GiehenerKmiiliemMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang 1956 Montag, den 2. November Kummer 85 Die Halsbandgefchichie Erzählt von Wilhelm Schäfer Copyright by Albert Langen, Georg Müller Verlag, München (Schluß.) Und als er alle Fragen unbefangen und bestimmt, nur mit der deutlichen Wehmut beantwortete, durch Leichtgläubigkeit seiner Feindin unterlegen zu sein: entzogen sich selbst die Spötter im Saal der Tragik seines Schicksals nicht, das ihn weniger aus blindem Ehrgeiz als aus Liebe zum Volk in diesen Handel gebracht hatte; daß er nun ein alter Mann war, der in dieser traurigen Affäre sein Leben mit verspielte, das fühlte jeder. So ' versagte ihm keiner sein Mitgefühl, und als er sich beim Abgang vor dem Gerichtshof verneigte, er, der allmächtige Kardinal und Groß-Almosenier von Frankreich, um Abschied von der Welt zu nehmen, darin er sich durch Leichtgläubigkeit eine große Rolle verdorben hatte, erhoben sich selbst „die Herren der großen Bank", den Gruß erwidernd. Nach dem Helden kam die Naive, das Spottbild seiner Gegnerin, Nicole Leguay, im Spiel die Gräfin Oliva. Sie konnte nicht sogleich erscheinen, weil sie gerade ihren Neugeborenen schenkte, und die Herren Räte um den Aufschub einiger Minuten bitten muhte. „Das Gesetz verstummte vor der Natur", hieß es danach im Protokoll. Sie selber aber verstummte vor dem Gesetz, als sie endlich, eilfertig zugeknöpft, erschien. So oft sie etwas sagen wollte, schluchzte sie und brachte keinen Satz heraus, so daß sie schon in Kürze ihrem Söhnchen zurückgegeben wurde. Zum Schluß als lustige Person der Cagliostro. Es waren manche in dem Saal, die ihn noch nicht gesehen hatten, und es schien, als hätte eine kundige Hand ihn für das Ende dieser Szene aufgespart, auch die Müden noch einmal anzuregen. Er kam im Rock aus grüner Seide, mit Gold behängt wie ein Löwe, den man endlich in die Arena läßt. Kaum wartete er die erste Frage ab, um mit seiner Drommetenstimme die Vorstellung zu beginnen; nach wenigen Minuten war ein Gelächter in der Kammer, das nur die Sorge, ihn zu stören, manchmal dämpfte. Er sprach nach seiner Gewohnheit in einem Kauderwelsch aus allen Sprachen, warf mit den Armen um sich, daß er schwitzte, sank manchmal aus Entzückung vor sich selber fast in die Knie und brachte jedem zum Bewußtsein, was für ein Satyrspiel dieser Handel doch gewesen war, so daß die Sitzung endlich mit einer Fröhlichkeit ausging, die allen Angeklagten zugute kam, nur nicht der Königin, der man die Blindheit ihres Hasses argwöhnisch nicht übersah. Um fünf Uhr andern Morgens schon stand man und wartete. So heftig war der Andrang und soviel Leidenschaft in bloße Neugier gemischt, daß nur durch eine Kette von Soldaten die Straße freigehalten wurde, durch welche sich die Räte zur Großen Kammer begeben konnten. Am Eingang aber standen seit einer Stunde unbewegt die Fürsten und Fürstinnen der Häuser Rohan, Soubise, Lothringen, Guemenee in Trauerkleidung, und verneigten sich schweigend vor jedem Gerichtsherrn, der an ihnen vorüber mußte. Es waren vierundsechzig Stimmen, von denen die fünfzehn der geistlichen Räte der schönen Eminenz aus alter Neidschaft nicht günstig waren. Sie zu beseitigen, wurde von den Freunden des Kardinals für die Gräfin die Todesstrafe beantragt, weil damit die Würde ihres Amtes verlangte, daß sich die geistlichen Herren entfernen mußten. Danach blieben noch ncunundvierzig Stimmen, die für die kleineren Beklagten rasch einig waren: Die Gräfin wurde zur Züchtigung auf bloßem Körper, zur Brandmarkung auf beiden Schultern verurteilt, und zur Einsperrung lebenslänglich in die Salpetriere. Ihr Vermögen wurde konfisziert zum Nutzen des geschädigten Kardinals. Der Graf in Abwesenheit zur gleichen Strafe; der Netaux wurde milderweise des Landes verwiesen; gegen die andern, namentlich die Nicole, auf Einstellung des Verfahrens erkannt. Das gleiche Urteil wollten feine Gegner auch dem Kardinal auflegen, statt einer ganzen Freisprechung, weil sie den Tadel, der darin lag, für seinen Leichtsinn und die Unehrerbietung vor der Majestät für nötig hielten. Darüber brach noch einmal die Leidenschaft zu Stürmen aus; denn jeder der neunundvierzig Räte mußte sein Urteil und die Begründung dazu einzeln abgeben. Da gab es einige, die sich mit kurzem Wort absanden, die meisten aber suchten noch diese letzte Gelegenheit, zu überzeugen, und einer der Gegner von Versailles ging mit Worten vor, wie sie ein französisches Gericht noch nicht vernommen hatte. Nach sechzehnstündiger Beratung konnte abends endlich das Urteil verkündigt werden. Mit sechsundzwanzig gegen einundzwanzig Stimmen — zwei hatten sich aus Gründen der Verwandtschaft noch enthalten müssen — wurde der Kardinal Rohan gänzlich freigesprochen. Und weil die andern Stimmen auch nur auf Einstellung erkannten, war der Triumph für ihn so groß, daß er ihn wohl für die Leiden hätte entschädigen können, wenn seine Lebenskraft in Krankheit und Enttäuschung nicht unterdessen gebrochen gewesen wäre. Zwar muhte er noch einmal in die Bastille zurück. Aber sein Transport dahin verfiel einem Ausbruch der wilden Leidenschaft. Von vielen Tausenden begleitet, bei jedem Schritte aufgehalten, von Blumen überschüttet, brauchte sein Wagen Stunden, bis er zur Festung kam. So laut war das Triumphgeschrei in allen Gassen, daß einige meinten, es müsse in Versailles zu hören sein. Und wo ein Richter von der Menge erkannt wurde, da rissen ihn die Damen an sich, ihn zu