Gietzener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1936 Zreitag, den 6. März ^lummeNY Klang. . .. t Steyer nickte. Erst nach geraumer Zeit sagte er: „Heute nacht, erfuhr ich, hat Glahn hier nach m>r gefragt. Er soll Fehl erregt gewesen sein. Aufgeregt, nannte es der Nachtportier Glahn hat den Leuten gegenüber geäußert, als er erfuhr, td) Jet wohlbehalten im Hotel, er habe mich nicht wiederfinden können. Ich habe dann tm Dorf nachqefragt. Tatsächlich hat er zwei Leute geholt, und ste sind mit Stangen und Leitern in das Moor gezogen. Aber wann mag das ge- ffchehen sein? Mir sind die Leute nicht begegnet! Und wo mögen sie auf Glahns Hinweise gesucht haben?" , . Frau v. Blinkburg hob den Kops mit einem Ruck. „Sie wissen nun, daß Sie einen Feind haben! „Ersieh? so aus", meinte er nachdenklich. „Aber ich frage mich: warum ist Glahn mein Feind?" , Ihre Blicke trafen sich und hielten einander. Keiner wich aus. Ihre ^^Da"s?Ehier'z'u'sagen war, ließ sich nicht in die Worte des Alltags «leiden, und das Pathos lag ihnen beiden nicht. Als die Pause druckend wurde unter den schweren Gedanken, sagte Frau v. Blinkburg. „Aber wenn Glahn den Geschäftsführer tötete — und nur das wäre lein Schlüssel zu diesem Verbrechen, das er mit Ihnen plante —, wenn «Glahn im Streit oder überlegt den Mord °n Alwien beging, warum «meldete er dann selber den schrecklichen Fund. Steyer sagte bedächtig, und der Satz stand vorgedacht schon lange fccvcitt „Er konnte den Hund nicht loswerden, vermute ich." Sie sahen sich noch immer groß an; ste waren einander nahe; es sfehlte vielleicht nur, daß einer den Mut aufbrachte und des anderen Iflanb ergriff, und die Szene hätte eine vollständige Wandlung, ,a Um- Ikehrung erfahren. Nicht mehr der Kriminalfall wäre das Wichtige gewesen, sondern etwas anderes, das zwischen ihnen stand, und für das sie weide das Wort ahnten, aber nicht wußten. Liebe. Was ist Liebe. Ein Wort, das den Begriff verstellt und den Sinn für leben tm freien «Ermessen läßt. Meinten sie beide dasselbe, wenn sie Liebe dachten k Herr Steyer", sprach Frau v. Blinkburg, und ihre Lippen formten wie "Bitte nur mühsam, „geben Sie es auf. Forschen Sie nicht langer !dem Tode Alwiens nach. Ich bitte Sie!" Steyer schüttelte den Kopf. „Nein", entgegnete er laut, „ich gebe nicht auf. Nun nicht wehr. Leuchtenden Äuges sah er sie an. Und es waren da gerade ihre kleinen zarten Hände dicht vor ihm; er beugte sich herab und küßte die Figur. Cs lag gar kein äußerer Anlaß vor, so zu handeln. Frau v. Blinkburg sah auf seinen geneigten Kopf.. Ihr Herz war sschwer; sie war nicht leicht veranlagt; aber in dieser M-n..te tat es töricht und beschwert ein paar springende Takte mehr. Was ist Liebe? Sie bewunderte ihn. , _. r Frauen lassen ihre Bewunderung leicht Liebe werden. 7. „Liebe gnädige Frau! Es ist sehr leicht möglich, daß Ihr Wunsch, weiteres über den Verlauf meiner Untersuchung zu erfahren, nur in meiner Einbildung besteht. Dann legen Sie, bitte, diese Zeilen ungelesen beiseite. Sie bringen nichts, als den Bericht über meinen Besuch bei Professor Pfenningshof Sollte Sie aber die Entwicklung des tragischen Falles, den wir gemeinsam hier erleben mußten, doch interessieren, dann wird dieser kleine Bries Ihnen wesentliche Aufschlüsse geben. Nämlich die, daß wU nichts wissen, und nun vollkommen im Dunkel herumtappen, obgleich uns nach Glahns Attentat auf mich schon die Spur gefunden schien. Ich schreibe Ihnen diese Zellen auf dem Bahnhof. In einer halben Stunde geht der Zug nach Hamburg; Sie werden, wenn Sie alles gelesen haben, verstehen, daß ich noch diesen Spätzug nehmen muh. Ich bedauere nur eines, daß ich nicht persönlich diesen Bericht erstatten kann, daß es mir nicht vergönnt ist, Ihnen gegenüber zu sitzen und Sie anzusehen. Wie lange Zeit hätte ich Sie mit dieser Erzählung mir gegenüber im Sessel sesthalten können... Daß ich zu dem Prosessor noch einmal gehen würde, lag auf der Hand. Wenn überhaupt etwas über den Pächter Glahn zu erfahren war, würde es nur der Professor fein der brauchbare Auskunst geben konnte. Er mußte seinen Nachbarn, den'er noch dazu als Schwiegersohn anzusehen bereit gewesen wäre, gut kennen Ob ich seine wahre Meinung erfahren würde, war freilich eine andere Frage. Aber ich entschloß mich zu dem Versuch Wie ich es diesmal anstellen sollte, bis zu dem alten Herrn vorzu- bringen, wußte ich nicht recht. Ich verließ mich auf mein gutes Gluck. Unb bas war biesmal richtig. Denn als ich auf ben Hof tarn, traf ich den Professor. Er ftanb vor bem Herrenhaus unb besprach sich mit dem ßilius seinem Verwalterfaktotum. Lilius kannte ich; wir grüßten uns, und ich hatte Gelegenheit, ohne sonderliche Aufmerksamkeit mit meiner Annäherung zu erregen, mich zu den beiden zu gesellen. Der Professor schien bester Stimmung. Als Lilius sich zuruckzog, blieb er bei mir stehen und setzte ein Gespräch fort, in bas ich ihn gelockt hatte. Der Name Glahn war gefallen, unb Pfenmngshof hatte sogleich aufgehorcht. Vorsichtig bohrte ich weiter. Denken Sie sich, Herr Professor, sagte ich, ber Pächter Glahn ist auf sonberbare Weise in einen gewissen Verdacht geraten. Man zweifelt daß der Tod des Herrn Alwien ein natürlicher