«Lietzener Zainilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Nummer 27 Zreitag, den 5. AprU Jahrgang 1956 und nun, im Frühjahr, kommen noch die ersten saftigen Triebe vom Geißbart und vom Kerbelkraut dazu, Helene versteht die Kunst, die Kräuter so auszulegen und mit Tüchern abzubinden, daß sie nach dem Kochen wie frischgrüne Bäumchen auf dem farbigen Grund der Schale stehen, wie zartes Vogelgesteder. David klettert in die Weiden am Bach und bricht Zweige heraus, bte schönsten und weihesten Kätzchen für den Palmbusch des Pfarrhauses, Sie werden auf eine Stange gebunden und über und über mit Bändern geschmückt, Agnes wird sie am Palmsonntag zur Weihe tragen. An diesem Tage wogt ein bunter Wald von solchen Büschen auf dem Kirchplatz, jeder einzelne prächtig verziert mit Schleifen und langen wehenden Bändern. Die Weiber haben ihre schönsten Tücher in das Mieder gesteckt, es leuchtet von Farben, und die Seide raschelt in ihren weiten Röcken. Dazu ist der Himmel blau und mit runden Wölkchen beschickt, der Wind fährt fröhlich in knallendes Fahnentuch, kriegerisch krachen die Böller hinter der Mauer. Der festliche Zug hält vor dem verschlossenen Tor. Pater Johannes klopft dreimal mit dem Schaft des Kreuzes dagegen und erhebt seine Stimme machtvoll gleich dem biblischen Sänger. Tut euch auf, ihr Tore, der König der Ehren will einziehenl Wer ist dieser König? fragt der Pfarrer zaghaft im Innern der $,r®er Herr ist es, antwortet Pater Johannes, mächtig im Streit, der Gott der HeerscharenI Die Glocken schlagen zusammen, Trompeten schmettern von der Empore, Hosianna! singt der Chor. Nicht anders zog Jesus in Jerusalem ein, nicht feierlicher. Nachher besteigt Pater Johannes die Kanzel, um zu predigen. Lange steht er schweigend an der Brüstung und sammelt die Glut seines Blickes über den HäupteNr der Gläubigen. Es wird still in der Kirche, das Klappern der Rosenkränze verstummt, das Geflüster der jungen Leute unter der Empore, nur der alte Postmeister räuspert sich laut und umständlich, aber das tut er bloß, weil er taub ist, nicht aus Mangel an Ehrfurcht. t , ... Pater Johannes wählt die Stelle der Schrift, an der aufgezelchnet ist, wie der Herr seine Jünger nach der Eselin schickte, wie er durch die bekränzten Straßen ritt und in den Tempel trat, um das Haus seines Vaters zu säubern. Das ist nun freilich eine andere Art, Gottes Wort auszulegen, dergleichen haben die Dorfleute nie gehört. Zuerst ist die Stimme des Predigers noch gedämpft und voll liebreicher Sanftmut, allmählich jedoch schwillt sie gefährlich an, Zorn grollt in ihr. Pater Johannes beugt sich weit hinaus, er zielt wie ein Schütze in das zitternde Fleisch und trifft. Oh, er greift die Herzen hart an, und was er sagt, ist wohl begründet und unverrückbar bezeugt bei Jeremias und allen Propheten. Darauf versteht sich der Pfarrer weniger, so kunstvoll kann er die Worte nicht setzen. Seht würde er sagen, betrachtet den lieben Herrn Jesus, wie er in den Tempel kommt und da einen ganzen Jahrmarkt findet, nicht etwa außerhalb, was ja der Brauch ist, sondern mitten innen, Lebzelter und Hausierer. Da müßt ihr euch also nicht wundern, wenn der Herr seinen Leibriemen zusammenlegt und in Dreiteufelsnamen dazwischen fährt. Es geschieht nur der Ordnung halber, liebe Seelen, gleich ist er wieder sanft und gut und heilt die Blinden, wie viele man auch heranschleppt. Das würde der Pfarrer sagen, es wäre so geredet, als spräche man über den Zaun weg mit ihm von dem und jenem. Pater Johannes hingegen ha?in allem eine feinere Art, er nennt die Dinge nicht grob und alltäglich, sondern mehr gleichnisweise, als läse er aus einem Buch. Und er spuckt auch nicht einfach hinter sich in den Sandnapf, wie es der Pfarrer tut, wenn sich seine Kehle belegt, sondern er hält ein Tuch in der Hand und säubert damit seinen Bart. Ja es ist offenkundig, daß Pater Johannes eine besondere Gabe hat, das Menschenherz zu rühren und auszurütteln. Vor allem sind die Weiber wie besessen hinter ihm her und versäumen keine Gelegenheit, ihm ein Segenswort abzunötigen, obgleich ihn doch wahrhaftig nichts auszeichnet als eine überaus haarige Kutte. . Streng ist Pater Johannes, ein eifernder Heiliger und dabei gottselig arm. Es spricht sich herum, er habe sogar die weiche Unterdecke aus seinem Bett genommen, auch den Spiegel von der Wand. Mein Spiegel ist das Kreuz, sagte Pater Johannes. David hat freilich gesehen, daß er bisweilen lange am Fenster steht und seine Fingernägel betrachtet, er haucht sie sogar an und reibt sie am Aermcl, Pater Johannes hat außergewöhnlich schone Nägel an seiner blassen Hand. Aber auch das geschieht wohl nur aus schuldiger Ehrfurcht, weil er dem Herrn mit diesen Händen dient. David ist indessen auch sonst nicht mit dem Pater zufrieden. Er bringt allerlei neue Maden mit, nie sitzt ihm die Albe beim Einkleiden locker genug in den Hüften, da und dort muh noch eine Falte zure^' gezupft werden. Und von Davids Latein beim Altargebet behauptet er. Das Jahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright by Insel-Berlag zu Leipzig. 