is 15 1. ie it, n. r- !k ir !S 9- et 'S er er r t »9 er lt h- r« er itl lt» ete nb ne ire töt >ch zu ti9 t, na in en eie es ie •t L, n 8. er en er i = tl e ß I«, er nb ar ’.n> oje jer che ter. ine eu- en< ii> er- bie IW er< ifI Cfl ■x et in en, inb ife« eigt M and om> I8e 'ity‘ eher als a»ch 1875 ieft SiehenerZamMMStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <936 Montag, den 3. August Nummer 59 Der Diamant öes Raöfchah von Robert Louis Stevenson Copyright by Verlag Albert Langen / Georg Müller, München 4. Fortsetzung. Als er erwachte, war es immer noch stockfinster« Nacht: die verhüllte Lampe an der Decke verbreitete nur ein ganz schwaches Licht: das Rasseln, Donnern und Schwanken des Wagens ließ ihn erkennen, daß der Zug mit unverminderter Geschwindigkeit fuhr. Von einer plötzlichen Ängst befallen, fuhr er empor; entsetzliche Träume hatten ihn gepeinigt, und es dauerte mehrere Sekunden, bis er wieder zu wachem Bewußtsein kam. Auch als er sich wieder ausgestreckt hatte, floh der Schlaf ihn-. So lag er wach, das Gehirn von einer fieberhaften Aufregung erhitzt und seine Blicke unverwandt aus die Tur des Waschrnumes geheftet. Er zog seinen breitkrempigen Hut, das Zeichen seines geistlichen Standes, noch tiefer ins Gesicht, um selbst den schwachen Lichtschein der Lampe abzuhalten, und versuchte alle die übrigen Mittel, um schneller einzuschlafen: er zählte bis Tausend, suchte jedes Denken zu verbannen und so weiter. Aber alle diese Mittel erwiesen sich als machtlos: Rolles wurde von einem Dutzend verschiedener Angstgefühle gequält. Der alte Diktator am anderen Ende des Wagens erschien ihm in den furchtbarsten Gestalten, und wie er auch zu liegen versuchte, der Diamant in seiner Tasche verursachte ihm ein fühlbares, körperliches Unbehagen. Der Stein brannte, er war zu groß, er drückte auf feine Brust, daß ihm die Rippen schmerzten, mehrere Male fühlte er eine blitzschnelle Versuchung, den Stein zum Fenster hinauszuwerfen. Während er so dalag, ereignete sich etwas Seltsames. Die Schiebetür zum Waschraum bewegte sich ein kleines Stückchen und dann noch ein kleines Stückchen und wurde schließlich so weit zurück- aeschoben. daß eine Spalte von ungefähr zwanzig Zoll entstand. Die Lampe im Waschraum hatte keinen Schirm, und in der Hellen Oeffnung, die infolgedessen entstanden war, konnte Rolles den Kops des alten Vandeleur bemerken, der mit gespannter Aufmerksamkeit in sein Abteil hineinspähte. Er fühlte, wie der Blick des Diktators auf seinem eigenen Gesicht lag, und das triebmäßige Gefühl der Selbsterhaltung veranlaßte ihn, seinen Atem anzuhalten, ohne jede Bewegung feine Augen geschlossen zu lassen, um unter den Wimpern hervor seinen Besucher zu beobachten. Nach einem kurzen Augenblick wurde der Kopf zurückgezogen und die Schiebetür wieder geschlossen. Der Diktator war nicht in der Absicht gekommen, einen Angriff zu machen, sondern zu beobachten: es war offenbar nicht seine Absicht, einen anderen Menschen zu bedrohen, sondern er fühlte sich selber bedroht! Wenn Rolles sich vor ihm fürchtete, so hatte er allem Anschein nach ebenfalls einige Besorgnisse in bezug auf Rolles, er schien nur gekommen zu sein, um sich zu überzeugen, daß sein einziger Mitreisender schliefe, und hatte sich sofort wieder zurückgezogen, nachdem er dies festgestellt hatte Der junge Geistliche sprang auf. An die Stelle seiner Furcht war ein tollkühner Wagemut getreten. Er überlegte sich, daß das Rasseln des Blitzzuges alle anderen Geräusche übertönte, und beschloß, unbekümmert um die Folgen, den soeben erhaltenen Besuch zu erwidern. Er zog seinen Mantel aus, der ihn in seinen Bewegungen hätte hindern können, ging in den Waschraum und blieb dort stehen, um zu horchen. Wie er erwartet hatte, war nichts anderes zu hören als das Rattern des Zuges. Er erfaßte den Knopf der anderen Schiebetür und zog sie vorsichtig um etwa sechs Zoll zur Seite. Und dann entfuhr ihm unwillkürlich ein Ausruf der Ueberraschung. John Vandeleur trug eine Reisepelzmütze mit Ohrenklappen: diese, in Verbindung mit dem Donnergerassel des Zuges, verhinderten ihn vielleicht, von dem Besuch des Herrn Rolles etwas zu bemerken. Jedenfalls blickte er nicht auf, sondern fuhr in einer seltsamen Beschäftigung fort. Vor ihm stand eine offene Hutschachtel: in der einen Hand hielt er den Aermel seines Pelzmantels, in der andern ein langes Messer, mit welchem er soeben das Futter dieses Aermels aufgeschlitzt hatte. Rolles hatte davon gelesen, daß manche Menschen Gold in einem Leibaürtel trügen; da er aber in seinem Leben nur Kricket-Gürtel gesehen hatte, so hatte er sich niemals eine richtige Vorstellung machen können, wie so eine Geldkatze aussähe. Jetzt aber erblickte er etwas nach viel Sonderbareres: John Vandeleur trug allem Anschein nach Diamanten in dem Futter seines Aermels, denn der junge Geistliche sah einen blitzenden Brillanten nach dem andern in die Hutschachtel fallen. Unfähig, eine Bewegung zu machen, blieb er auf dem Fleck flehen und sah dem Diktator bei feiner eigentümlichen Beschäftigung zu. Die Diamanten waren größtenteils klein und fielen weder durch Größe nach durch Feuer auf. Plötzlich schien dem Diktator ein Hindernis zu begegnen; er mußte beide Hände zu Hilfe nehmen und beugte sich dabei vorneüber; trotzdem dauerte es eine ziemliche Zeit, bis er ein großes Brillanten- Diadem aus dem Aermelsutter zum Vorschein bringen konnte. Dieses hielt er hoch und betrachtete es einige Sekunden, bevor er es zu den anderen Edelsteinen in die Hutschachtel legte. Die Tiara war für Rolles eine