SiehenerZamilienblätter ________Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Zreitag, den 3. Januar Jahrgang 1936 Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann i 11. Fortsetzung. Ganz richtig, ja, so hat sie ausgesehen. Es ist nur wenige Jahre vor ihrem Tode gemacht. Sie hat sich ja nie gern photographieren lassen wollen. Alte Leute sind ja zuweilen so wunderlich und meinen, daß sie dann sterben müssen. Aber nun freut sie sich doch, daß sie es damals noch durchgesetzt hat. Und das hier ist ein Bild von Martin. Ein so guter Junge, wie der ist! Da vergeht kein Monat, daß er nicht ihr etwas von seinem Lohn herüberschickt, so wenig er auch verdient. Nur, daß er zuweilen ein Trinkgeld bekommt, wenn er mal ein paar Kofser zur Bahn getragen hat. Aber sie legt ihm alles zurück, was er schickt. Vielleicht, daß er es später mal nötig hat. Lars antwortet nicht. Schweigend hält er das Bild des jungen Mannes in den Händen. Ja, es ist Dörtes Schatz, da ist gar kein Irrtum möglich. Krampfhaft sucht er nach einem Wort, das er der Frau über das Bild sagen könnte, aber er findet keins. Ob er sich wohl darauf besinnen kann, daß er Martin schon einmal fiesehen hat? Vielleicht, daß er ihm schon einmal begegnet ist, wenn er eine Tochter im Hotel besucht hat? Doch, ja, darauf kann er sich wohl besinnen. Er meint wenigstens, daß er ihn einmal gesehen hat, aber er hat ja nicht weiter darauf geachtet, nicht wahr? Er hat ja damals noch nicht gewußt, daß sie sich vielleicht einmal heiraten werden... „Wie?" fragt die Frau und muß sich in ihrer Ueberraschung einen Stuhl nehmen. Was sagt Lars da? Die Kinder? Das hat sie wohl eben nicht recht verstanden? Da kann Lars ja nicht gut anders, nun er soviel verraten hat. Also kurz und gut, er weiß, daß Martin Borte liebt und es ist eine Beruhigung für ihn, daß er nun weih, ein wie guter Sohn er ist. Denn so wie einer seine Mutter hält, wird er auch einmal seine Frau behandeln. Aber mehr kann er unmöglich darüber sagen, denn er weiß ja bislang auch nur erst durch Zufall davon, daß es die beiden aufeinander abgesehen haben. Es ist ja alles noch ganz heimlich zwischen ihnen. Darum ist es wohl am besten, wenn auch Frau Lohmann sich noch nichts davon merken lassen wird, nicht wahr? Nein, wenn es so damit steht? Da werden sie also wahrscheinlich noch einmal verwandt miteinander? Bis jetzt hat Martin allerdings noch kein Wort davon gesagt, daß er es mit Sorte hat, aber wenn Lars es nun weiß und so davon sprechen kann, muß es ja schon seine Richtigkeit damit haben. Nun, ihr kann es zuletzt recht fein. Sie kennt Dörte ja nicht, abet* sie will gern glauben, daß es ein gutes und fleißiges Mädchen ist, und aus einer rechtschaffenen Familie stammt sie ja auch, nicht wahr? Lars läuft blutrot an und weiß nicht, was er antworten soll. „Nun, Dorte ist jedenfalls ein rechtschaffenes Mädchen, das weiß Gott", stammelt er und hebt nun auch den Kopf wieder, denn so viel kann er wirklich ohne zu lügen behaupten. Arm ist sie, gewiß, das will er nur gleich sagen, aber Martin wird nicht mit ihr betrogen [ein, das kann er ihm versichern, und was Martin betrifft, so steht er sich am Ende vielleicht einmal besser, als er heute schon weiß. Das versteht Frau Lohmann ja nun nicht und meint, Lars spiele damit aus ihr kleines Besitztum, das Haus und den Garten an. Gewiß, es ist richtig, sie hat sonst keinen Erben, und was ihr gehört, gehört auch Martin, aber Lars soll nicht glauben, daß das von Belang ist. Sie hat nämlich eine Hypothek auf das Haus aufnehmen müssen, und hier draußen etwa mit dreien von dem kleinen Laden zu leben ist ganz unmöglich. Sie hat es vorhin ja schon gesagt, nicht wahr? Lars nickt nur. Ja, darüber soll sie sich nur keine Gedanken machen. Die jungen Leute werden sich vielleicht mal ganz anders einrichten, und überhaupt ist es ja noch zu früh, über solche Dinge zu reden. Er hat wohl überhaupt schon zuviel gesagt und ist zwischen seinen Worten so mit sich selber beschäftigt, daß er kaum hinhört, was ihm Martins Mutter auseinandersetzt. Denn der Gedanke, der ihn durchzuckte, will ihn nicht wieder loslassen ... Er muß dieses Bild mithaben, das mag nun gehen, wie es will! Seine Stimme wird rauh und heiser unter der Erregung, als er mit feinem Anliegen herausrückt. Aber er fängt es durchaus nicht fo ungeschickt an, wie er selber meint, als er noch einmal Martins Bild in die Hand nimmt, das noch vor ihm auf dem Tische liegt. Sie hat wohl nur dieses eins und gibt es nicht gern her? Denn wenn er es sagen soll, so möchte er es wohl für ein paar Tage mithaben und es seiner Frau zeigen... Ja, auch von ihr hätte er gern eins mit, und auch von ihrer Mutter... So kann Lena zu Hause schon alle einmal betrachten und Martins Familie kennenlernen. Aber die Frau findet seine Bitte gar nicht so wunderlich, wie er angenommen hat und ist gern einverstanden. Es kommt nur alles so überraschend und schnell über sie, nicht wahr, und es ist ja einfach ein Unrecht, daß Martin nicht schon längst mit ihr über Dorte gesprochen hat, wenn es nun schon sobald oorangehen soll damit. Nein, das sieht sie wohl nun doch nicht ganz richtig, und Lars muß Martin da ein wenig in Schutz nehmen. Es soll durchaus noch nicht so bald vorangehen damit und bis zur Hochzeit wird wohl noch mancher Tag vergehen. Es ist ja nur Lars Freude, wenn er jetzt schon davon gesprochen hat, und er wird ihn gewiß nicht drängen. Dorte ist ja noch jung, kaum 17 Jahre, nicht wahr, und