It Nummer <8 Montag, den 2. März ahrgang 1936 5 e 5 n n rr n, ie id i( U m :ä t. !> >- ihm ganz plöhltd) etwas einzufallen. Es war, als nehme er sich zusarn- men und erinnere sich gewisser Gesetze der Höflichkeit Er senkte seine polternde Stimme ein bißchen und sagte ein paar bedauernde Worte. Traurig der Fall. Herr Alwien war noch jung. Ich bohrte vorsichtig an: Er war Ihr Freund? Da schüttelte Pfenningshof energisch den Kopf. Alwien kam in unser Haus. Das ist wahr. Er kam nicht einmal selten. Aber — und seine Handbewegung schloß den Satz und sagte nichts aus. Der Professor endete: Er war ein miserabler Schachspieler. Nicht jedem ist es gegeben ... Weih ich, Herr. Bin auch kein Capablanca. Ich versuchte ein Lächeln. Alwien kam wohl auch weniger, um mit Ihnen Schach zu spielen, Herr Professor. . Er sah mich durchdringend an. Sie sagen die Wahrheit. Sie haben mit meiner Tochter gesprochen, nicht wahr? Und als ich vorsichtig den Kopf neigte: Glascha ist sehr traurig; aber das wird vorubergehen; an der Liebe stirbt man nicht mit achtzehn Jahren. Nur mit achtzehn Jahren, Herr Professor! Er knurrte wie ein alter Hund. Seine Lippen verzogen sich. Alwien bewarb sich um Glascha; ich hatte es natürlich bemerkt. Aber ich habe die direkte Anfrage zu verhindern gewußt. Wenn ich Glascha damit wehe tun mußte — ich habe andere Pläne mit meinem Kind. Alwien war Ihnen unsympathisch? Nicht gerade. Aber ich wollte ihn nicht als Schwiegersohn. Ich wollte niemanden! Jeder nimmt mir mein Kind! Ich hütete mich, seine Rede stocken zu lassen. Es war ,a verwunderlich, daß et überhaupt fo viel sprach. So wollte ich ihm weltethelfen: Sie hatten eine Hilfe gehabt hier auf dem großen Gut. Glascha wird eines Tages nicht mehr allein fertig werden können. Sie sehen das nicht. Sie haben ihre Arbeiter. Glascha steht allein. Sie hat Lilius, den Inspektor. Sie kann einen zweiten Verwalter engagieren; niemand verlangt, daß sie selber diese Rolle spielt. Es ist ihr freier Wunsch und Wille. Glauben Sie, ich wäre em Rabenvater, wie man io sagt? . , „ Gewiß nicht. Obgleich es egoistisch gedacht ist, zu sagen, jeher TOann nimmt mir die Tochter. Der Sinn des Lebens ist, daß aus der Tochter die Frau wird. .,, . . . _. ,, , Ist die Zukunft Ihres Fräulein Tochter nicht m jedem Fall gesichert, Herr Professor! Dieser große Besitz — und ich beschrieb mit der Hand einen Halbkreis, der etwas Mächtiges andeutete. Der Professor sah mich groß an. Merkte er jetzt erst, daß er irrt Grunde genommen zu einem Fremden sprach? Er war ete eine Welle mit der Antwort. Dann warf er abrupt ein: Das Gut ist zu groß! Ich fühlte, das war ein Berlegenheitsfatz. Er log jetzt, er verschleierte seine wahre Absicht oder Meinung. Aber ich besaß keine Mittel, ihn dahin zu bringen, mir reinen Wein einzuschenken Alwien ist tot, sagte ich. Sie haben wenig Verkehr. Vielleicht, daß Fräulein Glascha mit der Zeit an Glahn Gefallen findet Er nickte hastig. Sie erraten meine Idee, sagte er. Glascha schätzte Glahn bisher nicht sehr; er war kein Mensch, der schön reden konnte. Es war ihm nicht möglich — wie sagt man — Süßholz zu raspeln Alwien verstand das besser. Aber nun ist Alwien aus der Welt. Und wenn Glahn klug ist, gewinnt er das Spiel. Ich will ihm, wenn es denn schon einmal ein fremder Mann fein muß, gern bei der Sache helfen. Wissen Sie, ob der Pächter Glahn Ihre Tochter liebt? Der Professor neigte den Kopf voll Stolz. Wer liebt dieses Madel nicht! Glahn hat mir gesagt, er sei in jeder Stunde bereit. Glahn hat Ihnen das gesagt? - Ich war ein bißchen erschrocken. Der Professor merkte das. Er war sofort abgekuhlt. Er erhob sich. Sie entschuldigen, sagte er und schien etwas abzuschütteln. Soviel geredet zu haben, verwunderte ihn nachträglich. Ich muß nun wieder an die SItbcit Als ich mich vor ihm verbeugte und zur Tür ging, äußerte er noch, und es klang fast, als riefe er mir das als wichtig nach: Glahn hat mir das natürlich schon vor dem Mord gesagt! Ich konnte nicht antworten. Sie können es sich denken, Frau v. Llink- burq daß es mir den Atem verschlug. Der Professor sprach nicht von dem Unglücksfall, sondern Professor Pfenningshof sagte klar und deutlich das Wort Mord! „ Wie ich die Tür erreichte, weiß ich nicht. Ich lief davon. 6. ffrau v. Blinkburg fand sich einfach nicht mehr zurecht. Sie saß diesem Mann gegenüber und konnte sich des Gefühls nicht erwehren: ich bin wieder ein kleines Mädchen. Ich habe einen Verdacht auf ihn gehabt, nun schäme lch mich fast. Natürlich habe ich Unsinn gemacht als ich seinen Stock zersägen ließ, um den Griff der Chemischen Fabrik einzu- schicken. Zu ihm selber hätte ich hingehen sollen, ihm den Stock zeigen sollen, dann hätte er mir gewiß eine Erklärung geben können. Aber wir r- u- s- te on 'S, in !>N !