5 n n D d 6 r it n !r IS n n ft, s, >sa in id en >n, ne 9e Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956 Freitag, -en 3. Juli Nummer 50 Oie Fahrt nach öer Ahnfrau Erzählung von Paul Fechter Copyright 1935 by Deutsche Verlags.Anstalt Stuttgart 6. Fortsetzung. Der Professor meinte, die Bibel zähle so etwas noch durchaus. Aber Ieine Frau wollte das nicht gelten lassen: erstens sei das höchstens aus >em alten Testament, und zweitens hätte sie ein Gefühl, als ob das überhaupt nicht in der Bibel, sondern im Katechismus stünde. Der Doktor, in seiner Welt befangen, überhörte die Anmerkung und stellte als praktischer Arzt die Frage, wie es für die Schwester am bequemsten sei, ihm Kunde von seiner Urahne zukommen zu lassen. Er hätte leider seine Kirchenbuchauszüge nicht bei sich, und sie trüge ja wohl auch Stammbaum und Ahnentagebücher nicht ständig mit sich herum. Sie bestätigte seine Vermutung. Der Professor schlug sofort einen zweiten Besuch des Doktor Ebener in Insterburg vor. Schwester Regina aber machte Einwände. Er wüßte doch, daß' sie schon am Dienstag sortmüsse, bis Montag seien sie hier, und es sei doch sehr fraglich, ob der Herr Doktor bis zu ihrer Rückkehr in Königsberg bleiben wollte. Es würde doch wohl auf ein beiderseitiges Schreiben hinauslaufen müssen. Als Meinungsäußerung bedeutete dies eine Enttäuschung für den Doktor; er sollte nicht nach Insterburg. Als Mitteilung erfreute es ihn; was sollte er schon in dem langweiligen Nest, wenn sie nicht da war. Seine Phantasie aber zeigte ihm eine Gemeinsamkeit der Ahnensuche, die angenehm gegen die bisherigen rein männlichen Phasen seines Unternehmens von Malletke bis Juschkat abstach, und so hatte er gegen die Vorstellung einer schriftlichen Erledigung einiges einzuwenden. Ueber diesen Erwägungen aber überhörte er nicht die halblaute Bemerkung des Professors, der nickend die Richtigkeit der schwesterlichen Einwände bestätigte: „Stimmt — Sie fahren ja nach Nidden zu Frau Endrulat. Da geht es allerdings nicht." Er ahnte nicht, daß im gleichen Augenblick dem Doktor Ebener völlig klar wurde, wie es doch ging. Er sagte nichts, aber er erhob sein Glas mit aufrichtigem Dank gegen seinen Gastgeber und stellte fest, daß es nun aber für ihn die höchste Zeit sei, nach Königsberg zurückzukehren. Der Professor widersprach mit der erforderlichen Liebenswürdigkeit; aber zugleich zog er seine Uhr und stellte seinerseits fest, daß der Gast, falls er nicht bis morgen bleiben wollte, in der Tat nicht viel Zeit zu verlieren hätte In einer Viertelstunde ginge der letzte Zug. Der Abschied des Doktor Ebener war kurz aber herzlich. Die Schwester Regina kam zuletzt an die Reihe: er sagte ihr nicht nur Lebewohl, sondern dankte ihr für die Aussicht auf eine endliche Lösung seiner Aufgabe, die sie ihm eröffnet hätte. Er würde ihr von Königsberg aus sofort die Daten schreiben und wäre ihr sehr verbunden, wenn sie feststellen könnte, ob er mit ihr verwandt sei oder nicht. Daß er dabei ihre Hand bei jedem Abschnitt seiner Rede von neuem leicht drückte, versteht sich von selbst. Ebenso aber, daß er mit keiner Silbe verriet, wie fest entschlossen er war, von Dienstag ab jeden Morgen, wenn es sein mußte, ebenfalls nach Nidden zu fahren. Sonntage auf Reisen in einer fremden Stadt sind etwas Greuliches, insonderheit, wenn es regnet. Wenn der Mensch könnte, würde er in der triften Verlassenheit solch eines Tages zwischen geschlossenen Läden, mißmutigen Menschen, Kinos mit dem Dust nasser" Mäntel und Eases und Restaurants voll von Gästen, die auch nicht wissen, was sie da wollen, zu heulen beginnen wie ein Schäferhund unter dem Vollmond. Arbeit ist gewiß nicht schön: an Regensonntagen auf Reifen begreift man, daß es Nationen' gibt, die sie beinahe heilig gesprochen haben. Der Doktor Ebener freilich begriff es nicht. Ihm war trotz des Regens und der nassen Straßen und der nassen Bäume durchaus behaglich zumute. Er hatte seinen Regenmantel angezogen und bummelte durch die mißvergnügte Stadt; er pfiff vor sich hin, manchmal summte er sogar eine Melodie, so gut fein wenig musikalisches Herz sie hergab. Er sah vor sich ein sonniges großes Wasser, und auf dem Wasser einen hübschen Dampfer, und auf dem Dampfer ein hübsches Mädchen — und er hatte festgestellt, daß nach Nidden überhaupt nur ein Dampfer morgens um neun von Cranzbeek möglich war. Es mußte also glücken. Und diese Aussicht ließ ihn mit Fassung und Gleichmut das nasse Wetter und die nasse Stadt ertragen. Er verflieg sich sogar ins Museum, kletterte im Schloß die Treppen hinaus, besah sich die alten Schränke und die alten Bilder, blickte lange aus den Fenstern über die regenglänzenden Dächer hinüber zum Pregel und zum Haff, bummelte wieder die menschenleere Langgasse hinab, aß bei Jüncke zu Mittag, freute sich, daß die Speisekarte immer noch eine Schiefertafel war, auf die die jeweils neuen Delikatessen ausgeschrieben wurden, und daß immer noch die netten, freundlichen blauen Küfer bedienten. Am Nachmittag schrieb er mit Lust und Ausdauer seine Ahnennachweise und Aufzeichnungen über Regina Katharina Müller für Regina Müller ab und sandte sie ihr mit einem sehr sorgfältig und mit viel Genuß stilisierten Bries nach Insterburg. Dann schlief er ausgiebig, ging trotzdem früh zu Bett, freute sich am Montag, daß es wieder regnete; da war die Aussicht auf Besserung am Dienstag um so größer und die Versuchung, schon einen Tag früher nach Nidden zu fahren, um dann zufällig dort bei Ankunft des Dienstagdampfers am Hafen zu stehen, um so kleiner. Am Abend saß der Doktor eine Weile im Parkhotel, das ihm für Königsberg viel zu groß vorkam, sah zu, wie die Leute zwischen den Tischen