GietzenerZamilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger ^abraana l93b Montag, den S. Oktober Nummer 77 FELIX TIMMERMANS Die Delphine EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig 13. Fortsetzung. Er seufzte: „Da steckt nun genug drin, um meinen Kopf wie Mus auseinanderspritzen zu lassen! Es ist doch sonderbar, daß eine so unschein- bare Klatschbüchse, mit Wasser, Kies und ein wenig Papier gefüllt, eine Menschenseele in den Himmel bringen kann." Pirruhn wog die Pistole in der Hand. Dann blickte er sich um. Er betrachtete sich eine Weile in der blauen Glaskugel, die an der Decke ^‘"eine bläuliche Rheinlandschaft mit dicken, weißen Wolken, die Schwan gemalt hatte, nahm er von der Wand und stellte sie verkehrt in den erloschenen Herd, lieber das Spinett breitete er ein rotes Tischtuch. Den Globus ließ er stehen. „Mein Fleisch darf bis nach Afrika fliegen , sagte er. „Was habe ich jetzt noch zu tun?" Er sah um sich. „So, mein Bild! Das muß noch dran glauben. Es gibt nur dies eine Bild von mir, und ich will nicht, daß man später sagen könne: Das war der Mann, der das getan hat." _ ,, Er riß das Handtuch herunter und stieg auf einen Stuhl, um das Gemälde von der Wand zu nehmen. Die Holztäfelung, worauf ihn Schwan mit hohem, weißem Hut und purpurnem Mantel auf dunkelbraunem Grund gemalt hatte, war mit starken Nägeln an der Rückseite des goldenen Rahmens befestigt. Er zog und zerrte, aber er konnte sie nicht losreißen. Seine Hände waren plötzlich schmutziggrau von Staub, als hätte er in Asche gewühlt. „Schade um den Rahmen, aber dann muß er eben auch dran glauben! Jetzt noch ein Hackbeil!" Pirruhn ging in den Schuppen, um das Beil zu holen. Er schimpfte über Kato, weil er es nicht sand. „Dann muh es mit der Säge gehen", meinte er. Er reckte sich, um die Sage vom Haken zu nehmen, da wurde geklingelt. t Pirruhn blieb mit erhobenem Arm wie versteinert stehen und wurde ganz blaß. „Ich mache nicht auf", murmelte er. Wieder wurde geklingelt. „Ich bin für niemand zu sprechen, fu niemand", zischte er, mit der Säge ins Haus stürmend. Jetzt läutete die Klingel ununterbrochen, so daß das ganze Haus davon erdröhnte. Er lief ein paarmal mit der Säge in den schmutzigen Händen verzweifelt um den Disch, fluchte, schimpfte und schrie, daß ihm der Speichel aus dem Munde spritzte, während die Klingel immer lauter und lauter lärmte, so daß ihm Hören und Sehen dabei verging. Plötzlich, mit dicken Adern im roten Gesicht, lief er zornig in den kühlen Gang, riß fluchend die Tür auf, und da stand, blaß und keuchend, Adelaide van Sint-Jan. Pirruhn erschrak gewaltig und wurde genau so weiß wie sein Halstuch.. Angst lag in ihren Augen, sie war erstaunt über seinen schwarzen Anzug und seine weiße Halsbinde, aber als sie die Säge in seinen schwarzen Händen sah, glitt ein freudiges Lächeln über ihr Gesicht. Er war ichllchtern und verlegen und sagte, ohne nachzudenken: „Kommen Sie herein!" Sie stieß ihn beiseite und lief durch den Gang in die Stube. Sie schlug die Hände vors Gesicht, als sie am hellen Tage die geschlossenen Borhänge und die brennenden Kerzen sah; und als sie aus dem Tisch die Pistole bemerkte, stieß sie einen Schrei aus, der ihr halb in der Kehle stecken blieb. „Diese Pistole, Simon?" „Um Mücken totzuschießen." „Oh, das habe ich doch gleich gedacht, als Schwan es mir erzählte! D Simon, lieber Simon", sagte sie weinend. „Was ist denn mit ihr los?" dachte Pirruhn verwundert, „hat sie nun nicht ,lieber Simon“ zu mir gesagt?" „Simon, lieber Simon, tue es nicht, tue es nicht!" flehte sie durch ihre Tränen. „Du mußt mir verzeihen, guter, bester Freund!" Pirruyn wußte nicht, wie ihm geschah. Sie kam dicht an ihn ' eran und streichelte seine Backen. „Nun weiß Ich erst, wie lieb ich dich habe. Als ich merkte, daß du, nachdem ich dich abgewiesen hatte, nie wieder mein Haus betreten würdest und du auch nicht mehr kamst, da fühlte ich, wie lieb ich dich habe und wie deine Liebe mir stets ein Trost gewesen war. Ach, ich vermutete wohl, was du vorhattest, oder vielmehr, ich glaubte dich dazu imstande, aber ich hoffte, dir irgendwo zu begegnen, und dann wäre alles wieder gut geworden. Ich habe in diesen Tagen deinetwegen sehr gelitten, Simon, aber als Schwan mir von dem Fest erzählte, o Simon, dann, bann, nein, ich kann es nicht sagen ..." Sie nahm seine schmutzige Hand in Ihre weißen Hände. Zum erstenmal in seinem Leben sah er sie so zärtlich, mit diesen feuchten Augen, dieser zitternden Stimme, diesem liebevollen Ausdruck im Gesicht. Er sand daß sie schön war so, so echt menschlich, so ganz ohne Stolz und Hochmut. „Kannst du mir verzeihen?" bat sie wieder. „Und bann?" fragte Pirruhn, sie ruhig ausforschend, und holte tief Atem, während er aus ihre Antwort wartete. Sie betrachtete ihre weit ausgeschnittenen Schuhe und ihre weißen Strümpfe, rieb sich die Hände, und während ihre Hängebacken vor Ber» legenheit flüchtig erröteten, sagte sie lispelnd und schüchtern wie ein Junges Mädchen: „Ich will deine Frau werden." „Die Säge fiel zu Boden. „Du meine Frau", fragte Pirruhn mit ausgestreckien Händen, „du ... du ... ja? ja? Meine Frau ... aber du hast einen Namen ... einen schönen Namen." „Ich werde deinen Namen tragen" „Meinen Namen? Meinen? Gott, ach Gott!" Er wollte sie plötzlich umarmen, sah jedoch seine