-r in. oir ir en ien sich fite 'M, ren mir »cn UN- die ■rte riff ietn oild Der alle ifjifi rten UNS trat uer- uns inet ivie- aan- als uns erte, fj in [ten< grert feine • als to(l)i «iH l^f* icfjcncr «fanülienblälter Unterhaltungsbeilage ;um Gießener Anzeiger L ßHeheimnis der Heide ROMAN VON FRANK F. BRAUN 5. Fortsetzung. „So", spöttelte er, „das ist eine Frage der Zeit? Nun, Glascha !rauchte ja nicht zu antworten." , „ „ .... „Alles in Ordnung", sagte Frau v. Blinkburg trocken. „Erzählen Sie Ve'(Sin Abgrund des Erstaunens trennte ihn noch immer von ihr; aber 15 war nicht so, daß er Frau v. Blinkburg nicht verstanden hatte. Er lenkte den Kopf ein bißchen. Sie brauchte ja nicht zu sehen, daß er rot -eworden war wie eine Hummerschere. Immer passierte ihm so etwas, tuet) in seinen Romanen. Er war zu ehrlich, zu geradezu. Aber das menschliche Beieinander ist ein Kunstwerk, und es kommt gar sehr aus tne Form an und die Formen. „Ich verspreche, mich zu bessern", sagte er leise, und «hm schien, als habe Frau v. Blinkburg ein bißchen gelächelt zu diesen Worten. Er räufperte sich grundlos, lediglich erfreut, und hob wieder an: Sie haben den Pfenningshof ja auch sicher schon einmal von weitern reichen Er liegt da wie eine kleine Burg. Ich näherte mich heute morgen von der Rückseite, da ist der Anblick nicht so imponierend. Eine Art »Lall umgibt die Gebäude, aber er ist niedrig. Wege führen darüber hinweg in die Scheunen und Ställe. Das Herrenhaus ist ein mächtiger, sicher ich? alter Backfteinbau; es leuchtet gelb; der Turm, in der Form eines nicht sehr hohen Obelisken, ist gemauert und weist die rote giegelfarbe; 'tr wird neueren Datums fein, wahrscheinlich hat ihn erst der jetzige Be- litzer des Gutes, Professor Pfenningshof auffetzen lassen, um ihn als Observatorium zu benutzen, ober um Fallgesetze und andere Mathematik ;u erproben. Archimedes, nicht wahr, kletterte ja auch auf ben Türmen mb Wällen von Syrakus herum, bis ihn ein Solbat totschlug. Aber »erzeihen Sie, bas ist eine recht lieblose Art, zu erzählen." „Sie kommen überhaupt langsam von ber Stelle." .Tatsächlich? Wie peinlich. Ich wollte hier gerabe etwas vom Kriege tinfügen, aber bann will ich nur kurz erwähnen, baß ich ben Felbzug i»ei ber Artillerie mitgemacht habe. Der Name bes Professors war mir Häher nicht unbekannt. Pfenningshof hat — ein bifjcfyen sehr spat, erst 1918 — eine wesentliche Verbesserung an der Feldhaubitze erfunden. Ich nahm mir vor, dieses Thema anzuschneiden, wenn ich vor dem Professor stehen würde. , . , Ich gab einem Diener meine Karte, der nahm sie unb trug sie hinein. Ich bürste in einer Halle warten. Viel Zeit, mich umzusehen, blieb mir ; Nicht, benn ber Professor kam halb. Ich hatte bas nicht zu erklarenbe Gefühl, er habe gerabe,^u bereitgeftanben. Vielleicht hat er mich über ben Hof herankommen sehen, ober — bas fiel mir allerbings erst spater ?in — ober er hatte mich burch eines seiner Fernrohre schon auf bem gelbe im Gespräch mit Glascha bemerkt. Er sah aus — nun, Sie kennen ihn ja Frau v. Blinkburg, ein runbes, rotes Gesicht, bartlos, weiße, aussallenb buschige Augenbrauen. Die Augen selbst hinter einer Brille. Ich stellte mich ihm als Reporter vor. Begann em Lobsteb bei ber Haubitze anfangenb, unb bat ihn, mir einiges über feine ledigen Arbeiten unb Versuche zu Jagen. Ich beabsichtigte, eine Artike.ferle über seine Monbrakete zu veröffentlichen. . Ich hatte (Erfolg. Pfenningshof schien geschmeichelt; er (ub mich ein, Platz zu nehmen. Spricht man braußen von mir?, meinte er lächelnd, hat man den alten Pfenningshof doch noch auf ber Rechnung? War fein Gesicht zuerst verschlossen, ja, gerabezu finster gewesen, 'o begann cs sich jetzt aufzuhellen. Er würbe beinahe liebenswurbig. s Freilich erzählte er von Tatsachen nur Spärliches; aber Plane, tn drei, oicr Jahren reif zur Ausführung, enthüllte er mir gern. Es roar offen* i sichtlich, er gebuchte burch mich unb meine Presse einem breiten Publikum : Zukunftsmusik zu machen. Als ich ihn nach bem Stand feiner Versuche ■ tm Augenblick fragte, lenkte er ziemlich plump ab . Ganz verdarb ich es für eine Weile, als ich ihn bat, mir feine Ar- beitsräum» tu zeigen. Er .zog sich in sich zurück und wurde sogar grob wAterwendilch wie ein Turmhahn, anfallsweise ein bissiger Choleriker. Aber fein Zorn verrauchte auch wieder, und wir plauderten weiten Leider konnte ich es nicht vermeiden, ihn später nochmals Zur Explosion tu bringen. Ich war ja mit einem ganz bestimmten Plmi hierher m den Pfenningshof gekommen. So erwähnte ich gegen den Schluß unsere Unterhaltung bas tragische Ende bes Herrn Alwien. Ob er davon ^Äin°Gesicht verfinsterte sich sofort. Natürlich knurrte er. Seine Brillengläser funkelten, als er mich unverwandt ansah. Aber bann schien sind alle mißtrauisch: es ist eine Krankheit: wir belauern e ner den anderen. Wie durste ich diesen Mann für einen Mörder halten! Sie sah ihn an, er saß jetzt schweigend da; seme Gesichtszuge arbeiteten; er dachte angestrengt über den Fall nach. Da wuchs ihre Be- schamung. er-,^ begann sie, und wahrscheinlich wußte sie genau genommen noch nicht, welches Geständnis folgen sollte, „ich muß Ihnen etwas sagen. Ich hatte einen ganz bestimmten Verdacht — und sie brach ab; es war wohl noch nicht möglich, hier die ganze Wahrheit zu *a92(6er Steuer schien schon von ihren Anfangsworten befriedigt. Er sah ihr groß in die Augen, eine Angelegenheit, deren Häufigkeit mit der berückenden Bläue des fremden Augenpaares im Zusammenhang stand und dann sagte er: . . . „ „Ich kann es mir denken; mir selbst ging es nicht viel anders Das war ja nun ein verblüffender Satz, und Frau von Blmkburg hob sogleich den eben erst gesenkten Blick aufs neu«. Sie wollte schon den Kopf schütteln. Sie irren