Nummer <2 Zreitag, den 5. Juni Jahrgang 1956 id) nichts mehr. Ach, die Krämerin muh zuzeiten ihre g< nehmen. Oft hat sie schon etwas Deutliches auf wäre so ein Wort heilsamer für Monika als c nicht gefallen. Du solltest dir etwas Ordentliches nähen, meint sie und bringt em Stück Zeug aus dem Laden. Das kleidet dich nicht, was du da trägst, es ist zu dunkel. Du mußt lichtere Stoffe nehmen. Jaja, wofür denn? Für wen soll Monika Helle Kleider tragen? Du machst dir so viele Mühe, sagt sie einmal, laß es lieber. Es hat keinen Sinn, aus mir wird ja doch nichts mehr. ------- - - •' ^anze Geduld zusammen- der Zunge, und vielleicht als alle Geduld. Aber Agathe Das Jahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl sagt das Wort doch nicht. Dafür macht sie dem Pfarrer einen Besuch, ja, sie, das verlorene Schaf. Seit Jahren kommt sie nicht mehr zur Beichte und.lebt, wie sie es selbst für gut hält, nun aber sitzt sie plötzlich in der Stube des Pfarrers und verlangt einen Rat von dem alten Mann. Der Pfarrer hört ihr bereitwillig zu, er gerät auch gleich in Eifer, läuft hin und her und kratzt sich den grauen Kops und fängt wieder an, die Sache mit seinen Händen zurechtzulegen. Allein die Krämerin will gar nicht wissen, wie sich der Pfarrer das alles einteilt und erklärt. Sie will nur eine klare Antwort hören, ein einziges Wort: Ja oder nein? In Gottes Namen, ja! sagt der Pfarrer und geleitet sie betrübt zur Tür. Zu Hause nimmt die Krämerin den kleinen David beiseite. Höre zu, sagt sie, ich muß morgen verreisen. Du sollst mir indessen das Haus hüten, den Laden und die Mutter, verstehst du, die vor allem! Was? sagt David aufgeregt, verreisen willst du? Wohin den», bleibst du lange fort? Nur über den Sonntag, ich besuche jemand. Du kannst in meiner Kammer schlafen, damit' du alles hörst, und abends legst du den Balken vor, und wenn vielleicht jemand einbrechen will, ja, bann weiß ich nicht, was du tun sollst, am besten ist, du bellst. Wen besuchst du denn? fragt David dazwischen. Den Schleifer? Ja, den Scherenschleifer, du Dummkopf. Den heirate ich dann. Auch Monika erfährt nichts Genaueres, die Krämerin macht eben einen Besuch, was ist daran so merkwürdig? Sie war ja schon immer so rasch und unberechenbar in ihren Entschlüssen. Ich will einmal andere Lust riechen, sagt sie, ihr langweilt ^mich, weiter nichts. Und in der Morgenfrühe reift sie wirklich ab. Seltsam sieht die Krämerin aus, nicht schlank und behend wie sonst, sondern eher wie eine dicke Zwiebel in der sechsfachen Hülle der Decken und Tücher und mit dem Gekräusel von Federn auf ihrem Hut. Sogar der Gaul wendet den Kopf und betrachtet sie verwundert, aber dann spürt er am ersten Zügelruck, daß es doch die Krämerin ist. Gegen Abend übernimmt David die Schlüsselgewalt in Haus und Laden Vieles war er schon in seinem Leben, Glöckner und Pfarrknecht, Einsiedler und Klaubauf, aber Krämer war er noch nie. Er steht hinter Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig. 17. Fortsetzung. Ihre Kräfte wachsen, sie muß schon lange nicht mehr den ganzen Tag zu Bett liegen. Die Krämerin läßt sie gewähren, wenn sie ein paar Stunden in der Küche oder im Laden aushilft, das ist nur gut, es bringt sie auf andere Gedanken. Monika mühte im ganzen ein wenig munterer fein, spürt sie denn nicht, wie alles sich wendet, dem Frühling entgegen? Der Tag nimmt merklich zu, anfangs nur um ein Mückengähnen, wie die Leute sagen, dann um die Länge eines Hahnenschreies, und jetzt ist er schon um einen Hirschensprung gewachsen. Man kann den Frühling ja nicht mit Augen sehen, die Felder sind noch bis über die Zäune eingeschneit. Und doch, an der Südseite des Hauses rückt der Schnee schon einen Schuh breit von der Mauer ab, an sonnigen Tagen kann man dort auf der Bank sitzen und die Füße im Trockenen haben. Man kann ein paar grüne Gräser betrachten oder ein taumeliges Fliegentier an der Wand, irgend etwas Lebendiges jedenfalls. Besonders aufregend und großartig ist das freilich nicht, aber Monika sollte sich trotzdem ein bißchen daran freuen, sie sollte weniger verloren und schweigsam sein. Monika hat so trübe Augen, oft bleibt sie plötzlich stehen und schaut lange vor sich hin ins Leere, und was noch schlimmer ist, sie hält sich nicht mehr sauber. Einen ganzen Tag läuft sie mit faltigen Strümpfen umher, mit einer schiefgeknöpften Schürze. Das alles will der Krämerin dem Ladentisch und mustert seine Reichtümer, die Würste und Speckseiten neben Laternen und Kälberstricken und Mistgabeln an der Decke. Die Gläser mit Zuckerwaren, die Regale voll von Töpfen und Geschirr, die unzähligen Laden und Fächer, Schachteln und Dosen. So ungefähr muß es in Gottes Werkstatt ausgesehen haben, als er die srischgeschaffene Welt einrichtete. Es ist alles da, was es an Gütern und Genüssen auf der Erde gibt. Willst du einen Rosenkranz, — hier ist ein Bund Rosenkränze in allen erdenklichen Sorten. Willst du etwas Irdischeres, eine Mundharmonika zum Beispiel, auch die kannst du haben, Peitschenschnüre und Melissengeist, Blumensamen und Filzpantoffeln. Es ist gar nicht leicht, einen solchen Kramladen zu führen. In dem ganzen Durcheinander muß doch ein gewisser Sinn und eine strenge Ordnung liegen, man muß gleichsam alle Bedürfnisse der Menschen nach Preis und Herkommen und Beschaffenheit im Kopfe haben. Zudem sind die Bauern eigensinnig, sie wünschen eine ganz bestimmte Sorte Tuch oder Feigenkaffee, heuer diese, im nächsten Jahr jene, und die andere nähmen sie geschenkt nicht mehr. Jeden Drahtstift drehen sie hin und her, — hast du keine mit geriffelten Köpfen? fragen