Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956 Montag, den 5. Zebruar Nummer <0 MW.WWk.MW! Von Otto Folberth. Copyright 1935 by Romanoertrieb Langen/Müller, München. (3. Fortsetzung.) Möß versteht das nicht. Er ist begeistert vom Reiter, der schon wieder auf und davon ist. Erstens hat ihm der Befehl imponiert, Heijo! Traf er nicht im rechten Augenblick ein, um sie einer gefährlichen Gemütserschlaffung zu entreißen? Endlich, endlich, fühlt er, bricht unser Tag an. Denn Gerö und ich können nicht einfach nur dazu geschaffen sein, uns in diesen Nebeltälern um nichts, um rein gar nichts abzumatten. Zweitens hat das feine Reitzeug des Adjutanten es ihm angetan. Möß nämlich ist ein Ledernarr, er kann schönes Leder streicheln, liebkosen... Nichts kränkt ihn beispielsweise mehr, als daß seinem Gaul noch immer eine klirrende Halfterkette vom Halse hängt. Er haßt diese Kette. Aber bei der zigeunerischen Armut des Gebirgszuges war sie durch Leder noch nicht zu ersetzen. Drittens — enye, enye, kicsi szäszl — hat er mit einem neidischen Blick die fliegende Ulanka des galoppierenden Reiters gestreift. Schön muß es fein, Befehle von solcher Wichtigkeit auf funkenstiebendem Falben zu überbringen! * Und ein mühsamer Marsch auf verschlammten Feldwegen hebt an. Die Schritte der Menschen sind schwer und schwankend wie noch nie. Die Tritte der Pferde stoßen fesseltief durch den schlüpfrigen Grund. Die Räder der Fuhrwerke setzen das Erdreich der Wälder und Hügel in Bewegung. Manchmal überholt der kleine Zug erdbraune Schlangen von Fuß- truppen, hinter deren völliger Berkrustung das menschliche Licht erloschen erscheint. Manchmal durchqueren sie Dörfer, deren Belegschaft fluchend die trockenen Quartiere räumt und sich zum Aufbruch zusammenschart. Sie alle und ihre Trains und Sanitätswagen und Munitionskolonnen strömen ebenfalls nach Süden ab, nach Süden, wo es hinter der grauen Nebelwand dieses Tages unaufhörlich, bald lauter, bald dumpfer brodelt. Es ist also doch nicht, wie Kadett-Offiziersstellvertreter d. R. Johannes Möß sich gerne eingebildet hätte, allein die Heeresgruppe Gerö (ein Geschütz, sechzehn Pferde, zwanzig Mann!) den Bedrängten dort zu Hilfe gerufen worden. Nein. Aber eine eigene, eine nadelscharf abgesteckte Aufgabe wurde ihr ganz ohne Zweifel diesmal doch zugewiesen. Vielleicht, wer weiß, sogar eine Aufgabe von strategischer Bedeutung! Der Begriff „strategisch" schmeichelt Möß ganz besonders. Morgen, morgen vielleicht schon kündet der Heeresbericht: „An einem besonders wichtigen Punkte der Ostfront..." ♦ Gegen Abend endlich sind sie so weit. Das Geschütz steht auf einem Stoppelfeld. Bis an die Nabe reicht den Rädern die aufgeweichte schwarze Ackerkrume. Gerö hat sich unweit davon auf einem breitschultrigen Höhenrücken, mittendrin in einem Strohschober, einem mächtigen, stockhohen Knisterbau, eingenistet. Aus einer kleinen Lucke kann er die Brücke rechts unten im Tal bei Jwaczow-Gorny gerade recht übersehen, zumal der Himmel eben etwas aufgeklart hat. Eine Viertelstunde lang, solange die Leitung zur Geschützstellung noch nicht gebrauchsfähig ist, nimmt er sein Auge nicht vom Fernrohr. Und zählt: eins, zwei, drei ... langsam bis zehn. Nein, mehr werden's nicht. Zehn Mann, ohne Ausrüstung, dazu eine rauchende Fahrküche, das ist alles, was in dieser Zeitspanne die Brücke überschritt. Damit bestätigt sich schrecklich wahr, was das Studium der Karten ihm längst schon verriet: diese Brücke ist unwichtig. Für die Abwehr des Angriffes aus dem Raume von Tarnopol h,.t sie sozusagen teir1 Bedeutung. Besser freilich, ei freilich, man schaffe sie überhaupt aus der Welt. Wer kann im Krieg jemals wissen...? Und er beginnt mit dem Einschießen. Und siehe, siehe, ein rötlicher Schein ergießt sich gerade jetzt von Westen her über die Landschaft, die voll Wassers ist wie ein angesogener Schwamm. Will die Sonne doch noch zu guter Letzt, wenn auch aus der verkehrten Richtung, über diesem Tage aufgehen? Oh, das wird sie wohl bleiben lassen. Aber ist diese abendliche Helligkeit in der entscheidenden Stunde nicht schon Beweis genug dafür, daß sie es eigentlich recht gut mit dem Fähnlein des Gebirgsgeschützes meint? In langsamen Abständen verlassen unten auf dem schwarzen Acker die Granaten den hüpfenden Bronzeleib des Rohres. Den Richtkanonieren, den Telephonisten, sich selber hat Gerö ruhiges, wohlüberlegtes Tun befohlen, genauesten Blick und Griff. In der Kette ihres zusammenhängenden Handelns kann die Verwirrung eines einzigen ungeschickten Fingers alles, einfach alles zuschanden machen. Ein Trost für jedermann, daß Vormeister Dömner, der kleine stämmige Sachse, an der Richtmaschine sitzt. Jeder weih, daß er Nerven wie Seile hat, daß er in diesem Augenblick nichts anderes mehr ist, er selber mit Haut und Haaren nichts anderes mehr als Arm und Rad und Zahn und Züngel der erzenen Maschine. In ebenso langsamen, gemessenen Zeitabständen rauschen die ^gefeuerten Geschosse über den Höhenrücken der Beobachtung hinüber. Dort sitzt Gerö an der Strohlucke, wartet jedesmal mit zusammengebissenen Zähnen, bis das Scheuern der Lust über ihm verhallt ist, hebt dann das Glas an die Augen und beobachtet den entfernten Einschlag. Jetzt hat er, während der westlichen Röte, einige Minuten lang herrlich klare Sicht. Die Gegenstände dort unten nehmen unerwartet rasch und in zauberhafter Weise