küssen. Zum erstenmal in dieser erregten Zeit erschienen die Fischweiber der Halle auf den Straßen. Von ihren kräftigen Armen gedrückt, mit Blumen überstreut, trug mancher Richter einen Geruch in seine Säle, der die Straße bedrohlich ahnen ließ. IX. , , Die Königin erhielt die Nachricht von dem Freispruch noch in der Nacht. Sie brauchte keinen, der ihr den Sinn davon auslegte. Sie fühlte, daß sie damit das Volk von Frankreich verloren hatte, und gab sich der Empörung, daß dies so unwürdig geschah, ohne Rücksicht hin. Sie hielt den Kardinal für schuldiger als vorher und nahm das Urteil auf wie eine absichtliche Beleidigung. Ihre Frauen fanden sie tagelang weinend dafitzen, und so hartnäckig war diese Tochter Maria Theresiens, daß sie den schwachen König noch zu einem dritten Streich antrieb, der nun als eine Kriegserklärung ans Parlament und an das Volk einschlagen mußte. Sie handelte wie alle Willkür, erst rief sie selber die öffentlichen Gerichte an; als die nicht nach ihrem Sinne das Urteil sprachen, trat doch Gewalt vor Recht. Und alles Unrecht, was ihr in dieser Sache geschehen war und noch geschah, war doch nicht schlimmer, als daß sie nun den König antrieb, das Urteil eigenmächtig zu korrigieren. Kaum war der kranke Rohan am zweiten Tag nach seinem Freispruch wieder im Hotel de Straßbourg aufgestanden, bejubelt von dem Volk, das sich vor seinem Fenster unablässig drängte und ihn zu sehen wünschte, als zum letztenmal der Breteuil im königlichen Auftrag bei ihm erschien. Der Rohan hatte Zeit gehabt, fein Leben zu bedenken; er wußte, daß es verloren war, und gab sich keiner Rache hin. Er empfing den Breteuil bei sich, wie es dem Hausminister des Königs ziemte, ließ ihn durch keine Miene spüren, daß er doch als Sieger geblieben war, und nahm mit Gleichmut die königliche Korrektur des Urteils hin: daß er sein Amt als Groß-Almosenier abzugeben und sich in die Verbannung nach seiner Abtei La Chaise-Dieu zu begeben habe. Dieser Stuhl Gottes lag nicht eben lieblich in den Bergen der Auvergne, und nach Reinigung des Kardinals vor dem Parlament war es deutlich, was dieser durch Geheimbefehl verordnete Landaufenthalt bedeuten sollte. So hatten die Pariser auch gleich den bösen Spott zur Hand, und kein Wort wurde an jenen Tagen mehr gehört und mehr belacht als jenes, das einem Witzbold durch die Zähne sprang: Das Parlament hat ihn purgiert, nun schickt die Königin ihn auf den Stuhl! Und wer danach noch zweifelte, daß die Königin das Parlament durch Nadelstiche ihrer Ohnmacht treffen wollte, der war bestürzt, als später die La Motte geheimnisvoll begünstigt aus der Salpetriere entweichen konnte. Sie war am schlimmsten weggekommen. Die Henker hatten ihr vor allem Volk die nackten Schenkel mit Ruten wund geschlagen und dem Blut der Valois das Brandmal einer Diebin auf- gedrückt. So gräßlich waren ihre Zuckungen dabei gewesen und wie bei einer Wildkatze die Kraft in ihrem kleinen Körper, daß ihr das glühende Eifen beim zweitenmal statt auf die Schulter auf ihren Busen kam. Das hatten Hunderte mit angesehen, die Tausenden davon erzählten. So rasch die Menge ist, zum Schaden ihren Spott zu legen, dem Leidenden gibt sie die Welt. Bald wußte man die rührenden Geschichten zu erzählen, wie sie sich mit den Zähnen wehrte, als ihr die Peiniger die Kleider vor allem Volk vom Leibe rissen, und wie sie einen durch ihren Biß aufs Blut verwundete, wie ihr zartes Fleisch unterm glühenden Eisen rauchte und wie sie ganz zerschunden, ohnmächtig und mit Sand und Blut bedeckt auf einem Karren in die Salpetriere gefahren worden war. Wie dort eines der armen Mädchen der Gräfin aus Mitleid seinen Strohsack abgetreten habe, damit sie nicht mit sechs Gefangenen zugleich auf einem Lager schlafen mußte. Wie sie in grobe Sackleinwand gekleidet fei, und dennoch ihre Tage lesend in der „Nachfolge Christi" verbrächte! In den Schaufenstern der Buchhändler war ihr Bild in dieser Tracht zu sehen, und in den Zeitungen standen täglich Einzelheiten aus dem Gefängnisleben. So wurde ihre Flucht zwar durch das Mitleid begünstigt, doch diente sie dem Hof zum Schaden, weil gleich das heimliche Gerücht begann, daß die geheimnisvolle Verbindung nut der Königin nun bewiesen sei und daß Marie Antoinette sich nur mit ruhigerem Gewissen ihres Halsbandes freuen wollte. Die Gräfin floh noch England, wo sie den La Motte in nrryiicyen Verhältnissen wiederfand. Er halte keine Diamanten mehr, nur böse Schulden: und wenn sich nicht ein Lord gefunden hätte, mit einer Pension dem „Opfer der Justiz" zu helfen: so. hätten für die beiden wohl die Tage von Luneville von neuem angefangen, bevor sich die La Motte , noch einmal aus dem Halsband eine Existenz aufbaute: Was so lange ihr Geheimnis gewesen war, das stand nun im Gespräch der ganzen Welt seitdem das Parlament der Königin von Frankreich unrecht gegeben hatte. Und das Gespräch der Welt war dankbar für jeden neuen Klatsch, auf den aus allen Löchern die klebrigen Maden der Verleumdung kriechen konnten. Die hatten jede Wendung des Prozesses schon mit ihrem Schleim verschmiert. Pamphlete und Chansons, Karikaturen waren zu Hunderten erschienen und mit keinem Klassiker waren seit Jahren soviel Geschäfte gemacht worden, wie mit den Reden der Verteidiger beim Prozeß in wenigen Stunden, und was den Hof traf, das ging am besten. Er hatte anderthalb Jahrhunderte daran gesetzt, dies zu verdienen. Es gab kein Laster, das in Versailles nicht bis zum Ekel durchgeschmeckt