schmutzigen Hände. .Warte, erst die Hände waschen!" Er eilte in die Küche, hielt die Hände unter die Pumpe und trocknete sie, wieder hereinlaufend, hastig an seinem schwarzen Anzug ab. Während drinnen die Pumpe piepte und das Wasser klatschte, zog Adelaide entschlossen die Fenstervorhänge in die Höhe, öffnete die Doppeltür nach dem Garten und blies die Kerzen aus. Da stand sie nun in der späten Sonne, die hereinströmte und ihr grünseidenes Kleid, das wie fließendes -Wasser war, und die Reinheit ihrer weißen Haube beleuchtete. . Mit nassen Händen kam Pirruhn zurück. „Komm nun, Honig meines Lebens!" jubelte er, schloß sie fest in seine Arme und drückte feinen Mund auf den ihren. Und ihren Atem, ihr Fleisch, ihre ergrauenden Locken, ihre Hande auf feinen Backen, alles hatte er nun auf einmal! Diese Frau, auf die er zwanzig Jahre gewartet hatte, lag nun fest an seinen Körper geschmiegt, und ihr Herz gehörte ihm! Es war säst nicht zu glauben; es erfüllte ihn mit einem so großen Glücksgefühl, daß ihm die Tränen in die Augen sprangen. „Noch heute abend gehen wir zum Pfarrer", sagte er, mit vor Seligkeit zitternder Stimme. Die Tat. Eine Stunde später lief die Nachricht durch die Straße, daß man Anna-Marie aus dem Wasser gezogen habe. Und durch den abendlichen Frieden der kleinen Stadt, die ihre Dächer und weißen Giebelspitzen im Gold der späten Sonne badete, klangen die hellen Töne einer Klingel, lieber die runde, steinerne Brücke, die sich im Wasser wiederspiegelte, schritt der Küster, gefolgt vom Dechanten, der unter den goldenen Falten seines Chorgewandes das Heilige Sakrament trug .... In der Dämmerung der grünen Bettvorhänge, die mit silbernen Borten abgesetzt waren, lag sie in heißem Fieber. Der schwarzgelockte Kopf mit rosigen Wangen sank tief in die weißen Kissen, die blassen Lippen waren etwas geöffnet und zeigten die oberen Zähne. Die großen Augenlider lagen geschlossen unter den schwarzen, bogenförmigen Brauen, und die kleinen Hände ruhten auf der Steppdecke aus lachsroter Seide; sie lagen welk auf ihrem mageren Körper, waren kleiner und dünner als sonst, blaß, fast weiß, und zeigten scharf die Linien der blauen Adern. Dunkel und warm leuchtend glänzte der große Rubin am Ring ihrer linken Hand. In einer silbernen Schale auf dem Nachtschränkchen lagen eine gelbe Birne und eine blaue Weintraube. Wie Schwärme toller Fliegen summten die Gedanken in ihrem Kopf. Tatsachen und Ereignisse fielen wie spröde Asche auseinander, wenn sie nur flüchtig daran rührte. Aber wie eine silberne Kugel, mitten im Tanz der Schemen, stand ihre Tat fest und klar in ihrem Kopf. Eins jedoch wußte sie nicht, begriff sie nicht, wie sehr sie sich auch bemühte, es aus ihrem Gedächtnis hervorzuholen, nämlich: hatte sie sich ins Wasser fallen lassen, oder war es geschehen ohne ihren Willen, war es ein Unglück gewesen? Das mußte sie wißen. Sie sah ganz deutlich, wie es gekommen war, wußte aber nicht, wie es geendet hatte. So wie jemand, der etwas verloren hat und nicht weiß wo, in Gedanken den Weg zurückwandert, um die Stelle zu entdecken, wo ihm der Gegenstand abhanden gekommen ist so auch suchte sie. Ganz deutlich sah sie sich in der Kirche sitzen, wo sie vor dem Bild Unserer Lieben Frau der Sieben Schmerzen gebetet und die trostreiche Eingebung empfangen hatte, daß sie nun bald sterben durfte; nachher hatte sie In derselben Kirche einen Dominikaner- pater predigen Hörem Die Kirche war voll von Menschen, aber ihr schien es als ob der Pater für sie allein predigte. Sie konnte sich nicht seines Gesichtes erinnern, sah nicht einmal seinen Kopf, nur das fließende schwarzweiße Gewand, aber deutlich sah sie seine Hand, mit dem langen, weisen- '-n Finger. Fast schien es, als kamen die Worte aus diesem Finger. Anna- Marie schloß die Worte in ihr Herz. So hatte sie die Kirche verlassen. Die Straßen waren einsam in der schrägen Sonne, die durch offene Fenster drang, wo sie sriedsame Dinge an der Wand und ruhige Menschen beim Abendbrot beschien. Ganz oben aus dem Dach eines Hauses am Lindendeich war noch ein Dachdecker boi der Arbeit. „Wenn man aus dieser Höhe herunterfällt, ist man tot", dachte sie. Sie ging weiter am Wasser entlang, ganz nahe, so daß sie, wenn sie sich ein wenig vornüber beugte, ihr Gesicht sehen konnte. Sie fragte sich, warum sie in den letzten Tagen so nah am Wasser ging. Sie blieb stehen und blickte um sich; nirgends waren Menschen, die Fensterläden der stillen Häuser waren geschlossen, und der Dachdecker saß zu hoch, um etwas sehen zu können, meinte sie. Sie beugte sich ein wenig vornüber. Wenn sie nun hineinsprang, dann würde sich das Wasser gleich wieder schließen und ruhig wie vorher die Häuser und die Bäume widerspiegeln, bann würde ihr ganzes Elend und ihre Seelenqual verschwunden sein und der große Friede Über sie kommen. Sie sand das Wasser geheimnisvoll und anziehend, mächtig wie die Liebe selbst. Glatt, ruhig und glänzend lag es da, langsam, fast unmerklich durch eigene Kraft vorwärtsgetrieben; es schien ganz harmlos, und doch konnte es ein Leben in sich aufnehmen und den Lauf verschiedener Leben ändern. Wenn sie nun drin läge, dann würden viele andere den Frieden wiedersinden, das Lebensrad eines Mannes würde sich von neuem dem Guten zuwenden, und ihre Seele würde Ruhe haben. Ach, wie schön muß es sein, wenn