Erleuchtung: er erkannte in ihr sofort einen Teil des Schatzes, den der Strolch dem unglückseligen Harry Hartley geraubt hatte. Hierüber kannte kein Zweifel obwalten: sie sah genau so aus, wie der Geheimpolizist sie ihm beschrieben hatte! Da waren die Rubinsterne, da der große Smaragd in der Mitte, da die van Brillanten gebildeten Halbmonde und die birnenförmigen herabhängenden Brillanten, die das Diadem der Lady Vandeleur so besonders wertvoll machten. Rolles fühlte sich ungeheuer erleichtert: der Diktator war in den großen Diebstahl ebenso verwickelt, wie er selber — keiner durste den anderen verraten! In diesem Glllcksgefühl stieß der junge Geistliche einen tiefen Seufzer aus; und da ihm in den vorhergehenden Stunden der Angst die Kehle trocken geworden war, so folgte diesem Seufzer ein Husten. John Vandeleur blickte auf; eine wilde Leidenschaft verzerrte sein Gesicht; seine Augen waren weit ausgerissen, und in einem Erstaunen, das an Wut grenzte, klappte sein Unterkiefer herunter. Mit einer triebmäßigen Bewegung hatte er den Mantel über die Schachtel gedeckt. Eine halbe Minute lang starrten die beiden Männer schweigend einander an. Dieser Zeitraum war nicht lang, aber er genügte dem jungen Mann. Er war einer von den Menschen, die in gefährlichen Augenblicken schnell denken können, und er beschloß, so kühn wie möglich zu handeln. Und obwohl er fühlte, daß er sein Leben aufs Spiel setzte, war er der erste, der das Schweigen brach. „Ich bitte um Verzeihung", sagte er. Der Diktator zuckte zusammen, und seine Stimme war heiser, als er fragte: „Was wollen Sie hier?" „Ich interessiere mich ganz besonders für Diamanten", antwortete Rolles mit vollkommener Ruhe und Selbstbeherrschung. „Zwei Kenner sollten Bekanntschaft miteinander machen. Ich habe selber eine Kleinigkeit hier, die vielleicht dazu dienen mag, die Bekanntschaft zu vermitteln." Mit diesen Worten zog er in aller Ruhe das Kästchen aus der Tasche, zeigte dem Diktator einen Augenblick den Diamanten, steckte ihn wieder ein und sagte: „Er gehörte früher ihrem Bruder." John Vandeleur fuhr fort, ihn mit einem beinahe schmerzlichen Erstaunen anzustarren; aber er sprach kein Wort und machte keine Bewegung. „Ich bemerke mit Vergnügen", begann Rolles wieder, „daß wir Edelsteine aus derselben Sammlung besitzen." Die Ueberraschung war zu stark für den Diktator und er sagte: „Bitte um Verzeihung — ich beginne zu bemerken, daß ich alt werde! Ich bin tatsächlich für solche kleine Zwischenfälle nicht mehr gerüstet. Aber beruhigen Sie mich wenigstens über eins: täuschen meine Augen mich, oder sind Sie wirklich ein Pfarrer?" „Ich bin geistlichen Standes", antwortete Rolles. „Nun!" rief die andere, „bann will ich, solange ich lebe, niemals wieder ein Wort gegen den Talar sagen!" „Sie schmeicheln mir", sagte Rolles. „Verzeihen Sie mir", versetzte Vandeleur, „verzeihen Sie mir, junger Herr! Sie sind kein Feigling, aber wir müssen erst noch sehen, ob Sie nicht vielleicht der allergrößte Dummkopf sind. Vielleicht", fuhr er fort, indem er sich auf feinen Platz zurücklehnte, „vielleicht würden Sie fo freundlich fein, mir noch einiges zu sagen. Ich muß annehmen, daß Sie bei der erstaunlichen Frechheit Ihres Vorgehens einen gewissen Zweck verfolgten, und ich gestehe, daß ich neugierig bin, diesen kennenzulernen." „ c „Er ist sehr einfach", antwortete der Geistliche; „er erklärt sich durch meine große Unerfahrenheit in allen Dingen des Lebens." * „Es wird mich freuen, wenn Sie mich davon überzeugen", antwortete Vandeleur. , , Hierauf erzählte Rolles ihm die ganze Geschichte, wie er mit dem Diamanten des Radschah in Verbindung gekommen war. Van dem Augenblick an, da er ihn in Raeburns Garten gefunden hatte, bis zu dem Augenblick, da er im „Fliegenden Schotten" London verlassen hatte Er schildert« in kurzen Worten seine Gefühle und Gedanken während der Reise und sagte zum Schluß: Als ich die Tiara erkannte, da wußte ich, daß wir beide uns in der "gleichen Sage der Gesellschaft gegenüber befinden, und es erfüllte JDlein Safer 1" rief Francis mit unverhohlenem Hohn. „Der brave Mann! Ich kenne jeden Gedanken feiner Seele und jeden Schilling feines Vermögens!" „ , , . o, „Sie legen meine Worte nicht richtig aus , sagte der Anwalt. „Ich meine nicht Herrn Scrymgeour senior — denn der ist nicht Ihr Vater. Als er und seine Frau nach Edinburg kamen, waren Sie schon beinahe ein Jahr alt, aber Sie befanden sich noch keine drei Monate unter ihrer Obhut. Das Geheimnis ist gut bewahrt worden: aber was ich Ihnen sage ist Tatsache. Ihr Vater 'ist unbekannt, und ich sage Ihnen nochmals, ich glaube, daß ursprünglich von ihm die Anerbietungen ausgehen, die ich beauftragt bin, Ihnen zu übermitteln." Es wäre unmöglich, das Erstaunen zu schildern, in das Francis Scrymgeour ob dieser unerwarteten Nachricht geriet. Er gestand dem Anwalt, daß er völlig ratlos sei, und sagte: .. . . Nachdem Sie mir eine so überraschende Mitteilung gemacht haben, müssen Sie mir gestatten, einige Stunden darüber nachzudenken. Sie werden heute abend erfahren, zu welchem Entschluß ich gekommen bin. Der Anwalt lobte seine Vorsicht. Francis ließ sich unter irgendeinem Vorwand von seiner Bank Urlaub geben, machte einen langen Spaziergang draußen vor der Stadt und überlegte sich tote Sache von alten Seiten und von jedem Standpunkt aus. Ihn durchdrang ein angenehmes Gefühl seiner eigenen Wichtigkeit, und gerade deshalb überlegte er sich seinen Entschluß um so reislicher; aber der Ausgang war von Anfang an nicht zweifelhaft. Seine ganze Natur wurde unwiderstehlich