gewesen ist. Glahn hat Alwien in der Heide gesunden. Man weiß, daß die beiden sich nicht grün waren, und man spinnt nun gefährliche Vermutungen Pfenningshof packte mich beim Arm. Ohne Ankündigung setzte er sich in Bewegung und zog mich mit sich. Wir liefen rund um das Haus, mehrere Male, er achtete nicht auf den Weg. Seine Stirn war dunkelrot; die buschigen Brauen zuckten; von den eingeknisfenen Augen wuchsen tiefe Denkfalten zu den Schlafen hin. Das ist Unfug, grollte er. Sie sollen die Toten ruhen lassen! Wirklich, man könnte aus ber Haut fahren! Um was kümmern sich bie Leute? Es hanbelt sich nicht so sehr um ben Toten, als um ben Sebenben, Herr Professor. Aber ich ersehe aus Ihrer Abwehr, daß Sie jebenfaUs ben Pächter Glahn nicht für fähig halten, biese Tat begangen zu haben. Er schüttelte heftig ben Kopf. . Unmöglich! Glahn kann es nicht getan haben. Glahn ,st em viel zu ruhiger, ein beherrschter, vielleicht leidenschaftsloser Mensch. Wenn er sich durch Redereien verdächtig gemacht hat, so ist das Ungeschicklichkeit, sonst "'^Nickst so sehr seine Reden haben ihn verdächtig werden lassen, Herr Professor Was er sprach, war recht wirr und unklar. Er muß abergläubisch sein. Er erwähnte wiederholt ein Kreuz, das er in der schlimmen Nacht dort oben auf Ihrem Turm gesehen haben will. Pfenningshos blieb wie angewachsen stehen. Wer sagt so etwas? Der Glahn? Ein Kreuz will er auf meinem Turm gesehen haben!? — Er hob beide Arme, bereit, etwas zu zerschmettern — und ließ ste wieder sinken. Ein Narr! Er muß betrunken gewesen sein! Wie kann der Mensch so etwas daherreden, es ist un- ^Pfenningshof begann sich wirklich zu ereifern. Ich betrachtete ihn. Was brachte ihn so in Zorn? Er mußte wohl meine Verwunderung spüren, denn übergangslos, wie jeder Wechsel in seiner Stimmung sich vollzog, wurde er plötzlich ruhiger oder beherrschte sich. Wir schritten weiter; zum mehrfachen Male um das Herrenhaus herum. Nach einigen Schritten lachte er. . „ ., Ach meinte er, unb feine Stimme schwang in Heiterkeit, vielleicht hat er mein großes Fernrohr gesehen? Ich erinnere mich, ich hatte es an jenem Abend aufmontiert unb ben Himmel angesehen. Ich nickte, erfreut ob dieser Lösung. Geheimnis der Heide ROMAN VON FRANK F. BRAUN 6. Fortsetzung. Niemand kam. Ich kann nicht sagen, wie lange ich bort im Schlamm ? Gestanden habe. Ich spürte schon, wie meine Glieder abstarben, wie ste ’eif wurden unb unbeweglich, aber ich wagte nicht, mich zu rühren, kenn ich wußte, daß jede Regung mich tiefer und^hoffnungsloser em- t finken machen würde. Ich habe gebetet; ernst und inbrünstig Meine Kn e 'versagten; sie knickten ein. Tiefer sank der Oberkörper m den Mora , ch konnte schon ausrechnen, wann der Sumpf mir bis zum Haste Zeichen würde, bis zum Kinn, bis an ben Munb ...Da berührten meine ^gebeugten Knie etwas Festes, Hartes. ■„ Ich weih nicht, was es war, bas mich gerettet hat. Vielleicht em eingesunkener Baumstamm. , , , . Aber so langsam ich auch vorwärts kam, ich begegnete memanben. Kein Mensch kam, keine Rettungsgruppe, die Glahn alarmiert hatte, mich mit Stangen und Brettern aus dem Sumpf zu befreien. Bis zum Dorfeingang schritt ich. Jch^w°llte wissen, ob Glahn mich . wirklich so schmählich im Stich gelassen hatte. Er mußte langst, langst im Dors gewesen sein, wenn er überhaupt willens gewesen war, Hilfe und Rettung zu bringen. , . , _. - Wo der Weg zum Hotel abzweigt, bog ich von der großen Straße Db. Kein Glahn war mir entgegengekommen. Frau v. Blinkburg bebte. Sie konnte ihre Hande nicht langer sest- | Balten; nun sie die Finger auseinanberlöfte, zitterten sie. I „Das ist entsetzlich", sagte sie, und ihre Stimme hatte einen fremden mir recht, ein normal nichts/ (Fortsetzung folgt.) Vater. Es war zehn Uhr, aber nur ein ganz kleines Frage, die Sie als der Fundstelle am 15 Minuten. dem Mann zu. Nun sine beantworten können: Von dies Amtsbüro geht man ausschreitender Fußgänger um 10.30 Uhr. Herr. Danke, sagte ich, und ich wandte mich hier Geborener werden Wegkreuz bis hier auf Aber Sie ließen das Fernrohr nicht lange draußen, Sie haben es dann bald wieder abgebaut an jenem Abend? Ja. bestätigte Pfenningshof, so war es. Ich fand doch nicht die gute Sicht die ich erhofft hatte. Er lächelte mir gewinnend zu. — Da\et)tn Sie, wie solche Geschichten entstehen und sich selber kolportieren. ©la()n ist eben doch ein Heidebauer geblieben. Er glaubt an Gespenster, und daher begegnet er ihnen auch. Das spukhafte Kreuz auf meinem Turm hat der Tod aufgepflanzt. Es bedeutet, daß m der Nacht einer stirbt. — Er lachte mißtönend. — Wie viele sind wohl gestorben in. lener Nacht? — Und dann drehte er sich mir ganz zu: Glahns Theorie ist also Jch"lacht? mit, denn er traf meine Meinung. Noch eines, Herr Professor, sagte ich und nutzte die Minuten, können Sie mir sagen, erinnern Sie sich, wann Herr 21 knien Ihr Haus verließ? Pfenningshof schüttelte den Kopf. Nein, gestand er Aber Mascha wird es Ihnen sicherlich genau sagen können. Meine Tochter hat Alwien Wir waren gerade wieder auf dem Hof angelangt. Er trat, ehe ich es hätte hindern können, an eines der Erdgeschoßfenster und klopfte gegen die Scheibe. Glascha, bist du noch