SietzeiierZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1936 Montag, den Mai Nummer 34 erwidern. rollt auch endlich ein gesucht. Recht so, wer ist es denn? . ., Der Borstand, erklärt David großartig. Ich mähe dafür bei ihm. Was, der Vorstand? Darauf hat der Pfarrer nichts mehr zu erroit Am Samstag nach Mariä Heimsuchung kommt der Bischof an Man wartet vor dem Dorf auf den Wagen, Rersiggewmde smd über die Straße gespannt, der Pfarrer ist da, der Vorstand und wer sonst die Gemeinde in Ehren vertreten kann, der Lehrer und der Wachtmeister. Pater Johannes hat die wachsbleiche Agnes vor sich an den Zaun gelehnt damit sie noch einmal seinen Vers aufsage, er Zahlt ihr die Silben mit den Fingern her, aber sie bringt kein Wort h^aus, ihre Augen sind schon ganz gläsern vor Angst und Verwirrung. Davck hm- geaen hockt im Eschenwipfel und starrt unverwandt auf d e Straße hinaus/Sobald der Krummstab hinter den Buschen auftaucht rarem Schimmer vom Gold der Bischofsmütze, wird er em werßes Tuch flattern lassen, und dann schlagen die Glocken zusammen und die Ehrenschusse donnern auf dem Hügel. . Ja es ist alles auf das beste voroereltet, letzt Wagen heran, aber es ist noch nicht der richtige. Zwei alte Manner fihen darin, der eine ist barhaupt, der andere tragt einen runden Hut den er dann und wann ein bißchen lüstet. Der Hausmeister wird es fein denkt David, zwei vom Gesinde. Allein nun steigt dieser Rundhut aus' der Pfarrer tritt hinzu, der Pater Johannes b"de smken ms Knie, und David traut den Augn nicht, ste kicksen wahrhaftig dm Ring an seiner Hand. Wie wird man erst den Bischof begrüßen, denkt er, wenn chon seinem Hausknecht so geschieht! Der Vorstand äugt in den Baum hinauf, warum zum Teufel wink denn David nicht? Ja, er wartet noch immer auf den wirklichen Bischof, obgleich ihn schon leise Zweifel ankommen. Aber der hier kann es doch nicht sein, das muß der Vorstand einsehen, so ein grauhaariger Mann, de? ganz einfach auf der Straße steht, mit nichts als einer Quastenschnur auf dem Hut und im ganzen ein wenig krumm und zerkmtterll Rein, seinetwegen rührt David keinen F'uger Der Vorstand muß schließlich selbst sein Sacktuch herausziehen, damit die Glocken endlich zu Das Jahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig. (9. Fortsetzung.) Gut, David, dann brauche ich mich um keine Hilfe zu kümmern. Aber was verlangst du für die Woche? Nichts, wird David antworten. Eine Gefälligkeit, weil es sich gerade trifft, daß er einen Paten zur Firmung braucht. Ja wird der Vorstand sagen, wenn das alles ist? Am Abend redet auch der Pfarrer von dieser Sache. Wir muffen uns beizeiten nach jemand umsehen, meint er, und wenn ich keiner für dich füidet wird es vielleicht der Peter tun. Peter ist em Tagelöhner, er nimmt auch sonst jede Arbeit, die ein anderer scheut, warum sollte er nickt für einen Paten zu brauchen sein? , David schüttelt den Kopf. Nein, er hat sich schon einen besseren aus- Und indessen wird Agnes vorangeschoben, ach du lieber Gott ihr ist so sterbensübel! Aus dem, was sie nun hernorstottert., laßt sich bet weitem kein Bischofsname zusammensetzen. Am Ende ersöffe das gan.ze herrliche Gedicht in Tränen, wenn sich der graue Mann nicht rechtzeitig niederbeugte und wenigstens den Blumenstrauß an sich nähme, ^r lachelt und nickt und legt der kleinen Agnes die Hand auf den Scheitel, mit dem Daumen zeichnet er sanft ein Kreuz über ihre Stirn. So, sagt er, das hast du aber brav gelernt! Das mochte ich wohl auch können, dieses kleine Gebetchen. Wie heißt du denn? Agnes, siehst du Dann habe ich ja mein Schäfchen schon gefunden. Ack und der Zettel? Die Ansprache? Pater Johannes stellt sich zurecht und öffnet den Mund, aber der Bischof nickt auch ihm nur freundlich zu. Ja, sagt er m die Runde, meine Herren, da wollen wir uns weiter keine Muhe verursachen, gehen B^llnl) Pater Johannes macht den Mund wieder zu. Wie nun de? greife Mann durch die Straße schreitet, voll Wurde und unbegreiflicher Hoheit in seinem schwarzen Gewand, wie er die Hand vor das faltige Gesicht hebt, um alle Leute zu segnen, die in ben--.uren knien, da glaubt auch David, daß es der wahre Bischof ist. Rührung :, der sogar aus igftens einen ck überhaupt Kein einziger Mensch im ganzen Dorf. David geht von Tür zu Tur, es ist ihm schon alles gleichgültig. Auch den Schuster fragt er durch das Fenster, haarscharf fliegt ein Leisten an seinem Kopf vorbei. David sagt nichts, er dreht sich um und holt den Leisten von der Straße und legt ihn wieder auf das Fensterbrett zurück. Und überall klopft er vergebens an. Jetzt kommst du? fragen die Leute. Bist du närrisch — am allerletzten Tag? Niemand, niemand, auch Peter nicht. Der ist vollständig betrunken und versteht kein Wort. David läuft nach Hause, er zieht wenigstens sein Festgewand hervor und breitet die ganze Herrlichkeit auf das Bett, einen anderen Trost hat er nicht mehr. Ja, wenn die Mutter da wäre, die würde ihm helfen, sie würde einfach einen Paten kaufen und bar bezahlen, irgendwie brächte sie es zustande. Agathe kann leicht reden und sagen, er müsse sich selber helfen, — wie denn? Sie lachen ihn ja bloß aus, keine Seele kümmert sich um ihn. , , ,. , David möchte am liebsten