Giehener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1956 Montag, den 6. Januar Nummer 2 Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann 12. Fortsetzung. „Du hast dir ja In den drei Tagen, die du unterwegs warst, allerlei ausgedacht, das muh man sagen!" antwortete er höhnisch. „Und du? Was willst du dann vielleicht ansangen, he?" „Ich ziehe noch heute abend von hier weg, wenn du es wissen willst. Ich glaube, deine Tage werden hier nun wohl auch zu Ende sein, nicht wahr? Von mir aus kannst du aber tun, was du willst, denn bis jetzt weiß niemand, daß die alte Frau durch dich gestorben ist. Ihre Tochter meint, daß sie damals in einem ihrer Anfälle erstickt ist, — und vielleicht wird es auch am besten sein, wenn sie nie erfährt, wie es in Wahrheit dabei zugegangen ist. Aber auch das soll bei dir stehen. Ich werfe mich nicht zu deinem Richter auf, siehst du." „Da wärest du auch gerade der rechte! Oder hast du vergessen, daß du mit der Wagenrunge nach wir geworfen hast? Sie ging ziemlich nahe an meinem Kopf vorbei, wenn ich es recht gesehen habe." „Du hättest mich nicht daran zu erinnern brauchen", sagte Lars ernst. „Habe ich vielleicht gesagt, daß ich mich für besser halte? Aber man muß sehen, daß man wieder gut macht, was man versehen hat, siehst du. und wenn ich heute an deiner Stelle wäre —" „Nun?" fragte Krick lauernd. „Nur heraus mit dem, was du sagen willst." Aber Lars ist eine Blässe ins Gesicht getreten. Er preßt die Lippen aufeinander und hält den Atem an. „Nein", sagt er dann still. „Ich will es nicht aussprechen. Jeder muß selber wissen, was er zu tun hat. Ich kann dir nicht einmal einen Rat geben: tue dies oder das. Nur einen Wunsch habe ich für dich, Verend Krick." „Ach, guck doch an!" macht Krick verächtlich. „Den einen nur: daß Gott dir gnädig sei!" „Amen!" ruft Krick, und eine höhnische Lache folgt Lars, als er sich jetzt umwendet, über die Diele geht und aufatmend zu Lena in die Stube tritt. „Nun, bist du fertig mit ihm?" fragt sie leise. „Hat er nun nichts mehr von dir zu fordern?" Sie sitzt schon in Mantel und Kopftuch da und blickt verwundert und scheu zu ihm auf, ein so wunderliches Leuchten ist in seinem Auge. „Nein, Lena. Eigentlich hatte ich ja immer nur was von mir zu fordern. Aber das ist eine lange Geschichte, siehst du, und es ist besser, wir reden später davon. Auch wird es Zeit, daß wir jetzt fahren ... Komm, ich will dir helfen, den Kleinen aufzunehmsn. Es tut einem ja leid, so fest wie er schläft. Aber da hilft nun ja nichts." „Erst sag mir, Lars —" Aber Lars schüttelt den Kopf. „Es ist wirklich unmöglich jetzt, Lena. Ich muß erst ein wenig wieder zu Atem gekommen sein. Vielleicht, daß sich unterwegs noch dies und das besprechen läßt. Der Weg ist ja weit, und wir werden viel Zeit haben unterwegs. Hast du daran gedacht, etwas Wüsche für uns mit einzupacken? Denn wir werden wohl so bald nicht wieder hierher kommen, denke ich." Nein, Lena versteht nicht, was Lars da redet, aber er war ja in der letzten Zeit oft so wunderlich und rätselhaft. Da ist es gut, wenn sie nicht viel widerspricht. Und doch hat sie ihn lange nicht mehr so gelassen und ruhig sprechen hören, und es ist schön für sie, ihn so merkwürdig frei und entspannt zu sehen nach all den trüben Wochen, die hinter ihnen liegen. Ist es nicht beinahe, als hätte Lars etwas besonders Freudiges erlebt? Aber das-liegt wohl daran, daß sie Krick nun endlich wieder los werden. ,N"nu?" lächelt Lars, als der Kleine das Gesicht zum Weinen versteht, nun er ihn aus dem Bett genommen hat und auf die Füße stellt ^u wirft dach nicht etwa heulen, wie? Ein Kerl wie du, und da" Gesicht wie drei Tage Regenwetter?" ? steht zur selben Zeit nach wie angewurzelt hinter seinem Stuhl, biv . and um die Lehne gekrampft. Das höhnische Lachen, mit dem er Lars nachblickte, ist aus seinem Gesicht verschwunden, und von der Stirne her zieht sich eine Falte wie mit dem Messer geschnitten bis auf die Nasenwurzel herab. Verflucht, daß er damals Lars verraten hat, wie er zu dem (Selbe gekommen ist. Hätte er geschwiegen, er hätte hier sitzen können wie die Made im Speck! Denn es ist ja klar, wie die Dinge nun weiter laufen werden. Morgen ober übermorgen wird Lars mit dem Burschen hier ' angerückt kommen, von dem er vorhin sprach, und vielleicht auch noch die Mutter mitbringen, und ein Wart wird dabei das andere geben — I bis beide wissen werden, was sie wissen wollen. Lars wird ja einfach nicht darum herumkommen, ihnen zu erklären, wie er dazu kommt, ihnen den Hof hier zu übergeben. Und was dann folgen wird, braucht er sich nicht erst auszurechnen. Der Stuhl knackt unter dem Druck feiner Arme, und eine fahle Bläffe tritt in fein Gesicht. Und alles verdankt er diesem Schwachkopf da drinnen! — Mit verglasten Augen stiert er vor sich hin. Nein, sie sollen sich verrechnet haben, alle, wie sie da sind, und wenn Lars Hullmann ihn vielleicht noch nicht gekannt hat, so soll er ihn jetzt kennen lernen! Es ist ja doch vorbei mit ihm, so ober so. Denn das mit der Verjährung hat er ja vorhin nur so herausgeschlagen .. Leise schleicht er sich an die Leiter zum Heuboden. Weiß er nicht, daß das ganze Winterfutter an Heu und Stroh für Hopla da oben liegt? Schnell, ehe Lars aus der Stube zurück und wieder Über die Diele kommt! Mit bibbernden Händen tastet er feine Taschen ab. Nein, keine Sorge, er hat alles bei sich, was er braucht! Warte nur, Lars Hullmann! Als Lars einige Zeit später wieder aus der Stube tritt, ist die Diele leer. Krick