Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang Mb freitag, den 4. Dezember Nummer 94 jAf Geschichte einer Liebe IVlVvl Vt von Knut Hamsun Copyright by Albert Langen^Georg Müller Verlag,München (Schluß.) Heute nahm ich deine Bücher und legte sie in mein Zimmer. Ich will sie noch einmal lesen: es wird mich nicht im geringsten ermüden, ich freue mich darauf. Höre, Johannes, du könntest so lieb sein und mich nach Hause begleiten, denn ich weiß nicht, ob der Weg ganz sicher für mich ist, bis ganz nach Hause. Das weiß ich nicht. Vielleicht wartet draußen jemand aus mich, vielleicht geht jemand auf und ab und wartet. Ich glaube es fast ... Plötzlich bricht sie in Tränen aus und stammelt: Ich nannte ihn einen Lügner, das wollte ich nicht. Es tut mir weh, daß ich es getan habe. Er hat mich nicht angelogen, im Gegenteil, er war die ganze Zeit ... Wir werden am Dienstag Gäste bei uns haben, ober er soll nicht kommen, doch du sollst kommen, hörst du. Versprichst du mir das? Aber trotzdem wollte ich nicht schlecht von ihm sprechen. Ich weiß nicht, was du von mir hältst ... Er antwortete: Ich fange an, dich zu verstehen. Sie wirft sich ihm an den Hals, verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust, zitternd und verstört. Ja, aber dich habe ich auch lieb, bricht sie aus. Das mußt du mir glauben. Ich liebe nicht nur ihn, so schlimm ist es nicht. Als du mich voriges Jahr fragtest, wurde ich so froh: aber jetzt kam er. Ich verstehe es nicht. Ist es so schrecklich von mir, Johannes? Ich liebe ihn vielleicht ein ganz klein wenig mehr als dich: ich kann nichts dafür, es ist über mich gekommen. Ach Gott, viele Nächte habe ich nicht mehr geschlafen seit ich ihn gesehen habe, und ich liebe ihn immer mehr. Was soll ich tun? Du bist so viel älter, du sollst es sagen. Nun hat er mich hierher begleitet, er steht unten und wartet auf mich, um mich wieder heimzube- gleiten, und jetzt friert er vielleicht. Verachtest du mich, Johannes? Ich habe ihn nicht geküßt, nein, das habe ich nicht, glaube mir; ich habe ihm nur meine Rose gegeben Warum antwortest du nicht, Johannes? Du mußt sagen, was ich tun soll, denn ich halte es nicht mehr aus. Johannes saß ganz still da und hörte ihr zu. Er sagte: Ich habe nichts darauf zu antworten. Dank, Dank, lieber Johannes, es ist so lieb von dir, daß du nicht wütend auf mich bist, sagte sie und trocknete ihre Tranen. Aber du sollst nicht glauben, daß ich dich nicht auch lieb habe. Du lieber Gott, ich will jetzt viel öfter zu dir kommen als früher und alles tun, was du roiujt. Aber es ist eben nur das eine, daß ich ihn lieber habe. Ich habe es mcht gewollt. Es ist nicht meine Schuld. Stumm erhob er sich und sagte, als er den Hut aufgesetzt hatte. Wollen wir gehen? Sie gingen die Treppe hinunter. Draußen stand Richmond. Er war ein dunkelhaariger, junger Mensch mit braunen Augen, die vor Jugend und Leben sprühten. Der Frost hatte seine Wangen gerötet. Frieren Sie? sagte Camilla und flog auf ihn zu. Ihre Stimme bebte vor Erregung. Plötzlich eilte sie zu Johannes zurück, schob ihren Arm in den seinen und sagte: Entschuldige, daß ich nicht auch dich fragte, ob du frierst. Duzogst keinen Mantel an; soll ich hinaufgehen, um ihn zu holen? Nicht? xW, aber knöpfe auf jeden Fall deine Jacke zu. Sie knöpfte seine Jacke zu. Johannes reichte Richmond die Hand. Er war in einem merkwürdig abwesenden Zustand, als ginge das, was hier geschah, ihn eigentlich gar nichts an. Er lächelte unsicher, halb und halb, und murmelte: Freut mich, Sie wieder einmal zu treffen. Richmond war keine Schuld anzusehen und keine Verstellung. Als er grüßte, flog die Freude des Wiedererkennens über sein Gesicht, und er ^^Jch^ah"kürzlich"eines Ihrer Bücher in einem Buchladen in London, sagte er. Es ist übersetzt. Es war so nett, es dort zu sehen, wie ein ^^Camilla^gllrg iin der Mitte und sah abwechselnd zu beiden auf. Schließ- lld,Bann kommst du also am Dienstag, Johannes Ja, entschuldige daß ich nur an meine Angelegenheiten denke, fugte sie hinzu und lachte. Gleich daraus wandte sie sich reuig an Richmond und bat auch ihn zu kommen. haben will; mich an. Johannes sagte: Ich sehe, daß es Ihnen gut geht. __ irt- ihnen: Aus der kleinen Ursache, daß sie gleich dar gleich danach, hören Sie, hahaha, augenblicklich danach immer. Natürlich bekommt man nicht die Frau, die man kommt es aber aus rein verfluchtem Recht und billiger Gerechtigkeit em einziges Mal vor, bann stirbt sie also gleich danach. Alles Spiegelfechterei. Da ist also der Mann darauf angewiesen, sich eine andere tiebc eine der bestmöglichen Art, zu verschaffen, und er braucht um dieser Veranb.- runq willen nicht zu sterben. Ich sage Ihnen, es ist von ber Natur so weise eingerichtet, daß er es ausgezeichnet aushalt. Sehen «ie nur erstaunt an. , ... , Allo: einverstanden. Ja. Sehen Sie, ich habe ihren Sohn unterrichtet. Sie hat einen Sohn, Poden, er stammt aus der ersten Ehe; sie ist natürlich schon verheiratet gewesen, sie war Witwe. Ich habe mich also mit einer Witwe verheiratet. Sie können einroenben, dies sei nicht an meiner Wiege gesungen worden; aber ich verheiratete mich also mit einer Witwe. Poden hatte sie von früher. Ich ging nämlich umher und sah den Garten und die Witwe an und lebte eine Zeitlang in intensiven diesbezüglichen Gedanken. Plötzlich bin ich mit mir im reinen, und sage zu mir selbst: Allerdings, an deiner Wiege ist dir das nicht gesungen worden, und so weiter; aber ich tue es trotzdem, ich