auch Martin hat wirklich noch lange Zeit... Da kann man es doch verstehen, wenn er bisher noch von allem geschwiegen hat, nicht wahr? Als ihm dis Frau die Bilder dann eingewickelt hat und er sie in die Tasche schiebt, überwältigt ihn die Erregung beinahe. Es ist mehr Gerechtigkeit in der Welt, als du wohl glaubst, Lars Hullmann, klingt es wieder in ihm auf, und eine Empfindung ist in ihm, s wäre er von neuem in Traum und Unwirklichkeit versunken, als er jetzt aufsteht und geht. Das Blut rauscht ihm in den Ohren, ein immer wiederholtes, stoßweises Brausen, und er hört nicht einmal den Abschiedsgruß der Frau mehr, nun er die Tür hinter sich zum Laden zuzieht. Ja, ob er denn nun doch das Paket mitnehmen will? ruft ihm die Frau nach, als er schon auf der Landstraße steht und davongeht, und sie schüttelt verwundert den Kopf, als er sich nicht einmal nach ihr um- wendet. Hört er denn gar nicht, daß sie ihn ruft? Nein, er hört es nicht. Auch eine stärkere Stimme als die ihre hätte ihn nicht erreicht, und alles um ihn versinkt in dem Brausen, das in ihm ist. Als Lars am Abend dieses Tages wieder auf die Diele feines Hauses tritt, will Lena beinahe das Herz stillstehen, nun er nach der langen Zeit, in der er unterwegs war, plötzlich wie aus der Erde gewachsen wieder vor ihr steht. „Nein", stammelt sie fassungslos, und trotz ihrer Freude steigen ihr Tränen in die Augen. „Das kannst du so bald nicht wieder gutmachen, Lars. Drei Tage — und ohne ein Wort!" „Ja, du hast wohl recht", nickt Lars, und eine merkwürdige Ruhe spricht aus ihm, als wäre alle Verstörtheit und aller Druck, der auf ihm gelegen, nun von ihm gewichen. „Aber gräm dich nicht länger darum, Lena. Es war nötig fo, siehst du. Ich hatte viel in Ordnung zu bringen, wenn ich es sagen fall... Ist Krick vielleicht da in der Stube?" setzt er hinzu und deutet mit dem Kaps aus die Tür zu dem Zimmer, das Lena dem Besuch eingeräumt hat. „Nein, er ist vorhin weggegangen. Er sagte ja niemals, wohin er' geht, und wird schon wiederkommen. Sorg dich nur nicht um ihn. Er ist wohl in den Krug gegangen." „So", entgegnet Lars versonnen und still. „Es ist nur, damit ich Bescheid weiß. Ich habe noch mit ihm zu reden nachher." Er ist über die Diele gegangen und tritt nun vor den Pferdestall. „Hallo, alter Bursche", sagte er und lächelt, als Hopla, der ihn an der Stimme erkannt hat, über die steinerne Krippe hinweg ihm den Kopf entgegenstreckt. „Er hat doch zu fressen gehabt, Lena, wie?" ruft Lars und streichelt dem Tiere die Stirn. „Er muß nämlich nachher noch mit dem Wagen in die Stadt, siehst du, und das ist ein ziemlicher Marsch für so einen." „Wie?" fragt Lena verwundert und kommt Lars nach. „Jetzt bist du kaum über die Schwelle getreten und willst schon wieder fort? und mit dem Wagen?" „Ja, Lena. Du mußt nicht lange fragen, siehst du. Was meinst du, ich habe sogar vor, dich und den Kleinen diesmal mitzunehmen." Lena traute ihren Ohren nicht. Jetzt am Abend und bei der Kälte und dem Schnee, zumal Lars sonst immer so besorgt um das Pferd ist? „Nein", sagt sie, „was für ein Einfall! Denn wenn wir jetzt wegfahren, Lars, werden wir ja noch in der Nacht in der Stadt ankommen? Das hast du wohl nicht bedacht, wie?" Oh, fo dumm ist Lars nun doch nicht. Ader ist es nicht am besten, er sagt ihr jetzt die ganze Wahrheit? Erfahren muß sie ja nun doch, und so hat sie doch ein wenig Zeit, sich in alles zu finden, was ihnen bevorsteht ... Denn für ihn selber bedeutet der Abschied von hier draußen ja nun keinen Schmerz mehr. Im Gegenteils ihm ist seit langem nicht mehr fo leicht und frei zu Sinn gewesen, nun alles für ihn entschieden ist und ihn in feinem Entschluß nicht mehr wankend machen kann. Alles wird ja jetzt richtig werden, wenn er auch weiß, daß ihm das Schwerste noch bevorsteht. „Ich soll dich übrigens grüßen von Dorte", sagte er, um die Aus- spräche mit ihr noch ein paar Minuten hinauszuschieben. Auch ist es wohl besser, wenn er die Dinge mit Krick vorher in Ordnung bringt, und erst mit Lena spricht, wenn auch das Letzte noch hinter ihm liegt. „Warst du denn bei Borte" fragte Lena verwundert. „Und das sagst du erst jetzt!" „Ja, und es ging ihr wunderbar gut, denk mal. Herrlich, wie sie sich in der letzten Zeit herausmacht. Gar nicht wiederzuerkennen war sie." „Aber es ist doch noch nicht so lange her, daß sie hier bei uns war, da kann sie sich doch nicht so sehr verändert haben in der kurzen Zeit?" lächelte Lena. „Das meinst du, und ich hätte es gewiß auch gesagt, wenn mich einer gefragt hätte. Aber nun ist sie im Hotel plötzlich zum Zimmermädchen ausgerückt, was sagst du! Es ist ganz plötzlich gekommen damit! Da geht sie nun in einem Kleid herum, so sauber wie eine Prinzessin, kann ich dir sagen, und eine richtige Frisur trägt sie nun. Denn es ist etwas anderes, oben die Gastzimmer in Ordnung zu bringen als unten in der Spülküche zu stehen und den ganzen Tag den Qualm von dem heißen Wasser um Nase und Ohren zu haben, nicht wahr?" „Nein, was du sagst, Lars! Das ist wirklich eine Ueberraschung." Aber da kommt Krick. Sie hören ihn draußen, wie er sich vor der Tür den Schnee von den Füßen stampft. „Geh nur jetzt hinein, hörst du?" flüstert Lars hastig. „Und mach dich schon fertig in der Zeit, nicht wahr? Der Kleine schläft wohl schon? Da wird es nicht anders gehen, als daß du ihn aus dem Schlaf nimmst. Aber zieh ihn warm an. Du weiht, wie kalt es auf dem Wagen zu sitzen ist." „War es denn wirklich dein Ernst, Lars, daß