ist wohl in fein Zimmer gegangen, wie? Nun, er wird ja allerhand nachzudenken haben heute abend .. Gelassen tritt er in den Pferdestall, stößt die Außentür auf, führt Hopla an der Mähne nach draußen und spannt ihn vor den Ackerwagen, das einzige Gefährt, das er besitzt. „Na, da seid ihr ja schon, ihr beiden", lächelt er, als Lena, den kleinen Jan an der Hand, ihm nachkommt. „Das ist recht. Da braucht Hopla nicht so lange in der Kälte vor dem Hause zu stehen, seht ihr wohl. Aber ein bißchen müßt ihr noch warten. Ich muß erst noch die Bettstücke verstauen." Dabei vergißt er auch das Bündel mit Wäsche nicht, das Lena zu- sammengeschnürt hat, und als alles untergebracht ist, zieht er den Plan darüber, den er mit erworben hat, als er den Wagen kaufte. Er hat ihn bisher noch nie benutzt, aber nun ist es gut, daß er ihn hat. Er schützt gegen Wetter und Wind, und wenn es vielleicht über Nacht noch wieder schneien sollte, wird alles darunter trocken bleiben, so tief wie er ihn an den Seiten heruntergezogen und am Wagen verschnürt hat. „Hallo!" ruft er, als er fertig ist, und feine Stimme klingt beinahe übermütig, nun er den Kleinen mit einem Schwung auf den Wagen fetzt und ihm sagt, daß er sich hinten zwischen die Beitstücke kuscheln soll. Nein, Lena braucht er nicht zu helfen, so bequem, wie es sich vorn auffteigen läßt, und Hopla steht ja so ruhig, daß sie Zeit genug hat, es sich vorn auf dem Sitzbrett bequem zu machen und die Decke um die Beine zu schlagen ... Aber er will doch nicht wegfahren, ohne daß er Krick Bescheid gegeben hat. „Hallo", ruft er in das stille Haus und kehrt noch einmal auf die Diele zurück. „Also ich fahre jetzt weg, hörst du, Krick?" Aber er bekommt keine Antwort. Nun, Krick will wohl nicht antworten, wie? Denn gehört muß er ihn ja haben. Es ist ja auch nicht nötig. Sie haben wohl beide das letzte Wort nun miteinander gesprochen. So stößt er von innen den Riegel vor die Tür und kommt durch den Pferdestall wieder ins Freie. „Hü denn!" ruft er. steigt aber erst auf, als Hopla angezogen hak. Gut, daß er vorhin noch ein paar Schof Stroh auf den Wagen geworfen hat, darin kann Lena nun gut die Füße bergen, so kalt wie die Nacht ist. Trotzdem fährt es sich schön für Lena nach der langen Zeit der Stille und Einsamkeit, die hinter ihr liegt. Es ist ja allein schon eine Freude, daß Lars nach den drei Tagen, in denen er unterwegs war, endlich wieder da ist und sie feine Gelassenheit und Ruhe wieder auf sich überftrömen fühlt. Jetzt kommt auch der Mond wieder durch, und ein Sternenhimmel steht über ihnen, so hell und schimmernd, wie ihn Lena noch nicht gesehen zu haben glaubt. Nun, ja, es ist gerade kein Spaß, auf dem hartgefrorenen Boden gestoßen und geschüttelt zu werden, daß sie sich mitunter an den Leitern • festhalten muß, um nicht herunter zu fallen. Denn so finnig wie Lars auch fährt, es ist ja gerade keine Kutsche, in der sie fahren, und vielleicht hat es der Kleine hinter ihnen in feinem Nest noch am besten und es wäre klug, zu ihm zwischen die Bettstücke zu kriechen. Aber sie will Lars auch nicht allein vorn sitzen lassen, und erzählen will er ihr unterwegs ja vielleicht auch. Nur drängen darf sie ihn nicht, das weiß sie aus alter Erfahrung. Damit macht sie ihn nur verdrossen und still. Schweigend fitzt er neben ihr, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Er hat wohl allerhand nachzudenken? Ja, das hat er wohl. Gut. daß er kein Vieh zurückzulassen brauchte, das morgen nach dem Futter gebrüllt hätte. Nur die Hühner sind noch da. Aber er hat sich ja vorhin im Vorbeigehen noch überzeugt, daß der Wassertrog auf der Diele noch gefüllt war, und Gerste hat er ihnen noch vor dem Hmausgehen in die Pserdekripps geworfen. „Na", tröstet er Lena, „nun wird es mit dem Fahren auch bald besser gehen. Wir haben ja die Landstraße schon dicht vor uns." Aber er macht immer noch keine Miene, von dem zu beginnen, was er zu erzählen versprochen hat. Der Kleine scheint in der Wärme der Kissen und bei dem Schütteln des Wagens schon wieder emgeschlafen zu sein o müde und verdrossen, wie er vorhin aus dem Schlafe gekommen ist 'Könnte Lars da nicht endlich zu sprechen beginnen? Denn für Kinderohren wird es ja wohl nicht sein, was er ihr mitzuteilen hat. (Schluß folgt.) Winter. Von Detlev v. Liliencron. Die Sonne leiht dem Schnee das Prachtgeschmeide, Doch ach! wie kurz ist Schein und Licht. Ein Nebel tropft, und traurig zieht im Leide Die Landschaft ihren Schleier dicht. Ein Häslein nur fühlt noch des Lebens Wärme, Am Weidenftumpfe hockt es bang. Doch kreischen hungrig schon die Rabenschwärme Und hacken auf den sichern Fang. Bis auf den schwarzen Schlammgrund sind gefroren Die Wasserlöcher und der See. Zuweilen geht ein Wimmern, wie verloren, Dann stirbt im toten Wald ein Reh. Cassander. Eine Komödiantengeschichte von Paul Ernst. Cassander ist ein alter Schauspieler. Er ist so alt, daß sein Charakter sich bereits verändert. In früheren Jahren hatte er einen offenen Verstand, eine leichterregte Phantasie. Man kennt doch die Geschichte vom Karpfen: Karpfen sind bekanntlich sehr dumme Tiere und deshalb schwer zu zähmen; der Principe Tartaglia aber besaß jene Gabe, mit den Tieren umzugehen, er war energisch, liebenswürdig und vor allen Dingen konsequent. Er war von eiserner Konsequenz; und die Konsequenz ist es hauptsächlich, die auf das Tier wirkt. Der Karpfen folgte dem Principe wie ein Hündchen auf der Straße, in Gesellschaften, in den Ballfaal, zum Spieltisch; ein Hündchen hätte