schlage ein, denn es steht wahrscheinlich in den Sternen geschrieben. Sehen Sie, so ging das zu. Ich gratuliere! sagte Johannes. Halt! Kein Wort mehr! Ich weih, was Sie sagen wollen. Und die Erste, wollen Sie nämlich sagen, — haben Sie die ewige Liede Ihrer Jugend vergessen? Genau das wollen Sie sagen. Darf ich bann meinerseits Sie fragen, Höchstverehrter, wo meine erste einzige unb emige Liebe geblieben ist? Nahm sie nicht einen Kapitän ber Artillerie? Uebngens stelle ich Ihnen noch eine kleine Frage: Haben Sie jemals jemals gesehen, bah ein Mann die bekommen hat, die er bekommen sollte? Ich nicht. E- gebt die Sage von einem Mann, den Gott erhörte, er bekam seine erste und einzige Liebe. Aber bas führte zu keiner weiteren Herrlichkeit für ihn Weshalb nicht? werden Sie wiederum fragen sind sehen Sie, ich antworte ihnen: Aus der kleinen Ursache, baß sie gleich danai^ starb — Es seien nur Bekannte da, Victoria und ihre Mutter seien auch geladen, und sonst käme noch ein halbes Dutzend Gäste. Plötzlich blieb Johannes stehen und sagte: Ich könnte eigentlich wieder umkehren. Auf Wiedersehen am Dienstag, antwortete Camilla. Richmond ergriff seine Hand und drückte sie aufrichtig. Dann gingen die beiden jungen Leute allein und glücklich ihres Weges. XII. Johannes trifft Camilla auf der Straße; sie ist in Gesellschaft ihrer Mutter, ihres Vaters und des jungen Richmond; sie lassen den Wagen anhalten und sprechen freundlich mit ihm. Camilla ersaht seinen Arm und sagt: Du bist nicht zu uns gekommen. Wir hatten ein großes Fest, wirklich: wir warteten bis zuletzt auf dich, aber du kamst nicht. Ich war verhindert, antwortete er. Entschuldige, daß ich seitdem nicht mehr bei dir oben war, fuhr sie fort. Ich komme jetzt in den nächsten Tagen, ganz bestimmt, wenn Richmond abgereift ist. Ach, wie schön unser Fest war! Victoria wurde krank, sie muhte heimgefahren werden, hast du es gehört? Jetzt besuche ich sie bald Es geht ihr gewih viel bejfer. Vielleicht ist sie schon wieder ganz gesund. Ich habe Richmond ein Medaillon geschenkt, fast das gleiche wie dir. Höre, Johannes, du muht mir versprechen, besser auf deinen Ofen achtzugeben; du vergißt alles, wenn du fdjreibft, und es wird eiskalt bei dir. Du muht dem Mädchen klingeln. Ja, ich werbe dem Mäbchen klingeln, antwortete er. Auch Frau Seier sprach mit ihm, fragte nach seiner Arbeit, nach dem Geschlecht; wie es bamit ginge? Sie ermorte schon mit Sehnsucht das nächste Buch von ihm. , . r . . Johannes gab die nötigen Antworten, grüßte sehr tief und sah den Wagen fortfahren. Wie wenig ging ihn doch das Ganze an, dieser Wagen, diese Menschen, dieses Geschwätz! Eine leere und kalte Stimmung überkam ihn und verfolgte ihn auf dem ganzen Heimweg. Auf der Straße vor feinem Haustor ging ein alter Bekannter auf und ab, der frühere Hauslehrer aus dem Schloß. Johannes grüßte ihn. ...... Der Hauslehrer trug einen langen, warmen und sorgfältig gebürsteten Mantel und hatte einen kecken und sicheren Gesichtsausdruck. Hier sehen Sie Ihren Freund und Kollegen vor sich, sagte er. Reichen Sie mir die Hand, junger Mann. Gott hat meine Wege seit dem letztenmal wunderbar geführt, ich bin verheiratet, habe ein Heim, einen kleinen Garten eine Frau. Es geschehen noch Wunder im Leben. Haben Sie zu bjeker meiner letzten Bemerkung etwas zu äußern? Johannes sieht ihn Ausgezeichnet, was Las betrifft. Hört, fühlt und seht! Ist ein Meer von unerträglichen Sorgen über mich hinweggegangen? Ich habe Kleider, Schuhe, Haus und Heim, eine Frau, Kinder — na, Poden meine ich. Was ich sagen wollte, was also meine Gedichte betrifft, biefe Frage will ich auf der Stelle beantworten. Oh, mein junger Kollege, ich bin älter als Sie und von der Natur vielleicht ein bißchen besser ausgerüstet worden. Ich habe meine Gedichte in der Schublade verwahrt. Sie sollen nach meinem Tod herausgegeben werden. Dann erleben Sie ja kein Vergnügen mehr daran, werden Sie einwenden? Da irren Sie sich wieder. Vorläufig nämlich erfreue ich mein Haus damit. Am Abend, wenn die Lampe angezündet ist, mache ich die Lade auf, nehme meine Gedichte heraus und lese fie meiner Frau und Poden laut vor. Die eine ist vierzig Jahre alt, der andere zwölf, beide sind entzückt. Wenn Sie einmal zu uns kommen, sollen Sie ein Abendessen und Toddy haben. Jetzt sind Sie eingeladen, möge Gott Sie vor dem Tod bewahren. Er reichte Johannes die Hand. Plötzlich fragte er: Haben Sie von Victoria gehört? Von Victoria? Nein. Doch, ich hörte foeben, vor einem Augenblick ... Haben Sie nicht gesehen, wie sie dahinstechke, immer dunkler unter den Augen wurde? Ich habe sie seit dem Frühjahr daheim nicht mehr gesehen. Ist sie noch krank? Der Hauslehrer antwortete komisch hart und stampfte mit dem Fuß: Ja. Ich hört« eben jetzt . .