Nummer 76 Montag, den 30. September Jahrgang 1935 aus- Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Hollanüer Copyright 6y August Scherl G.m.b.ft., verlln (3. Fortsetzung.) „Sie denken aber auch immer gleich das Schlimmste", tröstet Meim- berg, „manche lieben ja auch Mozart. Oder einen Jazz oder einen Zigeunergeiger .. „Zigeuenergeiger", nickt Meppen, „da haben wir es. Nein, nein, man kann nicht heiraten. Jawohl: Manche lieben die Zigeunergeige. Zu sehr sogar. Viel zu sehr ..." Der Magen hält. Denn dies moderne Apartmenthaus mit glatter Front und hohen Fenstern, dieser appetitliche, langweilige Bau enthält auch Meppens appetitliche, langweilige, winzige Junggesellenwohnung mit allem Komfort. „Mein Himmel", fragt Meimberg, „was regt Sie denn der Zi- geunergeiger so auf? Ich habe das nur so hingesagt ..." Meppen holt sich umständlich eine große Zigarre aus der Tasche, schneidet sie ab und brennt sie an. Alfred Meimberg sieht der heiligen Handlung etwas ungeduldig zu. Eigentlich hat er ja anderes zu tun, als mit Meppen über die Ehe zu philosophieren. Aber er kennt Meppens Hartnäckigkeit, er liebt sie bei der Arbeit, also muß er sie auch im übrigen Leben ertragen. .. . „ „Der Zigeunergeiger har mir die Augen endgültig geöffnet , sagt Meppen und schwingt drohend seine Zigarre, „eine Ehe ist entweder Brahms und Krieg und Langeweile oder aber Mozart und Zigeuner- aeiger und ... na, das übrige ist ja ganz klar ..." Meimberg schüttelt den Kopf. Ihm ist es durchaus nicht klar „Entweder also würde ich mich langweilen", fährt Meppen fort, „und dazu brauchte ich ja nicht erst zu heiraten. Das kann man allem billiger und kürzer haben. Oder aber ich würde mich nicht langweilen. Ich wurde im Gegenteil die Frau ganz famos finden. Aber dann ... >a dann wurde eben der Zigeunergeiger auftauchen. So was Flottes, Abenteuerliches, jo was Dunkles, so was — wie sagen bie Damen in solchen Fällen? — so was Elementares, Leidenschaftliches. Kurzum: Irgendwas Unzuverlässiges, Unerwartetes von Mann wurde kommen und mir die Frau stehlen. Jawohl, ich sage es offen. 3d) bm mch sehr schön und nicht sehr besonders, also, muß ich sehr ängstlich und ^^Er'^ehk den Kollegen erwartungsvoll von der Seite an .'Na denn aus Wiedersehn", sagt Meimberg, „heute abend! Smoking. Zehn, höchstens auf seine Uhr. Himmel, halb sechs! „Das ist vielleicht auch nicht gerecht. Aber um die Gerechtigkeit könne« sich dann andre kümmern. Ich bin ja nur Jurist." „Aber die Frau lebt doch dann weiter", sagt Meppen eifrig. Meimberg nickt. „Hauptsache ist aber: Der Zigeuner ist tot... Nicht wahr? Ausrottung aller Zigeuner ... na ja ...." Damit macht er ober wirklich Schluß, wirst den Dr. Meppen mit einem kleinen Stoß vom Auto und jagt davon. Eine Ecke, zwei Ecken. Da ist er eigentlich zu Hause. Aber er hat im Mctor etwas schnarren gehört. Da ist was Heiseres drin — stimmt was nicht. Er sährt noch einmal ums Hüuserviereck. Horcht, probiert. Irgendeine Kleinigkeit. Dumm! Muß man nod) einmal zur Garage. Mit einem solchen Wagen kann man nicht losreifen . . Er fährt also zur Garage. Monteur Krause II, der den Wagen kennt und die Sache gleich heraushätte, ist nicht da. Monteur Horn ist kein Kirchenlicht. Dafür hat er einen großen Schnurrbart, den er in Augenblicken der Ratlosigkeit an beiden Enden streicht. Meimberg zieht sich den Overall über und beginnt zu suchen. Der Motor schnurrt weich und sanft. Wenn man aber denkt, es sei alles in Ordnung, bockt er und