3. Fortsetzung. Diesen und den anderen Winter hockt er noch in der Stube und schneidet Späne mit seinen langsamen Händen. Der Frühling macht ihn wieder lebendig, und er geht von neuem auf die Wanderschaft. Das kann er nicht lassen, er muß wieder über die Wiesen gehen, die vertrauten Geräusche des bäuerischen Werktages will er hören, bebauten Grund vor Augen haben, bis ihm Gott die Hand auf seine trüben Augen legt. Er löscht aus wie ein Funken im Wind, er verdorrt wie ein Reis das vom Baume fiel und eine Weile grünte und niemals Wurzeln schlagen und Frucht bringen konnte. Er selbst vergeht, das Geschlecht der Heimatlosen ist dennoch unsterblich. Aber Gott sieht es vielleicht mit anderen Augen an. * Das erste Gewitter zieht herauf, früher und heftiger als in anderen Jahren. David steht tapfer im Turm und läutet die Wetterglocke, wahrend die Welt, Dorf und Tal, in aschfarbener Finsternis versinkt. Es ist die Jakobusglocke, sie soll ihre erzene Stimme laut zum Herrn erheben, wie sie es immer tut, wenn etwas Uebermächtiges die Menschen bewegt und bedroht. Auf und ab gleitet der Strang, ein dünnes Seil der Hoffnung und der Zuversicht zwischen Himmel und Erde. Der Sturm fallt die Glocke an, würgt sie und rüttelt am Gestühl, zuweilen versagt ihr die Stimme im Kampf, aber wieder kehrt sie machtvoll zurück und beschwort • den rollenden Donner. David liebt die Glocken, oft betrachtet er sie, befühlt ihre kühlen, narbigen Leiber und klopft mit dem Finger daran, um zu Horen, mie sie summend und von weither antworten. Einmal, als er noch klein war, stieg er ungesehen in den Glockenstuhl er dachte, daß es Tiere sein müßten, die da eingesperrt waren, große Vögel vielleicht. Einmal in jedem Jahr flogen sie ja fort bis in die Stadt Rom. Es war um die Mittagszeit, er kroch und kletterte also umher und suchte diese Vögel in ihren metallenen Käsigen. Mit einem Male aber bewegte sich die große Glocke, schwang langsam aus und plötzlich überschüttete sie ihn mit ihrem brausenden Klang so daß er wie in einer Woge darin ertrank. Sie tat ihm nichts zuleide und schob ihn nur ganz sanft an die Mauer, aber es währte eine endlose Zeit und als die Glocke wieder schwieg, kauerte er noch lange verstört und erschöpft in seinem Winkel. Seit dieser Stunde singt immer etwas in seinem Ohr, ein breiter einfacher Ton, oft bleibt er stehen und horcht und versteht doch nicht, was diese leise Stimme singt. , . . Eine fremde Gewalt ist damals in ihn eingedrungen. Einmal wird sie vielleicht aus seinem Munde sprechen und sein Wort weit tragen. So verhält es sich mit den Glocken, David vertraut ihnen Vivos voco steht auf der Wetterglocke eingegossen, sie ruft die Lebenden und beweint die Toten. Kein Unheil ist so groß, daß sie es nicht bannen könnte, sie zerteilt die Wolken und bricht den Blitz, fuigura frango. Es wird dunkel in der Glockenstube der Donner rüttelt an den Mauern, blaues Feuer schlägt durch die schmalen Fensterschlitze Dann prasselt der Regen nieder und überspült die Scheiben, als kochte draußen eine ungeheuere Wasserflut und brandete bis an d,e Fenster herauf. David zieht und zieht den Strang, er ringt ganz allein mit der Holle Herr sei uns gnädig! Verschone die Saaten, Vater, sie stehe" schon finqerhoch und prächtig grün auf den Aeckern, verdirb sie nicht! Schon auch die Fruchtbäume utib bie Gärten, lenke den Blitz ab vom Vieh auf der Weide und von den Hütten deiner Kinder. Warum willst du ihnen zürnen? Du hast das Jahr'einen guten Anfang nehmen lassen, es >st alles dein Werk, sieh es an! Auch du, heiliger Jakobus, laß deine Glocke nicht zuichanden werden, geh zum Herrn und bitte ihn! Und Gott hört seinen Heiligen an, und er lächelt, weil David )o mutig ist, das Kind mit der Schleuder. Er läßt den Regen santerstromen und den Donner leiser rollen, David merkt, daß auch die Glocke wieder freier schwingt und nicht mehr mit dem Winde kämpft. Hell und fröhlich steigt das Geläute zum verklärten Himmel auf Später geht David aus die Suche nach Krautern wie st- Helene zum Färben der Ostereier braucht. Auch das geschieht kunstgerecht, nicht etwa mit bedrucktem Papier ober mit gekaufter Farbe. Das ganze Jahr Über werden bunte Kattunreste unb Bänderenden gesammelt Enzian und rote Malvenblätter preßt man zwischen den Seiten des Gebetbuches, Cs kommt der erste der Kartage, das Hosianna verstummt wieder, noch einmal sinkt die Kirche in tiefe Trauer zurück. Die Kreuze und die Bilder des Herrn sind mit blauen Tüchern verhängt, um der Worte Jesu willen, als er von den Zwölfen schmerzlichen Abschied nahm und sagte, liebe Kindlein, ihr werdet mich suchen, aber wohin ich gehe, dahin könnt ihr mir nicht folgen! Die Blumen werden fortgeräumt, aller Schmuck und sogar das Tuch des Altares, damit sich die Weissagung des Jesaias erfülle, es sei weder Schönheit noch Gestalt an ihm gesunden worden. In dieser Nacht, sagte der Herr, in kurzem werdet ihr euch alle an mir ärgern, und er lächette, ats die Jünger eiferten und schworen, sie wurden ihn nie ver- lassen. Ach, er kannte ihre Schwäche! m , Darum aber, weil ihn zuletzt alle verleugneten, auch Petrus, der fielt) darum wird eine um die andere der Kerzen ausgeloscht bis auf die letzte an der Spitze des siebenarmigen Leuchters. Und auch dieses Licht nimmt der Pfarrer und trägt es hinter den Altar zum Zeichen, daß der Herr allein im Oelgarten kniete, als ihn Angst überkam und blutiger Schweiß. Dreimal weckte er die Jünger und mahnte sie sonst, dreimal entschliefen sie wieder, obwohl schon das Windlicht des Verräters unter den Bäumen flackerte. Ich bin es, sagte der Herr, aber schont diese hier. Und dann banden sie ihn und führten ihn gefangen fort so wie der Pfarrer jetzt den verhüllten Kelch und das heilige Brot vom Altar nimmt und abseits in den Schatten trägt. Die Frauen haben auch schon das Grab für den Meister bereitet, mit Sträucherwerk und blühenden Blumen und Lichtern, die durch farbige Kugeln leuchten, wie geschrieben steht: Sein Grab wird rmhmvoll sem. Der andere Tag aber ist noch düsterer, unaufhörlich