein Bild, das in der Leutestube hängt, es stellt die trauernden Frauen unter dem Kreuz dar, und so wie die eine von ihnen sieht die Mutter aus, wie Magdalena zu den Füßen des Herrn. Aber sie heißt nicht Magdalena, sondern Monika Monika, sagt der Pfarrer jetzt und bleibt vor ihr stehen, dann lebst du also noch immer so, — in dieser Stadt? Ja, in der Stadt. Aber sie hat jetzt Arbeit gefunden, einen festen Platz. Seit sie aus dem Spital gekommen ist, hat sie diese Stelle in einem Wäschegeschäft. Wie denn, warst du krank? Ein wenig, sagt Monika, nur ein bißchen Husten und Müdigkeit. Nein, sagt sie nach einer Weile, ich habe es jetzt wirklich besser. Der Pfarrer sieht doch, wie gut es ihr geht, sie trägt ja seidene Strümpfe und eine winzige goldene Uhr am Handgelenk, vielleicht ist ihr Kleid ein wenig zu kurz über den Knien, aber in der Stadt trägt man die Röcke aus diese Art, auch die Damen. Der Pfarrer will das gern glauben. Aber die Dorfleute sind anderer Meinung, besonders die Frauen, und die Mägde am Brunnen. Sie laufen vom Herd weg an die Türen, während Monika durch die Straße geht, mustern sie und stemmen die Fäuste in die Hüften — ach, da ist ja das Fräulein I Gebt auf eure Männer acht, rufen sie einander zu, solange dieser Vogel in der Schenke sitzt. Ach, du lieber Gott, was war sie denn, was ist denn Großes aus ihr geworden, daß sie jetzt wieder gelaufen kommt und ihre schönen Federn spreizt? Katharina hat es ihr geradezu ins Gesicht gesagt. Denkt euch nur, sie kam einfach an das Fenster, dieses freche Stück, und fragte nach Peter, ob er denn noch im Dorf wäre und wie es ihm ginge, dies und das. Laß du meinen Peter, erklärte Katharina rund heraus. Du hast ja andere genug zur Auswahl, sagte sie. Und dann ging sie auch und konnte kein Wort mehr herausbringen. Nein, da ist niemand, der ihr wohl will. Monika dachte, daß sie nun einmal heimkäme nach so langer Zeit und ein paar freundliche Stunden hätte, einen Zuspruch in den vertrauten Stuben. Ja, den und jenen kannte sie noch, den Sohn, der mit ihr auf der Schulbank saß und der jetzt auf den Pfarrer studiert, weil er ja schon immer so war, so sanft und gescheit. Und auch den Vater kannte sie, damals war er noch nicht grau an den Schläfen, und nun ist er schon lange tot. Aber dafür gibt es Kinder, Monika hat sogar ein wenig Zuckerzeug für sie in der Handtasche, daran denkt sie schon gar nicht mehr. Sie flattert im Dorf umher wie ein verstörter Vogel und schlägt gegen die Mauern, von Blicken gescheucht, von spitzen Worten gejagt. Äch, sie hat es ja immer schwer eabt, das weiß Gott, rosig ist das Leben wohl auch jetzt nicht für nika, obwohl sie ihren Lederkosser in der Schenke stehen hat und niemandem zur Last fallen muß. Vielleicht ist es nicht so gewiß, daß sie die Stelle in dem Wäscheladen behält, oder, um die Wahrheit zu sagen, sie wird erst nach Ostern ausgenommen, wenn sie Papiere bringen kann, ein Zeugnis vom Vorstand der Gemeinde. Aber sie war noch nicht auf dem Amt, das Unglück wollte es, daß Monika am Nachmittag zur Vesper in die Kirche ging, und da verlor sie allen Mut. Sie stand abseits beim Bilde Unserer Lieben Frau, es war nicht etwa so, daß sie irgend jemand von seinem Platz verdrängte. Der-Pfarrer kniete mit zwei Knaben beim Altar und betete den Rosenkranz vor, und darum ging sie ein wenig näher, um die beiden Buben anzusehen, einer von ihnen konnte vielleicht der ihre sein. Plötzlich aber verließ Pater Johannes seinen Stuhl und trat aus sie zu. Man hörte nicht, was er sagte, Monika nahm nur hastig ihr Kleid am Hals zusammen und wandte sich ab, um fortzugehen. Sie verirrte sich auch noch zwischen den Bankreihen und stand hilflos inmitten der Leute. In diesem Augenblick ober, wie zufällig, stand die Krämerin auf, sie schob der weinenden Monika ihre Hand unter den Arm und führte sie hinaus, mit hallenden Schritten durch die ganze Kirche. Ja, so etwas konnte Agathe tun, mochte Pater Johannes immer hinterher sehen und sich seinen Bart trauen. Später saßen die beiden Frauen noch eine