tanzten, und fragte sich, ob er wohl mit der Schwester Regina, wenn sie da wäre, auch gern tanzen würde. Er schüttelte unwillkürlich den Kopf; er empfand keinerlei Neigung dazu. Dies war ihm fremd geblieben an der neuen Welt nach dem Kriege, und es schien ihm hier doppelt so fremd, daß er bald heimging und in der Stille feines Hospizes noch einen letzten Schlaftrunk zu sich nahm. Als er sich früher als sonst, aber doch ungeweckt, am Dienstag erhob und neugierig die Vorhänge öffnete, sah er in einen grauen aber trockenen Tag. Die Bäume wehten in leichtem Wind, der Himmel zeigte helle Streifen; es bestand die Möglichkeit, daß das Wetter sich besserte. Und wenn, nicht — auf dem Dampfer gab es ja Kajüten: da war es auch gleichgültig. Der Zug war nicht eben voll, und die meisten fuhren nach Cranz. Der Dampfer lag klein und unansehnlich in der grünen, regenfrifdjen Landschaft: fein Qualm wurde vom Winde rasch zerteilt und zum Wald hinübergeweht; über die sumpfige Wiese daneben wanderte langsam, gravitätisch nickend, ein Storch. Der Doktor ging mit den andern Fahrgästen in jenem beschleunigten Tempo zum Dampfer, das die Vorstellung von ersehnten und gerade eben von andern besetzten Plätzen in Reisenden und Ausflüglern automatisch zu erzeugen pflegt. Er suchte unter den Mitwandemden eine ersehnte Gestalt — aber vergeblich. Wahrscheinlich war sie bereits auf dem Schiff. Er löste seine Karte, kletterte auf den kleienen Dampfer, der ziemlich hoch aus dem breiten, flußähnlichen Wasser aufragte, in dem er lag; er wanderte nach vorne, wanderte nach hinten, stieg hinaus, stieg hinab und sand niemanden. Die besten Plätze auf dem kleinen Oberdeck dicht beim Kapitän waren längst vergeben; der Doktor Ebener zog ruhelos durch die Gänge, kontrollierte die Ankommenden — mit negativem Ergebnis. Das Herz feiner Hoffnung sank in Regionen, in denen es schon beinahe nicht mehr tiefer fallen konnte. Der Dampfer sandte, nach mehreren vergeblichen Ansätzen, einen mißtönenden Schrei in den grauen Morgen: er kündete auch der Ferne seine bevorstehende Abfahrt an. Dem Doktor Ebener schnitt der Ton in die Seele: er sah dem Schicksal, dem er seit Rauschen blind vertraut hatte, auf einmal in die höhnisch unbarmherzigen Augen. Ein Klingelzeichen — allerhand verdächtige Hantierungen der Mannschaft am Ausgang und an den zum Schutz der Schönheit des Dampfers ausgehängten Holzrollen und Prellballen. Der Doktor atmete tief und resignierte. Er mußte eben wieder mit der Natur vorliebnehmen und für die fröhliche Hoffnung feiner Regentage büßen. Er stieg auf das Oberdeck, fand nicht weit vom Schornstein einen Platz und starrte, sich innerlich gegen die andern Fahrgäste und ihren vergnügten Dialekt verbittert isolierend, in das leicht blendende Licht über der Landschaft, die ihm jetzt viel grauer und farbloser vorkam als beim Aufstehen am Morgen die Stadt unter seinem Fenster. Aus der Tiefe kam das Stampfen der Maschine und das Rauschen des Wassers: der Dampfer hatte losgemacht und glitt langsam durch flaches, grünes Land, das bald dunkler Wald begrenzte, auf viel gekrümmten Wegen dahin. Einsame, niedrige Häuser am Ufer, Rohr, lange Netze, die zum Trocknen aufgehängt waren neben schmalen Kornfeldstreifen: das Leben ging langsam vom Land zum Wasser über. Der Doktor notierte alles teilnahmlos, menschenfeindlich in feinen Mantel und seine Einsamkeit gehüllt — bis er auf einmal alle Menschenfeindlichkeit vergaß und mit stierem Blick ein junges Mädchen in grauem Mantel anstarrte, das langsam und unbefangen, in der beschatteten Stirn zwei leicht angebeutete Falten, die Treppe zum Oberdeck hinaufgestiegen kam. Es war kein Zweifel: während er hier saß und mit Gott und der Welt zerfallen grollte, war das Ziel seiner Sehnsucht unbemerkt doch auf das Schiff gestiegen und war jetzt ebenso erstaunt beim Anblick de- Doktor Ebener wie der bei dem ihrigen. „Wie anders das hier ist als das Frische Haff", sagte der Doktor, hinüberstarrend in die einsame Welt des Sandes. Die Schwester Regina bekannte, nie über das andere Haff gesayren zu (ein. Georg Ebener aber erzählte, daß ihm das Frische Haff am Fuß der Berge zwischen Höhe und Nehrung viel freundlicher, südlicher erschienen sei, auch in den Farben. Hier gäb's als Halt eigentlich nur die Nehrung; vom Land drüben sähe man nichts" mehr, und die Neh- rung sei Sand, Sand und wieder Sand. Das Bild der Landschaft, auf das sie blickten, gab ihm recht. Das Haff lag dunkel, leicht bewegt im Morgenwind, über den feucht-blauen Himmel glitten da und dort noch leichte Wolkenfetzen — der schmale Landstreis der Nehrung leuchtete in seinen ungewohnten Farbtonen, Wasser und Himmel strenge scheidend, eine Welt für sich, die das Auge nicht fassen und in die gewohnten Bilder der Landschaft einfügen konnte. Der Doktor fragte, wie hoch wohl die Dünen wären. Die Schwester konnte es nicht sagen. Die Hohe Düne bei Nidden [ei, soviel sie wüßte, etwa hundert Meter hoch. Von diesen hier wüßten sie nicht. Er nickte; das wäre so merkwürdig auch an den Nordseedünen, etwa bei Hartem, daß sie eigentlich ganz niedrig wären, und wenn man drin stünde, hätte man ein Gefühl beinahe wie im Hochgebirge. Möwen flogen über dem Schiff. Weiße und dunkle, mit ihrem schwebenden, plötzlich falle -den Flug und der seltsam sischähnlichen Form ihrer kurzen Körper. Drüben am Geländer des Oberdecks hatte sich eine Reihe junger Mädchen links und rechts neben einem etwas gesetzten Herrn aufgebaut. Sie hatten alle Operngläser in den Händen und verfolgten hingegeben mit emporgebogenen Häuptern den Flug der schwebenden Vögel „Ein Lachmöwenweibchen, Herr Professor", rief mit hoher Stimme die eine; daneben