hallen die klagenden Gebete, der traurige Abgesang des Todes. Es kommt die schwarze Stunde, in der die Sonne brandig wurde und zerbarst, und die Erde zitterte in Krämpfen, als der Menschensohn siebenmal zum Himmel schrie, sieben martervolle Schreie, trächtig von Verzweiflung, schwer von Tränen und das ganze Leid der Welt umfassend. Stehend ruft sie der Pfarrer in das verfinsterte Gewölbe der Kirche hinein, so wie der Herr stehend litt, und erst beim letzten der sieben Worte fallt er in die Knie. Vor dem Altar liegt Pater Johannes auf dem Angesicht, und Gott heißt ihn aufstehen, damit er anklage. Mein Volk, spricht Gott, antworte mir, was habe ich dir getan? Ich habe dich durch die Wüste geführt und mit Manna gespeist, in ein gutes Land habe ich dich geführt, und du schlägst den Erretter ans Kreuz! Du warst mein bester Weinberg und bist mir bitter worden, mit Essig hast du mich verhöhnt, als mich dürstete. Ich bin vor dir hergegangen in der Wolke und habe dich mit Wasser getränkt, du aber verrietest mich meinen Widersachern, mit bitterer Galle hast du mirs vergolten. Ich ! habe deine Feinde geschlagen, dafür schlägst du mich. Das Meer habe ich vor dir gespalten, und du öffnest mein Herz mit der Lanze. Indessen aber, während Gott gegen das Geschlecht Adams klagt, daß es undankbar und treulos sei, indessen wird schon das Kreuzholz enthüllt, an dem das Heil der Welt gehangen hat. Zuerst das Schild mit dem Namen des Herrn, rex judaeorum. Dann das heilige Haupt, hohnvoll gekrönt, aber verzeihend herabgeneigt zu denen, die nicht wissen, was sie an ihm tun. Die ausgespannten Arme werden entblößt, blutig angeheftet in der rührenden Gebärde der Liebe, und die offene Seite, von der Lanze durchstoßen. r-j_ . k Die Gläubigen treten herzu und werfen sich nieder, um die Wundmale seiner Füße zu küssen, damit sich das Wort des Ostas bewahre, der gesagt hat: In der Trübsal werden sie kommen und sagen, lasset uns zurückkehren zum Herrn. Er hat uns gezüchtigt, er wird uns auch heilen... m Am dritten Tage ruht der Herr im Grabe. Die Glocken schweigen noch, aber die Altäre sind schon bedeckt, nicht mehr ganz leer und verwüstet, neue Kerzen schmücken die Leuchter und warten auf das Osterlicht. Es ist das die Zeit, in der die Jünger des Herrn sich wieder sammelten, noch irr und verstört, weil der Meister so gestorben war, so elend zwischen zwei Schächern. Es war verheißen, daß er das bittere Wasser am Wege trinken und dennoch sein königliches Haupt erheben werde. Dah er herabfahren wolle, wie Regen aus das Fell, und seine Feinde mit dem Schwert vor sich hertreiben, die aber an ihn glaubten, die würde er verherrlichen. Und nun waren sie traurig und zweifelten, weil nichts von dem geschah. Sie wußten die Schrift nicht, sagt der Evangelist, daß er auferstehen werde. Man erzählt, wie Maria, die Mutter des Herrn, in dieser Nacht über die Maßen traurig war und in ihrer Betrübnis aus dem Kreis der Jünger flof), um über Land zu gehen. Da es aber nun eine dunkle Nacht war, wurde ihr in der Finsternis nur noch schwerer ums Herz. Ach, sagte Maria, mein Blut ist mir erstorben, ich finde kein Feuer, an dem ich sitzen und meine Hände wärmen könnte. Und siehe, als Maria so klagte, da fing das Reisig zu ihren Füßen von selbst zu glimmen an, es erhob sich ein Feuerchen, das wärmte I und tröstete die Mutter Maria in dieser argen Nacht. lieber eine Weile ging sie wieder und dachte nun heimzukehren. Aber es währte nicht lang, und es überkam sie von neuem bitteres Herzleid um ihren Sohn. Ach, sagte Maria zum andern Mal, meine Augen sind schon blind von Tränen, ich habe kein Wasser, um sie zu kühlen! Und es öffnete sich der Fels, eine Quelle sprang und erfrischte die Mutter des Herrn. Ueberdem war es Tag geworden, und Maria sah, daß sie irre gegangen war, ringsumher lag nur steinige Wüste und tauber Sand. Ach, klagte Maria wiederum, meine Füße sind müde und wund von den Dornen auf Golgatha, ich finde keinen Platz, um im Gras zu ruhen. Da sproßten Kräuter aus der unfruchtbaren Erde, wo sie stand, Gräser breiteten sich sanft unter ihren Schritt, liebliche Blumen mitten in der Wüste, so breit der Weg Marias war. Und darüber freute sie sich ein wenig, sie blickte umher und fand den Weg zurück in die Stadt. Weil es aber so still war und die Vögel an diesem Morgen noch nicht fingen mochten, verlor Maria doch wieder den Mut. Sie seufzte und rang die Hände, och, seine Stimme war ja erloschen und fein süßer Mund für immer versiegelt! Sie hatte ihn in der Unschuld empfangen und über das Gebirge getragen und auf dem Stroh in kalter Nacht | geboren, da fing das Leid schon an, Flucht und Angst. Er entglitt ihren : Händen, lehrte und wirkte und starb. Aber warum mußte ihr Herz noch immer schlagen, von sieben Schwertern qualvoll durchbohrt? ' 1 (Fortsetzung folgt.) es komme einer Gotteslästerung gleich, während sich David doch viel I Mühe gemacht hat, die fremden Worte so weit zurechrzubrmgen, daß sie auch ein ungelehrter Christenmensch verstehen kann. Und fett bem Unglück mit bem Weihwedel ist vollends Feindschaft zwifchen ihnen. Dieser Weihwebel gehört zur Gattung jener Dinge- b e im Alter gewisse Eigenheiten annehmen, rote zum Beispiel Lesepulte, die unvermutet zusammenklappen, oder Leuchter deren Fuß ui> sieben Teile zerfällt, wenn sie ein Unberufener m die Hand nimmt. Der Pfarrer weiß, daß man die gelockerte Zwinge am Weihwedel mit dem Zeigefinger Niederhalten muß, aber Pater Johannes wußte das mcht. Und als er nach der ersten Vesper vom Altar ausging, um Wasser zu spenden, wiWe plötzlich