GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1956 Zreitag. den 2. Oktober Nummer 76 FELIX TIMMERMANS Die Delphine EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig 12. Fortsetzung. Die Magd reichte ihnen die Münzen. Gierig streckten sie alle Zugleich ihre greifenden Hände aus, es gab ein Drängen und Schimpfen wie unter wilden Raubtieren, die gefüttert werden. Anna-Marie konnte kein Mitleid mit ihnen fühlen. Ihr eigenes Los schien ihr weit schwerer zu sein. Zwar kannten sie leere Magen, das drückende Elend von Kälte und Hunger, aber ihre Seelen waren rauh und abgestumpft, nicht von der Verzweiflung zerrissen, nicht von Sehnsucht und ständigem Gram zermürbt. Sie kannten nicht den Jammer eines quälenden Gewissens. Sie lebten einfach und plump in den Tag hinein, ohne sich Gedanken zu machen, nahmen, was sie kriegen konnten, und schraken nicht vor Gewalt zurück, ohne seelisch darunter zu leiden. Sie freuten sich über ein Stück Brot und einen groben Scherz und hatten keine Ahnung von verbotener Liebe, die das Herz tötet und den Tod herbeisehnen läßt. „Ihnen kann mit Geld geholfen werden", dachte sie, „mir nicht." Sie sah den Bettlern nach, die sich entfernten, und beneidete sie um die Einfalt und die dumpfe Ruhe ihres Geistes. Da kam Joo Pastor. Diese Frau konnte die Zukunft deuten, sie hatte einmal zu Livinus gesagt: „Eine Frau mit schwarzen Haaren wird dem Rad Ihres Lebens eine andere Richtung geben." „Frau ...", sagte sie zögernd. „Gnädige Frau?", sagte Joo Pastor, bereit, ihr zuzuhören, während sie mit ihren knochigen Fingern die Münze von der Türschwelle auslas. „Können Sie die Zukunft voraussagen?" Da nahm das dürre Weib die Hand Anna-Maries, aber sie ließ sie gleich wieder fallen. „Sie haben keine", sagte sie trocken. „Was" „Eine Zukunft." Mit elastischen Schritten entfernte sich die hagere Gestalt. „Gott sei Dank! ich habe es doch gewußt", sagte Anna-Marie, und sie mußte sich an der Türklinke festhalten, um nicht umzufallen. Eine Todesanzeige. Ein Totenbitter mit hohem Hut brachte mit gemessener Würde jedem der Delphine, Anna-Marie und Grain d'Or ein eigenhändiges Schreiben Pirruhns. Pirruhn hatte sich seit fünf Tagen nirgends blicken lassen, und jetzt schrieb er: . „Ich lade hiermit höflichst ein, morgen nachmittag um 1 Uhr in meinem Hause meiner Totenfeier beiwohnen zu wollen. Musikinstrumente bitte ich mitzubringen. Ende gegen 6 Uhr. Letzte Grüße Pirruhn." . Der Leichenschmaus. Alle geladenen Gäste waren erschienen, mit Ausnahme von Anna- Marie, die sich hotte entschuldigen lassen. Die Uhr stand noch immer still auf ein Viertel nach sieben, und über Pirruhns Bild hing ein Handtuch. Pirruhn saß in der Mitte der Festtafel, in seinem schwarzen Beerdigungsanzug, zum erstenmal in Schwarz seit seiner Erstkommunion. Die Delphine, und sogar Grain b’Dr, hatten sich dahin verständigt, zum Scherz ebenfalls schwarz zu erscheinen, denn sie waren überzeugt, daß Pirruhn sie zum beste» halten wollte. Die Männer trugen ein weißes Halstuch und hatten einen Trauerflor um ihre Hüte gelegt. Grain d'Or hatte nichts Buntes an sich und putzte sich die Nase in einem weißen Taschentuch mit schwarzen Punkten. Alle waren der Meinung, daß Pirruhn au? Aberglauben so handelte, in der Hoffnung, daß er. indem er seinen Leichenschmaus jetzt feierte, noch lange leben würde. Aber jeder wunderte sich, daß Adelaide nicht zu den Gästen zählte und für sie auch nicht gedeckt war. Als Corenhemel nach ihr fragte, antwortete Pirruhn: „Wer ist das ..." Sie konnten nicht klug daraus werden, dachten auch weiter nicht darüber nach, da ja jeder mit seinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt war; nur Schwan kam die Sache verdächtig vor, und er betrachtete mit ernsten, traurigen Augen seinen Freund Pirruhn, der sich benahm wie immer in seiner kurzen, derben Art, die jedoch eine große Herzensgute verriet. Er forderte seine Gäste auf zu spielen und zu singen, das weiche Kalbfleisch mit Blumenkohl, worüber eine dicke, goldgelbe Eiersauce gegossen war, nicht zu verachten; er pries den zarten braungebackenen Flußfisch aus den Ardennen und den Kopfsalat, sand viele lobende Worte für die kalten Hühner in gelbem Gelee, wozu es geschmorte rote Kirschen gab, bat Kuckuck ein Gedicht zu machen auf den Reis mit eingemachten Aprikosen, die so angenehm durch die Kehle rutschten, und wußte dem roten Wein aus dem sonnigen Frankreich ein so herrliches Loblied zu singen, daß Van de Rast, der König der Schlemmer, befürchtete, seinen Titel ein- zubühen. Dieser Freund des guten Essens hatte beute nicht gefrühstückt, um sich den Appetit nicht zu verderben, und er freute sich, daß die beiden adligen Damen nicht gekommen waren; jetzt fühlte er sich ungestört. Er hatte seinen Kragen und seinen Frack ausgezogen und aß mit vollen Backen. Er hatte keine Zeit zum Reden, ließ die blutroten Fleischscheiben auf seinen Teller rutschen, goß viel Sauce darüber und spülte den Wein wie in ein bodenloses Faß hinunter. Er schwitzte vor angenehmer Auf-, regung und warf zwischendurch forschende Blicke in der Richtung nach der Küche, ob nicht bald neues Essen käme. Der reichliche Weingenuß brachte auch Livinus in gute Stimmung. Er