flöge gerade ein älteres Exemplar van — versicherte unter Gebrauch eines unverständlichen lateinischen Namens mit tiefer Stimme eine zweite. Eine dritte faßte im Eifer des Gefechts den Professor unter und wies, mit dem Zeißglas fuchtelnd, eifrig redend immer wieder in das dichte, weiße Segel hinein, das, lautlos gleitend,, gelassenem Wogen und nur dann und wann einem kurzen Flügelschlag den Weg des Dampfers geleitete. Der Professor nickte und sagte gar nichts: er hatte offenbar schon viele Möwen aller Sorten und ebensoviele junge Mädchen im Eifer ihres Jungseins erlebt. m „ .Die fahren nach Rossitten", sagte die Schwester, „zur Vogelwarte. Der Doktor entsann sich dunkel, von dieser Einrichtung gehört zu haben, und fragte, ob das ein großes Institut fei. Sie lachte: „I wo — das ist nur das Haus, wo Thienemann wohnte. Der hat doch alles da selber eingerichtet. Da sind ein paar Käfige mit Vögeln und eine Sammlung von ausgestopften Möwen und Krähen und Kormoranen, und draußen vor der Tür sitzt ein Adler an der Kette. Den photographieren sie alle, und er setzt sich schon immer artig hm, wenn sie kommen, und macht das gewünschte majestätische Gesicht. Was soll da groß [ein?" , , r. Dann aber wurde sie ernst: groß sei die Gegend und der Herbst, wenn die Vögel ziehen — das müsse er einmal erleben: oder noch besser im Frühjahr, wenn sie zurückkommen. „Jede Nacht geht's über die Nehrung hin und am Tag auch, und dann hört man trotz des Windes immer das Rauschen und das Rufen da oben — stundenlang. Manchmal im Dunkeln, da hört man sie bloß: aber wenn Vollmond ist, steht man sie auch vorüberziehen, und manchmal schreien ganz hoch oben die Wildgänse. Dann weiß man, daß Frühling ist, wenn auch nach Schnee liegt und Eis an der See —" , r , Ihre Augen gingen weit über die weißdeblusten Rucken der iungen Mädchen an den Möwen vorüber in die Ferne, wo goldig gelb und kalt die Nehrung dahinglitt. „So was gibt es nur hier", setzte sie nach einem Weilchen hinzu; „der Thienemann weih, warum er nicht weggeht. Da vorne ist schon Rossitten." Ein dunkler Fleck unterbrach weit voraus die Helle Kette der Dunen; dahinter aber begann wieder der schmale, leuchtende Streif und glitt im hellen Licht des Vormittags weiter und weiter in die Ferne, bis er in der Tiefe des Raums mit Wasser und Himmel und dem Blenden des Lichts in eins verschwebte. Der Doktor Georg Ebener war in einer wunderlichen Verfassung. Er saß, im Rücken behaglich von der Sonne gewärmt, auf dem Dampfer .Eranz"; vor ihm standen, wenn sie ihm auch den Rücken drehten, ebenso gelehrte wie offenbar hübsche Mädchen, die sich begeistert für Möwen interessierten. Drüben zog fern besonnt die Kurische Nehrung dahin; um ihn rauschte milder Wind und das weite, kühle Wasser des Haffs, und neben ihm faß im hellen Sommerkleid — den MantA hatte sie längst abgelegt — das Mädchen, hinter dem her er eigentlich diese ganze Fahrt durch den Osten unternommen und die er hier zum erstenmal richtig erreicht hatte. Die tote Regina Katharina war ja wohl auch wichtig — gewiß; aber viel wichtiger war es doch, hier neben der lebendigen Regina zu sitzen, aus wachsendem Gefühl heraus Träume in die Zukunft zu spinnen und leise und vorsichtig an den Brucken zu bauen, die, tragsähiger als die schon halb sagenhafte Verbindung ans dem Blut, über die weiten Gewässer des Lebens hinweg zum andern hinüberführen konnten m Bei dem Bild von den Gewässern kam dem Doktor zum Bewußtsein, daß er noch nie so viel auf Schiffen gefahren war wie in den letzten Tagen. Von Swinemünde nach Danzig, nach Königsberg, letzt nach Nidden: es war, als ob hier die ganze Welt aus dem Master lebte. Seine Nachbarin stimmte zu, das wäre ja eben das Wunderbare am Osten, daß überall Wasser, Strom, Seen ober See wäre. Er wäre ja nur sozusagen an der Küste entlanggefahren: er könnte dasselbe bnnnen im Land auf den Seen und Flüssen und Kanälen erleben. Der Doktor nickte und fragte, ob sie Masuren kenne. Sie wchke: gewiß, sie [ei oft bagemefen, in Lötzen und Angerburg und auf ben I Seen. Aber viel schöner sei das Oberland, viel offener, freier. Buchen, nicht bloß Tannen. Da müsse er hin. 1 (Fortsetzung folgt.) Dieses offenkundige Erstaunen des Doktors aber hatte fein Gutes; i die Schwester Regina muhte über [ein entsetztes Gesicht lachen; so kam sie gar nicht auf die Idee, daß der Mann da, der sie fanungslos über ihr plötzliches Austauchen begrüßte, am Ende ihretwegen diese Fahrt nach Nidden machte. Sie war völlig unbefangen, schüttelte ihm lachend die Hand, rief ihm selbst wieder die Tatsache ins Gedächtnis, daß sie doch erzählt hätte, sie würde am Dienstag beruflich nach Nidden fahren, und setzte sich dann wie [elbstverständsich zu ihm, obwohl eine ganze Reihe schräger Blicke von den Ecktischen geflogen kamen. Der Doktor hatte da- Gefühl, als müsse er sich vor dem Schicksal schämen. Ungeduldig, töricht, undankbar kam er sich vor und zugleich wie ein plötzlich beschenkter Junge, wie er hier so neben ihr [aß: ihr helles Prosil stand hell bald gegen bas Wasser, und ihre Stimme klang ruhig und klar durch das Wehen des Windes, der von der Seeseite kam und einen Dust von Wasser und Wiesen und getrocknetem Schilf mit sich brachte. _ , ... Georg Ebener war heilfroh, daß sie ihn nicht beim Suchen getroffen hatte; erst jetzt, da das Schicksal wieder einmal gnädig richtig gemacht, was er falsch angefangen hatte, sah er, was für ein knabenhafter Anfänger er noch ober wieder war. Eine Last glitt von ihm: jetzt war sie zu ihm als dem Ahnungslosen gekommen; alles war richtig, und vor ihm lag ein Dag so lang, eine Fahrt so ohne Ende, wie er sich's noch gar nicht ausgemalt hatte. Auf die Landschaft