eine borstige Kugel spritzend über die Kopfe der Andächtigen hinweg. David hielt es für einen großartigen Spaß, wie Pater Johannes nun betroffen baftanb, mit nichts als einem nackten Sttcken m der Hand. Der Pater wiederum meinte, es fei lauter Hohn und Suberet, und als David hinter ihm beifällig meckerte, holte er aus und schlug ihn gewaltig hinter die Ohren. . . _ , I Du bist doch ein verdammter Bengel, sagte die Krämerin Agathe später, wie hast du nur das angestiftet, höre, hast du den Nagel heraus- gezogen? Und dann fchenkte sie ihm einen Lebkuchen zum Trost, die fröhliche Witfrau. David ahnt nicht, was die Krämerin ahnt: daß jene Ohrfeige vielleicht weniger saftig getroffen hätte, wenn der Wedel nicht gerade vor ihren Augen entwichen wäre. Um dieser Augen, um ihrer sündhaften Schwarze willen trägt sich manches im Verborgenen zu. Agathe verkauft einmal Handseife und ein anderes Mal Druckknöpfe und näht sie auch gleich an, wenn niemand im Laden steht. Aber sie bleibt dennoch so, wie sie immer war, keck und scharfzüngig und dem heiteren Leben zugewandt. Uebtigens mag es Agathe mit ihrem Seelenheil halten, wie sie will. Viel schlimmer ist, daß Agnes sich mehr und mehr der Welt enttückt. Sie geht schweigsam und verklärten Angesichtes umher, dabei flüstert sie Stoßgebete vor sich hin und zählt die Ablässe zusammen. Es ist eine weitläufige Rechnung von vielen hundert Tagen und Wochen, genug, um einen linken Schächer aus dem Feuer zu retten. David darf nicht mehr im Pfarrgarten pfeifen, wenn sie die Blumentöpfe auf dem Hausgang begießt, und warum? Weil sich Agnes verlobt hat, sie wird den Schleier nehmen und ins Kloster gehen. In das strengste aller Klöster, wo die Nonnen eingemauert in dunklen Zellen sitzen und Tag und Nacht die Psalmen vor- und rückwärts beten, alles zur größeren Ehre des Herrn. Es gab Heilige, hat ihr Pater Johannes erzählt, die standen ihr ] Leben lang lobsingend auf der Spitze einer hohen Säule, und nur selten kam jemand vorüber, der stark genug war, ihnen ein Brok zuzuwerfen. Einige hoben die Arme gegen Himmel und hielten sie so, bis sie gleichsam in der Anbetung erstarrt waren, und wieder andere geißelten sich und schliefen auf Glasscherben. Wozu? fragt David aufmerksam. Um ihr Fleisch abzutöten. Auch der Pater? Ja, vielleicht auch er. Das weih Agnes nicht, ob Pater Johannes jetzt noch auf Glasscherben schläft. Aber früher tat er es gewiß. Das gibt dem kleinen David zu denken, auch er ist ja nicht ganz unerfahren in Uebungen der Büßfertigkeit. Oft matt er sich aus, daß Gott ihn einmal mit der Gabe des Wunders begnaden könnte. Jahrelang ginge er umher, ein unscheinbarer Mensch, von niemandem beachtet, und bann schickte Gott plötzlich eine Hungersnot und große Dürre, oder eine Seuche, die Menschen stürben wie Fliegen dahin, ja, auch Agnes. Er aber käme zufällig vorüber und träte an ihr Bett und erweckte sie mit einem Wink feines Fingers. Was ist das für ein Schein um dein Haupt? würde Agnes fragen. Bleibe bei mir! bäte sie. Und er bliebe ungerührt, segnete sie noch einmal und ginge wieder. David bewundert die Taten der Heiligen und Märtyrer, des einen zum Beispiel, dem die Axt ins Wasser sprang, und er warf einfach den Stiel hinterher, damit er sich mit Gottes Hilfe von selbst in das Eisen füge, wie es denn auch geschah. So weit ist Pater Johannes jedenfalls noch nicht, daß er einen entwischten Weihwedel nur durch die Kraft des Gebetes wieder zurückholen könnte. Es gab Helden der Standhaftigkeit, wie den heiligen Laurentius, den die Heiden auf glühendem Rost brieten, und er lächelte nur und bat, sie möchten ihn auf die andere Seite wenden, hinterwärts fei er schon gar. Was das bedeutet, weiß nur einer, der selbst einmal versucht hat, auf der heißen Herdplatte zu sitzen. David tat fein Aeußerstes und brachte es doch nur zu einer versengten Hose. Vielleicht mißlang es ihm, weil er etwas versäumte und die passende Formel nicht fand, oder die Menschen waren früher im ganzen stärker und dickhäutiger gewesen. Darum beschließt David, den Pater Johannes auf die Probe zu stellen. Er streut ihm insgeheim eine Handvoll dreizackiger Stacheln vom Sauerdorn auf den Sitz des Beichtstuhles. Und siehe da, der Pater läßt sich darauf nieder, als ruhte er auf Daunen, während hinterher der Pfarrer, den keine Mönchskutte vor Anfechtungen schützt, nicht einmal zu sitzen kommt, sondern sogleich wieder herausfährt, als hätte ihn eine Otter gebissen. David erkennt bekümmert, daß die Wege der Vorsehung sehr dunkel sind. ohne Ende", ant- die Hände. „Ich Norden der Front in vorderster Reihe Benvenuto eilte gerade, von einem ohnmächtig wurde. vergessenl" heißt vergessenl du damals nicht mehr geschrieben?" „Ich hatte Gold gefunden", flüsterte Benvenuto zurück und hob Fredericia hoch, „viel Gold, aber ich wollte noch mehr finden. Ich glaubte, es mache uns glücklich, ich dachte, Fredericia wird schon stillhalten, bis das ganze große Glück zu ihr kommt. Und jetzt ist es da!" Er trug sie zur Lazarettstation. Fredericias Wunde erwies sich als harmlos. Benvenuto faß, bis sie gesundete, an ihrem Lager. Dann fuhren sie beide nach Lima, spät, doch nicht zu spät, ihr gemeinsames Leben zu beginnen. kämpfe eine Frau, und eine nicht mehr junge dazu, mit. nach Norden, raste zur Vorhut und fand, als sie Pfeil gestreift, niedersank, seine Fredericia. Ehe sie erkannte sie ihn, lächelte und flüsterte: „Warum hast lieben. Fredericia, im Glauben, Benvenuto habe sie verlassen, verließ ihn ihrerseits und heiratete einen gewissen Quadriga, Holzhändler von Beruf. Aber sie