von dem Angebot der fünfhundert Pfund im Jahr angezogen, nicht weniger aber von den sonderbaren Bedingungen, an die dieses Jahrgeld geknüpft war. Er entdeckte in seinem Herzen eine unüberwindliche Abneigung gegen den Namen Scrymgeour, an dem er bisher niemals etwas auszufetzen hatte; er begann die beschrankten, unroman- tischen Verhältnisse seines bisherigen Gebens zu verachten; und als lein Entschluß einmal feststand, ging er mit einem neuen Gefühl von Straft und Freiheit und überließ sich den frohesten Hoffnungen für die Zukunft. Er sagte dem Anwalt ein einziges Wort und erhielt sofort einen Scheck für die beiden rückständigen Vierteljahre; denn das Jahresgehalt galt vom ersten Januar an. Mit diesem Scheck in der Tasche ging er nach Hause. Die Mietswohnung in der Scotland Street war in fernen Augen schäbig; seine Nüstern empörten sich zum erstenmal gegen den Geruch von 'Hammelbrühe, und an seinem Adoptivvater bemerkte er kleine Verstöße gegen den guten Ton, die ihn überraschten und beinahe anekelten. Er beschloß, daß schon der nächste Tag ihn auf dem Wege nach Paris sehen soll. . .. , .. . Gange vor dem ihm angegebenen Tage traf er in dieser Stadt ein, er nahm ein Zimmer in einem bescheidenen Gasthof, der von Engländern I und Italienern besucht wurde, und bemühte sich, seine Kenntnisse in der französischen Sprache zu verbessern; zu diesem Zweck ließ er zweimal in der Woche einen Gehrer kommen, unterhielt sich möglichst oft mit Müßiggängern, die er in den Charnps Elysees traf, und ging jeden Abend ins Theater. Er ergänzte feinen Kleidervorrat durch mehrere Anzüge nach der neuesten Mode und ließ sich von einem Barbier in der nächsten Straße jeden Morgen rasieren und frisieren. Hierdurch begann er etwas ausländisch ausmsehen und man merkte ihm seine Igöttliche Vergangenheit und Herkunft nicht mehr so an. (Fortsetzung folgt.) Vermutung, die woh. ,-------- ... .... derer, ist der Veranlasser dieser dem Anschein nach ganz unnatürlichen Und der Sachwalter machte ein feierliches Gesicht, Indem er die Augenbrauen hochzog und den jungen Bankbeamten ansah „Die erste Bedingung", fuhr er fort, „ist von einer überraschenden Einfachheit: Sie müssen am Nachmittag des fünfzehnten dieses Monats, also Sonntag, in Paris sein; dort werden Sie am Kassenschalter der Comedie Frangaise eine Eintrittskarte finben, bie auf Ihren Namen hinterlegt ist. Sie haben währenb der ganzen Vorstellung auf dem Platz, für den die Karte lautet, sitzenzubleiben. Das ist alles. „ „Ich hätte allerdings gewiß einen Wochentag vorgezogen , antwortete Francis. „Aber freilich — schließlich — wenn man mal auf bcr 9tcife ift —" „Und noch dazu in Paris, mein lieber Herr", fetzte der Anwalt beschwichtigend hinzu. „Da würde ich mich nicht einen Augenblick bedenken. Und bie beiden sahen einander an und lachten behaglich zusammen. „Die zweite Bedingung ist von größerer Bedeutung', suhr der Sach- walter fort. „Sie betrifft Ihre Verheiratung. Mein Klient, der von einer tiefen Teilnahme an Ihrem Wohlergehen erfüllt ift, wünscht bei der Wahl Ihrer Gattin unbedingt den Ausschlag zu geben. Unbedingt — verstehen Sie mich wohl!" Lassen Sie uns diese Bedingung etwas genauer feststellen, wenn ich bitten darf", antwortete Francis. „Muh ich eine jede heiraten, die dieser Unsichtbare mir vorzuschlagen geruht — einerlei ob Jungfrau ober Witwe, ob weih ober schwarz?" Ich wurde beauftragt, Ihnen zu versichern, dah Ihr Wohltäter grundsätzlich darauf halten würbe, bah bie Erwählte an Jahren und Lebensstellung zu Ihnen passe. In bezug auf die Rasse muh ich Ihnen gestehen, baß ich nicht daran gedacht habe, und daß ich deshalb unten lieft, mich danach zu erkundigen; aber wenn Sie es wünschen, will ich Ihre Frage sofort vormerken und Ihnen sobald wie möglich darüber Nachricht geben." t . „Herr Anwalt", sagte Francis, „wir müssen erst noch sehen, ob diese ganze Geschichte nicht ein höchst gemeiner Schwindel ift. Die einzelnen Umstände sind unerklärlich — ich hätte beinahe gesagt: unglaublich. Und solange ich nicht etwas klarer sehe und einen vernünftigen Beweggrund erkennen kann, muh ich Ihnen gestehen, daß ich höchst ungerne zu dieser Sache meine Hand bieten möchte. In dieser schwierigen Gage bitte ich Sie um Ihren Rat. Ich muß erfahren, was dieser ganzen Geschichte zugrunde liegt. Wenn Sie das nicht wissen, oder nicht erraten können, oder mir nicht sagen dürfen, so nehme ich meinen Hut und gehe wieder in meine Bank." Cjcf) es ni** nMvt n hör mich mft Hoffnung, bie Sie — davon bin ich überzeugt — nicht für un- | begründet erklären werden: daß Sie nämlich gewissermaßen mein Teilhaber an den Schwierigkeiten und natürlich auch an den Vorteilen meiner Gage werden möchten. Für einen Menschen, der Ihre befonberen Kenntnisse unb offenbar großen Erfahrungen besitzt, kann die Verwertung des Diamanten nur geringe Schwierigkeiten machen wahrend dieses für mich vorläufig ein Ding der Unmöglichkeit ist. Andererseits nahm ich an, daß ich durch das Zerschneiden des Diamanten, das ich wahrscheinlich mit ungeschickter Hand vornehmen wurde ungefähr ebensoviel verlieren würde, als ich Ihnen angemessenerweise jur Ihre Bei- hilse zu bezahlen hätte. Es war ein heikles Ding, dieses Thema an- zuschneiden, und vielleicht habe ich dabei etwas gegen das von einem Gentleman zu erwartende Zartgefühl verstoßen. Ader ich muß Sie bitten zu bedenken, daß für mich die Gage völlig neu war, und dah ich mit der Etikette, die in solchen Dingen üblich fein mag, völlig unbekannt war. Ich glaube, ohne mich einer Eitelkeit schuldig zu