eine Seele Ruhe hat! Wozu leben die Menschen? Jeder wartet auf etwas, das nie kommt. Hier lag alles in diesem Wasser. Warum sich nicht hineinlegen? Das war Sünde! Sie zog einen Fuß zurück, blieb aber dicht am Wasser. Wenn sie nun hineinfiel, ohne es zu wollen, indem sie sich zu weit vornüberbeugte — sie setzte den Fuß wieder vor —, dann war es keine Sünde, und die Seele konnte ruhig schlafen. Ach, warum siel sie nun nicht? Warum gab ihr niemand einen Stoß? Da sah sie ihr Gesicht, mit einem Lächeln um den Mund, ihr Gesicht kam näher. War sie es wohl, die lachte? Ries der Dachdecker nun nicht: „Halt, Was machen Sie?" War sie dann hinein- gefallen, oder war sie freiwillig hineingesprungen? Auf diese letzte Frage sand sie keine Antwort, und immer wanderte (le in Gedanken den Weg von der Kirche bis zum Wasser. Sie sah alles deutlich vor sich wie gemalt: das goldene Bild, den Pater, den drohenden Finger, die Fenster der Häuser, den Dachdecker, das Wasser; sie wußte, was sie gedacht und empfunden hatte, aber das eine, gerade das, was sie wissen mußte, um Frieden zu haben, das wußte sie nicht. Das Fieber stieg, sie glühte wie ein Ofen und erkannte die Leute, die bei ihr waren, nicht mehr. Der Arzt zog seinen linken Mundwinkel in Falten und schüttelte den Kops. „Die Lungen sind kaputt", meinte er. * Pirruhn und Livinus wachten abwechselnd an Anna-Maries Bett. Corenhemel besuchte sie ein paarmal, aber sie hatte stets hohes Fieber und redete irre. Tieftraurig ging er weg. Die Wache. Die Hände zwischen die Knie geklemmt, eingezwängt in seinen engen schwarzen Rock, der an den Ellbogen und an den Schultern vor Abnutzung glänzte , saß Livinus vor dem Bett und starrte durch den Spalt zwischen den seidenen Vorhängen, wo er in der grauen Dämmerung, die vom flackernden Schein einer kleinen Nachtlampe auf dem Kaminsims durchbrochen wurde, Anna-Marie beobachtete. Sie schlief. Ihr Atem war kaum zu hören und stockte manchmal ganz. Dann schob er seinen schwarzen Wuschelkops tiefer ins Bett, machte die Vorhänge ein wenig weiter auseinander, um mehr Licht einzulassen, und fühlte eine steigende Angst, daß sie tot fein könnte; er kam ganz nah an sie heran, so daß er die strahlende Wärme ihres fieberheißen Kopses spürte, lauschte und bewunderte. Leise hob sich die Decke wieder über der Brust, beruhigt zog er sich zurück, schloß die seidenen Vorhänge und beobachtete sie andächtig weiter durch den Spalt. Die Wache war das schönste Fest feines Lebens. Anna-Marie war nun der Glaube und die Seele feines Daseins geworden. Jliretwegen lieh er seine Kunst im Stich, und seine Besorgtheit galt ihrer Genesung. Jetzt hatte er wieder beten gelernt, der Glaube seiner Kindbeit trieb neue Blüten und öffnete ihm mystische Möglichkeiten. Er bestellte Gebete bei den Armen Klarissen und beim Vorbeter der Prozession, der ein Schuster war, zündete Kerzen an und schob, wenn er bei ihr machte, die in Glas gefaßte Medaille des heiligen Benediktus unter ihr Kopfkissen. Er ging sogar zu Joo Pastor. Das Weib sagte triumphierend: „Habe ich nicht recht? Ich habe Immer recht! Eine schwarzhaarige Frau wird dem Rad Ihres Lebens eine andere Richtung geben. Wollen Sie, daß ste Ihre Frau wird?" „Wieso?" fragte Livinus, ohne zu überlegen. Bevor er sagen konnte: „Schweigen Sie nur, ich will es nicht wissen", antwortete Joo Pastor: „Bringen Sie mir zwei Haare ihres Kopfes und einen Apfel, und sie gehört Ihnen!" „Machen Sie nur, daß sie wieder gesund wird", stammelte Livinus. Joo Pastor gab ihm einen Ratschlag, der ihn mit Ekel erfüllte. „Lieber sehe Ich sie sterben, als sie auf diese Weise zu heilen!" rief er und verlieh eiligst die Hexe. Aber was sie von den zwei Haaren gesagt hatte, blieb wie ein Kristall in seinen Gedanken hängen. Joo Pastor hatte ihm schon einmal die Wahrheit gesagt; er glaubte !bren Worten und ihrer Macht. Sollte er es wagen? fragte er sich, "ftlich vor dem großen Glück. (Schluß folgt.) Oer König in Thule. Von I. W. von Goethe. Es war ein König in Thule Gar treu bis an das Grab, Dem sterbend feine Buhle Einen golbnen Becher gab. Es ging ihm nichts darüber, Er leert ihn jeden Schmaus; Die Augen gingen ihm über, So oft er trank daraus. Und als er kam zu sterben, äählt er feine Städt im Reich, önnt alles feinem Erben, Den Becher nicht zugleich. Er faß beim Königsmahle, Die Ritter um ihn her, Auf hohem Väierfaale Dort auf dem Schloß am Meer. Dort stand der alte Zecher, Trank letzte Lebensglut Und roarf den heil'gen Becher Hinunter in die Flut. Er sah ihn stürzen, trinken Und sinken tief ins Meer. Die Augen täten ihm sinken; Trank nie einen Tropfen mehr. Oie korsische Königsgroteske. Wie Theodor von Neuhof vor 200 Jahren ein Königreich fand und verlor. Von Rudolf Skuhra. Zu Anfang des Jahrhunderts, in dem Napoleon Bonaparte auf Korsika geboren wurde, kämpfte das Meine Volk der Korsen um seine Freiheit gegen das mächtige Genua. Halb verhungert, kaum bewaffnet, aber mutig wie die Löwen verteidigten sie das bißchen Besitztum und die kostbare Freiheit gegen die Eindringlinge, die sie auszubeuten versuchten. Das Bewußtsein, eines Volkes, eines Blutes zu fein, hielt sie zusammen und lieh ihre Kraft nicht erlahmen. Es ist jetzt zweihundert Jahre her. Am 12. März 1736: an der sieberverseuchten Ostküste, wo schon die Römer ihre Niederlassungen