„ Nein, ich habe nicht gesehen, wie sie dahinsiechte. Ich habe sie nicht getroffen. Ist sie sehr krank. Sehr. Wahrscheinlich bereits tot. Verstehen Sie. Betäubt sah Johannes den Mann an, dann seine Tür, als wüßte er nicht, ob er hineingehen oder stehenbleiben solle, sah wiederum den Mann an, seinen langen Mantel, seinen Hut; er lächelte verwirrt und schmerzlich wie ein Mensch in größter Not. Drohend fuhr der alte Hauslehrer fort: Wieder ein Beispiel; können Sie es leugnen? Auch fie bekam nicht den, den sie haben wollte, ihren Liebsten, aus den Kinderjahren, einen jungen, herrlichen Leutnant. Er ging eines Abends auf die Jagd, ein Schuh trifft ihn mitten in die Stirne und zerschmettert seinen Kops. Da lag er nun, ein Opfer der kleinen Spiegelfechterei, die Gott mit ihm vorhatte. Victoria, feine Braut, fängt an zu kränkeln, ein Wurm nagte an ihr, durchlöcherte ihr Herz wie ein Sieb; wir, ihre Freunde, sahen es. Da ging sie vor etlichen Tagen in eine Gesellschaft zu einer Familie Seier; fie erzählte mir übrigens, daß auch Sie hätten dort sein sollen, aber nicht gekommen feien. Kurz und gut, fie übernimmt sich bei diesem Fest, die Erinnerungen an ihren Geliebten stürmen auf fie ein, sie ist aus Trotz lebhaft, sie tanzt, tanzt den ganzen Abend, tanzt wie rasend. Da fällt sie um, der Boden färfct sich rot unter ihr; man hebt sie auf, trägt fie hinaus, bringt fie heim. Sie treibt es nicht mehr lange. Der Hauslehrer tritt dicht an Johannes heran und sagt hart: Victoria ist tot. Wie ein Blinder griff Johannes mit den Händen um sich. Tot? Wann starb sie? Also, Victoria ist tot? Sie ist tot, antwortet der Hauslehrer. Sie starb heute morgen, heute vormittag. Er schob die Hand in feine Tasche und zog einen dicken Brief hervor. Und diesen Brief an Sie vertraute fie mir an. Hier ist er, Nach meinem Tode, sagte fie. Sie ist tot. Ich übergebe Ihnen diesen Brief. Meine Mission ist zu Ende. Und ohne zu grüßen, ohne noch ein Wort zu sagen, wandte der Hauslehrer sich um, ging langsam die Straße hinunter und verschwand. Johannes blieb zurück, den Bries in seiner Hand. Victoria war tot. Immer wieder nannte er laut ihren Namen, und er hatte eine gefühllose, beinah verhärtete Stimme. Er sah den Brief an und erkannte die Schxift; es waren große und kleine Buchstaben, gerade Linien, und die, die sic geschrieben hatte, war tot! Dann tritt er durch die Türe, geht die Treppe hinaus, sucht den richtigen Schlüssel für das Schloß und öffnet. Sein Zimmer war kalt und dunkel. Er setzt sich ans Fenster und liest im legten Rest des Tageslichtes Victorias Brief. Lieber Johannes! schrieb fie. Wenn Sie diesen Brief hier lesen, bin ich tot. Alles ist jetzt so seltsam für mich, ich schäme mich nicht mehr vor Ihnen und schreibe Ihnen wieder, gleichsam als sei dem nichts im Wege. Früher, als ich noch mitten im lebendigen Leben war, hätte ich lieber Tag und Nacht gelitten, als wieder an Sie geschrieben; jetzt aber i>abe ich angefangen abzusterben und denke nicht mehr so. Fremde Menschen haben mich bluten sehen, der Doktor hat mich untersucht und gesehen, daß ich nur noch einen Teil einer Lunge habe, wofür soll ich mich da noch schämen? Ich habe nun im Bett gelegen und über die letzten Worte nachgedacht, die ich zu Ihnen gesagt habe. Im Wald, an jenem Abend. Damals dachte ich nicht, daß dies meine letzten Worte fein sollten, denn dann hätte ich Ihnen gleichzeitig Lebewohl gesagt und Ihnen gedankt. Jetzt werde ich Sie nicht mehr sehen können, und ich bereue jetzt, daß ich mich nicht vor Ihnen niebergeroorfen und Ihre Schuhe und die Erde, auf der Sie gingen, geküßt und Ihnen nicht gezeigt habe, wie unsäglich ich Sie liebte. Ich lag hier und wünschte gestern und heute, ich möchte doch nicht zu krank jein, damit ich wieder heimkommen und in den Wald gehen könnte, um den Platz zu sinden, an dem wir saßen, als Sie meine beiden Hände hielten; denn dann könnte ich mich dort hinlegen und sehen, ob ich nicht eine Spur von Ihnen fände, und könnte alles Heidekraut ringsum küssen. Aber ich kann jetzt nicht heimkommen, wenn es nicht möglicherweise etwas besser wird, wie meine Mutter glaubt. Lieber Johannes! Es ist merkwürdig, zu denken, daß ich nichts anderes ausgerichtet habe, als auf die Welt zu kommen und Sie zu lieben, und jetzt vom Leben Abschied zu nehmen. Glauben Sie mir, es ist sonderbar, hier zu liegen und auf Tag und Stunde zu warten. Schritt für Schritt entferne ich mich vom Leben, und von den Menschen auf der Straße und von dem Wagengerafsel; auch den Frühling werde ich wohl nie mehr sehen und diese Häuser und Straßen, und die Bäume im Park werden nach mir Zurückbleiben. Heute durfte ich im Bett auf- itzen und ein wenig zum Fenster hinaussehen. Unten an der Ecke trafen zweie einander, sie grüßten einander und reichten sich die Hände und lachten über das, was sie sagten; da aber war es so sonderbar für mich, daß ich, die hier lag und dies sah, sterben sollte. Ich mußte denken: die beiden da unten wissen nicht, daß ich hier liege und auf meine Stunde warte; wüßten sie es aber, würden fie wohl trotzdem einander begrüßen und miteinander sprechen, genau wie jetzt. Gestern nacht, als es dunkel wurde, dachte ich, dies sei meine letzte Stunde, mein Herz fing an still zu stehen, und es war gleichsam, als hörte ich schon in weiter Ferne die Ewigkeit mir entgegenrauschen. Im nächsten Augenblick aber kehrte ich von weit her zurück und fing wieder an zu atmen. Es war ein ganz unbeschreibliches Gefühl. Aber Mutter glaubt, es fei vielleicht nur der Fluß oder der Wasserfall von daheim gewesen, an den ich mich erinnert habe. Lieber Gott, Sie sollten wissen, wie ich Sie geliebt habe, Johannes. Ich konnte es Ihnen nicht zeigen, es hat sich mir so vieles in den Weg gelegt, vor allen anderen Dingen meine eigene Natur. Mein Vater tat sich selbst auch immer so weh, und ich bin (eine Tochter. Aber jetzt, da ich sterben soll und es für alles zu spät ist, schreibe Ich Ihnen noch einmal und sage es Ihnen. Ich frage mich selbst, warum ich das tue, da es doch gleichgültig für Sie ist, besonders wenn ich einmal nicht mehr agr Leben fein werde; aber ich möchte Ihnen gerne bis zum letzten Augenblick nahe fein, damit ich