sie. Nicht als ob solche Nägel besser hielten, aber die letzten waren geriffelt, die Bauern können sich nicht ohne Umstände an glatte gewöhnen. Und keinem ist es jemals recht zu machen. Da kommt einer und verlangt eine Lampe, die hat er irgendwo gesehen, Excelsior heißt sie. Er ist tief beleidigt, weil Agathe keine solche Lampe hat. Jeder Hausierer führt sie, behauptet der Mensch. Ja, wie denn, wenn sich Agathe nun schleunigst eine Kiste voll anschaffte? Die hätte sie in zehn Jahren noch liegen! Das ist ja die Kunst, diese weitläufige und vielfältige Sammlung von Dingen so einzurichten, daß sie sich in Wochen und Monaten allmählich verkrümelt und erneuert. Dieses Bündel Teesiebe, und hier diese Schachtel mit tausend Perlmutterknöpfen, wer im ganzen Dorf braucht denn jemals so eine Unmenge von Sieben und Knöpfen? Und dennoch finden alle ihren Käufer, Agathe weiß es beinahe auf die Stunde zu sagen, wann sie ihre Teesiebe los sein wird. Es wäre wunderbar, denkt David, wenn er sich nun mächtig ins Zeug legte und alles im Laden verkaufte! Dann käme die Krämerin heim und fände nur leere Regale und schlüge die Hände über dem Kopf zusammen. O Gott, würde sie sagen, hat also doch jemand eingebrochen? Aber David lächelte nur und zöge einen riesigen Sack unter dem Ladentisch hervor, der wäre bis an den Rand mit Geld gefüllt, mit lauter blanken Silberstücken... Es kommt ja auch schon jemand, der Borstand. Holla, sagt er, ist der Krämer wieder aufgeftanben? Er will eine Rolle Kautabak, — bitte sehr! Und bann gibst du mir noch ein Paket Malzkaffee, sagt er, die geringere Sorte. Gut, aber David kann leider keinen Malzkaffee finden. Darf es nicht ein Stück Kernseife fein? Die wäre zur Hand. Nein, sagt der Vorstand, dann laß es nur, es eilt nicht. Er sucht sich eine Handvoll Schuhnägel zusammen, eine Dose Lederschmiere. So, das wäre alles. Was bin ich dir schuldig? Ach ja, wieviel denn nur? David nimmt einen Zettel, er benetzt den Bleistift zwischen den Lippen und fängt eine umständliche Rechnung an. Der Vorstand hilft auch mit, wir müssen einen Strich machen, meint David, ein Strich muß auf alle Fälle darunter fein. Jawohl, sechs und acht und neun bleibt zwei — wieso denn, sagt der Vorstand, das kann doch nicht stimmen? Dafür kaufe ich mir ja eine Kalbin, sagt er. Ach freilich, weil David den Punkt vergessen hat! Mit einem Punkt dazwischen ist alles in Ordnung. Bei anderen Kunden ist der Handel weniger leicht zu schlichten als beim Vorstand. Es erscheint die kleine Franziska von den Weberleuten. Bis zur Nase ist sie in ein großes Wolltuch geknotet, ein grauer Knäuel, der auf dünnen Filzbeinen läuft. Franziska bohrt die Hand durch ihre Hüllen und läßt zwölf Groschen aus der geballten Faust auf den Ladentisch fallen. Was willst du denn haben? fragt David. Keine Antwort. Kannst du nicht reden? Sag doch, was du heimbringen sollst! Finsteres Schweigen. Franziska zieht die Hand wieder in ihr Gehäuse zurück und wartet. Daraus wird in Ewigkeit nichts, man muß die Sache von einer andern Seite her anpacken. Wenn David der Reihe nach auf alle Dinge zeigt, die es im Laden gibt, bann wird sich ja schließlich bas Richtige finben. Ist es also eine Erbswurst? Eine von biefen Kuhketten? Nein. Vielleicht ein Paar Schuhriemen? Ober bieser Topf Marmelabe? Auch nicht. Franziska folgt bem Finger Davibs mit den Augen, aber sie bleibt stumm. Siebener ^amilicnblättcr Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Nun, was denn nur? Etwa so eine Mausefalle? Möchtest du diese kleine Gießkanne haben, sieh her, rotgestrichen und mit Blümchen bemalt? Franziska betrachtet die Kanne, und plötzlich nickt sie heftig mit dem Kops. Gefundenl L Wer hätte auch gedacht, daß die Weberin mitten tm Wmter nach einer Gießkanne schickt! Wenn sie aber glaubt, so ein prächtiges Stuck sei für ein paar Kupferlinge zu haben, so irrt sie. Der Preis steht angeschrieben, David kann keinen Groschen nachlassen. Die kleine Franziska nimmt das Paket und verschwindet wortlos, wie sie erschienen ist. War das nicht ein Meisterstück an Scharfsinn? Gewiß, aber die Weberin ist anderer Meinung. Nach einer Weile kommt sie selbst gelaufen und ist außer sich vor Aufregung. Was das heiße, zetert sie, ob man sie zum Narren halten wolle? Seit Wochen schickte sie das Kind jeden zweiten Tag noch einer Kerze, die Spatzen wüßten das schon, und nun brächte Franziska plötzlich diese lächerliche Gießkanne nach Haufe! Sieh dich vor, sagt die Weberin aufgebracht, daß ich dir die Späße nicht austreibe! , Nun, was das betrifft, erklärt David kühl, so sollte sie lieber trachten, ihrer Tochter das Reden beizubringen. Uebrigens macht David jetzt Feierabend, die Mutter ruft zum Essen. Er schließt die Läden und schiebt den Balken vor, und zum Ueberfluh stellt er noch einen Stoß Blechtöpfe an die Tür, um nächtlichen Mordbrennern das Handwerk zu verleiden. Die Mutter hat Eierkuchen gebacken, besser konnte sie es gar nicht treffen. Bei jedem Stück schwört David, er werde keinen Bissen mehr essen, wenn nicht auch die Mutter das ihre tue, aber zuletzt hat er doch alle sechs allein verschlungen. Er seufzt und schiebt den Teller zurück, mit einem Male wandelt ihn der Schlaf an, eine unüberwindliche Müdigkeit. David geleitet die Mutter in ihre Stube, gute Nacht, sagt er. Rufe mich nur, wenn du Angst hast! Dann liegt er also im Bett der Krämerin, das ist breit und weich, es duftet nach frischem Sinnen und ein wenig nach Gewürz, wie es Agathe immer an sich hat. Pfannkuchen sind ein guter Nährboden für Träume und Gedanken. David denkt daran, daß nun, in dieser ab-- gründigen