Weile in der Hinterstube des Kramladens, es gab Kaffee und Osterbrot dazu. Iß nur, sagte Agathe, aber heule nicht dabei, sonst machst du mir Flecken in mein Tuch! Was meinst du wohl, wie es mir ginge, wenn ich das Wasser einfach so laufen ließe wie du? Nein, laß es dir gesagt sein, wenn sie dir Steine nachschicken, dann mußt du mit Dreck zurückwerfen. Und außerdem sind die Dorfleute gar nicht so schlimm. Das ist wie bei einem Rudel Gemsen, die Herde muß beisammen bleiben, sonst geht sie zugrunde, sie hat ihre besondere Zucht und strenge Gesetze. Wenn eines von den Tieren ausbricht, dann muß es zusehen, wie es allein bestehen kann, aber zurückkehren darf es nicht mehr, dieses Tier würde sich nicht fügen wollen, und zuletzt würde es die Zucht verderben. Es liegt am Geruch, behauptet Agathe, du hast den Dorfgeruch nicht mehr, das ist der Grund. Und was den Vorstand betrifft, mit dem will ich ein Wort reden, auch mit Pater Johannes, das laß nur gut fein. Geh jetzt zum Pfarrer, sagte sie, schau dir deinen Buben an. Der ist nicht übel geraten, dein kleiner David! Darum sitzt nun Monika in der Pfarrstube und erklärt dem alten Mann vor ihr, was sie auf dem Herzen hat, und daß es ihr wirklich viel bester geht. Sie will ja gar nicht im Dorf bleiben, früher hatte sie vielleicht manchmal fo einen Gedanken, aber jetzt arbeitet sie ja an einem festen Platz. Unb bann möchte sie auch gern ben kleinen Davib mit sich in bie Stabt nehmen. Der Pfarrer wirb ihr vielleicht nicht glauben wollen, baß sie bie ganzen Jahre her immer unb immer an bas Kind dachte. Sie konnte ja nichts für David tun, aber es war dennoch ein großer Trost für sie. Der Hunger, unb bie Nächte ohne Schlaf, unb das ganze erbärmliche Leben, Elend und Schlechtigkeit, das machte am Ende doch nicht viel aus. Etwas blieb ihr auch in der schlimmsten Zeit, ein Gedanke, an dem sie sich erwärmte unb aufrichtete, unb barum konnte Monika nie völlig zugrunbe gehen. Wirklich, wenn es einmal sehr arg war, bann machte sie die Augen zu unb bachte heim in bas Dorf, vielleicht war auch bas Sünbe, aber so half sie sich. Unb es konnte geschehen, daß so ein ganz fremder Mensch plötzlich anfing, verständig mit ihr zu reden. Höre, sagte er, dann lasten wir es lieber, ich bin doch kein — ja, was war er denn mit einem Male nicht mehr? Er ließ sich von David erzählen, unb wie bas alles so gekommen mar, unb schließlich wollte er nichts zurückhaben, geh jetzt, sagte ber Mensch, kauf ihm eine Pudelmütze dafür! Später traf sie den Mann wieder, er fuhr morgens für eine Bäckerei mit dem Lieferwagen in die Vorstädte. Manchmal gab er ihr Geld unb schickte sie ins Bett, aber sie hatte gar kein Bett, bas wußte er nicht. Du bist ja boch ein Suber, sagte er. Dann kam der Winter, Monika lag im Armenspital, und als sie wieder aufstehen konnte, half sie noch ein wenig in der Küche. Gott fügte es, und die Liebe Frau half dazu, daß der fremde Mensch auch für dieses Spital das Brot brachte, so fand sie ihn wieder. Ich suche dich schon die ganze Zeit, sagte er. Das hätte ich mir ja denken können, wo du hingeraten bist, verflucht noch einmal! Aber Gott sei Dank, es war nicht das, was er meinte, nur eine Erkältung, nichts Schlimmeres. Also gut, er hatte eine Stelle für sie gefunden. Du gehst einfach hin, erklärte er, und sagst, ich hätte dich geschickt, der Karl. Ja, das tat sie bann, unb seit acht Tagen wohnt sie auch bei feiner Mutter, und weiter ist da nichts geschehen, nein, durchaus nicht. Ader nun könnte Monika recht gut ben kleinen Davib bei sich haben, er ginge in ber Stabt zur Schule unb hülfe ber alten Frau ein wenig bei der Wäsche, und alles hätte doch einen besseren Sinn und einen Halt, wenn David da wäre. Das meint auch Karl, fahr einmal hin, sagte er, und bring die Kröte mit. Er hat so eine Art zu reden. Ja, sagt der Pfarrer und legt die ganze Sache umständlich mit feinen Händen zurecht, das alles müßte nun überdacht werden, das ist schon recht, wenn du selbst für das Kind sorgen willst. Was meinst du, David, möchtest du das: mit deiner Mutter gehen, in die große Stadt? David weiß nicht, was er möchte. Die Mutter hat den nackten Arm um feinen Hals gelegt, seine Schulter lehnt an ihrer atmenden Brust. Er drängt sich mit süßem Schauern in diese Berührung, und zugleich peinigt ihn eine heiße Scham, weil es heimlich geschieht, der Atem vergeht ihm vor Seligkeit und Angst. Nein, David, weiß nicht, ob er gern mit der Mutter gehen möchte. Wahrscheinlich muß er es ja tun, wenn der Pfarrer so fragt, aber dann ist es mehr, als er jetzt begreifen kann. David ist im Dorf aufgewachsen, diese ganze vielfältige Welt ist ihm bis in sein Blut oertraut geworden, er kann nichts anderes denken. Die Mutter, ja. Allein im Grunde ist auch sie ihm fremd, nur eine verwirrende Erscheinung, die ihn dunkel beglückt unb bebrängt. Es ist nichts Wirkliches, bentt Davib, bas vergeht alles roleber. Und darum läßt er es ruhig geschehen, daß ihn Monika an der Hand saßt und zur Krämerin führt. Dort, im dunklen Laden, fallen die beiden Frauen über ihn her, er hat keinen ganzen Faden auf dem Leibe, der arme Kerl. Sie ziehen ihn aus und streifen ihm ein frisches Hemd über den Kops, zuerst mühte man ihn ja in ein Schaff mit heißer Lauge setzen, meint Agathe, aber da wäre kein Ende, so lang könnte der Postwagen nicht warten. David muß in neue Hosen steigen und in Röcke schlüpfen, die werden ihm bis zum Hals zugeknöpft und wieder vom Leib gezerrt, keiner will passen. David hat zu lange Arme, fo etwas Unsinniges an Knochen ist der Krämerin noch nicht vorgekommen. Wo andere Kinder die Hände haben, beginnen bei ihm erst die Ellbogen, und dafür hat er vorne rein gar nichts, um den Bauch herum. Zuletzt wird ihm noch ein spitzer Strohhut auf den Schopf gestülpt, und nun sieh ihn einmal an, Monika, du erkennst ihn nicht wieder! Auch David steht vor dem Spiegel, wirr und benommen, und sieht sich selbst von weitem wie ein sonderbares Gespenst. Das neue Zeug juckt und schneidet ihn ins Fleisch, und die Schuhe tun ihm unbeschreiblich weh. Manchmal würgt ihn das Weinen im Hals, aber er schluckt es hinunter, David schweigt und wartet. Vor dem Hause scharren schon die Pferde, Monika stopft noch das letzte in den Koffer, den Hut, den Schirm, und nun vorwärts, in Gottes Namen! Das Kind wird neben dem Kutscher auf dem Bocke sitzen, weil Monika den Pferdegeruch nicht oerträgt, und überdies muß sie noch einmal mit Agathe in bas Haus zurück, sie hat ihren Schal vergessen, Gott weiß wo. Davib hockt inbessen allein auf bem Wagen, währenb der Kutscher bie Zügel einhängt. Er sieht bie breiten Rücken ber Gäule vor sich, bie Straße weit hinaus, bie ungewisse Ferne im Zwielicht bes Abenbs. Auch bas Dorf sieht er, bie vertrauten Gesichter ber Häuser unb ben Kirchturm bahinter gleich einem roarnenben Finger. Unb plötzlich wird er gewahr, daß ja alles schon hinter ihm liegt, ber Pfarrhof unb das Armenhaus, o Gott, unb bie Dorfleute auf bem Platz, bie soll er nun für immer verlassen. Ja, plötzlich fällt ben kleinen Davib ein wilber Schrecken an, er springt vom Wagen unb läuft bavon. Hinter sich hört er Geschrei unb Gelächter, bas jagt ihn weiter burch bas ganze Dorf, er rennt in ben Turm unb klettert hinauf, immer höher, bis zur letzten Fahnenluke unter bem Knauf. Hier sitzt er nun unb keucht unb starrt burch das Loch auf die Straße hinunter. Nein, flüstert er zornig, nein, und nein! Wenn sie kommen, wird er einfach bie Luke weit aufreißen unb auf bie Gräber hinunterspringen. Aber niemanb kommt. David sieht bie Mutter gegen bie Kirche laufen, bie Krämerin holt sie ein unb steht eine Weile bei ihr auf bem Platz. Langsam unb zögernb geht bie Mutter roieber zum Wagen zurück. Einen Augenblick später ziehen bie Pferbe an, unb bas Gefährt oer- schwinbet im Staub. Lange schaut ihm Davib nach, er ist mit einem Male so mübe und so ausgeleert in seinem Innern, von einer unbegreiflichen Wehmut bedrückt. Er hat wieder die Mutter vor Augen, wie sie so langsam fortging und sich umsah und die Krämerin mit der Hand abwehrte, — kommt er denn wirklich