du heute abend noch mit uns beiden in die Stadt willst? Und Krick? Meinst du, daß wir ihn so lange hier allein lassen können?" „Um Krick können wir uns dabei nun am wenigsten kümmern", weicht Lars aus. „Bielleicht, daß er überhaupt nicht lange mehr hier ist. Nimm nachher übrigens ein paar Bettstücke mit auf den Wagen, hörst du? Da bleibt der Kleine warm und kann in Ruhe weiterschlafen. Aber warte so lange in der Stube, bis ich mit Krick hier fertig bin, nicht wahr? Ich habe noch mit ihm abzurechnen." „Hast du dir denn das Geld für ihn nun besorgen können? Wirklich? flüsterte Lena überrascht. „Jedenfalls werde ich ihm nichts mehr schuldig fein, Lena", anroortet Lars. „Sorg dich nicht darum, nicht wahr?" „Dann werden wir ihn nun endlich wieder los?" Lars zuckt die Achseln. „Das wird sich finden. Geh nur jetzt." Lena ist kaum in die Stube getreten, als Krick von draußen herein- kommt. „Nee, nu guck doch an!" ruft er Überrascht und wirft die Tür hinter sich wieder in die Klinke. „Bist du's ober bift du's nicht? Ich hätte ja darauf geschworen, Lars Hullmann, daß du in eine Moorkuhle geraten und versoffen wärst! Deubel noch mal ja!" „So", antwortet Lars ruhig, „das hast du gedacht. Nun, ich war auch nahe daran, muß ich sagen. Aber für diesmal bin ich noch daran vorbeigekommen." „Dann hast du sicher einen in der Krone gehabt!" lacht Krick auf. „Dann hat man ja immer mehr Glück als Verstand, das ist eine alte Geschichte. Aber sag mal erst, wo du in des Teufels Namen fo lange gesteckt hast? Denn in Amerika warst du in der Zeit wohl nicht, wie?" Er lacht fo unbändig über feinen Witz, daß Lars erst den Stickhusten vorübergehen lassen muß, in den Krick dabei geraten ist. „Wo ich war?" wiederholt er dann und keine Miene zuckt in seinem Gesicht. „Nun, wenn du es wissen willst — da, wohin dich wohl keine zehn Pferde gebracht hätten, kann ich mir denken." „Nanu? Das käme doch wohl erst noch mal darauf an, meine ich. Denn wenn es fein muß, gehe ich selbst auf den Teufel los, wenn du das vielleicht noch nicht weißt", lacht Krick von neuem und schlägt dabei vor Vergnügen mit der Faust auf den Tisch, lärmend und aufgeräumt, wie ihn der Branntwein gemacht hat. „Auf den Teufel, ja, das mag fein", nickt Lars. „Aber ich weiß ein Haus, das du aus eigenem Willen fo leicht nicht wieder betreten wirst. Verend Krick." Mit einem Ruck fliegt Kricks Kopf zu Lars herum. „Was willst du damit fagen, Lars Hullmann?" fragt er drohend. „O — du wirst wohl wissen, welches Haus ich meine. Denn wenn nun auch schon Jahre darüber hin sind und du nur ein einziges Mal darin warst, weiß ich doch, daß du es immer noch gut im Gedächtnis hast." „Du?!" stößt Krick heraus und schüttelt die geballte Faust. „Nimm deine Zunge in acht, verstehst du mich?" Auge bringt in Auge, unb ihre Blicke kreuzen sich wie ein paar Klingen. „Unb was — was wolltest bu bort?" fragte Krick nach fekunben- langem Schweigen. „Die Geschichte ist verjährt, Lars Hullmann, wenn bu bas vielleicht noch nicht weißt." Lars stutzt einen Augenblick. „Ob sie verjährt ist ober nicht, geht uns hier gar nichts an", entgegnet er bann gelassen. „So etwas mag es bei den Gerichten geben, ich verstehe von solchen Sachen nichts. Aber ich weiß eine andere Stelle, vor der es kein Verjähren gibt, siehst bu. Ich meine bas Gewissen, Berenb Krick, unb bas meine hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich mir einen Ruck gab unb anfing, bas Unrecht wieder gut zu machen, bas ich auf mich geloben habe. — Was dich betrifft, fo mußt bu selber wissen, wie bu mit bir fertig werben willst." „Ach. geh zum Teufel, verstehst bu mich? Habe ich bich zu meinem Seelsorger bestellt, wie? Ich für mein Teil habe einen Strich unter die Geschichte gesetzt, wenn du es wissen willst. Fertig! Ab! Also sorg dich gefälligst nicht um mich — verstanden?" Nein, ist es zu glauben? Da steht dieser Lars Hullmann, so dumm wie er breit ist, und redet zu ihm wie ein Pastor! Einen Bruch sollte man ihm treten, diesem Kerll „Aber komm doch mal mit dem heraus, was du von mir willst, ja? Denn zum Spaß hast bu wohl da brüben keinen Besuch gemacht, wie? Denn mich soll ber Teufel holen, wenn bu mich bort nicht angegeben hast und dich nun freust, mich so wieder los zu werden!" „So hättest du es wohl an meiner Stelle gemacht! Aber ich habe deinen Namen nicht mal in den Mund genommen, siehst du." „Nicht?" fragte Krick verwundert. „Und bas soll ich glauben?" „Damit kannst bu es halten, wie bu willst!" antwortete Cars kalt. „Ich wollte mich nur nach benen umsehen, an denen wir beide schuldig geworden find, du und ich." „Du bist wohl nicht ganz gesund mehr im Kops, Lars Hullmann?" „O, was das betrifft, so wollte ich nur, bu wärst fo klar bei Gedanken wie ich. Aber nun hast du heute abend mehr getrunken, als dir gut ist. Darum sollte ich das, was ich mit dir zu reden habe, eigentlich noch hinausschieben. Aber es brennt mir auf den Nägeln, siehst du, unb was sein muß, muß sein!" „Also komm nur heraus bamit! Meinst du, ich wäre betrunken?" „Das will ich nicht gerade sagen", antwortete Lars. „Aber nahe daran bist du wohl, wenn ich dir auch nicht die Gläser nachzählen will, die du getrunken hast. Denn nun ich sozusagen einen Gruß von einer Toten an dich zu bestellen habe, sollte man wünschen, daß du nüchtern unb bei klarer Vernunft wärest, meine ich." „Was sagst bu?" fragte Krick unb eine fahle Blässe tritt in sein Gesicht. „Ich glaube, bu bist betrunkener als ich, Lars