plastische Rundung an. Sie erscheinen, infolge der feuchten Luft, alle zum Greifen nahe. Fast könnte man die tiefen Radspuren im Dreck zu beiden Seiten der Brücke zählen. Aber trotz allem und allem, trotz Serös Ruhe, trotz Dömners Sicherheit, trotz der wohlgemeinten abendlichen Helligkeit des Himmels hat der zehnte Schuß noch nicht getroffen. Noch steht die Brücke unversehrt da, wie wohl rings um sie die Trichter klassen. Dafür haben die Granaten die unerwünschte Wirkung, daß Jwaczow-Gorny, das Dors, dessen Häuserreihe gleich jenseits der Brücke beginnt, in Aufruhr gerät. Deutlich läßt sich im Glas die Verzweiflung der Bevölkerung, denn sie sitzt ja natürlich noch drin, erkennen. Flüchtende Weiber und Kinder, auf- geschrecktes Vieh ... Endlich liegt Gerö im Ziel. Es ist gerade der Augenblick, da es wieder dunkel um ihn wird, dunkel und unsichtig wie vorher. Nein, es wird viel dunkler noch. Und rasch schickt er noch fünf Granaten, mehr oder weniger aufs Geratewohl, den zehn ersten, gut gezielten, nach. Ihre Erdfontänen lassen sich aber schon nicht mehr einwandfrei beobachten. Dorf und Brücke und Tal verschwimmen endgültig in Nebel, Nacht und Finsternis. * Freilich hing's nicht an der Serethbrücke bei Jwaczow-Gorny, sondern an dem großen Loch im Süden, das sich westlich Tarnopol zu gespenstischer Gröhe aufbauchte. Die Brücke lag längst in Schutt und Asche, das Brodeln im Kessel hielt aber nicht inne, eher steigerte es sich noch und — was das Dümmste'war — es wanderte unaufhörlich tiefer nach Westen. Gerös Fernrohr auf dem Strohschober vollführte langsam, Tag für Tag um einige Grade mehr, eine Drehung nach rechts, um die Perlenschnur der Schrapnellwölkchen am südlichen Horizont zu verfolgen. Es blieb wundersam genug und gefiel Gerö im geringsten nicht, daß man das mit solcher Ruhe und Ungeftörtfjeit von hier oben tun durfte. Eines Abends kam dann, holterdiepolter, der Befehl zum Rückzug. Der russische Einbruch barst nun nach der Seite auf, wie Lava floß es von ihm randwärts ab. Der Arm, der sich nach Norden wälzte, bildete fast schon eine Zange. Sie hätte als ersten Happen das Infanterieregiment geschnappt, das den Höhenrücken mit Gerös Strohschober verteidigte, und dazu das Gebirgsgeschütz. Beide befanden sich jetzt in der äußersten Spitze der sich langsam schließenden Schlinge. Ein einziger Weg nur führte aus ihr heraus. Als der Rückzugsbefehl eintraf, lag Möß bereits im Schlafsack auf dem schwarzen, jaulenden Kleelager seines Zeltes. Ihn fror. Deshalb hatte er sich früh schon in die Klappe begeben. Warm wurde es dort zwar auch im Verlaus einer Stunde bloß — sobald fein Körper zu heizen begann — und die Nässe der Stiesel, die abzustreifen jetzt völlig unstatthaft schien, wurde man überhaupt nicht los. Aber war diese dunkle, feuchte, langsam aufsteigende Wärme nicht dennoch verlockend wie nichts für ihn, der sich — ein spätes Honigopfer! — seit Tagen hilflos einem Ruhranfall preisgegeben sah? Der Wind rüttelte an der Zeltbahn. Gestern, dachte er, gestern dürste die Krankheit ihren Höhepunkt erreicht haben. Heute hatte ich kein Blut mehr im Stuhl. Diese Nacht noch Ruhe und Wärme und Schlaf und ich fjab’s geschafft! Wenn bloß Mütterchen mir die Decke im Rücken mal gut einstecken könnte. Irgendwo zieht's doch immer noch herein. Und doch kann man nicht sagen, daß Möß die Zelte auf dem feuchten Acker nicht schleunigst abbrechen ließ, als der Befehl dazu eintraf. Der Ort hatte ihm zu viele Enttäuschungen bereitet, als daß er sich durch irgend etwas an ihn gefesselt fühlte — außer durch feine augenblickliche körperliche Schwäche. Allein, diese wurde bald an der frischen, bewegten Nachtluft überwunden. Und dann setzte das Reiten ein. Und das Reiten in der Dunkelheit und die ewige Sorge um die nachfolgende Karawane und die unruhigen Gedanken an Gerö, der sich bei diesem Rückzug mehr um die Ordnung der sich vom Feind lösenden Infanterie kümmerte als um sein fliehendes Geschützlein, hielten wach und ruhig, hielten in Atem und gespannt. ♦ In den ersten Dörfern, durch die sie kamen, herrschte bereits ungeheure Verwirrung. Flüchtende Sanitäter, galoppierende Brigadehusaren, laut baherpolternbe Fahrküchen, die bald — bald über die dunkel flutende Strafte Funkenregen jprühten wie überheizte Lokomotiven und diese nächtlichen Bilder erst recht ins Gespenstische steigerten. Das alles und dazu der wogende Strom der Truppen, das Schütteln und Wackeln der Bagagewagen, das Prusten und Schnaufen der Pferde, alles drängte in dieser einzigen noch unoersperrten Richtung aus der sich schließenden Schlinge hinaus nach Norden. Irgendwo wurde Mäh dann unverhofft aus dem Dunkel angerufen. Geros Stimme befahl: „Ihr wählt nun diesen Weg hier querfeldein nach Westen. Wir trennen uns von der Haupttruppe. Ich trabe vor. Solange euch kein Befehl von mir erreicht, könnt ihr mir ruhig folgen. „Mensch, hier ist's finster wie in einem Büffel", sagte Korporal Ruschill zu seinem Nebenmann, als sie eine Weile lang den Weg nach links gegangen waren. In dem Zug der Haupttruppe hatte bisweilen doch wenigstens die Tabakspfeife eines Infanteristen, das Feuer der Fahrküchen, die elektrische Taschenlampe eines Offiziers ausgeleuchtet. Auf diesem Wege hier, den, wie sich herausstellie, das Gebirgsgeschütz merkwürdigerweise allein dahinzog, gab es alle diese angenehmen Abwechslungen nicht. Hier herrschte