Finsternis, alles seinem Schutz anoertraut ist, das ganze Haus und die Mutter, und der Laden mit feinen Schätzen. Leib und Leben muß er dafür einfetzen. Ja, vielleicht ist der Räuber schon unterwegs, der diese Nacht das Krämerhaus plündern will. Vielleicht steht er schon unter dem Fenster und prüft noch einmal die Schneide seines Messers auf dem Daumennagel. David legt sich auf den Rücken, damit er die Ohren frei hat, fein Herz klopft wild, er atmet lautlos mit offenem Mund und horcht. Und sogleich füllt sich die Stille mit allerlei seltsamen und unheimlichen Geräuschen. Irgendwo scharrt etwas und schlägt dumpf zu Boden, — Stille. Es knackt auf dem Gang, es riefelt durch den Kamin, wiederum ist alles ruhig. Der Räuber vor dem Haus ist ein geriebener Schurke, er stößt nicht einfach die Tür auf, nein, langsam, unendlich langsam geht er zu Werk. Schon hat er einen handbreiten Spalt offen, — da schlägt die Turmuhr, wieder hält er inne. Oh, er weiß nicht, daß ihn David längst belauscht, daß er alle seine Schliche durchschaut. Nach ist es Zeit, noch rührt David keinen Finger. Aber plötzlich werden die Töpfe raffelnd durcheinanderfallen, David wird aufspringen und über die Treppe hinunterrasen und dann — ja, was bann? Es hängt alles davon ab, ob es David gelingt, den Kopf des Räubers blitzschnell unter den Arm zu zwängen. Das ist ein bewährtes Mittel, Mördergurgeln die Luft abzudrehen. Gnade! wird er winseln. Nein, keine Gnade! Berslucht noch einmal, so ein Pech, daß gerade David im Haus sein muß! Es bleibt dem Räuber nichts Übrig, als den Geist aufzugeben. Mindestens fällt er ohnmächtig um, er bekommt noch etwas Handfestes auf den Hut, und dann liegt er still und rührt sich nicht mehr. Am Morgen kann ihn der Wachtmeister abholen ... Wie aber, wenn dieser Raubmörder schlauer ist und gar nicht durch die Tür kommt, sondern rückwärts über den Hausgang hereinsteigt? Das Blut gerinnt David bei dem Gedanken, oh, er kennt diesen Weg! Und im gleichen Augenblick hört er auch schon etwas Verdächtiges. Er fährt auf und hält den Atem an und horcht, — kein Zweifel, draußen geht jemand! Die Treppe knackt unter schleichenden Tritten, Stufe um Stufe tappt es herauf. Dann schlurft es durch den Gang, leise, vorsichtig, jetzt stößt es gegen den Schrank, sogleich ist es still und wartet, David hat es deutlich seufzen gehört. Es geht wieder, kommt heran, näher und näher, o Gott, es ist wirklich schon an der Tür, tastet die Wand entlang über das Holz und greift nach der Klinke — In diesem Augenblick springt David mit einem Satz aus dem Bett, Mutter! schreit er, Mutter! und wirft sich angstvoll gegen die Tür. Ja? antwortet es draußen. Sei still, was ist dir denn? Und wirklich, die Mutter kommt mit einem Licht in der Hand in die Kammer — ach, sagt sie lächelnd, habe ich dir Angst gemacht? Sie wollte nur den Wecker holen, und dann dachte sie, daß David vielleicht noch wach sei, es sei ja erst früher Abend. Sie möchte ein wenig bei ihm sitzen und schwatzen, darf sie bas? Davib kriecht tnieber in bas Bett unb rückt an die Wand, um der Mutter Platz zu machen. Sie hat den Mantel umgehängt, bas bunkle Haar ringelt sich lose um ihren Hals. Sie trägt es jetzt länger, nicht mehr so knapp geschnitten wie damals. Schön, denkt David. Schön und jugendlich sieht die Mutter aus. Er schämt sich ein wenig vor ihr, weil er so unsinnig geschrien hat, aber sie redet gar nicht davon. Denke dir, sagt iie, wie dumm ich bin! Mir war so bang in meiner Stube, — lachst Du mich aus? Nein, gar nicht. David hat ja gesagt, sie solle ihn rufen, wenn sie Angst hätte. Freilich, das sagte er. Monika schweigt und schaut in das Licht. Was meinst du, fragt sie nach einer Weile, wohin mag die Krämerin wohl gefahren sein? Ach, bas weiß Davib ganz genau. Den Schleifer besucht sie. wirft. (Schluß folgt.) Wen? Den Scherenschleifer. Mit dem ist sie doch früher herumgezogen. Was sagst du? Agathe? . Ja. Das hat sie selbst erzählt. Aber bann stritten sie sich einmal, ich weih nicht, Agathe wollte in einer Scheune schlafen ober so. Da wurde der Schleifer böse und warf ihr ein Messer nach. Ja, unb jetzt reut es die Krämerin, baß sie ihm bavongelaufen ist. Es war boch eine schöne Zeit, sagt sie, unb sie will ihn heiraten. ♦ Ach/du lieber Gott. Das kann die Mutter nicht glauben. Doch, es ist wahr. ., „ _ , .. _.. Wo will sie ihn denn suchen, in der Stadt vielleicht? Sagte die Krämerin, baß sie in bie Stadt fahren will? Nein, das nicht. Schleifer gibt es wohl nur in den Dörfern. So. Wenn er aber doch in der Stadt wohnt? David, wenn ihn Agathe nicht findet? Denke dir, die vielen Häuser, du hast das nie gesehen, in jeder Straße leben mehr Menschen als im ganzen Dorf. Und keiner kennt den anderen. Da könntest du nicht fragen, wo der Lehrer wohnt oder der Weber, niemand wüßte es. , Nun, einerlei. Uebermorgen kommt bie Krämerin jebenfaUs zurück, mit oder ohne Schleifer. David meint, es schabe wenig, wenn sie ihn nicht fände. Das sei boch nichts Rechtes, so ein Kerl, der mit Messern Juni. Von Josef Weinheber. Im heißen Hauch, monbfilbergrün, die Wiese wehet her und hin. Goldamselruf, Hornifsenton, den Wald bekrönt die Sommerkron. Mit feiner Sens' Sankt Barnabas, rückt an unb schneidet ab das Gras. Im Dengeltakt unb Mäherschritt; und alle, was Hände hat, tut mit. Jetzt regne nur nicht, heiliger Veit, bis uns bas Heu im Stadel leit, unb Peter-Paul, gestellt ans End, die Deichsel gegen Juli roenbt. -ujie bte Nachtigall ihren Gesang lernte. Von Emil Belzner. „Hört, hört: Ich bin das Nachtigallenmännchen Joseph, der Zweihundert- tausendste meiner Dynastie. In den