Hullmann!" „Kannst bu bich vielleicht auf biefes Gesicht hier besinnen?" fragt Lars, ber bas Büb ber Ermorbeten aus der Brusttafche gezogen hat und nun vor Krick hintritt und es ihm unter die Augen hält. „Ich sollte wenigstens meinen, daß du es noch kennen wirst." Einen Augenblick lang ist es still zwischen den beiden, daß man nur Kricks keuche,wen Atem hört. Totenblaß und mit weit ausgerissenen Augen starrt c, auf das Bild. „Es ist wohl kein Irrtum, nicht wahr?" fährt Lars fort. „Denn fo sah sie wohl aus, als du zu ihr in die Stube tratest und ihr halfst, das Asthma los zu werden, das sie gerade quälte, wie? Auch das Sofakissen ist noch da, bas bu ihr dabei aus den Mund drücktest. Es sind ein paar Rosen darauf gestickt, eine weiße und eine rote. Vielleicht erinnerst du dich?" „Ach, geh zum Satan, bu!" stößt Krick nun heraus unb schleudert Lars' Hand zur Seite. „Ich will verflucht sein, wenn du nicht der scheinheiligste Halunke bist, der zu denken ist!" „Denk von dem, was du willst! — Aber ich bin durchaus noch nicht fertig mit dir, wenn bu bas am Enbe meinst. Denn vielleicht kannst bu bich barauf besinnen, daß dir damals, als du ins Haus ber alten Frau hier gingst, ein kleiner Junge entgegenkam, ber gerabe aus ber Haustür trat? Die Alte hatte ihn wohl zu einer Besorgung fortgeschickt. Ich wenigstens erinnere mich noch gut, baß er ben Weg vom Hause zur Straße herauf kam unb an mir vorbei ins nächste Dorf trabte. Er war bas Enkelkinb ber alten Frau — unb seiner Mutter unb ihm wäre nach ihrem Tobe bas Gelb zugefallen, bas bu bamals geraubt unb mir in bie Hanb gespielt hast." „Was bu nicht sagst, Lars Hullmann! Unb biefen Burschen hast bu wohl auch ausfinbig gemacht, wie?" „Jawohl, bas hast bu ganz richtig erraten, unb damit komme ich auf das, was ich sagen wollte. Denn ich habe mich entschlossen, dafür zu sorgen, daß wir wieder gutmachen, was nur irgend wieder gutzumachen ist und seine Mutter und er wiederbekommen, was wir ihnen genommen haben. Und da ich das Geld bei allem guten Willen nicht wieder bfchasfen kann, muß er den Hof hier kriegen — und nicht du, wie ich dir in meiner Dummheit angeboten habe. Sieh — und damit bu ihn erkennst unb weißt, wen bu vor bir hast, wenn er in den nächsten Tagen kommt, um sein Erbe hier zu besehen, habe ich dir auch gleich sein Bild mitgebracht." Aber Krick sieht kaum hin, als Lars ihm jetzt Martins Bild vor Augen hält. (Fortsetzung folgt.) Johann Kepler. Von Eduard Mörike. Gestern, als'ich vorn nächtlichen Lager den Stern mir im Osten Lang betrachtete, den dort mit dem rötlichen Licht, Und des Mannes gedachte, der feine Bahnen zu messen, Von dem Gotte gereizt, himmlischer Pflicht sich ergab, Durch beharrlichen Fleiß der Armut grimmigen Stachel Zu versöhnen, umsonst, und zu verachten bemüht' Mir entbrannte mein Herz von Wehmut bitter; ach! dacht' ich. Wußten die Himmlischen dir, Meister, kein besseres Los? Wie ein Dichter den Helden sich wählt, wie Homer, von Achilles' Göttlichem Adel gerührt, schön im Gesang ihn erhob, Also wandtest du ganz nach jenem Gestirne die Kräfte, Sein gewaltiger Gang war dir ein ewiges Lied. Doch so bewegt sich kein Gott von seinem goldenen Sitze, Holdem Gesänge geneigt, den zu erretten, herab, Dem bie höhere Macht bie bunteln Tage bestimmt hat, Unb euch Sterne berührt nimmer ein Menschengeschick; Ihr geht über bem Haupte bes Weisen ober des Toren Euren seligen Weg ewig gelassen dahin! Das Vermächtnis. Eine Ärzählung von Julius Zerzer. Die Radmeisterin Maria Elisabeth Stampfer oder, wie sie sich landläufig nannte, die Stampserin, die zur Zeit der Pest und der Türkenkriege zu Vordernberg im nahen Bereiche des steirischen Erzbergs lebte, hat trotz des Bergsegens, den ihr wagemutiger Gatte zu haben wußte, viel Schweres mit angesehen und selbst getragen — Lawinenstürze, Wasserbluten, Seuchen und Feindesnot —, aber ungefährdet blieb doch ihr tiefes Sein, das im geheiligten Erdreich des Herkommens wurzelte wie ein Baum, der Jahr um Jahr feine Schöffe und Zweige treibt, Vie wohl manchmal der Sturm knickt, manchmal der Hagel entlaubt, die aber doch das immer erneute Vertrauen zum nie erlöschenden Licht bezeugen, das aus der Höhe strömt. Wie schwer und bitter hatte das Jahr 1682 für die vielgeprüfte, immer mutige Frau begonnen! In der Januarnacht die Lawine, die blindwütend herniederfegte. Stundenlang krachten und knirschten die Balken der verschütteten Häuser, in denen der Tod seine schweigende Ernte hielt. Und als Elisabeth dann, noch den Schrecken der Verheerung im Blute, zu Lichtmeß mit den beiden Knaben Karl und Ferdinand nach Leoben fuhr, um dort ein wenig aufzuatmen unter dem geöffneten Himmel des unbedrohten weiteren Tales, da kündete sich ihr ein neues Verhängnis an. Zunächst von ferne, unsicher und schwankend, abergläubisch vermummt, gehüllt in die stammelnde Angst eines alten Weibes, der Zimmermannin, die in Leoben das selten von der Herrschaft bewohnte, im oberen Stockwerk meist verödete Haus betreute. Die Knaben, munter und aufgeregt von dem frischen Schellengeklingel der Schlittenfahrt, ließen es sich, der ungewohnten Freiheit recht genießend, nicht nehmen, durch die kaum geöffneten, sozusagen von neuem entdeckten geräumigen Stuben zu eilen und nach kindlicher Weise herumzutoben. Da tat die Zimmermannin geheimnisvoll, hüstelte und rückte zögernd mit der Sprache heraus. „Ich hab's wohl gewußt, daß die Frau Mutter kommt und die Kinder mitnimmt. Schon vor zwei Tagen hörte ich's in