hatte er in feines Herzens Erlösung gar nicht mehr geachtet, so bah er überrascht aufsah, als auf einmal sein Blick statt auf grünes Schilf und Wiesenland und Bäume, die nah vorüberglitten, auf eine plötzlich sich groß und hell ausweitende Wassersläche traf, die blendend unter dem lichtgrauen Wolkenhimmel lag. Die Beek war zu Ende, das Kurische Haff erreicht, und der Doktor Ebener hatte eigentlich immer nur ein Prosil und eine Stirn mit zwei leichten Falten über der Nase gesehen. Schließlich, um nicht immer nur zuzuhoren und zu betrachten, fragte er, was sie denn in Nidden zu tun habe. Sie berichtete, daß sie eine junge Frau, eben Frau Endrulat, aussuchen und sich nach ihrem Ergehen erkundigen müsse. Die wäre letzte Woche nach einer sehr komplizierten und schweren Entbindung aus der Klinik entlassen worden, eine sehr nette Frau mit drei kleinen Kindern, und da der Professor auch viel Anteil an ihr genommen hätte, so hätte er ihr aufgetragen, einmal hinzufahren und nach ihr zu sehen, eventuell auch festzustellen, ob noch etwas geschehen müsse. Davor hätte sie sogar ein bißchen Angst; denn wenn sie in der Klinik auch allerhand mitgemacht und gelernt hätte: ein Arzt sei sie eben doch nicht. Der Doktor warf rasch und unbemerkt dem Schicksal einen Dankblick zu und schämte sich noch mehr feines anfänglichen Unglaubens. Er lächelte beglückt: dem könne leicht abgeholfen werden. Er wolle mit Vergnügen die Geleaenheit ergreifen, seinen Dank für ihre Hilfe bei der Urgroßmutter auf diese Weise wenigstens etwas abftatten zu können. Das Stichwort Urgroßmutter gab dem Gespräch eine andere Wendung. Die Schwester Regina hatte den Brief des Doktors in Insterburg vorgefunden; sie hatte in aller Geschwindigkeit in ihren Aufzeichnungen nachgesehen — und die Daten stimmten in der Tat überein. Regina Katharina Müller, die Urgroßmutter des Doktor Ebener, war danach in der Tat die jüngste Schwester des Ururgroßvaters von Regina Muller, Nur einen Haken hätte die Sache: Regina Katharina Müller, die Ururgroßtante, könnte eigentlich nicht aus Insterburg stammen, sondern, wie ihre Geschwister, nur aus Neidenburg; von Regina Katharina Müller aber hieße es doch ausdrücklich im Kirchenbuch „aus Insterburg". Blendendes Licht glitt unvermutet über die beiden hin: die Sonne brach zum erstenmal durch die Wolken. Leuchtend zog der Lichtstreif über das graue Haff weiter, das, leicht vom Wind bewegt, dem Dampfer nur eine sanft wiegende Bewegung mitgab. Der Doktor sah die Schwester nachdenklich an: da sei allerdings schwer ein Reim daraus zu finden. Sie aber neigte den Kopf: vielleicht ginge es doch. Sie hätte ja keine Zeit gehabt nachzulesen; aber wenn sie sich recht erinnere, stünde in dem Tagebuch, von dem sie schon erzählt hätte, daß die Tante Regina — eben jene Regina Katharina Müller — doch etwas mit Insterburg zu tun gehabt hätte. Das müsse sie aber erst feststellen — da müsse er noch Geduld haben. Der Doktor Ebener war jetzt zu jeder Geduld bereit, vorausgesetzt, daß die Schwester Regina ihm beim Warten hals. Er war wieder völlig mit der Welt und dem Schicksal zufrieden und empfand es als durchaus richtig, daß der steigende Tag mit überraschender Schnelle das Wetter- grau des Morgens löste und über dem endlosen Wasser einen immer höheren Himmel und immer strahlenderes blaues Licht aufwachsen ließ. Zur Linken tag noch waldgrün die Nehrung aus Gartau zu; aber weiter voraus leuchteten schon hellgoldig-unwirklich die ersten Dünen herüber. Nach Süden zu verschwebten Wasser, Luft und der kaum faßbare Landstreifen der Niederung in eines; man ahnte kaum die Grenzen und bekam im Fahren ein Gefühl unsicheren Schwebens in einer gelösten Welt ohne Ende und Anfang. Der Runde älterer Damen, die bisher den Ecktisch drüben aus der Landseite innegehabt hatte, wurde es zu sonnig; sie erhob sich und taumle in schwarzem, rundlichem Zug Das Feld. Der Doktor sah die Schwester, die Schwester den Doktor an: sie erhoben sich stumm, schritten hinüber und saßen nun mit dem Rücken gegen das Licht frei im Fahrtwind, ungeblendet, und hatten vor sich das Haff und die Nehrung, die langsam immer mehr das gewohnte Landbild von sich abtat und fremd, unwirklich, eine ungewohnte, unfaßbare Welt abseits vom Lebendigen wurde. Eine helle, gelbliche, farblose Wand stand da drüben schmal über dem Wasser; an ihrem Fuß da und dort ein kleiner, kurzer Streifen Dunkel, Vegetationsreste, wie es schien — über sich unvermittelt, scharf und linear aufsetzend, den lichtblauen Seehimmel. Die Schatten der letzten Wolken glitten zuweilen eilig über die Sandwelt; dann wurde die Wand plötzlich bläulich-grau, nahm Formen an, bekam Plastik und Raum — um gleich darauf wieder weißlich-goldige Wand, Grenz- maU des Lebens, Mauer zwischen zwei einander fremden Wassern tot ind teilnahmslos auszuleuchten. Retterglück. Don Dorothea Hollatz. Wenn über den Sand der Dünen der Morgen geht. Und wenn der Wind über die slachen Wellen weht. Wenn über blauen Hügeln die Sonne leuchtet Und mir der Tau der Frühe die Wimpern feuchtet: Dann, liebster Freund, laß deine Hufe traben, Laß uns die schönste aller Stunden haben. Und wenn der Mittag steil und zitternd glüht Und neben Mohn und Raps die Ackerwinde blüht, Wenn brauner Weizen sich der Sichel neigt, Aus keifem Korn der Duft des Brotes steigt: Dann, guter Weggeselle, geh im Schritt, Denn deine Flanke bebt vom schnellen Ritt. Und wenn der steigende Abend den Tag umschlingt, Mit schüchternen Lippen vom Kupfer der Sonne trinkt, Wenn über das fröstelnde Meer die Blinkfeuer gehn, Und es ist nichts als Master und Himmel und Sterne zu sehen: Dann hatten wir des Tages Seligkeiten, Mein Kamerad, laß uns