wurde ganz weich davon und erfaßte Grain d'Ors Hand; das Mädchen freute sich sehr, weil sie glaubte, daß die matt gewordene Liebe neue Kraft gewinne. Kuckuck nahm zwischen jedem Gericht die Mandoline auf die Knie und sang neue Liebeslieder auf ein junges Mädchen, das [eine Liebe nicht erwiderte, ober er rief scherzend zu Pirruhn: „Iß dir den Bauch noch einmal ordentlich voll und mache viel, viel Essig an deinen Salat, dann bleiben dir die Würmer vom Leibe!" Corenhemel saß meistens in Gedanken versunken da; Schwan hatte ihn in den letzten Tagen öfters am Aermel zupfen müssen, weil er so niedergeschlagen aussah; ein Seufzer und eine nichtssagende Redensart waren dann seine einzige Antwort. Pirruhn, der ihn saft seit einer Woche nicht mehr gesehen hatte, war angenehm überrascht. „Es freut mich" rief Pirruhn ihm zu, „daß ich dich vor meinem Tode noch einmal mit einer traurigen Miene sehe. Das steht dir ausgezeichnet. Du wirst wieder ein echter Delphin. Willst du mir einen letzten Wunsch erfüllen? Ja! Sinq dann noch einmal das Lied von Katinka!" ,®em!" sagte Corenhemel plötzlich begeistert. Ein schönes Lächeln umspielte feine Lippen. Kuckuck setzte sich ans Spinett, und Corenhemel sang das eintönige wehmütige Lied. Ja, das brauchte er. Das Lied war für ihn, was die Honigblüten den Bienen find. Seine Seele fand Trost darin, und angenehmer als alles, was er in der letzten Zeit erlebt hatte, war die zärtliche Wehmut, mit der ihn dieses Lied erfüllte. Das kleine russische Mädchen, mit dem weißen Kopftuch um das runde, träumende Gesicht, hatte für ihn wieder ihren ganzen lockenden Zauber. Er empfand von neuem die Macht, den Reiz ihrer wilden, sonnigen, blinden Liebe. Schon lange wühlte sie sehnsüchtig in ihm, durch die Liebe für Anna-Marie hindurch, die nun allmählich verlöschte wie eine Lampe in der Morgendämmerung. Anna-Marie gab ihm nicht das, was er brauchte. Es war eine Betäubung gewesen, und jetzt loderte fein Herz in hellen Flammen wieder auf für die unerreichbare Katinka. Als der Sang zu Ende war, rief Pirruhn, in die Hände klatschend, äußerst froh und gerührt „Bravo!", weil Corenhemel nun wieder traurig war und stürmisches Temperament zeigte, aber vor allem, weil Anna- Marie nun von einer unschicklichen Liebe befreit und erlöst wurde, die Pirruhn ein stiller Dorn im Herzen gewesen war, seitdem er sie entdeckt hatte. Er klopfte Corenhemel auf die Schulter: „Du bist wieder em Delphin! Deine Liebe gehört wieder den schönen Schemen. Du bist auferstanden, trinken wir auf deine Ostern! Jetzt kann ich ruhig sterben!" „Simon! Simon!" mahnte Schwan mit trauriger Stimme, als er Pirruhn so leichtfertig über seinen Tod reden hörte. Lioinius nahm sich vor, heute abend noch zu Anna-Marie zu gehen und ihr zu erzählen, was Corenhemel gesagt hatte. Er wußte sich vor Freude nicht zu halten, weil er nun die Möglichkeit sah, diese Liebe zu ersticken; im Bewußtsein seines Sieges fing er an zu trinken, ein Glas nach dem anderen. Glucksend floß der Wein aus den verstaubten Flaschen, die Pirruhn für feine Hochzeit aufgehoben hatte. Das dunkle alte Getränk gab jedem allmählich eine fröhliche Laune. .. Dann erhob sich Pirruhn, stemmte beide Fäuste auf den Tisch und hielt seine Grabrede: „Uebermorgen werde ich begraben sein, heute sterbe ich. Ich irre mich, ich brauche nicht mehr zu sterben, ich bin schon tot, mausetot. Ich brauche mich nur noch hinzulegen. Merkt euch das gut! Mein Testament liegt dort in einem Briefumschlag unter dem Goldfischglas. Meine ganzen Besitztümer vermache ich Fräulein Adelaide von Sint-Ian; nur dieses Haus gehört ßmraius und Grain b’Dr, wenn sie heiraten, außerdem ein Vermächtnis, wovou sie jährlich die Zinsen erhalten werden, denn wenn ich ihnen die ganze Summe zukommen ließe, wären sie vielleicht imstande, sie an einem Kirmestag zu verjubeln. Einige Möbel, Kleider und sänfzig Paar Schuhe erhält Van de Rast. Für unsere Delphine habe ich ebenfalls eine Summe bestimmt, damit weiterhin Feste gefeiert werden können zu meinem Andenken. Meine Bücher soll Kuckuck haben Für Anna-Marie habe ich noch ein Medaillon mit ihrem Miniaturbild, das sie. wiederbekonimt. Es tut mir sehr leid, daß sie nicht hier ist, aber ich werde ihr schreiben. Und ihr möchtet wohl gerne wissen, warum ich sterbe? Das geht euch gar nichts an! . Ich sag« euch allen nur: Lebt wohl! Und jeßt verschwinde ich m die Erde, unter einen flachen blauen Stein, auf dem nur der eine Satz stehen wird: ,Jch habe es so gewollt/ Sei deswegen nicht traurig, Schwan! Sind wir nicht Delphine und Philosophen? Wir wollen fröhlich sein und tun, was uns gefällt, dann werden wir nicht verrückt. Mit diesem Trunk also, meine lieben Freunde, will ich mich von euch verabschieden und sage: Lebt wohl!" Alle, außer dem weißhaarigen Michel Schwan, erhoben das Glas und sangen: „Lang so er leben, lang soll er leben in der Pslaumenzeit!" und dann wieder alle, außer Schwan, der truurig mit dem Kopfe schüttelte: „Pirruhn ist nun begraben, Pirruhn ist nun kaputt; er liegt nun in der Erde, und morgen ist er Schutt!" Als die Abschiedsflascbe leer war, sagte Pirruhn: „Liebe Freunde, nun macht euch hinaus, die Uhr wird gleich sechs schlagen! Du auch, Grain