sich, mein Verdacht richtete sich gegen Sie selber — aber sie sprach die Worte nicht aus. Sie kam nicht dazu. Steyer redete wieder. , Als ich den Pfenningshof verließ, ging mir das alles wirr durch den Kopf. Ich schritt über die Heide allein mit meinen Gedanken. Wer hatte ein Interesse, unfern Geschäftsführer zu beseitigen? Während es anfangs so ausgesehen hatte, als könnten etwaige Feinde Alwiens nur aus seiner Vergangenheit aufstehen, erwies sich jetzt, daß er auch hier schon Gegner hatte. Der Professor war ihm zumindest nicht gewogen. Der Professor erwähnte einen Mord, obgleich alle Welt nur von einem Unglücksfall wußte. Und dann war da der Pächter auf dem Rügen Hoff, jener Glahn, den ich schon kennengelernt hatte. Er mochte Alwien gehaßt haben, denn Alwien stand ihm im Wege. Er war es gewesen, der den Toten aufgefunden hatte. Unser erstes Zusammentreffen war derart verlaufen, daß Glahn mir einen Schreck eingejagt hatte. Ich war des Gefühls nicht frei geworden: ein gesährlicher Mensch. Nicht so, daß er mir als ausgesprochener Raufbold und Schlagetot erschienen wäre, aber Sie wissen, man stößt zuweilen aus Menschen, und ein unbestimmtes Etwas im Blut warnt uns sofort. So war es mir mit Glahn ergangen. Ich hatte Gelegenheit, dies Gefühl zu überprüfen. Es hielt nicht stand. Der Pächter Glahn erwies sich als ein recht freundlicher und vertrauenerweckender Mensch. Nun geriet meine Meinung wieder ins Wanken. In solchen Gedanken versunken schritt ich querfeldein, aber ich achtete immer darauf, daß der Weg in Sicht blieb, denn ich wollte nicht allzu weit aus der Richtung kommen. Sehr weit war ich vom Gutshof noch nicht entfernt. Meine Hand in der Tasche hielt den Stein, mit dem der Mord ausgesührt worden war, umspannt. Er lag kühl zwischen meinen Fingern. Kühle tut not. Ruhe. Gedankenklarheit. Ich hatte schon vor einiger Zeit gemerkt, daß schräg vom Wäldchen her sich ein Mann näherte, aber dem weiter keine Beachtung geschenkt —" „Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche, Herr Steyer. Sie sagten. Sie trugen den Stein, mit dem aller Wahrscheinlichkeit der Mord geschah, in der Tasche?" Steyer nickte. „Gewiß", bestätigte er, und sah sich sichernd um, legte dann den faustgroßen Stein auf den Tisch vor Frau v. Blinkburg hin. „Dies ist er. Ich trage ihn stets bei mir. Ein wichtiges Beweisstück, das mir nicht abhanden kommen darf. — Die Blutspur ist unauslöschlich in das Gestein eingesogen. Sehen Sie?" Frau v. Blinkburg schob schaudernd den Stein zurück. „Entsetzlich. Damit schlug man den Unglückseligen nieder?" Steyer nahm dann den Stein wieder an sich. „Dieser Stein in einer Faust schlug ihn nieder; ich habe sogorr seit kurzem eine ganz bestimmte Meinung, wer die Faust um diesen Mordstein ballte und sie hob und niederfallen ließ." „Wer?" Frau v. Blinkburg sah vorgebeugt. Ihre Augen glänzten. „Jener Mann, der vom Walde herüberkam", antwortete Steyer. „Jener Mann, der in meine Gedanken hineingestapft kam als sei er gerufen, als wisse er, daß er in diesem Augenblick, wo ich sinnend durch die Heide schritt und noch suchte, eine Erklärung, eine Pointe bedeute/' „Wer war der Mann? Eine neue unbekannte Person?" „Im Gegenteil, ein alter Bekannter, Glahn kam vom Walde her auf mich zu! — Ich erkannte ihn bald ^md wartete. Das schien ihm angenehm, denn er beschleunigte seine Schritte noch mehr. Als er vor mir stand, lüftete er den grünlichen verschwitzten Filzhut. Waren Sie bei dem Professor? Ja, antwortete ich, wir haben uns eine Weile unterhalten. So, er redet sonst nicht viel, der Alte. Weil er niemanden hat, zu dem er sprechen kann; wir haben ein Thema gefunden, über das es sehr viel zu sagen gab. So? Seine Mondrakete? Nein. Der Mord an dem Geschäftsführer Alwien! Glahn blieb stehen. Entweder war er ein sehr geschickter Schauspieler oder sein Schreck war groß und ehrlich. Sie reden von einem Mord? Die Behörde hat doch Unfall festgestellt! Trotzdem bleibt es ein Mord! Aber wie denn, ich meine, wie kamen Sie auf die Idee? Es ist keine Idee mehr, es ist ein Wissen. Ich stand vor ihm; er war ein Stück größer als ich; trotzdem, als ich die Hand hob und mich reckte, als ich in der geballten Faust den Stein hochhob, als wollte ich zuschlagen, prallte er zurück. Was wollen Sie, Herr? Nichts, als Ihnen demonstrieren, wie der Mord geschah. Glahn war erblaßt. Er hatte sich wohl heftig erschrocken. Sie glauben, daß — Sie glauben an so etwas? Ich nickte. Denken Sie sich, sagte ich, jemand trifft einen Nebenbuhler, den er schon längst beseitigt wissen möchte, in der Dunkelheit allein auf der Heide. Cs ist weit und breit kein Mensch sonst. Sie kommen ins Gespräch. Der erste Mann versucht es noch einmal km Guten, er fordert den andern auf, das Mädchen fteizugeben. Er droht ihm, er ereifert sich. Der andere lacht ihn aus. Glauben Sie nicht, daß da dieser erste im überschäumenden Zorn, in der roten Wut einen Stein, diesen Stein hier, aufnimmt und zuschlägt... Ich kann mir das recht gut vorstellen. Weiter sagte ich nichts, es war auch hohe Zeit, daß ich aushörte. Glahn reckte sich. Die Gelenke seines mächtigen Körpers knackten. Der Zustand, den ich eben beschrieben hatte, schien bei ihm einzutreten. Er sah Rot vor Augen, sein Atem kam stoßweise und fauchend, Herr!, rief