war, kein Verbrechen, das im Sonnenkönigsschatten wichtiger war, als eine falsch gebundene Schleife. Nun durch Ermüdung aller Greuel war das alternde Leben wieder auf die nüchterne Straße der Tugend zurück- gekehrt, darauf der redlich dicke König sich täglich anders beraten ließ und die Kaisertochter ihre harmlosen Mondscheinfahrten machte. Nur die Gerüche schwelten noch in den Gassen von Paris und da am stinkendsten, wo das Elend am tiefsten war. Die konnten, um ans Licht zu steigen, sich nicht an das Vergangene hängen und nun sorgten die Memoiren der Gräfin für die Laster der Gegenwart. Sie hatte sich die Kupferstiche der Gräfin kommen laffen, die arme Königin, die nicht begriff, warum gerade sie so unerbittlich von der Natter gebissen wurde, dahinter sie noch immer den Kardinal vermutete, als längst die Helden der Gerechtigkeit, die Robespierre, Herbert und Marat mitsamt dem Herzog von Orleans ihr furchtbares Gift behüteten. Auch der Calonne, der als Finanzminister die Schuldenlast des Hofes ins Schwindelhafte gesteigert hatte, und nun in London mit der Gräfin trotz dem Grafen im zärtlichen Verhältnis lebte, die zwar als Diebin mit dem Brandmal gezeichnet, doch immer noch mit ihren dreißig Jahren und ihrer Tollheit begehrenswert erschien. Er half mit feiner Kenntnis der höfischen Gebräuche, daß ihre Memoiren durch den Anschein der Richtigkeit die Frechheit ihrer Schmähungen gefährlich deckten, so daß das Buch, in Tausenden von Exemplaren verbreitet und in die Sprachen Europas übersetzt, durch seine Schilderungen ihrer Nächte und Verbrechen Marie Antoinette zum Abfcheu von Millionen machte. Die Weltgeschichte hat so mancherlei zu tun, bis es in ihren Kesseln kocht, daß sie nicht nur die großen Köche und sauberen Küchenmädchen brauchen kann. Da gibt es schmutzige Arbeit, mehr als reine, und die La Motte war ausgesucht, in ihrer Zeit die schmutzigste zu leisten, bevor die Revolution ins Kochen kam. Und nichts war kummervoller in dieser Zeit, als daß der Hof, der einen Rohan unwürdig fand, nun mit der La Motte feilschen mußte um den Preis, wofür ein weiteres Buch der Gräfin Valois-La Motte der Königin zur Schonung nicht erscheinen sollte. Nun endlich hatte Scanne de Luz de Saint-Remy die Ehre, daß die vertraute Freundin der Königin, die Herzogin von Polignac, mit ihr zu unterhairdeln nach London tarn. Und sicher wäre sie mit dem entblößten Brandmal der Diebin auf der Brust als Sinnbild des unterdrückten Volkes von Paris noch vor Taufenden in die Hauptstadt von Frankreich eingezogen, wenn es dem Schicksal selber mit diesem Sinnspiel nicht zu grausig geworden wäre. Es verwirrte der Jeanne die Sinne, als sie an einem Morgen sich noch eingeriegelt glaubte und plötzlich zwei englische Polizisten in ihr Zimmer treten sah. Sie wollten bei ihr pfänden um eine Schuld; doch sie, die aus dem Morgenschlaf und einem bösen Traum flatternd erwachte wie ein Vogel, der sich noch retten will, sie flog vor ihnen her im Nachtgewande zum Fenster, das halb geöffnet war, und sprang hinaus. Obwohl es hoch im dritten Stockwerk war, fiel sie nicht tot, weil sie erst auf ein Hinterdach, danach auf eine Stange schlagend, nicht gleich zur Erde kam. Doch wurde sie mit schweren Knochenbrüchen hinaufgetragen, die man heute vielleicht zu heilen wüßte, die damals aber zu inneren Eiterungen führten, an denen sie nach Wochen schlimmster Schmerzen sterben mußte. So höhnisch ging das Schicksal mit ihr um, daß als der letzte Tröster Tag für Tag allein ein Agent des Hofes, namens Bertrand, an ihrem Lager saß; ein armer und bezahlter Teufel, dem sie trotzdem vertraute. So starb die Tochter Valois, die eine Königin vernichtete, um sich ein armes Leben lang Genüsse vorzutäufchen, die ihr der Ehrgeiz nicht in der Wirklichkeit verschaffen konnte. Was von der Königin den bittem Tod der Bettlerin in London überlebte, das war die helle Herrin von Trianon nicht mehr, das war eine in Harm oerfteinte Frau. Sie hatten nichts gelernt, die ihren Königswagen noch durch den Aufruhr bringen wollten. Sie kauften von dem Grafen La Motte für vierzehntaufend Livres alles auf, was von dem zweiten Buch der Gräfin schon gedruckt war, und ließen es verbrennen in den Oefen der Manufaktur zu «eores. So ungeschickt, daß schon am andern Tag das Parlament darüber unterrichtet im neuen Aufruhr war, und daß nach einem trotz aller Vorsicht verschleppten Exemplar das Buch im Staatsauftrag nach wenigen Wochen neu gedruckt erschien: mit Briefen der Königin an den (Beliebten Rohan, mit Schilderungen ihrer Liebesstunden im runden Venussaal zu Trianon, daran der Haß sich zu den letzten Taten, dem Mord der Königin, entrüsten konnte. So war die Sonnenkönigin gestorben, lange Jahre bevor ihr ungebeugter Stolz durch Schmutz und Greuel schreitend auf dem Schafott ein Ende fand. Gestorben, weil sie von einer Natter unterm Herzen N'bissen worden war. — Ende. — An den Mond. Von I. W. von Goethe. Füllest wieder Busch und Tal still mit Nebelglanz, lösest endlich auch einmal meine Seele ganz. Breitest über mein Gefild lindernd deinen Blick, wie des Freundes Auge mild über mein Geschick. Jeden Nachklang fühlt mein Herz froh und trüber Zeit, wandle zwischen Freud' und Schmerz in der Einsamkeit. Fließe, fließe, lieber Fluß! Nimmer werd' ich froh; so verrauschte Scherz und Kuß und die Treue so. Ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist! Daß man doch zu seiner Dual nimmer es vergißt! Rausche, Fluß, das Tal entlang, ohne Rast und Ruh', rausche, flüstre meinem Sang Melodien zu, wenn du in der Winternacht wütend überschwillst, oder um die Frühlingspracht junger Knospen quillst. Selig, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt, einen Freund am Busen hält und mit dem genießt, was, von Menschen nicht gewußt oder nicht bedacht, durch das Labyrinth der Brust wandelt in der Nacht. Kirchenkonzert. Von Hermann Hesse. Es regnete zäh und hoffnungslos, und ich hatte wenig Lust, noch einmal die Stiefel anzuziehen und den weiten Weg in die Stadt zu machen. Aber ich war allein und meine Augen schmerzten von der Arbeit und von allen Wänden sahen mich die goldenen Bücherreihen mit ihren schweren Fragen und Pflichten an, die Kinder schliefen schon und mein kleines Kaminfeuer war ausgegangen.. Ich entschloß mich also zu gehen, suchte das Konzertbillett hervor, zog die Stiesel an, legte den Hund an die Kette, und ging im Regenmantel durch den Schmutz und Regen. Die Lust war frisch und herbstlich bitter, schwarz kroch der Feldweg zwischen den hohen krummen Eichen in launigen Bogen um die Nachbargüter. Aus einem Portierhäuschen schimmerte Licht. Ein Hund schlug an, kam ins Zürnen, bellte höher und höher und mußte plötzlich auf- hören. Aus einem Landhaust hinter schwarzen Gebüschen hervor tönte Klavierspiel. Nichts Schöneres und Sehnsüchtigeres, als so am Abend allein im Feld zu gehen und aus einem einsamen Hause Musik zu hären; eine Ahnung von allem Guten und Liebenswerten wacht da auf, von Heimat und Lampenlicht, Abendfeierlichkeit in füllen Räumen, von Frauenhänden und feiner häuslicher Kultur. Da war schon die erste Laterne, einsamer Vorposten der Stadt, und wieder eine, und nahe schimmernde Vorstadtgiebel, und plötzlich hinter der Mauerecke blendend in grellem Bogenlicht die Tramstatton, wartende Menschen in langen Mänteln, plaudernde Kondukteure mit nassen, triefenden Mützen und matt auf feuchten Rocken schimmernden Uniformknöpfen. Ein Wagen knattert heran, blaue Blitze unter sich, hell und warm mit breiten Glasscheiben. Ich steige auf, wir fahren, aus dem erleuchteten Glasgehäust sehe ich nächtige Straßen breit und öde, an den Ecken da und dort eine Frau, die unterm Regenschirm auf unseren Wagen wartet, und hellere und lebendigere Straßen, und plötzlich strahlend jenseits der hohen Brücke die ganze Stadt im Abendglanz Der Fenster und Laternen, und unter der Brücke tief und fern das Flußtal mit dem dunkel heraufspiegelnden Wasser und den weiß- schaumigen Wehren. Ich steige aus und gehe durch die Arkaden einer schmalen Gasse dem Münster entgegen. Auf dem kleinen Münsterplatz funkelt ein Laternenlicht schwach und kühl im nassen Straßenpflaster, auf der Terrasse wehen die Kastanienbäume, über dem rötlich erleuchteten Portal verschwindet schmal in unendlicher Höhe der gotische Turm in die nasse Nacht. Menschen in feuchten Kleidern stehen gedrängt, hinter seiner Oer harte Geevogel von Danzig. Von 21. von Riha. Als vor 480 Jahren ein Danziger Geschwader bei Bornholm eine fast dreifache dänische Uebermacht vernichtend schlug, wurde zum ersten Male in einem Seetreffen mit brauchbaren Kanonen gekämpft. Außerdem ersann Bokelmann, der Führer des Danziger Geschwaders, hierbei ein neues seetaktisches Manöver, das bis zum Ende der Segel- jchiffszeit gültig blieb: er gewann dem gegnerischen Geschwader den Wind ab, zwang es durch ein auseinandergezogenes Feuergefecht zur Teilung und stürzte dann von seiner günstigen obern Windtage nacheinander auf die getrennten Teile her. Dadurch besiegten sechs Danziger Schiffe 16 dänische, von denen sechs auf den Grund geschickt und sechs als Prisen nach Danzig eingebracht wurden. Auf Bokelmanns Flaggschiff diente in dieser Schlacht der 15jährige Paul Beneke als Kapitänslehrling. Er bestand seine Feuertaufe so ruhmreich, daß er vom Danziger Bürgermeister öffentlich belobt wurde, weil er beim Entern des dänischen Flaggschiffs im Handkampf den dänischen General Zinnenberg überwältigte. So zeigte sich schon der halbwüchsige Junge als der künftige deutsche Seeheld der Ostsee, der von seinen aufgescheuchten Gegnern den Beinamen des harten Seevogels von Danzig erhielt. Sein eigentlicher Name blieb unbekannt. Er war ein Seefindling. Als Geschwaderführer Bokelmann noch als Kapitän fuhr, überrannte er im Herbst 1442 mit seiner großen Kogge in der Ostsee bei dickem Nachtnebel ein kleines (vermutlich Lübecker) Schiff, das rasch versank. Von der Besatzung der gerammten Krafsele blieb nur ein etwa anderthalbjähriger Knabe am Leben, der in seinem Bettkorb auf der Unfallstelle schwamm. Er wurde geborgen und nach Danzig mitgebracht, wo ihn der reiche Kaufherr B en e k e an Kindes Statt annahm und ihm fernen Namen gab. v . Aus der See war er gekommen und zur See zog es ihn zuruck, obwohl ihm der Adoptivvater in feinem großen Kaufhaus eine schöne und behagliche Zukunst bot. Als er durch (eine kühne Tat in der Born- holmer Seeschlacht mit Ehren in den Seemannsberuf eingetreten war, erwarb er bald unter seinen Zeitgenossen den höchsten seemännischen Ruhm Schon mit 16 Jahren war er erster Steuermann des Kapitäns Eler Bokelmann, des Sohns des Geschwaderführers. Das gab ihm sehr schnell die willkommene Gelegenheit zu einer neuen wagemutigen Tat. Eler Bokelmanns Kogge segelte mit einem Danziger Börse nach dem Kattegat, um die Dünen für die Wegnahme einiger Danziger Frachtführer zu strafen. Dabei wurde ein dänisches Schiff bei Laesö genommen und der junge Beneke