unten? . , , , , Das Fenster öffnete sich sogleich, und Glascha Pfenningshof beugte sich hinaus. Sie nickte kurz auf meinen Gruß, ich besaß Nicht ihre Gnade, wie es schien. Was ist, Vater? Der Professor schien verlegen, eine neue Wandlung. Ach, meinte er, nun — es ist — der Herr möchte wissen, wann Alwien uns an jenem Abend, als ihn der Tod in der Heide ereilte, verließ. Erinnerst du dich der Zeit vielleicht? Du brachtest Alwien zur Tür und rittest noch ein Stück neben ihm her, wenn ich mich recht Aber ich begriff auch, daß hier in der Heide nicht die Aufklärung zu finden war. Weder vom Pfenningshof noch von Glahns Rügen Host onnte sie kommen. Das waren Sackgassen gewesen m die ich mich lange genug festgefahren hatte. Ich muhte nach Hamburg reisen! Olga! Das war eine einzige Fährte, die Aussicht hat, etwas zu erfahren. Ich war zornig, ich war gereizt, meine Nerven waren angespannt. So lief ich zum Bahnhof. Hier bin ich jetzt. In wenigen Minuten geht der Zug nach Hamburg. Ich kann und will keinen Tag mehr verlieren. Diese Ge chichte hat mich gepackt. Sie sagten gestern so überaus lieb und warnend, ich solle dies Nachspüren aufgeben. Ich habe daran gedacht. Ein, zwei Minuten lang. Aber ich vermag es nicht mehr Ich kann diese Geschichte nicht einfach auf sich beruhen lassen. Nun nicht mehr. Sie werden mich verstehen. ., , ... _. .... Und bitte, liebste gnädige Frau, lächeln Sie nicht. Sagen Sie nicht, kriminalistischer Ehrgeiz eines Kriminalschriftstellers. Das ist es nicht. Dieser Fall Alwien ist besser als meine Kriminalromane, sonst hatte ich ihn schon entwirrt. „ Dieser Fall Alwien geht uns alle an, denn er ist bas Leben. Der Zug läuft ein. Auf morgen! ° y Ihr getreuer und ergebener Adalbert Steuer." Frau v. Blinkburg bekam diesen Brief gegen Abend. Er ließ sie lange nicht zur Ruhe kommen. Die erwartete Nachricht von ihrem Schwager war heu e noch aus- geblieben. Hieß das ein gutes Zeichen? Sie schämte sich bereits ihres Verdachts. Ueberaus bedauerte sie, daß Sieger nicht anwesend war. Sie hätte so gern mit ihm Meinungen ausgetauscht. Denn natürlich konnte man nicht so einfach einen Verdacht aussprechen. Oder ja. Ihm hatte sie es sagen können, ihm hätte sie dies erschütternde Wissen anv^traut. Sie war am Nachmittag spazieren gegangen und hatte Fräulein Glascha Pfenningshof gesehen. Nur gesehen. Glascha saß zu Pferde und hielt am Wegkreuz, genau dort, wo man Herrn Alwien gefunden haben mußte. Als das Mädchen die Annäherung der fremden Frau gewahr wurde, die es nicht erkannte als Frau v. Blinkburg, war es rasch davongeritten. Und da, in der Sekunde, als das Pferd ansprang, vom Sporn getroffen, da war es Frau v. Blinkburg, als sehe sie das Bild, wie Herr Alwien starb. War es nicht so gewesen? Glascha hatte zu Pferde den Mann noch ein Stuck Wegs geleitet. Bis zum Wegkreuz. Hatte sich hier verabschiedet, und — das Pferd fprang an mit einem Satz, Herr Alwien warf sich noch zurück, aber zu spat. Ein Hufschlag traf ihn und warf ihn nieder. Glascha bändigte das ungebärdige Tier nach einigen Galoppfprüngen ohne Muhe. Als sie sich umsah dem Mann noch einmal zuzuwinken, war er schon nn Heidekraut untergetaucht oder die Dunkelheit hatte ihn geschluckt. Sie sah ihn nicht mehr? Da ritt sie weiter. , Konnte es so gewesen sein? Wie sonst war es zu erklären, daß dieses Bild vor ihren Augen aufstand? War sie hellsichtig, ein Medium? Sie saß am offenen Fenster, den Brief Siegers vor sich und war weit weg mit ihren Gedanken. . .. n. Frau v. Blinkburg hatte bas erste Frühstück au ihr Zimmer bringen lasten. Sie war zeitig erwacht unb hatte nach fruchtlosen Versuchen, noch einmal einzuschlafen, es vorgezogen, aufzustehen. Die Fenster standen geöffnet. Frau v. Blinkburg saß im Kimono hinter dem kleinen Tisch und hatte den Blick auf die nebelatmende Heide vor^fich. E^e bamp^e Der Himmel hatte einen mattroten Schimmer. Hinter dem Kiefernwald stand schon die Sonne. Auf der Veranda deckten zwei Kellner die Fruhstuckstische. Frau v Blinkburg erkannte ihren diensteifrigen Freund wieder. Er schwenkte bier"eifrig die Tischtücher und gab Anweisungen. „Der Herr Doktor Steger wird noch heute morgen hier sein? Hat er Ihnen etwas bestellt?" ..... „Nein, gar nichts. Seit das Unglück mit Herrn Alwien geschah, ist Doktor Steger wie ausgewechselt. Finden Sie nicht auch?" Der andere zuckte die Achseln, aber jener fuhr fort: „Denken Sie nur an den fürchterlichen--man muß schon sagen: Krach, den er gemacht hat, als sich sein Wanderstock nicht sand. Was kann einem reichen Mann an solchem Knüppel liegen! Als wenn wir ausgerechnet ihn gestohlen hätten!" „Schriftsteller sind sonderbar: das hört man häufiger. Aber es kann ja sein, daß dem Doktor gerade dieser Stock so von Bedeutung ist!" Frau v. Blinkburg, unfreiwillige Mithörerin dieser Unterredung, saß reglos. Sie hielt den Kaffeelöffel in der Hand und wagte nicht, ihn abzulegen. Eine Sekunde war der Wunsch da: klirre mit der Taste, huste, mache dich bemerkbar, daß die beiden Kellner dort unten das entnervende Gespräch abbrechen; — aber sie rührte keine Hand. Die Lust, mehr zu hören, dies unbestimmte Gefühl nahe am Grausen war stärker. „Wieso?" fragte der erste Kellner, und er war