Büschen zwischen dem Blauen unb Weißen Nil verbringe ich ben Winter. Wenn der Weißdorn grünt, komme ich zu euch mit meinen Liedern. Hört, hört: Nicht von Anfang an fang ich so schön, wie ich jetzt finge. Der Erdsänger Joseph, der Zweihundert- tausendste seiner Dynastte, war anfangs eine stümperhaft stammelnde Nachtigall. ,Fiid, fiib‘ machte ich und .Kroätt. Später erst kam das ,Huit roiib‘ und bas fdjnarrenbe .Karr', später erst kamen bie herrlichen Strophen meines unvergänglichen Liebes, später erst kam das zornige ,Räh> und das trauliche ,Tak'. Ich kann Fröhlichkeit in Melancholie ver- wandeln und Melancholie in Fröhlichkeit. Ich kann mit meinem Schlag aus der Fülle in die Einsamkeit fallen und aus der Einsamkeit wieder in bas Unenbliche ziehen. Mein Lieb ist echt, benn es ist gelernt unb erlitten. Darum auch ist es so schön. Darum auch kann ich dem geliebten Liede immer wieder eine Strophe hinzufügen, noch eine und noch eine, solange die Nachtigallenjahre bauern. Hört, hört, wie ich meinen Gesang gelernt habe, und wie dieses Lernen selbst das Lied der Liebe ist: In einem Garten wurde ich geboren. In bie Näh« dieses ©artens kehre ich stets zurück, wenn bei euch der Weißdorn grünt. Kennt ihr die Wunder des Nachtigallenzuges vom Blauen unb Weißen Nil zu euch? Nachts reifen wir. Zuerst die Nachtigallenmänner, bann bie Frauen unb Jungfrauen. Wir fingen in unserem heimatlichen Busch und rufen sie herunter, wie sie ankommen, rufen die Gattin aus dem Dunkel der Nacht über uns, oder die unbekannte Braut, der unsere Stimme Nest und Brut und ein langes glückliches Leben verheißt. Hört, hört, wie es war: Die unbekannte Braut saß über mir im Gezweige unb lauschte meinem Lied. Ich begrüßte sie, ausrecht sitzend, mit gesenkten Flügeln unb ge- hobenem Schwanz. Die du fielst aus den Scharen der Nachtigallenfrauen, sagte ich, sei mir willkommen. Hier ist der Gau der guten Sänger. Mein Vater war ein trefflicher Lehrmeister. Im Vorjahre brachte er mir, trotz [einem Alter immer noch ein feuriger Liedermacher, die ersten Schmettertouren unb Flötentöne bei. Hoch oben im nächtlichen Dunkel hast du ben prüfenben Schrei meiner Sehnsucht gehört. Unb siehe, schon habe ich wieder einen Ton mehr; o höre, aus ben Herrlichkeiten ber Nacht gefallene Braut, höre, ist bas nicht ber Anfang eines Liebes? Kannst du bich erinnern, als bu auf bie Welt kamst, war alles voll solcher Lieber — unb bann nicht mehr. So wuchs mein Gesang, so sand ich Ton um Ton unb Strophe um Strophe. Meine Stimme erhob sich um meine liebe Nachtigallenfrau. Wenn sie sich bie Flügel putzte, wenn sie ein Würmchen fand, wenn sie Wasser trank, wenn sie bem Schlafe nahe war ober bem Erwachen, mein Lied wuchs, unb bie Sterne werben sich immer baran erinnern, wie es geworben ist. Sah ich einen Menschen, so hielt ich inne, denn ich erschrak anfangs vor diesen Riesengesichtern, die nach einer Blume ober nach einem Zweige suchen und aussehen, als seien sie unter Stein unb Götzenbilbern groß geworben. Doch je mehr ich meine Nachtigallenfrau liebte, befto mehr gewann ich auch sie lieb. Zuerst sang ich weiter, wenn ich Kinber sah, und bann auch, wenn bie Großen tarnen. Sogar für Katzen, Wiesel und Marder und für alle meine Feinde ward mir ein Lied. Und ich lernte, daß ein Lied nicht immer lieblich sein muß, daß es auch Warnung und Schrei und Klage sein kann und Trotz, daß es auch nützlich sein kann und allem Geliebten eine Hilfe. Im Brombeergerank, in der Stachelbeerhecke und im gehäuften Laub wurde ich groß mit meinen vielen Strophen Ich habe Fledermaus, Uhu und Adler gesehen, doch sind sie vor meinem Lied nicht größer als Käser und Libellen und Schmetterlinge. Und nichts Größeres ist denn die Nachtigallin, die süße schlichte Luszinia, die mit mir wohnet und ein Nest mit mir hat. Versteht ihr, wie mein Lied geworden ist, hört ihr, daß es nie enden kann? Einmal hat mir ein Räuber die Freundin streitig gemacht; da stieg meine Trauer gen Himmel und brachte mir die Freundin wieder, denn nichts Schöneres gibt es zu singen als das Verlorene, und nichts begeistert mehr als das Wiedergefundene. Ein Hauch von Gerechtigkeit kam in mein Lied und ein Glanz von Treue. Einmal sah ich einen toten Menschen den Nil hinabschwimmen, sein Gesicht war mit Wunden bedeckt, seine Augen schon leer; es war wiederum eine neue Strophe meines Gesanges. Hört, diese Strophe war es ... freut sie euch nicht? Es steht nichts drin von der Geburt und vom Leben dieses Menschen, nichts von feinen guten und von seinen schlechten Taten, aber etwas Wahres ist doch daran, selbst wenn die Töne freudig sind und aus einem fernen Glück zu kommen scheinen. Etwas Wahres ist daran, hört ihr es, könnt ihr es ermessen? Einmal sah ich ein dreihundertjähriges Krokodil am Ufer liegen und sich sonnen. Es lachte mit seinem halbgeöffneten Rachen so zart vor sich hin, als seien dreihundert Jahre am Nil ein friedliches Dasein, ein sanftes Wehen vom Morgen gen Abend. Wiederum hatte ich eine Strophe mehr, eine fast lustige Strophe, Gott wird mich ihretwegen nicht tadeln. Einmal sah ich ein Löwenpaar an einem Wasser trinken. Zwei meiner schönsten Strophen stammen daher: von diesem starken Schlürfen, von diesen ruhigen, fernen Blicken, van dieser Kraft der Schmeicheleien, von diesem königlichen wappentragenden Verschwinden im Steppengras. Einmal sah ich die Geburt eines Kamels unter einer Palme, da verstummte ich, und diese tiefe Wüstenpause ist die Pause zwischen meinen Liedern. Als käme «in König zur Welt, so war mein Verstummen; als sei der Schmerz heilig geworden, so war mein Schweigen; als sei nichts