machen, ich hätte Sie in sehr korrekter Weise trauen ober taufen können; aber jeber Mensch hat seine besonderen Fähigkeiten, und ein solches Handelsgeschäft stand nicht auf der Gifte meiner Talente." „Ich wünsche Ihnen keine Schmeicheleien zu sagen', antwortete Van- beleur; „aber auf mein Wort: Sie haben ungewöhnliche Anlagen für ein Verbrecherleben. Sie besitzen mehr Talente, als sie glauben; obgleich ich in verschiedenen Weltteilen eine Menge Halunken getroffen habe, sah ich noch niemals einen so frechen wie Sie. Freuen Sie sich, Herr Rolles, Sie haben endlich Ihren wahren Beruf gefunden! lieber meinen Beistand können Sie nach Ihrem Belieben verfügen. Ich habe in Edinburgh nur einen einzigen Tag in einer kleinen Angelegenheit meines Bruders zu tun; sobald bie abgemacht ist, fahre ich nach Paris zuruck, wo ich meinen ständigen Wohnsitz habe. Wenn Sie Gust haben, können Sie mich dorthin begleiten. Und ich glaube, ich werde Ihr kleines Geschäft zu einem befriedigenden Abschluß gebracht haben, bevor em Monat um ist." Die Geschichte von dem Hause mit den grünen F e n st e r l ä d e n. Francis Scrymgeour, ein Angestellter der „Bank von Schottland" in Edinburgh, halte in einer Sphäre ruhigen, rechtschaffenen und häuslichen Gebens das fünfundzwanzigste Jahr erreicht. Seine Mutter starb, als er noch ein Knabe war. Aber fein Vater, ein verständiger und ehrenwerter Mann, hatte ihm eine ausgezeichnete Schulbildung zuteil werden laffen und ihn zu Hause an ein ordentliches und sparsames Geben gewöhnt. „ ~ . ,, Francis, der von Natur fügsam und ein liebevoller Sohn war, hatte sich dieser Vorteile mit Eifer bedient unb sich mit Geib unb Seele feiner Berufstätigkeit gewidmet. Ein Spaziergang am Samstagnachmittag, ein gelegentliches Mahl mit Familienangehörigen, und alljährlich ein vierzehntägiger Ausflug in die Hochlande oder sogar nach dem europäischen Festlands hinüber, waren seine hauptsächlichen Zerstreuungen. So war er bald bei seinen Vorgesetzten beliebt geworden und bezog bereits ein Gehalt von fast zweihundert Pfund jährlich, mit der Aussicht, daß er schließlich beinahe bas Doppelte dieses Betrages verdienen würde. Wenig junge Geute waren mit ihrem Geben zufriedener, wenige waren fleißiger und arbeitswilliger als Francis Scrymgeour. Wenn er abends die Zeitung gelesen hatte, spielte er manchmal seinem Vater, für dessen Tugenden er große Ehrfurcht empfand, etwas auf der Flöte vor. _ , „ „ Eines Tages erhielt er von einer bekannten Sachwalterfirma einen Brief mit dem Ersuchen, sie sofort behufs einer Unterredung aufzusuchen. Der Brief trug die Bezeichnung „Privatim und vertraulich" und war ihm in das Bankgebäude geschickt worden, statt in seine Wohnung — zwei ungewöhnliche Umstände, die ihn veranlaßten, der Aufforderung mit besonderem Eifer zu folgen. Der Seniorteilhaber der Firma, ein Herr von sehr ernstem Wesen, hieß ihn mit großer Würde willkommen, bat ihn Platz zu nehmen unb erklärte ihm hierauf in ber abgehackten Sprechweise eines alten Geschäftsmannes die Angelegenheit, um die es sich handle: Eine Person, deren Namen nicht genannt werden dürfe, von der der Anwalt aber alle Ursache habe, eine gute Meinung zu haben, — kurz gesagt, ein Mann, ber im Ganbe eine bedeutende Stellung einnehme —, wünsche ihm Francis Scrymgeour, ein Jahrgeld von fünfhundert Pfund auszusetzen. Das Kapital solle von der Anwaltsfirma und zwei Vertrauensmännern, bereu Namen ebenfalls nicht genannt werben bürften, verwaltet werden. Mit dieser freigebigen Schenkung feien allerdings einige Bedingungen verknüpft; er fei jedoch der Meinung, daß [ein neuer Klient in diesen Bedingungen nichts Uebertriebenes ober Unehrenhaftes finden werde. Diese beiden Wörter wiederholte er mit besonderer Betonung, wie wenn er wünschte, weitere Aufklärungen über die Sache nicht zu geben. Francis fragte, welcher Art diese Bedingungen seien. „Die Bedingungen", sagte der Sachwalter, „sind, wie ich bereits zweimal bemerkte, weder unehrenhaft noch übertrieben. Allerdings kann ich Ihnen gleichzeitig nicht verhehlen, daß sie sehr ungewöhnlicher Art siiid. Die ganze Sache liegt überhaupt eigentlich nicht auf unserem Gebiet, und ich würde sie sicherlich nicht übernommen haben, wenn nicht der Herr, der mich damit betraute, eine so angesehene Persönlichkeit wäre, — unb wenn nicht, gestatten Sie mir, Herr Scrymgeour, das zu bemerken, die vielen lobenden und, wie ich nicht bezweisle, wohlverdienten Empfehlungen über Ihre Perfon mir eine große Teilnahme für Sie eingeflößt hätten," Francis bat ihn, sich etwas deutlicher in bezug auf diese Bedingungen auszusprechen, da er, wie er offen gestehen wolle, in großer Unruhe wegen dieses Punktes sei. „Der Bedingungen sind zwei", antwortete ber Sachwalter; „nur zwei. Und die Summe beträgt, was Sie bitte beachten wollen, fünfhundert Pfund im Jahr — und zwar ohne Abzug, was ich bisher zu erwähnen vergaß —, ohne jeden Abzug." iicht", antwortete der Sachwalter; „aber ich habe eine whl nicht fehlgehen dürfte: Ihr Vater, und kein an- Dor der Ernte. Bon Martin Greif. Nun rühret die Aehren im Felde Ein leiser Hauch. Wenn eine sich beugt, so bebet Die andere auch. Es ist, als ahnten sie alle Der Sichel Schnitt — Die Blumen und fremden Halme Erzittern mit. Oer Tod des Löwen. Eine Novelle von Alfons v. Czibulka. Auf der Donau, über den Kuppeln und Türmen der summenden Stadt über den Bastionen und Wällen, über den fernen, schon in h-llem Grün schimmernden Forsten des Wienerwaldes und dem Himme. darüber lag das Goldnotz des Frühlings. In den Gesichtern aller Wiener war ein