Nacht und Finsternis und Finsternis und Nacht, und je tiefer sie in diesen unheimlichen Schlund drangen, desto dunkler und dichter und gestaltloser schien er zu werden. Der Himmel über ihnen war genau so schwarz, lichterlos und ungegliedert wie die Erde ringsum. Es mochten schwere Wolken an ihm kleben. Sie wußten es nicht. Es gab keinen Mondschein und auch nicht das Schimmern eines einzigen Sternes in dieser Nacht. Der Zug besaß alles in allem zwei Handlaternen. Mit der einen irr- lichterte Möh an der Spitze der Kolonne herum, mit der andern Korporal Köteles an ihrem Ende. Für die Richtung des Weges blieb allein maßgebend sein Schlammsluß. Dort, wo er am tiefsten und schlüpfrigsten floß, dort mußten, solange er Etappenstraße war, die Räder der Ver- pflegungs- und Munitionskolonnen seinen Dreck durchknetet haben, dort muhte er mit Sicherheit führen. Schade nur, daß er dort auch gleichzeitig am holperigsten, ja von tiefen Löchern durchschluchtet war. In diese Löcher stürzte bald „Wiege", bald „Rohrwagen" des Gebirgsgeschützes und kippten um. Nicht selten rissen sie auch ihre Stangenpferde mit in die Lache. Dann dauerte es freilich lange, bis man Roß und Wagen aus dem schwarzen Schlammbad ausrichtete und den Marsch sortsetzen konnte. Einmal leuchtet die schaukelnde Laterne des Kadetten eine Gestalt ab von oben bis unten. „Duma, cigäny te, bist bu’s? Und was hast du jetzt mit deinem Brotsack zu schaffen, he?" „Ich steckte gestern abend eine Brotkruste zu mir. Eben fiel mir ein, wie gut sie zu der braunen Suppe munden würde, die in meinen Stiefeln hochgestiegen ist und am obern Rande hervorquillt. Da merke ich, daß mir jemand die Kruste gestohlen hat. Futu! Ein Schelm soll ich heißen, wenn das nicht Florian, mein süßes Freundchen Florian war." Wie weit ist der Weg dieser Nacht? Beträgt er fünf oder fünfzig Kilometer? Wie kann sich eine lichterlose Strecke im Bewußtsein spiegeln und Maß gewinnen? Wahrlich, wie Schlaf war diese Nacht, und ist doch Schuften, Fluchen, Hellauflachen und immer wieder Waten in Dreck gewesen — eine Rückzugsnacht in Galizien. * Der Morgen findet das über und über schmierige Trüpplein am Rande eines Sumpfbaches. Da liegen sie schon seit zwei Stunden und fchlafen. Schlafen reglos und trunken, wie Mistkäfer, halb eingebuddelt in Schlamm und Erde. Und als sie die Augen öffnen, siehe, bricht durch die Nebelschwaden über den östlichen Hängen die Sonne, die Sonne, die sie seit Tagen — ober waren es Wochen? — nicht mehr gesehen haben. Einer nach bem anbern wälzt ben feuchten Mantel vor sich, breitet ihn sorgsam im hartstieligen Grase aus, bamit möglichst viele Strahlen ihn treffen. Als bie Befehle für ben Tag aber immer länger auf sich warten lassen unb sein Gesicht sich auch sonst roeber burch nahes Hämmern noch fernes Grollen verrät, löst sich eine Haut nach ber andern von der Mann- fchaft, und bald liegen Stiefel und schmutzige Fußlappen und braun- gefleckte Hemden auf dem stacheligen, röhrigen Grase verstreut herum. Der folgende Tag erst verlangt gebieterisch, daß man sich den lüm- meligen Schlaf aus den Augen reibe. Auf bem zerknüllten Wisch, ben ber Orbonnanzreiter weither ins Sumpftal bringt, steht manches zu lesen. Das wichtigste Wort barin aber lautet: Angriff. Sofort befiehlt Gerö bie Reitpferbe heran. Er weiß, baß es nicht leicht fein wirb, im allzu flachen, allzu unübersichtlichen Gelänbe ben rechten Beobachtungsstanb ausftnbig zu machen. Deshalb nimmt er auch Möh mit auf die Suche. Mögen die Augen des Jungen beizeiten sich schärfen. Mögen sie erfahren, wie schwierig es zuweilen sein kann ... Möß strahlt wie bas Morgenlicht biefer Stunbe, bah er roieber einmal für würdig befunden wurde, seinem Herrn und Führer beizustehen. Vor lauter Freude und Dankbarkeit unb eilenben Sattelns unb Gürtens vergißt er biefes unb jenes im Fähnlein anzuorbnen. Aber was hat es viel zu bebeuten? Korporal Ruschill mit ber großen Silbernen wird ihn schon eine Weile recht vertreten. Und sie reiten das weit gewellte Land nach Nord unb nach Süd ab. Halten hier an unb bort an. Blicken burchs Glas. Prüfen bie Karte. Vergebens. Nirgenbs finbet sich ber rechte Ausguck, nirgends bie erwünschte Einsicht in ben ihnen zugewiesenen Kampfraum. Kein Berg steilt aus ihm auf, nicht einmal ein rechter Baum reckt unb ftreckt sich irgendwo in ben Himmel. So nisten bie bciben sich benn in ber Nähe eines Vorwerks ein, im Gezweige eines nerroilberien Gartenbufches. Unb es scheint so gut wie abgemacht, baß sie auch weiterhin beisammen bleiben. Ihnen zur Seite roinben Hopfenranken ihre Schlangenhälse in bie Höhe. Ihnen zu Füßen ziehen sich langhin fast eben oertaufenbe Kartoffelfelder. Links vorne aus einer Bodensenke tauchen bie ersten Häuser eines Dorfe? auf. Ganz, ganz ferne am Horizont ein schmaler, silberner in bie längst bloß? wächst ge- ich bie bie Streifen Berge. Ohne Bebeutung freilich für ben heutigen Tag. Zu weit finb sie. Kaum ist Lage unb Sicht halbwegs ftubiert unb geklärt, wird es wie auf einen Schlag lebendig in ben Kartoffelfelbern. In langen Schwarmlinien erhebt sich bie Infanterie aus ihrem buschigen Laub unb setzt sich in ruhigem, scheinbar völlig unbekümmertem Schritt in Bewegung. Neue unb neue Reihen stehen auf. Bis weit nach Süben hin schließt sich Schnur an Schnur ber bunfeln Punkte. „Kutyaläb", schimpft Gerö, „wenn man auf bissen elenben Sträuchern