den Stuben oben so laufen und springen, wie es die Kinder jetzt treiben. Da bin ich hinaufgegangen und hab durch das Schlüsselloch in die Stuben hineingeschaut. Hab aber niemand entdecken können." Die Radmeisterin überlief ein Schauder bei diesen seltsamen Worten. Aber sie ließ sich vor dem schwatzhaften Weiblein nicht merken, nahm die Sache scheinbar von der harmlosen Seite und lächelte: „Es werden wohl die Katzen gewesen sein. Wer weiß, was du wieder gehört hast! Rede übrigens nicht davon in der Nachbarschaft." Als sie jedoch mit den beiden Kindern allein war, drückten sie sich so jäh und leidenschaftlich an ihre Brust, daß sich der Kleinere nur mit Mühe der Tränen erwehren konnte. Kaum waren sie wieder in Vordernberg in ihrem düsteren Haus, der Tag und Nacht von dem Tosen und Klappern einer zu geschäftigen Mühle erzitterte, da klagte Karl über Kopfweh, Fieber und schwere Füße und legte sich krank zu Bett. Die Blattern waren es. Aber die Mutter hoffte. Mit allen ihren wohlüberlieferten Mitteln und künstlichen Tränken, auf die sie so stolz war, und die ihr so oft in dieser und jener Krankheit ihre Heilkraft bewiesen hatten, rang sie mit dem Tod um das Leben des Kindes. Wirklich schien es sich auch zu bessern. Das Fieber wich. Da trat ein Blutsturz ein und ließ jede weitere Hoffnung beinahe ins Nichts zerfließen. Blaß und erschöpft lag das Kind da, ein kaum sechsjähriges Büblein, das doch schon so klug war, um dessen nun erlöschendes Leben sich schon so viele gläubige Wünsche und frohe Erwartungen seiner Eltern gewunden hatten. Ob der Kleine ahnte, wie schlimm es stand? Er schien es nicht zu wissen, er plauderte mit gedämpfter Stimme, unterhielt sich nach seiner Gewohnheit mit der alten Marie, der vielgetreuen Kindsmagd, die scheinbar gelassen an seinem Vettchen stand und ihn nebenbei, mit gutgemeinter Verstellung, zu überreden suchte, einen Löffel Suppe zu sich 3U nefjtnen. „Oh, es schneit schon!" sagte die alte Magd, in deren runz- ligen Zügen nichts als Liebe geschrieben stand. „Und ob sie schwärmen, die weißen Mücken! Wenn du nur brav und folgsam bist, so wirst du bald gesund und tummelst dich noch genug auf der Schlittenbahn. Deine Rumpel steht draußen vor der Tür und wartet auf dich. Nein, die andern dürfen nicht damit fahren. Das leidet dein Schlittchen nicht. Es wartet auf dich wie ein Hündchen auf feinen Herrn, nur daß es nicht bellen und beißen kann." Ein Lächeln huschte über die blassen Lippen des todkranken Kindes. Dann wurde er plötzlich ernst. „Meine Maria", sagte er leise, „du bist wohl gut. Wie ost hast Vu mir aus der Speisekammer was zugesteckt, das will dich auch nicht vergessen." „Vergessen? O nein! Ich bin ein altes Ceut. Wenn du groß bist, hast du wohl andere Dinge zu tun, als an mich zu denken." Der Knabe schüttelte ein wenig den Kopf, daß ihm die blonden Locken an die verhärmten Wangen rührten. „Ich werde nicht 8^ß". entgegnete er in bestimmtem Ton, so unwidersprechlich, daß die Alte beinahe zu meinen begonnen hätte und nur mit halberstickter Stimme murmeln konnte: „Was fällt dir ein!" .... ^.ann geschah das Seltsame, das unsäglich Traurige, dennoch Versöhnliche. „Geh zur Mutter", sagte das Kind. „Ich möchte mein Schatz- truhlem haben." „Das Schatztrühlein mit den lichten Dukaten? Freilich, mein Herzchen, da hast du etwas zum Spielen. Wie die blitzen und klingen! Wir wollen sie tanzen lassen!" Erfreut eilte die Magd zur Frau, so schnell sie ihre alten Beine nur tragen wollten: sie meinte, es sei ein günstiges Zeichen, daß der Kleine nach dem klimpernden Schatz verlangte. r.ie redliche Seele! Sie ließ sich so willig täuschen. Aber die Mühle mahlte. Wie unterirdisches Grollen schlitterte sie durchs Haus. Sie mahlte das Korn, die Zeit und die Ewigkeit. _ ? Mutter brachte das Kästchen. Sie schloß es mit dem zierlichen Schlussel auf, durch den ein rotes Bändchen geschlungen war. „Aber sieh zu, mein Kind, daß du nichts verstreust!" Unnötige Vorsicht. Der Kleine öffnete vorerst den Deckel seines Trühleins noch nicht. Er hielt es unbewegt in den zarten Händen. „Wo ist der Vater?" „Er ist draußen. Soll ich ihn rufen?" Der Kleine nickte. Als sie alle um das Bettchen des Knaben versammelt waren, sah er sie lange liebevoll an. Sie schwiegen. In seinem Blicke lag eine stille, unendliche Freudigkeit und doch ein sinnender Ernst, der sie staunen ließ weil er so wenig zu dem Wesen eines Kindes zu passen schien. Eine namenlose Verheißung weitete seinen Blick. Er gehörte keinem menschlichen Alter an. „Nun ist es Zeit", brach er endlich das Schweigen, in dem der Gang der Mühle eine andere Stille war, und das sie alle wie ein sanfter, zitternder Anhauch umfangen hatte, „nun ist es Zeit, daß ich verteile, was mir nicht mehr gehören soll." Er öffnete das Kästchen. Er nahm einen blanken Dukaten. „Marie, der ist für dich!" Die alte Magd wollte ihn nicht nehmen. Aber die Mutter, erblassend und dennoch hoch und stattlich aufgerichtet in stummer Ergriffenheit, winkte ihr zu, sie solle den letzten Willen des Kindes tun. Laut aufschluchzend schloß die Magd das Geldstück in ihre von lebenslanger Arbeit verkrümmte Hand. Der Knabe wählte einen Taler. „Vater, der ist für Euch!" Ach, glühendes Eisen hätte der rastlos wirkende Mann mit der harten Tatkraft lieber ergriffen. Allem er beugte sich vor dem letzten Willen seines sterbenden Knaben. Er nahm ihn für gleich. (Er empfing die große weiße Münze feierlich, starr, em wenig zitternd, dennoch