nicht mehr zurück? dachte sie wohl. Später findet er auch noch seinen neuen Hut auf der Stiege, er betrachtet ihn kummervoll und biegt ihn zurecht unb setzt ihn roieber auf. Bittere Reue überkommt ihn von neuem, er muß eine Welle im Dunkeln auf ben Stufen sitzen unb von Herzen meinen, weil er so schlecht ist, so treulos, unb well ihn bie Mutter nun gewiß für immer verstoßen wirb. (Fortsetzung folgt.) Abendlied. Von Christian Günther. Der Feierabend ist gemacht, Die Arbeit schläft, der Traum erwacht. Die Sonne führt die Pferde trinken; Der Erdkreis wandert zu der Ruh! Die Nacht drückt ihm die Augen zu, Oie schon dem süßen Schlafe winken. Mein Abendopfer ist ein Lied, Das dir zu danken sich bemüht. Die Brust entzündet Andachtskerzen; Gefällt dir dieser Brandaltar, So mache die Verheißung wahr: Gott heilet die zerschlagnen Herzen. Du Geist der Wahrheit, breite dich Mit deinen Gaben über mich! Dein Wort sei meines Fußes Leuchte! Vergönne mir dein Gnadenlicht Auf meinen Wegen, daß ich nicht Mir selber zur Verdammnis leuchte. Das müde Haupt sinkt auf den Pfühl, Doch, wo ich ruhig schlafen will, 5o muh ich deinen Engel bitten; Der kann durch seine starke Wacht Mich vor dem Ungetüm der Nacht Um meine Lagerstatt behüten. Soll mir der Pfühl ein Leichenstein, Der Schlaf ein Schlaf zum Tode sein, Ja, soll das Bette mich begraben, So laß den Leichnam in der Gruft, Bis ihn die letzte Stimme ruft. Den Geist im Himmel Frieden haben. Es ist ein Markt in Steier... Von Hans Kloepfer. „..5 ist ein Markt in Steier, der hebt, wie billig, an mit Kirche und Schulhaus über der Brücke im Tal und steigt an sonniger Lehne breit und behaglich hügelan zum obersten Platz, wo die Linden stehen und unicrm Tor der Gasthöfe die dicken Fleischerhunde in der Sonne schlafen. Und Halbwegs am Hange, gerade noch nahe genug dem Rauschen des Wehres drunten und dem Lohgeruch vom wassernahen Gerberanger, sieht ein Haus mit Blumen am Zaun und Hof und Stall und Garten dahinter. Wer da eintritt ins steinkühle Vorhaus, den grüßen zwei liebe braune Augen, und eh' er fich's versehen, sitzt er im Polsterstuhl vor gelbem Maisbrot und goldklarem Birnmost und steht geruhig durchs Fenster auf die heiße Sttahe, darauf der Werktag gemächlich seiner Wege geht. Wer aber dies Haus von der Wiege aus entdeckt oder erlebt hat an ttaulicher Mutterhand, unterm stahlblauen Schwabenblick des Vaters, dem lebt's noch heute in Herz und Sinn, mit der leise knarrenden Küchentür und den an der Wachsleinwand klebenden Gläsern auf der Kommode. Da saß man vergnüglich zwischen zwei Welten. Vor dem Ziergärtlein die Straße mit Fuhrwerk und fahrendem Volk, und nach hinten hinaus der Kuhstall mit dem glitschenden Saugkalb und im engen Gang die Schweine in ewiger Dunkelhaft. Und Heuboden und Streuhütte und Wügenschupfen und die Zeugkammer mit hundert Geräten zu Zweck und Ziel im Jahrlauf der Arbeit, daß man zu schauen und zu versuchen nicht müde wird. Wie köstlich lang ist solch ein Kindertag! Und randvoll von farbigen Bildern und kleinen Erlebnissen, an deren Statt wir später zwischen verbrauchten Begriffen und verstaubten Gedankenhecken dahinstolpern. Kaum hatten die Novembernebel die letzten Hirtenfeuer gelöscht, so lag die Welt eines Morgens in schimmerndem Weiß vor den Fenstern. Und immer noch fielen die Flocken, still und schwer, daß Zaun und Garten darunter zu versinken drohten. Immer höher schichtete sich die weiße Last, aus der die Häuser und der ferne Wald so seltsam scharf und nahe standen. Und eines trüben Wintermorgens kam er herangepflügt, der sagenhafte, ungeheure Schneepflug, von zwölf dampsenden Hengsten gezogen, mit Klingelpracht und scharfem Peitschenknall, gesteuert von einem Trupp Hirten, dem schwarzen Mothes, einem Nickelmann mit bleckender Hasenscharte, dem windischen Greger, dem langen Vierspänner. Gut zwei Schuh hoch waren die schweren Bohlenwände und ein paar Klafter weit spannte er die Flügel. Zu hohen Wogen schob er den Schnee zur Seite, gleichmütig und stumm wie das Schicksal. In seinem Bug saßen