sterben. Er konnte jetzt zur Köchin Helene gehen und sich ein Stück Kuchen ausbitten, aber nein. Nichts mehr wird er essen und morgen früh wird er verhungert fein. Dann werden sie heulen und Asche auf ihr Haupt streuen ° Gott werden sie sagen, warum hat er uns das angetan? Wer hütet uns jetzt die Kühe und die Kinder wenn David nicht mehr ist? Und Agnes wird täglich an fein Grab kommen, um Rosen darauf zu streuen, bis sie selber an gebroche- nCn2)k%dt vencknnt. Am Abend spielt noch einmal die Musik vor dem Pfarrhaus auf allen Höhen brennen Feuer zu Ehren des Bischofs, aber David rührt das gar nicht mehr. Er hockt im Dunkeln auf dem Bett todesdüster sind feine Gedanken. David fühlt ja schon, wie es mit ihm 'zu Ende geht, sicher ist das der Tod, was er in feinen Eingeweiden spürt. Lebt wohl alle, Mutter, Agnes! Agathe, du auch. Verweint und hungrig schläft er ein. Erwacht nun David nie mehr? Doch, mitten in der Nacht fahrt er aus dem Schlaf. Es ist stockdunkel, aber in feinem Kopf ist es merkwürdig hell geworden, augenblicklich faßt er einen guten Gedanken. David steht auf und tappt im Finstern über die krachende Treppe hinunter. Leise schließt er die Tür auf, geht über den mondhellen Platz, das ist alles ganz einfach. Er steigt über den Zaun in den Pfarrgarten, weil das Gatter geschloffen ist, und steht vor dem Haus und horcht Die Uhr schlägt eins, gleichviel, es ist keine Zeit zu verlieren. David hebt ein Steinchen auf und wirft es gegen das Fenster des Gastzimmers hinter dem Balkon. Nichts, Stille. Ein zweites, wieder nichts. , ., Noch eines, ein größeres, da regt sich etwas hinter der dunklen Scheibe. kommt ihn an, schmerzliche Reue. Oh, gewiß kränkt es den Bischof bitter, daß David so an ihm gezweifelt hat. Vielleicht kann er gar nicht mehr mit Stab und Mütze reifen, er ist schon zu alt und müde für eine [0 schwere Last, und nun erkannte ihn David nicht und versagte ihm schmählich das Geläute! Er würde gern hingehen und den Saum seines Kleides tragen, die Leute brauchten nicht zu wissen, warum er es tut. Aber der Bischof sähe wohl einmal hinter sich und verziehe ihm. Jetzt führt der Pfarrer seinen Gast in das Haus, da kniet Helene in voller Breite zwischen Tür und Angel, und ihre Augen sind so groß und himmelblau vor inbrünstiger Gläubigkeit, daß der Bischof nicht anders kann, er muß ihr besonders und noch einmal und ganz allein seinen Segen erteilen. Es ist die Köchin, sagt der Pfarrer zur Entschuldigung. Ja, antwortet der Bischof und macht plötzlich ein unsagbar pfiffiges Gesicht. Ich weiß! Ich weiß es noch gut, Helene! Und nun laßt die Glocken endlich schweigen, die Böller und die Trompeten, der alte Bischof will ein bißchen schlafen. David streift durch das Dorf und sucht den Vorstand. Es ist ihm nicht wohl zumute, er hat die entscheidende Frage immer wieder hinausgeschoben, und nun wird der Vorstand wahrscheinlich wenig Lust haben, auf den Handel um die Patenschaft einzugehen. Weiß Gott, wird er sagen, ob ich mich auf einen Menschen verlassen kann, der sogar auf Bäumen einschläft. . Und so geschieht es auch wirklich. Der Vorstand spricht gerade mit dem Schmied, das macht die Sache nicht besser. — Da bist du ja! ruft er schon von weitem. Dich schicke ich einmal um den Tod, sagt der Vorstand. Er lacht zwar dabei, aber dem kleinen David bleibt doch das Wort in der Kehle stecken. Was soll er nun tun? Morgen ist Firmungstag, alle werden in der Kirche stehen und ihre Paten hinter sich haben, wenigstens einen Tagelöhner, wenn schon keinen besseren, nur er allein wird ------p- niemand haben. Wer ist das? wird der Bischof fragen. Ist es nicht David, der mich auf dem Efchenbaum verleugnet hat? Ja, der! Kein Mensch mochte ihn nehmen. Ja, gleich wird der Bischof in das Mondlicht heraustreten, diesmal vielleicht wirklich in vollem Ornat mit Insel und Stab, anders wird ein Bischof doch nicht schlafen dürfen. David wartet geduldig, bis sich die Tür austut, aber der da erscheint, ist wieder nur ein alter Mann. Er hat eine Bettdecke umgeschlagen, und auf dem Kopf trägt er eine Nachtmütze mit einer Quaste daran. Wer ist da? fragt der Bischof und beugt sich über das Geländer. Ich! antwortet David. So, du! Was willst du denn, warum wirfst du mir Steine an das Fenster? Ja, David möchte etwas fragen. Es ist wegen der Glocken, — daß es nämlich nicht aus Bosheit geschah. Was denn, der Bischof versteht kein Wort. Das Geläute, erklärt David wieder. Er hätte doch mit dem Tuch winken sollen, damit die Glocken zum Empfang läuten, und das hat er versäumt, weil er nicht glaubte, daß er, der Bischof, der richtige sei, — Eure Heiligkeit, fügt er hinzu. Ja, höre, sagt der Bischof, das macht doch nichts aus. Deshalb weckst du mich mitten in der Nacht? Nein, nicht nur deshalb. Es ist noch etwas. David hat keinen Paten. Was? Keinen Firmpaten. Er ist auf und ab durch das Dorf gelaufen, niemand wollte ihn nehmen, wirklich, kein einziger Mensch. Der Bischof überlegt sich das, — Kind, sagt er dann, du mußt es dem Bater sagen! Freilich, nur hat David keinen Vater. Eine Mutter hätte er, aber die ist weit in der Stadt, und krank ist sie auch. Schweigen. — Kein einziger Mensch, sagst du? Nein, niemand. Und darum möchte David den