er und faßte sich an die Kehle, als bekomme er keine Luft, Herr!: was reden Sie da! Ich habe den toten Mann gesunden! Ihre Worte — also das ist eine Insinuation! Ich begriff, es war nicht klug gewesen, so rasch vorzugehen. Ich verstand auch — bitte spotten Sie nicht, Frau v. Blinkburg — daß es gefährlich wurde, jetzt mit Glahn allein über die Heide zu gehen. Und so blies sch eiligst zum Rückzug. Natürlich ist das Unsinn, rief ich, warum erregen Sie sich? Alwien ist gestürzt, das wissen wir alle. Glahn sah mich lauernd an. Wir schritten weiter. Lange Zeit fiel kein Wort. Dann meinte er: Wenn Sie diese Mordgeschichte herumerzählen, richten Sie Unheil an. Sind Sie sich darüber klar? Ich werde diese Geschichte selbstredend niemanden erzählen; nur zu Ihnen habe ich davon gesprochen. Sie sollten sie Herrn Psrundt erzählen! Sein Blick streifte mich tückisch und zugleich mißtrauisch. Aber mein Gesicht schien ihn zu beruhigen. Ich werde mich hüten, antwortete ich; es würde Ihre Person in ein schlechtes Licht bringen; man kann nicht vorsichttg genug sein; etwas bleibt immer hängen. So ist es, sagte er. Und dann vorsichtig vortastend: Sie haben also die Dinge noch zu niemanden geäußert? Zu niemanden! Ich log, aber das war nötig. Das Heidekraut wurde dünner. Nun hatte ich doch den Weg aus den Augen verloren. Aber Glahn war ja bei mir. Ganz in der Ferne sah ich auch noch den Pfenningshof, eckig, wie aus Bauklötzen getürmt, lag das Herrenhaus. Ich wollte in das Hotel, sagte ich, und es war zugleich eine Frage nach dem Weg. Glahn nickte. Hinter dem Wald liegt es; wir kommen hier von der anderen Seite heran; es ist nicht mehr weit. Dann redeten wir nichts mehr. Der Boden war naß, er sog die Stiefel an sich und gab sie mit einem schmatzenden Ton wieder frei. Es ging sich nicht gut; es war auch mühselig. Ich wollte das zu dem Pächter äußern, ihm sagen, daß ich auf Wanderungen solcher Art nicht eingerichtet sei, aber da nahm er das Wort. Gehen Sie links um den Busch dort herum, sagte er, da ist der Boden trockener. Natürlich tat ich, wie er gesagt hatte. Der Busch war ein Erlen» strauch. Erlen wachsen am Wasser; zumindest brauchen sie viel Feuchtigkeit. Ich weiß nicht, weshalb ich das denken mußte. Vielleicht warnte mich eine Ahnung. Ich trat vorsichtiger, trotzdem sanken meine Füße tiefer in den Morast ein als vorher. Von besserem Boden konnte gar keine Rede sein. Ich blieb stehen, blickte mich nach Glahn um. Und da sah ich ihn stillstehen, er war nicht weitergegangen. Sein Gesicht wies etwas Lauerndes, Gespanntes auf. Als er sah, daß ich mich umblickte, schritt er weiter. Wir sind in den Sumpf geraten, rief er, bleiben Sie nicht auf der Stelle stehen, sonst sinken Sie zu tief ein. Rasch ausschreiten! Die Moorfläche kann hier nicht breit sein. Ein schöner Trost! Bis zu den Knöcheln stand ich bereits im Schlamm. Ich zog mühsam den rechten Fuß heraus und wollte mich rückwärts wenden, da sank der linke um so tiefer ein. Gleichzeitig verlor ich das Gleichgewicht und fiel vornüber. Wollte ich nicht der Länge lang in den Morast fallen, mußte ich den rechten Fuß wieder vorsetzen. Ich tat es instinktiv, sank ein, glitt aus, kniete und fiel dann nach vorn. Im mußte an eine recht abschüssige Stelle des Morastes geraten sein. Die zwei Schritte, die mich mein Sturz nach vorn gebracht hatten, waren genug gewesen, mich bis zu den Hüsten einsinken zu lassen. Und auf solche Art stehend in dem kalten fiebrigen Schlamm, spürend, wie ich bei jeder Bewegung tiefer einsank, schrie ich gellend. Von allem Stolz verlassen, klägliche Kreatur in Not, rief ich den einzigen Menschen an, der helfen konnte. Herr Glahn! Hilfe!! Glahn!! Mein Blick reichte nicht weit. Büsche verdeckten die Sicht. Wo war denn Glahn. Er mußte doch meine Stimme hören. Kam er nicht sofort? Stille. Wind rauschte im Gebüsch. Ein kleines Tier glitt platschend in sein Element. Stille. — Kein Menschenschritt. Ein unbequemer Mitwisser wurde ausgelöscht, wurde rücksichtslos ersäuft wie eine junge Katze. Noch einmal schrie ich: Glahn! Keine Antwort. Aber die Ansttengungen, die diese Schreie erforderten, waren mit ungewollten Bewegungen verknüpft gewesen. Der Morast kroch höher an mir hoch. Ein Glucksen quoll auf; es war, als lache jemand dies ohnmächtige Menschenwesen aus." Frau v. Blinkburg hielt die Hände gefaltet; so preßte sie die Finger, daß alles Blut daraus entwich. „Guter Gott, wenn Sie nicht leibhaftig hier vor mir säßen", und sie starrte ihn tief erschreckt an. „Dann würden Sie die Geschichte niemals zu hören bekommen haben. Das ist ganz gewiß." Adalbert Steyer vermochte ein bißchen zu lächeln. „Wie gelang es Ihnen aber, sich zu befreien? Oder kam am Ende doch noch unerwartet fremde Hilfe?" Steyer schüttelte den Kopf. lFortsetzung folgt.) Ständchen. Von Theodor Körner. Alles wiegt die stille Nacht Tief in fußen Schlummer; Nur der Liebe Sehnsucht wacht Und der Liebe Kummer. Mich umschleichen bandensrei Nächtliche Gespenster; Doch ich harre still und treu Unter deinem Fenster. Holdes Mädchen,, hörst du mich? Willst du länger säumen? Oder wiegt der Schlummer dich Schon in süßen Träumen? Nein, du bist gewiß noch wach; Hinter Fenstergittern Seh' ich ja im Schlasgemach Noch das Lämpchen zittern. Ach, so