noch bei des Kollegen Mutmaßung, daß der nicht mehr auffindbare Stock des Schriftstellers diesem von besonderer Bedeutung sei. Der andere sah sich um, warf einen Blick zur Tür, die in die Küche führte; Geschirr klapperte, aber niemand kam heraus; da beugte er sich zwar vor, dämpfte seine Stimme jedoch nicht sonderlich, Frau v. Blinkburg vernahm deutlich jedes Wort. „Wissen Sie, daß im Verlauf jener Nacht, in der bas Unglück in bet Heide geschah, der Herr Steger feine Koffer packte und bereit war, abzureisen? Wissen Sie, daß diese Koffer noch immer gepackt bereit« stehen, als rechne Steger mit der Möglichkeit, einmal Hals über Kopf von hier verschwinden zu müssen?" „Sie meinen?" „Ich werde mich hüten, etwas zu meinen, ober wenigstens biefe Meinung zu äußern. Ich habe Ihnen eine Tatsache erzählt, weiter Ich sah bas Mädchen an. Sie wissen also die Zeit bestimmt? fragte ich sie. Ja, antwortete sie. Herr Alwien wollte um zehn Uhr im Hotel fein. Er stellte fest, als er sich hier von mir verabschiedete, daß es bereits zehn Uhr sei. — Glascha sagte das steinern und unbewegten Gesichts mit einer tonlosen Stimme. Als weder ich noch der Professor weiterhin etwas fragten, schloß sie mit einem Kopfnicken gegen den Vater das Fenster unb zog sich zurück. Mich übersah sie. Der Professor begleitete mich bis zum Wall; bann verließ er mich. Von dem Fall Alwien war kein Wort mehr zwischen uns gefallen. Ich schritt durch die Heide dem Dorfe zu. Keinen Fußbreit wich ich vom Wege ab, wie sie mir glauben werden, liebe gnädige Frau. Gebranntes Kind scheut bas Feuer. Ich schritt rüstig aus, aber ich tarn boch zu spät. Herr Pfrundk ber Amtsvorsteher heißt so, falls es Ihnen entfallen ist, hatte sein Büro schon verlassen. Aber ber Amtsbiener war noch anwesenb. Er war mürrisch unb berief sich auf feine Dienftftunben, boch gelang es mir, ihn mit guten Worten unb einigen Zigarren menschlicher Rührung zugänglich zu machen. Da ich mir den Weg gemacht hatte, sollte ich nicht unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen. Er sah in den Akten nach und gab mir die gewünschte Auskunft. Meine erste Frage war: Wann meldete der Pächter Glahn an jenem Abend feinen schrecklichen Fund? Der Amtsdiener las ab: Um 22.30 Uhr erscheint auf der Wache ber hier bekannte Pächter Glahn unb gibt folgendes zu Protokoll. — Also erinnere... Ich weiß das natürlich noch ganz genau, als Herr Alwien unfern Hof verließ. Ich ritt Stück neben ihm her und kehrte dann um. 10.30 Uhr hier zu Protokoll geben konnte. Gewiß, Herr Steger, räumte der Amtsdiener ein. Selbst wenn man annimmt, daß Herr Glahn am Wegkreuz der Schreck in die Glieder gefahren ist, daß er angefangen hat zu laufen — alles in allem wird er eine halbe Stunde von feinem Hause bis hierher zum Amtsbüro gebraucht haben. Er sah mich an. Er erwartete wohl die Aufklärung, aber ich mußte ihn enttäuschen. Nachdem ich mir noch Feuer für die Zigarre ausgebeten hatte, schieb ich mit kurzem Abfchiebsgruß von ihm. Nun eine kleine Ueberlegung, liebe gnäbige Frau. Erinnern Sie sich, wie wir an jenem Abenb, als alles begann, auf ber Veranda faßen? Es war 10 Uhr, ober ganz wenig nach 10 Uhr, als ber Hunb zu bellen begann. Setzen wir ben Fall, ber anzunehmen ist, baß bas Tier an ber Leiche anhob zu heulen, so starb Herr Alwien um 10 Uhr ober wenige Minuten später. Eine Zeit, zu ber Glahn eben erst seinen Hos verließl Sie können sich denken, daß mir bei dieser Ueberlegung, die ich nun auf dem Wege anstellte, zumute war wie jenen Sprichwortträgern, den Gerbern, die die Felle wegschimmen sehen. Ich war wütend. Ich begriff nicht mehr. Was bedeutete Glahns feiger Verrat an mir, als er mich im Sumpfe stecken ließ, wenn er nicht der Mörder Alwiens war! Jawohl, gab er benötigte diese Zeit. Schön. Wie lange geht man von Rügen Hoff des Pächters Glahn bis zum Wegkreuz, wo der Tote lag? Auch nicht länger, Herr. Eine Viertelstunde dürfte genügen. Ich fand meine Mutmaßung bestätigt, immerhin faßte ich noch einmal zusammen: Also wenn der Pächter Mahn sich aufmacht, in bas Dorf ober hierher zu gehen, wird er eine halbe Stunde Weg rechnen müssen. Er ist demnach an jenem Abend, als er den Toten sand, etwa um 10 Uhr von seinem Hof weggegangen, wenn er feine Meldung um geh gle Läufer/ Eine Geschichte von Edith Zubert. Die Chesin war gerade mit der Direktrice gegangen Ein Weilchen noch hörte man die fröhlichen Stimmen im Treppenhaus Barbara lauschte noch atemlos, bis alles still war Nun befand sie sich allem in den weiten Atelierräumen. Vor der Tur, die zum Hauptausgang führte, sprang soeben mit lautem Gebrumm der Staubsauger an. Die gute alte Schwanbecken hatte ihren Samstags-Einzug gehalten. Von ihr war nichts zu befürchten, denn wie alle wahrhaften Putzfrauen war sie heilfroh, wenn niemand sie bei ihrer anstrengenden Arbeit störte Als Barbara die Tür des breiten Modellschranks behutsam öffnete und ein mattblaues, schwerfließendes Gewand vom Bügel nahm, waren ihre Hände eiskalt vor Aufregung. Später wunderte sie sich über die Ruhe mit der sie das Kleid und das dazugehonge sehr lange Cape aus tiefblauem Seidensamt in ihrem flachen Koffer verpackte. Das Zierliche Abendtäschchen hatte keinen Platz