b’Dr, komm!" Er gab ihr einen zärtlichen Kuß unb küßte auch bis Männer. Alle nahmen es als Scherz auf, nur Schwan umarmte innig und gerührt seinen Freund. „Tu es nicht, Siinon, Freund, tu es nicht! Pirruhn entwand sich ihm und sagte: „Es ist schon geschehen!" Schwan folgte den anderen auf den Ouatemberplatz. Sie lachten ihn aus, weil er auf den Scherz, den Pirruhn sich erlaubt hatte, herein- gefallen war. „Komm", forderte Corenhemel ihn auf, „wir gehen zum Delphin!" „Ich gehe nicht mit", antwortete Schwan, schlug einen anderen Weg ein und eilte zu Adelaide von Sint-Ian, um ihr seine düstere Ahnung mitzuteilcn ... Als alle weg waren, rief Pirruhn die Magd. Mit den mageren Händen auf dem flachen Bauch trat sie in die Türöffnung. „Geh spazieren, Kato!" „Herr Notar, ich bin gerade beim Geschirrspülen." „Geh spazieren, sage ich!" „Soll ich alles stehen und liegen lassen?" „Wenn du nicht bald weg bist, enterb ich dich ..rief Pirruhn rot wie ein Krebs. Als auch Kato weggegangen war, schrieb er den Abschiedsbrief für Anna-Marie. Der Abschied. Da ließ Pirruhn die Fenstervorhänge herunter, zog die Gardinen zu und zündete aus den silbernen Armleuchtern des Kamins die Kerzen an. Dann pfiff er Putiphar heran; der stolze Vogel trat in die Stube und pickte nach Pirruhns dicken Händen. Pirruhn setzte sich auf einen Stuhl, und der Pfau legte den kleinen Kops auf seine Knie. Er streichelte mit den Händen über das seidene Gold seines Halses. „Bester Junge", sagte Pirruhn in ernstem, ruhigem Ton wie zu einem Menschen: „Jetzt werde ich dich verlassen. Für mich bleibt nun nichts weiter übrig, als In aller Frühe, ohne Sang und Klang aus den Friedhof geschafft zu werden. Weißt du, warum? Ja, du weiht es. Siehst du, Putiphar, ich hatte gedacht, daß ich in diesem Jahr heiraten würde. Sie hatte mir sa so viel Hoffnung gemacht, und dann hättest du aus ihrer kleinen, zarten Hand Körner fressen können; und ich bin überzeugt, daß du sie bald genau so liebgewonnen hättest wie mich. Aber das ist nun nicht so, Putiphar, sie will dir keine Körner geben, sie will meinen Namen nicht tragen, und deshalb werde ich sterben. Wer nicht haben kann, was er will, der soll nur sterben. Ich habe viel an dich gedacht, du bist mein kleiner Kamerad, nicht wahr? Was soll nun aus dir werden? Wirst du nicht traurig sein, wenn du mich nun nicht mehr siehst, wenn ich dich nie und nimmermehr streichle? Sieh mal an ..er versteht mich! ... er zwinkert mit seinen kleinen Kulleraugen! Aber du brauchst deshalb nicht zu sterben, Putiphar, deine Federn sind noch viel zu schön, aber ich habe meine Federn verloren. Kato wird dich pflegen und gut für dich sorgen. Nein, sei nicht traurig, lebe du nur weiter! Ich sterbe. Komm, geh spazieren ... du darfst das nicht sehen ... du würdest zu sehr erschrecken. Picke mir noch einmal in die Backen und geh dann! Ach, ich sehe dich so gerne durch den Garten gehen, du hast einen so stolzen Gang, als schrittest du hinter einer Musikkapelle." Pirruhn ließ den Pfau gehen. Der stellte sich schräg in die offene Tür, in die Sonne; den Kops Pirruhn zugewendet, entfaltete er seinen herrlichen Schwanz, dessen sämtliche Federn zitterten, beladen mit Farbe und rauschendem, glänzendem Gold. „Schön, Putiphar", lachte Pirruhn. „Ich verstehe deine Streiche. Sieh mal her, meinst du, wie schön ich bin, und doch willst du mich verlassen. Aber es muß fein, Putiphar, oder möchtest du, daß ich nun abmagern sollte, so daß nur noch Haut und Knochen übrig bleiben? Komm, komm, geh jetzt in den Garten!" Pirruhn schloß die Tür und zog die Gardinen zu. Nun herrschte ein honigweiches Licht in der Stube, worin die Kerzen ganz feierlich wirkten. Im ganzen Hause war es mäuschenstill. Aus einem geheimen Schubfach seines Schreibtisches, wo auch fein Tagebuch lag, holte Pirruhn eine schwere Pistole zum Vorschein, die »r heute morgen geladen hatte. (Fortsetzung folgt) Zug der Sommegefallenen. Von Rudolf Kreutzer*. Im Erntemond am Barthelstag Da geistert es um Busch und Hag. Die Toten gehn im Sommetal Von Maurepas, von Longqueval. Sucht jeder sich den Nebenmann Und schließt sich stumm dem Zuge an. Der Nebel steigt, der Mond kommt weiß, Die leeren Aermel flattern leis. Sie schau'n einander ins Gesicht Und lächeln still und keiner spricht. Und keiner fehlt, sind alle da Don Longqueval, von Maurepas. Sie sehn, wo einst der Graben war, Jetzt Felder stehn schon Jahr um Jahr. Und Garben, hochgetürmt und dicht. Die schimmern reif im Mondenlicht. Und da, wo einstens floß ihr Blut, Weht purpurrot des Mohnes Glut. Sie sitzen stumm in Halm und Dorn, Im Winde weht der Dust vom Korn. Die Aehren wägend in der Hand Denkt jeder an das Vaterland: „Jetzt bringen sie die Ernte ein, Die Toten segnen Brot und Wein." Peter, der Sohn. Don Karl Heinrich Waggerl. Laßt ein wenig Zeit verstreichen. Laßt auch den kleinen Peter die ersten Hosen zerreißen, sie sind aus rotem Flanell und nicht für die Ewigkeit gemacht. Peter geht auf wie ein Krapfen, besonders aber in die Breite, rund und braun ist er und immer gut aufgelegt. Simon arbeitet unten auf der Halde, da kommt etwas durch das Weizenfeld gerollt, ein Kürbis, ein roter Käse. Simon fängt es auf, das ist Peter. Er