hörte nicht auf zu meinen und Benvenuto Briese nach Ottawa, Kanada, zu schicken. Fredericia gebar dem Holzhändler kein einziges Kind. Nach fünf Jahren der Ehe starb er und hinterließ Fredericia ein kleines Erbe. Fredericia verkaufte die Holzhandlung und begann, vom Erlös aus dem Geld, das ihr Quadriga vererbt hatte, Benvenuto suchen zu lassen, und bald, da die Mittelsmänner versagten, selbst zu suchen. Eines Tages, im Jahre 1827, traf in Lima ein vornehm gekleideter sechzigjähriger Herr ein. Kaum hatte er das Weichbild der Stadt betreten, eilte er zum Molenkopf, stellte sich auf ihn hin und verweilte eine lange Zeit. Immer noch wehte der Ostsüdost, schäumten die Wellen und drang von den Anden grimmige Kälte herab. Hierauf begab sich Benvenuto in den Wald, der in einen Park verwandelt worden war, suchte, am Bach entlang, Fredericia und das Blockhaus, und fand zwar einen Pavillon statt der Hütte, aber keine Fredericia. Doch wußte man von ihr zu erzählen. Man berichtete ihre Heirat — Benvenuto fchrak zurück — man sprach von ihren Tränen — Benvenuto trat rasch näher —, man teilte ihm Fredericias Reise nach Kanada mit. Eilends brach Benvenuto nach Kanada, woher er gekommen war, auf. Kanada war voll Aufruhrs, wie er es verlassen hatte. Die Indianer von Quebec hatten sich erhoben, zehntausend an der Zahl, zu siegen ober zu sterben. Wo mochte Fredericia, in Kanada eingetroffen, ihn gesucht haben, wo anders als auf dem Schlachtfeld, dort, wo die Männer Kanadas, die den Ruhm der Ruhe vorzogen, sich zu dieser Zeit aushielten? Benvenuto eilte zur Front. Abschnitt nach Abschnitt suchte er auf, Fredericia zu finden. Man befchied ihn Überall, von einer Frau, die einen Mann suche, niemals und nirgends etwas gehört zu haben. Aber im An die Sterne. Von Andreas Gryphius. Ihr Lichter, die ich nicht auf Erden satt kann schauen, Ihr Fackeln, die ihr Nacht und schwarze Wolken trennt, Als Diamante spielt und ohn Aufhören brennt; Ihr Blumen, die ihr schmückt des großen Himmels Auen, Ihr Wächter, die, als Gott die Welt auf wollte bauen, Sein Wort, die Weisheit selbst, mit rechten Namen nennt, Die Gott allein recht mißt, die Gott allein recht kennt, (Wir blinden Sterblichen, was wollen wir uns trauen!) Ihr Bürgen meiner Lust, wie manche schöne Nacht Hab ich, indem ich euch betrachtete, gewacht? Herolden dieser Zeit, wann wird es doch geschehen. Daß ich, der eurer nicht allhier vergessen kann, Euch, deren Liebe mir steckt Herz und Geister an. Von andern Sorgen frei werd unter mir besehen? „Leb wohl", rief Benvenuto, „ich werde dich nie „Vergessen, vergessen!" schluchzte Fredericia, „was Ich will wissen, warum du wegfährst!" „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken wartete Benvenuto und sprang ins Boot. „Du schreibst mir!?" bat Fredericia und rang Große Liebe. Erzählung von Wolfgang Weyrauch. Am 1. Januar 1790 standen, nachdem sie die Nacht über getanzt, gelacht und gesungen hatten, Benvenuto und Fredericia auf dem Molenkopf des Hafens von Lima in Peru, sich fürs Leben zu verabschieden. Ein Ostsüdost wehte und schlug die Wellen, daß sie den wohl vierundzwanzigjährigen Jüngling und das Mädchen, das zwanzig Jahre zählen mochte, vollkommen durchnäßten. Aber das Paar kümmerte sich weder um Wind noch Wogen, wie es auch die eisige Kälte, die der Wind von den Anden herübertrug, nicht beachtete. Stumm und reglos blickten Benvenuto, Sohn eines armen Makrelenfischers, und Fredericia, Tochter eines noch ärmeren Holzfällers, über das Meer zur „Pazifik" hin, die den Jüngling, der jetzt kein Fischer mehr, sondern ein Matrose war, nach Kanada, dem Lande der Wunder, fahren sollte. In wenigen Minuten mutzte die Schaluppe, die die letzten Gäste und Mannschaften aufnehmen sollte, am Molenkopf vorüberkommen. Benvenuto und Fredericia hatten sich nichts mehr zu sagen. Sie kützten sich zum letztenmal und hörten nicht auf, sich zu küssen. Im Kuß erinnerten sie sich aller Begebenheiten ihrer Liebe. Vor zwei Jahren hatten sie sich kennengelernt. Ein Holzstoß, den Fredericias Vater abgelassen hatte, zerriß Benvenutos Netze. Zornig stieg er in die Berge, dem Bach nach, der die Stämme hinabgetragen hatte. Er erreichte Fredericias und ihres Vaters Blockhütte, wollte schimpfen, daß der Urwald einstürzen sollte — und sah und liebte Fredericia. Später sauste das Mädchen täglich, wenn der Vater schlief, den „Ia- gur" — so hieß der Bach — hinab, zu Benvenuto, der es' dann samt seinem Einbaum wieder hinaufritt. Das Paar hatte sich heiraten wollen, aber die Väter verweigerten die Ehe. Arm zu arm, so sagten sie, ergäbe arm, sie aber hielten es lieber mit dem Sprichwort, das von den sich anziehenden Gegensätzen redet. Benvenuto entführte Fredericia; der Hunger trieb beide zurück. Sie schworen sich Treue zu, die niemand, es sei denn der Tod, brechen könne. Aber heiraten, sich nie mehr trennen, Kinder haben — das konnten sie nicht. Dies allein aber wollten sie. Doch sie waren so arm, daß sie nicht einmal die zwei Peseten hätten bezahlen können, die nötig waren, sich aufbieten zu lassen. So gedachten sie der Vergangenheit, da läutete die Glocke der Schaluppe, die, von sechs Matrosen gerudert, zum Molenkopf beidrehte. schreibe dir auch", versprach sie und sah die Schaluppe sich schon im Gischt verlieren. „Ja!" schrie Benvenuto zurück und flehte die Matrosen an: „Fort! Nur fort!" Zwanzig Jahre vergingen. Zwanzig Jahre lang wurde Benvenuto nicht reicher. Zwanzig Jahre lang schrieben sich Benvenuto und Fredericia sehnsüchtige, innige und hingebungsvolle Briefe. Zwar hob das Paar — Fredericia im