beherrscht, als wäre sie eine Hostie, die ihm der Priester reichte. Wieder holte das Kind einen Taler aus dem Trühlein hervor. „Mutter, für Euch!" Ach, taufend Schwerter fuhren ihr durch die Brust. Ihr Kind, ihr Kind! Und doch, er konnte es nicht besser, nicht liebevoller beweisen, daß er ihr Kind war. Ein Kind nicht langer. Ihr Sohn! Gingefügt in die Kette der Geschlechter, auch er, der Frühvollendete. Umhegt von Herkommen, Brauch und Gepflogenheit. Nicht seinen armen Reichtum verteilte er. Der war nur das Gleichnis eines größeren Vermächtnisses. Jenes Vermächtnisses, das das Leben begründete, jenes Stromes der Liebe und Treue, der durch die Geschlechter forterbt und der zuletzt in die Gottheit mündet. So nahm sie die Münze entgegen als ewiges Liebespfand, stolz beinahe, freudig beinahe, wenn auch in einer Freude, die ihr das Herz zerriß. „Den letzten Dukaten", fagte der Knabe, das Trühlein leerend, „gebt in die Kirche. Der gehört der Dreifaltigkeit!" Dann fank er erschöpft Zurück und schloß die Augen. Und allen war es, als schwebte zu Häupten des Bettes jene mystische Dreigestalt, die doch formlos ist und nur wie em glimmender Schatten ober ein aufgeschlagenes großes Auge, und als langte ein Arm in weitem, schleppendem Aermel nach der vertraulich gebotenen Gabe des Sterbenden. Als der Atem aussetzte, knieten sie alle nieder, verstört, wie im Bann einer jähen Verblendung, nach tränenlos. Dann vergrub die Mutter das Haupt in die Decke des kleinen Bettes. Und als sie die Stirne wieder aufhob, begann sie mit bebender Zuversicht: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn fei gebenebeit." Schwarze Mäuse, weiße Mäuse. Von Wolf Durian. Was würden Sie tun, wenn Ihnen nachts In einer fremden Wohnung eine Zigarrenkiste in die Hand gedrückt würde mit dem Aufdruck Tragaduros finos ober ähnlich, aber mit Mäusen darin? „Um Himmels willen", rief der Mann, der mir die Kiste überreicht hatte, „lassen Sie die Kiste zu. Die Dinger huppen raus wie der Blitz." „Dann sind es schwarze?" fragte ich. „Schwarz und weiß", fagte er. „Also japanische Tanzmäuse", fragte ich. „Nein", sagte er, „die einen sind schwarz, die andern weiß." Endlich erfuhr ich die Vorgeschichte: Der Mann, der mir die Kiste übergeben hatte, hatte eine Tante. Und die Tante hatte eine weiße Maus. Die weiße Maus wohnte in dem Biedermeiersekretär der Tante, im mittleren Fach. Die Tante hatte in die Tür zu diesem Fach ein Loch sägen lassen, und die weiße Maus lief aus und ein. Jeden Tag bekam sie Milch und Brot und Zucker, und in einem Nest von Watte schlief sie warm und weich. Fifi — hieß sie, denn es war ein Weibchen. „Fifi!" rief die Tante wie gewöhnlich eines Margens, als sie den Napf mit angewärmter Milch hinstellte. Wer beschreibt ihre Empörung, als sich statt des weißen Schnupperschnäuzchens und der treuen Rubin- augen Fifis ein hastiger pechschwarzer Mäuserich ins Freie zwängte und mit Salto mortale unter dem Sekretär verschwand. Schamlos — als wäre nichts geschehen — zeigte sich nun Fisis Schnäuzchen, und die Rubinaugen blickten so rein wie immer. Das war der Tante zuviel. Sie entzog Fifi an diesem Tag Milch und Weißbrot und stellte ihr Wasser und Schwarzbrot hin. Aber als sie Fisi an dem Schwarzbrot nagen sah, kamen der Tante Bedenken, ob die Strafe gerechtfertigt sei. Vielleicht war der schwarze Mäuserich (wenn es nicht eine Mäusin war), frech wie Oskar, in Fifis Boudoir eingedrungen und hatte sich die gebührende Abfuhr geholt: „Mein Herr, wenn Sie sich nicht augenblicklich entfernen, werde ich klingeln!" Nun, dies würde sich in der Folgezeit zeigen. Und es zeigte sich. Und was sich zeigte, das befand sich hier, nebst Fifi selbst, in der Zigarrenkiste. Die Tante hatte den Neffen kommen lassen. „Schaffe mir sofort die Brut aus den Augen!" Ich fuhr mit der Zigarrenkiste voll Glück im Unglück nach Hause. Dort machte ich sie auf. Aus der Watte kam zaghaft Fifi zum Vorschein. Sie machte den Eindruck, als ob sie bereute, in Wirklichkeit aber hatte sie vor allem Durst, und als sie den kleinen Napf voll Milch geleert hatte, war sie schon viel weniger reuevoll. Unterdessen untersuchte ich unter der Watte: Es war ein wimmelndes Knäuel von Weitz und Schwarz oder Weitzlichrosa und Schwärzlichrosa. Jedes von den lebenden Klümpchen — die die Form von Miniaturnilpserden hatte — war bemüht, sich nach unten und aus dem Bereich des Lichts zu strampeln. Trotzdem gelang mir eine Bestandaufnahme: Dreimal Schwarz und viermal Weitz. Wenigs Tage vorher hatte ich mir geschworen, keine Tiere mehr zu halten. Und nun hatte ich schon wieder acht Mäuse! Aber eine Mutter mit sieben Kindern kann man doch nicht umkommen lassen. Ich füllte also in das Terrarium eine Schicht Torfmull und polsterte ein Kistchen mit Watte und Seidenpapier aus, nachdem ich mit dem Taschenmesser eine Art Tor hineingeschnitzt hatte. Ich sah noch zu, wie Mama Fifi aus der geöffneten Zigarrenkiste ein Kind um das andere in die neue Wohnung hinübertrug, zuerst die Weitzen, dann die Schwarzen, Ich fütterte sie gut. Trotzdem sah ich sie manchmal heftig atmend in einer Ecke des Terrariums sitzen. Am Tor der Kiste zeigten sich die kleinen schwarzen Schnuppernasen: sie waren nun schon mäuseähnlich. Die Mama raffte sich auf und kehrte in die Kiste zurück zu ihrer Pflicht. Bald aber purzelten die kleinen schwarzen Teufel aus dem Kistentor heraus und wackelten hinter ihr her. Sie ließen ihr keine Ruhe mehr. Sie verfolgten sie von einer Ecke des