mich wenigstens nicht verlassener fühle als vorher. Wenn Sie dies lesen werden, ist es gleichsam, als sähe ich Ihre Schultern und Hände und sähe alle Ihre Bewegungen, wie Sie den Brief vor sich Hinhalten und ihn lesen. Dann sind wir nicht so weit voneinander entfernt, denke ich. Ich kann keinen Boten nach Ihnen senden, dazu habe ich kein Recht. Mutter wollte schon vor zwei Tagen nach Ihnen senden, aber ich wollte lieber schreiben. Ich wollte auch am liebsten, daß Sie sich meiner so erinnern sollten, wie ich einmal war, als ich noch nicht krank war. Ich erinnere mich, daß Sie ... (hier sind einige Worte ausgelassen) ... meine Augen und meine Augenbrauen; aber auch die sind nicht mehr so wie früher. Auch aus biejem Grunde wollte ich nicht, daß Sie kämen. Und ich möchte Sie auch bitten, mich nicht im Sarge anzusehen. Ich werde zwar fast so aussehen, wie zu der Zeit, als ich noch lebte, nur etwas bleicher, und ich werde ein gelbes Kleid anhaben, aber trotzdem würden Sie es bereuen, wenn Sie kämen und mich sähen. Nun habe ich heute schon viele Male an diesem Bries geschrieben und doch habe ich Ihnen nicht den tausendsten Teil von dem gesagt, was ich sagen wollte. Es ist so fürchterlich für mich, zu sterben, ich will es nicht, noch hoffe ich fo innig zu Gott, daß es vielleicht ein wenig besser werden könnte, wenn auch nicht länger als bis zum Frühling. Da sind die Tage hell, und an den Bäumen ist Laub. Wenn ich jetzt wieder gesund würde, dann wäre ich gewiß nie wieder böse gegen Sie, Johannes. Wie habe ich darüber nachgedacht und gemeint! Ach, ich würde hinausgehen und alle Steine auf der Straße streicheln und an jeder Treppenstufe, an der ich oorbeikäme, anhalten und ihr danken und gut gegen alle fein. Cs wäre ganz gleich, wie schlecht es auch mir erginge, wenn ich nur leben dürfte. Nie mehr würde ich über irgend etwas klagen, nein, ich würde dem, der mich überfiele und schlüge, zulächeln und Gott loben und danken, wenn ich nur leben dürste. Mein Leben ist so ungelebt, für niemand habe ich etwas tun können, und dieses verfehlte Leben soll jetzt enden. Wenn Sie wüßten, wie ungern ich sterbe, würden Sie vielleicht etwas tun, würden alles tun, was in Ihrer Macht stünde. Sie können freilich nichts tun; aber ich dachte, wenn Sie und die ganze Welt für mich beteten und mich nicht fortlassen wollten, würde Gott mir das Leben schenken. Oh, wie dankbar wollte ich da sein und nie mehr jemand etwas Böses tun, sondern allem zulächeln, was mir beschieden märe, wenn es mir nur erlaubt wäre zu leben. Mutter sitzt da und weint. Sie saß auch die ganze Nacht hier und meinte um mich. Das tut mir ein wenig wohl, es mildert die Bitterkeit des Abschieds. Heute dachte ich auch: was würden Sie wohl denken, wenn ich eines Tages auf der Straße schön gekleidet gerade auf Sie zukäme und nichts Verletzendes mehr sagen würde, sondern Ihnen eine Rose gäbe, die ich schon vorher gekauft haben könnte. Dann dachte ich gleich wieder daran, daß ich nie mehr das tun kann, was ich will; denn ich kann wohl nie mehr wieder gesund werden, ehe Ich sterbe. Ich weine so ost, ich liege still da und meine unaufhörlich und trostlos; es tut mir in der Brust nicht weh, wenn ich nicht schluchze. Johannes, lieber, lieber Freund, mein einziger (Beliebter auf der Erde, kommen Sie jetzt zu mir und seien Sie ein wenig hier, wenn es zu dunkeln beginnt. Ich werde bann nicht meinen, sondern lächeln, so gut ich es vermag, nur vor Freude darüber, daß Sie gekommen sind. Nein, wo sind mein Stolz und mein Mut! Ich bin jetzt nicht die Tochter, meines Vaters; aber das kommt daher, daß die Kräfte mich verlassen haben. Ich habe lange Zeit gelitten, Johannes, lange vor diesen letzten Tagen. Ich litt, als Sie im Ausland waren, und später bann, seit ich im Frühling hierher in bie Stadt kam, habe ich jeden Tag nur gelitten. Ich habe nie vorher gewußt, wie unendlich lang bie Nacht jein kann Ich habe Sie in biefer Zeit zweimal auf der Straße gesehen, das eine Mal summten Sie vor sich hin, als Sie an mir vorbeigingen — aber Sie sahen mich nicht. Ich hoffte, Sie bei Seiers sehen zu können; aber Sie kamen nicht. Ich hätte nicht mit Ihnen gesprochen, noch hätte ich mich gerade vor sie hingestellt, sondern wäre nur dankbar gewesen, Sie von weitem sehen zu dürfen. Aber Sie tarnen nicht. Da dachte ich, daß Sie vielleicht um meinetwillen nicht gekommen wären. Um elf Uhr fing Ich zu tanzen an, weil ich es nicht aushielt, länger zu warten. Ja, Johannes, ich habe Sie geliebt, in meinem ganzen Leben nur Sie geliebt. Victoria ist es, bie dieses schreibt, und Gott lieft es über meine Schultern. Und jetzt muh ich Ihnen Lebewohl sagen, es ist nun beinahe dunkel, und ich sehe nicht mehr. Leben Sie wohl, Johannes, Dank für jeden I I I t ! > > t 8 e (I h s i I r ie i) n 1, ir ■)t it, il u r a n. I« >n er il, i« als jedes andere Haus!" Oh, den Jubel hättet ihr hören sollen! Wie sie brüllten! Und plötzlich erhob man sich, um zu singen, „Denn mächtig fein sind unsere Jungen", die Fünf aber, die im Callendarmatch mitgetan hatten, mußten sitzen bleiben und dumme Gesichter machen. Jeremy hatte den Versuch gemacht, sich zu erheben, wurde aber gewaltsam niedergehalten. „Braver, alter Stumpen!", rief es in seiner Nähe, und andere knufften ihn, grinsten ihn an und bewarfen ihn mit Nußschalen, ja sogar Staire ließ sich herbei, zu lächeln und irgend etwas zu sagen. Ja! prächtig war es, Jeremy genoß es gebührend. . Nachdem sich der Lärm gelegt hatte, wandte sich Leeson jenem Ehrengast zu, der in London Geschichten schrieb. Offenbar war dieser sehr lange nicht mehr in Crale gewesen, aber jeder freute sich ob feiner Rückkehr (feiner Gestalt und seinen grauen Haaren nach zu schließen, mußte es wirklich lange her sein). ........ Doch nun erhob sich Pothshorn und brachte alles wieder in das gute Geleise. Er stotterte ein wenig, was bezaubernd wirkte, und seine Gefühle erwähnte er überhaupt nicht. Im Gegenteil begann er sogleich ein ®e- schichtchen von einem alten Weib, das zwei Kühe besaß, eine Lucy, die andere Isabel genannt, und wie Isabel ... aber das war Nebensache, es war nicht- so sehr die Geschichte, sondern die Art, wie er sie vorbrachte. „Nun, das war eine n—neue Geschichte", sagte er, als er geendet hatte. „Welche a—alte soll ich euch noch erzählen?" Das war das Herrliche — daß man wählen durfte. Daher schrie es von allen Seiten: „Die Geschichte von der Bahnstation!", „Der Maler und seine Malschachtel!", „In London verloren!" ... Sie kannten sie alle, wie wäre es anders denkbar, da er sie ihnen doch immer und immer wieder erzählt hatte. ~ . Dann kam der Höhepunkt. Er deklamierte „Das Walroß und der Zimmermann" — eine wundervolle Leistung, wobei (ein Gesicht feierlich, ja selbst trauervoll aussah und seine lange hagere Gestalt düster und regungslos blieb. Zuletzt gab er „Seine Abenteuer auf dem Lande" zum Besten — wie er in einem Bauernhaus wohnte, wie allerlei aus dem Strohdach hervorkam, wie die alte ftrau seine Kleider verlor und ein wilder Hund ihn in Todesangst bis Mittag Im Bett festhielt. Ach, herrlich war das! Jeremy saß da, versunken und verloren, starrte sich beinahe die Augen aus dem Kopf, seinen Mund weit offen. Solange die Erzählung währte, war er ganz in ihre Welt versetzt, selbstvergessen, dem eigenen Ich entrückt. Als fie zu Ende war, lehnte Jeremy sich mit einem Seufzer zurück Ach wer das doch könnte! Vielleicht ging es! Er würde es daheim versuchen. Wer weiß, ob er nicht doch für die Bühne geboren war. Als Pothshorn feinen langen Körper zufammenschob und sich niederließ, starrte Jeremy ihn an und beneidete ihn mehr als sonst jemanden auf Erden. * Nun war es so weit, daß jeder, der wollte, den Saal verlassen durfte. Jeremy gehörte zu diesen, teils weil er frische Luft schöpfen wollte, teils weil er nicht sicher war, ob es ihm nicht schlecht werden wurde^ Leise schlüpfte er davon, den Gang hinab, in den Coullers-Hof. Die frische Luft brachte ihn sofort wieder In Ordnung. Welche Nacht! Der Himmel war geradezu Übersät mit Sternen, als hätte man diese mit einer Schaufel dagegen geworfen. Es war herrlich still und kühl. Von weit her war Gesang zu vernehmen. Heute abend wurde m allen Schulhausern festlich getafelt. Bald würden sie drüben bei ßeefon gleichfalls fingen. Wie liebte er bns! .. Allein ehe er zurückkehrte, wollte er einen Augenblick verweilen, die Gemesterschluß. Von Hugh Walpole. In drei Romanen — „Jeremy", „Jeremy unb fein Hund", „Jeremy auf der Schule" — hat der britische Dichter Hugh W a l p o l e die Kindheit eines englischen Knaben beschrieben. Wir bringen hier mit Erlaubnis des Verlages J^Engelhorns Nachf. in Stuttgart, des deutschen Verlegers von Walpole, den Schluß des letzten Bandes der Trilogie, in welchem gesch'lder wird, wie der junge Jeremy auf der Schule von feiner Kindheit Abschied nimmt. Sie hatten warten müssen, bis die Hausglocke ertönte, dann ftrömten fie in den Speisesaal und standen plötzlich mitten in aller Pracht. Der langgestreckte Raum war mit bunten Girlanden geschmückt, die Tische bedeckt mit Knallbonbons und mit Chrysanthemensträutzen übersät. Noch befriedigender als diese Chrysanthemen aber waren die Schuffeln voll Backwerk, die Berge von Obst — Orangen, Aepseln und Bananen — und die Mandeln und Rosinen. „ „ . , . , ... ~„ Leeson stand bereits zu Häupten der Vorstandstafel, als die Schuler hereinströmten, und rechts und links ihm zu Seiten standen die beiden Ehrengäste, ein langer hagerer Mann mit einem humorvollen Mund, der zweite, ein starker pausbäckiger Mann von ziemlich selbstzusriedenem Auftreten. Jeremy kannte einen der beiden gut und war entzückt, ihn da zu sehen. Er kam stets zum Weihnachtssest nach Cra^. Sem Name war Botbshorn. Er war Künstler, lebte in London und zeichnete Illustrationen für Bücher. Der einzige Künstler, außer Onkel Samuel, den Seremg jemals gesehen hatte. Das Wesentliche an ihm aber war keineswegs, daß er Künstler, sondern daß er ein glänzend komischer Bursche war, sxater nach Beendigung des „Fraßes" aufstehen, erstaunliche Gefchich en erzählen und die lustigsten Gedichte deklamieren würde — unentwegt mit demselben langen Gesicht, dessen Ernst der Mund so seltsam widersprach. Er war in der Tat Leesons besonderer Stolz. Jeder Junge, vom ältesten bis zum kleinsten, liebte ihn, und ohne seine Anwesenheit wäre kein richtiges Fest- essen denkbar^geweien.chrieb, gereml) belehrt wurde, Geschichten und verdiente Geld damit. Er sah aus wie jemand, der viel Geld macht und sich selbst Dank dafür weiß. Jeremy sand, er sähe aus, als hatte er sich bei jedermann in Gunst setzen wollen, allein im großen ganzen mochte es leichter fein, an Dem alten Pothshorn Gefallen zu finden. Der dicke Schriftsteller war vor vielen Jahren Schüler in Crale gewesen. Er ließ die Sonne seiner Huld aus jeden strahlen, als hätten fie alle glücklich sein müssen, daß er einmal wieder gekommen sei ... Kleine Jungens sind sehr scharfsinnig, sie spürten dies