wenigstens um einen halben Meter höher steigen könnte." Jetzt erst, ba bie Lanbschast sich belebt unb bewegt, merkt man, wie kümmerlich sie von hier aus eingesehen werden kann. Es geht aber nicht. Die Aeste sind zu dünn. Je höher man hinauf» steigt, desto tiefer beugen sie sich zur Erde. Nun hat auch der Russe schon bie sich entwickelnbe Infanterie ent» berft. Schrapnellsalute überstürzen einanber. Einstweilen tasten sie freilich nur noch ben lichtblauen Himmel ab. Durch die Maschen ihres Feuers treten ruhig und ungehindert die breiten Fronten der Regimenter. Welcher Regimenter? Sind es Ungarn? Sind es Tschechen? Sind es Ruthenen oder Deutsche? Es ist nicht immer leicht, die Ordnung ber Nationen an ber Ostfront zu erkennen. Der russische Einbruch von Darnopol jeboch hat sie vollenbs auf ben Kopf gestellt. „Jetzt, jetzt", zittert Möß, „haben sie bie ersten Verluste." Zwei bünne waagrechte Striche lösen sich beutlich aus bem Gewimmel ber Punkte, zwei Tragbahren, unb gleiten über bie Felber ab. Weih Derbunbene Köpfe tauchen auf unb in irgenbeiner Mulbe unter. Wirr Hüpfen bie Pünktchen über bie Wellen ber Kartoffelstauben, ballen sich an einer Stelle zusammen, lösen sich roieber auf, bleiben lange, lange überhaupt unsichtbar. Gerö ist bereits in voller Fahrt. So unübersichtlich das Schlachtfeld auch fein mag, mit bem sichern Instinkt bes Jägers wittert er bie Möglichkeiten, bie aus ber Erde vor feinen Augen steigen, baut sich bas Bitt) bes Tages Stunbe um Stunbe. In feinen Machtmitteln aufs äußerste eingeschränkt, ist er hoppelt vorsichtig in ber Wahl feiner Ziele. Trotz- betn finbet er stets ein ganz besonderes, ein, wie er annimmt, ihm vor» bestimmtes Ziel. Heute ist es ber Graben beim Kreuz 361, ziemlich weit hinten im Schachbrett bes Kampfes gelegen, aber er steckt voller Russen unb wirb bem Angreifer noch allerhanb zu schaffen machen. Er will ihn beshalb beizeiten winbelweich schießen. Wer weiß, bie Unfern kommen vielleicht rafcher voran, als sich augenblicklich beurteilen läßt, unb stoßen bann auf biefen gefährlichen Hinterhalt. Aber was ist eigentlich Möh, ber festlich gestimmten Seele, über bie fieber gekrochen? War er nicht eben erst leudjtenben Auges unb lachenden Mundes ein Kind, das von väterlicher Hand einem unerwarteten Geschenk entgegengeführt wurde? Nun huschen Schatten allen Ernstes über seine Stirne. Ja, Möß, der kleine Möß hat wieder mit einem seltsamen Kummer zu schaffen. Es beschämt ihn plötzlich tief, eine so breit angelegte offene Feldfchlacht wie bie heutige aus einer so entfernten Loge mit anfefjen zu müssen. Sein Herz hüpft immerfort mit ben Pünktchen ber ersten Linie mit unb versucht, sich alle Schrecknisse ihres zackigen Weges vorzustellen. „Sollte es heute zum Nahkampf kommen ... für bie bort ...?" wieberholt er zweimal mit banger, taftenber Stimme, ohne Antwort zu rasch zur Herde, bricht stürmend gegen das Kreuz vor. Man sieht deutlich im Glas, wie sich die Vordersten mitten ins eigene Artilleriefeuer stürzen ... Möß läßt das Glas auf bie Brust zurückfallen unb greift in bie gelben Dolden ... Als er es Augenblicke später wieder an die Augen hebt, quellen aus dem russischen (traben erdfarbene Menschenbündel mit erhobenen Armen heraus, immer von neuem heraus. Das Feuer ber Batterien verstummt. Quer über bas Schlachtfelb streicht, von mübem Winbe getragen, eine schwere finstere Rauchfahne. (Forts, folgt.) bcmach." „Ach, ich meinte ja bloß, weil es hier so buftete ..." Als bie Bäume, auf benen sie schaukeln, ihre Schatten bereits nach Osten werfen unb bie Stunbe naht, ba Licht unb Blick unb Beobachtung klarsichtig geworben, nach ein unb derselben Richtung drängen, setzt endlich ber Jnfcmteriekampf auch um ben Graben beim Kreuze 361 in ber Nähe bes Dorfes Cebrow ein. Auch anbere Batterien haben mittler» weile bie Stärke dieser Stellung erkannt unb werfen nun zugleich mit Knie sinken unb beten. Beten für bie ba vorne, für bie schon wieder unsichtbar gewordenen dunkeln Punkte. Wo stecken sie Gleich, gleich müssen sie ja stürmen. Da prescht ein Rudel aus dem Ortsranb von Cebrow heraus, erhalten. Zu dumm dies ausgucklose, flache Landl Es liegt alles offen unb ausgebreitet vor uns unb boch bleiben wir blinb, erfchreckenb blinb im überreichen Geschehen. Der einzige Trost, baß es allen genau so geht, felbst ben Pünktchen ba vorne unb bem Feinb unb ben Führern hüben unb brüben. Wer von ihnen sieht mehr, weiß mehr als wir? Gelbe Hopfenbolden hängen Möß jetzt mitten ins Gesicht. Sie sind reif, voll würzigen Staubs, sprühen ins Gezweigs ihren scharfen Duft Er atmet tief. Er reißt zwei Doiben ab unb zerreibt sie in ben Hänben. Wer, muß er babei benfen, wer hat bies unzählige Male getan, ~ Gerö ihr Feuer barauf. Das Hämmern ber Maschinengewehre steigert sich zu Rasseln unb Prasseln unb setzt nicht mehr aus. „Mein Gott, mein Gott ..." Am liebsten möchte Möh jetzt nau so wie ich jetzt? Ja, wer bloß? Großvater! Natürlich, Großvater in feinem Hopfengarten. Habe ihn nicht hunbertmal gesehen, wie er in seinen knotigen Fingern Selben Blüten zerdrückte, dann lange daran roch und überlegte, ob ,eit ber Ernte gekommen fei? Er muh barauf zu sprechen kommen. „Fiam, kedves fiaeskäm, Söhnchen, was kümmert bich setzt Hopfen unb Ernte unb Siebenbürgen? Sieh, ich habe ein ganzes Gut in ben Hänben meiner Frau unb ber Dienstleute zurückgelassen unb frage nicht