Terrariums in die andere. Wie eigensinnige kleine Dackel sahen sie aus. Auf das Dach der Kiste konnte sich die Mutter noch retten, aber eines Abends hatte sich der frechste von den Schwarzen an der Kante zwischen Glas und Kiste hochgestemmt und war oben auf dem Dach. Und immer nur die Schwarzen! Ich machte die Kiste auf und sah nach: Die Weißen waren noch im Nilpferdstadium und wälzten sich hilflos im Nest. Sie waren weit zurückgeblieben. Eines Morgens lag eines von den Weißen vor der Kiste. Es war ermordet. Es war kannibalisch abgeschlachtet und zerfetzt worden. Fast nur noch Haut war von ihm übrig. Ueber Nacht entwickelte sich diese Mäuseherzensangelegenheit zu einem eiskalten, naturwissenschaftlichen Problem: Die schwarze kräftige wilde Rasse siegt über die weiße degenerierte zahme. Und ich beobachtete nun. Die Natur hatte in dem Terrarium allein das Wort. Und die Natur ist wunderbar. Ich hatte erwartet, daß eines Tages der Sieg der schwarzen Rasse entschieden wäre. Aber es geschah eine unerwartete Wendung: Die weihen entwickelten sich. Die schwarzen torkelten und hopsten außen umher, dann wollten sie wieder ins Nest, aber zwei, drei weiße und nun schon sehr spitze Mäusenasen sausten wie Torpedos aus dem Kistentor und stießen die schwarzen fort. Mama Fifi aber war nur noch sichtbar, wenn sie fraß oder trank. Sogleich kehrte sie dann ins Nest zurück und wies jeden Annäherungsversuch der Schwarzen ab. Das war nicht schön von ihr. Dann hätte sie auch den schwarzen Bräutigam abweisen sollen, wenn ihr nun die schwarzen Kinder nicht mehr paßten. Aber — hier sprach die Natur. Und was verstehen wir schon davon! Die Schwarzen hatten kaum noch Kraft, das Dach der Kiste zu erklimmen und Milch aus dem Napf zu trinken. Man konnte sie ohne Mühe in die Hand nehmen. Im Freien, in einer Ecke hatten sie sich in einer Mulde versammelt und schliefen da, eng aneinandergekuschelt. Ein Häufchen Elend. Und mit dem Milchtrinken hatte es dann auch seine Schwierigkeit, denn nun tranken die Weißen und ließen die Schwarzen nicht heran. Solche weiße Mäuse hatte ich noch nie gesehen. Sie ließen sich nicht anrühren. Sie waren wild und scheu. Und hatten schwarze Augen! Dies entdeckte ich eines Tages durch Zufall. Die hielten doch keine Sekunde still. Die Schwarzen aber wurden so zahm, wie niemals eine normale weiße Maus. Nämlich ich hatte nun doch eingegriffen in die Natur und fütterte die Schwarzen. Ich trennte schließlich die Weißen von den Schwarzen und setzte die Kiste (als die weißen alle darin waren, denn man hätte sie nie fangen können!) in ein Glas-aquarium. Am anderen Morgen war nur noch eine von den weihen Mäusen darin: Fifi, die Mama. Die anderen waren herausgesprungen. Sie führten ein freies Räuberleben, genau wie die richtigen schwarzen Hausmäuse und ihr schwarzer Papa, wenn er noch lebte. In der Küche, in der Speisekammer flitzten sie pfeilschnell umher. Sie waren bald nicht mehr weiß, sondern hellgrau Eines Tages baten mich — zu meinem Schreck — die Leute im ersten Stock, ich möchte zu ihnen hinunterkommen. Bei ihnen hätte sich eine Maus gezeigt, eine ganz komische helle Maus. „Also wie eine Geistermaus!" sagte das Mädchen. Lob des Winters. Von Dr. Paul Schwarz. Wenn aus der Dunkelheit der langen Nächte ein strahlender Wintertag aufsteigt, und die Sonne auf verschneite Straßen, auf weiße. Fluren und auf den schimmernden Winterwald scheint, dann können wir nicht still und weltabgewandt hinter dem Ofen sitzen bleiben. So wagen wir uns hinaus in das Reich des Winters, und wenn wir die klare Luft atmen, dann hat der König über Schnee und Eis uns in feinen Bann gezogen. Sind dies noch die gleichen Wege und die gleichen Bäume, die vor wenig Wochen im Schmuck des Herbstlaubes prangten,. ist die glitzernde Eisfläche der träumende Waldsee und wölbt sich darüber der gleiche Himmel, der in vielen Farben schimmernd und in stetiger Verwandlung immer neue Wolkenbilder malte? Jetzt fällt eine blendende .f)elle aus ihm nieder, die in Schnee- und Eiskristallen vervielfacht wieder zu ihm aufftrahlt, und dann verdunkelt er sich, um dicke Schneeflocken herabzustreuen. Ts ist, als fei die Welt von neuem geschaffen, und wer sie sich erobert, als einsamer Wanderer durch den Schnee stapft oder in heiterem Verein mit Gleichgesinnten auf Brettern und Kufen durch die winterlich» Landschaft eilt, der wünscht sich ein Dichter zu sein, um des Winters Pracht zu preisen. Es gilt einiges wieder gutzumachen, da man in früheren Zeiten den Winter nur mit feinen Unbilden sah. Winter, das bieß Dunkel und Kälte, Entbehrung und Armut! Glücklich war nur, wer am wärmenden Kamin die Wintertage müßig verbringen durfte: alle anderen aber faßen im Dunkel und hofften nur, daß der Winter nicht allzu lange verweilen und bald wieder in feine Heimat im hohen Norden heimkehren werde. Dort beklagte man sich nicht über die Strenge feiner Herrschaft, sondern feierte ihn als einen mächtigen Herrn, der unermeßliche Schätze zu vergeben hatte, in feinem Zorn aber auch harte Strafen und Todesurteile aussprach. So wird im Norden schon früh das Lob des Winters gesungen, und die Mythen und Sagenwelt der Nordländer ist sein königliches Reich. Nicht in Wolken und Winden und nicht mit Roß und Wagen, sondern auf Schneeschuhen und Schlitten durchstreifen die Götter das irdische Gefild. Dem Nordländer sind ja Schlitten ebenso wie Schnee- und Schlittschuhe nicht nur als Sportgerät vertraut, sondern sie gehören zu seinem Alltag