alle und beschlossen, ihm überhaupt kein Gefühl zu zeigen. Nachdem aber ßeefon das Tischgebet gesprochen und man Platz genommen, störten die Ehrengäste nicht im geringsten — sie waren völlig vergessen. Jeremy war so glücklich, wie ein Sterblicher nur sein kann. „Schinken, Zunge oder Huhn?", fragte der „glückliche Alfred" schweratmend hinter Jeremys Ohr. Der „glückliche Alfred" war Leesons Diener, allgemeines Faktotum, männliche Herrin der Vorratskammern. „Zunge und Huhn", sagte Jeremy erwartungsvoll. In riesigen Glaspokalen ging die herrlichste Orangeade herum, und nach dem Huhn gab es Pasteten und nach den Pasteten wieder Huhn und nach dem Huhn nochmals Zunge und nach der Zunge Auflauf^uno nach dem Auflauf nochmal Auflauf und dann noch ein drittes IDial Auflauf. Dann tarnen Aepfel, Drangen, Bananen, Mandeln unb Rosinen und Nüsse. Als man soweit war, war der Lärm allgemein. Jegliche Steifheit, die zu Anfang geherrscht haben mochte, war nun völlig geschwunden, und bemerkenswert war es, wie Mutter Bender sich zierte und kicherte und sich wieder ausblies im Gespräch mit dem dicken Roman- Darauf erhob sich der geehrte Schriftsteller und fiel jedermann auf die Nerven durch seine Anspielungen auf „die liebe alte Schule", und „welcher Stolz unsere Herzen schwellen soll , und „jeder Stein der lieben alten Gebäude hatte seine Geschichte", und „die Schule ist doch gewissermaßen unsere Mutter", und „wieviel ihm diese Rückkehr bedeutete", unb „er fühlte sich als Freunb jedes einzelnen Anwesenden". Jedermann fühlte ungeheure Erleichterung, als er sich wieder setzte, wobei er alle Anwesenden anlächelte, wie wenn er sie alle erzeugt hätte. schreiber, der es anscheinend für seine Pflicht hielt, gegen jedermann leutselig zu fein, damit jeder seine Leutseligkeit feststelle; und wie Frau Leeson, die in der Schule wegen ihrer rauhen Schale das Krokodil genannt wurde, diesen Panzer abwarf, um sirenengleich mit Hausältesten wie Llewellyn, der zufällig neben ihr saß, schön zu tun. Wenn es etwas gab, das Jeremy liebte, so war es das Gefühl, jedermann glücklich zu wissen, und sicherlich war heute abend jedermann glücklich. Er fühlte geradezu die allgemeine Zufriedenheit ringsum branden. Ihm war, als hätte jeder am liebsten laut gesungen, und bald würde sich wohl allgemeiner Gesang erheben. Ader zuerst mußte Leeson seine Ansprache halten. Er erhob sich, schlug auf den Tisch, um Silentium herzustellen, unb sprach bann über bas abgelaufene Semester. Im Alltag hätten sie bas, was er ihnen zu sagen hatte, nicht sonberlich spannend gefunden, heute abend jedoch, durch Orangeade und Backwerk beschwingt, feucht von Hitze und Erregung, umschwirrt vom Gewirr froher Farben, fühlte jeder den Gedanken an bas „Haus" übermächtig in sich aufsteigen. Das gute alte Haus! Was würbe man nicht alles bafür tun! Das liebe alte Haus mit seinen Ueberlteferungen, seinen Freunbschaften, seiner künftigen Geschichte ... an ber man auch selbst, wohlgemerkt, mitarbeiten würbe. Dies roar’s, was Schleicher gerabe vorbrachte: „Unter euch ist keiner, und wäre er noch so jung der nicht sein Teil beitragen muß, dieses Haus zum Ruhme Englands groß zu machen ..." Ach ja, Wort für Wort sprach er alljährlich bas gleiche, unb wenn einmal bas Festessen vorbei war, hielt man es für Schmalz unb Brühe. Heute abend jedoch fand Jeremy Leesons Rede bedeutsamer als sonst. Wie er so dasaß, eine rote Papiermütze schief auf dem Ohr, unb Nüsse knackte, fühlte er, baß er künftig viel für bas Haus tun würbe — ganz bestimmt würbe er bas! Jemanb stieß ihn unter bem Tisch, unb kräftig stieß er zurück. Jetzt aber war Schleicher bei bem Match angelangt: „Wir hatten bas Glück, in biesern Semester zum Callenbarspiel mehr Jungens zu stellen Lag' Wenn ich von ber Erde roegfliege, werde ich Ihnen noch einmal bis wm letzten Augenblick danken und aus dem g«nzen Weg Ihren Namen vor mich hinsagen. So leben Sie denn wohl für Ihr ganzes Leben unb verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angetan habe, und daß ich mich nicht vor Ihnen nieberroerfen unb deswegen um Verzeihung habe bitten können. Ich tue es nun in meinem Herzen So leben Sie wohl, Johannes, unb für immer Lebewohl. Und noch einmal Dank für (eben einzigen Tag unb jebe Stunbe. Ich kann nicht mehr. Victoria. Nun habe ich die Lampe anzünben lassen, unb es ist viel heller für mich. Ich habe in tiefem Schlaf gelegen und bin wieder weit ort von ber Erde gewesen. Gott sei Dank, es war nicht so unheimlich sur mich wie früher ich hörte sogar ein wenig Musik, unb vor oöem mar es nicht dunkel. Ich bin |o dankbar. Aber jetzt habe ich keine Kräfte mehr zum Schreiben. Leb wohl, mein Geliebter ... Abendrot im Advent. Von Wilhelm Schüssen. O wie deine milden Strahlen, Sonne aus bem alten Garten, All bie Nebel rosig malen! Und auf Straßen, winterharten, Wallt ber Tannenwalb zur Stabt, Will bork schenken, was er hat Im golbenen Tag, beim Sternleinprunken Ein Jahr hindurch an Glanz getrunken. Und es sehen Kinderherzen Nun bald ihre Christbaumkerzen In den Weihnachtsstuben glühen, In der Welt bas Wunber blühen. reine Luft atmen und den Sternenschein erfühlen. Sein zweites ungewöhnliches Ich, das scheu, zurückhaltend und erfüllt war von Erregung, die sich nicht äußern durfte, wurde von der Schönheit und Herrlichkeit der Nacht gewaltsam aus ihm hervorgezogen. Er dachte nicht häufig über sich selbst nach, in diesem Augenblick aber meinte er, daß dieses Semester das spannendste und ereignisreichste