Lächeln. Unbekannte winkten einander zu in bem ©ebrange der engen Gassen, und selbst die farbenreichen Kavaliere die sich m ihren Sänften und Karossen von dem Schwarz und Braun der Burger, röcke abhoben wie bunte Papageienvogel von einer Schar braungrauer Spatzen, nickten und dankten freundlicher als sonst. u , . . Aber nicht die wärmende Aprilsonne allein war die Ursache so gehobener Laune. Daß man seit einer Woche durch die prunkvoll geschwungenen schmiedeeisernen Tore des Schlosses Belvedere wieder die kleine Gestalt des greisen Feldmarschalls in seinem schlichten braunen Soldatenrock durch die Alleen wandeln, an den steinernen Bildwerken des Parks, an den schon grünenden Bosketten und Beeten verweilen sah, machte die Wiener so froh. . - Seit dem Herbst hatten sie um sein Leben gebangt. Den ganzen langen Winter über war im Belvedere der kaiserliche Leibarzt Garelli cim und ausgegangen und die andern Doktoren in ihrer schwarzen Talaren und weißen Perücken. Darum hatten ja auch, als vor zwei Tagen die vier Jsabellenschimmel die Karosse des Marschalls wieder in würdevollem Trab zur Hofburg zogen die Wiener 'hr "Vivat Eugeriius gejauchzt, als hätte er eben erst Zenta, Turin oder Belgrad geschlagen. Die Handwerker pfiffen bei der Arbeit. Die Fuhrleute sangen. Dröhnender stampfte der Gleichschritt der von den Exerz,erp atzen em ruckenden Soldaten und die Feldmusiken schmetterten jubelnder und lauter. Niemand hätte sich gewundert, wenn die Batterien auf den Wällen plötzlich Viktoria geböllert hätten, weil der Eugenius über den ^Unb’^eute hatte Prinz Eugen sogar wieder Gäste hei sich gesehen. Heiter und höflich war der Feldmarschall des heiligen römischen Reichs und des Kaisers jedem der Geladenen durch die hohe gläserne Ture bu auf die Terrasse zu Füßen der beiden grünen Mugelkuppeln entgegen- geganqen und den Vornehmsten gar bis zum Parktor, durch das die schwankenden Staatskutschen knirschten. Nur manchmal hatte noch ein kurzer, trockener Husten seine schmale, nur wemg gebeugte Gestalt ge- trU2hn'späten Nachmittage ging er dann ohne Begleitung durch den ganzen weithin gegen dos Glacis und die Stadtmauern sich senkenden Wen, über die vielen Treppen und Stufen zu den am andern Ende des Parks gelegenenen Zwinger. Mit eigener Hand sperrte er die schwere Eisentüre auf und fütterte seinen Löwen. Zum ersten Male wieder seit dem Herbst. Dann stand er lange wie m Betrachtung cor ben ®itter stützen indes seine hagere Rechte in der Mahne des riesenhasten Wusten- tieres' spielte, das wohlig blinzelnd fein gewaltiges Haupt auf tue ^^Des^ Abends fuhr der Feldmarfchall wie in gesunden lagen‘ 3U ber immer noch schönen Gräfin Batthyany auf ein Spielchen Pi leist Erst gegen Mitternacht hielt seine Staatskutsche wieder vor der Terrasse des 'SeD?rer$räientierqriff der beiden postenstehenden Grenadiere klirrte. Ein Lake! der einen breiarmigen Leuchter hielt, verneigte sich tief. Der alt" schwarzgekleidete Kammerdiener öffnete den Schlag, warf einen Blick in den Wagen, griff besorgt nach der Hand des Prinzen, d,e auf der Decke lag. Dann lächelte er beruhigt. War wieder einmal schla- ftnd von seinem Spielchen gekommen, der alte Eugenius! Darum also hatte der riesenhafte Leibkutscher die Jsabellenschimmel in Schritt gehen lassen! Damit das Rütteln der Kutsche nicht den Schlaf des Helden störe, der säst vierzig Jahre lang über das Reich gewacht. ™ Behutsam half der greise Diener dem Prinzen aus dem Wagen. Dann nahm er dem Lakaien den Leuchter ab und 6'^ °°raus. Indes her alte Feldmarschall den linken der Grenadiere anblitzte, daß es dem um die Mundwinkel zuckte und ihm vor Gluck die Tranen über die braungegerbten Wangen liefen, als der Eugenius hinter Diener sind Leuchter in der Glastüre verschwunden war Meldern Droben hals der Kammerdiener seinem Herrn aus ten ft eiDern, Ass dieser schon zu Bett lag, stellte der Alte ein Glas Medizin auf silbernem Tablett auf den Nachttisch. Prinz Eugen lächelte schab dlas Tablett zur Seite, sagte freundlich: „Wozu? Ich werde setzt schlafen . Mit gütigem Nicken entließ er den alten Vertrauten. ... Der ninn mit ehrerbietigem Gruß Draußen aber schüttelte er miß billigend fein weißes H°upt. Er seufzte. Wenn er nur die Med.zm "^Bekümmert'schlurfte der Alte über ben langen bellen meitaeBffnete Fenster man das Auf- und JheDer|cnreuen ve» Doppelpostens, das plätschernde Steigen und fallender Spnn^rnn im Garten hörte. Hätte jetzt eigentlich schlafen gehen können b r Alte. Er war ja noch klappriger als sein Herr. Aber vielleicht lautete de Prinz noch einmal. Es war zwar noch nie vorgekommen, daß tt nachts am Glockenzug zog. Selbst während seiner Krankheit nicht. Aber vielleicht chellte er doch. War doch heute die erste nächtliche Ausfahrt gewesen. Die Nacht war blau und mild. Das Mondlicht spielte auf dem steilen Dache des Domes, das sich hoch aus den Häusern und Basteien hob. Wie ein Stern stand das Licht des Türmers von Sankt Stephan über der nachtdunklen Stadt. Der Diener zog einen Stuhl an em Fenster und Tief) Damals, als dieser Turm der Wachtturm der Christenheit gewesen war als die Türken vor Wien lagen und die Stückkugeln sangen von des Kara Mustapha Batterien, da war er als junger Dragoner Diener beim Kriegsvolontär Prinz von Savoyen geworden. Es war ihm, als wär's gestern gewesen. Und waren doch dreiundfünfzig Jahre her Drei« unbfünhig Jahre! Was war seither nicht alles geschehen? Hatt damals kein Jud mehr einen roten Heller fürs ganze heilige römische Reich gegeben. So am Verlöschen roar’s in der Türken- und Franzosennot. Und