man natürlich nicht derart überall mit- nehmen können, denn auch der klügste Hund hebt plötzlich in einem unpassenden Moment an einem Stuhl oder Tisch das Bein hoch. Diesen Karpfen also besaß der Pricipe Tartaglia, als er noch in Neapel lebte; nach Rom brachte er ihn nicht mit, denn das Tier war damals schon verunglückt; er hatte ihn einmal zur Probe mitgenommen, ein Wolkenbruch geht über Neapel los, der Principe eilt nach Haufe, damit die Prinzessinnen die gewaschenen Unterhosen hineinnehmen, die vor den Fenstern zum Trocknen hängen; der Karpfen folgt ihm, gerät in eine tiefe Gosse und ertrinkt. Niemand in Rom glaubte diese Geschichte, aber Cassander glaubte sie. Das war vor vierzig Jahren. Wenn heute ihm jemand sagt: „Der Direktor hat alle Gagen ausbezahlt", so antwortet er: „Du lügst; so phantasielos ist er in seinem Alter geworden, so skeptisch, so schwerbeweglichen Geistes — mit einem Wort. Merkwürdig ist dabei, daß er sich nunmehr auf die Dichtung geworfen hat. In den neueren Stücken fallen ihm immer nur kleine Rollen zu; zwar, er sagt mit Recht von sich: „Wenn ich auf der Bühne bin und nichts sage, dann steht immer ein Schauspieler da"; aber seine Kraft wird doch nicht ausgenutzt, sie liegt brach, fie schreit nach Betätigung. So hat er ein großes Epos begonnen: Die Schöpfung; fiebert Bände wird das Epos haben, jeder Band vierundzwanzig Gesänge. Er stellt sich neben Horner, Dante und Lorenconi mit diesem Werk. Aber was geht uns hier Cassanders Epos an! Cassander hat eine einzige Tochter namens Colombine. Natürlich verlangt er, daß sie den reichen, vornehmen Duca heiraten soll, den Duca, der einen Wagen hat und einen Silberdiener, den Duca, in den Isabella, Aurelie, Coraline verliebt sind; aber der Duca liebt nur Colombine. Colombine indessen findet, daß der Duca zu alt für sie ist, und hat eine Liebschaft mit dem Kapitän, eine Liebschaft, ja eine für bürgerliche Begriffe recht weitgehende Liebschaft. Cassander weint, er ermahnt sie, er erzählt aus seinem Leben, vom Fürsten Tartaglia, der auch eine Liebschaft hatte, ehe er den Karpfen zähmte, und natürlich das Mädchen nicht heiratete, wie er den Karpfen hatte; nun ist fie alt geworden, die anderen Liebhaber haben fie auch nicht geheiratet, fie hat jetzt eine Garküche; für einen Soldo darf man dreimal in den Oelkessel stechen, und was dann an der Gabel bleibt, das hat man. „Das ist ja meine Mutter", ruft Colombine lachend, „das verwechselst du ja!" Cassander wird böse und verstummt: der Kapitän kommt und sagt, daß Cassander gleich zur Probe muß; er wird inzwischen Kolombinen Gesellschaft leisten. „Ach, was habe ich denn für eine Rolle!" klagt Cassander. „Nichts habe ich zu lagen, als: .Meine Herrschaften, gehen wir zu Tisch.' Braucht man für eine solche Rolle einen Cassander? Gewüstet wird mit dem Talent! Es ist himmelschreiend! So behandelt man Künstler!" „Aber Papqchen", antwortet ihm Colombine und reicht ihm Hut und Stock, „wer soll denn sonst die Rolle spielen! Auf diesem Satz steht ja das ganze Stück! Wenn ''er Satz nicht herauskommt, dann ist das Stück gefallen!" „Du haft cht, mein Kind", antwortet besänftigt Cassander; „gerade diese Rollen sind die schwierigsten, sie erfordern die reife Meisterschaft, das ganze Können. Davon versteht natürlich das Publikum nichts. Aber dem wahren Künstler genügt der Beifall des Kenners." Mit diesen Worten setzt Cas- (anber seinen Hut auf, nimmt seinen Stock und geht zur Probe, zur Generalprobe. Der Kapitän bleibt inzwischen bei Kolombinen. Die Generalprobe nimmt den erwünschten Verlaus. Lelio beginnt einen Streit mit dem Souffleur und nennt ihn einen Idioten, denn irgendein Merger muß vorfallen. Kassander spricht seine Worte, und wie er diese Worte spricht, da steht er allein auf der Bühne, alle anderen Schauspieler sind verschwunden, wenigstens merkt man sie nicht. Das ist die Macht des Talents. Aber im Abgehen stolpert er über einen rostigen Nagel, der da vorsteht, man weih nicht weshalb; er fällt, reiht sich eine grohe Schramme ins Bein mit dem Nagel; Mezzetin hilft ihm auf, Koraline zieht ihm den Strumpf aus, Isabella verbindet ihn mit ihrem Taschentuch, es war rein,, die Taschentücher der männlichen Kollegen sind voller Schnupftabak, der Principe Tartaglia weint, Kassander aber lacht und erklärt, dah die Verletzung ganz harmlos sei. „In deinen Jahren! antwortet ihm der Principe besorgt. „Wessen Jahre?" fragt Kassander scharf, und alles verstummt. Aber die Verletzung ist nicht harmlos. Das Bein schwillt an, der Doktor kommt, der richtige Doktor, nicht der Schauspieler, schüttelt den Kopf, spricht vom Schneiden, verordnet vorläufig Umschläge und Bettruhe; dann geht er, indem er eine Prise nimmt. „Bettruhe?