Bischof fragen, ob er es morgen nicht vielleicht ohne Paten machen könnte, er würde draußen in der Sakristei auf ihn warten. Ganz ohne Paten, meinst du? Ach, das geht wohl auch nicht. Der Bischof steht da oben im Mondlicht auf dem Balkon und wiegt den Kopf und denkt ernsthaft nach. Wie heißt du eigentlich? fragt er nach einer Weile David. So, der mit der Schleuder. Also, David, ich will dir etwas sagen. Geh jetzt heim, verstehst du, mir wird kalt. Und morgen wirst du einen Paten haben, das laß nur meine Sorge sein. Bestimmt? Ganz besttmmt. So wahr ich der richtige Bischof bin! Am andern Morgen kleidet sich David festlich an, auch in die Schuhe zwängt er sich hinein, mögen sie immerhin ein wenig drücken. Er geht zur Beichte und nimmt das Abendmahl bei der ersten Messe. Dann wird es Zeit, daß er sich nach einem Frühstück umsteht, David hat eine Menge einzubringen. Auch der Bischof ist schon auf, eben kommt er die Treppe herunter. Er stutzt einen Augenblick und betrachtet den kleinen David, der im Flur an seinem Kuchen kaut, plötzlich aber macht er wieder sein pfiffiges Gesicht und zwinkert ihm zu. Uebrigens bleibt keine Zeit, lange zu lächeln und zu blinzeln, das ganze Pfarrhaus ist wie aus den Fugen. Vor allem rennt der zweite Mann, der im Wagen saß, türaus und türein, der Kämmerer des Bischofs, er hat für tausend Dinge zu sorgen. Denn nun entfaltet sich erst der Glanz und die Pracht des hohen Herrn. Im Eßzimmer kleidet er sich an, dann wird er unter dem Traghimmel in die Kirche geleitet. Das Rauchfaß wird vor dem Bischof hergetragen, und das Kreuz an der Spitze ist ihm zugewendet, so nahe steht er dem Herrn. Auch David kniet am Altar mit Chorrock und rotem Mäntelchen, aber es ist kein gewöhnliches Hochamt, sondern ein schwieriger Dienst mit den vielerlei Geräten und Zeremonien, ein weitläufiges, feierliches Spiel, obwohl der Kämmerer vorher gesagt hat, es sei alles ganz einfach, nur dürfe niemand über die Kommunionbank springen, auch nicht in der höchsten Rot, und wo schon einer stehe, könne kein andrer stehen. Jetzt trägt der Bischof wirklich den großen Ornat, Mitra und Stab, weiß und erhaben steht er auf den Stufen. Allein er verwandelt sich jeden Augenblick wieder. Der Pfarrer und Pater Johannes in ihren goldgestickten Dalmastken haben alle Hände voll zu tun, und nur selten treffen sie gleich das Passende. Dazu ist die Kirche ungefüllt mit erregten Menschen, die Orgel braust und trillert, ja, der Lehrer hat es leicht! Er sitzt hinter seinen Noten verschanzt und braucht nicht zu wisien, warum der Bischof nun am Altar steht und plötzlich keinen Finger mehr rührt. Pater Johannes bringt ihm den Stab, nein, den Stab will er nicht. Das Waschbecken? Er bleibt unbewegt. Der Pfarrer versucht es mit dem Meßbuch auf der Evangelienseite und rückt ein wenig daran, auch das ist es nicht. Endlich hat der Pater eine Eingebung, — die Mütze! Er nimmt dem Bischof die Mütze ab, und nun ist alles gut. Nun kann der Bischof den Ablaß erteilen. Nie verliert er die Geduld, und wenn ihm etwas zur Unzest entführt wird, so greift er nicht danach, sondern wartet ruhig, bis man es wieder- bringt. Oftmals wendet er sich zu den Gläubigen und singt. Eine schöne Stimme hat der Bischof nicht, aber eine väterliche Stimme, ein wenig schwankend von Güte und herzlicher Milde. David betrachtet ihn unablässig mit beklommener Ehrfurcht, beinahe verlöschen ihm die Kohlen im Rauchfaß, so sehr ist er benommen. Einmal sieht er, wie der Bischof schnell ein Gähnen unterdrückt, da fühlt David einen Stich im Herzen. Oh, er weiß, warum der Bischof müde ist und gähnt! Wie sagte er in der Nacht? So wahr ich Bischof bin, sagte er. David hat schon ein paar Mal die Schar der Firmpaten durchgemustert, es ist keiner überzählig. Aber er glaubt dennoch an das Wort des Bischofs. Es würde ihn gar nicht wundern, wenn plötzlich etwas Ungewöhnliches geschähe, wenn der Bischof vielleicht zu einem der Heiligen träte und ein paar vertrauliche Worte mit ihm spräche. Bruder Ambrosius, wurde er wohl sagen, sieh, da ist David, er hat keinen Paten, niemand will ihn nehmen. Tu mir den Gefallen und steig herab! Nach der Mesie sitzt der Bischof auf seinem Thronsessel vor dem Altar, er legt die Hände ineinander und betet still mit geschlossenen Augen. Indessen stellen sich die Firmlinge auf. links die Mädchen, rechts die Buben, zwei lange Reihen vom Speisgitter bis zur Türfäule. Es ist ein Gerenne und ein Geflüster im Kirchenschiff, auch die Ministranten reihen sich ein; jeder findet feinen Mann, der ihn am Aermel faßt und vor sich hinzieht. Nur David steht noch immer allein Langsam steigt ihm wieder die Angst in die Kehle. Schläft der Bischof? Pater Johannes stellt schon die heiligen Gesäße auf den Tisch, das Del und den Krisam, o Gott, sicher ist der Bischof auf seinem Sessel eingeschlummert vor lauter Müdigkeit, und später wird ihm keine Zeit mehr bleiben, sich um David zu kümmern! Man müßte einmal laut niesen oder einen Leuchter umwerfen, denkt David. Silber jetzt steht der Bischof ohnehin auf. Er betet laut und lang — nichts geschieht. Er steigt die Stufen herab — noch immer nichts. David ist schon ganz blind von Tränen, da faßt ihn plötzlich jemand an der Hand