nach Hause reiten! Logbuch einer kleinen Seefahrt. Von I. Tripp. Kieler Hafen. Spät abends hat es doch noch geklappt. Wir waren dabei, alles auszugeben. Auch der Kapitän, Heide Lütjebusch heißt er übrigens, hat erst nicht so recht gewollt, aber er ist ein seiner Kerl, voller Stolz auf fernen alten klapprigen Frachtkutter, und schließlich hat er doch noch eingewilligt. Wir sind mit ihm die Leiter hoch an Bord gestiegen, als waren wir uralte Seebären. Das hat dem „Kapsel" dann auch mächtig Spatz gemacht. , ... . .... An Bord kurze Begrüßung nach Seemannsart, Hande mit harten Kanten umpressen die unseren, ein paar rasche scharse Bücke: wir sind willkommen. Man haut uns auf die Schulter, schiebt uns Weißbrot, Speck und Butter zu: wir sollen man nur ordentlich reinhauen. — Später werfen wir uns zu ihnen zwischen Ankertrosse und teerigem Tauwerk und brummen zufrieden eine Melodie. Das Meer liegt wie ein großer, dunkelblauer Teller vor uns. Von den Wersten drüben schlagen öfter rote und grüne Scheine darüber hin. Und rechts neben uns stampfen zwei dunkle Fischdampfer meereinwärts, gleichsam auf ihrem eigenen Widerschein rollend. Schwärzer als di« Nacht selbst liegen die großen, gespensterhaften Kolosse der ankernden Dampfer neben uns. Irgendwo in der Stadt fangen die Uhren an zu schlagen. Els Uhr. Ein junger Kerl, zwanzigjährig etwa, der auf dem Kombusendach gelegen hat, sitzt mit einemmal als Silhouette am Rande des Korn- büsenaufbaus, läßt die Beine herunterbaumeln und hat eine Ziehharmonika im Arm. Einige Triller und Läufe quirlen auf. Dann ein paar tiefe Bässe. Alles fein ineinanderfließend. Einer, der neben uns liegt, schimpft leise: „Speel'n beten wat anners, Sööt, (uns könn de Jungs yüt naht ni schlapen von dinem Gedudel!" Sööt, der Junge mit der Ziehharmonika, schiebt feine blaue Schiffermütze ins Genick, daß eine Haarsträhne ihm in die Stirne fällt und meint: „Holl bin Muhl, ick qlöro, bat ick noch (peelen kann, wat ich will!" Er sieht etwas versonnen übers Meer. Und spielt. Erst leise, schwer, schleppend, bann bur, jauch- zenb, himmelhochjauchzend, es ist eine uralte Seemannsweste. Diese Melodie wird zu einer schwebenden Trilogie von Erde, Meer und Himmel. fiurs Insel Fehmarn. Schlag sechs will die „Antje Boß" in See stechen. Der Kapsel erscheint unten und brüllt unheimlich laut: „Reise, reise! Alle Hands an Deck!" Wir jumpen aus den Kojen und flitzen in die Klamotten. In der Kombüse warten speckbelegte „Stöber" unb heißer Kaffee auf uns. Die Sonne ist schon längst am Horizont heraufgeglitscht, aber Kiel unb bie Färbe liegen noch wie unter einer Milchglasglocke ba. Möwen schießen schreiend über Deck, umfetzen die Maste, als feien sie von den Tauen losgelöste Signalwimpel. Heide Lütjebusch, der „Kapsel", wie man ihn nennt, erscheint mit zerzaustem Schnurrbart zwischen zwei Schiebetüren. Er meint: „’n klinna Droppen am Moin is’ beter, as n garsten Dag goinir". Dabei zieht er — seine Gestalt füllt die ganze Tür aus lächelnd einen „Buddel" aus seiner Hosentasche. Dann wird der Anker gehievt, der „Käpsel" schnuppert dabei nach Lee und Luv und knurrt: „Ich glöo, wi trinn Regen!" Die Wellen bumsen mit Gebuller an die Bordseite, grau und grün schäumen sie unb machen keinen so freundlichen Eindruck wie gestern. Der Kutter beginnt zu stampfen. Als wir aus dem Landschutz heraus sind, kommt ein feuchter, böiger Wind von vorn herauf, daß der Kutter anfängt zu schlingern. Wenn wir über Deck schlenkern, torkeln wir gegen die Reeling. Und dann fangen wir an, unter den unheimlichsten Worten und Gebärden, dem „allgütigen großen Neptun" unsere Opfer dar- zubringen. Helsingör — Auf Rückfahrt. Wir liegen im hohen Gras der Kronburg bei Helsingör und lassen uns bie Sonne in den Bauch scheinen. Tage auf fchwebischen Straßen, Autos unb Seen liegen hinter uns. lieber ben engen Derefunb krabbeln kleine Fischkutter, bauchige Kohlendampfer unb schmale Segler hin und her. Beim Schlendern durch ben Hafen entdecken wir mit einem Male brei blanke beutsche Torpeboboote am Kai. Wir stehen auf einer Mauer unb tauschen Ruf und Gegenruf mit der Mannschaft. Ein Offizier kommt über die Laufplanke zu uns. Wir reden ein bißchen. Er meint, wenn mir Lust unb Zeit hätten, konnten wir mit nach Kiel fahren. Na, und ob wir Lust haben! Wir sagen natürlich sofort: „Ja". Wir setzen uns an Bord auf eine kleine Holzbank und kauen an dem guten, groben, deut» chen Kommißbrot mit dickem Honig. Und bann steigen wir eine volle Stunde durch das Schiff. In einer Stunde ist alles klar zur Abfahrt. Wir ftiebeln durch die Mannschasts- ' ~ ..... ‘ ' in den Heizraum. Die Hitze Bunkern stehen geduckt die überblinkt. . Wir liegen auf dem Bauch am Bug und beobachten, wie unser Schiff aus der See dichten Schaum schlitzt. Dann gleiten Land und Schiffe weitab und Meer und Himmel verwachsen miteinander. Nur ein verlorener Segler trödelt gemächlich über den Horizont, bann sehen wir nur noch Meer und Himmel. Wir gehen zu dem Kapitänleutnant auf die Kommandobrücke, er reißt gerade an einem Hebel, baß sofort eine Sirene bie gläserne Stille zerschlägt, unb wirft in hohem Boben eine Boje über Bord. Die Matrosen, bie sich in bie Mannschaftsräume zurückgezogen haben, stürzen aus Luken unb Türen. Die Maschine stoppt. Pfeifen schrillen über Deck, Taue fliegen, Enterhaken stechen über das Geländer. Die Schiffsschraube schlägt rückwärts. Ein Boot drängt sich an die Boje heran, die behustam, als wäre sie ein Mensch, an Bord geholt wird. „Mann über Bord!" lacht der Kapitänleutnant und sagt bann hart: „Wir brauchen das. Wieviel schon sraß uns die See?" Eine Flagge, die auf den Sirenenruf gehißt wurde, wird eingeholt. Kurs