auf den Querspanten pelzmützige Schneemänner mit Schaufel und Krampen, und wer noch sonst gerade Zeit und Lust hatte, wie der alte Medaillenveteran Pechtl im verschlissenen Soldatenmantel von anno nunundfünfzig. Und dahinter wie die Schwalben am Telegraphendraht, die Kufen entlang die Jugend des Marktes. Und aus jedem Hause ward die Fracht um ein Bubenqewichtlein schwerer, bis der Kampf ums Dasein wieder ein paar Unbescheidene abgedrängt. (Damit war der Winter eingezogen und glitt auf blanken Schlitten- kufen durch die Wochen, vom Weihnachtsabend und seinem stillen Lichterschein überglänzt. Dann lag nach fauchenden Taunächten eines Morgens die Welt s wieder blitzblank im spiegelnden Sonnenschein, und eh' man's gewahrt, war Ostern da mit den düster glühenden Gruftbogen des heiligen Grabes, im Posaunenprunk und Goldbrokat der Auferstehung, im Stuckgeschütz der Böller und den roten Osterfeuern ringsum durch die schwarze Frühlingsnacht. Und immer wieder darauf der köstliche Werktag mit hundert Aufgaben und sinnvoller Hantierung in Hof und Stall und Feld und Wald und Wiese. Doch zuzeiten tat sich im Garten froher Genügsamkeit ein Törlein auf und die weite Welt fuhr durch den Markt. Eine „Menagerie" ward hügelan gefahren in streng verschlossenen Wagen, baute ihr "langes Zelt ins Lindengrün des Platzes und lud mit großartiger Geste zum Besuche. Zwei Kreuzer mußten wir jedes in die Schule bringen und zogen bann paarweise vom untern Markt den Wundern einer fremden Welt entgegen ins geheimnisvolle Dämmer des Plachenzeltes. Da roch's vorerst übel nach Hyänendreck und Fuchsharn. Und allerlei Getier war zu sehen. Außenseiter des bürgerlichen Lebens, „dritte Garnitur", wie unsere originelle Zeit heute sagen würde. Ein ruheloses Gleiten und Wandern, ein ewiges Aus-der-Ecke-springen, ein Fauchen und Jaulen der geschändeten Freiheit. Uebellaunig kauerte eine schwarze Katze im Hintergründe einer finsteren Kiste, „der Silberlöwe oder Puma aus Westindien". Eine blinde Hyäne hatte sich im ewigen Winden das Haupt am Gitter kahl gescheuert. Ein fahlzottiger Bär bettelte mit klappernden Tatzen aufrecht um Brot und Zucker. In einer Kiste lag unter Decken vergraben das Gliederknäuel einer mäßigen Riesenschlange. Und als ob er's ihr zur Wahl gestellt, versicherte der Mann im Fez mit dem spanischen Staberl — das einzige, das wir bisher aus dem Morgenlande kennengelernt — sie sei lieber ein Jahr ohne Nahrung als ein Tag ohne Wärme. Der sprach überhaupt so knapp und sicher vom Sündenregister all der fremden Tiere, als ob er sie selbst gefangen hätte. Uns schauderte gelinde die Haut. Doch all der heimliche Respekt fand vor dem Affenkäfig seine fröhliche Lösung. Wie scharfäugig und flink waren sie in ihrer geschäftigen Würdelosigkeit, wie schwerelos in Schwung und Sprung — und wie schamlos. Denn als einer dem gaffenden Hubmann-Pepperl den Filzkegel vom Strohkopf zog und ihn, übel besudelt, gelassen wieder durchs Gitter reichte, da gab’s helles Gelächter im Kreise und haltloses Weinen des Geschändeten. Doch noch war's des Geheimnisvollen nicht genug. Denn nachmittags um vier Uhr, „nach der Fütterung der Raubtiere", sollte ein „Wilder" vor den Augen des geehrten Publikums eine lebendige Taube verzehren. Und das war ihm zuzutrauen, denn es ging das Gerücht daheim, weiß Gott wo sollte er Abgötterei und Menschenfraß getrieben haben. Da durften und wollten wir nicht dabei sein. Aber unsere Kinderfinger streiften in scheuer Andacht vorsichtig die schokoladebraune Gänsehaut des Südseeinsulaners. Wieder folgten auf die Schauer der Wildnis Wochen goldenen Erntesegens um Rain und Feld. Und eines Morgens stand ein „Panorama" am Platze, von einer schmucküberladenen Matrone unter glitzernden Perlenkörbchen hoheitsooll gehütet. Schon der umfassende Name lockte, und aus der kreischenden Drehorgel brach's immer wie „Panorama, Panorama". — Es war über die Maßen großartig. Und was gab’s drinnen erst zu trinken für die durstigen Kinderaugen! Da erschlossen die blanken Linsenpaare in den