Wichtigeres auf Erden als diese Kamelmutter mit ihrem Kinde, so war meine Andacht. Einen Tag und eine Nacht blieb ich in der Nähe dieser Stätte, unter der Sonne und unter den Sternen. So lange also müßte ich jedesmal nach meinem Lied schweigen, wenn mein Lied die Wahrheit sein sollte. Es ist dennoch die Wahrheit. Schaut ihr die Geburt in der Wüste, dies Wunder zwischen Sand und Dornen, dies gnadenreiche Opfer eines Leibes an das All? Kein Adler fliegt so hoch und keine Gazelle eilt so weit, als daß sie die Einsamkeit dieser Stunden und die Größe dieser Geburtsstätte ermessen könnten. Vermögt ihr es zu schauen? Euer Auge findet kein Ende, euer Herz keinen Trost. Die Nachtigall schweigt einen Atemzug lang. Hört auf mein Lied. Ich preise die Liebe, lieber Berge und Meere bin ich geflogen, ich habe unter mir viel entstehen und verderben gesehen, ich sah Siege flattern und Schiffe sinken, ich sah Schwerter blitzen und Früchte im Mondschein hängen, olles Lebendige nahm ich wahr auf der Reise vom Abendland ins Morgenland und vom Morgenland ins Abendland, fruchtbare Aecker waren unter mir und Schlachtfelder, Tiere mit Menschengesichtern und Menschen mit Tiergesichtern, Flüche und Segenssprüche und vielerlei Worte des Anrufs und der Verehrung, unter mir waren bewaffnete Marschkolonnen und singende Gärtner, unter mir war viel Not und Geschrei um den gleichen Gott, war viel Mummenschanz und Beschwörung um die gleichen Götter, unter mir schallten Kommandos und Grablieder, unter mir zeugten Feinde ein kommendes Geschlecht. Alles erschaute ich aus der Dunkelheit des Flugs und erkannte wohl die geheime Weise in ihm, die auf allen Lippen liegt; erkannte wohl die Palme, die allem zu- kommt; erkannte wohl die träumende Ruhe, die alles leitet. Ach, das Nachtigallenmännchen Joseph war da oben in feiner Schar ein Lernender, ein Piepsender, ein Eifersüchtiger auf jeden neuen Ton, den er von der Erde bringen hörte oder den er schon bei einem seiner Kameraden vernahm. Versteht ihr jetzt mein Lied, versteht ihr jetzt meinen nimmermüden Gesang? Oh, ihr versteht ihn vielleicht, wenn ich euch sage, daß es trotzdem nichts Schöneres und Unendlicheres gibt als die heimatlichen Bäche, Wassergräben und Büsche; daß es nichts Vollendeteres gibt als die heimatliche Ebene, von leichten laubreichen Hügeln durchzogen; daß es nichts Schöneres gibt als die Nähe der Menschen, die anregt zu Lobgesang und schmetterndem Jauchzen, zu kurzer Klage und zu langen Läufen. Dreist und neugierig nennen sie mich. Wenn sie wüßten, die Guten, wie sehr ich auf mein Lied bedacht bin, würden sie mich noch mehr lieben. Jeder toten Nachtigall würden sie göttliche Ehren erweisen, der Zug der Leidtragenden nähme kein Ende. Er nähme kein Ende, weil sie das Lied der Liebe so bezaubernd und fiohlockend gesungen hat, weil sie Würmer, Käfer, Bäche, Hecken, Menschen, Marder, Adler, Sterne und Laub zu einer einzigen Lust machte, an der ein Prasser stirbt, aber der Demütige groß wird. Die Nachtigall ist die einzige, die einem großsprecherischen Helden mit der Liebe entgegentreten und einen Mutlosen gegen die Ueber- macht der Greuel gürten kann. Stumm haben wir am Tag unsere Lieder gelernt, laut singen wir in der Nacht. Um Johanni herum fieilich endet der Nachtigallenschlag. Da sind die Jungen im Nest. Sie probieren ihre Kehlen, sie wollen von ihren Vätern fingen lernen. Sie wissen nicht, daß sie erst einmal übers Meer müssen, um den Ton des Heimwehs zu finden, der der Ton der Töne ist. Dann können sie manches von der Meisterschaft der Nachtigallenväter lernen, doch das Bleibende nicht. Und darum verstummen wir an Johanni, damit keine falschen Lieder in die Welt kommen. An Erdengewürm, Ameisen- puppen, glattbäuchigen Räupchen und Beeren sollen sich die unschuldigen Kleinen üben, sollen sie dichten lernen und das Werden der Melodie. Die Väter schweigen, damit die Jungen nicht aus Mutwillen von Schmerz und Freude tirilieren und sich auf die Geläufigkeit und Vollendung 6es Hergebrachten verlaßen. Solche Fertigkeit und Eitelmeisterei gilt unter den Nachtigallen nicht. Singe das Lied deines Brotes, so fängt es an; finge das Lind deines Daseins, so heißt es da, das Lied deiner Büsche, Blumen, Tiere, Menschen und Sterne. Singe das Lied deiner Gedanken, Schmerzen, Leiden und Freuden, singe das Lied deiner Liebe. Und das Lied der Liebe ist groß. Es hängt voller Blüten und Früchte, und nie kommt ein Lebender, der erntet. Huit, wiid, tat, tat." Lobpreis der Hand. Von Viktor Meyer-Eckhardt. Es ist eine der seltsamsten Erscheinungen, ja Irrungen in der Geschichte des menschlichen Urteilens, daß immer versucht wurde, das Tun des Geistes und das Wirken der Hand grundsätzlich voneinander zu scheiden. Nun wird aber gerade ein Geistiger, je feiner er erfährt und denkt, nichts in fo reiner und unaufhörlicher Wechselbeziehung finden als das Gehirn: das verborgenste Organ unseres Wesens, und die Hand: dessen offenkundigstes Instrument. Wenn Goethe einmal die Formen des tierischen Körpers in „notdürftig ober überflüssig begabte" einzuteilen forbert — wer müßte ba nicht bie menschliche Hand gleich hinter ben Schöbel, an bie zweite Stelle der bevorzugten Formen verweisen? Auch ist bie Entstehung ber Hand und ihrer fast unbeschränkten Macht nahezu ebenso wunderbar wie die Entstehung der Sprache; denn von allen Organen, die vom wollenden Geiste lediglich mobilisiert werben, unterscheidet sich, hierin ähnlich der Sprache, die Hand durch ihr Vermögen souveräner Gestaltung. Und nicht nur dem von der Uebertegung geleiteten Willen gehorsamt sie unmittelbar, sondern rasch