^ ruft Kassander, als der Doktor das Haus verlaßen hat und außer Hörweite ist. „Bettruhe? Was denkt dieser Scharlatan von einem Künstler?" „Aber Papachen, er hat gesagt, es ist gefährlich", ruft Kolombine. „Gefährlich? Und wer spielt meine Rolle heute abend? entgegnet Kassander. „Du wirst doch nicht ins Theater gehen wollen!" ruft entsetzt Kolombine. „Wer spielt meine Rolle?" fragt Kassander. „Aber Papachen, da kann doch ein anderer einspringen!" sagt Kolombine. „Einspringen? In eine solche Rolle? Ist das künstlerische Gewissenhaftigkeit? Und wenn schon Einspringen möglich wäre, wer sollte es? Auf meinem Satz steht das ganze Stück. Wenn der Satz nicht herauskommt, so ist das Stück gefallen!" „ , , Kassander steigt aus dem Bett, zieht die amarantfarbene Hose an, die hellblauen Strümpfe. „Die Schuhe her!" kommandiert er; weinend bringt ihm Kolombine die Schuhe, hilft ihm in den pfirfichfarbenen Rock. Dann geht er, auf Kolombinens Arm gestützt, humpelnd zum Theater. Unterwegs begegnen ihnen die Theaterbesucher; stumm zeigt er auf die Leute, endlich jagt er: „Es wird ein volles Haus, es ist aber auch eine Glanzrolle für mich." , v . Der Vorhang geht hoch, das Haus ist besetzt bis auf den letzten Platz. Das Schauspiel beginnt, die Verwicklungen folgen, es naht der Höhepunkt, Cassander erhebt sich, aus seinen Stock gestützt, und sagt: „Meine Herrschaften, gehen wir zu Tische". Tosender Beisall, die Galerie rast. Majestätisch sieht sich Cassander im Theater um, geht dann langsam humpelnd durch die Kulisse ab. . . Aechzend saßt er den Arm des Inspizienten; der Inspizient steht ihm ins Gesicht, erschrickt; da fühlt er auch schon die Last des schwerer werdenden Körpers. Vorsichtig legt er den Ohnmächtigen aus den Boden, winkt einen unbeschäftigten Schauspieler herbei; es wird ein Wagen geholt, Cassander hineingelegt und in die Klinik gefahren. Eben ist das Theater aus, als der Wagen abrollt, die Leute strömen aus dem Tor. , Nein, dieser Cassander, wie er heute wieder die paar Worte sagte!" ruft einer aus; dem ohnmächtigen Cassander fliegt ein glückliches Lächeln über das Gesicht. Der Arzt in der Klinik macht eine sehr ernste Miene, als er das dunkel gefärbte, geschwollene Bein sieht. Schnell wird Cassander entkleidet, auf dem Operationstisch festgeschnallt... Nach einigen Stunden darf Kolombine ihren Vater besuchen. Er liegt in einem freundlichen Stübchen, in einem weißen, sauberen Bett. Wie sie cingetreten ist und die Tür hinter sich zugezogen hat, sieht er sie lange an dann schlägt er die Bettdecke zurück, das Bein ist abgeschnitten. Laut jammernd sinkt Colombine neben dem Bett in die Knie. „Auf dem Felde der Ehre", sagt mit dumpfer Stimme Cassander. Eine lange Weile schluchzt Colombine. Endlich hört sie ihren Vater wieder sprechen: „Der Schauspieler Cassander ist gestorben, von heute ab lebt nur noch der Dichter Cassander". Der Türkenkämpfer Petar. Eine Geschichte aus Bosnien von Otto Rombach. Die Geschichte, die mir Mustapha, der türkische Basarbesitzer In Sarajevo erzählte, ist von der Save bis hinunter zur schaumenden Maritza von grundsätzlicher Bedeutung. Wo in Jugoslawien Türken wohnen, hat der Streit des Schaffners Petar Entsetzen ausgelöst: die eigene, aufgeklärte Türkenjugend nimmt für den Bosniaken Petar von der Straßenbahn Partei; die alten weifen Väter wehren sich mit jener Inbrunst, mit der sich ihre Ahnen seit Jahrhunderten den fremden Mächten und Gewalten widersetzten. Auch die Jugend will die Fahne des Propheten nicht herunterholen; aber Mustapha hat in Deutschland studiert und bedient die Fremden, die in seinem Basar türkische Andenken kaufen, m allen geläufigen Sprachen. Er ist einer jener Moslems, die in Europa reiften, Kemal Pafcha kennen und sich bewußt sind, daß man die turki- fchen Orte in Bosnien als Oasen aus „Tausendundeine Nacht" preist. Das verdanken sie ihren Vätern, die mit Eifersucht darüber wachen, daß die Gesetze des Korans mit ihren Weisungen gehalten werden, wenn auch am Goldenen Horn der Schleier längst verboten wurde und die Frauen gleiche Rechte haben wie die Männer. Hier gilt das nicht! Hier haben sich die Frauen wie in alten Zeiten in grauen, gestreiften Barchent zu kleiden und die Gesichter mit schwarzen Schleiern zu verhüllen. Sie haben hinter ihren Eheherren wie Dienerinnen einherzugehen; nur elegante Stöckelschuhe konnten sie bis jetzt erobern; unb wären die Gesetze aus Belgrad nicht, die mehr als eine Frau verbieten, — die alten Paschas würden ihren Harem halten wie ehedem. Käsighaste Gitterfenster sind säst noch an allen Türkenhäusern... Gegen diese Freihettsgitter wendet sich die Jugend, die aber immer wieder von ihren alten Weisen überwunden wird. Da kam eines Tages Petar. Es ist unbedeutend, daß der Vater Petars, wie seine Abzeichen am Wams bewiesen, im Kampf gegen Türken und Räuber ein bosnischer Bolksheld geworden war. Unerschrockenheit und Rechtsgefühl und Mut hat jeder Bosniake. Er ist zäh und ringt als Bauer den Bergen dort noch Frucht ab, wo der Wind und die Sonne den Boden verzehren. Aus einer jener Hütten, die gleich Wallfahrtskapellen auf die Gipfel der baumlosen Berge gesetzt sind, stammt Petar, der jede Woche auf den Markt und, als es Zeit war, in die Kaserne kam. Er blieb nach seinen Jahren in der Stadt, weil es zu Hause keine Arbeit gab und weil sein Bruder nun das Maultier in die Stadt herunterführte, Hühner, Käse oder Ackerfrüchte zu verkaufen und Brennholz zu erstehen. Petar hätte Mahlknecht in einer Mühle werden können, Holzarbeiter in einem Sägewerk, Bergmann in den Kohlengruben, Knecht in einem Pflaumendorf oder, wenn er nach Slavonien ging wie viele seiner Kameraden, Pferdehirte. Er wurde Straßenbahner. Während im Marktviertel die bosnischen Bauerngruppen aus seinem Dorf ihre Früchte oder Kleinvieh an den Mann zu bringen hofften, stand Petar auf seinem elektrischen Wagen, gab Fahrscheine aus und knipste, prüfte Dauerkarten und klingelte: ein Monn in Uniform, ein Beamter. Das ist wichtig zu bemerken. Denn eines Tages betrat eine Tochter des türkischen Kaufmanns Bahira die Straßenbahn, die er betreute. Petar wohnte neben diesem Kaufmann und wußte deshalb, daß er zwei Töchter hatte, von denen dis eine dürr und die andere rundlich und klein war. Und wenn er sie auch niemals ohne Schleier sehen