Nähkorb, Benvenuto bald in der Satteltafche, bald im Geldbeutel, bald in einer Felsspalte, bald in einem hohlen Baum — sämtliche Briefe sorgfältig auf, doch ist nur ein einziger über- fommen, welcher wie folgt beginnt: „Meine herzlich geliebte Fredericia! Wie oft und wie sehr denke ich immer an Dich, aber, ob ich an Dich denke ober ob an Dich schreibe, es wird und wird nicht besser. Ich bin immerzu arm. Man könnte fast verzweifeln, wenn nicht eines vom anderen wüßte, daß wir uns nie aufgeben werden. Im letzten halben Jahr war ich Diener, Bader, Seelsorger. Ich komme auf keinen grünen Zweig. Dennoch lasse ich Dich nicht, obwohl es hier viele Mädchen gibt, die mich wohl heiraten würden. Ich laste Dich nicht. Ich habe es Dir geschworen. Und es wird noch alles gut werden!" Dieser Briefanfang gehört zum letzten Schreiben das Fredericia jemals von Benvenuto empfing. Hinfort — wer konnte es wissen, wer es feststellen? — schien Benvenuto keine Briefe wehr zu schreiben. Ha te er ein kanadisches Mädchen geheiratet? Ging seine Post verloren? Wollte er nicht mehr schreiben? Konnte er nicht mehr schreiben? War er tot. Fredericia weinte viel. Dann ergriff sie der Trotz, der uns Menschen oft das Böse statt des Guten tun läßt, vornehmlich wider die, die wir Ein deutscher Arzt Hilst der Menschheit. Von vr. Hellmuth Unger. Mit Genehmigung des Verlages I. F. Lehmann, München, entnehmen wir den folgenden Abschnitt dem Buche: „Vom Siegeszug der Heilkunde. Großtaten der Medizin", von Hellmuth Unger. (Kart. 2.— Mark.) Das Buch zeigt dem deutschen Volke, daß es stolz darauf fein kann, was deutsche Aerzte und die deutsche medizinische Wissenschaft geleistet haben. Unter den Gelehrten und Forschern von Weltruhm, den wahrhaft großen Aerzten und Helfern der Menschheit gibt es einen, den wir Deutschen besonders lieben und verehren. Als Sohn eines einfachen Bergmanns wurde er 1843 in dem kleinen Harzort Clausthal geboren. Opferfreudigkeit der sparsamen und für sich selbst genügsamen Eltern ermöglichte ihm, einem von vielen Kindern, den Besuch des Gymnasiums und später das Studium der Medizin. In seiner Bescheidenheit verlor er sich nicht an sinnlose Zukunftspläne, er wollte ein guter und tüchtiger Arzt werden, der möglichst bald nicht mehr den Eltern zur Last zu fallen brauchte. Der Beginn seiner Laufbahn war alfo höchst bürgerlich und uninteressant, bis auf einmal der kleine Landarzt und spätere Kreis- physikus in Wollstein durch Schicksalsbestimmung in ein wissenschaftlich so abenteuerliches Leben herausgeriffen wurde, wie es noch keinem vor ihm geschenkt worden war. Es ist Robert Koch, der Bakteriologe. Am 24. März 1882. In einem Raum des Berliner Physiologischen Instituts sind die Mitglieder der Physiologischen Gesellschaft versammelt. Angekündigt ist der Vortrag eines Rates vom Kaiserlichen Gesundheitsamt, den nur wenige dem Namen nach kennen. Als Kreisarzt in Wollstein soll er den Erreger des Milzbrandes einwandfrei nachgewiefen haben, eine Seuche, die vornehmlich Tiere befällt. Dieser Leistung hat er wohl die Berufung in die Reichshauptstadt zu verdanken Dieser 24. März — aber das ahnen die anwesenden Zuhörer noch nicht — steht seitdem eingetragen im Goldenen Buch der Kulturgeschichte. Er bedeutet Anbruch einer neuen Zeit in der Geschichte der Heilkunde. „Es ist mir gelungen", sagt der Redner in aller Bescheidenheit, ,chen (Erreger der Schwindsucht, der Tuberkulose, zu entdecken, den Tuberkelbazillus." In Wollstein, in aufreibender Nachtarbeit zwischen Praxis und wissenschaftlicher Forschung war Koch der erste große Wurf gelungen. Er wäre nicht zum Ziel gekommen, Hütte er sich nicht gleichzeitig unter unsäglichen Mühen eine ganz neuartige Technik ersonnen, die für die moderne Bakteriologie grundlegend wurde. Ihm ist auch die Herstellung von künstlichen Nährböden aus Rinderblutserum und aus anderen tierischen Substanzen zu verdanken. Auf einem geheizten Objekttisch, im hohl geschliffenen Objektträger studiert Robert Koch als erster das Wachsen von Krankheitskeimen, erfindet dabei einwandfrei den Erreger des Milzbrandes. Damit ist der erste Schritt in Neuland der Wissenschaft getan und der Weg zu Erfolgen freigelegt, die auch Koch noch nicht abzusehen vermochte. Einen weiteren Fortschritt für seine wissenschaftlichen Versuche brachte dann feine Erfindung der durchsichtigen starren Nährboden durch den Zusatz von Gelatine. Koch wird also ins Kaiserliche Gesundheitsamt nach Berlin berufen und bekommt zwei Assistenten zur Seite, die ihn bei seinen Forschungen unterstützen sollen. Hier beginnt für ihn die große Glückszeit. Er braucht sich nicht mehr um eine Praxis zu sorgen, Hilfsmittel stehen ihm unbeschränkt zur Verfügung, er kann forschen und schassen, soviel er mag. Mit Recht wird die Tuberkulose als eine der schlimmsten Feinde der Menschheit bezeichnet. Der siebente Teil aller Todesfälle war früher auf sie zurückzuführen und sie verschonte keinen. Arm und Reich, jeder Mensch war durch sie gefährdet. Dazu stand man ihrem Wüten fast hilflos gegenüber, da man nichts von ihren Ursachen und ihrer Entstehung wußte. Auch wußte man noch nichts von der Wichtigkeit eines natürlichen Heilfaktors, den die Natur jedem Kranken kostenlos schenkt: von Licht, Luft und Sonne. So war die Nachricht wirklich dazu angetan, die Welt zu bewegen: einem deutschen Arzt ist es gelungen, den Erreger der Tuberkulose zu entdecken. Wenn man einen Feind erst kennt, kann man auch Mittel finden, ihn zu bekämpfen, ja, vielleicht ihn gar vernichten. Acht Jahre später tritt Robert Koch mit seiner