heute? Heute wagte dank dem Eugenia kein Hahn mehr in der Christenheit zu krähen, wenn man im Reich nicht wollte. Aber alt, alt waren sie dabei geworden, er und sein Herr. Aechzend erhob sich der Diener. Tief stand schon der Mond. Leise tappte der Alte wieder durch den (Bang, öffnete vorsichtig die Ture zum Zimmer des Prinzen, tastete sich ans Bett. Ruhig, regelmäßig gingen die Atemzüge des Schlafenden. . Befriedigt zog sich der Kammerdiener zurück. Draußen plätscherten noch immer die Brunnen und hallten die Schritte ^r Grenadiere. Daß er heute so gar keinen Schlaf verspürte! Er holte seinen Mantel, setzte sich wieder ans Fenster, seufzte still vor sich hm. Ja, alt waren sie geworden, sein Herr und er. Wie arm und klein er jetzt drüben in fernem Bette lag, der große Eugenius! Wie ein Kind. Und war doch einst der Löwe gewesen, der das Reich gerettet! , Dem Alten sank das Kinn auf die Brust. Er schlummerte ein wenig. Sern im Osten stand schon ein schmaler, fahler Schein. ° Da fuhr er auf. Dumpf hallte vom Zwinger her das Gebrull des Löwen durch Garten und Schloß. Die Poften unten verhielten den Schritt. Der Diener fchüttelte den Kopf. War doch noch nie geschehen, haft nachts der Löwe brüllte. , , Der Alte stieg über die marmorne Treppe hinunter, trat auf die Terrasse hinaus, horchte. Wieder donnerte geängstigt der Urlaut des Tieres grollte noch einmal, erstarb. Ob ihm wohl etwas fehlte, dem Löwen? War doch der Liebling des Prinzen. Eilig ging der Stener über die Gartenwege und Stufen, neben denen sich schon die steinernen Figuren, die Büsche und Stämme aus feuchtem Dunkel losten. Dann fnarrte der schwere Schlüssel in der eisernen Iure. Der erste Schein des Morgens fiel durch die Gitterftäbe. Der Riefe war verendet Unschlüssig stand der weißhaarige Diener. Dann ergriff ihn em Schauder. So rasch seine müden Beine ihn trugen, lief er Schlosse zurück hastete mit pfeifendem Atem die Treppe hinauf, über den Gang, aut dessen Teppichen schon die Sonnenstrahlen spielten, trat in das Zimmer seines Herrn und wollte melden. Tot, ein Lächeln im 2lntliö, lag Prinz Eugen. Es war, als schliefe er und träumte von des Reiches ^Sr Alte senkte den Kopf. Tonlos tarnen die Worte der Meldung: „Der Löwe ist tot!" Oer alte Ouden. Von Wolfgang Götz. Der Name Duden läßt eine rote Spur in unserem Gedächtnis zurück Beileibe, daß es sich hier etwa um Blut handelte, nein, nur um Eosin jenen Stoff, der sich um weniges Geld erwerben laßt und dafür das ganze Letzen selbst des furchtbarsten Schultyrannen nut roter Tinte versorgst^ Es wird schwer sein, zu entscheiden, ob die Grammatik oder die Orthographie größere Verdienste um die Eosin-Erzesigung haben. Gleichviel mir entsinnen uns noch des empörten Aufschreis der alteren Generation, als die Puttkamersche Rechtschreibung sie zwang, teueren (Gewohnheiten zu entsagen, und noch gellt der Wehruf unserer Nachfahren im Ohr, als Konrad Duden nun wieder von Herrn von Puttkamer nictzts wissen wollte und siegreich wider ihn zu Felde zog. Sehr freund- licki waren die Gesinnungen seiner Zeitgenossen gegen Duden nicht, besonders die Hemn und Damen in den Flegeljahren kühlten ihren b^^Das'^at"e?"a^ber"nich? verdient. Ganz abgesehen davon, daß er auf seimm Gebie ein .Einiger des Reichs" war - die I d e e e , n e r e, n- he Ul ichen Rechtschreibung entsprang in der Tat feiner großen Vaterlandsliebe und feiner Beglückung über 1871 unb feine Folgen , er muß ein trefflicher Lehrer und prächtiger Freund feiner Schuler gewesen fein ( Liebe junge Freunde", pflegte er sie anzureden) Er stichle sie vornehmlich zu Plato und zu den deutschen Klassikern heran- inHihren Einer seiner Schüler, der sonst bittere Erfahrungen mit den Betreuern seiner Jugend gemacht hat, berichtet, daß er sich Dudens noch beute in herzlicher Verehrung erinnere und nie über ben Hersselder Shof gehe ohne am Grabe seines ehemaligen „Alten" zu verweilen. Unbba°5 der hohe Siebziger nach dreißigjähriger Tätigkeit aus seinem Amte schieb da brachten ihm seine Schüler, die alten w,e d.e jungen, lahUofe Düationen, bic in einem $atf cl^ug gipfelten. , . ^ Freilich Duden konnte auch streng sein. Als er sein Amt an rat, heltanb noch die Unsitte, daß viele Schüler ein freies Burlchenleben führten in „$uben" lebten und ihre Verbindungen hatten Hier griff Duden durch. Die Schüler wurden in Pensionen gesteckt "le sich s gehörst und er sandte seinen Pedell aus, nach den Kneipabenden, bet denen sich auch holde Weiblichkeit einfand, zu fahnden. Das war denn eine bittere Anlaatze Der Türhüter, weiland ein Bamberger Ulan, unt rwg sich dieser Pflicht gründlich, indem er zehn Gastwirtschaften atzgra te, wen auch mit keinerlei Erfolg, und so mußte er am nächsten Morgen feinem Professor gehorsamst melden, daß er von Sihulerverbindunaen mch^ I gesunden, wohl aber sich einen Brummschädel zugezogen haoe. Am nächsten Abend begab sich der Pedell wieder an sein schwieriges Amk. Vermutlich wäre ihm auch diesmal kein Glück beschieden gewesen, wenn die Iünglingsherzen nicht der lieben musica gefröhnt hätten. Der Pedell hörte sein Lieblingslied: „Rajenstock, Holderblüh, Wenn ich mein Dirndl sieh. Lacht mir vor lauter Freud ’s Herzl im Leib." Das zieht ihn mächtig an. Panik, Flucht durch das Fenster, wobei in den Händen der rächenden Gewalt der Spitzenbesatz eines nicht näher zu bezeichnenden weiblichen Gewandstückes verbleibt. Der Pedell hat ein fühlendes Herz und um den Schaden wieder gutzumachen, stiftet er eine Runde und kneipt mit. Nun aber zeigt sich Dudens große pädagogische Fähigkeit. Er gibt