blicke, süßes Kind, Aus dem Fenster niederl Leise wie der Abendwind Flüstern meine Lieder, Doch verständlich sollen sie Meine Sehnsucht klagen Und mit sanfter Harmonie Dir: „Ich liebe!" sogen. Was die treue Liebe spricht. Wird die Liebe hören. Aber länger darf ich nicht Deine Ruhe stören. Schlummre, bis der Tag erwacht, In dem warmen Stübchen. Drum, seins Liebchen, gute Nacht, Gute Nacht, seins Liebchen! Das Lied. Eine Geschichte von Karl Vurkert. Unser Dorf lag tief in den Wäldern. Keine Poststraße lief dorthin, an eine Eisenbahnschiene schon gar nicht zu denken. Genau ein Dutzend Bauernhöfe gab es da und etwa ebenso viele Häuschen. Wir hatten eine Schule, eine Kirche. Wir hatten einen Hufschmied, einen Flickschuster, einen Dorshirien. Sonst war noch ein kleiner Kramladen vorhanden, darinnen es jahrein, jahraus aufdringlich nach Erdöl und Seife roch und wo man, waren diese Dinge nicht gerade ausgegangen, auch Schwefelhölzer und Zichorie, Hutzucker und feuchtes Salz, weiter Tabak, vielleicht sogar Peitschenstecken, einen Kälberstrick bekommen konnte. Alles andere, was der Mensch außerdem brauchte, gab es hier nicht, war erst wieder in der nächsten Landstadt zu haben. Dritthalb Fußstunden war diese entfernt. Ein altes Botenweib war viele Jahre hindurch zwischen Dorf und Stadt hin und her gelaufen; aber als sie sich dann eines Tages zum Sterben hinlegte, fand sich niemand mehr, der den langen Weg um die paar Rappen Verdienst hätte machen mögen. Glücklicherweise war ich damals schon so weit voran, daß man in manchen Stücken auf mich zählen konnte. Nein, da brauchte man keine Sorge zu haben! Was die Schlubcnkäthel mit ihren siebzig Jahren noch gekonnt hatte, das sollte mir doch nicht schwerfallen. Ich würde es vielleicht noch flinker können. Meine Mutter sah das bald ein. So oft sie nun etwas nötig hotte im Haushalt, schrieb sie es auf einen Zettel zusammen, steckte ihn mir in die Hand, und ich machte mich damit auf die Beine. Der Weg zur Stadt führte meist durch Wald. Es war eine rauhe Fahrstraße vorhanden, die einen großen Vogen schlug und von den Fußgängern deshalb gemieden wurde. Und es war da ein schmaler Jägerpfad, der lief, einen Büchsenschuß seitwärts davon, ganz verschwiegen im Gehölz; lief, obschon mit manchen sanften Schlängelungen, immerzu stracks seinem Ziel entgegen, und für mich war dieser Pfad allzeit voll Poesie. Da duftete im Mai der Atem der jungen Birken, da gleißten im Spätsommer die reifen Brombeeren an ihrem Dorn und wob die blühende Heide ihren purpurnen Traum. Da schritt man über heiße Sandblößen, darein die graue Vorzeit glatte, glänzende Kiesel gesät hatte. Da schwirrten rotflügelige Schnarrheuschrecken, verhuschten grünschillernde Eidechsen. Da sah man zierliche Vogeltritte und saubere Wildfährten im frischen Schnee. Da hörte man den Kuckuck aus den Tiefen des Waldes rufen, die Elstern schimpfen, den Häher krätschen. Da hörte man die Drossel schluchzen, so süß, so sehnsuchtsvoll, daß einem ganz weh dabei wurde. Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Psad geschritten bin; aber ich weiß, daß er mir meist nur freundliche Bilder zeigte, nur schöne und frohe Gedanken in mir aufweckte. Aber einmal — es war im ersten Frühling — hat er mich doch sehr erschreckt. Ich hatte diesmal einen besonders langen Zettel mitbekommen und es stand auch die Taschenuhr meines Vaters darauf. Der Uhrmacher, als ich sie abholen kam, hatte sie noch nicht fertig. „In einer halben Stunde!", sagte er. Also in einer halben Stunde. So eine halbe Stunde zu Sommerszeiten, das hätte nicht viel zu bedeuten gehabt. Im April ist das wieder anders. Da sind die Tage noch schmal. Eh' man sich umsieht, ist das Licht fort. Und als ich hernach mitten im Wald war, da fing es schon an zu dunkeln. Nun war es ja nicht das erste Mal, daß ich um diese Zeit meinen Weg ging. Was sollte mir das viel ausmachen? Jeder Busch, jeder Baum war mir vertraut, jede Tierstimme kannte ich, jedes Geräusch wußte ich mir zu deuten. Noch nie war mir etwas Ungerades begegnet. Auch sonst war seit Menschengedenken nichts vorgekommen. Wir lagen weit abseits von den großen Straßen, auf denen die Handwerksburschen zogen und vielleicht verdächtige, gefährliche Leute. Unsere Gegend galt durchaus für sicher. So machte ich mir auch keine überflüssigen Gedanken. Leichtfüßig wie immer lief ich dahin. Vielleicht noch ein kleines flinker denn sonst, aber sicher nicht getrieben von einer Angst. Einmal blieb ich sogar auf ein paar Augenblicke stehen, hörte auf ein Rotbrüstchen, das, vor einem Stück blaßgrünen Himmels, zuoberst auf einer jungen Fichte faß und, fchon ganz traumumfangen, fein schmelzenden Ströphlein in den Abend versang. Plötzlich fuhr ich zusammen. Mit einem Male hörte ich ein Knacken und Knastern von Zweigen, hörte ein Poltern wie von vielen Husen, und eh' ich denken konnte, was und wie, jagte ein Sprung Rehwild, dicht vor mir, in hohen Fluchten über den Pfad, rauschte hinein ins Unterholz. Das kam mir nun sonderbar vor. Ein Fuchs?, fragte ich mich. Nein, das konnte es nicht geben. Von einem Fuchs läßt sich das Altreh, noch dazu ein ganzes Rudel, nicht jagen. Da mußte ein Mensch um den Weg fein. Aber wo sollte da jetzt ein Mensch Herkommen? Holz wurde zur Zeit in dieser Waldlage