gründeten, lief in Aleria ein großer Segler ein. Die englische Flagge wehte vom Heck. Einige Kanonen wiesen drohend an Land und erschreckten manche der Korsen, die schon seit einigen Tagen von dem geheimnisvollen Kommen und Gehen, von den heimlichen Versammlungen und Besprechungen ängstlich gemacht worden waren, zumal auch die Anführer der Volksbewegung austauchten. Auf dem Segler geschah einstweilen nichts, man sah Matrosen auf und ab laufen, hörte Kommandorufe. Da stieß vom Land ein Boot ab und näherte sich dem Segler. „Sieh da. Giasferi und Costa fahren hinüber und sogar unser Paoli. Das muß etwas bedeuten, wenn unsere Hauptleute an Bord dieses Schiffes gehen." Ein großer, rätselhaster Fremdling empfing die korsischen Anführer an Bord. Er mochte gegen fünfzig Jahre alt sein, war überaus prächtig gekleidet mit einem brennendroten seidenen Gewand, das pelzgeschmückt bis an die Knöchel reichte, so daß man die gelbseidenen Beinkleider noch sehen konnte. Eine seidene Schärpe war um die Hüften gewunden, ein langer spanischer Degen, reich verziert, hing an der Seite. Seine Allüren waren hoheitsvoll, leicht lächelnd nahm er die Willkommensgrüße der Korsen entgegen, und als zukünftiger König betrat er sein Land. Bor den Augen der staunenden Menge, die sich nach und nach neugierig eingesunden hatte, wurde dann die Mitgift eines Königs ausgeladen: viertaufend Gewehre, dreitausend Paar Schuhe, an die zehn Kanonen, einige hundert Säcke mit Weizen, Munition in Mengen, und dann der Königsschatz: geheimnisvolle Kisten, die so schwer waren, daß man Gold und Silber darin vermuten konnte. Es war ein deutscher Abenteurer, der westfälische Baron Theodor von Neuhof, weit herumgekommen, ein durchtriebener Diplomat, der den Führern des armen, abgekämpften Volkes Hilfe versprochen hatte und König werden sollte. Auf dem weiten Platz vor dem Kloster von Alesani hatte man eine große Estrade aufgebaut. Drei Treppenabsätze führten empor zu dem Stuhl, der dort als Thron aufgestellt und, damit er feierlich wirke, mit einigen prächtig glänzenden Stoffen verziert war. Viel Volk stand herum und staunte den neuen König an, der ihnen ins Land geschneit war, und der, wie man sich zuflüsterte, große Hilfsmaßnahmen herbeiführen würde. Zu den mächtigsten Staaten sollte der Fremdling die besten Beziehungen haben, und wenn er die versprochene Hilfe wirklich herbeischafst, warum sollte er bann nicht auch König fein? In ruhigem Gang, seiner Würde durchaus bewußt, hochaufgerichtet, schritt Baron von Neuhof die Stufen empor; sein phantastisches Kostüm verstärkte den Eindruck der königlichen Haltung. Die Verfassung hatte er schon beschworen, wenn er auch nicht absoluter Herrscher war — man hatte ihm einen Landtag beigegeben, ohne den er keine schwerwiegenden Entlcheidungen treffen konnte —, so war er doch mit sich und seinem Titel zufrieden. Unzufrieden war er bloß damit, daß die goldene Krone fehlte. Und auch mancher der korsischen Bauern mag sich Im Inneren gewundert haben, daß ein König gefrönt wurde ohne eine , funkelnde, glitzernde, mit Brillanten und Edelsteinen gefchrnückte Krone. Der biedere Oelhändler, der in London in einer ziemlich ärmlichen Gegend fein Häuschen hatte, obwohl er in den letzten wahren mit feinem Handel ganz aut verdient hatte, wollte erst das Gerücht nicht glauben, das ihm feine Frau ins Haus brachte, das ihm aber dann von verschiedenen Seiten bestätigt wurde. Bei dem kleinen Schneider, dem Hungerleider, der sich mit feiner Familie notdürftig durchs Leben. brachte, war in der letzten Nacht ein König gellorben! . Ein Könia soll bei dem Schlucker gestorben fern? Zum Lachen — obwohl das Sterben sonst eine so traurige Angelegenheit ist. Mas war das für ein König — hahaha! Das mutz ja ein eigentümlicher König sein, der sich bei einem Schneider zum Sterben hlnleat! Und do-b war es io gewesen: im dichten Dezembernebel Londons wankte ein alter Mann umher, heimatlos, arm und krank. Niemand kümmerte sich um ihn, der lange im Schuldgesänanls gesellen hatte, niemand wollte ihm helfen — cs gab in London so viele arme Schlucker. Die aboeriffene. einst so mächtige Kleidung vermochte ihn nicht vor der beizenden Kälte zu schuhen, er fieberte, und in feiner Not klopfte Baron von Neuhof, Theodor I., König von Korsika, in der Little Chanel Street bei einem armen Schneider an, der ihn auch mitleidig aufnahm. Noch einige Taae lag er matt auf dem Strohlager; am 11. Dezember 1756 starb er nach langem Todeskampf. Der Schneider bahrte ihn in feiner Stube auf, fo gut er konnte. Das Geld zum Begräbnis hafte er nicht. Und der biedere Oelhändler Wright erklärte nach heftigem Kampf mit dem angeborenen Svarsamkeitsstnn. dost es ihm eine Ehre fein werde, einmal im Leben das Begräbnis eines Königs befahlen zu dürfen; denn fchl'-lllich kommt man nicht alle Tooe zu einer solchen Gelegenheit. 5in einem grollen Sorg aus fUmenholz wurde Seine Majestät zu Grobe getragen auf dem St.