und noch rascher dem Instinkt: wenn des Neugeborenen Augen noch gar nichts erblicken, so beginnen schon die zarten Gliedlein der Finger zu greifen, zweckmäßiger von Stunde zu Stunde und mit einer Kraft, die uns staunen läßt. Diese tiefe und geheimnisvolle Beziehung von Geist und Hand, die autonome Verantwortung der Hand für ihr Tun erahnten die Völker in den frühesten Zeiten: der Handschlag bedeutete die erste Stufe des Bundes zwischen zwei Einzelgeschöpfen — der Eid, diese Anrufung des Allerhöchsten, wurde geleistet durch eine Gebärde der Hand. Daß zudem die Hand in ihrer Formung, in ihrer Gestik viel enthüllt vom Charakter des Eigners, daß sie nächst Gesicht und Mienenspiel der vornehmste Ausdruck des sonst verdeckten inneren Wesens ist, wissen wir alle — doch von diesem wollen wir heute nicht reden, sondern von ihrer edelsten Kraft: der Vollziehung des Handwerks. Echtes Handwerk steht zum Geiste in gar keinem Gegensatz, wohl aber in unversöhnlichsten zur mechanischen Erzeugung von Dingen, denn nur die Hand und ihre „Schrift" — zeige sie sich nun am Werkstück eines Meisters oder am buchstäblich Niedergeschriebenen, das man nicht nur mit viel Grund heranzieht zur (Erbeutung ber Seele, fonbern hoch genug über das gedruckte Wort stellt, um bas Manuskript eines über- ragenben Menschen als geliebtes unb kostbares Eigentum zu bewahren. Wer nun bie menschliche Hanb unb ihren Aufbau betrachtet, steht vor bem Wunber ber Wunber. Dieses Organ ist ein unteilbares und höchst verwickeltes Ganzes aus einer Unzahl von Knochen unb Gebilden, elastischen Bändern, verschiedenartigsten Muskeln, blutbringenben und blutentführenben Adern, empfindenden bewirkenden und außerdem tastenden Nerven, stärksten unb zartesten Sehnenästen und -zweigen, nicht zu vergessen auch jener Horngebilde, Nägel benannt, die nicht nur die Fingerspitzen erträftigen, sondern auch durch ihren Widerstand dem Tastsinn erst seine äußerste Feinheit verleihen. Freilich ist es bie Fülle ihrer Beweglichkeit, bie bie Hanb erst zur Hand macht — und deren Quellen reichen hinauf bis ins Schultergelenk, dessen Radbewegung die Funktion der Hand schon mitunterstützt. Dann wieder ist es der Ellenbogen und in ihm vorzüglich die Rotation der Speiche um bie Elle im Unterarm, es ist die Veränberungsfähigkeit bes Handgelenks mit seinen doppelgereihten und gegeneinander verschiebbaren Wurzelknochen, welche beiden Vermögen treue Diener der Hand sind. Das Handgelenk gar regiert fast von sich allein aus so manche kaum zu erklärende und geschwindeste Tätigkeit: etwa die des Schreibens und Malens. Sonst gehen alle wesentlichen Feinbewegungen von dem Zaubergeflechte der Mittelhand aus: jenem Teil, indem dis Stäbchen der Finger noch völlig verbunden find — während die meisten Streck- unb Beugemuskeln der Finger noch im Unterarm lagern. Unb nun gebente man ber dreifachen Beugbarkeit dieser Finger, ihrer Spreizbarkeit, der Drehbarkeit des Zeigefingers unb bes Daumens um die Wurzelachse, die Gegenständigkeit des letzteren zu ben vier übrigen, der ungleichen Länge der Finger, wodurch die Hand allererst Rundes umschließen und zum völligen Hohlraum sich ballen kann. Überhaupt aller Transformationen, welche Finger und Daumen gesondert oder vereint vollziehen: allo auch noch der Bildung von Faust, Haken, Zange und Ring. Danach denn erwäge man, wie dieses System, das sich aus- fpannt zwischen Schulter unb Fingerspitzen unb jebe Maschine an Emp- finblichkeit unb Kunst weit übertrifft, leichtspielenb ben unaufhörlichen Pflichtenwechsel ber Hanb ausübt nach dem Anruf des Geistes! Es wär- ein schlechter Einwand gegen die Wunberleistung ber Hand, den vielerlei Instrumenten deren sie sich bedient, ein Sonderverbienst zuzuweisen. All biete Dinge sind nicht nur säst sämtlich von ihr gemacht, sondern, was wichtiger ist: sie vermöchten nicht das Geringste zu schaffen ohne die ausschließliche Leitung durch jenes Gebilde, dessen bloße Fortsetzungen und Ausläufer sie sind. Auch die Sinterung eines Skalpells ist lediglich von der Hand selbst eingeritzt, der unscheinbarste Abstand von der Hand selber gefühlt und beachtet. Daß jedoch auch ohne irgendwelche Zurüstungen solcher Art die Hand schon sehr mächtig ist, darüber würde uns jeder Alltag belehren — hätten wir uns nicht so verderblich an bie von uns so genannten Selbstverstänblichkeiten gewöhnt. Zudem wurde mancherlei für die menschliche Gesittung entscheidendes Urhand- werk, wie etwa bie Töpferei, anfänglich ganz ohne Werkzeua getrieben unb zu staunenswerter Vollendung geführt, doch weiß noch heute der «..»utwortttch: l)r. HanS Thhriot.- Druck und Verlag: Brühl lchelUniverlitätS.Buch. und Steindruckerei.«.Lange, Siebe» Schilderung des Nibelungenliedes erkennen: „Wie Siegfried erschlagen ward"; auch Gottfried von Strahburg gibt in „Tristan und Isolde" eine anschauliche Darstellung ritterlicher Weidmannschaft. Karl der Kahle war so eifersüchtig auf sein Jagdrecht, daß er den eigenen Söhnen den Abschuß von Rothirschen verweigerte, er gab ihnen nur die Sau,agb in einem begrenzten Ardennenreoier frei; Friedrich Barbarossa erklärte Harz, Odenwald und Taunus zum kaiserlichen „Bannwald Doch aller Ansprüche der Fürsten ungeachtet, wurde schon im 11. und 12. Jahrhundert die Jagd von den Vasallen der Großen überall und ohne Ruck- sich ausgeübt, in Frankreich in solchem Umfange, daß König Philipp August (1180 bis 1223) sich veranlaßt sah, für seine persönlichen Jagdzwecke den ersten geschlossenen Wildpark in Europa anzulegen; in der damals noch englischen Bretagne und Normandie wurden Mengen von Rotwild in Gruben und Netzen