und führt ihn ganz nach vorn, und wer ist es? Der Kämmerer des Bischofs! Ach, seht alle her! Flüstert nur und verdreht die Hälfe, David kann doch nichts anderes tun, als das Wasser seiner Augen rinnen lassen. Der Bischof steht vor ihm, weiß und schimmernd und ganz nahe, ein riesiger Bote Gottes, Er schaut den Kämmerer fragend an. Cornelius, sagt der Pate. So heißt er mit Vornamen. Cornelius, sagt auch der Bischof und legt dem kleinen David die zittrige Hand auf den Scheitel, ich stärke dich mit dem Krisam des Heiles, der Friede sei mit dirl David bläst die Wange auf, denn nun wird der Bischof gleich ausholen und wird ihm eine mächtige Ohrfeige versetzen zur Erinnerung an den Schlag, den der Herr vor Kaiphas empfing und zum Gleichnis aller Unbill, die ein wahrer Christ für feinen Glauben hinnehmen muß. Aber der Bischof klopft ihm nur mit zwei Fingern auf die geschwollene Backe, und dann ist alles-vorüber. Pater Johannes verbraucht eine Menge Watte und Tücher, bis er das Gesicht des kleinen Davids wieder trocken gewischt hat. So. Wer war nun der Vorderste in der ganzen Reihe, der Säge- meister etwa, der Vorstand? Nein, David. Wer hat den würdigsten, den vornehmsten Paten, wer heißt nicht Joses oder Matthias, sondern Cornelius? Wiederum er, denn es steht geschrieben: die Letzten werden die Ersten sein. Und nicht genug damit, David wird auch noch zum Essen eingelaben, — wenn es dem Pfarrer recht ist, meint der Bischof. Ja, der Pfarrer hat natürlich nichts dagegen. Er wundert sich nur schon die ganze Zeit über den kleinen David, erst sollte es der Vorstand fein, und nun ist es gar der Kämmerer! Der Pfarrer kann ja nicht roiffen, was sich zu nachtschlafender Zeit in feinem Garten begeben hat. David sitzt also in sich gekehrt zwischen den beiden Gästen im Eßzimmer, der Tisch ist schneeweiß gedeckt und mit Blumen verziert. Die Sonne fällt herein, sie malt ein doppeltes Kreuz an die Wand, aber nicht düster, sondern schön und farbig gesäumt. Es riecht wunderbar in diesem Zimmer, ein wenig nach Obst, ein wenig nach frischer Wäsche und Lavendel. Zuerst kommt Suppe auf den Tisch, goldgelbe Hühnersuppe mit kleinen Knödeln darin. David sticht vorsichtig einen an, da dreht er sich blitzschnell herum und springt davon, mitten hinein in den Teller des Bischofs. Das sollte nicht vorkommen, der Bischof lächelt und betupft seinen Talar mit der Serviette, dann gibt er David den Knödel zurück und zerteilt ihn auch gleich mit dem Löffel. Iß ihn nur, sagt er. Ich habe selbst einen. David meint, der Bischof hätte vielleicht einen Witz machen wollen, er wagt ein kurzes beifälliges Gelächter, aber weil ihn Pater Johannes so drohend anschaut, verstummt er schnell wieder. Auch sonst sind seine Tafelsitten nicht übertrieben fein. Warum soll es verboten sein, mit dem Daumen nachzuhelfen, wenn die Gabel nicht mehr zureicht? Er versäumt ohnehin das Beste, die Forellen zum Beispiel, weil er sich zuviel Rollschinken herausgenommen hat und die Schwarte nicht hinunterbringt. Erst bei den Brathühnern reiht er sich wieder ins Gefecht. Äch, so ein Hühnchen, so weiß und mild im Fleisch, ein Labsal ist es, ein Gottesgeschenk! Sogar die Eminenz hält mit der Gabel inne und führt sich den Bissen andächtig vor Augen, ehe sie ihn verschlingt. Der Pfarrer steht auf und schenkt den Wein aus, mit der Linken hält er sich den Talar zurück, damit er nicht in die Brühe taucht, und die rechte läßt den kostbaren Trank in die Gläser glucksen. David blickt auf und wartet, bis alle getrunken haben, dann sagt auch er „Zum Wohl" aus vollem Munde, und sein ganzes Gesicht glänzt von Freude und Hühnerfett. Er wendet das Gerippe aus feinem Teller hin und her und schält Die zarten Bissen heraus, würzig schmelzen sie auf der Zunge, schnell, auch viel zu schnell gleiten sie hinunter. Unten trifft das Huhn aus die Suppe und die Leberknödel, das alles kommt ihm so bekannt vor, dem Hühnchen, und plötzlich schnalzt es laut aus Davids Mund. Er ist selbst zu Tode erschrocken über diese unerwartete Stimme. Helf Gott! sagt der Bischof. Pater Johannes holt seinen Blick wieder vom Himmel herunter und lächelt säuerlich. Man macht eine Pause, damit sich alles ein wenig setze, denn auch die Torte soll noch den gehörigen Platz vorfinden, das Meisterstück der Köchin Helene. Während man sich behaglich zurücklehnt, zieht der Bischof den kleinen David ins Gespräch. Was willst du denn einmal werden? fragt er. Einsiedler, höre ich? David läßt seine Augen schnell in die Runde gehen, — welcher von euch hat mich verraten? Nein, sagt er, Einsiedler nicht. Aber was eigentlich? Er hat noch nie darüber nachgedacht, was er einmal werden könnte. Irgend etwas, Bischof vielleicht, wenn es dem Herrn ein Gefallen ist. Nun ja, Bischof. Das wäre viel oder wenig, wie man es nimmt. Da müßte David freilich noch allerlei lernen, das confiteor allein würde nicht hinreichen. Möchte David das, in der Stadt leben und lernen, viele Jahre lang? (Fortsetzung folgt.) Oie Städie. Von Friedrich Bischofs*. Moosige Mauern, Turm und Zinne; Wehrwall dem Hussitentrotz; An dem Burgtor noch die Rinne, Wo das Pech hinuntersloß. Laubengänge um die Ringe, Wo das bürgerstolze Rathaus steht, Und der Tauben holde Schwinge