klettert oben auf den Zaun und rollt durch den ganzen Weizen, das macht ihm gar nichts. Der kleine Peter geht umher und schaut sich alles an. Er ist schon jetzt, auf Kindesbeinen, so genau und gründlich wie sein Dater. Einmal kommt er grün bemalt in die Stube — da war es Kuhmist, was er untersuchte. Regina hat keine ruhige Stunde mehr, aber Peter ist Immer unterwegs unb fürchtet nichts. Es gibt fpitze und stumpfe Dinge, kalte und warme, solche, die sich rühren unb bie zwicken, wie Käfer unb Ameisen, unb anbere, bie gut anzugreifen finb, wie Hühnereier unb Kuhfchwänze. Er reicht mit den Händen schon auf den Tisch, ehe er ein paar Worte reden lernt; so klug und geschickt ist er nicht wie der Bruder, der wenig älter war, als er schon zählen und bas Herrngebet sprechen konnte. Nein, er ist wohl ein bißchen vernagelt, bumm, um es gerabe heraus zu sagen. „Ich weiß nicht", meint Regina, „wem er nun eigentlich nachgerät." Unb bas Ist wirklich nicht so leicht zu entscheiben. Er hat bunkelblonbe Haare wie Simon, ehe sie grau würben, unb eine kleine runbe Nase gleich seiner Mutter, nur baß sie bei ihm stänbig feucht ist unb glänzt wie bie eines Jagbhunbes. Was nun den Derstanb betrifft, barüber will Regina nichts weiter sagen, aber (ebenfalls ist es merkwürbig, daß Peter eines Tages auf allen Bieren über die Wiese kroch unb im Begriff war, Gras zu fressen. Ja, er ftanb lange bort, Stern war es, bie er so eingehend betrachtete. Sie schob das Maul über den Boden hin und verschlang ganze Büschel von dem saftigen Futter, es war offenbar, daß es ihr schmeckte. Nun, unb bann versuchte es Peter eben auch, er fand vielleicht noch keinen so großen Unterschied zwischen einer Kuh und einem Menschen, was das Futter anbelangt. Aber darüber ist nun sogar Simon ein wenig betroffen — seht ihr wohl, ein Kind, das Gras ftißt! Uebrigens macht sich Peter das nicht zur Gewohnheit, er tut es einmal, und bann weih er, was bavon zu halten ist. Das ist sein Grunbsatz. Er zerlegt auch einen Regenwurm, unb bann jagt er bie Hühner, um zu sehen, wie hoch sie fliegen können — Gut unb Böse unterscheibet er noch nicht in seiner grausamen Unschulb. Trotzbem liebt Peter bie Tiere, er hat selbst einen Stall auf bem Anger, sechs Tannenzapfenkühe unb einen Zirbenstier. Er pflegt sein Vieh unb füttert es zur rechten Zeit, ber Stier ist sehr wilb. Oh, er läuft hinter bas Haus, auf bie Tenne unb schleppt eine Sense heraus, um Futter zu mähen. Das kostet eine Zehe unb sehr viel Blut, bie (Erfahrung, wie scharf unb gefährlich eine Sense ist. Ader er bekommt einen großen Verband an seinen Fuß, es tut bitter weh, sich daran zu stoßen, unb biefer Verband, dieser yanze geheimnisvolle Borgang an seiner heilenden Zehe entschädigt ihn wieder. Es sind köstliche Tage für Peter. Er wacht am Morgen auf, unb sogleich findet er etwas im Brunnen, einen Wasferkäser. Peter taucht seinen Aermel bis zur Schulter hinein, aber den Käser kann er doch nicht fangen. Dann * Dieses Gedicht entnehmen wir mit Erlaubnis des Berlages Albert LangewGeorg Müller in München dem Okkoberhest der Zeitschrift „Das Inner« T*" tut er es so in die Luft zu werfen. „Warum tust du es?", sagt Peter. Simon bleibt stehen und erklärt es ihm. „Das ist Weizen", sagt er, „ich säe ihn, und dann wächst er, und dann wird wieder Weizen. Wir müssen verhungern", erklärt der Vater, „wenn Ahnen atmen ... Bon Willy Arndt. Ahnen atmen mit dir ein und aus, gehen um in Hof und Haus. Kindersang der frühen Sippen, Mutterlied und Vaterbraus hallt und schallt von deinen Lippen. Oefsnest du im Flur die bunte Truh, sehen ihre Augen zu. Manchmal, wenn die Türen schlagen, hörst du schollenschweren Schuh, der einst schritt in alten Tagen. Beugst du dich am Brunnenrand, schöpfest du mit ihrer Hand. Von dem Fleiße ihrer Spaten nährt sich noch dein Gartenland, wird dein Tagewerk geraten. Und beim Nennen deines Namens schon sprichst du wie in ihrem Ton. Wenn du weinst, und im Gelächter bist du Tochter, bist du Sohn in der Kette der Geschlechter. Immer wieder Hochzeit, Tod und Tauf und der Enkel erster Lauf. Leben geht des Segens trächtig, Anfang schießt aus Anfang auf in der Zeugung übermächtig. geht er auf die Tenne, dort liegt Brot auf einem Weizenschafs Regina bat aesaqt daß man kein Stück Brot wegwer,en darf, man muß es nur iraendwo 'hinlegen für die armen Seelen. Peter sicht leben Tag nach, er legt auch ein neues, besonders schönes Stuck Bro dazu aber nein - bi die armen Seelen sind nicht hungrig. Oder vielleicht hoch? Einmal ist wirklich etwas von seinem Brot verschwunden, dafür liegen schwarze Körnchen auf dem Brett. Peter sammelt sie forgsaltig und bringt sie in *21*"° sagt Regina, „du Ferkel — wo findest du nur allen Unrat! Und Beter ist ein wenig bekümmert über den Undank der armen Seelen die wohl sein Brot essen mögen, aber Mäufedreck dafür zuruck- und ihren nackten feisten Bäuchen. Frierend, wie eint Schar trübseliger Gespenster stehen sie aus der neuligen Halde. Peter nimmt die Schere und macht sich daran, den ~jgel zu scheren. Das gelingt ihm ja nicht, aber es ist doch rätselhaft, daß Peter niemals klüger werden will. Simon ist vielleicht zu gut mit ihm, er straft ihn zu wenig. Auch, als