zu feinem Kapitän ernannt. Gleichzeitig erhielt er den Auftrag, nachts in den Hafen von Laesö einzudringen und zwei dort liegende dänische Kriegsfahrzeuge zu kapern. Er brachte aber bedeutend mehr heraus, nachdem er mit Ruderbooten heimlich in den Hasen eingesahren war, nämlich sechs dänische Kauffahrer und vier Danziger Frachtschiffe, die dort als dänische Prisen lagen. Nicht genug damit, überrumpelte er den schlafenden Bürgermeister von Laesö in seiner Wohnung und zwang ihn zur Herausgabe aller deutschen Gefangenen und zur Zahlung eines hohen Lösegeldes. Für diese kühne Tat erhielt der 18jährige Kapitän eine goldene Halskette, den Rang eines Schiffs- Hauptmanns und das Kommando der größten der dänischen Barsen, die er genommen hatte. , . Als König Eduard IV. von England im Jahre 1465 plötzlich In London den Stahlhof, die große Faktorei der deutschen Hansa, schließen und alle Deutschen im Lande gefangensetzen ließ, entsandte er gleichzeitig ein starkes Geschwader, das die hanseatische Seemacht vernichten sollte. Beneke und Eler Bokelmann befanden sich zu diesem Zeitpunkt mit ihren Schissen in Holland und fuhren sogleich nach der englischen Küste hinüber, wo sie bei Deal Fanbeten, 30 angesehene Bürger als Geiseln festnahmen und 18 englische Schiffe in Brand steckten. Hieruaf fegelten sie nach der französischen Kanalküste, um den aus Paris beimkehrenden Lordmajor von London gefangenzunehmen. Nachdem auch dieser Handstreich gelungen war, fuhren die beiden Danziger Kapitäne nach der flandrischen Küste, wo im Zweener Hasen fünf englische Kriegsschiffe lagen. Während die beiden Danziger Schiffe auf hoher See blieben, fuhr Beneke nachts mit nur einem Matrosen, als Fischer verkleidet, mit einem kleinen Boot in den Zweener Hafen hinein. Sie gelangten unter das mächtige Spiegelheck des englischen Flaggschiffs „St. John" und gossen hier im Schutz der dunklen Regennacht geschmolzenes Blei an die Fingerlinge des Steuers, das dadurch unbeweglich wurde. Dann kehrten sie auf ihr eigenes Schiff zurück. Im Morgengrauen fuhren Beneke und Eler Bokelmann mit ihren Schiffen im Hasen ein, um die fünf Engländer anzugreifen. Ein Engländer wurde fofort im ersten Anprall außer Gefecht gesetzt. Die vier anderen ließen ihre Anker schlüpfen, um zur Aufnahme des Gefechts sich in Bewegung zu fetzen. Aber das mächtige englische Flaggschiff trieb mit [einem gelähmten Steuer seewärts ab und muhte sich den Danzigern ergeben. Die restlichen drei Engländer waren kleinere Fahrzeuge. Zwei von ihnen konnten flüchten, während das dritte gekapert wurde. Beneke hißte auf dem stolzen „St. John" die Danziger Flagge und übernahm felbft das Kommando über das schöne und gewaltige Orlogschiss. Der „St. John" wurde fein Flaggschiff, als er 1470 ein Danziger Geschwader von sechs Schissen nach Flandern führte, wo sich eine hanseatische Flotte zum Kampf gegen England fammelte. Hier angekommen, erfuhr Beneke, daß der König von England auf der Ueber- fahrt nach einem feeländischen Hafen war. Das genügte für Beneke, um sofort in den feeländifchen Hafen einzulaufen und hier den ankommenden König zu erwarten und gefangenzunehmen. Beide schlossen hieraus einen Vertrag, in dem der König die Forderungen Benekes bewilligte und als Gegenleistung von ihm nach England zurückgebracht wurde. Damit hatte sich Beneke Rückenfreiheit gegen die Franzosen geschaffen, die mit einem großen Geschwader von 17 Schiffen gegen die Hansa zu Feld zogen. Beneke sammelte 14 hanseatische Schiffe unter feinem Kommando und betten Scheibe sitzt der Kassier, ein Mann fordert meine Karte, ich trete fn den Dorn, den Hut in der Hand, und alsbald weht aus schwach er- bettien Riesengewölben mir erwartungsvolle heilige Luft entgegen. Kleine Ampeln senden zaghafte Lichtstrahlen an den Säulen und Pfeilerbündeln ernvor, Strahlen, die sich im grauen Gestein verlieren und hoch oben warm und zart in den Wölbungen versickern. Ein paar Banke sind dicht besetzt, weiterhin steht Schiff und Chor fast leer. Ich schleiche auf «eben — auch so noch hallt mein Schritt mir nach — durch den großen feierlichen Raum, im dunklen Chor stehen alte, schwere Holzbanke mit geschnitzten Lehnen wartend, ich schlage einen Sitz herunter, der hölzerne Klang tönt dumpf in der steinernen Höhe wider. ■Rufnähen niste ich mich in dem wetten, tiefen Sessel ein ich ziehe ein Program hervor, es ist aber zu dunkel zum Lesen. Ich besinne mich, kann mich aber nimmer genau erinnern, es war das Orgelstuck eines verstorbenen französischen Meisters angekündigt und eine alte italienische Geigensonate, wer weih von wem, und dann ein Vorspiel und eine Fuge von Bach. Zwei, drei schwarze Gestalten kommen noch in den Chor geschlichen, setzen sich jeder weit vom anderen, graben sich tief in den alten Sitzen «in Jemand läßt ein Buch fallen, hinter mir höre ich zwei Madchen- ftimmen flüstern. Nun Ruhe, Schweigen. Fern auf dem beleuchteten Seltner, zwischen den beiden runden Lampen und vor den kühl glänzenden hohen Orgelpfeifen, steht ein Mann, er winkt, er fetzt sich, ein erwartungsvoller Atemzug geht durch die kleine Gemeinde. Ich mag nicht Hinsehen, ich schaue zurückgelehnt hoch in die Wölbung hinauf und atme die verschwiegene Kirchenluft. Da, ein hoher, starker Orgelton. Er füllt, anwachsend, den ungeheuren Raum, er wird selber zum Raume, umhüllt uns ganz. Er wächst und ruht aus, und andere Töne begleiten ihn, und plötzlich stürzen sie alle in einem hastigen Davonfliegen in die Tiefe, beugen