Um die zieren Giebel weht. Hirschberg, Schweidnitz, Neumarkt, Brieg: Namen, fern wie das Jahrtausend, Das mit Feuer, Krieg und Sieg Sternhin schwang, sie überbrausend! Polen, Böhmen und Piasten: Nichts blieb als ein Wappenstein, Nur die Schlösser, wo sie praßten, Ragen noch ins Land hinein. Um sie her des Jahrmarkts Mette, Bänkelsang und Schützenfest; Wer sie kennt, die alten Städte, Weiß, daß Gott sie dauern läßt; Denn hier wohnen seine liebsten Träumer, Sternnah, giebelüberkragt: Schauende und Weltversäumer, Denen Er ins Ohr sich sagt! Frühling. Eine altweimarische Ratsmädelgeschichte von Helene Bühlau. Cs war im Mai, an einem Jahrestag von Schillers Tod. Karoline, Schillers Tochter, hatte Röse, Marie und Budana — der reich begabte Horny war auf dem Weg nach Italien — zu sich und ihrem Bruder Ernst eingeladen. Ernst von Schiller wollte den lieben Freunden, an diesem schmerz-, lichen Tage, die von ihm geliebtesten Stellen aus „Wallensteins Tod" vorlesen. Es sollte eine wundervolle Feier werden, und er hatte die beiden lieben Mädchen gebeten, in ihren weißen Kleidern zu kommen, auch Karoline würde weiß gekleidet sein. Feierlich war es den beiden zumute, als sie in die Esplanade einbogen. Die Stare pfiffen auf den alten Lindenbäumen, die Knospen waren geschwellt, schon schauten hie und da die zusammengefalteten Blätterhändchen hervor. Marie sagte: „Nun gibt's bald wieder Lindenblättersalat, eigentlich schon jetzt, jetzt wäre er am zartesten — aber leid tut mir Ernst Schiller — seinen Vater so bald zu verlieren — es ist doch gerade, als hätte ihm der liebe Gott einen großen Schatz gegeben — und weg war er, ehe er's nur begreifen konnte. — Ernst Schiller ist gut; aber doch immer so ein bißchen langweilig." Röse sah Marie an. Sie war ganz erschrocken, so schön war Marie, wie sie dahinging in ihrem weihen Kleid und gleichmütig sprach. Ja, sie war schöner als alle Leute in Weimar, das hatte auch Horny gesagt. Wie sie unter den sonnigen Bäumen ging, in denen die Stare pfiffen und dudelten, das hat sich Rösen bis ins hohe Alter eingeprägt. „Du sagst", meinte sie, „Ernst Schiller wäre langweilig?" „Ja — ein bißchen." „Gar nid), aber auch gar nid), ich hab seinen Vater, das muß grab vor seinem Tod gewesen sein, da war ich vier Jahre alt, dort übers Gartenmäuerchen gucken sehen — un das werd ich nie vergessen wie der aussah — wie ein schöner Geist — und er sagte zu mir: „So ein kleines, kleines Menschli — und schaut so." Mensch» sagte er, heut denk ich dran — un so kommt mir auch manchmal Emst Schiller vor, so schön is er nid;; aber das braucht'» auch nid)." „Du", sagte Röse wieder — „das mit unferm Vater —." „Da war er eben schön, wie der Herr Jesus so ein bißchen, glaub ich — id) weiß nicht mehr ganz. Ernst Schiller is auch so. Ich möchte um die Welt nid), daß ihm was Trauriges passierte." „Weshalb denn grabe Trauriges?" „Weil er so aussieht. — Manche Leute sehn so aus." „Ah pah!" , L s „Dich hat er sehr gern, Marie, mich etwas weniger; aber bas macht nix — ich hab ihn drum grob so lieb —, unb wenn ihm irgenb was geschäh, da sollte er sich nur an mich halten." „Es wird ihm aber nix geschehen." „Wer weiß." , m , „Du, sagte Röse wieder — „das mit unserm Vater —. „Was denn?" m , . , , . „Daß er so oft den Tod von einem Weimaraner voraussagt in fernem * Dieses Gedicht entnehmen wir einem neuen Buch von Friedrich Bischoff: „S ch l e s i s ch e r P s a l t e r" (Dank- und Lobgesang), das im Propyläen-Verlag, Berlin, erscheint. Der „Schlesische Psalter ist em großer Gedichtzyklus, in dem der Dichter das ganze Schlesien ersaht. Bischoff ist der Verfasser des früher hier besprochenen, erfolgreichen Romans „Die goldenen Schlösser". Büchelchen — das is doch merkwürdig. Wenn's der Vater nich wär, roürb ich mich vor ihm fllrchken — un das Büchelchen tat ich auch ich anlangen. Ein einzigesmal hab ich'» getan — un worauf guckt ich gerade als ich's aufschlug?" „Na?" „Da stand auf einer frischen Seite ganz alleine: Heute am 28ten Februar 1805, muß ich mit Leid etntragen, daß unser Nachbar an der Esplanade, der Hosrat Friedrich Schiller, am Sten Mai zu seinen Vätern versammelt wird. Gott sei ihm gnädig, was er gar wohl verdienet hat — genau so ftanb’s da." „Das hast du mir schon ost gesagt, Röse, geh, tu’s nid) wieder. Ich weiß nich, wenn ich dran denk, kann ich den Vater nich anschaun." „Nein", meinte Röse, „ich bin geradezu stolz auf ihn, wenn er so dahinschiebt, so unscheinbar in seinem grauen Röckchen, dah ein so großer Prophet in ihm steckt." Sie waren längst am Schillerhaus vorüber und kehrten wieder um. Viel zu erzählen hatten sie sich zu jeder Zeit und versäumten deshalb allerhand. Ernst von Schiller und seine Schwester Karoline empfingen sie schon unten im Hausflur. „Leise", sagte er, „wir mässen durch das Eßzimmer, da schläft die Mutter noch." Budang war schon da, den sie den Pudding nannten, weil er so gut war und sonst aus allerhand Gründen. Pudding aber hieß in Weimar eben Budang. So schlichen sie unhörbar an Frau von Schiller vorüber, die mitten im Zimmer auf einem Armlehnstuhl schlief. Der abgedeckte Eßtisch war von ihr sortgerückt und wenn sie erwachte, stand schon ein gedecktes Teetischchen bereit, das