-Anna-Friedhof. Etwas über zehn Pfund hatte der Oelhändler zu bezahlen. Oer Volksdichter Hons Friedrich Dlunck. Von Herbert Günther. Ein Lebenslauf wie der von B l u n ck wird einmal als eigentümlich gelten für Weg und Wesen zeitgenössischer Dichter. In ihm hat eine neue Haltung Ihre besondere Ausprägung erfahren. Enkel einer langen Geschlechterrelhe holsteinischer Bauern, ist der Lehrerssohn im Zweifel, ob er zur Scholle zurückkehren, Seemann oder Pflanzer in den Kolonien werden soll. Da ersaßt ihn die Jugendbewegung, durch deren Schule so mancher Dichter von heute gegangen ist. In ihrem Kreise träumen die Heranwachsenden von einem „besseren Vaterland" als das laut und äußerlich gewordene Vorkriegs-Deutschland es für diese Sucher echten Volkstums war. An seiner Verwirklichung möglichst tätig mitzuarbeiten, entschließt Blunck sich, Jurist zu werden im öffentlichen Dienst. Seine Doktor-Dissertation behandelt einen Gegenstand aus dem altdeutschen Recht, die „A n e f a n g s 11 a g e": Ueberwindung des starren römischen Rechts, Wiederannäherung an das deutsche war ja ein Ziel der Jugendbewegung (und die Gegenwart hat es — wie jo viele andere — erreicht). Als der Krieg ausdricht, ist Blunck sechsundzwanzigjähriger Referendar. An der Äser verwundet, wird er in die flandrische Verwaltung berufen und kann so mithelfen, einen anderen Gedanken der Jugendbewegung Tat werden zu lassen die geistige Vereinigung der Flamen und Niederdeutschen, Brüder der alten „Neichsniederlanbe" des Nibelungenliedes, die säst dieselbe Sprache sprechen. Dafür soll sein Name nach dem Zusammenbruch auf die Liste der „Kriegsverbrecher" gesetzt werden, und man rät ihm, für einige Zelt in Holland Schutz zu suchen. In der Verbannung lernt er die Tochter einer deutsch-holländischen Familie kennen und findet in ihr seine Lebensgesährtin Jahre wechselvoller amtlicher Tätigkeit folgen. Blunck gehört als Regierungsrat der Deputation für Handel, Schisfahrt und Gewerbe an, wird in die Reichsfinanzverwaltung der Haniestadt Hamburg versetzt und endlich Syndikus der Hamburger Universität. Ueberall richtet stq sein Bestreben daraus, Niederdeutschland in Hamburg, der Kausmanns- stadt, zugleich einen geistigen Mittelpunkt zu schassen und eine Brücke zu den Nachbarn. „ ~ In den Abenden und Nächten nach dem verantwortungsvollen Tagewerk jener Jahre ist Blunck nun eine so bedeutende dichterische Leistung gelungen, daß man sich verwundert fragen muß. wie sie überhaupt noch bei feiner sonstigen Beanspruchung entstehen konnte. Es Ist wie eine Verwahrung gegen verwaschene Zeitmeinungen, daß er sich gerade damals in die germanische Vorzeit zurückfühlt, beseelt von dem Willen, dem Volk seine Eigenheit wieder bewußt zu machen, die es zu verlieren drohte. Die Eltern schon hatten ihn in jene Sagenwelt Angeführt, geschichtliche und sprachliche Studien vertiesfen seine Kenntnis — entscheidend war die innere Verbundenheit mit feinem Stoff. So wuchsen unter seinen Händen drei erzählende Bücher, die jetzt unter dem Titel Sie U r d ä t e r t a g a" zusammengefaßt sind. Sie beschworen Schop- s'ungs-, Stein- und Bronzezeit in visionärer Schau, ohne Gelehrsamkeit und doch zutreffend (manche Forschung hat später Bluncks Geschichte bestätigt). Drei Bände aus der geschichtlichen Zeit des nordischen Raumes folgen, heute vereinigt als „Werdendes Volk" Mit diesem Bande hat Blunck die fehlende Dichtung der Hansezeit nachgeholt und eine Lucke geschlossen. Beide Male aber ging es ihm nicht um Historie, andern um Mnthos: das ewige Antlitz des nordischen Menlchen. Reisen in die Mittelmeerländer, den Balkan, nach Nord- und Südamerika erweitern seine Erfahrungen, und was er heimbringt aus Ueberfee sind nicht weniger als wieder zwei umfangreiche Romane, die dem Deutickitum im Ausland gewidmet sind: „L a n d d e r V u l k a n e" und „W e i b s • mühl e". Auch sie werden ihm noch während seiner Wirksamkeit im Hamburgischen Staate zuteil. 1928 nach zwei Jahrzehnten voll Aufopferung für das Gemeinwohl, bricht Blunck seine steile Lausbahn ab, um ganz seiner Sichtung gehören zu können. Samals erwirbt er einen Hof und ein Stück Land im Holsteinischen. Liebevoll pflegt er den Besitz an Acker, Weide. Wald, er versenkt sich tief in die dörfliche Stille, doch er vergräbt sich nicht. Blunck bat es immer für töricht gehalten, nur bas Land gelten zu lassen und die Stadt zu schmähen 1933 wird Blunck Vizepräsident der Slchterakademie, Brasident der Reichsschrifttumskammer und ist heute als deren Ehrenpräsib-nt beson- bers mit ber Wahrnehmung auslänbstcher Beziehungen beauftragt. So erscheint er als Gast zu Vorträgen unb Tagungen in ben jäauDtftäbten aller ßänber- ein neuer, frischerer Typ von Sichterbivlomaten, ein Botschafter bes Geistes, ber viel zur Verständigung zwischen den Völkern beiträgt Gleichzeitig bringt er auslandsdeutschen Volksteilen einen Gruß aus dem Reich, die nod)' niemals Worte aus Sichtermund vernommen ist bezeichnend für ihn, daß Blunck bei jeder Vorlesung jede Zeile immer wieder mit dem Ohr übernrüft und häufig erneut daran ändert. Bluncks Sichtung will nicht im Buch verschlossen fein. Sie will weiterdringen ins Leben. „V o l k s w e n d e", feine romanhafte Chronik der Jahre 1910 bis 1925, lällt noch die fchriftstellerllche Arbeit spüren. „Sie grolle Fahrs" entreißt ein Ereignis der Vergessenheit, das m den gewaltigen deutschen Taten zählt, die Ansegelung Amerikas vor Kolumbus durch den Hildesheimer Siderik Bining. und vieler fein bisher reifster Roman klingt schon wie eine isländische Saga, deren Sänger man nicht bei Namen kennt. Wir denken darüber nach, wie anders die Weltgeschichte ihren Lauf genommen hätte, wenn Amerika damals durch Pinings Tod