er von Regina die Geschichte mit dem Igel erfuhr, chwieg er und sagte nichts. Am Abend aber nahm er Peter mit sich und erzählte ihm etwas: Bon einem außergewöhnlich dummen Menschen. Von einem Kerl, der so unbeschreiblich dumm war, daß er einen Igel scheren wollte! „Oho, kannst du dir so etwas denken? Einen Igel? Aber es ist vielleicht gar nicht möglich, daß es so dumme Leute gibt. Nein, nein, bas wohl nicht!" Ja, Winter und Sommer, viele Jahre lebt Peter nun schon, aber jedes ist anders für ihn. Er sieht die Saat aufgehen und das Korn blühen, es ist gut, wenn es regnet, und schlimm, wenn die Hitze zu lange dauert, ja, der Hafer gerat nicht in jedem Jahr. Simon zieht den Wagen aus der Tenne. Morgen wird das Heu ein- gefahren, heute nicht mehr. Der Vater geht über den Anger und zur Mühle hinunter, Peter sieht recht gut, daß er langsam geht und über einen Stein stolpert, er ist wohl müde. Ja, ja, laßt das Heu bis morgen, es wird vielleicht doch nicht regnen! Simon ordnet die leeren Säcke in der Kammer. Diese Stube ist sein Kontor, hier rechnet er mit Gold, mit Silberstücken. Simon ist kein Geizhals, im Grunde verachtet er (eine halsten Taler sogar ein wenig, sie wachsen nicht, sie sind tot. Aber er legt eins zum andern und hat feine stillen Gedanken habet. u Die Dämmerung kommt, der freundliche Abend, Simon riegelt die Tür ab und geht heim. — Nein, da ist er wohl zu weit unten angekommen! Der Mann schaut sich um. Was ist das, hier muß doch Heu liegen, in Gassen ausgeschlagen, eine Menge Heu für morgen früh! Simon brummt, das ist doch nicht möglich, alles leer, wie ausgekehrt. Er findet eine frische Wagenspur im Feld, bann kommt er an eine Grube, und hier ist keine Spur mehr zu sehen, nur einige Löcher im Boden und ein paar Handvoll Heu da und dort. Simon betrachtet sich diesen Platz, und bann lacht er. Hoho, ba ist ein Heuwagen gesahren, ba hat jemand tüchtig gearbeitet in der kurzen Zeit, das wohl! Aber was nun die Kunst betrifft, einen Heuwaqen so aufzuladen, daß er nicht umfällt, wenn eine Grube kommt? Es ist so schön warm und still, Simon hat keine Lust mehr, sogleich heimzugehen, er bleibt noch eine Weile auf dem Anger fitzen, ungefähr so lange, wie man braucht, um einen Heuwagen abzuladen. Da hockt er auf ein paar Lärchenstämmen, ein schwarzer, unförmiger Klumpen in der Dunkelheit. Das Haus wird licht, die beiden Fenster, nun stellt Regina wohl die Schüssel auf den Tisch. Peter kommt herein und ist sehr hungrig: „Was, ist der Vater noch nicht da?" Ach der Vater! Der sitzt allein in der Nacht auf dem Anger, seht ihr wohl, er ist sehr bewegt, darum kann er nicht einfach hineingehen und das Brot austeilen wie sonst. Peter — es ist noch nicht lange her, daß er ihn auf dem Arm trug, und heule fuhr er ganz allem nut dem Heu- magen vom Feld. Er hat vielleicht gesehen, wie Simon den Wagen herauszog, es war noch früh am Abend und Zeit genug, dieses Fuder hereinzubringen. Aber Sim m war müde. Heute nicht mehr, sagte er, morgen! Ja, und bann spannte Peter den Fuchs ein, das weiß Simon recht gut, wie schwer es für den kleinen Knirps fein muß, diese Menge Heu aufzuladen. Vielleicht fuhr er ein wenig zu schnell und warf um, auch das noch! m , . Es ist ja im Grunde nichts Ueberwältigendes, was Peter da vollbrachte, keine entscheidende Tat. Das Heu wäre wohl auch morgen noch gut und frisch gewesen. Aber er hat es ungeheißen getan, er sah, was not tat, und griff zu. Darum ist Simon so gerührt und froh, er ist nicht mehr allein, er hat einen Gehilfen, sich selbst ein zweites Mal, dieselbe Hingabe, dieselbe Geduld, aber jung und am Anfang ihrer Kraft. Simon nimmt den Knaben manchmal mit sich. Peter geht gern mit ihm der Vater hat eine tiefe Stimme und einen merkwürdigen Knopf im Halse, der langsam auf und ab steigt, wenn er redet. Simon spricht mit ihm und auch Peter verliert zuweilen ein Wort. „So? , meint der Pater erstaunt, „sagst du Hafer?" Oh, Peter redet sehr viel, wenn er allein ist, er spricht mit (einen Kühen und auch mit der Henne. Die ermuntert er mit herzlichen Worten, doch ein Ei vor ihn hinzulegen Es ist die kleine braune Henne, die Mutter sagt von ihr, daß sie nut Gold nicht aufzuwiegen fei. Sie fitzt jetzt im Sand vor dem Hause Peter macht einen Bogen und kriecht auf dem Bauche naher, dann liegt er still und wartet. Aber die Henne steht plötzlich auf und entfernt sich entrüstet. Sie läßt sich nicht von hinten zuschauen, wenn sie Eier legt. Regina ist oft böse mit ihm in ihrer heftigen Art, allein Peter nimmt das nicht übel, es gehört wohl zum Leben. Es ist dieselbe Sache wie mit der Tür, die zehnmal hinter ihm zufällt, und beim elften Male trifft fie feine Finger — man weiß nicht, wie das eigentlich kommt. Wenn Regina zornig ist geht Peter still hinaus und trägt einen ganzen. Vormittag lang Holz in die Stube, ein Scheit nach dem andern, eine Fuhre, wenn es fein muß. Plötzlich lacht die Mutter und fchenkt ihm einen heißen Krapfen, dem närrischen Kerl. ,, . ., Seltsam ist, daß Peter fast nie lacht. Es gibt nichts Luftiges für ihn, er hat den Ernst eines kleinen Tieres, aber auch dieselbe Munterkeit, den Gleichmut und die heitere Gelassenheit der Tiere. Seine Augen sind groß, bläulich