mehr. Barbara wickelte es ,n Seidenpapier und schob es in die breite Handtasche. „Adius, Schwänchen! schrie sie und stülpte achtlos den Hut auf. „Ich geh gleich hinten raus, sonst schimpfen Sie wieder über die Fusseln am Läufer. Roch auf der Treppe klopfte ihr Herz hart und schmerzhaft. Furch! war es nicht — beschämenderweise eine tolle Freude. Es war gegluckt. Heute abend konnte sie mit Eberhard zur Premiere gehen! Zu Haus hantierte die Freundin, mit der Barbare eine kleine Wohnung teilte, in der winzigen Küche. Verlockende Dufte von brutzelndem Fleisch wehten in die Diele. Barbara kam leise herem, setzte sich auf den Kohlenkasten und ließ den Koffer aufschnappen. „Du mußt mir heute abend deinen Pelz borgen, Hedi, ja?" Die Freundin sah sich verwundert um. „Warum denn? Ihr Blick März. Von Lina Staab. Jetzt sind die Tage wie Spiegel matt behaucht. Die Wälder halten den Atem. Die Ferne raucht. Vogelruf gefriert noch zu blitzenden Tropfen in den Zweigen, die morgens ans Fenster klopfen. Horchend stehen die Bäume im leeren Garten. Niemand mehr weiß das Wort, auf das sie warten. Da kommen die Kinder gesprungen mit Bällen und Reisen. Sie werden nach dem behauchten Spiegel greifen, sie wischen ihn blank mit den kleinen roten Händen — da müssen die Tage auf einmal glitzern und blenden — die kleinen Stimmen flattern wie leichte Bänder — da füllt sich der Spiegel mit Farben bis an die Ränder, schon tauen die Vogelrufe. Sie merken es kaum — Morgen steht in meinem Garten der erste Blütenbaum. ^rinz Eugen und Friedrich der Große. Von Walter von Molo. In seinem neuen, im Verlag Holle 8- Co. erschienenen Roman „Eugenio von Savoy" läßt Walter v. Molo den Prinzen Eugen, den Retter des Deutschen Reiches, lebendig werden. Von Ludwig XIV. für den geistlichen Stand bestimmt, flieht er aus Frankreich, um sich in Deutschland an die Seite der Kaiserlichen zu stellen. Durch seinen ungeheuren Mut und seltene strategische Begabung bringt er es bald zum General und sogar zum Reichsfeldmarschall. In diesem Abschnitt suhrt Eugen den jungen Friedrich in die hohe Schule der Kriegsführung ein; später sagte der große Friedrich, selbst ein Feld- herrngenie geworden, von Eugen: „Wenn ich etwas tauge, wenn ich etwas von meinem Handwerk verstehe, so verdanke ich es dem Prinzen Eugen." Als Zweiundsiebzigjähriger mußte Eugen noch einmal in den sickst- b^AufKsemen Stock gestützt, mühsam Schritt vor Schritt setzend, reifte er mit letzter Selbstverleugnung wieder an den Rhein. Es war keiner da, der ihn daheim ober in der Armee ersetzen konnte. Er fand, was er erwartet hatte: eine abgerissene, ungeübte Schar neu angeworbener Leute. . Mit diesen sollte er die hunderttausend Franzosen verhindern, die in siebenfacher Ueberzahl erschienen waren, über den Rhein in das deutsche Land einzudringen. , „, . Es war alles so gekommen, wie er es vergeblich warnend vorausgesagt hatte. Er sollte ein Wunder tun. Und er vollbrachte es. Aus eigenem Antrieb fanden sich seine ehemaligen jetzt weiß- und grauhaarigen Soldaten mit ihren Söhnen und Enkeln aus allen Teilen des zersplitterten Reiches in immer größerer Zahl bei ihm ein. Der König von Preußen, der an der Wassersucht litt und nicht mehr lange zu leben hatte, sandte Truppen. Er schickte auch seinen ältesten Sohn, damit der kleingewachsene Jüngling, den Mer für mißraten hielt, etwas Vernünftiges in feinem grenzenlosen Hochmut von ihm erlerne. So schrieb er. „ Eugen klomm, die Brust auf den Sattel gelegt, von seinen Reitknechten emporgehoben, in die Bügel und bann in den Sattel hinauf. Die französische Armee machte halt, als sie den verrunzelten Greis mit der eisgrauen Perücke erblickte, die er nun trug. Man konnte vor dem Blick seiner Augen kaum bestehen. Des alten Feldherrn Erscheinen genügte, daß sich die französische Armee mit einem Male nichts mehr zutraute. Villars hatte abgelehnt, noch einmal gegen den großen Herrn aller Schlachtfelder dieser Erde zu fechten. Eugens Mund war fchief und vorwurfsvoll in seinem pergamenb artigen Antlitz; seine Ohren sahen wie tot aus; aber sie vernahmen noch alles. Fest hielt seine fleischlose blaugeäderte Hand d,e Zugel Wenn sich die zusammengekauerte Gestalt des in einunddreißig Feldzügen Unbesiegten auf den Hügeln ihnen gegenüber zeigte, unterließen es bie französischen Offiziere niemals, höflich vor ihm ihre Hute abzu- ziehen. . Ernst unb bebeutfam bankte er aus ber Ferne Nach einer qualvoll burchhusteten Nacht, in ber er den granjoferi mit abgeleitetem Rheinwasser ihr tiefer gelegenes Lager haste vollaufen lassen, daß sie sich zurückziehen mußten, lud er den preußischen Kron- PH’ßange'1 unb aufmerksam betrachtete er ben magern Jungen Herrn, ber feinem Vater hatte entfliehen wollen, ben bieser bafur ^"Deserteur hätte erschießen lasten, wenn Eugen ihn nicht um ine Erhaltung bes wertvollen Lebens bringlich unb brohenb gebeten hatte. Er sah vorwurfsvoll den Verschlossenen an, der vor ihm seine stolze, eigenwillige Art zu verbergen suchte und heimlich nach den Narben m dem alten Gesichte spähte, das von den Wassern des Lebens zernagt war. - «** ' 11,1 ^dn^müber ßanbmann saß er, der darüber barem ergibt, baß er sein ganzes Leben hinburch 'emen Acker ste