den ertappten Schülern nur einen Verweis und überläßt den Eltern die Bestrafung ihrer mißratenen Kindlein, worüber er sich allerdings vorsichtshalber Bericht erstatten läßt. Ja, er genehmigt sogar Kneipabende, an denen er wohl auch gelegentlich teilnahm, und wenn dann sein Lieblingslied „Zwischen Frankreich und dem Böhmer Wald" erklang, so wurde noch eine Stunde zugegeben — es ist anzunehmen, daß dieser musikalisch-geographische Hinweis ziemlich oft bei diesen feuchten Gelegenheiten gegeben wurde — ja, es wurden wohl sogar die beiden ersten Stunden des folgenden Vormittags abgesetzt. Glückliche Jugendl Auch sonst war Dudens Urteil salomonisch. Er sah gern in den Pausen den Spielen seiner Schüler zu. Im Sommer fanden oft Reiterschlachten statt, will sagen, größere Schüler nahmen kleinere auf die Schulter, die sich nun gegenseitig herunterzuboxen hatten. Hierbei geschah es einmal, daß ein Bub unglücklich fiel und sich den Arm brach. Da mußte Duden zu seinem Kummer das kriegerische Spiel verbieten. Doch gab es im Winter dafür Schneeballereien. Auch hier geschah Böses: die Fenster der unteren Klassenräume gingen in Splitter und sahen, wie der Pedell noch heute mit nachhallender Erregung berichtet, einer Ruine gleich. Aber von einem Verbot der Schneeballschlachten wollte Duden nichts wissen, so lieh er einen jeglichen, ob schuldig oder nicht, einen Betrag von 5 Reichspfennigen zahlen und Ruine wie Ruhe waren hergestellt. Er war ein Weltmann, dieser praeceptor Germaniae. Als einmal ein Schülerball war, hatten die Herren Tänzer einen — nicht unbegreiflichen — Heidenbammel, vor ihren Schönen als Pennäler gedemütigt zu werden. Sie drückten sich also möglichst vor ihm, was keine besondere Heiterkeit aufkommen ließ. Schließlich mußte man sich doch einmal zu einem Hofknicks mit bebberndem Herzen entschließen. Aber, siehe, der „Alte" sprach höflich einige gesellschaftliche Worte, ganz als ob kein Untertanenverhältnis des Angesprochenen bestünde. Dies alles aber geschah zu Hersfeld, jenem Städtchen mit den verträumten Häuschen, das verhältnismäßig spät aus seinem mittelalterlichen, keineswegs sehr geruhigem Schlafe erwacht ist, das deutsche Kaiser in seinen Mauern sah, das durch Wildenbruchs Hexenlied Berühmtheit erlangte, wiewohl es um wichtigerer und erregenderer Tatsachen willen in unserem Bewußtsein haften sollte. Es sind diesem Manne, der es in dem damals mit Titeln recht kargen Preußen zum Geheimen Regierungsrat brachte, große Posten als Gymnasialdirektor in bedeutenden Städten angeboten worden. Er lehnte ab. Er wirkte im kleinen Ringe. Und als dieser treue Diener am Werk nach beschaulichen Jahren in Wiesbaden, ein Achtzigjähriger, heimging, hieß er sein Irdisches nach Hersseld überführen. Da schläft er nun gut, er, der seine Schüler nie schlafen ließ, sondern sie lebendig hineinriß in Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft seines Volkes — Konrad Duden, ein deutscher Schulmann. Burg in der Nacht. Von Franz Schauwecker. Bon Diethfurt her kommend bog unser Wagen in den geschwungenen Laus des Altmühltals ein und glitt hin zwischen Feldern, die sommerlich grün waren, reine, weiche Teppiche von Wiesen, hinter denen aus jenseitigen Waldhöhen Kirchtürme und rötliche Dächer blickten und schmale, schattendunkle Täler sich schweigend öffneten. Felsen brachen aus dem düsteren Nadelgrlln hervor und verbargen sich hinter neuen Wäldern wie Geheimnisse und Legenden über dem geschnittenen Gras und dem heiteren Flußband, das alles in verschlungenen und gebrochenen Bildern spiegelte. Wir kamen durch freundliche Städtchen, wo die Gärten der Häuser zuweilen in den senkrecht dahinter aufsteigenden Felsklüften sich verkrochen und mit der ungefesselten Natur einen heimlichen Bund schlossen, Buchengestrüpp über Salvien, deren betäubendes Rot wie ein Ausbruch unterirdischer Feuersbrunst im Moos glühte. Das alles war sehr schön: die sanften Biegungen des Tales, die weidenden Herden der Rinder, der tiefe Klang ihrer Glocken, die allen Giebel, weiße Wolken im tönenden Blau und die fernen, federzarten Strichelungen der Fichten auf den Höhenkämmen vor dem Himmel, der ins Unendliche zurücktrat. Der Wagen surrte durch ein winkliges Stadtwesen, und dann öffnete sich der Raum vor dem kommenden Tal, das sich wunderbar entfaltete, gleichsam wie ein Fächer aus Sonne, Wald, Fluß und Gefelfe. Das alles war wie eine klare und leise Melodie, die sich im Augenblick mit einem schwellenden Ton zu einem strahlenden, in sich beglückten Klang erhob und mitten im höchsten Blau stehen blieb und schimmerte. Mitten darin lag auf einem riesigen, grauen Felsen, der nackt wie ein Geschöpf der Vorzeit aus den Tannen hervorstarrte, eine verwitterte Burg, von der einige Schwalben hinschossen, welche den hallenden Ton der Landschaft auf den großen Bögen ihres Fluges bis in die Wolken zu tragen schienen. Und in diesem Augenblick fagle die Frau neben mir- „Das ist Schloß Prunn, und da oben ist ein Teil der Urschritt ' ■’->nVebes gefunden worden". Das verwandelte die Landschaft in einer Sekuuoe. piuij-uy uiuioe im Westen die schwere, zusammengerollte Wolkenbank sichtbar, die den Himmel breit überquerte gleich einer Straße und von einer Luft begrenzt war, die einem grünlichen Meere glich. Es ging ein Schatten von diesem Grat aus, den ich bisher nicht bemerkt hatte, und der sich nun allen Dingen mitteilte und den Stein noch härter, die Luft noch schwebender, das ferne Geläut noch prophetischer machte. Es fiel ein maßloses Dunkel über das heitere Tal, und wenn es den Begriff eines