und seucht, er zwickt sie ein wenig zusammen, wenn ihm etwas einfällt, was er nicht fagt. Peter wächst nur wenig, und feine Beine find noch immer nicht ganz gerade. Ader sonst ist er ein recht hübsches Kind geworden, obwohl er selbst nicht viel Wert auf einen sauberen Hals und ähnliche Vergänglichkeiten legt. . r Allmählich lernt Peter alles kennen, die vielerlei Tiere, Acker und Wiese, Weide und Wald. Er kennt Blumen mit sonderbaren Blüten, die laut knallen, wenn man sie auf den Handrücken schlägt. Das ist Taubenkrvpß dort ist geringeres Futter, wo er wächst. Er weih, warum die Kühe plötzlich den Kopf schütteln und wie sie wahnsinnig über die Halde rennen: fie sind in ein Wespennest getreten. Manchmal rührt ihn etwas an, em Schauer, ein leichtes Gruseln in der warmen Sonne. Stern hebt den Kopf, plötzlich hört fie zu fressen auf und brüllt. Ja, vielleicht weil die Sonne scheint, weil es gut und hell ist auf der Halde. Oder er findet einen Grashalm, einen langen Halm unter vielen anderen, der niedergetreten worden ist, und der sich nun wieder ausrichtet, unendlich langsam, mit kleinen Nucken. Peter steht vor ihm und schaut. Vieles ist merkwürdig. Merkwürdig sind die Schafe, die fo eng Zusammengehen, daß sie kaum fressen können. Merkwürdig sind auch die Kühe, die überall weiden, aber niemals von oben nach unten. Was tauft du?", fagt Peter zur Kuh. Ader sie gibt keine Antwort. Simon geht über den Acker und fät den Weizen. Peter ist hinter ihm, er sieht daß der Vater die Hand hebt und Körner ausftreut. Vielleicht ' für die Vögel ober weil es ihn freut, diese glänzenden Korner 3uft zu werfen. ich das nicht tue." Und Peter? Darf er auch Weizen werfen? Nein, du mußt größer werden, du reichst noch nicht hoch genug mit deiner Hand. Aber du kannst die Steine zufammenfuchen, auf dem ganzen Acker, wenn du willst." , .. Und Peter will. Geduldig fammelt er die Steine und geht über das Feld, fo wie der Vater über den Acker wandert. Peter hilft überall mit und ist ein tüchtiger kleiner Kerl. Es gibt keine Arbeit die nicht sofort feinen leidenschaftlichen Eifer entfacht. Nun deckt der Vater zum Beispiel die Jauchegrube ab. Das geschieht nur em einziges Mal im Jahr, daß Simon hier die Bretter wegnimmt und den langen Schöpfeimer in die Tiefe taucht. Es stinkt. 0 Gott, es gibt nichts in der Welt, was so wunderbar stinkt wie eine Jauchegrube! Simon spannt die Stute ein und fährt mit dem Trog über die Felder, Peter aber geht hinterdrein und macht den Schieber auf, wo es nottut. Dann wird Mist gestreut, auch das ist eine merkwürdige Arbeit, besonders aus der Wiese hinter dem Haus, die so steil ist, daß man nicht mit dem Wagen darauffahren kann. Simon bindet oben eine Rolle an die Zirbe und legt ein doppeltes Seil über das Feld, mit einem eisernen Haken an jedem Ende. Nun hat der Vater einen großen, einen ungeheuren Korb voll Mist auf dem Rücken, er bindet sich einen Strick um den Bauch und hängt sich unten an das Seil. Peter aber steht mit dem Pferde oben bei der Rolle, und wenn der Vater fertig ist, bann zieht die Stute an. Oh, Simon schwebt mit der Leichtigkeit eines Engels über den Hang hinauf! Der Vater schnauft, und Peter pfeift, das ist so Brauch bet den Fuhrleuten. _ Im Herbst bringt Simon die Schafe aus dem Kar. Sie bleiben noch eine Weile im Stall, damit sie sich ein wenig säubern und ihr ungebärdiges Wesen verlieren, dann aber werden sie geschoren. Die kleineren nimmt der Vater zwischen die Knie, die größeren und die Widder müssen angebunden werden, aber alle sehen furchtbar aus mit ihren dünnen Halsen Okioberiag am Hamburger Hafen. Von Heinrich Hauser. Die ganze Nacht fuhr er von Mitteldeutschland aus in einem billigen altmodischen klapprigen Personenzug nach Norden. Er hatte eine Rückfahrkarte geiöst, um Geld zu sparen, und er fuhr nachts, um Zeit zu sparen, denn er hatte nur einen einzigen freien Tag. Er war 68 Jahre alt und noch nie im Leben über das Dreieck Halle-Leipzig-Bitterseld hinaus- gekommen. Abends um 10 Uhr, als er den Zug bestieg, war er ungeheuer aufgeregt gewesen; das war ja die Zeit, wo er sonst schlafen ging, und jetzt stürzte er sich statt dessen in das größte Abenteuer seines Lebens: ganz plötzlich war es über ihn gekommen, daß er einmal noch vor seinem Ende da/Meer sehen wollte und die großen Schiffe. Allmählich wurde er ruhiger, er fuhr, das war nun nicht mehr zu bezweifeln. Er fingerte zum hundertstenmal nach der Rückfahrkarte — ja, da war sie noch, ein winziges Stückchen brauner Pappe, schwer zu erfühlen in der hornigen, von Arbeit fast taub gewordenen Hand. In den Kurven sah er den Feuerhauch der Lokomotive, und die quirlende Rauchsäule schlug durch die Luftklappe ins Abteil hinein. Der Geruch von Wasserdampf mit Kohlenstaub, das war der Geruch der Reise. Wenn es etwas bergauf ging und der Zug langsamer fuhr, trommelte der Alte mit den Fäusten gegen den Fensterrahmen, dabei ächzte er, als ob er eine schwere Last zu heben hätte. Er, der sein ganzes Leben lang Lastträger gewesen war, er konnte schon mit der Lokomotive fühlen; schwere Arbeit hatte sie mit dem langen, langen Zug. Allmählich überwältigte ihn die Schlafluft im Abteil, stickig und betäubend, wie sie