eingefangen und auf der Seine nach Vincennes geschafft. Um die Wende des 14. Jahrhunderts ging das Jagd- recht, das ursprünglich mit dem Grundeigentum verknüpft war, als Hoheitsrecht allerorten an die Fürsten über, die sich die hohe Jagd und das Weidwerk auf Bär, Schwarzwild, Schwäne und Auerhahn vorbehielten, dem niederen Adel und den Klöstern aber die Niederiagd als zehntpflichtige Vergünstigung überließen; nicht ohne Humor ist eine Verordnung Friedrichs des Schönen von Oestreich, die besagt, daß die Niederjagd als am wenigsten anstrengend für „wohlbeleibte Pfaffen und Prälaten" angemessen sei. Jagdfrevel galt als eins der schwersten Verbrechen und wurde durch grausame Strafen gebüßt: Brandmarkung auf Stirn und Nacken mit dem glühenden „Hirscheisen", Verlust von Hand und Fuß, Festschnurung des nackten Raubschützen auf dem Rücken eines Hirsches, der dann in die undurchdringlichen Wälder entlassen wurde, wo der Gefesselte bald den Tod fand; ferner Blendung, Landesverweisung, Enthauptung. Wer im Wald den gebahnten Weg verließ, um verirrtes Vieh zu suchen, und dadurch das Wild beunruhigte, riskierte den Galgen. Nur eigentliches Schadwild, wie Wolf und Fuchs, durfte jeder erlegen. Eine der tiefsten Ursachen des Bauernkrieges war die Vorenthaltung einer gerechten Verteilung der Jagdrechte; unter den von Götz von Berlichingen 'm Auf- trag der Bauern vor der Schlacht bei Königshofen an Bischöfe und Ritter abgesandten „zwölf Artikel" steht die Freigabe von Waffe und Wald, Jagd und Fischerei mit an erster Stelle. Zu einer schweren Caft artete das Jagdregal im 16. Jahrhundert aus, Kursürst August von Sachsen vertrieb die Bewohner ganzer Dörfer von Hof und Haus, um ihre Felder in Wildbahnen umzugestalten. Kein Untertan oder Leibeigener durste eine Feuerwaffe oder Armbrust besitzen; der Wildschaden war infolge der Menge des Rotwildes oft unerträglich und beraubte den Landmann der Früchte feines Fleißes. Selbsthilfe war »erbaten. Der Wilderer war vogelfrei. Dazu kamen die harten Jagdfrone in Gestalt von Treiberdiensten, Wild- und Jagdzeugfuhren, Hundehaltung. Eine liebenswürdige Gestalt unter den fürstlichen Jägern des Mittelalters war Kaiser Max, der „letzte Ritter", der die Jagd in Formen ausübte, die die Arbeit des Landmannes schonten. Die wildreichen Berge Tirols waren seine liebsten Jagdgründe. An der senkrecht auswärts wuchtenden Martinswand im Jnntal hatte er sich auf der Gemsjagd Der» stiegen. Die Gemeinde des Dorfes Kematen lag mit dem Priester am Fuß der Wand auf den Knien und betete für den Verlorenen, als der Sage nach ein Engel vom Himmel kam und ihn rettete — in Wirklich- (eit der Gemsjäger Oswald Zips, dem dafür als „Holler von Hohen- seifen" der Adel verliehen wurde. . L . . Die Jagd mit dem Beizvogel, zuerst von den Arabern betrieben, wurde in Deutschland seit den ältesten Zeiten geübt. Neben dem Turnier war die Reiherbeize die vornehmste aller ritterlichen Hebungen; ein „abgetragener", d. h. zur Jagd abgerichteter „weißer Jslandsalk" wurde nach seinem Gewicht mit Gold bezahlt, Falke und Habicht galten als Attribute auch der vornehmen Frau, wurde eine solche zu Pferde dar- gestellt, gab man ihr den Falken auf die Hand. Wahrscheinlich war die I Reiherbeize das einzige höfische Spiel, das beide Geschlechter gemeinsam genießen dursten. Ihren Glanzpunkt erreichte sie unter Friedrich II. In den langwierigen Kämpfen mit den lombardischen Städten sah er sich 1248 zur Ausgabe der Belagerung von Parma gezwungen, weil die Verteidiger der Stadt sein verschanztes Lager überrumpelten, als er gerade auf der Reiherbeize war. Mit der Vervollkommnung der Schußwaffen ging auch die Falknerei zur Rüste; an ihre Stelle trat vorerst die Hetzjagd. Ungeheuer wie der durch die Reitjagden verursachte wirtschaftliche Schaden und der Aufwand für Vorreiter, Meute, Jagdzeug und Pferde, ist die Zahl des in vier Jahrhunderten zu Tode gehetzten Wildes. Befonders starke Geweihe zu Stand" gehetzter Rothirsche wurden vergoldet. Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt und sein Nachfolger Ludwig VIII., der die Hirschhetze vornehmlich von seinem Schloß Kranichstein aus betrieb, von wo er mit einem Gespann von sechs gezähmten Hirschen in rotgoldenem Geschirr nach Darmstadt fuhr, stürzte die Vorliebe für diese Jagdart in solche Schulden, daß die daraus erwachsende Zinsenlast sich schließlich auf mehr als eine halbe Million Gulden jährlich belief Wer dem Landgrafen den Stand eines guten Rothirsches verriet, erhielt einen „Hirschdukaten" mit der Aufschrift: „Durch den Dukaten ward ich verraten". Schließlich stand der Hof vor der Gant, das Reichsgericht in Wetzlar drohte mit Zwangsvollstreckung. Bei Ludwigs Zeit- genoffen, König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, war die Leidenschaft für die Hetzjagd kaum weniger groß als die Vorliebe für die „langen Kerls", In den märkischen Forsten wurden unter seiner Regierung jährlich an 4000 Wildschweine gehetzt und das Wildbret zwangsweise an die Bevölkerung verlaust. Die Jahrhundertwende mit den großen Umwälzungen der Napoleonischen Zeit machte den Standesvorrechten auch auf dem Gebiet der Jagd ein Ende. Die geschilderten Zustände waren zumeist Auswüchse eines Herrentums, dem das Gegengewicht des sozialen Gewissens fehlte; I heute wird die Ausübung der Jagd durch Recht und Gesetz geregelt. Bildhauer sehr gut, wieviel Vollendung von seinem Tonmodell dem • w ober ohne Werkzeug, denn Meisterin bleibt sie allein. Auch noch in unseren Tagen, die ihren Tatendrang auf manchen Bereichen durch dw Technik erstickten, ist vieles vom Schwierigsten