nicht den nordischen Völkern verloren gegangen wäre, aber mir lauschen der spannenden Fabel dieses Abenteuers !o hinaerissen, ball wir ben Atem bes Geschehens selbst zu vernehmen meinen. Mit ber Einbringlichkeit. Farbigkeit, gesammelten Kraft bleses Romans hat Blunck fein episches Schaffen gekrönt. Ganz zur Stimme bes Volkes enblich wirb fein Versonlichstes: bie Mären aus roieber brei Bänben ausgewählt zu bem Volksküche „V o n Geistern unter unb überber Erbe". Es find ßegenbem Tier-, Gespenster- unb Lügengeschichten, in benen bie ganze Freube bes Nieber- Aber man wußte sich zu Helsen. Sie Krone war vom.Festland nicht gekommen, die meist armen Einwohner hatten keinerlei Schmuck, so fetzte man Seiner Majestät, dem König Theodor I. von Korsika, eine & au" Lorbeer aufs Haupt unter dem Krachen der Salven unb bem Jubel bes Volkes. Alles beugte die Knie unb hulbigte dem Souverän! * Ein korsischer König hat zu kämpfen — er hat bie Verpflichtung, beionbers in schweren Zeiten, an der Spitze feines Heeres zu stehen und Heldentaten zu vollbringen, feinen Mannesmut zu beweisen. Und Theodor I. hatte es übernommen, (ein Volk zu befreien, er versuchte also sein Gluck. Sein Feldherrntalent war allerdings nicht sehr groß unb wirkliche Siege waren ihm nicht beschieben. Bastia, ber Sitz der von Genua eingesetzten Regierung, würbe belagert, aber hier würbe, ebenso wie beim Ansturm gegen bie anberen Zwingburgen, kein Erfolg erzielt. Es fehlte an allem: an Lebensmitteln, an Gewehren, an Pulver, an Kl'eibung, an Kanonen. Aber Theobor hatte andere Talente: er fchuf sich einen Hofstaat. Grafen und Großmarfchälle wurden ernannt, Generale unb Minister aller Art eingesetzt. Er ließ Münzen prägen unter großen technischen Schwierigkeiten, ba niemand sich auf bieses Hanbwerk verstand; leider jedoch wollte niemand dieses Geld in Zahlung nehmen. Unb er grunbete, als er gar keine Mittel mehr hatte, einen großartigen Ritterorden. Alle Zeremonien waren vorgeschrieben, so ber Ritterschlag, ben nur , ber König als Großmeister vornehmen bürste; vorgeschrieben war, baß leb er Rister täglich ben vierzigsten und siebzigsten Psalm zu singen hatte; und besonders wurde auf die Bestimmung geachtet, daß jeder beim Eintritt tausend Scudi zu bezahlen hatte. Aber leider fanden sich nur sehr wenige, die sich um die Ehre, dem Orden angehören zu dürfen, rissen. ^ür Theodor wurde die Sache brenzlich, bie Not im Lanbe würbe immer größer, bie versprochene Hilfe war jeboch noch immer nicht ein- getroffen. So entschloß er sich, sie zu holen. Im November verließ er sein Lanb, nachdem er ein umfassendes, hochklingendes Manifest erlassen hatte. ♦ Auf dem Bug des Schiffes „Demoifelle Agathe" stand Baron Neuhof und sah seine Insel, sein Königreich am Horizont auftauchen. Viele Jahre war er fern von Korsika gewesen, er hatte wie ein Besessener ganz Europa durchreist, hatte gekämpft und gestritten für seine Idee, hatte um Unterstützung für fein Volk gefleht; zweitaufend Goldtaler hatte Genua für feinen Kopf ausgesetzt, ins Amsterdamer Schuldgefangnis war er gesteckt worben, aber er hatte nicht nachgegeben. Unb bei den Holländern war es ihm endlich gelungen, Geld aufzutreiben. Ob er fetzt wirklich an die Macht kam. zu der Macht, von der er träumte? Genua hatte davon erfahren, daß Theodor I. wieder in fein Königreich zurückkehren wollte, und die genuesische Flotte kreuzte in den Gewässern um Korsika, um den König zu kapern. Theodor muhte dies — und um Näheres zu erfahren, ließ er ein schwedisches Schiff, das zufällig vorbeikam, anhalten. Van dem Kapitän hörte er aber fo wenig ErmuUaendes, daß ihm doch Bedenken tarnen, an Land zu gehen. In Korsika sollten die Aufständischen. feine Untertanen, völlig vernichtet fein, bie Hauptstäbte der Insel sollten sich in ben fiänben des Feindes befinden. Und, was das Unangenehmste war, die Korsen waren auf ihren König nicht sehr gut zu sprechen. Theodor verhandelte lange in der Kavltänskalüte, dann teilte er feinen erstaunten Leuten mit, daß er soeben beschlossen habe, einer anderen, noch wichtigeren Mission zu folgen. „Ich muß neue Verhandlungen anknüpfen; obwohl es mich zu meinem Volk zieht, muh ich doch bas Wichtigere zu seinem Wohl tun. Mit neuen großen Hilfsmitteln werbe ich halb Helmkehren, um an der Spitze meiner Triwpen bie Fremdlinge aus unferem Lande endlich zu vertreiben." Er befahl, daß die „Demoifelle Agathe" ohne ihn nach Korsika fahren falle. ... Er stieg, nngefichts der Jnfel. auf den Schweden über und fuhr ab. Sein Königreich war damit für ihn auf immer verloren. deutschen am phantastischen Erzählen durchbricht. „Du brauchst nur über einen Stein zu stolpern, mit dem Fuße umzukippen, eine Schwelle zu überspringen, vier Stufen hinabzusteigen, und du bist „im Reiche Wiede witts", wie eine dieser Dichtungen heißt. Ueberall wimmelt es von geisterhaften Wesen, von Schelmen und Kobolden, Riesen und Klabautermännern, elbischen Frauen, Rauchkerlen und Rullepuckern: mitten im Hamburger Alltag zwischen würdigen Ratsherren treiben sie genau so Spuk und Schabernack wie in den Maschinen am Hafen oder draußen in Sumpf und Moor. Das sind keine Hirngespinste, das ist Leibhaftigkeit, und oft genug gibt's derbes Gelächter dabei! Bluncks unvergleichlichste Dichtungen sind zugleich seine unliterarischsten, und das ist ihr höchstes