Kiel, letzter Tag. Wir sitzen an Deck auf den harten Bänken zwischen den Matrosen. Eine Ziehharmonika dudelt und bei Tabaksqualm und Kuchen spinnt man hartes Seemannsgarn. Sie zeigen uns ihre Utensilienkisten mit Reifeandenken und Münzensammlungen. Wir fingen ein bißchen und sind rechtschaffen müde; denn es hat heute „Rein Deck" gegeben, und wir haben mit Schrubbern, Bürsten, Lappen unb vielen Eimern Wassern geholfen. Heute abend sind wir nach rund 40 Stunden Torpedoboot- fahrt wieder in Kiel. * Das find brei Seiten aus dem dicken Logbuch. Es macht eigentlich keinen besonderen Eindruck mehr, das Logbuch: die beiden weißen roh- leinenen Deckel sind abgegriffen vom vielen Lesen unb die Bastkordel, mit deren Hilfe viele doppelseitige Blätter mit Photos und Zeichnungen darein geheftet sind, ist zerfetzt und mehrfach verknotet. Aber es ist immer wie eine kleine, heimliche Feierstunde, wenn wir im Heim sitzen und darin blättern, derweil die Kameraden aus großer Fahrt sind. Seit wann gibt es Landkarten? Bon A. T u r a t. Karten entstehen aus Vermessungsaufnahmen, Deren Vorbedingung eine verläßliche Kenntnis unserer Erdausmaße ist. Die erste brauchbare Erdmessung machte im dritten Jahrhundert v. Ehr. der athenische Gelehrte E r a t h o st h e n e s , der unter dem Aegypterkomg Ptolemaus Gnergetes Vorstand der großen Bibliothek von Alexandrien war. Durch Vergleich der gleichzeitigen Sonnenschattenlängen in Alexandrien und im oberägyptischen Syene berechnete er den Erdumfang auf eine Viertel Million Stadien, was nur mit zehn Prozenten von unfern modernsten Ermittlungen abwich. Daraufhin erfolgte in Aegypten bie erste Landesvermessung zwecks Feststellung des anbaufähigen Nilgebietes. Das war bie Geburt der Kartenmacherkunst. . Das erste große Kartenwerk schufen die Römer mit einer Aufnahme aller Meeresstraßen ihres Weltreichs. Sie brauchten dafür fünfzehn Kartentafeln, die im fünfzehnten Jahrhundert in den Besitz des Nürnberger Bürgers P e u t i n g e r gelangten unb nach ihm benannt wurden. Die Römer erfanben auch bas Vorbilb unserer Generalstabskarten mit Darstellungen ber Militärstraßen in ben eroberten Provinzen Ihre Kartenbilder waren aber ebenso verzerrt wie die Mappae Mundi (Weltkarten) des Mittelalters, deren Irrtümer auf den Globus übergingen, ben Martin Behaim, ber Westafrikafahrer und Geograph, in Nürnberg herstellte. . . „. Der große Reformator ber Kartenmacherkunst war ber Deutsche Geicharb Kremer, ber nach bamaliqer Gelehrtenart seinen Namen mit Mercator (Kaufmann) ins Lateinische übersetzte. In ber Mitte des sechzehnten Jahrhunderts gab er ben ersten Weltatlas heraus^ ben er selbst in Kupfer stach. Außerbem war er ber Erfinder ber Mercator- Projektion, auf ber noch immer alle Seekarten beruhen. Gute Karten würben auch von portugiesischen unb italienischen Kartenmachern geliefert. Bebeutung erlangten bann burch ihre Atlanten ber Belgier D r t e l i u s unb ber Nürnberger Homann , mit bem zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts die letzten allzu groben Irrtümer aus den Atlanten verschwanden. Alle diese Kartenwerke beruhten aus astronomischen Ortsbestimmungen, indem man die Lage und Entfernung der Erdpunkte durch Beobachtung von Gestirnhöhen ermittelte, roie es noch heute zur Bestimmung des Schifssortes auf hoher See geschieht. Die modernen Kartenwerke werden dagegen nur durch topographische Ortsbestimmungen hergestellt, indem man Lage und Entfernungen der Erdpunkte durch direkte Messung auf ber Erboberfläche bestimmt. Der Begründer dieser Methode war ber italienische Astronom G a f (i n t, ber nach Frankreich berufen würbe, um zu Gnbe bes achtzehnten Jahrhunderts mit der ersten Großtriangulierung zu beginnen. Sem Werk >e ist alles klar zur Abfahrt. Wir (tu räume, durch Treppenschächte und gelangen Darin verschlägt uns ben Atem. Vor den ...... , , Heizer, mit schnellen Bewegungen und kurzen, sachlichen Worten. Der grelle Schein, der aus den geöffneten Bunkern schlägt, blendet uns jedesmal die Augen. Durch einen Gang gelangen wir in den Maschinenraum. Da sind Gräben aus Eisen, auf deren Grund sich stählerne Wellen befinden, lieber Kreisscheiben springen bie Zeiger, Die Den Dampfdruck anfagen. Der Offizier hat Dienst. Er verabschiedet sich von uns, unb wir liebeln weiter. Oben steht bie Mannschaft an Deck. Die Taue werden eingezogen, die Maschinen stampfen, wir läsen uns vom Kai, wo die Menschen stehen unb winken und mit erhobenem Arm grüßen. Der Offizier salutiert. Die Mannschast grüßt ebenfalls. Bald laufen wir in gleicher Hohe der Kronburg, die aus einer farbigen Dunstkulisse her- wurde erst nach mehr als hundert Jahren abgeschlossen, bis die Landesausnahme von ganz Frankreich beendet war Als zur Napoleonzeit große Armeen in ganz Europa kreuz und quer marschierten, drängte der ausfällige strategische Vorteil guter Landkarten zu einem starken Interesse an der Kartenmacherkunst. Deutschland übernahm da die Führung durch Begründung einer weltumfassenden Kartographie, die von großen Verlagshäusern in Gotha, Leipzig, Glogau, Wien und Berlin zur Blüte gebracht wurde. Mit Ausnahme ganz geringer Flecke (namentlich im Innern Südamerikas) ist heute die ganze Erdoberfläche erforscht. Die Ergebnisse sind aus Karten verzeichnet, die unserm sachlichen Geschmack entsprechend auf all das schmückende Beiwerk verzichten, das noch vor hundert Jahren aus den Karten mehr geschätzt wurde als die bloße nüchterne Genauigkeit. Die phantastische Ausschmückung der früheren Karten hatte ihre Ursache hauptsächlich in der gleichzeitigen Entwicklung des Holzschnitts und Kupferstichs. Jeder Kartenmacher war sein eigner Holzschneider oder Kupferstecher