konnte, — er kannte sie an ihren Stimmen und an den Gestalten. Er hätte diese Frauen unter ungezählten vermummten Türkenweibern herausgefunden. Weil die Mutter nach der Gattin Mohammeds Chadidje hieß, trugen die Töchter die Namen der zweiten und dritten Frau des Propheten: Maria und Aischa. Maria — das war die dürre Tochter mit der hohen Stimme — zeigte eine Monatskarte vor, die auf den Namen ihrer Mütter Chadidje abgestempelt war. „Du bist nicht deine Mutter", sagte Petar und gab die Karte nicht zurück. „Du mußt bezahlen, Mädchen." „Es ist bezahlt." „Gewiß: für deine Mutter." „Das bin ich doch. Sie sollen mir die Monatskarte wiedergeben. Wie wollen Sie mich kennen?" „Weil deine Mutter nicht so mager ist wie du." Das war der Anfang. Petar gab die Karte nicht zurück. „Sie lautet auf Chadidje", sagte er und blickte pflichtbewußt und unbefangen um sich, weil sich Leute, die im Wagen saßen, in die Auseinandersetzung mischten, weil Maria mit ihrer grellen, hohen Stimme ansing, den Schaffner zu beschimpfen: „D u sagt er zu mir, der Bauer, du, als ob ich noch zur Schule ging! Ich beschwere mich!" — „Und weil ich weiß", nun schnitt ihr Petar aufgebracht und dennoch ruhig, aber laut das Wort ab, „daß diese junge Dame nicht Chadidje heißt wie ihre Mutter, die ich kenne, sondern deren Tochter ist — Maria heißt sie, wenn ich mich nicht irre! — kann ich als Schaffner nicht erlauben, daß sie auf eine Monatskarte fährt, die laut Tarif nicht übertragbar ist! — Verzeihung, Nachbarin —" versöhnlich wollte Petar allen Streit beenden; er sprach auch so — „ich bitte um die drei Dinar für Ihre Fahrt." „Nur wenn sie mir die Monatskarte geben." Hier lag eine Klippe, die Petar schnell genug erkannte Manchem Fahrgast las er aus den Mienen, daß diese Lösung Wohlgefallen fände. Er sagte sich: „Ich habe nichts gegen den Kaufmann, nichts gegen feine Frau und seine Töchter, obwohl die dürre ungebührlich frech gewesen ist. Jedoch — es ist nicht ehrlich, es ist sogar Betrug, wenn drei Personen fahren, denn das tun sie, und wenn nur eine zahlt!" Er gab zur Antwort: „Sie müssen Ihre Karte im Büro abholen." Dabei blieb es. Am Abend kam der Kaufmann, die Frau, die Tochter, die sich entschuldigte, zuletzt die zweite Tochter: „Bitte, geben Sie die Karte wieder." — „Nein. Das geht nicht mehr. Ich habe sie schon abgeliefert." Er dachte nur an seine drei Dinar, die er gewissenhaft vereinnahmt hatte und an die Pflicht, Unregelmäßigkeiten zu verfolgen. Der Direktor, ein neuer Mann, der ihn am nächsten Morgen vorlud, sagte: „Gospodo, die Direktion ist Ihnen dankbar, daß Sie einmal durchgegrifsen haben." Das war Anerkennung. Niemals hatte ein Direktor „Gospodo" gesagt. Nur „Schaffner", niemals „Herr". Auch jetzt und als der Sturm heraufzog, begriff er nicht, daß er, der Schaffner Petar, diesen Sturm verursacht hatte. Denn plötzlich hieß es nämlich: „Die Straßenbahn verlangt, daß hinfort jede Moslemsfrau ihr Lichtbild in die Dauerkarte einklebt und auf Verlangen ihren Schleier lüftet. Will sie das nicht, bekommt sie keine Dauerkarte und muß jede Fahrt bezahlen." Diese Nachricht wirkte wie ein Blitzschlag. Das war ein Angriff auf di" ewigen Gesetze, auf das Heiligste der Alten, auf den Koran, auf Sitte, Religion, auf jene heikelsten Gebote, die in der Türkei zwar fallen konnten, aber hier nicht fallen durften, weil die Moslems in diesem Land wie in Oasen leben und Zusammenhalten müssen. Dieser Angriff, sachlich von der Straßenbahn-Behörde vorgetragen und damit begründet, daß 25 OOO Moslems, also schätzungsweise zwölftausend Frauen in der Stadt zu finden seien, kam von einem Gegner, der kein Gegner war und dem man nicht begegnen konnte, weil er nüchtern seine Rechnung machen mußte. — „Es geht um alles", sagte Mustapha, der mich durch die Carsiia führte, jenes Viertel, wo die verwirrend bunte Welt des Orients mit ihren Minaretts, Moscheen, den Basars und Handwerksläden mit allem ihrem Zauber wie ein lebendiges und märchenähnliches Museum Kleinasiens bestehen blieb. „Dort wohnte Petar", zeigte Mustapha und fuhr nach einer Weile fort: „Er ist mit einer Bauernkarawane in fein Heimatdorf hinausgezogen, weil er den Kamps nicht mehr verstehen konnte. A u ch w i r sind ihm sehr dankbar, wir, die Jungen, obwohl wir nicht verkennen, wie heldenhaft und tragisch unsere Väter kämpfen müssen." Er grüßte einen alten Türken, der schwere, große Kupferteller ziselierte, er, der junge Moslem, der ein Bärtchen wie ein Filmheld trug. Ich fragte: „Und wie steht es nun in diesem Kamps?" „Vorläufig zahlen sie —" Vom Erhobenen zum Lächerlichen. Theatererinnerungen von Ern st vonWolzogen. Ich brachte einmal einen Sommer in dem ältesten königlich- preußischen Badeort Lauterbach auf Rügen zu. In der benachbarten Fürstenresidenz Putbus spielte des rührigen Karl S t e f t e r treffliche Truppe, und ich nahm die Gelegenheit wahr, dort die Probeaufführung meines neuesten Lustspiels zu veranstalten. Dadurch wurden sowohl mir als meinem treuen Dackel, Kiekclmsch geheißen, die Oertlichkeit des Mufen- ternpels, sowie auch die darstellenden Künstler vertraut. Kiekebusch hatte oft genug neben mir im Parkett gesessen und kritischen Blickes die Proben mit überwacht. Eines Abends war ich von Lauterbach nach Putbus spaziert, um mir die Aufführung von „Wilhelm Tell" anzusehen. Der Dackel hatte aber daheim bleiben müssen, weil ich nicht wußte, wo ich ihn währerrd der langen Dauer der Aufführung lassen sollte. Ich hatte ihn also in meinem Gasthofzimmer eingesperrt. Ader ich