gewesen war, das er in Crale erlebt hatte. Jawohl, trotz verschiedener Ereignisse war es ein gutes Semester gewesen, weshalb aber erschien es sonderbar, befremdend und verwirrend? Blitzartig kam ihm die Erkenntnis. Seine Kindheit war vorbei. Er war kein kleiner Junge mehr. Er stand im Begriff, ein Mann zu werden. Andere merkten es. Er merkte es jetzt selbst. Er erkannte es in seiner Beziehung zum Sport, zur Arbeit, zur Schule; und er sah es im Verhalten von Leeson, Llewellyn und Jumbo. Da war etwas Eigentümliches, etwas, das ihn in sich selbst verschloß, so daß er nicht aus sich herausgehen und niemandem, mit Ausnahme Onkel Samuels, Gefühle zeigen konnte. Da war noch Ridley, mit dem er noch nie gesprochen hatte. Der könnte ihm geben, was er brauchte. Ridley hätte er alles mitteilen können. Und dann ereignete sich das erstaunliche verwirrende Zusammentreffen, das Jeremy in späteren Jahren — wenn in seiner Gegenwart behauptet wurde, solche Zufälle kämen nur in Büchern vor — antworten ließ: „Ich weiß nicht. Sie kommen vor ..Da es kalt war, wandte er sich dem Hause zu und rannte geradewegs gegen jemanden an, der um die Ecke bog. „Hallo! Achtung!", sagte dieser Jemand und packte ihm am Arm. Es war Ridley! Er blieb stehen, hielt Jeremy am Arm und suchte festzustellen, wen er da vor sich hatte. „Verzeihung", sagte Jeremy. „Ich sah dich nicht." „Schon gut!", sagte Ridley. „Hör mal", begann Jeremy. Sein Herz schlug wild. Er fühlte sich seltsam bange. „Ja?", sagte Ridley, der nun, vom Lichtschein an Leesons Hausecke getroffen, deutlich zu sehen war. „Ich bin Cole ... Ich ... ich kam einen Augenblick heraus, drin war es so heiß." „Ja?", sagte Ridley nochmals. Und dann sehr freundlich: „Der Fußball- Cole, nicht wahr? Ich sah dich in der Kapelle." „Ich habe dich auch oft gesehen", sagte Jeremy. „Ich wollte mit dir sprechen — schon oft." „Wirklich?", fragte Ridley. „Warum?" „Ich weiß nicht", sagte Jeremy. „Aber ich möchte riesig gern manchmal mit dir sprechen." Ridley lachte. „Nun, das kannst du leicht haben", sagte er. „Nächstes Semester ...", fuhr Jeremy fort, „würdest du es riesig frech finden, wenn ... wäre es dir unangenehm, wenn ... könnten wir hier und da am Sonntag zusammen spazieren gehen?" „Natürlich", sagte Ridley und lachte wieder. „Du wirst mich blödsinnig langweilig finden." „O nein!", entgegnete Jeremy stürmisch. „Abgemacht. Auf deine Gefahr. Jederzeit." „Oh, dank dir vielmals!", sagte Jeremy. „Gute Nacht!", sagte Ridley. „Gute Nacht!", antwortete Jeremy. Dann ging er ins Haus Leeson, glücklicher, als er je im Leben gewesen war. Das Los entscheidet. Erzählung von E r n st W. F r e i h l e r. Als nach dem herrischen Klingeln die Flurtür gleich wieder zuflog und Uschi, ohne der alten Rest Zeit zur Anmeldung zu lassen, ins Zimmer stürmte, da wußte die alte Dame am Fenster ohne weiteres, daß ihre wilde Enkelin wieder einmal „ihren Teufel" hatte, der sie vckst Kind auf gelegentlich plagte. Auch die alte Rest wußte es, denn sie steckte den Kopf durch die nochmals spaltbreit geöffnete Tür und nickte, Verzeihung und Verständnis heischend, ihrer Herrin zu. „Es ist gut, Resi!", nickte die alte Dame zurück, und die Tür schloß sich. Uschi — lang und schlank, mit breiten Sportfchultern — durchwanderte hastig das große Erkerzimmer. Von einer Begrüßung war nichts zu hören gewesen, doch die alte Dame mahnte nicht. Die Formlosigkeit gehörte zu den Begleiterscheinungen des „Teufels", und heute mußte es besonders arg damit sein, denn der dicke blonde Scheitelschopf war ausgesträubt wie bei einem zornigen Kakadu, und die Blauaugen waren dunkel vor Erregung. „Gar nicht weiter beachten!", sagte sich die alte Dame innerlich vor und schien nur Augen für ihre Häkelarbeit zu haben. Das war ihr Rezept, und es batte bei dem mutterlosen Kinde, das in früher Verschlossenheit neben einem überarbeiteten Vater hinlebte, auch immer geholfen. Bisher immer — doch die alte Dame war sich nicht ohne Bangen klar darüber, daß die nun Achtzehnjährige jeden Tag in Erlebnisse stürzen konnte, vor denen die Kindermittel machtlos waren. „Die Männer sind Esel!", brüllte Uschi plötzlich aus der Ofenecke und stampfte mit dem Fuß. Die alte Dame unterdrückte mit Mühe ihren Schreck: da war es schon, o Gott! Aber sie sagte nichts, gab nur ein „Hm!" 3ur Antwort, das alles bedeuten konnte. Uschis Aufschrei hatte ein wenig verdächtig geklungen, und wie sie jetzt noch trotziger wiederholte: „Esel, sage ich! Allel", gab es keinen Zweilel mehr: die Tränen waren nicht allzuweit. Sollte die alte Resi so schnell Recht behalten, die es gestern noch prophezeit und eben erst mit ihrem Verschwörernicken neuerlich angedeutet hatte: „Da werden wir schon noch was erleben, da darf man sich gefaßt machen!" ^nr die moderne Sportkameradschaft überhaupt ein Märchen, wie die al^ R-si meinte, oder doch fragwürdig in Uschis Falle, die ständig von drei ^minben umgeben war? Sollten das etwa wirklich Bewerber lein, die iRlakliqen Jungen, eben erst mit dem Studium fertig, aber ionst ... Die alte Dame fühlte sich plötzlich sehr hilflos vor einer neuen Zeit, ohne gültigen Maßstab für Recht und Unrecht. Bewerber, du lieber Himmel! Und gleich drei! „Und der eine, den sie selber gern hat, der bringt den Mund nicht auf, darum ist sie jetzt immer so wild!", hatte Resi noch gewußt. „Vertrauen!", befahl sich die alte Dame und sprach dabei fast unwillkürlich in der tiefkehligen Stimme, die mit zur Beschwörung des Teufels gehörte, Uschis