keines geschlagen, und wer anders hatte noch weniger hier etwas zu suchen. Eine leise Unruhe befiel mich. Das ist nicht recht geheuer, denk' ich. Aber nur zu! In einem dunklen Gefühl, als wäre ich hier unsicher, fetzte ich meinen Weg fort. Ich äugte dabei, bald nach hüben, bald nach drüben, in die Schläge hinein, spähte ein paarmal hinter mich, doch konnte ich nichts Absonderliches entdecken. Plötzlich schlug ein Schrecken in mich. Wie gelähmt an allen Gliedern blieb ich halten, starrte mit weiten Augen. Dort, zwischen den Stämmen, mußte sich etwas bewegt haben. Jetzt stand es still, duckte sich, als wollte es sich verbergen. Die Sonne war eben am Niedergehen, durchfunkelte den Wald. Ich erkannte, daß dort ein Mensch war. Er schien mir in einem sonderbar grauen Gewand zu stecken, schien barhäuptig zu gehen. Aber wer konnte das fein? Und weswegen ist er fo heimlig, wollte sich vor mir nicht blicken lassen? Ich spürte, wie mir kalt wurde. Ein Schauder lief mir über den Rücken. Ich ahnte, ich war in Not. Aber was sollte ich anfangen? Um Hilfe schreien? Wer könnte mich hier hören? Rennen, was ich rennen konnte? Der Mensch dort würde mich gewiß einholen, müde, wie ich schon war! Ein ganz bestimmtes Gefühl sagte mir, daß dieses und jenes verkehrt wäre. Also am besten weitergehen und gar nicht dergleichen tun. Sich geben, als ob man nichts bemerkt hätte. Und nur jetzt keine Furcht gezeigt! Nichts Schlimmeres in diesem Augenblick als Furcht. Ein Lied gepfiffen, holla, schieß los, ein frisches, tapfer klingendes Lied. Aber welches? Wie roär’s mit: „Der gute Kamerad"? ... Oder nein, vielleicht doch lieber was Frommes. Solch ein starkes Gefangbuchlied. Wenn dir nur gleich das richtige einfiele. Diese Gedanken brodelten mir siedendheiß durch den Kops, indes ich nun wieder dahinschritt. Dabei kroch es mir eiskalt übers Herz. Ich hatte ein Gefühl von menschlicher Verlassenheit in mir, wie noch nie in meinem Leben. Es gespensterte so seltsam um mich, die Büsche, die Bäume bekamen eine so drohende Gestalt, der ganze Wald war auf einmal voll böser Geister. Und das Dorf noch so weit, fo weit! „Du bist steinallein, sternverlassen!" schrie es in mir. Und ganz umsonst horchte ich auf eine tröstende Antwort. Der Hauch in den Zweigen trug mir keine Menschenstimme her, nicht einmal den Laut eines Hundes. Ich ging nicht rascher als zuvor, nicht langsamer, aber ich ging mit zitternden Beinen. Wie gänzlich unbekümmert ging ich meines Wegs. Aber dabei hatte ich doch fortwährend meine Augen verstohlen auf allen Seiten. Das Blut schlug mir bis zum Halse. Pfeifen hatte ich vorhin gewollt, pfeifen! Warum tat ich es nicht? Aber dann auf einmal hatte ich es auf den Sippen. Anders kam mir’s, als ich gewollt hatte: kein Pfeifen, nein, ich fang. Sang mit der weichen, dunklen Knabenstimme, die mir damals gegeben war. Freilich, der Ton wankte mir ein wenig. Immerhin, ich fang: „lieb’ immer Treu' und Redlichkeit ...!" fo schwang es durch den schweigenden Wald. Alle die Strophen jenes alten treuherzigen Liedes fang ich herunter, und als ich damit am Ende war, begann ich's wieder von vorne. Mir war, in diesem Liede läge eine zauberhafte Kraft. Wie eine Himmelsmacht fühlte ich es mir zur Seite stehen. Eine Stärke wuchs in mir, als schritte mit mir ein Engel. Gar nicht mehr dachte ich, daß mir etwas geschehen könnte. Und es geschah auch nichts. Ungefährdet, noch vor dem völligen Zudunkeln, erreichte ich den beruhigenden Saum des Dorfes. Etliche Tage hernach brachten die Zeitungen eine Notiz. Ein schwerer, oft vorbestrafter Verbrecher, hieß es da, vor kurzem aus dem Gefängnis entsprungen, habe sich gestern freiwillig wieder dem Gericht gestellt. Schon im Begriff, wieder eine neue Untat zu begehen, sei er — wie er selbst angegeben — durch den Zauber eines alten Liedes noch im letzten Augenblick von feinem schändlichen Vorhaben abgezogen worden. So ähnlich war es damals in der Zeitung zu lesen. Auch von der Gegend, dem Lied mar noch besonders die Rede und von dem jungen Knaben, der durch eine glückliche Fügung einem furchtbaren Schicksal entronnen war. Es war kein Zweifel, wer mit dem Knaben gemeint war. Erst jetzt wurde mir klar, in welcher Gefahr ich ahnungslos geschwebt hatte und erst jetzt fing mir richtig an zu grauen. Zum Glück wichen diese Schatten bald wieder von meiner Seele. Es blieb auch in der Folgezeit nichts davon in mir hangen. Mein gesunder, tagheller Bubengeist! Er hatte das bald wieder verwunden. Vorfrühling. Von Paul Heyse. Stürme brausten über Nacht, Und die kahlen Wipfel troffen. Frühe war mein Herz erwacht, Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen. Horch, ein traut geschwätz'ger Ton Dringt zu mir vom Wald hernieder. Nisten in den Zweigen schon Die geliebten Amseln wieder? Dort am Weg der weiße Streif — Zweifelnd frag' ich mein Gemüte: Ist's ein später Winterreif, Oder erste Schlehenblüte? Don Carlos. Von Eugen Siebert. Die Härte, mit der der „allerkatholischste König" von Spanien, Philipp H„ seinen Sohn, den Jnfanten Don Carlos, in den Tod trieb ist ihm selbst von jenen Geschichtsschreibern verdacht worden, die dem König immerhin die „historische Mission" zuerkannten als Vollender und zugleich Gescheiterter des Absolutismus, der spanischen Unwersal- monarchie, zu