sich, beten an, trotzen auch und verharren gebändigt im harmonischen Bah. Und nun schweigen sie, eine Pause weht wie der Hauch vor einem Gewitter durch die Hallen. Und jetzt wieder: mächtige Töne erheben sich in tiefer, herzlicher Leidenschaft, schwellen stürmend hinan, schreien hoch und hinge- !leben ihre Klage an Gott, schreien nochmals und lauter, und vertrimmen. Und wieder heben sie an, wieder hebt dieser kühne und ver- unkene Meister seine mächtige Stimme zu Gott, klagt und ruft an, weint fein Leid in stürmenden Tönereihen gewaltig aus, und ruht und spinnt sich ein und greift Gott in einem Choral der Ehrfurcht und Würde, spannt goldene Bögen durch die hohe Dämmerung, läßt Säulen und tönende Säulenbündel hinansteigen und baut den Dom seiner Anbetung empor, bis er steht und in sich ruht, und er steht noch und ruht und umschließt uns alle, als schon die Töne verklungen sind. Wie kleinlich und schlecht leben wir, muß ich denkenI Wer von uns dürfte so vor Gott und vor das Schicksal treten wie dieser Meister, mit solchen Rusen der Anklage und des Dankes, mit so emporgebäumter Gröhe eines tiefgesinnten Wesens? Ach, man sollte anders leben, anders fein, mehr unterm Himmel und unter den Bäumen, mehr für sich allein und näher bei den Geheimnissen der Schönheit und Größe. Die Orgel hebt wieder an, tief und leise, ein langer, stiller Akkord; atni) über ihn hinweg steigt eine Geigenmelodie in die Höhe, in wundervollen geordneten Stufen, wenig klagend, wenig fragend, aber aus geheimer Seligkeit und Geheimnisfülle singend und schwebend, schön und eicht wie der Schritt eines jungen Mädchens. Die Melodie wiederholt ich, ändert sich, verbirgt sich, sucht verwandte Figuren und hundert seine, piekende Arabesken auf, windet sich flüssig auf engsten Pfaden und geht rei und gereinigt wieder hervor als ein stillgewordenes, geklärtes Ge- ühl. Hier ist keine Größe, hier ist kein Schrei und keine Tiefe des Leidens, noch auch hohe Ehrfurcht, hier ist nur Schönheit einer begnügten, frohen Seele. Sie hat uns nicht anderes zu fügen, als daß die Welt schön und voll von göttlicher Ordnung und Harmonie ist, ach, und welche Botschaft hören wir seltener und haben wir nötiger als diese frohe! Man fühlt es, ohne es zu sehen, in der ganzen großen Kirche wird jetzt von vielen Gesichtern gelächelt, froh und rein gelächelt, und mancher findet diese alte schlichte Musik ein wenig naiv und veraltet, und lächelt doch auch und schwimmt mit in dem einfachen, klaren Strom, dem zu folgen eine Wonne ist. Man spürt es noch in der Pause, die kleinen Geräusche, Geslüster und Zurechtrücken in den Bänken tönen froh und munter, man freut sich und geht befreit einer neuen Pracht entgegen. Und sie kommt! Mit freier, großer Gebärde tritt der selige Meister Bach in seinen Tempel, grüßt Gott mit Dankbarkeit, erhebt sich von der Anbetung und schickt sich an, nach dem Text eines Kirchenliedes seiner Andacht und Sonntags- ftimmung froh zu werden. Ader kaum hat er begonnen und ein wenig Raum gefunden, treibt er feine Harmonien tiefer, holt den größten breiten Baß herbei, baut Melodien ineinander und Harmonien ineinander und stützt und hebt und rundet feinen Tönebau weit über die Kirche hinaus zu einem ©temenraum edler, vollkommener Systeme, als fei Gott schlafen gegangen und habe ihm feinen Stab und Mantel übergeben. Er wettert in zufammengeballten Wolken und öffnet wieder freie, heitere Lichträume, er führt Planeten und Sonnen triumphierend herauf, er ruht lässig im hohen Mittag und lockt zur rechten Zeit die Schauer des kühlen Abends hervor. Und er endet prächtig und geroalHg wie die untergehende Sonne und hinterläßt im Verstummen die Well voll Glanz und Seele. Still gehe ich durch den hohen Raum und über den kleinen verschlafenen Platz, still über die Brücken und durch die Latemenreihen zur Stadt hinaus. Der Regen hat aufgehört, hinter einer ungeheuren Wolke, die das ganze Land bedeckt, ahnt man in wenigen Ritzen Mond- licht und schone Nachthelle. Die Stadt verschwindet, und die Eichen an meinem Feldweg rauschen in einem fünften frischen Winde. Und ich steige sacht die letzte Höhe hinan und betrete mein schlafendes Haus, zu den Fenstern fpricht die Ulme herein. Nun mag ich gern zur Ruhe gehen und wieder eine Weile das Geben erproben und fein Spielball fein. segelte den Franzosen entgegen, mit denen er an der Maasmündung zusammentraf. , v m . Es entwickelte sich ein ungemein blutiges Seetreffen, bei der Beneke schwer verwundet wurde und Eler Bokelmanns Schiff „Mariendrache" in die Luft flog. Aber die Hanseaten errangen einen glorreichen Sieg. Nur drei französische Schiffe entkamen, alle anderen wurden in Brand geschossen. Nun beherrschte die Hansa den Kanal und die Nordsee, in der sich auf Jahre hinaus kein Engländer und kein Franzose blicken ließ. Dagegen unternahm Beneke mit seinem Geschwader mehrere Ueber- fälle aus die englische Küste, weil König Eduard IV. den mit ihm geschlossenen Vertrag nicht hielt. Beneke drang in alle ostenglischen Hafen ein und vernichtete oder kaperte zahlreiche englische Schiffe, bis der König, durch seine kühnen Unternehmungen mürbe gemacht, neue Verhandlungen mit der Hansa anknüpfte. Während sich die Verhandlungen hinschleppten, fuhr Beneke auf seinem neuen Flaggschiff „Peter von Danzig" mit vier Hamburger Schiffen nach der spanischen Küste, um hier den Prisenkrieg gegen Englands Kaufsahrer zu führen. Unterwegs kaperte er zwei burgundische Frachtführer, die