ihr bann vor ben Stuhl geschoben würbe. In Karolinens Zimmer war alles mit ersten Frühlingsblumen geschmückt. Himmelschlüssel ftanben in großen Sträußen unb Veilchen dufteten. Es war auch ein Tisch mit Tee unb Kuchen gebeckt. „Wir wollen ganz unter uns fein", sagte Karoline. „Heute wirb noch viel Besuch zur Mutter kommen. Sie ist schon mübe vom Vormittag." Feierlich setzten sich alle unb tränten ihren Tee im Gefühl, daß sie einen geheimnisvollen großen Tag miterleben durften Unb Ernst Schiller las bann aus bem großen Werk feines Vaters — und es kam fo, dah Röfe unb Marie sich bei ben Hänben faßten, was fie immer taten, wenn fie gar nicht wußten wohin mit sich vor lauter Mitgefühl ober Freude ober Staunen. Sie hatten es auch wirklich herrlich auf Erben, waren in eine Zeit gefallen, in ber alle guten Sterne sich zufammengetan, um auf das alte Weimar zu scheinen, und die ganze übrige Welt kaum mehr beachteten. Unter diesen großen Sternenkräften lebten auch fie gehörig mit, ja, ich glaube, sie hätten mit niemanden in Weimar tauschen mögen. Wer war fo jung wie sie, von Freunden fo geliebt wie fiel Den „Wallenstein" hatten sie, so oft er gegeben wurde im Theater, gesehn, mit Ernst Schiller, Budang und Horny; aber so herrlich wie heute war er ihnen noch nie erschienen. Schillers Sohn las.ihn liebend unb erschüttert — voll Sehnsucht. Röse gab Marien einen ganz zarten Puff. Sie konnte gar nicht anders, sie mußte irgendwie ihrem Herzen Luft machen. Ernst Schiller erschien ihr so einzig — fo wie einst fein Vater über das Gartenmäuerchen guckte, als fie ein Kindchen war und doch schon fühlte, daß sie etwas Schönes, Unwiederbringliches gesehen hatte. Unb sie hörte ihn wieder sagen: „So ein kleines, kleines Menschli. Da war sie mit einem Mal ganz wie zu eins verschmolzen mit Ernst Schiller unb liebte mit ihm zusammen feinen Vater. Tränen liefen ihr über bie Wangen, unb wie fie aufblickte, ftanben auch Ernst Schillers Augen voll Tränen, unb sie fanb es schön unb nicht greulich unter der Würbe ihrer Kamerabin. Er patte bas Buch aus ber Hanb gelegt. Die Augen waren auf Marie gerichtet — unb es war, als tränte er Maries große Schönheit tief in sich ein, so traumverloren schaute er. Auch er mußte jetzt von Weimar fort, unb bas machte für ihn biefe Stunbe ergreifenber, schöner unb schmerzlicher, als hätten bie Tage sich so still für ihn weiter aneinanbergereiljt wie bisher. Ja, es lag Feier für einen großen Toten, es lag Abschieb, Sehnsucht, Schmerzliches in biefer schönen Maiabendbämmerung. Die Veilchen dufteten, der Kuchen und die Himmelsfchlüsfel. Es war festlich und traurig und unausdenkbar schon wie nur Jugendstunden sein können. Die beiden Freunde brachten Röse und Marie nach Hause, ja — wollten sie nach Hause bringen, wie aber der Abendmaienduft ihnen in die Nasen stieg und bie Stare frühlingstoller pfiffen unb bubetten als oorbern unb bie kleinen Starenkehlen bebten, als wollten sie zerspringen, bie Feberchen gegen ben Abenbhimmel auf. und niedergingen, war es unmöglich, heimzugehen — und so bummelten sie hinunter an die Ilm, gingen die stillen Parkwege, wo jeder Busch und jeder Baum grünelte und wie ein Opferdampf in der feuchten Jlmluft duftete Sie gingen schweigend. Rösen war jo wunderlich ums Herz, sie hätte am liebsten Marie gefragt, ob’s ihr auch so wäre, so abschiedsweh und dabei selig, dah sie so einen herrlichen Freund hatten wie ben Ernst Schiller, für Röse war es beinahe Schiller selbst, als er ihnen so hingerissen aus bem „Wallenstein" vorgelesen hatte. Wunbervoll hatte er ausgesehen. Sie hing sich fest unb vertraulich in Bubang ein unb sagte: „So werbet ihr alle gehn — erst ber Horny, nun Schiller, unb balb auch bu." „Die kommen alle balb roieber — nun, unb ich bleib in ber Nähe. Bon Jena ift's nur ein Sprung. Einen von uns müßt ihr behalten, ber auf euch aufpaßt, benn bas braucht ihr mehr als je." „Wieso?" „Weil ihr Kinbsköpse feib unb bleibt, bemüht — aber —" „No, was aber?" „Mit euch ist nicht viel zu machen — Licht. Was hätte ich brum gegeben, euch Wie haben wir uns mit euch ihr steht euch immer selbst im „Hamlet" in ber Ursprache zu lesen — aber ihr — faul und leichtsinnig — trotz aller Mühe, euch weiterzubringen. Nun habt ihrs! Machts mit euch selber aus. Das aber sag ich euch — so drei wie uns — Horny, Schiller und ich, findet ihr euer Lebtag nicht wieder, die es sich so angelegen sein ließen, euch zu was Ordentlichem zu machen." „Geh, das ist garschtig von dir, an einem solchen Abend zu zanken — un wenn auch alles wahr is. Und gerade wie ich dir sage, daß wir euch alle so lieb haben — und ihr bald sortgeht." „Ja, eben deshalb", sagte Budang unerschütterlich. Vor ihnen her ging Marie und Ernst Schiller. Sie sprachen auch lebhaft, das heißt: Ernst Schiller sprach und neigte sich zu Marie herab, als spräche er ganz leise; er war schlank und hochgewachsen. Dann ergriff er Maries Hand und küßte die Hand. Sie blieben stehen — und er hielt das kleine feste Händchen an seine Lippen gepreßt — da riß sich Marie von ihm los — flog auf Röse zu, umschlang sie heftig und schluchzte. Ernst von Schiller trat auf die beiden zu und legte Marien die Hand auf die Schulter. „Sei doch ruhig", sagte