gelten. Schiller hat Don Carlos zum Helden eines Stückes gemacht, das gänzlich unhistorisch Don Carlos als Mann der Aufklärung des ausgehenden 18. Jahrhunderts hinstellt und ihm bürgerlich-sentimentale Regungen andichtet, die wohl zur Schillerzeit tyeater- wirksam waren, aber heute lediglich der durch Rousseau bewirkten falschen Gesühlsmäßigkeit jener Zeit zuzuschreiben sind und uns unerträglich dünken Die Legende vom Kronprinzenlibsralismus eines Don Carlos wurde an Hand von Aktenstücken der Diplomatie zunächst durch Ranke angegriffen. Gegenüber der öffentlichen Anklage Wilhelms von Oranien, Philipp von Spanien habe zuerst seinen Sohn Don Carlos, dann die Königin Elisabeth von Valois ermordet, um Erzherzogin Anna, Tochter des Habsburgers Maximilian II., die Verlobte des Don Carlos, heiraten zu können, stützten sich diese Geschichtsschreiber auf die Diplomatenberichte und die amtliche spanische Version, Don Carlos sei iM Gefängnis infolge feiner Ausschweifungen und Unmäßigkeit gestorben. Die Schüler Rankes haben dann Don Carlos als schwachsinnig und gänzlich imbecil hmgestellt, vor allem W. Maurenbrecher, Philippson und Marcks, m neuerer Zeit der Wiener Historiker Büdinger. Ein Psychiater wie Theodor Meynert sprach von angeborenem pathologischen Schwachsinn, und die Härte des Vaters gegenüber dem Sohne wurde mit staatspolitischen Notwendigkeiten entschuldigt. Dennoch hätte diese Aktenforscher die Tatsache stutzig machen sollen, daß einmal Ranke dem Infanten ehrenwerte Züge zuschrieb und daß der Jnsant in Spanien nicht nur eine starke Partei im Volke hatte, sondern die mit den Geheimnissen des spanischen Hofes Vertrautesten die Partei des Prinzen nahmen, daß die Königin Elisabeth über seine Inhaftierung bitterlich weinte, fein Erzieher, der gelehrte und wackere Bischof Honorato Juan, ihn zu seinem Testamentsvollstrecker ernannte und selbst der spanische Hofgeschichtsschreiber Luis Cabrera de Cordova, der natürlich die Hofmeldung, der Jnfant sei eines natürlichen Todes gestorben, wiedergeben mußte, doch das spanische Volk beim Tode des Thronfolgers klagen läßt: „Leider seien Fürsten oft gegen ihre Nachfolger eifersüchtig, besonders, wenn sie Geist und Seelengröße besäßen". Daß der Infant geistreich war, wird oft bestätigt, und Don Carlos hat seinen Vater, der jede körperliche Anstrengung scheute, sehr bigott war und geradezu menschenscheu, der niemals reiste und dem Umgang mit seinen Dienern den mit Narren vorzog, sowie den Weibern sehr zugetan war, höchst witzig verspottet. Er ließ ein Buch voll weißer Blätter anfertiqen unter dem Titel: „Die großen Reisen des Königs Don Philipp . Das Buch enthielt aber nur: „Die Reise von Madrid nach dem Prado — vom Prado nach des Escorial — vom Escorial nach Aranjuez" und so fort; eine Satire, die den sich immer um seine Achse und nur um Madrid bewegenden König um so härter treffen muhte, als er immer wieder seine Reise in die aufrührerischen Niederlande ankündigte, alle Höfe dadurch in Bewegung brachte und sie doch niemals unternahm. Der Gegensatz Philipps II. zu seinem Sohn war aber nicht nur der zweier Temperamente, sondern auch der zweier Anschauungen. Philipp II. hat die Kräite seines Landes verschwendet in ergebnislosem Kampf gegen den Protestantismus, vor allem gegen die Niederlande. Er wollte lieber über einen Friedhof, denn über die Niederlande voller Ketzer herrschen, er rüstete die große Armada gegen die protestantische Elisabeth von England aus, und der schweigsame, menschenverachtende, grausame Philipp II. war gegen Ende seiner Regierung sogar in Spanien, wo er die Inquisition den absolutistischen Zwecken dienstbar machte, so verhaßt, daß ein Altkastilianer wie der Jesuit Padre Antonio Crespo zum Statthalter der Niederlande Grasen Fuenzes sagen konnte, der Verfall des spanischen Volksgeistes und der spanischen Wohlfahrt sei dem despotischen Regierungs- system des Königs zuzuschreiben, das alle tüchtigen Männer mit Argwohn betrachtet und entmutigt hätte. Don Juan d ' A u st r i a , der Held von Lepanka. ein Halbbruder Philipps aus der Verbindung seines Vaters Karls V. mit der Barbara Blomberg aus Regensburg, hat sich über das "rnnkhaUe Mißtrauen des eigenbrötlerischen und finsteren Bruders in 'inen Briefen an feine Halbschwester Margarethe von Parma der Jnsant gar nicht, „ron Gegenteil „sehr scharfsinnig' ständig beklagt. Der König verfocht die Interessen des katholischen Glaubens und des absoluten spanischen Königtums mst einer Harte, bte über feine nächsten Angehörigen hinwegschntt, und ihr fiel auch sein Sohn zum Opfer. Don Carlos wurde am 8. Juli 1545 dem König °°n seiner Gemahlin Maria von Portugal geboren. Die Königin starb >m> Wochenbett, und mit unziemlicher Hast heiratete der König dieiugendichE l i s ° b e t h von Valois, die sich im Escorial sehr unglücklich fühlte. Der Prinz erhielt eine gute Erziehung und mit 15 Jahren die Huldigung der Cortes als Thronfolger, eine Handlung, die der König gewiß nicht vorgenommen hätte, wenn der Prinz von Kindesbeinen an schwachsinnig gewesen wäre. Der Prinz war zwar leichtlebig, aber die Skandalgeschichten, die sich >n den Berichten der Diplomaten finden, werden fast von jebetn Hof berichtet, und König Philipp selbst trieb die Ausschweifungen