und Wichtigsten noch immer ihr allein anvertraut: nicht um auszuzahlen, sondern nur um Beispiele zu geben, erinnere ich an die Herstellung unserer genauesten zur Messung von Raum und Zeit erfundenen Gerate, an die Schleifung der unfaßbar zuverlässigen Objektive des Kleinsehers, deren vollkommene Untadeligkeit eine Maschine niemals bewirken konnte. Handwerk un edelsten Sinne ist auch die der Menschheit seit Jahrtausenden dienende Chirurgie wie dies ja ihr Name verkündet — ebenso rote Malere, und Plastik, diese reinen Künste, auch Handwerk sind; denn nur dem Gra nach sind sie gesondert von den Hervorbringungen allgemeinerer Art, die gleicherweise nicht zu denken wären ohne den Befehl des Geistes, der ausstrahlt in der Hand. Das Geistigste sogar das m>s.je anrubrt^bas Erklingen der Musik, ja bie Musik selbst roare bem Geschlechte der Menschen gewiß nicht vergönnt ohne unbegreiflich sichere Fmger über Saiten, Tasten unb F öten - burch Wechselwirkung schließlich zwischen ber innen mitgeborenen Musik unb bem Vollbringen ber mftrumentebauen» ben Hanb hat bie Musik in Jahrtausenben erst jene Hohe gewonnen, von der sie heute hinabtönt in unser Ohr. f Doch vergesse man nicht bas unserem Werden unb Wachsen Allernächste unb Schönste: bie Hand ber Mutter! In ber Dunkelheit ihres Schoßes vollenbet bie Mutter bie Bilbung des Kmbes nicht 9™^ ihre mit ber Weisheit ber Vorsehung begnabete Hanb 'st es erst, bie bas Werk krönt in ber Erpflegung bes gebrechlichen weichen Saug- l'" Eiiw'mörberisthe Degeneration, bie wir nicht ungestraft weiter sort- schreiten lassen werben, hat einen großen, ja ben großen Teil ber Menschheit aus bem Gebrauch ber besten Kräfte ihrer Hande gesetzt Es gab eine Zeit (und sie liegt noch nicht allzu fern), da war Handwerk noch nicht Vorrecht von Künstlern, sondern dies adlige Tun vere nte Künstler unb Handwerker in ganz ähnlichen Bunden unb Brauchen, ließ die Kluft, die heute hier gähnt, noch nicht einmal sichtbar werden. Es war eine gesegnete Menschengemeinschaft, die noch unbestechlich wußte, was ein Lehrling, was ein Geselle, was ber von außen ben inneren Reichtum empfangenbe Wanberbursch, was das Probestück vor der Zunft fei- eine Gemeinschaft, die ihre ehrfurchtgetragene ebenso aristokratische wie naturhafte Stufung von der Leistung der Hand nahm. Hier war aller Dünkel verwehrt: „Der Jünger ist nicht über den Meister — doch auch jede Anerkennung gezollt: Meister konnte werden, wer gelernt hatte, es zu sein. Denn in der Tat, die Verachtung des Geistes ist der Verachtung der Hand echtbürtiger und gesährlichster Sohn: wer seine Hand noch bemüht, um das an das Licht des Tages zu bringen was zuvor als Bild und Ziel von innen ihm lockte, der ahnt auch, daß er dies Werk nur vollbringt, weil er selbst vom Geist ist und der Geist durch seine Hand sich bewegt, entwickelt und endlich bestätigt. Wir aber wollen der Hand, dieser Mittlerin zwischen so manchem das sich wahnvoll befehdet, soviel an uns liegt unb soviel es inmitten der Technik noch eben zu schaffen ist, zu einem neuen Siege verhelfen: vorziehen wollen wir für Gebrauch, Schmuck unb Erbauung allem ode Genormten unb Nachgeformten bie köstliche Schöpfung ber Werkhand, die sich eigentlich nie völlig bezahlt macht, sondern im Herzen des spateren Eigners eine Dankesschuld läßt. Denken und Dank haben gemeinsamen Stamm: Aneinanderdenken, demütig ahnungsvolles Leben tm Nächsten, ift die See eie aller Kultur. Und sollte uns die geheime Bildekraft der Lrde, indem sie Haupt und Hand im Lauf von Jahrmillionen über die übrigen nur dämmerhasten Organe des Menschen so sichtlich emporhob, umsonst gezeigt haben, wohin sie strebt, von einem Gotte geleitet? Aus der Kulturgeschichte der Jagd. Von Franz Hotzeu. Als der Mensch unter der Notwendigkeit, saatfähiges Land für die zahlreicher werdende Bevölkerung zu gewinnen, viele Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung begann, den Wald zu roden und den Boden uach der Ordnung zu bebauen, war mit dieser Kultur der Scholle verbunden ein Kampf gegen die Bewohner der urbar zu machenden Gebiete — bie Tiere. Hieraus entwickelte sich ein Jagbbetrieb, ber zu einer bauernben Uebung würbe unb auch bann nichts von feinem Reiz verlor, als die weitere Ausrottung ber frei lebenben Tiere nicht mehr notwenbig erschien. Für unsere Altvorberen war bie Jagb eine Probe auf Mut und Mannhaftigkeit; benn die deutschen Urwälder, die sich in düsterer Mächtigkeit vom Bodensee bis zur Ostsee zogen, waren bevölkert nut nahrhaftem Urwild jeder Art unb Größe, dessen Bekämpfung Kraft und Gewandtheit forderten. Heute verstehen wir unter Wild nur noch wenige Tierarten, die von ihrer ursprünglichen Natur viel eingebüßt haben; zu jener Zeit aber war das anders — neben gewaltigen Rudeln von Auerochsen, Elchen, Wisenten und Riesenhirschen waren Bär, Wols und Luchs ein häufiges Raubwild, gegen das der Jäger als Waffen nur Bogen, Wurfspeer unb Jagbspieh hatte. Aber bieser Zwang zur Selbstbehauptung bewährte sich als wirksame Vorschule zu kriegerischer Ertüchtigung bes germanischen Stammes. Die Stürme ber Völkerwanberung unb bas Christentum schieben bie Bevölkerung Deutschlanbs, die einst nur Gemeinfreie als Kern des Volkes kannte, in Stände, von denen ber Bauer in Armut und Abhängigkeit versank, während Macht und Besitz des niederen Adels und der Fürsten wuchsen. Auch das uralte germanische Recht auf unbe» schränkte Ausübung der Jagd, das jedem Freien zustand, wurde bald ein Vorbehaltsrecht der „Herrschaften" und Klöster. Welche Rolle die Jagd im Leben des mittelalterlichen Ritters spielte, laßt bie großartige