und fühlte sich daher zum Zeigen seiner graphischen Kunstfertigkeit gedrängt. Als Glanzstück dieser Kunst gilt der sog. Bologneser Atlas, der aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammt. Als Kartenwerk durch feine groben Irrtümer nahezu wertlos, wurde er künstlerisch in seiner Art niemals übertroffen. Er besteht aus Kupferstichen aus farbig handbemalten Einzelblättern, auf denen Länder, Bezirke und Städte bunt voneinander abgehoben find. Die Städte find durch Mauern plastisch bemerkbar gemacht. Menschen schauen von ihren Türmen und Zinnen und durchschreiten ihre Tore. Durch die Wälder jagt Wild. Auf den Meeren, Seen und Flüssen schwimmen Fahrzeuge herum. In allen Gewässern sind allerhand Fische zu sehen. Bei der eigentlichen Kartendarstellung wuchert die üppigste Phantasie, weil man damals nur die Randländer des Mittelmeeres einigermaßen genau kannte. Schon Vorderasten war ein unbekanntes Land, aber immerhin einigermaßen durch die Kriegszüge Alexanders des Großen erschlossen. Was jenseits lag, war nur das Ergebnis persönlicher Vorstellungskraft. Der sagenhafte Erdteil Atlantis mit halb tierischen halb menschlichen Lebewesen, die man dem Sagenkreis des Altertums entlehnte, spukte in allen Köpfen herum. So trat an die Stelle des Wissens die Einbildungskraft des Kartenmachers, der alle feine Einfälle auf die Kartenränder zeichnete. Der moderne Kartenmacher gewinnt feine Anhaltspunkte durch die Triangulierung, jene Dreiecksmessung, bei der man eine Dreieckseite tatsächlich auf der Erdoberfläche mit der Meßlatte abmißt und dann die beiden anderen Dreieckseiten dadurch erhält, daß man von den beiden Endpunkten der gemessenen Dreieckseite die Winkel zum Scheitelpunkt des Dreiecks durch die Kippregel feststellt. Die Kippregel heißt auch Theodolit und besteht im Wesentlichen aus einem Sehrohr, durch dessen Drehung man den gewünschten Winkel mißt. Die normale Länge der Dreieckseiten beträgt durchschnittlich vierzig Meter. Dreieck um Dreieck wird nebeneinander ausgenommen und im Meßblatt eingezeichnet, wodurch sich allmählich die Landkarte zusammensetzt. Da jedoch beim bloßen Aneinanderreihen der eingezeichneten Dreiecke Fehler sich einschleichen müssen, nimmt man von Zeit zu Zeit wieder ein Dreieck durch Neumessung auf der Erdoberfläche auf. Dadurch entstehen die sogenannten Triangulierungspunkte, die ganz genau nach geographischer Länge und Breite sowie nach ihrer Höhe über dem Meeresspiegel festgelegt sind. Zur Erleichterung der nachfolgenden Landesaufnahmen werden diese Punkte durch rundum sichtbare Stein- ober Eisenwerk-Pyramiden in oft mehrfacher Manneshöhe kenntlich gemacht. Deutschland besitzt rund zweihunderttausend solcher Triangulierungspunkte, Signale genannt, durch die auch die Arbeit der Geologen und Landvermesser erleichtert wird, die nicht als Kartenmacher, sondern für Kataster (Grundstücksaufnahmen) Straßen- und Bahnbau, wissenschaftliche Forschungen usw. tätig sind. Oer Dichter Hermann Eris Buffe. Von Hanns Arens. Hermann Stehr war einer der ersten, der das erzählerische Talent in Hermann Eris Busse erkannte. Busse begann mit Gedichten und kleineren Erzählungen, die gesammelt unter dem Titel „Opfer der Siebe" in Buchform erschienen. Wir dürfen sie heute nur noch entwicklungsgeschichtlich betrachten und bewerten. Sie verraten, wie zumeist alle Ansänge junger Dichter, zu stark noch das Suchen und Tasten nach der Form. Aber schon fein Roman „P eter Brunnfant“ (1927) läßt aushorchen. Hermann Stehr gab diesem Buch ein Geleitwort mit auf den Weg, das wir hier wiedergeben: „Der Held ist der Grüne Heinrich der Nachkriegszeit, trotzdem nichts des Greuelvollen und Finsteren der Schlachtenjahre hineinklingt. Ja, obwohl das wehmutsvoll- selige und tragische Ringen zweier Menschen umeinander und um sich in den Gassen, Kirchen und Plätzen der Breisgauer Münsterstadt, den Tälern und Bergen des Schwarzwaldes, am Rhein und an den Gestaden des traumgesegneten Bodensees sich abspielt, so greifbar deutlich, daß man die Glocken klingen, den Wald rauschen hört, daß sich die Wege und Irrwege vor uns sichtbar dehnen und verschlingen, Dörfer und Städte in der Sonne des heiteren Landes auffteigen: Wenn man mit der ßefung des Buches am Ende ist, so hat sich doch alles in Avalun ereignet, auf einer selig-unselig verhangenen Insel im Weltall, wo zwei Menschen mit berauschten, doch zitternden Herzen um. ein Glück ringen, das größer ist als sie selbst". Nach diesem Buch folgen „Tulipan und die Frauen" (1927), ein zarter Liebesroman, an Hermann Hesse erinnernd, und „Die kleine Frau Welt" (1928), bei dem man stellenweise an Eichen- dorsss unvergänglichen „Taugenichts" denken muß. Doch alle diese drei Bücher) so sichtbar sie sich schon aus der Masse der nur unterhaltenden Romane heraushoben, waren nur Vorstufen zu feiner großen Schwarzwald-Trilogie (1929'30), die ihm die Beachtung weitester Kreise erschloß. Die drei Bücher dieses großen Epos („Das schlafende Feuer", „Marcus und Sixta" und „Der letzte Bauer") erschienen in einei neuen Volksausgabe (wie alle Romane beim Paul-List-Verlag, Leipzig) unter dem neuen Titel „Bauernabel“ Dieses mächtige Romanwerk zeigt uns Busse als den berufenen Sprecher feiner alemannischen Heimat, als den Gestalter seiner Schwarzwaldmenschen und ihres wechselvollen Schicksals, vor allem aber als den Dichter, der das Werk seines Landsmanns Hansjakob weiter und höher geführt hat, ja, ich stehe nicht an zu sagen, daß Busse mit einigen Partien in diesem Werk nahe bei Keller und Gotthelf steht. Die beiden letzten großen Romane Busses heißen „Hans Frahm, das deutsche Gesicht" und „Die Leute von B u r g ft e 11 e n". Beide Bücher, das