Gradlwänden uns zum ersten Mal das stereoskopische Sehen, so leuchtend, so tief körperhaft, daß man sich nur zögernd verdrängen ließ. „Das Gastmahl der Toten" war ein schauerliches Bankett von Gerippen, die in stummer Bewegung aus giftgrünen und glutroten Augenhöhlen unter nackten Schädeln entgegengrinsten. „Die Christenverfolgung in Konstantinopel" zeigte einen ungeheuren Platz, von Moscheen und Palästen umsäumt, darüber tiefblau den wolkenlosen Himmel des Orients. Und über den weiten Platz hin die fliehenden Christen von grimmigen Muselmanen eingeholt und niedergesäbelt. Schon lagen ihrer viele dahingestreckt, unter jedem gewissenhaft seine Blutlache. Und dazu dudelte das Werkel so flötenmild den alten, köstlichen italienischen Walzer „il Bacio" (Der Kuß), der so gut zum wolkenlosen Firmament und so wenig zu den blutigen Szenen stimmte. Und heute noch, wenn mir der Frühling die alte Werkelmelodie ans Ohr weht, seh' ich den weiten Platz mit den bösen Türken und den, ach, so frommen Christen. — Und wieder tarnen Wochen und Monate sorgloser Freiheit und ttaulicher Erdnähe. Der Austrieb zur Weide, frühmorgens, wenn die Hafen aus dem taufrischen Klee sprangen, die Hirtenfeuer am Rain, darin Erdäpfel und Birnen brieten, bis zum stillen Apfelfall im aufziehenden Mond. Bis diese ganz glückselige Welt vor den Toren des Gymnasiums ihr Ende fand. Heimweh — der Kulturmensch lächelt wohl darüber; aber das Naturkind packt's mit stiller, tiefer Gewalt, die fast über alle Kraft geht. Welch bittrer Weg von freier Halde bis hinauf zum dritten Stock des Johanneshofes in der Villefortgaffe zu Graz! Und wenn man am fpätherbstklaren Sonntagnachmittag von der Buchkogelwarte gegen Süden spähte, hin nach dem blauen Radl, wo die Mutter im Gärtlein für den Studenten nähte, wo sie am nächsten Morgen vielleicht froh aus- gezogen zur „Türkenschlacht", bis sich die Maiskolben häuften zum jährlichen Abendfeste des „Woazschälens" — bann war's nicht zu verstehen, wie ba brunten die Menschen so glücklich fein durften, und man wanderte der steinernen Stadt zu mit einem Herzen so schwer wie ich's seither nicht mehr getragen. Daran denk' ich noch heute. Un>> durch all die Wirrsal unserer Tage tönt's zu Zeiten wie ein verlorenes Kinderlied: Es ist ein Markt in Steier. — Altassyrisch. Bon Viktor von Scheffel. Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da trank ein Mann drei Tag, Bis daß er steif wie ein Besenstiel Am Marmortische lag. Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da sprach der Wirt: „Halt an! Der trinkt von meinem Dattelsast Mehr als er zahlen kann." Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da bracht' der Kellner Schar In Keilschrift auf sechs Ziegelstein Dem Gast die Rechnung dar. Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da sprach der Gast: „O weh! Mein bares Geld ging alles daraus Im Lamm zu Ninive!" Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da schlug die Uhr halb vier. Da warf der Hausknecht aus Nubieriand Den Fremden vor die Tür. Im schwarzen Walfisch zu Askalon Wird kein Prophet geehrt, Und wer vergnügt dort leben will, Zahlt bar, was er verzehrt. Oie blonde Alma. Eine heitere Geschichte von Eugen Ortner. Ein paar zufällige Bemerkungen, die Herr Kögel am Stammtisch über das schwache Geschlecht gemacht hatte, brachten ihn in den Ruf eines Frauenkenners. Besonders die Aeuherung „man muß eine Frau immer in Spannung halten, will man sie behalten", kreiste seit Tagen wie ein ewiges Wort in der Runde. Herrn Kögels Selbstbewußtsetn stieg bedeutend. Er quittierte lächelnd die schwärmerischen Blicke, die das Biermädchen aus ihn warf, steckte sich eine dicke Zigarre an und ließ die wasserblauen Augen gelangweilt über die Köpfe seiner Kumpane nach anderen Weiblichkeiten schweisen, die da und dort in den Ecken saßen. „Du wirst ein Lebemann!" sagte sein Freund Heller und klopfte ihm auf die Schulter. Herr Kögel war eher alles andere. Er dachte an die kleine Gusti, die seit drei Jahren seine Freundin war, die er eines Tages heiraten