hatte nicht damit gerechnet, daß die Zimmerkellnerin einen zweiten Schlüssel besaß, womit sie meine Tür aufiperren konnte, um die Stube zur Nacht herzurichten. Diese Gelegenheit mußte Kiekebusch benutzt haben, um zu entschlüpfen urw meiner Spur zu folgen. Denn zu meinem Schrecken und des Publikums größtem Vergnügen erschien er in der vorletzten Szene des Dramas, der Aussprache des Parricida mit Tell, plötzlich auf der Bühne und schnupperte nach meiner verlorenen Spur umher. Einem wütenden Fußtritt des biederen Schweizer Helden wich er geschickt aus und rettete sich bis ganz vorne an die Rampe. Das Publikum jauchzte vor Vergnügen. Einen Augenblick nur war der Hund verduzt, hob die Ohren und starrte in den dunklen Saal hinaus — dann hob er gleichmütig das Bein gegen den Souffleurkasten. Der Arm des unsichtbaren Einbläsers schnellte aus dem Kasten hervor, um sich des schnöden Schänders der klassischen Weihe zu bemächtigen. Aber mein Kiekebusch wich wiederum geschickt aus, pflanzte sich mitten vor den Eingang zur Unterwelt und bellte den Unsichtbaren wütend an. Wau, wau, roau! Damit schloß für diesmal „Wilhelm Tell" in Putbus. Unter dem schallenden Gelächter der Zuschauer mußte der Vorhang endgültig fallen. An einem mittleren Stadttheater Alt-Oesterreichs, das sowohl Oper als auch Schauspiel pflegte, sollte „Wilhelm lelT aufgeführt werden. Da für die vielen Personen bei weitem nicht genug Schauspieler vorhanden waren, mußten auch die Opernsänger und Choristen zur Mitwirkung herangezogen werden. Zu allem Unglück war aber auch noch der Intrigant erkrankt und der jugendliche Liebhaber hatte sich schon auf den vielen Proben heiser geschrien. Man fand keinen anderen Ausweg, als den Geßler dem sehr beliebten Lokalkomiker zu übertragen, und den Baßbuffo zum Stellvertreter des Melchthal zu ernennen. Diese Notverordnung hatte schon im ersten Akte beinahe eine Katastrophe hervorgerufen. Der Crsatz-Melchthal war nämlich seines Textes durchaus nicht sicher. Und als er im vierten Auftritt an die hochpoetische Stelle gelangte: „Der Pflugstier selbst, der sanfte Hausgenoss' des Menschen der die ungeheure Kraft des Halses duldsam unters Joch gebogen, springt auf, gereizt, wetzt sein gewaltig Horn und schleudert seinen Freund den Wolken zu ..." — da versagte sein Gedächtnis, und er blickte hilfesuchend in den Einsagerkasten ... „Der Pflugstier selbst ..." flüsterte es deutlich daraus hervor. Aber das gänzlich verdatterte Hirn des Bassisten vermochte den schwierigen Begriff „Pflugstier" nimmer zu erfassen. „Aber, Herr Dagelberger, verstenga S' mi denn net?" rief der Einbläser verzweifelt hinauf: „Jeffus na, der Ochs halt ...!" Und jetzt erinnerte sich der gute Mann dunkel des Sinnes dieser Stelle und versicherte das Publikum mit treuherziger Eindringlichkeit: „Der Ochs ist ein gemiehtliches Vieh. Aber wann er wütend wird, bann nimmt er feinen besten Fremd und schmeißt ihn in die Wolken." Da diese kleine Dextänderung die Ohren der Zuschauer durchaus heimatlich berührte, so nahmen sie daran keinen ernstlichen Anstoß. Aber sobald Geßler sich zum ersten Male auf der Bühne sehen ließ, begrüßte man ihn mit fröhlichstem Gelächter. Das glaubte man dem beliebten Lokalkomiker schuldig zu fein. Das Publikum hat ja nie eine Ahnung von den natürlichsten Regungen einer edlen Künsllerseele. Für einen Komiker gibt es keine größere Kränkung, als wenn er in einer ernsten Rolle ausgelacht wird. Und das Publikum fuhr fort zu lachen, wann immer der finstere Tyrann den Mund auftat. Seine Seele um- büfterte sich immer mehr, unb seine Gleichgültigkeit gegen ben vom Dichter vorgeschriebenen Wortlaut wuchs proportional zu seiner Erbitterung gegen das Publikum. In der letzten Szene des vierten Aktes wirft sich Armgard mit ihren Kindern vor Geßlers Roß, Gnade für ihren Mann erbittend. Die unglückliche Choristin, die die gar nicht leichte Rolle übernehmen mußte, wird durch das Gelächter des Publikums und über den Augen rollenden Geßler so verwirrt, daß auch sie Schillers Text vergißt unb unter dem seltsamen Zwange, bie weichen mit ben harten Lauten zu vertauschen, statt: „Wüterich, erbarmst bu dich ..." kläglich jammert: „Füderich, erparmft du dich nickt meiner, so erparme dich doch fenigftens dieser unschuldigen Fürmer!^ Die Zuhörer lachten Tränen. Gehler droht, das unglückliche Weib niederzureiten. Wutschnaubend brüllt er: „Was will das kecke Weib? Was faselt sie von ihren Würmern? Würmer sind kein Grund Würmer hat jeder Mensch! Schafft sie hinweg!" Da trifft ihn der tödliche Bolzen. Er sinkt vom Roß Aber noch einmal rafft er sich, um mit erhobenem Zeigefinger, pfiffig lächelnd, zu verkündens „Das war Tells Geschoß!" Das Publikum starb mit — vor Lachen. Es werden nicht mehr viele Menschen leben, die den großen Mimen Otto Leh selb in seiner Glanzzeit gekannt haben. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts strahlte sein Stern als Darsteller der großen Helden und Bösewichter des klassischen Spielplanes. Er ging dermaßen auf im Charakter der darzustellenden Persönlichkeit, daß er sich tatsächlich als König fühlte, wenn er einen König zu verkörpern hatte, und daß es gefährlich war, in seine Nähe zu kommen, wenn seine Rolle ihm einen Mord vorschrieb. So geschah es einst bei einer Aufführung von Hebbels „Nibelungen", daß er als grimmer Hagen sein Schwert weit emporschwang, um den Fergen zu erschlagen, der die Gibichungen im Nachen über den Rhein setzt. Aber der Ferge, ein ängstliches Männlein, das gar kein Schauspieler, sondern ein Bühnenhandwerker war, kannte Lehfelds gefährliches Temperament und entzog sich dem sicheren Tode durch eilige Flucht. Er sprang über den Rand des Nachens auf den Rhein und rannte auf dessen polterndem Bretterspiegel angstgepeitscht davon. Das Publikum jauchzte, und der Generalintendant Dingelstedt stürzte aus seiner Loge hinter die Kulissen, um den feigen Stimmungsmörder zur Rede zu stellen. „Herr Cheneral", jammerte der Unglückliche mit aufgehobenen Händen: „ich bin Vater von eils lebendigen Kindern — und Sie wissen nicht, wozu der wietige Mensch in seinem Raptus fähig is!" * Bekannt ist wohl die Geschichte von Lehfeld, wie er einst, als er „Richard III" tragiert hatte, das von seiner Frau ihm vorgesetzte Abendbrot zum offenen Fenster hinausschleuderte mit den Donnerworten: „Ist das ein Fressen für einen Kööönig?!" Aber kaum mehr bekannt sein dürfte, was diesem Tagesabschluß vorausging. Das Publikum hatte am Schluß der Tragödie so große Eile gehabt, zu seinen Ueberkleidern zu gelangen, daß es ganz den schuldigen Schlußbeifall zu spenden vergessen hatte. Lehfeld stand lauschend Hinterm Vorhang und nagte sich grimmig die Lippen. Dann schaute er durch das Guckloch und wartete ab, bis der Zuschauerraum sich völlig geleert hatte. Nunmehr drückte er dem Vorhangzieher ein Acht-gute-Groschenstück in die Hand und sagte: „Ziehen Sie mir den Lappen noch dreimal hoch, mein Freund. Ich bin mir das in dieser Rolle schuldig!" Also geschah es — und zu dreien Malen verbeugte sich Lehmann ehrfurchtsvoll vor dem finsteren Hause. Alsdann verfügte er sich in sein Stammlokal zum „Adler", um zur Nacht zu speisen. Der Piccolo erregte durch irgendeinen Mißgriff sein allerhöchstes Mißfallen: „Du weißt wohl nicht", herrschte er ihn an: „mit wem du es zu tun hast, mein Sohn? Ein Kellnerleben ist mir ein Floh!" Und wütend verließ er das Wirtshaus. Das war jener Abend, an dem der Hering mit dem Kartoffelsalat zum Fenster hinausflog und der Shakespeares dritter Richard „ungenachtmahlt" sein königliches Lager aufsuchen mußte. Aus der Kulturgeschichte des Strumpfes. Von Dr. Georg Böse. Ueber dem Strom der Ereignisse vergessen wir leicht die unauffälligeren, deshalb aber nicht weniger wichtigen Begebenheiten und Errungenschaften, ohne die unser Leben gar nicht mehr denkbar ist, die uns aber so zur Selbstverständlichkeit geworden sind, daß wir über sie keinen Gedanken und kein Wort mehr verlieren. Stöbern wir einmal sorgsam in den Zeugnissen der „Kulturgeschichte des Alltags", so stellen wir fest, daß wir ungefähr um diese Zeit — ganz genau läßt sich das Datum natürlich nicht ermitteln — den 400. Geburtstag des Strumpfes begehen körnen. Wir sind erstaunt, daß dieses nützliche Kleidungsstück nicht älter ist, aber tatsächlich hat es in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts im allgemeinen nur sogenannte Strumpfhosen oder Beinlinge gegeben. Im griechisch-römischen Altertum waren Strümpfe unbekannt: zumeist trug man togenartige Gewänder, so daß der Fuß nur mit einer Sandale bekleidet zu werden brauchte. Die Statue eines schönen Jungen in den Osmanischen Museen in Konstantinopel, die aus Tralleis stammt, scheint Wadenstrümpfchen zu tragen, diese Annahme erweist sich jedoch bei näherer Betrachtung als irrig. Die ältesten strumpfähnlichen Gebilde, mit einer besonderen Umhüllung für die große Zehe, fanden sich in Achmim-Panopolis in Aegypten, sie sind aber erst aus der byzantinischen Zeit. Die Tatsache, daß sich das Wort „Socke" aus dem Antiken ableitet, darf uns nicht zu Trugschlüssen verleiten, denn das lateinische ..soccus" bezeichnete einen leichten, niedrigen Schuh. Auch im Mittelalter sind die Strümpfe noch kein allgemeiner Gebrauchsgegenstand gewesen. Bei Fürsten und Standesherren stoßen wir hier und da auf eine Beinbekleidung, die wir als Vorläufer unseres heutigen Strumpfes bezeichnen können. Zumeist handelte es sich um große Kostbarkeiten, um Symbole der Herrschergewalt. Zu den deutschen Reichskleinodien gehört ein paar Strümpfe aus scharlachroter Seide, die mit gitterartigen Verschlingungen und Sternchen in Goldstickerei überzogen sind. Der obere Rand ist mit unvollständigen arabischen Jnschristborten der damals weithin berühmten königlichen Werkstätte von Palermo geschmückt. Aus ihnen geht hervor, daß diese Kleidungsstücke für den „hochgeehrten, geheiligten König Wilhelm, der durch Gott hochgeebrt ist und durch seine Allmacht unterstützt wird", bestimmt war. Gemeint ist der Normannenkönig Wilhelm II. Die eigentliche Geburtsstunde des Strumpfes schlägt erst im 16. Jahrhundert; bis dahin trug man als Beinbekleidung zwei von den Z'hen bis zum Schritt reichende enganliegende „Beinlinge". Es wird erzählt, daß ein deutscher Landsknecht eines Tages des mühseligen Hineinsteigens in das altertümliche Kleidungsstück überdrüssig wurde und sich kurzerhand entschloß, die Hose unter dem Knie abzuschneiden. Von anderer Seite wird die Entstehung mit der Verarmung während des Dreißigjährigen Krieges erklärt, die eine einfachere und kürzere Tracht verlangte. Wie es auch gewesen sei: um diese Zeit erblickte der Strumpf das Licht der Welt. Daß er ursprünglich nichts anderes war als der untere Teil der den Fuß mitumschließenden Hosen, der sich nun selbständig zu machen begann, bestätigt auch die Geschichte der französischen Sprache. Damals taufte man das eigentliche Beinkleid „Haut-de-chausse“, den Teil unterhalb des Knies aber „Bas-de-chausse“, woraus dann später einfach „bas“ geworden ist. Der Strumpf