ß g und richtig bestellt hat unb nun zerstörerischer Hagelschlag baruber aU^,3ar sagte er Johann laut unb entschieden und sah auf in des anderen zurückgehaltenen Blick; er schloß sein Leben a . „ h S Des^ preußischen Kronprinzen blaue Augen hörten ausmerksam zu, ihr Innerstes verbergend. Doch um feinen weichen Mund zuckte es selbstverräterisch: dieser da hatte seinen Vater dazu gebracht, ihn mit einer ungeliebten deutschen Frau zu verheiraten. . e . „Von Italien wird nicht viel übrigbleiben", fuhr Eugen rote kauend mit seinem zähnelosen Mund zu sprechen fort. „Aber gerade deshalb bitte ich Sie, Prinz, überheben Sie sich nicht. Sie können das Ihnen von der Vorsehung Aufgetragene nur tun, weil die Kaiser immerhin ihre Pflicht zu erfüllen versucht haben. Sie unb Ihr Lanb würben burch ben Schutz bes Reiches." „Ich verstehe Eure Durchlaucht nicht", verteibigte sich Friebrich mit unburchsichtigem Antlitz. Der Greis beobachtete gütig bas jugendliche Gesicht, das dem eines trotzigen wißbegierigen Knaben, der eherne Verschlossenheit übt, ähnelte. „Man täuscht sich nicht, Prinz, wenn man nach ben Charakteren ber Menschen seine Schlüsse zieht", erwiderte Eugen mit dünner Stimme. Rot unb verlegen wurde Friedrichs Antlitz, doch er schwieg. Hartnäckig und lange hustete Eugen; er sah zur Seite auf den Boden hinab unb flüsterte entschulbigenb: „Die Natur folgt ben Bahnen bes ... Jrbischen." „Darf ich nun an all Ihren Felbzügen teilnehmen? bat mit einem Male leibenschaftlich ber preußische Kronprinz. „Ich bitte Sie mftanbig barum!" , _ „Es werben nicht mehr viele sein, mein Freund , antwortete milb lächelnd Eugen. „Es ist nur ein kleiner Umweg nötig", entschuldigte er eine Endlichkeit. . , Vor seinem Antlitz standen die Jahrhunderte wie ein Tag. „Warum demütigen Sie die Treulosen nicht?" rief Friedrich in beherzt emporflammendem Vertrauen. „Weil es um deutsches Land geht, mein Freund, weil sonst alles vergeblich gewesen wäre, was ich tat ..." Eugen erhob sich. Mühselig rang er mit der Beschwernis seines Atems. Der junge Prinz stand in Verzweiflung, daß er dem nicht zu helfen vermochte, der ihn als Erster ernst nahm. Mein Sohn", sprach mahnend in der Ferne seines Alters Eugen. Sein Blick ging durch unb burch, vor ihm war nichts zu verheimlichen. Vergessen Sie nie: bie eine Gruppe muß einmal mehr leisten, als die andere ... jede hat ihre besonderen Ausgaben, aber jede darf das ihre nur leisten für die andern, für bas allen Gemeinsame." Ra ch, blitzschnell verstehend zuckte es in den lebhaften Augen Friedrichs. Da leuchtete auch Eugens trüber Blick, ber wunberlich abwesend war, noch einmal klar und kühn wie der eines Adlers auf. Der weis, ber ganz in sich eingesunken war, als ftünbe er schon tief in ber Erbe, sah lange, als wolle er sich an ihm satt trinken, in nicht mehr menschlichen Gebanken dem in bie Augen, ber sein Werk äußerlich zerschlagen mußte, um es weiter unb höher zu führen. Abschließenb sprach er herrisch unb bantbar: „Gott segne Sie, Sie werben es gut fortsetzen." „„ Mein Gott", stammelte Friebrich, „wer könnte es Ihnen gleichtun "Denken Sie nie an sich. Nur wenn Sie verstehen und begreifen, was unter Ihnen ist, nur diesem dienen, können Sie begreifen, was über Ihnen ist", belehrte Eugen. Von da ab redeten sie jeden Tag und bis tief in die Nacht hinein mtt9Hemnnb außer Friedrich, den sie wenige Jahre später den Großen zu nennen begannen, vernahm etwas von einem Testament Eugens. Am Frühjahrsmorgen eines schönen unb sonnenhellen Tages, als die Stürme bes Winters roieber einmal auf ihren ewigen Straßen vorüber geströmt waren, fanben sie den alten Feldherrn tot auf seinem em- ^^Der^Stiisdruck seines Gesichtes, das wie aus edlem Elfenbein fein- geschnitten schimmerte, war mild und beruhigt. m , Eine herzenswarme Legende meldet, dah in der gleichen Nacht, in der der Große uns leiblich entschwand, der herrliche Löwe, den er gern selbst gefüttert hatte, furchtbar wie sonst nie in seinem Käfig gebrüllt unb an den dicken Eisenstäben gerüttelt habe. Am Morgen sei er tot gewesen wie sein Herr. Kleine Sünde - große Wirkung blieb an dem matten Schimmern des blauen Velours, der weich aus dem Koffer quoll, haften Die Hellen Augen wurden ganz rund: „Woher haft du das?" .. s Mit spitzen Fingern hob Barbara das Cape heraus und dann das Kleid. „Schön, nicht?" Sie legte das silberne Täschchen dazu. „Gottlob passen meine Sandaletten!" „Woher hast du das?" erinnerte Hedi eindringlich. „Aus dem Salon natürlich!" Barbara versuchte gleichmütig aus- zufe'hen. „Montag früh bring ich alles zurück —" Die Freundin betrachtete sie lange und vernichtend. „Warum hast du das getan?" erkundigte sie sich streng Leise und zärtlich kam die Antwort: „Eberhards wegenl Und dann: „Du warst doch auch schon verliebt!" „Deswegen habe ich mich noch lange nicht mit fremden Federn geschmückt!" sagte Hedi ungerührt. „Du konntest das bunte Taftkleid anziehen. Es ist allerliebst!" , e Ein Fummel ist das!" rief Barbara trotzig. „Und Eberhard denkt __das heißt: er mußte es ja einfach annehmen — S>e beobachtete verlegen ihre Schuhspitzen und vollendete schüchtern: „Er halt mich für eine ^ßoroneffe" In ihrem schwarzen Kittel hatte Hedi