wollte. Aber seit einiger Zeit vermeinte er, ihr mißtrauen zu müssen. Ja, es war wirklich abscheulich, hier bei einem Glas Bier und einer guten Zigarre zu sitzen und beständig in solcher Unruhe zu sein! Das war leicht gesagt: Die Frauen in Spannung! Wenn die Freunde wüßten, wie ihm zumute war! Herr Kögel biß mißmutig in seine Zigarre. — Die kleine Gusti bemerkte die leise Veränderung im Benehmen ihres Freundes, aber sie war viel zu klug, sogleich darauf einzugehen. Im Gegenteil, sie benahm sich aufgeräumter als sonst, scherzte und lachte, daß Herr Kögel der Verzweiflung nahe war. Dann kam sie auf das erprobte Rezept, ihren Freund etwas hängen zu lassen. Zuletzt führte sie einen jungen Mann in eifrigem Gespräch an dem kleinen Laden vorbei, hinter dessen verhängten Scheiben Herr Kögel seine Zigarren verkaufte. Nun wird er bestimmt am Abend mit einer Tüte Kognakbohnen zu ihr kommen, und alles wird wieder gut sein. Aber die kleine Gusti hatte sich diesmal verrechnet. Herr Kögel kam nicht, und als sie bei ihm anklingelte, lieh er sich verleugnen. In Wirklichkeit lag er auf dem Divan und qualmte, schnaubte und qualmte. Nun wollte er endlich ein ganzer Mann sein, ein ganzer Lebemann! Nun wollte er dieser Gusti einmal zeigen, daß er ein Frauenkenner war! Demütigen wollte er sie bis zum letzten, ja, das wollte er! ... Und er sah vor sich eine große blonde Frau, so hübsch und elegant, daß er sich selbst schon darum beneidete. Die kleine Gusti wollte indessen wieder einlenken, aber am nächsten Sonntag war Herr Kögel plötzlich verhindert. Er mußte „zu einem gewissen Tee". Am Montag sodann ging er ganz gegen seine Gewohnheit „mit Bekannten" ins Kino. Am Mittwoch, Donnerstag und Freitag hatte er „dringende Geschäfte". Die kleine Gusti geriet außer sich. Am Samstag, als sie zermürbt und verzweiselt gegen Ladenschluß bei ihrem Freund eintrat, schien er gerade zu telephonieren. „... Für Fräulein Alma!" Das glaubte sie noch zu hören. „Du bist es!" sagte er gelangweilt und drehte sich um. „Max?" Sie blickte ihn bittend an. „Ich stehe zu Diensten!" sagte er kühl. „Wer ist diese Alma?" fragte Gusti, und Tränen der Eifersucht standen ihr in den Augen. fierr Kögel triumphierte! So also mußte man den Frauen kommen! „Diese Alma ist... er unterbrach sich und tat verlegen. „Ach was! Eine A ma eben! Ich kann ja auch sonst noch Verpflichtungen haben, die Welt ist groß! „Du hast mir in den drei Jahren unserer Freundschaft noch nie etwas von einer Alma erzählt!" fuhr Gusti gereizt fort. „Denke dir also, sie existiert nur in meiner Phantasie!" erwiderte Herr Kogel und lachte ironisch. Aber Gusti sah die Rivalin schon vor sich, groß und blond, wie all die Frauen waren, denen Herr Kögel manchmal nachschaute. Am liebsten hätte sie dieser Alma sofort das Gesicht zerkratzt, so empört war sie. Es gelang ihr am Abend, obgleich ihr Herz traurig war, den Freund in einen leichten Schwips zu versetzen. Er wurde sehr gesprächig, renommierte, was er für ein Kerl wäre, und wie er erst jetzt anfinge, seine Fähigkeiten ganz zu erkennen! Wie er sich fühlte! „Sie ist wohl sehr schön, deine Alma?" fragte nun Gusti mit umflorter Stimme. Und Herr Kögel schilderte die fremde Frau. Er schilderte sie, wie ein Dichter seine Venus besingt, schilderte ihre herrliche Gestalt und ihr rotblondes Haar, den leichten Schritt der langen Beine, die weichen, schmiegsamen Arme, die runden Schultern und Hüften, zuletzt die feurigen Augen und die kirschroten Lippen. „Und wer ist sie?" fragte nun Gusti mit hastiger Stimme und starrte ihren Max durchbohrend an. l|nb er schrieb, als hätte ihm ein Teufel die Hand geführt, aus eine Papierserviette, die vor ihm lag, in runden Zügen die drei Worte: Alma Meier, Westend. „Ich werde euch kommen!" dachte Gusti und steckte das Papier ein. — Herr Kögel erhielt nach drei Tagen einen Brief, der folgendermaßen lautete: „Sehr geehrter Herr. Ich muß Sie sofort sprechen. Rufen Sie nach Empfang dieses Briefes die Telephonnummer 5554 an. Alles weitere mündlich. Alma