nur mit größerer äußerer Würde. Im Alter von 22 Jahren war der Prinz schließlich so weit, daß er den König bitter haßte, denn dieser hatte chm nicht nur Die versprochene Statthalte'rschaft in den Niederlanden nicht gegeben sondern auch seine Heirat mit der Prinzessin Anna, der Tochter des deutschen Kaisers Maximilian II., erst hinausgezogert und dann vereitelt. Der Gegensatz des Prinzen entlud sich in heftigen Worten. Darauf lieh Der König den Prinzen in Gewahrsam nehmen, und nach kurzer Zeit kam die Kunde, daß er infolge Unmähigkeit am 24. Juli 1568, durch einen katholischen Priester absolviert, gestorben sei. Er soll nicht nur gewaltige Mengen von Eis verschluckt, sondern einen halben Ochsen auf einmal aufgegeffen haben. Die spanische Oefsentlichkeit munkelte von Mord die Gegner des Königs klagten ihn offen an. Die Königin Elisabeth starb im Oktober 1568, Philipp II. heiratete Anna — die Braut [eines Sohnes! Alles das spricht gegen den angeblichen Schwachsinn, ebenso Die Tatsache, daß sich bei Hose eine große Partei kluger Männer für den Prinzen gesammelt hatte. Der Historiker an der Universität Wien, Professor Dr. Viktor Bi bl, hat bereits 1918 in seinem Werke „Der Tod des Don Carlos die Legende vom pathologischen angeborenen Schwachsinn des Don Carlos mit zureichenden Gründen bezweifelt. Er verweist darauf, daß em Schwachsinniger nach den Lehren der katholischen Kirche nicht die Sterbesakramente empfangen durfte. Weiter führt er an, daß wohlbeglaubigte Zeugnis e da ür varliegen, daß der Prinz im Vollbesitz ferner geistigen Kräfte war und daß nicht Ranke, aber seine Schüler bas Problem des Don Carlos buchstäblich auf ben Kopf gestellt hätten. Aus feinen eigenen Forschungen zum Carlos-Problem veröffentlicht er aber folgendes Material- Kaiser Maximilian, bessen Lieblingstochter ben spanischen Jnfanten heiraten sollte, sagte einem venezianischen Gesandten mehrere Male- „Verrückt ist er nicht!", benn er habe Mittel und Wege gesunden, ihn sehr genau beobachten zu lassen. Sein Gesandter Adam von D i e t r i ch st e i n stellte in Madrid fest, daß der Jnfant gar nicht, „wie man vorgegeben", schwachsinnig, sondern im Gegenteil „sehr scharssinmg ei. Weiter wird ein Schreiben des sehr gelehrten Freundes von Don Carlos, des Dr. Hernan Suarez, vom März 1567 angeführt, in dem es heißt: „Was wird die Welt dazu sagen, wenn sie erfährt, baß Eure Hoheit gar nicht beichtet unb sich noch anderer schrecklicher Dinge schuldig macht, die bei jedem anderen Anlaß geben würde zu einer Untersuchung von feiten des Heiligen Offiziums (der Inquisition), ob Du ein Christ seiest oder nicht." Professor Bibl bezeugt aus seiner Kenntnis der einschlägigen Akten, daß in aller Welt, auch am Kaiserhofe in Wien, davon gesprochen wurde, Don Carlos sei im Auftrag der Inquisition als Ketzer verhaftet worden. Er führt die Annalen des Bischofs Franz F o r g a ch an, der als Kanzler in Wien eine hohe Stellung bekleidete. Auch dieser behauptet, der Jnfant sei als Ketzer auf Veranlassung der Inquisition gerichtet worden. „Das bestätigt , setzt er hinzu, „die Ursache des Todes, bau er ketzerische Bücher las unb mit ben französischen Protestanten und den Niederländern in Verbindung stand. Wir sind in der Zeit der Gefangenschaft des Jnfanten in Genua dem spanischen Oberkommissär des Benediktinerordens begegnet, der aus Rom nach Spanien zurückreiste. Wir haben viel miteinander gesprochen, und er behauptete, vom Papste (Pius V.) den Auftrag erhalten zu haben, dem König zu sagen, er dürfe Don Carlos nie frei lassen, denn wenn er es täte, wäre es um die römische Kirche geschehen. Dieser gelehrte und hochangesehene Mönch versicherte mich eidlich, daß der Jnsant nie mehr frei wird, denn da er eine geheime Mission vom Papste erhielt, Zerfuhr er von ihm, wie ' der König seinem Sohn gegenüber gesinnt ist." Und schließlich fand der französische Diplomat Graf M i o t de M e l i t o im Juli 1812 bei Besichtigung des Sarkophages des Jnfanten, daß der Kopf vom Körper abgetrennt, wie er ausdrücklich sagt: „abgeschnitten" sei. Das bestätigt Die Aussage des Herzogs von Saint Simon, der im Jahre 1721 in diplomatischer Mission in Spanien weilte, er habe mit einem Mönch einen Wortwechsel über Don Carlos gehabt unb barauf hingewiesen, er (ei enthauptet worben, wie er von Herrn de Louville als Augenzeugen erfahren habe. Darauf habe ber Mönch gereizt erwidert, der Jnfant habe dieses Ende wohl verdient und übrigens hätte der Bater die Ermächtigung zur Hinrichtung vom Papste erhalten. Der Geheimnisse des Escorial, jenes Riesenschlosses, sind zahlreiche. Aber die Tragödie des Don Carlos ist vielleicht die furchtbarste, weil der kalten Staatsräson des Herrschers der Sohn geopfert wurde. Wenn damals keine der Hafparkeien an den Wahnsinn des Kronprinzen glaubte, der nachher erst konstruiert und von den Historikern für authentischer gehalten wurde als die Zeugnisse der Mitlebenden, dann gibt es nur eine Erklärung: daß der Thronfolger die Politik nicht nur seines Vaters, sondern auch der Kirche zu durchkreuzen geneigt war. Und das war „Ketzerei" im weitesten Sinne, auf die nur eine Strafe stand. erantwortlich: vr. Hans Thyrivt. — Druck und Der lag: Drühl'fche UniversttätS-Buch» und Eteindr ackeret. R. Lange, Gießen.