Die stille Stadt. Von Richard Dehmel. Liegt eine Stadt im Tale, ein blasser Tag vergeht; es wird nicht lange dauern mehr, bis weder Mond noch Sterne, nur Nacht am Himmel fte';‘. Von allen Bergen drücken Nebel auf die Stadt; es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus, kein Laut aus ihrem Rauch heraus, kaum Türme noch und Brücken. Doch als den Wandrer graute, da ging ein Lichtlein auf im Grund; und durch den Rauch und Nebel begann ein leiser Lobgesang aus Kindermund. Oie zehn chinesischen HoffleiSer. Eine Komödiantengeschichte von Paul E r n st. Eine Gesandtschaft vom Kaiser von China war nach Rom gekommen. Der Kaiser hatte gehört, daß in Rom der Heilige Vater lebt, und hatte es anständig gefunden, dem seine Empfehlungen zu übermitteln. Er hatte ihm die Werke der chinesischen Dichter in Prachtausgaben geschickt, zehn Pfund kaiserlichen Tee, mehrere Ehrengewänder und ein vollständiges Porzellangedeck für zwölf Personen. Die Gesandtschaft bestand aus zehn Herren vom ersten Rang im chinesischen Reich. Die Herren waren in kostbare, gestickte Gewänder gekleidet und erregten großes Aufsehen bei der Straßenjugend. Vermutlich sind in China die Sitten in bezug auf Gesandtschaften »nders als in Rom. Die Chinesen hatten darauf gerechnet, daß ihnen eine Wohnung im Schloß seiner Heiligkeit eingeräumt würde, und daß sie ihre Beköstigung aus der Hofküche erhielten; sie hatten sich ihre Reise auch von den chinesischen Gelehrten berechnen lassen, und denen ist vielleicht im Rechenfehler untergelausen; kurz und gut, die Herren kamen in Rom In eine arge Geldverlegenheit. Diese schien auf sie selber einen geringeren Kindruck zu machen als auf ihre Gläubiger, denn sie für ihr Teil gingen mit ebenso ruhigen und freundlich lächelnden Gesichtern durch die Straßen Roms lustwandeln wie vorher, indessen die Gläubiger verstört wurden, tn den Straßenecken zusammentraten und leise und eindringlich mitein- t nder sprachen, indem sie die Köpfe zusammensteckten und mit den Armen Achtelten. Nun, die Gläubiger klagen, die Gesandten werden verurteilt, l mmt, dann kann er es immer brauchen, er bietet zehn Saldi; der Versteigerer schreckt zurück, aber er muß ausrufen: „Zehn Saldi sind gebeten worden, wer bietet mehr, niemand mehr? Eine chinesisches Hof- klsid aus grüner Seide mit Goldstickerei, einen Drachen darstellend"; memand bietet mehr, und so bekommt der Direktor das Hofkleid mit d m Drachen, und in derselben Weise bekommt er die anderen Hofkleider, Mf welchen das Meer gestickt ist, über dem Vögel schweben, der Himmel rät flatternden Schmetterlingen von allen Farben, der Höllenhund, wel- tfer einer armen Seele ins Bein beißt, und ähnliches. Der Direktor hat also die gesamten Hofkleider erstanden, und nun schlt ihm nur noch die Idee. Die Idee kommt ihm aber auch, nämlich n trägt dem Dichter auf, ein Stück zu den Kleidern zu schreiben. Was das für ein Stück fein fall, das ist natürlich die Sache des Ei chters. ®lan kann dem Dichter Vorstellungskraft und Erfindung gewiß nicht d sprechen; aber wie soll er es machen, für zehn chinesische Hofkleider m> Stück zu erfinden. Wahrscheinlich würde nicht einmal der Leser dieser Geschichte eine solche Aufgabe lösen können. Also der Dichter sctreibt das Stück nicht. | Coraline ist dem Dichter bisher nie menschlich nahegetreten. Plötz- liiD redet sie ihn auf einer Probe an und beginnt ein Gespräch mit ihm. Sie fragt ihn, ob das Dichten schwer ist; ob er lieber allein dichtet oder in Gesellschaft, ob er auch alte Stücke ausarbeitet, daß man denkt, sie sind neu und ähnliches, und da sie hübsch ist und sehr viel Geist hat, so bezaubert sie den Dichter. Der Dichter verspricht, sie zu besuchen, sie glaubt das nicht eher, als bis er in ihr Zimmer tritt, denn warum hat er sich immer so von ihr ferngehalten. Er verspricht es nochmals, und sie stellt die Behauptung auf, daß die Dichter unzuverlässige Leute sind; er beteuert, daß er kommen wird, und sie erklärt, daß dann alle anderen Schauspieler sie beneiden werden; und so geschieht es denn, daß der Dichter noch am selben Nachmittag bei ihr anklopst. Er tritt ein. In ihrem Zimmer, sauber über Bügel gebreitet und glatt gestrichen, eins neben dem anderen, auf Nägeln, welche der Direktor in gleichen Zwischenräumen in die Wand geschlagen hat, hängen die zehn chinesischen Hofkleider. Sie führt den Dichter vor die Wand und bittet ihn, die Kleider zu betrachten, plötzlich ist sie von seiner Seite verschwunden, sie ist aus der Tür geschlüpft, hat außen den Schlüssel umgedreht und ruft ihm nun durch die Tür zu, daß Brot, Käse und Wein in der Lade stehen, Papier, Tinte und Feder sind auf dem Tisch, und er kommt nicht eher aus dem Zimmer, als bis er das Stück geschrieben hat. Der Dichter könnte rasen, er könnte an die Tür hämmern, Stühle und Tische umwerfen, aus dem Fenster nach der Feuerwehr schreien und ähnliches. Aber dann würde er den Ruf einer Dame gefährden, und den Ruf einer Dame gefährdet er nicht. Was bleibt ihm übrig? Er öffnet die Lade, ißt und trinkt, und dann fetzt er sich an den Tisch und schreibt. Wir wollen ja nicht behaupten, daß der Dichter Coralinen liebt, aber er glaubt sie jedenfalls zu lieben, und das tut hier dieselben Dienste. Coraline hat das Gewand mit den bunten Schmetterlingen an, der Dichter denkt sich selber in dem Gewand mit dem Drachen; sie sind beide Geister, sie sind zwei