und zu seiner Arbeit. Nach alten Gräbersunden haben die Menschen diese Fortbewegungsmittel schon in vorgeschichtlicher Zeit gekannt und sie sich aus Knochen und Holz verfertigt. So jagen auch die Helden der altisländischen Sagas, die Helden der finnischen Kalewala, auf Schneeschuhen über die weiten weißen Flächen, und der junge Frithjos läuft auf Eisenschuhen vor König Rings Schlitten einher und schreibt mit ihnen in Form von Runen den Namen der Geliebten in den Eisspiegel ein. Auch der winterliche Odin, der in der Edda als Ullr oder Skadhi erscheint, fährt, dicht in Tierfelle vermummt und mit dem Bogen bewaffnet, auf Schlittschuhen von Knochen über die Eisfelder dahin. Wenn der Eiswind als reisiger Bote von den Höhen jauchzend hinab in die Fjorde eilte und bann hinaus aufs Meer flog, dann erkannten die Nordländer die Herankunft der Götter aus dem Lande der Mitternachtssonne und huldigten ihnen, — erstes Lob des Winters! Nicht daß sie darum die Gefahren und Unbilden feiner Herrschaft mißachtet und ihn nicht mehr gefürchtet hätten. In den isländischen Märchen wird oft auch über die Wintermuße geklagt, zu der der Zwingherr Winter die Helden verurteilt, und es wird jener gedacht, die auf weiter Streife vom Winter gefangen genommen und oft nur durch wundersame Geschehnisse gerettet werden. So werden in dem Märchen vom „Asmund Südfahrer" die Schrecknisse des Nordlandwinters beschrieben, der mit feinem Sturm die in der Sdjneeinfamteit Verlorenen überfällt. Zuweilen naht ihnen dann ein Helfer, der sie vor dem sicheren Tod errettet, wie in dem Märchen vom „Mann von Grimsö", den eine Bärin zu ihren Jungen führt und ihn mit ihnen nährt und wärmt, bis er wieder zu Kräften gelangt ist: dann vollendet sie ihr Rettungwerk und trägt den im Wintersturm Verlorenen durch die Fluten in seine Heimat zurück. Und ist nicht auch unser Märchen von der „Frau Holle", das sich in abgewandelter Form in den verschiedensten Ländern findet, bei uns ein echtes Wintermärchen? Diese Gestalt des alten Naturmythos beherrscht die winterlichen Fluren, und in den Nächten um die Jahreswende, den Zwölften, deren letzte ihr besonders geweiht sind, da unternimmt sie die große Fahrfchurch ihr winterliches Reich, um mit ihrer segnenden Kraft das neue Wachstum unter der Schneedecke zu wecken. Aus diesen alten Sagas und Märchen hat einer der großen deutschen Lobsinger des Winters, Klo pflock, die Ermutigung genommen, trotz allen Spottens auch den Erwachsenen den Winter als großes, heilendes, herzbefreiendes Spielfeld zu erschließen. Er, der sich rühmen darf, den Wintersport für Deutschland entdeckt zu haben, nennt in einem Brief an einen Freund, dem er vom „Schrittlaufen" vorfchwärmt, den Ursprung seiner Unternehmungslust: „Also haben Sie auch (wie bebaure ich Sie!) nicht verstanben, wenn Sie in ber Ebba, biefem ältesten Denkmal unserer nörblicheren Vorfahren, gelesen haben, baß ber elfte ber keltischen Götter vornehmlich im Bogenschuß und im Schlittschuhlauf vortrefflich gewesen sei: daß der Tialf nur ber Geist bes Riesenkönigs, bem biefer einen Körper angezaubert hatte, in biefem eblen Wettlaufe hätte zuvorkommen können, unb baß es König Haralb feiner schönen unerbittlichen Elissif unter feinen vorzüglichen Geschicklichkeiten genennt habe, daß er stark in biefer Kunst fei. Ich hoffe. Sie werben enblich einsehen, wie sehr Sie zu bebauern finb!" Er betrieb den „Tanz auf bem Wasserkothurn", den er in den zu seiner Zeit berühmten Eisoden feierte, also nach göttlichem Vorbild. So wird von einem Zeitgenossen der eislaufende Dichter beschrieben: „Kaum baß ber Reif sichtbar wird, so ist es Pflicht der Zeit zu genießen und eine Bahn ober ein Bähnlein aufzuspüren. Ihm waren um Kopenhagen alle kleinen Wasseransammlungen bekannt, unb er liebte sie nach ber Drbnung, wie sie später ober früher zufroren. Auf bie Verächter ber Eisbahn sieht er mit hohem Stolz herab. Eine Monbacht auf bem Eise ist ihm eine Festnacht ber Götter. In bem Eisläufe entbeckte fein Scharfsinn alle Geheimnisse ber Schönheit, Schlangenlinien, gefälliger als Hogarths, Schwebungen wie bes pythischen Apoll." Ist es ein Wunber, baß ein solch ergebener Freunb bes Winters, auch anbere bazu veranlassen könnte, sich ihm ohne Furcht zu nahen. Wenn Herder auch das „Schlittschuhsilbernmaß" verspottete, so fand er sich doch schließlich auch auf ber „Bahn bes Kristalls" ein, unb Goethe erzählte in „Dichtung unb Wahrheit", wie er „an einem heiteren Frostmorgen aus bem Bette fpringenb", sich burch Verse Klopstocks zu einem ersten Versuch auf bem Eise verlocken ließ. Unb von Stund an war er ein begeisterter Anhänger des Eissports, und wo immer er eine Eisfläche fand, schnallte er die „Stähle" an und glitt in kühnem Bogen über sie dahin. Seitdem haben sich Schlittschuh und Schneeschuh den deutschen Winter erschlossen, in dem der Schlitten schon heimisch war ebenso wie das Schneeballwerfen der Jungen. Wenn in den deutschen Bergen die Winterspiele ausgetragen werden, in denen bie Meister bes Wintersports roieberum ihre Meister wählen, so kann man barin einen tieferen Sinn finben: Bon öfterster ruht uns eine Liebe zu bem Winter im Herzen, auch wenn sie lange Zeit verschüttet war, unb eine Sehnsucht nach ber stillen Klarheit bes großen norbischen Winters, ber voller Märchen unb Ewigkeitsglanz ist. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck unb Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- unb Steinbruckerei. D. Lange. Gießen.