erste ein Entwicklungsroman, das zweite ein Heimatroman, in dem Busse die Jahre der Nachkriegszeit mit dichterischer Kunst schildert, fanden starke Beachtung bei einem großen Leserkreis, dessen Wünsche über eine nur oberflächliche Unterhaltungsliteratur hinausgeht. Wenn Buffe sich in den letzten Jahren eine immer größer werdende Gemeinde schaffen konnte, so wohl deshalb, weil der Dichter von Jahr zu Jahr immer mehr auch von denen erkannt wurde, die meist nur spannungsreiche Romane lesen. Busse hat viel von der Art Frenssens, der im Laufe seiner großen Romane den Leser auf eine innerlich erregende Art spannt und festhält. Beide Dichter kommen aus bestem deutschen Volkstum, beiden ist das Fabulieren, das Erzählen von großen Geschehnissen, im Zusammenhang mit spannenden Handlungen, eigen. Es möge hier ein kleiner Lebensabriß des Dichters stehen, der zum besseren Verständnis seiner Werke beitragen kann: „Ich bin geboren am 9. März 1891 zu Freiburg im Breisgau als Sohn eines Schreinermeisters, der in seiner Soldatenzeit in Freiburg hängengeblieben ist; denn er stammt aus Schlesien aus Wüstenwaltersdors am Fuß der Hohen Eule. Die Busses sind ursprünglich ein märkisches Geschlecht. Stark wie die Magd, das gilt heute noch für die meisten Manneshäupter dieser alten Sippe von Soldaten, Offizieren, Bürgermeistern, Oftsiedlern, Bauern, Webern, Tuchmachern, Musikanten, Dichtern und Weltfahrern. Die Mutter ist alemannischer Abkunft. Alle ihre Vorfahren saßen als freie Bauern in Breisgau und Freiburg. Es find in meinen Eltern keine sehr verschiedenen Blutströme zusammengeslofsen; denn Märker und Alemannenvolk haben nach geschichtlicher Erforschung den gleichen Stamm. Ich spüre selbst in mir das Einheitliche des Erbes. Mit 18 Jahren wagte ich durch einen dünnen blauen Gedichtsband an die Oeffentlichkeit zu treten. Er war nicht wichtig. Hölderlin und Kleist, Arno Holz und Peter Hille standen Pate. Holz und Hille überlebte ich bald, Hölderlin und Kleist, sie leuchten noch. Ich war Volksschullehrer und machte den Weltkrieg an der Front mit, stand im Westen und Osten. Ost stritt es in mir, ob ich mich eher der heißgeliebten Muflk allein widmen sollte, ererbte Neigung von Vaters Seite her machte mich besessen. Erst nach dem Krieg entschied ich mich, um nicht beiden halb zu dienen, mit ganzer Kraft endgültig für die Feder. Sie war hart, diese Entscheidung zwischen Musikschaffen und Dichtung, und doch bin ich froh, den Schritt früh genug getan zu haben. Dann lebte ich wieder in Freiburg, im alemannischen Land und Volk. Unter Bauern bin ich gern, in unserer Bauernsippe im Markgräfler Land und auf dem Wald. Merkwürdigerweise bin ich aber auch gern, heute wie immer, in Berlin und in der märkischen Landschaft, die ich bereits im Jahre 1911 durchwanderte, ohne es so genau wie heute zu wissen, daß ich auf der Erde meiner Väter bin Meine Sehnsucht nach Schlesien, wo feit Generationen die Vatersippen wohnen, ist noch nicht zum Ziel gekommen. Meine Bücher — Brunnkant, Tulipan, Hans Frahm und andere noch nicht im Verlag erschienene — zeugen in ihrer Folge für Fernweh und auch deutlich für das „Zwischen Stadt und Land" meiner Artung. Das Land aber bricht mich selber um wie eine schwere Scholle, und ich muß es dichten, ob ich will ober nicht — ich wollte es nämlich nicht mehr nach der Trilogie vom Schwarzwald „Bauernadel". Dramatisches bewegt mich, aber ich habe neben meiner Arbeit auf den Gebieten der Volkstums- forschung, des Heimat -und Naturschutzes, der Denkmalpflege und neben meinem Dienst an kulturpolitischen Aufgaben im Grenzland augenblicklich keine Zeit für eine unbedingt notwendige schöpferische Pause. Gedichte entstehen, wie sie kommen, spontan aus dem Erlebnis. Neue große Erzählwerke aus Landschaft und Volkstum mit mythischem Untergrund sind seit langem im Plan, manche im Bau fertig, aber sie sollen noch bei mir bleiben. Ich schwimme gern gegen den Strom und hasse die Konjunktur. Ich muß so schreiben, wie es mir gegeben ist, aber ich wünsche und erhoffe es, mir könnte die Gnade zuwachsen, ganz das zu schaffen, was ich eigentlich will: die große oberrheinische Volkssage. Doch im eigenen Wollen liegt dies ja nicht allein beschlossen." Neben seiner dichterischen Arbeit schafft Busse noch ein sehr beachtliches Werk in der Stille, von dem die meisten keine Vorstellung haben — Busse ist Leiter des großen Landesverbandes Badische Heimat. Heimatkunde, Heimatforschung, Heimatpflege und nicht zuletzt Heimat- liebe zu verbreiten, getragen durch die Mitarbeit aller Stände im Lande ohne Unterschied, sich einzusetzen für Natur- und Denkmalschutz, für Volkskunde, Volkskunst und Familienforschung, für badische Literatur, Musik und Kunst, all das sind Aufgaben des Landesoereins: dies ist die lebendige Idee der Heimatabende und Heimatkurse, ist praktische Arbeit durch Bekämpfung und Beratung, ist Zweck und Ziel des vielfältigen Heimatschrifttums des Landesverbandes der Badischen Heimat, der feit Jahren unter der Leitung des Professors Hermann Eris Buffe steht. Von Hermann Eris Buffe erschienen auch die drei umfangreichen Malerbiographien „Hans Thoma" (Rembrandt-Verlag, Berlin), „Hermann D a u r" und „Hans Adolf Bühler" (beide Verlag C. F. Müller, Karlsruhe). Es ist hier nicht der Platz, auf diese drei Bücher gebührend einzugehen. Möge dieser Hinweis genügen, auf den Dichter Busse und seine Arbeit aufmerksam zu machen. Er gehört, dessen sind wir gewiß, zu unseren besten und schaffenssrohesten deutschen Dichtern, die das gegenwärtige Schrifttum repräsentieren. 'verantwortlich: Or. Hans Thyriol. — Druck undDerlag.Brühl'sche Universitäts-Buch» und Eteindruckerei,D. Lange, Gieße«.