zweiten Großtat auf dem Gebiet der Tuberkuloseforschung vor die Oeffentlichkeit. Es ist ihm gelungen, in langen und schwierigen Experimenten, ein Heilmittel zu finden und damit Giftkeime im Tierkörper" unschädlich zu machen. Eines ist für diesen so vorsichtigen Forscher gewiß, daß ein tuberkulöser Krankheitsprozeß vollkommen zum Stillstand gebracht werden kann. Ist das bei der Tuberkulose möglich, dann müßte man auch bei anderen ansteckenden Krankheiten das gleiche erreichen können. Er nennt sein Heilmittel Tuberkulin. Daß einem solchen Helfer der Menschheit der Dank ungezählter Millionen gehörte, war selbstverständlich. Hätten wir Koch nur die Entdeckung des Tuberkelbazillus und die Erfindung dos Tuberkulins zu verdanken, es würde allen Menschengenerationen unmöglich sein, ihm den geschuldeten Dank jemals abzutragen, aber sein schöpferisches Werk ist daneben fast unabsehbar groß. Robert Koch ist auch Entdecker des Erregers der Cholera; in der Bekämpfung des Typhusbazillus, den er gleichfalls als erster sah, hat er Vorbildliches geleistet. Gegen die Pest hat er einen seiner erfolgreichsten Feldzüge geführt. Daß die Pest durch Ratten übertragen und auf Schiffen in fremde Häfen eingeschleppt werden kann, ist Kochs Feststellung. Ob Pest, Lepra oder Malaria, gegen die meisten Infektionskrankheiten hat dieser Meister gekämpft und Heilmittel dagegen gefunden, In der chininlosen Behandlung des Schwarzwassersiebers, einer Krankheit im Gefolge der Malaria, feierte er schließlich einen seiner letzten großen Triumphe. Sein Lebenswerk ist unvergleichlich Lleber das rechte Verhältnis zur Aatur. Von Hans Brandenburg. Vor dem Krieg lernte ich im bayerischen Alpenvorlande einen jungen Bauern kennen. Er stand vor der Tür seines Hoses, der, auf weitschauender Anhöhe, Berge und Täler beherrschte. „Schön ist es heroben!" jo sprach ich ihn an, um nur ja nicht in städtischem Ueberschwang zu viel zu sagen. Allein schon diese trockene Feststellung brachte ihn zum Lachen: er wisse wirklich nicht, was da viel Schönes sei — ja, Arbeit genug, Tagwerk genug und zwanzig Stück Vieh. Der Zufall wollte es, daß ich ihn im Felde wieder traf. Er war der Tapfersten einer, und den Tod fürchtete er nicht, aber das fremde ebene Land — ja, er schien wie eine Pflanze, die aus ihrem Erdreich gerissen wurde, zu siechen. Er sorgte sich nicht etwa um seinen Hof, der sei gut verwaltet von tüchtigen Geschwistern, aber er war krank vor Heimweh nach seinen Bergen, die jeden Tag feines früheren Lebens so fern und nah vor ihm gestanden hatten und von denen er doch nicht einmal die Namen kannte. Der Bauer braucht also nicht mit Bewußtsein ein Freund der Natur zu sein, um das rechte Verhältnis zu ihr zu haben, denn er ist weit mehr oder doch etwas anderes: er ist ein Teil von ihr, er ist selbst noch Natur. Fast alle übrigen Menschen müssen erst zu ihr zurückfinden, und diejenigen sind glücklich zu nennen, denen das auf dem kürzesten und sichersten Wege gelingt. Eine Schar Mädchen, eine Schweizer Schulklasse — fo lesen wir — wanderte durch das Berner Oberland und hing begeistert mit lachenden Blicken an ihrem jungen Lehrer, der ausgelassen mit ihnen scherzte. Ein Tourist kam an ihnen vorüber, den auf- geschlagenen Bädeker in der Hand, und machte eine ungehaltene Miene, weil Lehrer und Schülerinnen die weltberühmten Naturschönheiten ringsum nicht zu beachten schienen. Ein Schweizer Dichter jedoch, welcher ebenfalls des Weges zog und uns von solcher Begegnung berichtet, bedauerte diesen Reisenden, der, erhaben über jene fröhliche Jugend, die Natur glaubte einfjeimfen zu können, und beneidete die glückliche Schar, in deren Erinerung sich das schwärmerisch eingesogene Erlebnis für immer mit dem unbewußt eingefogenen Bilde der herrlichen Landschaft verbinden würde. Ein anderer Schweizer Dichter, Gottfried Keller, läßt seinen Grünen Heinrich von den Waffenübungen feiner Jugend in der Umgebung von Zürich erzählen und dazu bemerken: „Obgleich wir noch nichts von landschaftlicher Schönheit zu sagen wußten, und einige vielleicht in ihrem Leben nie dazu kamen, fühlten wir alle doch ganz die Natur, und das um so mehr, als wir mit unserem Freudenzuge eine würdige Staffage der Landschaft bildeten, selbst handelnd darin auftraten und daher der empfindsamen Sehnsucht untätiger Naturbeobachter enthoben waren. Denn ich habe erst später erfahren und eingesehen, daß das müßige und einsame Genießen der gewaltigen Natur das Gemüt verweichlicht und verzehrt, ohne dasselbe zu sättigen, während ihre Kraft und Schönheit es stärkt und nährt, wenn wir selbst auch in unserem äußeren Erscheinen etwas sind und bedeuten, ihr gegenüber." Ällein dies, was Keller meint, sind und bedeuten wir nicht, ludern wir durch die Natur hinrasen oder wenn wir in ihr gröhlen und schwitzen und trinken, ober wenn wir über unserem Handeln in der Natur vergessen, die Augen offen zu halten. Anderseits läßt sich die Natur nicht erjagen, und wer in seiner nächsten Nähe keine Wunder entdeckt, der entdeckt auch in der fernsten Fremde keine. Wir kennen die bunt zusammengewürfelten Reisegesellschaften, die in der Natur sogenannte Sehenswürdigkeiten suchen und sie nach einem oorbestimmten Plan „abkloppen", denen immer etwas „geboten" werden muß, so daß sich ihnen nichts mehr von selber anbietet und entgegenkommt. Welcher Teilnehmer wenigstens noch der Ehrlichkeit fähig ist, muß am Ende gestehen, daß er zwar alles gesehen, aber im Grunde nichts gesehen hat. Denn wir können eine uns noch unbekannte Landschaft nicht in wenigen Stunden zusammenraffen wie