mit englischen Waren beladen und daher nach Kriegs- brauch gute Prisen waren. Deshalb kehrte sich denn auch Beneke weder an den Protest Karls des Kühnen von Burgund, noch an die Bulle, die der Papst „An meinen lieben Sohn, den Piraten Paul Beneke" erließ. Schließlich gaben die Engländer nach. Sie schlossen mit der Hansa Frieden und zahlten ihr eine Entschädigung. Im blühendsten Alter, kaum 4n Jahre alt, erlag Paul Beneke der Pest, bevor er in Danzig die b.chsten Ehren erreichen konnte. In die Geschichte der Seestrategie schri.o er seinen Namen mit unvergänglichen Lettern durch Ausbildung des Kreuzerhandelskrieges ein. Seine Starke bestand in überraschenden Teilunternehmen, bei denen er seine Erfolge dem kühnen Wagemut verdankte, durch den er seine Gegner verblüffte. Er kam immer im unerwartetsten Augenblick wie ein Stoßvogel über den ahnungslosen Gegner, weshalb er seinen Beinamen mit Recht erhielt. Aber auch als diplomatischer Unterhändler stellte er in allen Lagen seinen Mann. Er war ein treuer Diener Danzigs, aber er sah weit über die enge Kirchturmspolitik seiner Zeit hinaus. Vor seinem Blick stand ein größeres Deutschland, das für ihn als Seemann in der seefahrenden Hansa verkörpert war. Wo immer im Machtbereich seiner Kommanüoflagge ein Deutscher auf fremden Boden in Bedrängnis geriet, konnte er stets auf die tatkräftige Hilfe des harten Seevogels rechnen. Deshalb spannen sich auch ganze Legenden um Benekes Namen. Hätte er ein einiges und dadurch starkes Deutschland hinter sich gehabt, so würde er gewiß unter die größten Admirale aller Zeiten gezählt. Oer Briefträger. Don Nikolaus Schwarzkopf. Der Briefträger ward genannt der Postmichel und wohnte gegenüber vom Pfarrhaus in einem Hüttchen, das fast kleiner war als er. Die beiden Porzellanschellen aber, die an dem geschindelten Giebel in starken Eisenhaken saßen, verbanden ihn, wie er sagte, mit Frankfurt und mit der ganzen Welt. Er konnte, wenn er wollte, Gespräche, die der Kaiser führte, belauschen, er konnte, wenn er wollte, in Darmstadt den Erohherzog anrufen, allein das glaubten ihm selbst -die Kinder kaum. Ein Schild hing über den Schellen: Kaiserlich deutsche Reichspost, Nebenstelle. Also ein wenig nebendran war der Michel doch hingesetzt. Und ich, wenn ich draußen im Feld neben der Landstraße die beiden Drähte brummen hörte, und das Ohr an die Holzstangen legte, ich hörte da auch allerlei, was andere Kinder nicht hörten, und ich war vielleicht das einzige Kind, das dem Postmichel glaubte. Er konnte nicht nur telephonieren, er konnte auch telegraphieren, und die messingenen Apparate tickten Tag und Nacht auf seinem Tisch, ein Zeichen, daß in der großen Welt immer etwas vor sich ging. Nur ein Mann war im Dorf, der die Geheimnisse des Funks lesen konnte, er! Seine ungeheure Neugierde ließ ihn bis tief in die Nacht über den Zeitungen und Zeitschriften sitzen, die er andern Tags auszutragen hatte, und dem Bienenzüchter, der „Papiere" besaß, rief er schon von weitem den Stand der Börse zu. Er konnte das getrost tun, denn außer diesen beiden Männern kümmerte sich im Dorf niemand um die Börse. Alle Liebschaften waren ihm bekannt, alle Feindschaften, alle beginnenden Prozesse. Er wußte, wo jeder einzelne, der aus Urberach stammte, draußen in der Welt wohnte, die Straße kannte er, die Hausnummer und wußte, wieviel Kinder der einzelne hatte, was für eine Frau, in was für Verhältnissen er lebte. Seine Kenntnis reichte bis über die See, und wenn einer ausgewandert war, wußte der Michel warum und wohin. Er wußte das besser als der Staatsanwalt. Als meine Tante auswanderte und einen armen Sohn hinterließ, wußte er zuerst, welche tieferen Gründe die Tante zu diesem schrecklichen Schritt veranlaßt hatten: eine alte Liebel Der Postmichel kam jeden Morgen zwischen zehn und halb elf in die Schule, dem Lehrer etwas zu bringen. Man hörte ihn schon auf der Straße, denn er schritt wie ein richtiger Soldat mit schwer genagelten Stiefeln einher. Er klopfte, der Lehrer öffnete, und dann blies der Michel, der stets eine Zigarre rauchen mußte, eine Handvoll seines Qualms in die Schulstube hinein, daß einem Hören und Sehen von der Wissenschaft abgelenkt wurden. Hab Dank dafür, Postmichell So gute Zigarren gibt es heute ja nicht mehr! Zu uns ins Erbfeneck kam der Postmichel ost, denn mein Vater schickte, wenn er weit in der Welt pflasterte, alle vierzehn Tage feinen Lohn heim. Dann teilte der Michel die Taler auf unfern Wachstuchtisch nebeneinander, die Mutier zählte sie, indem sie mit zwei Fingern je zwei miterschob, nach, und bann, wenn alles stimmte, bekam der Michel fünf Pfennig geschenkt, den Bettag für eine gute Zigarre. Später, als der Postmichel diese fünf Pfennig wohl vergessen hatte, stellte er sich einmal recht dumm an: ich hatte die Anschrift auf ein Päckchen, das meine Mutter zum Namenstag beglückwünschen sollte, schlecht geschrieben (ich besuchte damals eine hohe Schule, und Gelehrte schreiben bekanntlich schlecht), und das Päckchen lief — es ist mir heute noch unbegreiflich — aus den Händen des Postmichel fort von Urberach nach Urach im Schwarzwald. Von dort wurde alsdann telephonisch bei ihm angefragt, ob es in Urberach nicht ein Nähbabettchen im Erbseneck gäbe? Das war meine Mutter, das Nähbabettchen, das war ihr Spitzname. Freilich, antwortete der Michel, und am folgenden Tag, drei Tage nach dem Fest, kam das Päckchen endlich zu meiner Mutter. Was war geschehen? Die Post in Urach hatte das