Meier, Westend, Lindenallee 8." Herr Kögel war wie vom Schlag gerührt. Er besah den Brief von vorn und hinten, folgte den flotten Linien der Schrift, hielt den Bogen gegen das Licht und folgte den Wasserzeichen, die geheimnisvoll auf dem Papier leuchteten ... „Alma Meier, Westend!" Sie war also wirklich! Mit einem „ei" zwar — aber sie existierte! Wie war das möglich? Maier, Meier, Mayer, Meyer! Mein Gott! Herr Kögel rannte wie irr in seinem Laden herum. Dann ging er ans Telephon, aber irgend etwas riß seinen Arm zurück. Nein! Er ließ sich nicht zum Narren halten! Den Brief hatte ihm jemand zum Spott geschickt! Diese Alma existierte gar nicht, weder mit „ai" noch mit „ei"! Das wußte er selbst am besten. Sie war ja ein Produkt feiner Phantasie! Hahaha! Und er lachte und bediente weiter seine Kunden mit Zigarren und Zigaretten. Gegen elf Uhr kam Gusti zu ihm ins Geschäft: „Da ist ein Photo, das dich interessieren wird!" Und sie legte das Bild einer großen, blonden Frau, die sehr hübsch war, Herrn Kögel unter die Nase. „Alma Meier!" so fuhr es ihm gleich wieder durch den Kopf. „Sie ist es!" hauchte er tonlos. „Ja, sie ist es! Und mit mir ist es, aus!" erwiderte Gusti mit bebender Stimme und rannte davon. Was war denn geschehen? Herr Kögel konnte vor Aufregung nicht einmal seine Felix Brasil zu Ende rauchen. Er betrachtete das Bild. Merkwürdig! Haargenau so hatte er sich seine Alma auch immer vorgestellt. Und nun war sie da — leibhaftig abphotographiert! Er spürte ein Drehen in seinem Kopf. Die ganze Welt kam ihm plötzlich wie ein Gespensterkabinett vor, und er blickte in Tiefen, in die er noch nie geschaut hatte. Er schloß seinen Laden und rannte durch die Straßen. Es war Mittag. Er ging an den Stammtisch, aber essen konnte er nichts. Dann saß er wieder in seinem Geschäft und starrte aus das Bild, solange bis ihm die Augen übergingen und die Gestalt der Alma Meier wiederum in nichts zerfloß ... Aber gegen Abend erschien eine große Blondine mit zwei massiven Herren. „Sie sind Herr Kögel", sagte der eine Mann mit drohender Stimme. „Ich bin es!" sagte Herr Kögel und erblaßte. „Warum rufen Sie mich nicht an?" schmetterte nun die Blondine los. „Sie hätten doch allen Grund, ihre blödsinnigen Behauptungen endlich richtig zu stellen. Sie Frauenquäler!" „Es ist ein Irrtum! Ich kenne Sie gar nicht!" stotterte Herr Kögel und hob abwehrend die Hände. „Was heißt Irrtum! Ich bin Alma Meier und wohne Westend, Lindenallee 8. Wie kommen Sie dazu, mich zu Ihrer Geliebten zu machen?" „Es war eine Verwechslung!" flehte Herr Kögel. „Was heißt Verwechslung, wenn Sie mich Ihrer Freundin von Kopf bis Fuß beschrieben haben. Sie indiskreter Patron!" schrie Alma. „Es war Phantasie!" wimmerte Herr Kögel.' „Dann suchen Sie sich für Ihre Phantasie gefälligst andere Objekte aus!" fauchte Alma. „Teufelei, Hexerei!" ächzte Herr Kögel ganz außer sich und meinte verrückt zu werden. „Glaubst du mir nun?" fragte Alma Meier den zweiten Mann, der sie begleitete. ,Zch glaube dir!" sagte er lochend und legte den Arm verliebt um ihre Schulter. „Laß dir dein Bild wiedergeben", sagte nun der erste Mann und deutete auf Almas Photographie, die noch auf dem Ladentisch lag. „Er mag sie behalten zum ewigen Andenken!" sagte Alma und lachte gefallsüchtig. Die drei gingen davon. „Weißt du", sagte Gusti ein paar Tage später, als Herr Kögel sich etwas erholt hatte, „der junge Mann, auf den du neulich so eifersüchtig warst, ist ein alter Bekannter von mir. Er arbeitet in einem Auskunftsbüro. Ich habe ihm vor drei Tagen aufgetragen, nach einer Alma Meier im Westend zu forschen!" „Und er hat sie gefunden!" flüsterte Herr Kögel und lehnte sich schauervoll an seine Gusti. „Die Welt ist klein", sagte diese, „aber für zwei, die sich lieben, ist immer noch Platz genug." Und sie nahm Almas Photographie und zerriß sie vor den Äugen ihres Freundes in vier gleiche Teile. Verantwortlich: vr.Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl'lche Univerfttäts.Buch, und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.