war, das Knacken der heißen Heizungsröhie, das eintönige Poltern des Radgestells unter seinen Füßen. Er schlief et”. Eben in der Morgendämmerung lief der Zug in den Hambarger Hauptbahnhof ein. Es war Oktober, über Hamburg lag eine Nebelmauer, und die riesenhaften Wölbungen der Bahnhofseinfahrten waren wie Tore in Nichts. Auf den Nachbargleisen liefen die Vorortzüge ein mit den Arbeitermassen, die zur Frühschicht wollten; da schloß er sich an, das waren seine Kameraden, mit denen fühlte er sich zu Hause, obwohl er ihre Mundart nicht verstand. Es tat ihm wohl, wie sie im Gedränge von allen Seiten ihn umschlossen, ihn mitrissen in ihren halben Trab hinein. Geborgen wie ein Schaf in der Herde fühlte er sich, und ganz wie sie preßte er die abgewetzte, schlaffe „Aktenmappe" unter seinem Arm mit den schon hart gewordenen Butterbroten. Auf der Straße, wo die Verkehrsampeln aus der Nebelwand glühten, wo die Elektrischen in langen Zügen glitten, noch mit Licht, folgte er, ohne zu fragen, instinktiv der großen Masse der Arbeitsmänner nach. Er dachte sieh, daß wohl viele von ihnen im Hafen arbeiten würden. Die Straßen waren naß, die schmalen, hohen Häuser waren vornübergeneigt und sahen drohend aus, aller Backstein war schwärzlich verrußt. Durch den Straßenzug hallte das Trappen der Arbeiter, die alle in eine Richtung wanderten, ein großes Heer und alle in der gleichen Haltung, etwas nach vorn gebeugt, etwas die Schultern hochgezogen, damit der Oelmantel nicht rutschte und der „Zampelsack", den sie über die Schultern geworfen trugen. Die Kaffeeslaschen staken ihnen aus den Jackentaschen, die weitgeschnittenen Kragen dieser Jacken waren hochgeschlagen und ihre Kanten abgewetzt. Auf dem Fahrdamm hörte er das Poltern schwerer Rollwagen, Peitschenknallen, Kutscherfluchen; Glocken von Trams hämmerten ungeduldig, Automotoren rasselten, und nebelhaft trieben gewaltig hohe Warenballen wie Haufenwolken vorbei. Da brach auf einmal fern, wie aus der Nebelwand voraus, ein Ton hervor, wie er ihn nie zuvor gehört hatte: ein Brummen im tiefsten Baß, so tief, wie kein lebendes Wesen ihn hervorbringen konnte, und doch unglaublich tierisch und beseelt, anschwellend, wie der Atem einer ungeheuer gewaltigen Brust, dehnend, den ganzen Raum erfüllend, bis es von unsichtbaren Wänden widerhallte, unsagbar mächtig, stark, satt und doch wieder hungrig, ein Urlaut, der ihm wie ein Stück Eis den Rücken hinunterlief. Da wußte er, daß er in der rechten Richtung wanderte, solch unerhörter Laut konnte nur aus dem Hafen kommen. Da war es wieder; eine neue, helle Stimme schien der ersten zu antworten, und es war, als sei da hinten im Nebel eine Urzeitweide, auf der gewaltige Stiere sich gegenseitig anbrüllten, Herausforderung und kampflustige Antwort. Er begann schneller auszuschreiten, und etwas wie ein Glanz kam in feine Augen, die blau waren, aber tfor Alter schon etwas stumpf, so ähnlich wie ein Hauch auf der Haut einer reifen Pflaume liegt: Er hörte schon das Anklatschen der Wellen, obwohl das Wasser unsichtbar war. Es roüblte und schnaubte Lebendiges im Nebelmeer, Schiffsschrauben, Dampfmaschinen und pochende Schwerölmotoren. Ja, es mußte wimmeln von Leben auf dem Wasser, denn in den Baß der gewaltigen Stiere hinein mischte sich aufgeregtes, kurzatmiges Tuten und heißes Zischen, das anschwoll zu schrillem Pfeifton, und ganz in der Ferne war ein Stampfen und Pochen wie von Zehntausenden von Schmiedehämmern Es war, als ob alle diese Laute die Menschen zu sich riefen und sie anzögen, denn immer dichter wurden die stampfenden Massen der Arbeitsmänner. Aus allen Straßen erhielten sie Zuiug, und immer schneller gingen sie, wie von einem unwiderstehlichen Sog erfaßt. Jetzt war es schon, als trabten sie alle, und der Alte trabte mit, und auf einmal fühlte er Holzplanken unter den Füßen, die klangen hohl und dröhnten im Marschtritt vieler, schwerer Stiefel, und bergab ging es, und glitWg waren die Planken, aber da waren Hatten quer genagelt, an denen fmben die Füße Halt. Das war wohl eine Brücke, denn er sah stählerne Brückenbogen über ihm sich wölben, aber auf einmal wurde ihm ganz unheimlich zumute: Der Boden unter feinen Füßen regte sich und schwang und trug ihn empor und ließ ihn sinken, er taumelte. Bündel von mächtigen Pfählen erschienen vor ihm, von Bolzen und eisernen Reifen zusammengehalten; sie tauchten auf und nieder und rieben sich knirschend an den Planken, über die er ging. Endlich merkte er, daß die Pfähle fest waren, aber der Boden unter ihm war ein Floß, das auf Wellen schaukelte. Ein übergewaltiges Stierbrummen stürzte sich jetzt aus der Nebelwand gerade auf ihn herab. Er warf den Kopf in den Nacken und wich vor Schrecken einen Schritt zurück. Er sah in der Nebelmauer zwei gewaltige Kometen ziehen, und er erkannte, daß das Schiffslaternen waren, die an Masten hingen, und an ihrer gleichmäßigen Bewegung erkannte er, daß es ein und dasselbe Schiff war, das da schattenhaft an ihm vorüberzog. Was für ein riesiger Abstand war das zwischen den Masten, und in welch riesiger Höhe hingen die Laternen; Himmel, wie groß war das Schiff! Da geschah, was man manchmal an einem Oktobermorgen in Hamburg erleben kann: die