er. „Ich glaubte, auch du hättest mich lieb — wie ich dich liebe — lieber als die ganze Welt. — Nun, hab ich dich erschreckt?" „Nein — nein, nicht erschreckt — leid tust du mir! Wir haben euch alle lieb — unsagbar lieb. Ihr habt unser Leben so schön gemacht!" Sie konnte vor Tränen kaum reden — und wie es kam — sie hingen beide an ihm, tröstend, streichelnd, ganz von getreuesten Gefühlen überfließend, Röse fast zarter und inniger noch als Marie, denn ihrer jungen Seele stand der Freund näher in dieser feuchten Frühlingsstunde — schmerzlich nahe. „Du sollst nicht traurig sein — Du nich — wie sollen wir dich denn trösten! Die Marie liebst du so sehr — aber wir sin alle beide für dich zu dumm — denk doch selbst! Weißt du", Rösen liefen die heißen Tränen über die Wangen — „du mußt eine Königin lieben — eine wirkliche Königin, die wär für dich grab gut genug. Gewiß. Sei du nur ganz ruhig." Sie legte seine Hand liebend an ihre Wange und weinte ihre ersten schmerzvollen jungen Tränen. Er fühlte diese warmen Tropfen, und wunderlich bewegt hielt er seine beiden jungen Kameradinnen in den Armen, an seinem von erster großer Liebe schwer bedrängten Herzen. Budang war wie verschwunden — hatte die drei verlassen — er, der Vorsteher. „Wundervoll sind sie!" murmelte er vor sich hin auf feinem Weg — „wert, sich hin und wieder gehörig über sie zu ärgern." Goslar, die Stadt der Kaiser und Bauern. Von H. W. Ludwig. Von der Weser bis zur Elbe, vom Harz bis zur Nordseeküste reicht das Land der Niedersachsen, die alte Stammheimat des Herzogs Widukind. Hier an der Wiege des urwüchsigen Germanentums liegt, von der Kette der Berge des Oberharzes umrahmt, die alte Kaiser- und Reichsstadt Goslar, die zu den berühmtesten Stätten deutscher Kunst und Kultur zählt. Mehr als tausend Jahre sind vergangen, seit im Jahre 920 von dem deutschen Kaiser Heinrich I. der Ort Goslar gegründet wurde, dessen Ursprung jedoch vermutlich noch weiter In die Vergangenheit zurückreicht. Schon ein halbes Jahrhundert später sollte das kleine Gemeinwesen inmitten des Königlichen Harzer Vannforstes, das seinen Namen seiner Sage am Austritt des Wildbaches der Gose aus dem Gebirge verdankte, zu ungeahnter Bedeutung gelangen. In dem 636 Meter hohen Rammelsberg, zu dessen Füßen Goslar entstand, wurden mächtige Adern von Silber, Blei und Kupfer aufgefunden, deren Abbau den ersten deutschen Bergbau ins Leben rief. Der Ertrag, den diese Schätze der Erde erbrachten, stärkte die wirtschaftliche Macht des deutschen Königtums und begründete Goslars raschen Aufstieg. Unter der Herrschaft der salischen und staufischen Kaiser blühte das Goslarer Bergwesen auf und lieferte für die Kaiserliche Münze das Silber, das bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts das hauptsächliche Münzmetall war. In Würdigung dieser Stätte des Erzreichtums, die für ihre Politik von so hohem Wert war, errichteten die kaiserlichen Herren ein stattliches Kaiserhaus und schmückten die Stadt mit Kirchen und Kapellen. Als einem der ersten Orte Deutschlands war Goslar im Anfang des 12. Jahrhunderts Stadtrecht verliehen worden. Bald danach befaß die junge Stadt am Harz nächst Aachen das berühmteste Klosterstift, in dem hohe Würdenträger des Reiches für ihre leitenden politifchen Posten herangebildet wurden. Oft nahmen die Kaiser für längere Zett in der kaiserlichen Pfalz Wohnung, und in dem großen Reichssaal des Palastes fanden zahlreiche punkvolle Reichstage statt. So verdiente sich Goslar mit Recht den Namen der Kaiserstadt und war zwei Jahrhunderte lang für die Politik, die Wirtschaft und die Kultur einer der bedeutsamsten Orte des Reiches. Wenn mit dem Untergang der Hohenstaufen die Kaiserpfalz auch schnell an Bedeutung verlor, so sollte doch für die Harzstadt bald eine neue Blütezeit anbrechen Durch die Verschuldung des Adels gingen die Gruben und Hütten des Rammelsberges, sowie die weiten Forsten in städtischen Besitz über. Als freie Reichsstadt und Mitglied des Bundes der Hanse erwarb sich Goslar großen Reichtum und führte seine Metalle bis nach Frankreich und England aus. Aus jener Zeit stammen die heute noch vielfach erhaltenen herrlichen Bauten und Kunstwerke der bürgerlichen Kultur, wie die gewaltigen Befestigungswerke, die notwendig waren, um die Bürger vor bei. Uebergriffen beutegieriger Feinde zu fchützen. Erst, als nach 25jährigem erbitterten Ringen der Herzog von Braunschweig die Stadt endgültig besiegte und ihr mit dem Raub der Gruden und Forsten die Lebensader durchschnitt, fand Goslars Blütezeit ihr Ende. Der letzte Rest einstigen Wohlstandes ging dem Bürgertum durch die Schrecknisie des Dreißigjährigen Krieges verloren. Das schwere Geschick sollte erst eine Wandlung erfahren, als Goslar 1866 endgültig unter preußische Herrschaft kam, die es einer neuen Blüte entgegenführte. Heute erfreut sich die Stadt alljährlich eines regen Fremdenverkehrs und ist, abgesehen von ihrer eigenen Sehenswürdigkeit, als Ausgangspunkt für Harzwanderungen, wie als Kurort in ganz Deutschland bekannt. Goslars Stadtbild, von der Natur liebevoll umrahmt, spiegelt den Reichtum seiner Geschichte wider. Das imposanteste und geschichtlich wertvollste Bauwerk ist die auf einem weiten freien