Geisterkönigskinder, die einander lieben, weil sie sich im Traum erschienen sind. Coraline hat gesehen, wie der Dichter weinte, und nun weint sie auch, sie weint beständig. Er weinte nur, weil er einen Reim nicht finden konnte, den er schon lange suchte, und weil er von einem Bösewicht, der noch nicht aufgetreten ist, deshalb verhöhnt wurde; aber das kann sie natürlich nicht wissen, weil die Beiden sich überhaupt noch nicht gesprochen haben Es tritt der Theaterdirektor auf; er hat das Kleid an, auf welchem der Höllenhund einen armen Sünder ins Bein beißt, und ist der Bösewicht; natürlich will er die Liebenden auseinanderbringen. Aber Coraline ist treu. Und nun zeigt sich die Macht der Dichtung. Der Dichter träumt. Coraline erscheint ihm im Traum in dem Gewand, wo die Vögel über dem Meer schweben, von ihrem Anblick begeistert, findet er seinen Reim. Er schreibt ihn gleich auf, sein Gedicht ist fertig, er lieft es vor, der Theaterdirektor ist besiegt, die Nebenfiguren, welche in dieser kurzen Inhaltsangabe nicht erwähnt sind, versammeln sich auf der Bühne, und Coraline finkt dem Dichter in die Arme. Das Stück ist fertig, der Direktor schließt selber die Tür. auf und nimmt es ihm ab, um die Rollen ausfdjreiben zu lassen, denn er verspricht sich von den Hofkleidern eine durchschlagende Wirkung. Der Dichter verlangt Coraline zu sehen. Wir können mit Bestimmtheit behaupten, daß er sie nicht liebt; aber was tut das? Wir dürfen bei der Liebe, bei einem Dichter, bei einem liebenden Dichter keine Logik verlangen: er liebt sie gar nicht, und trotzdem müssen wir sagen, daß seine Liebe zu ihr unglücklich ist. Zwischen den Zeiten. Von Ernst Kreuder. „Du hast dich ja auch schon oft mit Erinnerungen beschäftigt", sagte Martin, er hatte mich zum Wochenend besucht, meine Frau war verreist, und wir waren allein in meiner Wohnung. Ich hatte den Lautsprecher abgestellt, einige Buchenscheite in den Ofen geworfen und die Stehlampe zwischen den beiden Sesseln angeknipst. Wir rauchten rauhes Zeug und tranken gärigen Most. Draußen stand die Dämmerung wie eine Nebelwand in den Wiesen, die langsam näherrückte. „Ich habe mich oft gefragt", fuhr Martin fort, „sind die Erinnerungen etwas Wirkliches, und wird uns das Leben erst in der Erinnerung zur Wirklichkeit? Denn die Wirklichkeit hier ist doch immer nur der Augenblick. Einen Augenblick später ist sie schon wieder Erinnerung." Ich mußte ihm ReKt geben, ich nickte, schenkte sein Glas voll. Im Ofen zersprang ein Scheit mit einem Knall. „Dir kann ich ja so etwas erzählen", sagte Martin ruhig, „ein anderer würde vielleicht nichts damit anfangen können. Ich war vor einigen Monaten in Praunheim, wo ich einen Bekannten besuchte, und mußte auf dem Rückweg durch die Außenbezirke von Frankfurt. Ich fuhr mit dem Rad. Es war Sonntag, die Straßen waren leer, das Licht war trüb und grau, der Himmel überzogen, und wenn bei diesem fahlen Nachmittagslicht sich niemand auf der Sttaße zeigt, alles wie ausgeftorben daliegt, und dazu in einem Vorstadtbezirk mit trüben roten Backsteinhäusern, dann kann es einem ganz düster zu Mut werden. Ich hatte keine Ahnung, wa ich mich befand, ich wußte nur ungefähr die Richtung, einem Halbkreis von Anlagen entlang. Aber plötzlich kam mir die Gegend auf eine unheimliche Art bekannt vor, ich stieg vom Rad und sah mich um, und dann wußte ich mit einemmal, wo ich war. In einer dieser kahlen, wie abgestandenen, trüben, trostlosen Seitenstraße hatte einst Dorothea gewohnt. Während ich neben meinem Fahrrad stand und über den verlassenen Platz nach den Straßenfronten hin- übersah, erkannte ich auch die beiden verwitterten, abgenutzten grauen Bänke wieder, das verrostete Vorgartengitter an der Ecke, und einen Augenblick machte das Ganze auf mich den Eindruck einer leeren Bühne, auf der nicht mehr gespielt wird, die Schauspieler sind schon lange fortgegangen. sie sind vor zwölf Jahren schon fortgegangen. Und doch war es, als könnten sie jeden Augenblick wieder auftauchen, ich roor ja da, ich gehörte ja dazu, und Dorothea wohnte noch in dieser Stadt, aber das Lleber die Augen. Betrachtung von Ern st Penzoldt. „Deine Augen", heißt es in dem Briefe eines unbekannten Liebenden, „deine Augen sind es, an die ich nun immer denken muß. Ich liebte dich schon eine gute Weile, ehe ich deine Augen wirklich sah: Ich hätte, nach ihrer Form und Farbe gefragt, nichts rechtes zu antworten gewußt, Ich sah sie eigentlich zum ersten Male erst gestern Abend, als ich mich über dein Gesicht neigte, aus jener Nähe, die ihnen ein weiser Gott zugemessen hat, aus der sie angeschaut werde« wollen, weil sie so am schönsten sind," Auf das Gesetz des schönsten Abstandes spielt der verliebte Briefschreiber an und es scheint in der Tat in nichts so zutreffend, als eben in Betracht der Augen: es gibt nur eine Entfernung, in der ihr Anblick, in der ihr Zauber vollkommen ist. Jeder Liebende wird ihn neu für sich entdecken, mancher wird die Augen davor schließen, mancher innehalten und in stummen Entzücken verharren, sich selbst dabei vergessend. Denn wir meinen da etwas zu erblicken, was wir sonst nirgends in der Welt wahrzunehmen vermögen, des andern Seele nämlich meinen sie zu schauen. Man kann freilich die Behauptung hören, der seelische Ausdruck der Augen liege lediglich in ihrer Umgebung, in den Lioern, Wimpern, waren wir längst nicht mehr: der, der