Päckchen geöffnet, weil dort eine Frau des Namens meiner Mutter nicht lebte, und in dem Päckchen lag ein Brief von mir, ein lustiger Brief, der so anfing: Liebes, kleines Nähbabettchen im Erbseneck! Und bann, als meine Mutter sechzig Jahre alt war, wollte ich, der ich Unterbetten gewaltig in bie Welt gewachsen mar, ihr telephonisch meinen Glückwunsch sagen. Meine Mutter aber hatte noch nie telephoniert und erschrak, als sie zur Post gerufen würbe. Sie nimmt ben Hörer ans Ohr, hört etwas, versteht aber nichts, ich spüre, wie aufgeregt sie ist, und denke: da hast du ja was Schönes angerichtet! Ich vernehme, wie der Hörer hinfällt, ich hör gar einen verhaltenen Schrei, und endlich metbet sich der Postmichel. Er sagt, daß meine Mutter nichts verstehen könne, was denn eigentlich Schreckliches geschehen sei? ... Ach so! er lacht, der Michel, ich lache, und ich höre nun auch deutlich bie Stimme meiner Mutter. „Du böser Bub!" sagt meine Mutter. Nebendran hör ich -den Michel sagen: „Wie kann man nur auch solche Dummheiten machen!" und dann sagt meine Mutter wieder ganz deutlich: „Du ... böser ... Bub!" Und zwei Tage später bekomme ich einen Brief von der Mutter, den konnte ich mir Hintern Spiegel stecken, wie man fo sagt. Das war der schönste Liebesbrief, den ich je bekommen habe. Ich würde ihn gern hierher setzen, aber das Schönste muh auch eine Schreiberseele für sich behalten können, zumal, wenn sich's um Liebe dreht. Heute lebt der Postmichel in meiner Stadt. Seine Tochter hat einen Eisenbahner geheiratet, der hier am Hauptbahnhof dicht neben dem Direktor steht. Der Michel stapft mit der Zigarre im Mund tagaus, tag= ein durch die Straßen, als wenn er noch zu Hause im Dienst wär, und wenn er zu mir kommt, hör ich seinen scharfen Schritt schon von weitem. Wir sitzen oft beisammen, trinken eins, rauchen und schwatzen das Urberacher Blaue vom Himmel herunter. Ost hängen wir miteinander am Telephon, und wenn das Postfräulein nicht wüßte, wer da miteinander plaudert, hätten wir schon oft Strafe zahlen müssen. Der Michel lebt im Ruhestand, im wohlverdienten, aber es ist noch mehr Unruhe in ihm als Ruhe. Wenn er schreiben könnte, wcir's gut für ihn und für mich, denn dann müßte er, die lebende Chronik meines Dorfes, was er fo schön zu erzählen weiß, niederschreiben. Aber er kann nur aussprechen, was sein noch junges Herz bewegt, und ich schreibe das alles getreulich auf. Wenn er bei mir ist, ist mein ganzes Dorf bei mir, alle dörflichen Leidenschaften, alle Freudenschaften, alle Männer, alle Frauen, alle Nachkommenschaften, in denen die alten Dinge neu erstehen, denn die Menschen ändern sich kaum, und was einmal in den Seelen sitzt, das vererbt sich. Es hat bisweilen nur eine Maske vor oder gar eine Toga auf der bäuerlichen Schulter. Die Häuser seh ich, die Gassen, die alten Bäume, die Brunnen, den Kirchtum und den Herrn Pfarrer, der sich auch kaum änderte. Die ganze Gemark wird durchwandert, Nußbäume sind größer geworden, die Wälder stehen noch wie früher, die Schornsteine der Häfner qualmen noch, der Bahndamm in den Bruchwiesen ist noch nicht eingerutscht, der Untermüller läßt das Wasser laufen und mahlt elektrisch, und das ganze Dorf ist elektrisch erhellt, fo daß die Liebespärchen Mühe haben, sich verborgen zu halten, und die beiden Drähte mit den Porzellanschellen stecken am Haus des „Gehstewegda- hinten", des Wirts. Das Schönste aber am Postmichel ist, daß er mir die Mundart der Heimat geläufig erhält und ihren ganzen Herzschlag. Der Schutzherr der Briefträger ist der Erzengel Gabriel. Zu ihm haben die Briefträger zu beten in Freud und Leid, denn er ist ein großer Helfer. Er hat feinerzeit, und das ist die Ursache der Patenschaft, der Jungfrau Maria die Botschaft vom Himmel gebracht, daß sie Mutter des Sohnes Gottes werden solle. Diese Botschaft nennt ein schwäbischer Dichter 1509 „Das Liebesbriefchen des Herrn der Oberlande". Es gibt keinen Künstler von Rang, der die Ueberbringung dieses Briefchens, also die Verkündigung, nicht dargestellt hätte. Sanft sieht der Briefbote da, als ob er nicht auf drei zählen könne! Wie ein rechter Verführer, fo schmeichelt er sich an! Oder er bricht stürmisch durch's vergitterte Fenster herein! Maria, die reine Magd, weiß bald nicht, wie ihr geschehen soll, bald ergibt sie sich stumm und überroältigt, bald jubelt sie auf ob der Botschaft. Die schönste Verkündigung hat mein Landsmann Matthias Grünewald gemalt auf dem Jfenheimer Altar, der heute in Kolmar steht. Ich weiß nicht, ob der Postmichel Kenntnis hat von so schönen und beruflich wichtigen Dingen und ob er überhaupt noch betet. Sein Namenspatron ist ja auch solch ein hoher Engel, der Erzengel Michael, der die Schlacht der guten Engel gegen die bösen Engel siegreich leitete, eine Angelegenheit, die nicht minder oft von Künstlern aller Art dar- gestellt wurde. Aber ich pfeife letztlich auf diese Kunst, wenn die Sache, die sie darstellt, nicht mehr in Ordnung ist, mit andern Worten: wenn die hohen Schutzherren nur noch für ein paar Künstler da sind. Dom Postmichel kann und muß ich sagen: er war ein Ehrenmann, aber ein Engel war er nicht! Biele Menschen sind ja heute leicht geneigt, sich damit zu begnügen, daß irgendein Michel ein Ehrenmann ist. Soviel ich weiß, fragt auch die Reichspost nicht mehr nach solcherlei Patronaten: aber wohin soll das führen?! verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Antversitäts-Duch- und Steindruckerei.2t.Lunge, Gieße«.