Lob. Wer noch den Weg zu Blunck sucht, wird ihn am sichersten über den packenden Seefahrerroman „Die große Fahrt" finden, über die Märchen und die Gedichte, die gleichfalls in mehreren kleinen Auswahlen vorliegen. Bluncks Lyrik ist nicht weich und gefällig. Ihre Sprache muß so herb und verhalten fein wie der ganze Mann, aber sie nimmt gefangen in ihrer bekennerischen Wahrhaftigkeit und gottfucherifchen Sehnsucht. Weniger Musik als Anschauung und Gedanke, nimmt sie oft die Gestalt des Spruches an, und unverlierbares Gut sind die Balladen. Blunck ist echtester Niederdeutscher. Doch er gehört dem ganzen Volk. Getreu seinem Wort: „Berufung der Dichtung ist es, die Einheit deutscher Volkheit wachzuhalten." Erste Stunden in sieben Städten. Von Hermann Linden. Berlin. Berlin war die erste Weltstadt, die ich sah. Die Lampen brannten schon, als ich. ankam, und warfen ihre rufenden Lichtgarben über die Straßen. Aber sie hatten keine Macht über mich Nicht in einem Cafö oder in einer Bar wollte ich die ersten Stunden verbringen, nicht die leichten Vergnügungen großstädtischer Tanzhäuser sollten meine ersten Berliner Freuden sein. Ich blieb konsequent, ich tat das, was ich mir vorgenommen hatte. Zur Kunststadt war ich gefahren, nicht zur Stadt der Lokale. Da es für ein Museum zu spät war, suchte ich die Litfaßsäule ab. Ein Drama mußte es sein, ein großes, schweres Drama, mit erster Besetzung. Vierzig Minuten darauf faß ich im Theater. Schillers Feuerstimme konnte ich laufchen. Die fpamsche Tragödie des edlen Prinzen wurde hinreißend gespielt. Der Platz war nahe genug an der Bühne, so daß ich das traurig-liebliche Gesicht der jungen Königin, das flammende Sonnenauge des Marquis Pofa, fowie alle die übrigen Gesichter des Dramas in allen ihren Phasen erfreulich genau beobachten konnte. Hinterher ging ich unmittelbar ins Hotel. Am nächsten Morgen eilte ich zu den alten Meistern der Farbe und des Marmors. Kopenhagen. Ich war von Hamburg mit dem Flugzeug herübergeflogen. Als das Zubringerauto in die vor Sauberkeit glänzende Stadt einfuhr, war es ein Uhr. Eine gute Stunde, in der es viel zu fehen gibt. Ich lieh mich auf dem Radhuusplads absetzen. Die Angestellten kamen aus ihren Büros. Wer, ohne es zu wissen, um diese Zeit auf dem Rathausplatz steht, könnte glauben, ein Radfahrerverein bewege sich über den Platz; ein Verein mit ungeheuer vielen Mitgliedern. Rad an Rad, Räderreihen, Radkolonnen. Es sind aber die Angestellten, die zum Effen fahren. Die Dänen gehen nicht gerne zu Fuß. Solange sie noch kein Auto haben — später bekommen die meisten eines — haben sie wenigstens ein Rad. Fußgänger sind meist Fremde. Dann ging ich weiter. Auf der Vester- brogabe wollte ich die berühmten dänischen Blondinen suchen. Aber es war noch zu früh; sie kommen erst am Nachmittag in die Konditoreien und ins Tivoli. Ich ging also hinüber zum Schloß des Königs, wo Wachtfoldaten, Riesenkerle mit Bärenfellmützen, zu bestaunen waren. Dann ging der Weg zum Hafen. Budapest. Ich suchte den Weg an die Donau. Das war nicht einfach, obwohl der Strom nicht weit vom Bahnhof fließt. Ich konnte kein Ungarisch, die Verkehrspolizisten kein Deutsch. Es war acht Uhr abends. Die Lampen brannhn. Aber was heißt in Budapest: die Lampen brannten! Die ganze Stadt brannte! Diese Stadt — Tor zum Orient, Halbmond an der Donau — beleuchtet sich in der Nacht mit einer Wollust am Licht. Ein Pyrotechniker könnte wahnsinnig werden vor Neid. Schließlich hatte ich den Korso gesunden und die Brücken. Wunderbar sind die Brücken. Nie habe ich schönere, stolzere, schwungvollere gesehen als diese Brücken zwischen Pest und Buda. Die Elisabethbrücke, die trotz ihrer 400 Meter Länge ein einziger Bogen ist, hat eine majestätische Eleganz. Riesig und traumhaft ragten die vergoldeten orientalischen Kuppeln der Schlösser und staatlichen Gebäude aus Licht und Dunkel auf. Die Lichtreflexe glitzerten im Wasser, und es schien, als hätten sämtliche Juweliere der Welt ihre Geschmeide in die Donau versenkt — zur öffentlichen Augenweide. Aus offenen Fenstern der Korsolokale schluchzte und stürmte Zigeunermusik. Liebe das Leben! — ruft die Nacht dir tausendfach zu. Venedig. Filme, Photos, Zeichnungen und Berichte hatten Venedigs romantische Phvsiognoinie so intensiv in mein Bewußtsein geprägt, daß schließlich wirklich nur eines überraschte. Ich sah die vereinsamten prächtigen Paläste, die ausländischen Liebespaare, von den Rudern der Gondoliere sachte durch plätscherndes Dunkel geführt, ich hörte aus Hofeingängen die schmelzenden Arien der Straßentenöre. Das alles war schon vertraut. Etwas anderes war das Originelle: Gehen konnte man in Venedig. Ungestört gehen. Da schrien mich keine arroganten Autohupen an, da sausten keine frechen Radfahrer haarscharf an meinen Knien vorbei, da erhob sich nicht alle zehn Meter ein sperrender Verkehrspolizistenarm, da brauchte ich nicht stehenzubleiben, bis Straßenbahnen, Omnibusse, Autos und Fahrräder vorübergefahren waren; immerzu konnte ich gehen, ohne je zusammenzuzucken, langsam oder schnell, je nachdem mir Häuser oder Passanten gefielen. Gehen konnte ich und ich tat es lustvoll. Paris. Im Zuge hatte mich das Problem beschäftigt, was ich in Paris zuerst besuchen sollte: Notre Dame, das Grab Napoleons, den Eiffelturm oder den Freudengarten, der