war in den Anfängen seiner Entwicklung noch fast ausschließlich ein männliches Kleidungsstück. Er wurde zumeist aus Wolle und Baumwolle hergestellt, aber bald gewannen Mode und Luxusbedürfnis dis Herrschaft: man fertigte ihn aus farbiger und weißer Seide an, aus Filet de Florence mit gestickten Zwickeln, und die Prachtliebe und Galanterie dieses Zeitalters begann ihn verschwenderisch auszustatten. Die Frauen gingen noch länger strumpflos durch die Welt, jedenfalls weiß noch nicht einmal Casanova, dem man auf diesem Gebiet einige Kenntnisse und Erfahrungen zutrauen kann, von Damenstrümpfen zu berichten. Die englische Elisabeth, die jungfräuliche Königin, soll ein« der ersten Frauen gewesen sein, die sich zu der neuen Tracht bekannten. Durch die Erfindung der Strumpfwirkmaschine, die dem Engländer William Lee zugeschrieben wird, sand die neue Sitte bald größere Verbreitung. Von England kam das junge Gewerbe nach Frankreich, und protestantische Strumpfwirker brachten es nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1675) nach Deutschland. Im Rokoko erlebte der Strumpf seine glanzvollste Zeit, und an den Höfen der großen und kleinen Sonnenkönige überbot man sich in den kostbarsten Schöpfungen. Ludwig XIV. wurden einst ein Paar solcher Kleidungsstücke überreicht, die wohl die wertvollsten gewesen sind, die es jemals in dieser Art gegeben hat: sie waren aus Spinnseide hergestellt, und zu einem einzigen Paar sollen 700 000 große Kreuzspinnen nötig gewesen sein. Bereits Ludwig XIII. hatte seiner Gemahlin Anna von Oesterreich ein Paar gestrickter Strümpfe mit ihrem Familienwappen in Perlen auf Goldgrund geschenkt. Ein ähnliches Geschenk erhielt Madame de Monespan von Ludwig XIV,; es war mit Edelstein gearbeitet, die das Lieblingssymbol des Monarchen, die Sonne, darstellten. Auf dem rechten Strumpf ging die Sonne auf einem Meer von Saphiren auf, und auf dem linken ging sie hinter Wolken von Smaragden unter. Man trug damals in den Kreisen der galanten Gesellschaft auch gern das Bild der Geliebten oder des Geliebten als Schmuck auf den Strümpfen, und Frau von Maintenon konnte sich sogar eines Paares rühmen, das ein Gemälde von der Hand W a t t e a u s zierte. In England malte Sir Peter L i l y auf ein Paar Seidenstriimpfe in zwei von kostbaren Edelsteinen gebildeten Kränzen die Bilder des „Merry Monarch“ und der herrschenden Favoritin Louise de Ouerouille, die der König seiner Maitrefse mit einem Paar mit Juwelen besetzten Strumpfbändern überreichte. Auch in der Volkskleidung bürgerte sich der Strumpf schnell ein. Eigentümlicherweise verknüpfte er sich trotz seines verhältnismäßig niedrigen Alters schon sehr bald auf das engste mit abergläubischen Vorstellungen und. mystischen Gebräuchen, von denen sich manche bis auf die Gegenwart erhalten haben. In seinem kürzlich erschienen Roman „Via. Mala" erwähnt John Knittel ein noch in der Schweiz angewendetes Mittel der Geisterbehandlung, das in der Aufhängung einer Socke im Schornstein besteht. Daß ein falsch angezogener Strumpf Glück bringt, wird seit mehreren Jahrhunderten geglaubt. Aber nur der Zufall darf seine Hand dabei im Spiele haben. Wer an sich feststellt, daß er beispielsweise seinen linken Strumpf über den rechten Fuß gezogen hat, möge sich hüten, diesen Irrtum zu berichtigen, er zerstört damit unsehlbar die Anwartschaft auf Glück und Freude. Auch in der Traumdeutung nimmt der Strumpf einen hervorragenden Platz ein. Nach einem alten schottischen Glauben kann man sich mit seiner Hilfe sogar bedeutungsvolle Träume herbei- rufeu, aber freilich nur in einem Bett und einem Zimmer, in dem man vorher noch nie geschlafen hat. Während einer Reise oder einem ersten Besuch bei Freunden und Bekannten versäume man nie, vor dem Schlafengehen den linken Strumpf über das Fußende des Bettes zu hängen; bann werden herrliche Traumgesichte den Schlummer begleiten. In manchen Dörfern wird noch heute die alte Sitte des Strumpfwerfens bei Hochzeiten geübt. Das jungvermühlte Paar muß sich niedsr- legen. Die Brautjungfern und Brautführer ziehen den Hochzeitern die Strümpfe aus und nehmen vor ihnen so Aufstellung, daß man mit abgewandtem Gesicht zu den Füßen des Paares steht. Dann richtet jeder eine Frage an die Zukunft. Die Brautjungfern nehmen einen Strumpf des Bräutigams und die Brautführer einen Strumpf der Braut, knüllen ihn zusammen und schleudern ihn, ohne sich umzusehen, über den eigenen Kops nach dem geduldig verharrenden Paar. Wer mit seinem Wurfgeschoß den Kopf der Braut oder des Bräutigams trifft, hat allen Anlaß fröhlichen Mutes in die Zukunft zu blicken, denn das Glück wird ihm hold fein. Die Braut, die auf eine schöne Ehe Wert legt, darf es nicht unterlassen, an ihrem Hochzeitstage einen neuen und einen alten Strumpf anzuziehen. Als drittes unfehlbares Mittel, um das Eheglück an sich zu feffeln, wird geraten, am Tage der Verheiratung einen Strumpf mit einem Loch zu tragen, durch das eine Zehe hindurchfieht. — Der Strumpf hat im Laufe feiner Entwicklung schon unzählige Verwandlungen durchgemacht: von den kostbaren Stoffen und verschwenderischsten Ausführungen bis zum arobwollenen „Zwei schlicht, zwei kraus" hat er sich als ein vielseitiger Begleiter der zivilisierten Menschheit erwiesen. Seine Herrschaft ist jetzt io unantastbar, daß wir es kaum mehr für nötig halten, feiner zu feinem 400. Geburtstag zu gedenken. '’eranttnortlidj: Dr. Hans Tbvriol. — Druck und Berlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, 2t. Lange, Gießen.