vollen Namen vor sich hin „Ursula!" und es klang wie „Orfola!" Beim zweitenmal wirkte es schon — Uschi stürzte auf sie zu, umarmte sie schmerzhaft und ließ ihr — ach ja, kein Zweifel! — ein heißes Tränchen neben das Ohr tröpfeln. So machte sich die alte Dame leise frei, trat zu dem großen Glasschrank und begann umständlich die Tür aufzuschliehen, um Uschi mit ihrem Taschentüchlein Zeit zu lassen. Unten auf der Straße fuhr ein Lastwagen vorbei, und die bunten Ueberfanggläser im Oberfach erklirrten leise, als wollten sie sich vordrängen. Aber die alte Dame beachtete sie so wenig wie das alte Porzellan im zweiten Fach. Im dritten aber rückte sie vorsichtig einen getriebenen Tafelaufsatz zur Seite und holte dahinter eine kleine Schachtel aus Sandelholz hervor, die, wie sich zeigte, mit allerlei Schmuckstücken und Krimskrams gefüllt war. Da war Uschi schon neben ihr, mit einer scheuen Zärtlichkeit. Der alte Zauber wirkte also noch — die Geheimnisse des alten Glasschrankes hatten zahllose Male den Teufel verscheucht. Die alte Dame ging zu ihrem Fenstertisch zurück, leerte die Sandelholzschachtel auf der Platte aus und schob wie unabsichtlich das Häuflein ein wenig auseinander, bis unter Broschen, Medaillons, Kettchen und Spangen ein merkwürdig glanzloses Ding gesondert lag. „Was ist das?", fragte Uschi sofort, und die alte Dame zögerte ein wenig: „Ich weiß nicht recht ...", ehe sie rascher fortfuhr: „Aber du bist ja nun schon eine erwachsene junge Dame — ich glaube, ich kann es dir sagen!" Damit schob sie Uschi das Ding zu, die es prüfend in der Hand wog: „Blei — eine alte Gewehrkugel — in Gold gefaßt — und was bedeutet das Kreuz?" „Das ist eben die Geschichte", lächelte die alte Dame und fuhr mit den Fingerspitzen leise über die Messerschnitte, die sich auf der ftumpftegeügen Geschoßspitze kreuzten. „Da waren zwei Brüder, die das gleiche Mädchen liebten, beide jung, schön, reich — untadelige Kavaliere, so sagte man damals. Und große Jäger, o ja, sehr leidenschaftliche — Jäger!", und ein flüchtiges Lächeln unterstrich die kleine Pause. „Und das Mädchen?", fuhr Uschi dazwischen. „Welchen liebte sie?" „Das Mädchen wurde zunächst nicht gefragt — den Männern war es nur wichtig, daß sie beide verliebt waren, und daß einer zurücktreten sollte!" „Nun — sag' ich's nicht, daß sie Esel sind!", warf Uschi hin und sträubte schon den Schopf. Die alte Dame strich ihn wieder glatt und erzählte weiter: „Bei den fürstlichen Hirschtreibjagden im Herbst sollte es entschieden werden — wer die bessere Strecke aufzuweisen hatte, sollte Sieger sein!" „Aber hör' einmal, Omi!", empörte sich Uschi. „Und das Mädchen ließ es zu?" „Das Mädchen", wiederholte die alte Dame mit Nachdruck, „das Mädchen erfuhr nur andeutungsweise davon — und war recht unbeteiligt!" „Aha — oh! Ich verstehe, Omi!" „Recht unbeteiligt, mein Kind. Aber der Wettstreit wurde doch sehr dramatisch. Die ganze Jagdgesellschaft wußte davon, und der Fürst hatte Anweisung gegeben, daß die Brüder immer benachbarte Stände beziehen sollten, damit alle Chancen gleich wären. Und denke dir: am ersten Iagdtag bricht ein kapitaler Hirsch zwischen ihnen durch, beide schießen, er stürzt im Feuer, und wie sich nachher herausstellt, waren beide Schüsse tödlich, aber der unmittelbar tödliche stammte von dem jüngeren Bruder, mit dem andern Schuß hätte der Hirsch noch eine Strecke weit stächen können. Also wurde der Hirsch dem Jüngeren zugesprochen, und alles erwartete gespannt den zweiten Jagdtag. Und wahrhastig: wieder bricht ein starker Hirsch, noch stärker als der erste, zwischen den Brüdern durch, wieder schießen beide, der Hirsch stürzt, und diesmal sind beide Schüsse genau gleich: es mußte gelost werden. Der Fürst machte selbst den Unparteiischen, nahm zwei Patronen, kreuzte die eine mit dem Messer an und ließ die Brüder ziehen. Der Nettere zog die gezeichnete Kugel, und da sein Hirsch stärker war, hatte er gewonnen." „Das Mädchen?", stammelte Uschi atemlos. „Nein — nur den Wettstreit, ober wie du es nennen willst. Das Mädchen nämlich, mein Kind, hatte längst gewählt, mit aller Gewissensruhe, denn es hatte ja keinen der Brüder ermutigt. Niemand durfte von herzloser Spielerei reden — das war viel wert! Allerdings ..." „Was noch, Omi, sag!" „Allerdings hätte der Erwählte sich ohne den Wettstreit vielleicht nicht so schnell erklärt — er war schüchtern. Als ihm aber das Mädel von dem Bruderzwist erzählte ..." „Oh — tat sie das?" „Ja — da siegte — die Angst über die Schüchternheit — und sie waren sehr glücklich!" „Und die Brüder?" Die Brüder trösteten sich — der Aettere schickte die Siegeskugel als Verlobungsgeschenk, so wie du sie hier siehst. Es waren eben sehr leidenschaftliche — Jäger!" Ufchi saß eine Weile in stummem Nachdenken. Dann umschlang sie die alte Dame und flüsterte ihr glückselig zu: „Ach, Omi, liebste Omi — sind sie nicht wirklich ..." Aber die Großmutter schloß ihr mit einem Kuß den Mund. Dann meinte sie: ..Wer so urteilen will der muß seiner selbst ganz sicher fein und darf sich nichts vorzuwersen haben, mein Kind! Haben wir uns verstanden?" Und nach einem langen Blick in die jungen blauen Augen die vertrauensvoll an ihr hingen, fügte sie hinzu, ganz obenhin: „Die Kugel magst du behalten und ihre Geschichte gern meitererzählen — wenn du willst." Da bekam sie ihren Kuß mit Ungestüm zurück. verantwortlich: Or. HansThvriot. — Druck und Verlag: Brüh l'sch r Univ ersitäts »Buch» und Steindrucker ei, R. Lange, Gießen.