Platz vor der Kulisse der Harzberge majestätisch sich erhebende Kaiserpfalz, die zu den ältesten weltlichen Bauten in Deutschland zählt. Eine breite Freitreppe führt zu dem mächtigen zweigeschossigen Kaiserpalast empor. In dem 50 Meter langen und 15 Meter breiten Kaisersaal im Obergeschoß, in dem einst die Reichstage stattfanden und heute wieder der alte deutsche Kaiserstuhl aus dem 12. Jahrhundert steht, ist uns die ursprüngliche Form der altgermanischen Königshalle, wie sie im Nibelungenlied beschrieben wird, erhalten geblieben. In der dem Kaiserschloh angegliederten St.» Ulrichskapelle steht ein steinerner Sarkophag, in dem in vergoldeter Kapsel das Herz Kaiser Heinrichs III. ruht — so hatte es der Kaiser, der die Goslarer Pfalz zum Mittelpunkt seiner Macht gewählt, zu seinen Lebzeiten selbst bestimmt. Als ein Rest des Domes, der einst dem Palast benachbart war, findet sich heute nur noch die aus dem Jahre 1270 stammende Domkapelle. An kirchlichen Bauten weift Goslar alle Stilepochen von der romanischen Zeit bis zum Barock auf. Die von einem unbekannten Künstler geschaffene lebensgroße holzgefchnitzte Gruppe einer Madonna mit dem Leichnam Christi in der Jakobikirche gehört zu den berühmtesten deutfchen Kunstwerken. Einer der schönsten Plätze Deutschlands ist der Goslarer Markt mit dem „Marktbecken" in seiner Mitte, einem Brunnen mit bronzenen Schalen, über dem sich als einstiges Wahrzeichen der Stadt der vergoldete Goslarer Adler erhebt. Der schöne Bau des Rathauses zeigt auf der Marktseite ein offenes Bogengewölbe, das einst Gerichts- und Marktzwecken diente, lieber den gotischen Fenstern geben zahlreiche kleine spitze Giebelchen, die durch steinernes Maßwerk miteinander verbunden sind, dem langgestreckten Gebäude ein besonders anmutiges Gepräge. Zwischen den kleinen Giebeln sind die Glocken eines Glockenspieles angebracht, das dreimal am Tage seine Weisen ergingen läßt. Eine besondere Sehenswürdigkeit ist das an Kunstschätzen reiche Alte Ratsherrenzimmer im Rathause, das auch die weltberühmte Goslarer Bergkanne, ein Wunderwerk deutscher Silberschmiede- kunst aus dem 15. Jahrhundert, beherbergt. Die „Kaiserworth", das einstige Gildehaus der Gewandschneider, bas gleichfalls am Markt gelegen ist, hak seinen Namen von den Figuren der deutschen Kaiser erhalten, die in den Nischen des ersten Stockwerkes stehen. „Worth" bedeutet in diesem Zusammenhang soviel wie Wohnplatz. Unter den übrigen phantastischen Bildwerken, die den Sims dieses aus dem Jahre 1494 stammenden Hauses zieren, findet sich auch ein „Dukatenmännchen", besten geldfabrizierende Tätigkeit in drastischer Weise bargeftellt ist. Mit feinem roinbfdjiefen, steilen Dach einzigartig in ganz Deutschland ist das an der Rückseite des Marktes stehende „Brusttuch", ein Haus, das sich ein reicher Goslarer Hüttenbesitzer im 16. Jahrhundert errichten ließ. Die Wände sind von der Hand des Schnitzkünstlers mit sagenhaftem Bilderschmuck reich versehen und hatten einst den Zweck, die Wohlhabenheit und die hohe Bildung des Erbauers der ganzen Stadt zu verkünden Außer diesen bedeutendsten Bauwerken find die krumm- winkeligen Straßen und malerischen Plätze der Altstadt reich an unzähligen schönen Fachwerkhäusern, die sich aus dem Mittelalter bis heute erhalten haben. Allenthalben stößt man bei einem Rundgang auf Reste der mächtigen Stadtmauer und gewaltige Türme, von denen beispielsweise die Mauern des Zwingerturmes sechs Meter dick sind. Das R o s e n t o r mit dem „Achtermann" genannten Turm, das am Eingang der Stadt steht, begrüßt den Fremden bet feiner Ankunft sogleich mit seiner reizvollen Gestaltung und ist Zeuge von der einstigen Größe der Befestigungsanlagen. Längst ist indessen neben dem altertümlichen Goslar, das den Kunstkenner wie den Freund der Geschichte gefangennimmt, eine moderne Stadt entstanden. Im Sommer locken die Ausflüge in die prachtvolle Umgebung von Wald und Berg, im Winter bieten Rodel, Schlittschuh und Schneeschuhsport mannigfache Abwechslung. Vom „Tor des Harzes", wie Goslar auch genannt wird, erschließen Postautolinien das Innere des Gebirges. Der eilige Reisende wird, wenn er mit dem Flugzeug in der einstigen Reichsstadt ankommt, hier einen der schönsten Flugplätze Deutschlands finden. Seine eigentliche Bedeutung als Stätte uralten germanischen Volkstums fällte Goslar erst in der jüngsten Vergangenheit erhalten. Die Wiedergeburt des Gedankens der völkischen Gemeinschaft, die durch Adolf Hitler verwirklicht wurde, gab auch dem Bauerntum seine angestammten Rechte zurück. Vom Führer mit dieser hohen Aufgabe betraut, trat der Reichsbauernführer DarrS an die Spitze des Reichsnährstandes. Als damit das bodenständige Bauerntum selbst die Führung der deutfchen Bauern übernahm, ergab sich von selbst die Ueberfieblung des Führerkorps des Reichsnährstandes von Berlin nach Goslar. Im Mittelpunkt der Geschichte des deutschen Bauern befindet sich damit der Sitz der neuen Bauernführung. Alljährlich treffen sich in der alten Reichsstadt am Harz die Bauern aus allen Teilen Deutschlands zum Reichsbauerntag. Dera ntw örtlich: Or. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Univerf itäts»Duch» und Eteindruckerei,A. Lange. (Sieben.