hier einst, verzweifelt und sehnsüchtig viele Stunden lang gewartet hatte, in eine, wie es schien, aus- wealose rettungslose Sehnsucht verstrickt, konnte unmöglich derselbe fein, "er eben Dom Rad gestiegen war und das alles wieder auferstehen sah. Wo war er, der andere, hingekommen? „ . .. . , Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst. Ich hatte das noch nie erlebt. Ich stand vollkommen hilslos da, verzagt, und als wäre ich von etwas Unausdenkbarem bedroht Ich wußte plötzlich alles wieder Wie ich es jetzt sah, war es eine verzweifelte und unglückliche Liebe gewesen wie ich sie nirgends mehr gefunden habe. JcWhatte auf diesen sirngen Mann von damals, der ich war, hatte ich ihn damals gekannt, nickt einen Heller mehr gesetzt. Denn er war unrettbar aus jeder möglichen Bahn geraten, er fuhr nur noch zur Universität, um Dorothea nach stundenlangem Suchen vor der Tur eines Horjaals zu Treffen, wo sie sich mit einem ihrer vielen Bekannten unterhielt. Dann verabredete sie vielleicht mit ihm eine Stunde am Nachmittag oder Abend, und die Zeit bis dahin brachte er dann, allein, in den Anlagen, an einem Teich, ki dumpfem Brüten zu. Er war zwanzig Jahre, es war die erste Liebe. Da dieses Gefühl, diese Sehnsucht mit einer, solch rettungslosen Gewalt in ihm entstanden war, konnte diese Liebe im ®runbe gar nicht die Freundin treffen, sie war wie ein maßloser Laus ms Nichts, em Anspruch an die Erfüllung eines Wahns. Mit dieser Liebe mußte man unglücklich werden, sich verzehren, es konnte kein Wunder geschehen, und es geschah keines. Dieser junge Mann studierte nicht mehr, hungerte weil ihm das Essen im halse stecken blieb, wenn er an die Freundin dachte und er dachte immerfort an sie, er war so gut rote verloren. Was sollte aus ihm werden? Die Freundin mochte ihn recht gern, aber sie liebte diesen» Wahnwandler nicht, diesen glimmenden Attentäter der Liebe. Aber dann war es doch unausdenkbar, wenn sie ihn auf einem Abendspaziergang plötzlich an sich zog und küßte. Denn bann geriet er in einen Zu- ftanb phantastischen Ueberschwangs. Unb dieser Liebende war ich? Der ich vom Rad gestiegen war und in die fahlgraue Luft der Straße blickte? Derselbe^ der letzt ein selbsi- erroorbenes Häuschen auf dem Lande hatte, einen Beruf, eine Frau unb nicht unbekannt in ber fotiben Deffentlidjteit? Wie soll man bas begreifen? Ach «nb mit einem Male liebte ich biefe verlorenen Tage roieber, diese Stunden. Die Regenluft hatte damals auf einem Spaziergang träumerischer geduftet, ein Vogelruf aus den Büschen war süßer unb heimwehvoller gewesen, unb bann bankte ich dem Himmel, büß mim Dorothea doch zuweilen an sich gezogen hatte, unb bann bankte ich Dorothea für (eben kleinen Kuß, für jebes liebe Wort unb bafür, bah ich nicht aus allen Fugen gebrochen war, benn fo viel Halle sie mir boch gegeben von ber lichten Freundlichkeit ihrer Jugend, wenig und viel, einen hauch, einen Gruß, ein sanftes Wort. Ich schob jetzt mein Rad über den Platz, zwölf Jahre spater, lehnte es an die Mauer und ging in das Wirtshaus. Ich setzte mich in dem leeren, dämmerigen Raum in eine Ecke, wo ich durch die Scheiben die Tram kommen sehen konnte, und trank ein Glas Bier und ließ mir billige Zigaretten kommen. Und dann begriff ich jene verrückten Millionäre, die plötzlich in einer Stadt ein häßliches, altes, trostloses Haus kauften, den Bewohnern die Miete erließen, und manchmal nachts lange davor standen späte verlorene Beschwörer von versunkenem Leben, Erinnerungsgräber, unkenntliche Schatzgräber der Vergangenheit." Martin schwieg eine Weile und sah lächelnd durch den Lichtschein der Lampe in den dunklen Raum, in die Ferne der Erinnerung. „Im gleichen Monat", fuhr er dann fort, „schleppte mich Erwin, den du ja auch kennst, zu einem neuen Bekannten, mit dem er öfter Schach spielte. Ich ging ahnungslos mit, Erwin läutete an der Flurtür, ich stand neben ihm, dann ging die Flurtür auf, und Dorothea stand vor uns. Sie begrüßte uns herzlich und freute sich, mich wiederzusehen. Nun hatten wir uns in den vergangenen Jahren verschiedene Male flüchtig gesehen, aber als ich ihr jetzt in ihrer Wohnung gegenüber saß, begriff ich erst, daß ick sie nur noch ein einziges Mal roiedergesehen Halle, und da war sie gar nicht dabei gewesen, das war, als ich an jenem trüben Sonntag nachmittag in der düsteren Vorstadt vom Rad gestiegen war und über den Platz gestarrt hatte. Da hatte mich noch einmal jene Luft von damals berührt, fast schmeckbar, und ich hatte Dorothea wirklich wiedergetroffen. Jetzt saß mir nicht Dorothea gegenüber, unb ich selbst war auch nicht ber Freund, ber ihren Kuß empfangen hatte, ich langweilte mich dort und ging mit Erwin bald wieder fort." Brauen also, in den Zweckberoegungen der Muskulatur, in den Falt- chen, Zusammenziehungen und Verzerrungen, was bedeuten maßte. bas Auge selbst sei seelenlos, lieblos, freublos. Es ist nicht so, selbst wenn es exakte Versuche bewiesen haben loUten: sie werben unscharf bleiben, weil sie babei einen heiligen Bezirk berühren, inbem sie notwendig unwirksam werden müssen, weil es dort keine Versuchsreihen und Beweise mehr gibt, sondern nur die Gewißheit von Angesicht zu Angesicht. , .. . . s. Auch die Tiere wissen darum. Sie schauen nicht auf die Hand, Die ihnen bas Futter reicht, bie sie streichelt ober straft, sie sehen uns in die Augen. Sie suchen unser Auge, bort ist