plötzlich etwas von der Würde eines Staatsanwalts kurz vor dem Urteilsspruch. „Du bist ,a eine Hochstaplerin!" stellte sie fest. Dafür kann ich nichts!" Barbara sah kleinlaut aus. „Es ist so über mich gekommen. Eigentlich wollte ich dir nichts davon erzählen. Du bist immer gleich so — auf alle Fälle ist das für mich wie ein Wunder. Aber davon verstehst du nichts!" Sie wartete ein bißchen. Hedi sah no* immer aus wie ein Siaaisanwaii. Die (Bünberin feufßte entmutigt uno chickte sich zu einer Verteidigungsrede an...... Ich habe dir von der Wiener Schauspielerin erzählt, Nicht? begann sie. "„Ich mußte ihr neulich vormittags in ihrem Hotel meine Kollektion vorführen Dazu gehörte ein herrlicher Breitschwanzmantel, der der Stauß gefiel. Aber sie wollte, daß ich ihn schnell noch einer Bekannten am Kaiserdamm zeigen sollte. Der Schofför sollte mich hinfahren. Ich saß also in dem eleganten Pelzmantel in der Hotelhalle und wartete auf ihn. Und da kam Eberhard herein." Barbara sprang auf und lief kreuz und quer durch die kleine Küche. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gut er aussieht!" Sie hatte strahlende Augen. „Groh, blond, braungebrannt — ein richtiger Sportsmann. Ich habe ihn ganz begeistert angestarrt. Natürlich dachte ich, er merkt es nicht. Aber plötzlich kam er auf mich zu, verbeugte sich und fragte, ob wir uns nicht irgendwo kennengelernt hätten. Ich käme ihm so bekannt vor. Und als ich ihm sehr kühl zu verstehen gab, daß es keinesfalls so wäre, da sagte er: „Aber dann ist es höchste Zeit, daß wir uns kennenlernen!" Er wirkte unwiderstehlich nett, Hedi!" „Fortsetzung kann ich mir denken!" bemerkte die Aeltere trocken. „In diesem Augenblick tauchte vermutlich der Schofför auf, Hand an der Mütze: Der Wagen steht bereit. Dein Eberhard murmelte irgendeinen Namen, und du gabst dich zu erkennen. Stimmt's?" Barbara seuszte schuldbewußt. „Es war zu verlockend!" gestand sie. „Wenn ich gesagt hätte: mein Herr, ich bin Mannequin — du kennst doch die Männer! Aber ich wollte nicht, daß gerade Eberhard ein Abenteuerchen in mir sehen sollte. Wir haben später noch eine halbe Stunde in einem Cafe gesessen. Er war reizend, Hedi! Und nachher habe ich die Einladung angenommen." Die Freundin schien nicht überzeugt. „Männer wittern immer und in jeder Aufmachung ein Abenteuer!" urteilte sie weise. „Im übrigen hast du eine ganz verkitschte Phantasie, meine Kleine. Ich entschuldige das mit deinen achtzehn Jahren. Aber vermutlich wird aus der Komödie bald ein Trauerspiel werden! Ein Vierteljahr hast du mal gerade deine schöne Stelle — na, mir kann's ja gleich sein!" Bedrückt nahm Barbara ihre Sachen und ging bis zur Küchentür. Dort fragte sie schüchtern: „Und — der Pelzmantel?" Die Freundin brummte: „Nimm ihn schon!" * Am Bahnhof Zoo wartete neben einem kleinen Kabriolett ein junger Mann. Trotz größter Aufmerksamkeit entging ihm das sanfte Heranrollen einer Taxe, aus der verstohlen eine elegante Dame stieg. Als Barbara überraschend hinter ihm stand, fuhr Eberhard erschreckt zusammen. „Guten Abend!" rief er und sah sie bewundernd an. „Wie prachtvoll Sie aussehen! Hoffentlich ist Ihnen mein Auto .Fridolin' gut genug?" „D doch!" Sie betrachtete erleichtert den niedlichen Wagen. Jedes Auto war ihr recht! Es ersparte zum Glück die Ausreden bezüglich der eigenen Limousine. „Sie sind so pünktlich, daß wir fast noch Zeit hätten, etwas zu Abend zu essen!" meinte er. „Mögen Sie?" Dieser Vorschlag kam ihren heimlichen Wünschen entgegen, denn Hedis Unfreundlichkeit heute mittag hatte sie auf die gemeinsame Mahlzeit verzichten lassen. Kurze Zeit später ließ sie sich in einer behaglichen Weinstube von Eberhard mit allerlei Leckerbissen verwöhnen. „Wissen Sie was!" sagte Eberhard plötzlich. „Ich hätte einen herrlichen Vorschlag — das heißt — eigentlich ist er ein bißchen verrückt!" Er half ihr in den Pelz, nahm das lange Cape über den Arm und rückte mit seiner Idee heraus. „Man sollte nach der Vorstellung ein Stückchen aus der Stadt heraussahren — wollen Sie?" Sie sah ihn Überrascht an. Eigentlich war sie etwas enttäuscht. Sie hätte lieber irgendwo in schöner Umgebung mit Eberhard getanzt. Wozu hatte sie schließlich das Modell „Adria" ausgeborgt? Eberhard merkte es und redete leise: „Solche Fahrten sind etwas Wunderbares. Man sitzt in seinem kleinen Wagen wie auf einer Insel. Ringsum braust mit tausend matten Reflexen die Nacht vorbei. Der Motor schnurrt und hält die Beine behaglich warm. Die langen Straßen da draußen vor der Stadt sind ein dunkles Geheimnis. Manchmal zittern sie unter der Wucht einer heranrollenden Lastwagen-Karawane. Gespenstisch tun sich riesige Bullaugen hinter einem auf. Man taumelt wie ein kleiner Nachtfalter zur Seite — erst wenn so ein ungefüger Titan vorübergepoltert ist. wird man wieder seines Lebens froh." „ Barbara hörte aufmerksam zu, Sie hatte andächtige Augen wie ein Kind, dem Märchen erzählt werden. „Das muß schön sein!" sagte sie leise. „Ja — bitte! Wir wollen fahren." Das Premiere-Publikum war ziemlich elegant. Dennoch fiel Barbaras kostbare Kleidung ungemein auf. „Ich hätte das schwarze Kleid nehmen sollen!" überlegte sie angstvoll. Hoffentlich waren keine Bekannten