eine Handvoll Geld, und jene hätten besser daran getan, ihre kurzen Urlaubstage etwa an ein und demselben See wandernd, rudernd, schwimmend und in der Sonne brütend zu verbringen. Ich lebte schon über fünfundzwanzig Jahre in München und seiner Umgebung, als mich der Auftrag einer Zeitung, Schilderungen der bayerischen Landschaft zu schreiben, in große Verlegenheit setzte, denn ich traute mir nicht zu, dies zu können. Aber gerade weil ich die Natur nicht mit der Feder in der Hand erlebt, sondern den Schatz meiner Eindrücke Jahrzehnte keusch gehütet hatte, entstanden mir nun Bilder, die tausenden die Augen für die Heimat öffneten und für die mir ein berühmter Musiker mit den Worten dankte, diese Bilder gäben dem Gefühl wahrhaft einen Körper. Mit dem beliebten Ausruf der Dichter und Nichtdichter: „O Welt, wie bist du schön!" ist es freilich nicht getan. Ich mußte, tätig ausnehmend, Hunderte von Pflanzen und Tieren jetzt erst näher kennenlernen, aber meine zehnjährige Tochter hals mir dabei, und so wurde dies Lernen eine Lust. Doch gern verrate ich, daß ich als weitbekannter Darsteller der bayerischen Landschaft zwar auf vielen Berggipfeln, aber bis heute noch nie auf der Zugspitze gewesen bin. Vielleicht habe ich es noch vor mir, und man muß immer noch etwas vor sich haben, vielleicht soll es mir nicht beschieden sein, bann schadet es auch nichts. Gerade in der Natur kommt es tausendmal mehr darauf an, auf eigenen Wegen zu gehen und zu suchen, als die Allerweltsstraßen zu ziehen. Das, was wir Naturgefühl nennen, ist eine späte Erscheinung. Die römischen Kaiser ließen sich in ihren Sänften mit verbundenen Augen über die Alpenpässe tragen, um das „schreckliche Engadin" nicht sehen zu müssen, und noch Goethe spricht von den „formlosen Gebirgen". Die Landschaftsmalerei entstand in Europa erst lange nach Beginn der Neuzeit, und die charakteristische Naturschilderung der Dichter ist noch weit jünger: erst der junge Goethe hat in seinen „Briefen aus der Schweiz" das genaue Bildnis einer Landschaft gegeben, und die Dichter ließen jeden Bach nur einfach rauschen, bis etwa ß i l i e n c r o n einen jeden besonders sah, entweder z. B.: „Ein Bächlein kullert kindlich über Kiesel" ober: „Ein Wasser schwatzt sich selig burch Gelänbe". Dabei ist bas Naturgefühl einem steten Wechsel unb ©anbei unterworfen. Vor hunbert Jahren meißelte man in eine Steinbank bes Münchener Englischen Gartens bas Wort: „Hier, wo ihr nun wallet, ba war -fonft Wald nur und Sumpf". Freilich wissen auch wir noch eine schöne Parklandschaft zu schätzen, allein wir sind dennoch geneigt, solche Stätten auszusuchen und vorzuziehen, wo wir jenes Sprüchlein umkehren können, glücklich, endlich einmal nicht mehr „wallen" zu brauchen, weil es hier gottlob noch Wald gibt und Sumpf. Naturschutz ist notwendig geworden, aber auch die Einheit von Natur und Menschenwerk neu zu erobern, also nicht jedes technische Werk innerhalb der Landschaft wehleidig zu bejammern, sondern bas Menschengebilbe roieber in bie Natur miteinzubeziehen, baß es sie nicht nur zerstört, (onbern sich ihr mit- unb um- geftattenb ein- unb unterorbnet. Man soll bie Natur nicht begaffen, aber man soll sie betrachten. Die rechte Naturbetrachtung ist Anbacht unb, wie jebe Anbacht, auch eine Tätigkeit, nämlich Ernährung unb Ausbau ber Seele. Gewiß muß man es begrüßen, baß viele Stäbter roieber Gärtner unb Siebter werben, aber nicht allen kann bas beschieben sein, unb auch biejenigen, benen es gelingt, gewinnen baburch keineswegs im Schoße ber Natur bie erste Unschulb bes Bauern roieber unb sollen es auch nicht, fonbern müssen eine zweite Unschulb gewinnen. Ein so energisches, technisches, solbatisches unb politisches Volk wie bie Japaner hält boch an seiner alten Natur- frömmigteit fest unb stellt an eigenen Feiertagen blühenbe Kirschzweige auf, um in ihrem Anschauen stunbentang zu versinken. Unb auch uns Deutschen ist Naturliebe ein religiöses Bedürfnis. Unsere norbischen Vorfahren sahen bas Walten ber Elemente als Gottheiten unb versammelten sich zu Beratung, Gericht unb frohem Fest unter Bäumen, benn ben Baum hielten sie heilig. Die frommen Denker unseres Mittelalters suchten Gott in ben Dingen unb meinten mit ben Dingen nicht tote Soeben, fonbern bas Ursprüngliche unb Urbilbliche, bas Leben, bas Wesen. Wir sprechen von ber Natur als ber Schöpfung, weil wir in ihr ben Schöpfer fühlen, anschauen, bewunbern, verehren, ja, wir nennen sie gerabezu bie Gotteswelt. Alles, was unsere Volkslieber, was unsere Dichter unb Maler von ber Natur oertünbigen, ist uns geblieben, wenn es ber Kraft unseres Herzens gelingt, bie verlorengegangene Einheit mit ber großen Mutter auf bem beglüdenben Umweg bes bewußten Gefühls, ber frommen Hingabe unb Anschauung wieberzusinbsn Eine tätige Frau unb Mutter schreibt mir zu meinem Thema: „Die Naturbetrachtung barf keine Betrachtung bleiben, (onbern muß ein in ihr Eingeschlossensein werben, ein Mitatmen, Mitwachsen, Mitreifen, ein Mitüberguellen unb -überlaufen mit ihr, ein Zerzaustwerben, ein Glühen unb roieber in sich Beschließen, rote es bas Jahr burch alle Tierkreiszeiten burchmacht unb wie man es selbst im Leben so oft burchmachen muß, bis man eins mit ber Schöpfung ist." Unb Goethe, als er in einer Reformationskan^^ dm beutlchen Glauben auszubrücken versuchte, schrieb in seinem fr”* "rf bie Verse: „Wenn mir in bas Freie schreiten, auf ben Höhen, ba ist Gott!" Vetant wartlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb 'Betlag: Btühl'fche Univetfitäls-Buch- unb Eteinbruckerei, A. Lange, Gießen.