der Sitz ihrer Erwartungen, unb sie sehen mitten hinein. Man kann es wohl unterscheiben, ob sie auf unsere Nase, ben Munb ober selbst ganz bicht bahin seh»n würben. So verschieben wie Tiere voneinanber sinb, Mensch unb Fisch, Vogel und Fisch, Fisch unb Säugetier, nach Form unb Verwendung der Gliedmaßen, in unserer Gestalt, Lebensweise und Zeugung, die Augen sind uns allen gemeinsam, gleichsam am verwandtesten. Sie schauen einander an und erkennen sich darin. Bei keinem Tiere übrigens ist fo viel vom Weißen des Auges sichtbar, wie beim Menschen. Die meisten Menschen scheuen sich, das Auge eines Tieres zu essen, obwohl es Leute gibt, die behaupten, es sei ein Leckerbissen, wie Austern etwa, fo z. B. beim Karpfen. Das Herz ober Gehirn eines Tieres zu essen, scheuen sich nur wenige. Es hak schon seine befonbere Bewandnis bamit, seitdem der Schöpfer zum erstenmal ans Auge dachte und es wurde. L> herrlicher Gedanke, welch eine Erfindung! Die Erkenntnis des Platin hat Goethe in feine lernen wörtlich verdeutscht: Wär nicht das Auge fonnenhaft, die Sonne könnt es nicht erblicken. Erklärer der Gesänge des Homers meinten es entschuldigen ober verschlimmbessern zu müssen, wenn eine Gottheit vom Dichter „bo-opis ober „glaukopis" genannt wird, ftieräugig, kuhäugig, eulenäugig. Die Augen nicht nur ber griechischen Rinber sind schön. Wie schön sind die Augen der Gazellen, schöner noch die der seltenen unb anmutigen Giraffenantilope. Freilich: Der Seewolf ist ein Fisch „mit tückischem Auge unb ebensolcher Gemütsart". (Brehm.) Ich habe kürzlich einen Arzt allen Ernstes unb mit bewegten Worten bie Schönheit ber Schweineaugen loben hören. Er meinte nicht bie im Fett verschwindenden Schweinsäuglein, sonbern das eigentliche Auge mit Iris und Pupille. Er sagte, was mir neu war, daß bei diesen Tieren besonders schöne blaue Augen vorkämen. Nun könnte freilich ein Spötter aufstehen und kecklich behaupten: das Auge sei gar nicht schön. Er könnte es zu beweisen versuchen und es mit dem Objektiv einer photographischen Kamera vergleichen, auf die Einfachheit der Form und Zeichnung Hinweisen. Es ist nun freilich erstaunlich, wie man sich daran gewöhnt hat, etwas so Unsinnliches, ja fast Abstraktes wie das Auge als schön zu empfinden. Denn in Wahrheit ist nichts in der Natur so unvergleichlich und ohne Maßstab wie das Auge. Auch die Bilder beweisen es, die wir dafür haben, wie Stern und Regenbogenhaut, der Vergleich mit Diamanten und die Umkehrung dieser Vergleiche. Es ist eine Schönheit von der Art, wie sie Wmckel- m a n n in seinem tiefen Paradoxon meint: das Schöne besteht in der Mannigfaltigkeit des Einfachen. Dabei mag es uns wundern, wenn er an anderer Stelle sagt: Noch mehr als die Stirn sind die Augen ein wesentlicher Teil der Schönheit und in der Kunst mehr nach ihrer Form als nach der Farbe zu betrachten, weil nicht in dieser, sondern in jener die schöne Bildung derselben bestehet, in welcher die Farbe der Iris nichts ändert. Sind es nicht aber gerade Iris und Pupille, das Augenlicht also, darin in gesegneten Augenblicken ein Widerschein der Seele schimmert? Es ist der einzige Ort, wo sie sich zuweilen zeigt. Man könnte meinen, bann müsse sie wohl sehr klein, sehr leise, sehr scheu unb zum Umblasen" zart sein. Allein sie lebt in einem Bezirk, in dem nicht mit Größen und Zahlen gemessen wird. „Alle Dinge sind gleich groß." Betrachten wir das Innere des Auges mit dem Augenspiegel in jener gewaltigen Vergrößerung, die uns die modernen Untersuchungsmethoden ermöglichen ... für den Laien, der zum erstenmal in diese rote Hölle schaut, rot wie die untergehende Sonne, ein erschreckender Anblick! Denn er schaut in eine Art glühendes Erdinnere, landkartenhaft, von Flüssen und Nebenflüssen durchzogen. Das sog. Augenleuchten, das dem nächtlichen Autofahrer oft begegnet, ist bei den Katzen grün, beim Menschen rotgelb. Alle Menschenkinder kommen mit blauen Augen auf die Welt. Man könnte sich denken, daß eine Sibylle Merian ihr Leben damit verewige, nicht nur Blumen und Schmetterlinge und Käfer zu malen, sondern die schönsten Augen dieser Welt, jene Hellen, fast eisfarbenen, wie man sie bei Seeleuten findet, ober jene gefährlichen, von bebrohlicher Bläue, ber Bläue von Schieferbächern bei natjenbem Gewitter — ihre schillernbe Iris ist am Raube buntler unb wirb Heller nach ber Pupille — bie seltenen goldgelben, die smaragdenen und die schwarzbraunen, oft nur scheinbar fo unergründlichen Samtaugen, jene frommen braunen Kuhaugen, die olivgrünen, die mit der rofenwolkenzarten Sklera und die mit der bläulichen an Delfter Majolika erinnernden, die feurigen und traurigen, die mit dem scharfen spitzen Glanzlicht, die mit dem weichen Schimmer, die glanzlosen, verschwommenen, die leicht gerührten, die schmachtenden — „hygron" hieß den Griechen dieser feuchte Glanz — auch die mit dem feligfatten Blick wie ihn Brueghel auf dem Bilde von Schlaraffenland malte, alle Tieraugen wie sie beim Menschen Vorkommen, die kalten Reiheraugen, die Schildkrötenaugen und die Goldfischaugen. D über den Narren, von dem Montaigne berichtet, der ein Weiser zu sein glaubte und sich die Augen ausriß, um durch die Herrlichkeiten dieser Welk nicht in seinen philosophischen Gedankengängen gestört zu werden! Beran>wörtlich: vr. HansThyrioi. — Druck undDerlag:Drühl'scheLintverfiiäts-Buch-undSieindrucker ei. A. Lange, Gießen.