dunklen Lichtes gab, so empfand ich dieses finstere Licht in jedem Blick, und es stand hinter jeder Wegkrümmung wie ein Vermummter. Denn wenn die uralten Gestalten unseres Blutes und unserer Geschlechter ohne Ankündigung plötzlich laulos vor uns hintreten, verlieren die Dinge ihre unbesorgte und gegenwärtige Heiterkeit, und sie werden schwer und erfüllt von den Schicksalen der Erfüllungen und der Verzichte, der Siege und der Untergänge, die auch noch über unfern verstecktesten Pfaden und verschwiegensten Gängen glimmen. Ehe ich zur Besinnung zu kommen vermochte, waren wir schon an der Burg vorbei und rollten weiter unferm verabredeten Ziel zu. Aber am Abend, bei der Rückkehr wollten wir die Burg besuchen, obwohl schon lange vorher die Besichtigung abgeschlossen war. Jedoch kannte die Frau neben mir den „Kastellan", und sie versicherte, daß er uns auch noch spät alles zeigen würde. Bei hereinbrechender Nacht tarnen wir an. Tastend klommen wir einen schmalen Stieg mit Holzstufen hoch, und unterwegs hörte ich die andere romantische Geschichte, die mit diesem uralten Gemäuer verwachsen ist, die Sage von den drei ritterlichen Brüdern, die um des Burgfräuleins willen die Burg auf dem kaum armbreiten Steg des gewachsenen Felsens über dem tiefen Absturz umreiten wollten: der erste stürzte ab, der zweite gleichfalls, der dritte aber umritt den verhängnisvollen Felsen. Am Tor erwartete ihn das Fräulein. Er sprang vom Pferde, dankte und ritt davon. Das ist eine romantische Geschichte, und es steckt in der heutigen Zeit noch genug Romantik, um sie sich auf gewandelte Weise immer wieder einmal wiederholen zu lassen, wenn man auch über die „Romantik" lächelt, die man selbst zwischen Dynamos und Lautsprechern fachlich feststellt. Aber nun tarnen wir nach diesem unvermeidlichen Vergleich zwischen Heut und Je oben auf der Raubvogelklippe an und betraten über eine Holzbrücke den Burghof, während uns die Tochter des „Kastellans" vor- ausging. Im letzten Glanz des Abends lag der Burghof vor uns, eine vor allen Schemen der Dämmerung umwitterte Grasnarbe zwischen Burgwand und Gemäuer, Holundergebüsch und klaffenden Toren. Mitten im hohen ungemähten Gras standen bis an die Sitze darin versunken alte Holztische und Bänke, von denen man in das Tal sah, wo die Dunkelheit herankroch mit den winzigen Lichtern ferner Häuser, die in der Dämmerung zusehends verschwanden, während wir durch das schwarze, schmale Tor stiegen und eine enge Treppe hochzuklettern begannen. Wir betraten einen grauen Steingang, und durch die Bleischeiben der Fenster sahen wir noch einmal die Sonne, die, als wir den Aufstieg begannen, schon verschwunden gewesen war. Da stand sie fern im Zipfel des Tals und sah uns an wie das Auge Gottes, das uns erkannte in der beginnenden Finsternis unter den blaß hervortretenden Leuchtfeuern der Sterne. So betraten wir die uralten Stubengetjäufe, die hoch über dem abgefuntenen Bette des Tales lagen und doch tiefer versteckt schienen als die Wipfel dort unten. Ein sonderbar vertrautes Maß bestimmte diese schweigenden Räume, und verwitterte Luft in den Ecken, nie geatmet, war heimatlich wie der Ruf eines Kindes hinter dichten Büschen und wie der Schrei eines unsichtbaren Vogels im Waldgrund. Es gab keinen Laut hier: nur der Schritt unserer Füße war hörbar, das feiten verlorene Wort einer Frage, und es regte sich nur das Flackerlicht eine einsamen Kerze in einer Hand, die wie von je dazusein schien. So sahen wir Gang und Gesindestude, ©aftraum und Kellergewölbe, die schweren Stühle, den riesigen Humpen aus Holz, die Folterkammer, das Hungerverlies und am Ende die Frauenkemengte mit dem zierlichen Erker. Dort war in einem Schrank ein Teil des Nibelungenliedes von einem Mönch am Ende des sechzehnten Jahrhunderts gefunden worden. Die Nachbildung des Schrankes stand dort: der Schrank selbst war längst fort wie das Pergament, wie die Menschen und das Lachen, wie Schritt und Schmerz, und nur der Staub eines Traumes schien im Schimmer der Kerze die Winkel noch einsamer und ferner zu machen. Die Stille hielt uns den Finger leicht auf den Mund Der Staub jener Träume und Qualen, Wünsche und Verzichte aber bedeckte überall den Boden wie ein fruchtbares Erdreich, und ich sah Farne üch en*1 allen, ich sah Vogelbeerbüsche wachsen, ich roch den bitteren Geruch zerriebener Blätter über dem samtenen Moos, durch das grünschillernde Käser krochen, wo der Tau die zarten Gespinste der Spinnen versilberte und die Zauberwurzeln der Kräuter tränkte. So tief war die Stille, daß der ferne Rus der Vögel sich noch entlegener machte und gleich Tropfen in sie hineinfiel, daß der Klang leise in langen Ringen kreiste und unter dem hängenden Laub zerglitt. Dann kam die Stimme des Mädchens, das uns führte, aus der Nacht und dem Kerzenfchimmer, und der Staub lag zart und farbig über allen Dingen. Wir gingen die steilen Treppen hinunter und standen plötzlich im Burghof unter den Holunderbüschen im Gras. Die Luft strich kühl über unsere Stirnen. Mitten im hohen Gras klaffte eine mit morschem Holz eingefaßte Dcffnung. Als ich mich darüber beugte, starrte eine schwarze Leere empor. Ich leuchtete hinein, aber die Leere wollte sich nicht füllen. Es war der Brunnen der Burg. Aber als ich geduldig lange Zeit hinuntersah, schwamm dort unten ein bleicher Glanz, der Schimmer eines Sternes, der über uns im unendlichen Blau der Nacht noch nicht zu glänzen vermochte. ‘Betanttootllicb: Dr. flanä Thhriot. — Druck und Detlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Eteindruckerei. R. Lange, Gieße«.