im Theater! In den Pausen verzichtete sie darauf, ins Foyer 3U Zwei" Stunden später fuhren sie etwas einsilbig die Kantstraße herunter. Erst auf der Heerstraße, die, bekränzt und bestrahlt von unzähligen Lampen, eine märchenhafte Stimmung hatte, wurde Barbara lebhaft. „Schön!" sagte sie mit einer ganz hellen Kleinmädchenstimme. „Ich fahr' so gern Auto, wissen Sie!" Eberhard beobachtete seine Nachbarin einen Augenblick und lächelte verstohlen. Es war nicht ganz klar, was er dachte. Unverdrossen brummte der Motor. Die Stadt lag schon ziemlich weit hinter ihnen. Sie fuhren nun über eine schmale, holprige Straße. Plötzlich spazierten tief am Boden ein paar gewaltige Leuchtpunkte herum. Es sah seltsam und unheimlich aus. Aufgeregt zupfte Barbara Eberhard am Aermel. „Sehen Sie doch! Es spukt!" Er legte zart den Arm um ihre feine Taille. „Ein Laternenträgerl flüsterte er. „Raten Sie mal, wer das ist?" „Vielleicht ein Wichtel?" fragte sie andachtsvoll. Eberhard sah sie verdutzt an. „Glauben Sie denn an so was?" Barbara nickte ernsthaft. „Doch —" In dem matten Licht, das von außen kam, war ihr Gesicht ganz kindlich. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen und küßte sie auf den Mund. Der Wagen stand still, hart neben dem wandernden „Laternenträger". Die glühenden Punkte entfernten sich schleunigst. „Lassen Sie mich sofort los!" sagte Barbara hoheitsvoll. Eberhard lachte und schaltete den Motor wieder ein. „Unser Wichtel hat sich diskret aus dem Staube gemacht!" stellte er fest. „Uebrigens hat er vier Beine und sucht zumeist Mäuse." „Eine Katze?" fragte sie enttäuscht. Er nickte. „Hasen sind auch .Laternenträger' — Rehe auch!", belehrte er sie. „Sie haben phosphoreszierende Augen." Er wendete den Wagen, und in toller Fahrt ging es wieder zurück. Sehr spät tranken sie in einer feinen kleinen Bar noch eine Flasche Sekt. Barbara hatte einen winzigen Schwips, als Eberhard sie vor ihrer Haustür absetzte. Müde und glücklich verabschiedete sie sich von ihm. Erst als der Wagen nicht mehr zu sehen war, schloß sie die Haustür auf. Denn daß eine Baronesse im Gartenhaus wohnte, brauchte Eberhard gerade nicht zu sehen! Aber als sie die Treppen hinaufstieg, siel ihr siedeheiß ein, daß sie mit ihm kein Wiedersehen verabrede hatte. Und im gleichen Augenblick entdeckte sie das Fehlen des blauen Velours- Capes. Es war im Auto geblieben! Sie wußte es ganz bestimmt. Sicher würde Eberhard es finden! doch gleich gab es einen neuen Schreck. Er wußte ja ihren wahren Namen nicht! Und wenn er hierherkam, um die Baronesse Willberg im Vorderhaus zu suchen — eine schöne Blamage konnte das geben! Das Schlimmste war indessen, daß Eberhard überhaupt nicht sich meldete. Weder an diesem qualvollen Sonntag, noch am Montagmorgen. Bei der Portierfrau, die von Hedi ins Vertrauen gezogen wurde, hatte sich kein großer blonder Mann nach einer Baronesse erkundigt. Was sollte Barbara nun anfangen? Zerschlagen und schuldbewußt kam sie ins Atelier. Wenigstens gelang es, das Kleid unauffällig zurückzuhängen. Hoffentlich wurde das Modell „Adria" heute nicht berücksichtigt! Aber gegen Mittag sah es so aus, als ob das Gewitter lostoben wolle. Die Direktrice beorderte Barbara nämlich in den Vorführraum. Ein auswärtiger Kunde wollte für seine Frau Abendkleider ansehen. „Zuerst Modell ,Adria'!" Barbara war so verstört, daß ihr das leise Lächeln der Vorgesetzten entging. Sie tat, als ob sie ihre Handtasche holen wolle, um sich zu pudern, dabei griff sie Hut und Mantel und sauste zum Hinterausgang hinaus. Von nun an sollte ihr alles egal sein! Nur die peinliche Auseinandersetzung nicht erleben! Doch als sie atemlos vor der Haustür ankam, packte sie jemand fest am Arm. Vor ihr stand Eberhard. Im Augenblick war es Barbara recht gleichgültig, was er von ihr dachte und wie er hierher kam. Sie hatte nur eine Sorge: das Cape! „Das ist im Atelier!" sagte er. „Sie sind ganz hübsch gelaufen. Wir konnten Sie gar nicht halten. Kleiner Feigling!" Sie wagte nicht, ihn anzusehen. „Woher wußten Sie denn —?" Jetzt lachte er. „Ich kannte Photos von Ihnen, Barbara! Sie hatten Überhaupt ein bißchen Pech, wissen Sie!" Er hatte schadenfrohe Augen. „Das Modell „Adria" hat E. Andergast gezeichnet, nicht? Und dieser begabte Jüngling ist kein geringerer als ich!" Er wartete die Wirkung seiner Worte ab. Sie befriedigte ihn. Das Mädchen Barbara stand mit tiesgesenkiem Kopf und schämte sich offensichtlich ganz schrecklich. Eberhard wurde leutseliger. „Strafe muß schließlich sein. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand lügt!" meinte er. „Trotzdem haben Sie Glück! Ich bin nämlich mit der Direktrice gut befreundet. Sie ist ein anständiger Kerl und wird schweigen. Ader jetzt marsch, marsch zurück! Sonst kommt die Chefin von der Tischpause!" Als Barbara schon im Treppenhaus verschwunden war, rief er ihr noch: „Außerdem — heute abend um acht — am Zoo, ja!" Es kam keine Antwort aus der Höhe. Aber Eberhard hatte das zuversichtliche Empfinden, daß er mit einer sehr pünktlichen „Baronesse" würde rechnen können. DetanitoorUtcf); Or. HanS Thyriot. — Druck undDerlag;Brühl'fcheUniverjitäts-'Luch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.