Nebelwand hob sich wie mit einem Ruck. Die Wasser schimmerten in spiegelnden Flächen von aufgeworfenen Wellen, und die Nebeldecke wurde leuchtend, wie von Weißglut durchglüht, und in der nächsten Sekunde brach die Sonne durch. Aus der schemenhaften grauen Wand war mit einem Schlag ein Rausch von leuchtenden Farben in einer unerhörten Tiefe geworden. Alle Dinge glänzten noch nebelnaß. Es brannten die roten Bäuche ungeheurer Schiffe, die im Himmel zu schweben schienen — sie lagen emporgehoben im Dock. Salzkrusten hingen kristallschimmernd an ihren Flanken, wie Flechten und Moose an Baumrinden. Die Mennige der ausgebesserten Stellen brach aus den Schiffswänden wie Flammenzungen aus Kohle; die weißen Aufbauten strahlten, die Bullaugen spiegelten, und die gewölbten Stirnen der Brücken sahen machtvoll, beherrschend über das Meer, wie die Häupter von Feldherren über Schlachtfelder blicken. Die Schlote trugen wundervolle, weltumspannende Symbole, Sterne und Anker, die vorspringenden Steven waren mit erhaben geprägten und erhabenen Namen geschmückt, die in alle Fernen reichten, und von den unglaublich wuchtigen und schweren Ankern lief eine Spur von Schlamm und Rost an den Schiffsflanken herab. Das war also ein Zeichen, daß diese Massen tatsächlich bewegt werden konnten, daß sie auf den Meeresgrund sanken und wieder heraufgeholt wurden. Er wußte nicht, wohin er blicken sollte, denn in der Ferne leuchteten und brannten die spitzigschlanken, grünspanbedeckten Kirchtürme über den Dächern, auf denen die Millionen Ziegel funkelten wie Tautropfen auf einer Wiese. In einer Ferne anderer Richtung durchgitterten Spinnweben von Stahlgerüsten den ganzen Horizont, das waren die Werften, von denen das frische, tausendfache Schmiedehämmern kam, und wieder in einer anderen Ferne spannten sich riesengroße Brücken, und Oeltanks wölbten sich wie riesengroße Pilze unabsehbar zahlreich über die bewegte Wasserlinie. In der Nähe aber zogen die großen Schiffe langsam vorbei — von keuchenden Schleppern gezogen, die ganz schräg im Wasser tagen von der Anstrengung des seitlichen Ziehens, und die kleinen Schiffe, die Pinaffen mit ihren votierten, kupfernen Schornsteinen, die Barkassen mit ihren klopfenden Motoren, sie tanzten über die gewaltigen Wellen hin, die die großen Schiffe aufwarfen, und Schaum sprühte über ihre Bordwände, Und ganz in der Nähe raffelten Krane; Warenbalten haben und senkten sich in Netzen, die an Drahtseilen hingen, wie die Svinne an ihrem Faden, Und ganz in der Nähe malten Matrosen die Wand eines Schilfes mit Pinseln, die, an lange Rohre gesteckt, rote Angelruten aussahen. Und ganz in der Nähe, da lag an den Pfählen vertäut ein großes Segelschiff. Als er dos einmal ins Auge gefaßt hatte, konnte er den Blick nicht mehr von ihm wenden. Wie er aufblickte zu dem ungeheuer, sich kreuzenden Sparrenwerk der vier Maste, schwindelte ihm, denn da zogen Wolken über den Mastspitzen und es war, als taumelten die Masten und flögen davon, obwohl doch lauter Matrosen in ihnen hingen Er sah, wie sie oben im Himmel Fuß um Fuß seitwärts setzten, nur out dünne Taue gestützt, mit der Brust lagen sie über die Krernbalken der Raen gebeugt, und wie sie so in Gruppen bis zu den äußersten Spitzen der Raen sich tasteten, sanken langsam die Segel herab, zum Trocknen gebreitet, grau und verwittert, und so steif, daß sie die Falten noch lange in sich behielten, und die Nähte der Segeltuchbahnen schimmerten weiß. Da war er, der Jugendtraum des alten Mannes, der nie über das Dreieck Halle—Leipzig—Bitterfeld hinausgekommen war. Da war sie wieder, die alte, vergessene, die im Herzen begrabene Sehnsucht der 13, 14, 15 Jahre: Schiffsjunge fein, in den Wanten klettern, von blauen Meeren gewiegt sein, Stürme erleben, blaue Berge überseeischer Küsten, das Rauschen der Bugwelle, den Gesang der Matrosen. Er fühlte seine Augen blind werden von Tränen — die Sonne stieg grabe durch bas Takelwerk bes Segelschiffes, und er senkte den Blick und starrte in bas Jafenwosser unter sich. Da trieb auf den schmutzigen, anflatfdjenben Wellen eine aufgeguollene Zitrone, ein Stück von einem verrotteten Kokosstrick, eine zerfetzte Reisstrohmatte, eine grüne Banane. Unb in dem, was er sah, unb in bem Salzhauch, dem Teergeruch, dem Duft noch Ueberfee, der ihn umstrich, erblickte er alles, was zu sehen er sich in der Jugend gewünscht hatte: Palmenwälder, fremdartige Bäume mit tropischen Früchten, meiste Städte, Passathimmel, schöne, unschuldig nackte, farbige Menschen mit Blüten im Haar, Korallenriffe wie Märchen- schlösser, regenbogenfarbige Fifchschwärme in tiefdurchsichtigern, warmem Meere. Er räusperte sich unb spuckte ins Wasser, er.hatte einen sonderbaren Geschmack auf den Lippen gehabt, den Geschmack der Sehnsucht, den Geschmack der Jugend. Er schüttelte langsam den Kopf, verwundert über sich selbst. Dann wickelte er langsam unb bedächtig eins der Butterbrote aus: Das war der Geschmack von zu Hause Margarine und Speck — die Alte hatte dick gelchmiert für die weite Reise in das Jugendland; es war ein kräftiger Geschmack. ‘■öetanttoortlicb: Dr. Hans Thytiot. — Druck und ‘Betlag: Brühl'sche Univetsitäts-Buch. und S tein drucket ei. R. Lange. Gießen.