feltfamerweife Berg der Schmerzen heißt. Es kam zu keinem Ergebnis. Während ich im- Vorhof des Gare du Nord stand und mich bemühte, die Verwunderung los zu werden, daß dieser kleine, alte, provinziell anmutende Bahnhof das Tor von Paris fein sollte, hielt mir das erste süße Blumenmädchen der Boulevards feine Veilchen vor das Gesicht. Da wußte ich, wo ich die ersten Stunden in Paris zu verbringen hatte. Der Schatten Annabellas, den ich in der Verkäuferin zu erkennen glaubte, hatte gesiegt. Ich fuhr also hinauf zum Montmartre, womit nicht der international aufgezäumte Cocktail- Boulevard Clichy gemeint ist, sondern die höhergelegenen Straßen, die primitiveren, ziehharmonikadurchschluchzten Kneipen, die ärmeren Häuser, die vor der Tür hockenden Kleinbürger aus Rene Clairs zärtlich verliebter Kamera und jener, ungeachtet aller Grabgesänge unaussterblichen Pariser Bohemien — der Mensch, der nicht unbedingt arbeiten, aber auch nicht unbedingt Geld haben muß — in jedem Falle aber ein Künstler der Fröhlichkeit ist. Bei vielen bleibt diese Kunst ihre einzige Kunst, und sie leben sogar dabei, diese Burschen. Auch eine Kunst. Marseille. ' Es ist sicher wie der Tod, daß man die ersten Stunden im alten Hasen sitzt, ganz gleich, wann man angekommen ist, bei Tag oder Nacht. Hier wird das Drama pausenlos gespielt, ohne daß je ein Vorhang fiele, ausgenommen jene billigen Perlenvorhänge vor kleinen Zimmern. Es ist ein großartiges, packendes, drastisches Bild: der Wald der Schiffs- maften, die ächzenden Krane, die großen, reiche Ware und lichtscheue Geheimnisse bergenden Schiffrümpfe, stumpf starrende Negerköpfe an Schankstättenfenstern, Fremdengesichter von eisiger Blasiertheit und auswegloser Lasterhaftigkeit furchtbar bemalte Frauen, seltsame Gerüche aus allen Ländern der Welt. Darüber glüht unbekümmert der ewigblaue Himmel und rechts ragt das Haus Gottes empor, die Schifferkirche. Zuweilen ertönt dumpf die Glocke über den Zirkus der Leidenschaften, aber den Mahnruf hören nur diejenigen, die ihn suchen, und das sind im Hafen von Marseille, über den Afrikas verwirrende Sonne brennt, nur wenige. Monte Carlo. Vom Meer muß man herankornmen, bei Flutstille, brütender Hitze, flirrendem Sonnenglanz. So erlebte ich es. Als das Motorboot um das Museum Monacos in den Hafen einbog, erschien dieses Monte Carlo in jener richtigen unwirklichen Traumschönheit, die sonst nur zwilchen Operettenkuiissen anzutreffen ist und nie ernst genommen wird. Keine Welle bewegte sich, kein Nachen stieß vorwärts, kein Segel zitterte, totenstill, bewegungsunfähig tag alles da, wie von der Hitze erdrosselt. Drei Uhr nachmittags war es. Die Stadt — beziehungsweise die drei ohne Grenze ineinandergehenden Städtchen — kletterten Haus um Haus an den Bergen empor. Man mochte nicht beschwören, daß es eine wirkliche Stadt war; vielleicht war es ein Trugbild, eine Fata Mvrgana. Die Häuter standen da, bunt, kostbar, imposant, fast lauter Hotels, linienlos, im Zickzack, wie hingeschleudert an die Felswand, gleich fix und fertig, weiß ober kremegelb, mit flachen, roten Dächern, die in der Sonne feurig glühten. In den Straßen laq eine weiche, einschläfernde Stille. Ueberall war der Lärm bewußt a-'bämpft. Langsam gingen ober fuhren bie nie in Massen auftretenben Menschen, bie Gelb, Zeit und vielleicht auch Krankheiten hatten. Es kam mir vor. als ginge ich nicht in ben Straßen einer Stabt, fonbern auf bieten Teppichen burch Salons, von kalten Dieneraugen beobachtet. Weiß war bie bominierenbe Farbe; Hotelwänbe, Markisen, Futter ber Kutschen, Hosen, Röcke. Sonnenschirme, Zierhunde, alles war weiß. Auch die Haare der meisten Kurgäste, die mit müder Gelassenheit diese Traumstadt viel zu selbstverständlich nahmen, waren weiß, silbern. Ich ging zum Kasino. Der Polizist des Fürsten, ber mit steinerner Ruhe vor bem Haus ber Abenteuer stand, hatte eine Uniform, daß man ihn mit einem Admiral verwechseln konnte Für Zuschauer ist der Svielsaal höchst langweilig, für Hazarbspieler ist er das Leben. Hände, Augen, Hirne und Aberglaube arbeiten am grünen Tisch gemeinsam. Angstvoll hänaen die Blicke ber fanatischen Spieler an ben rodenben Kugeln, ben Ziffern, ben Karten. Ihre Finger krallen die Marken, scharren sie mit langen Stäben zu sich her und fort. Notizbücher mit aufgekritzelten Systemen, bie ewig falsch finb, stecken unter ihren Ellenbogen. Die Sonne geht unter und bie Spieler bemerken es nicht. Von manchen Fingern strahlen Diamantenblitze über bas Tuch, über bas grüne Tuch. Diamantenblitze von Ringen, bie morgen vielleicht schon an anderen Händen glänzen. Ich ging abseits, ans Meer. Ich setzte mich auf eine Bank. Es war wunderbar, hier zu sitzen, am Mittelländischen Meer, am uralten, abenteuerlichen Gewässer der Träume und ber Räuber, am Schauplatz großer Weltgeschichte, an ber roogenben Wiege Europas Wunberbar war es, hier zu sitzen und ben Wellen zuzubören. wie sie tarnen unb mit den llfernatmen in ber wortlosen Ursprache flüsterten unb wieber zurück in bie Unenblirfiteit stürzten. Die gefieberten Blätter ber Palmen waren alle etwas vornübergesenkt; melancholische Fächer. Durch bie Luft erklang bie Musik ber Kafinokapelle, Rigolettos Schmerz diente zur Unterhaltung schläfriger Terrassengäste. "verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei. 2L Lange, Gießen.