klopft wie ein Hammerwerk. Es wird sechs, viertel sieben. Immer noch streicht Horn seinen Schnurrbart. Immer noch probiert Meimberg. Endlich kommt Krause ll. Horcht. Schüttelt den Kops. Faßt einmal mit dem Schraubenschlüssel in die Haube, zieht. Der Motor schnurrt, schnurrt wie eine Katze. „Man hat Verstand", seufzt Krause II und blinzelt in die Abendsonne, „ober man hat keinen. Das ist es." Meimberg nickt. Er gibt Krause zwei Mark, eine Art Hochzeitsgeschenk. „Bin ja nun fast vier Wochen weg", jagt er. „Nee, wohin wir fahren, weiß ich noch nicht. Immer dem Kühler nach. Ist das einfachste." „Und das gemütlichste", sagt Krause. „Der Kühler weiß schon, wohin er will." Halb sieben ist es unterdes geworden. Also schnell nach Hause. Mühte man sich zum zweiten Mal rasieren? Eigentlich ... Oben an den Backen und unten am Hals stoppelt es schon. Der Herr sind wohl Selbstrasierer? Jawohl ... der Herr rasieren sich selbst. Der Herr zerwürgk einen Kragen zum Waschlappen. Dann bekommt der zweite Kragen Fettflecke. Dann ist ein Hemd zerknittert. Meimberg krümmt sich, dreht sich. Aber er ärgert sich nicht. Denkt gar nicht dran. Denn schließlich hat man's ja doch geschafft und steht im glatten Hemd mit bllltenweißem Kragen vor dem Spiegel und gefällt sich gut. Also: Schlips gebunden. Weiße Weste. Haare mit zwei ausgezeichneten Pferdeftriegeln an den schmalen Schädel gestriegelt. Sehr gut. Er bürstet sich auch die Augenbrauen glatt. Eine dumme Angewohnheit. Aber es sieht ganz gut aus. Das werde ich wohl in Zukunft lassen. Wenn Barbara ins Zimmer kommt, und ich striegle gerade meine Augenbrauen, zu albern! Also Smoking. Brieftasche. Uhr. Geld. Hausschlüssel. Taschentuch Kölnisch Wasser. Noch einen Blick in den Spiegel. Jetzt erst fallt ihm so richtig ein, wohin er geht. Aus sein Fest, auf seinen eigenen Polterabend. Merkwürdig. Daß er nun wirklich Barbara Schreiner heiraten wird. Höchst märchenhaft. Er winkt sich zu. Guten Abend! Man braucht dir kein Glück zu wünschen, lieber Alfred. Hast ein kolossales Glück. Das richtige Sonntagskinderglück wieder einmal. Man will eine Frau heiraten, jahrelang nimmt man sich das vor. Und mit einemmal kann man sie heiraten. Könnte einem bange werden. Aber es ist alles vollkommen richtig. Ganz ohne Schwierigkeit. Verstehen sich, ohne viel über Verstehen zu reden. Wir haben das ja in den drei Monaten Ver- lobunqszeit feststellen können. Wir passen nahtlos, bruchlos zusammen. Wie durch ein Wunder extra füreinander angefertigt. Und dabei ganz verschieden. Großartig. Nun aber Adieu, Herr Meimberg ...! Es ist wie Sie bitte sehen wollen, fünf Minuten vor sieben. Um aller Heiligen willen! Die Mama wartet ja. Die Generalmajorin. Er sitzt unten im Auto, den steifen Hut hat er in den Nacken geschoben, ein weißes Halstuch steht unter dem schwarzen leichten Mantel hervor Er ist viel zu warm angezogen für diesen heißen Abend, aber wenigstens korrekt. Er geht gern korrekt, genau nach Vorschrift, wie sein Ms^er°stch"dem Hause seiner Mutter nähert, beginnt er, der allem im Auto sitzt, zu lachen. Er lacht, lacht, leise, schütternd. Unwiderstehlich. Er hält. Er springt, immer noch lachend, die Treppen hinauf. Er fmbet bic Generalmajorin, wie zu allen Festen, in Spitzen unb schwarzen Tast ^"?Ich'bK?es^nicht? gewöhnt", sagt bie kleine Generalmajorin streng daß man mich warten läßt. Dein Vater hat mich nie warten lassen Jetzt wüsten wieder bie Schreiners warten, unb bie Gaste werben ba fein, bevor ein Bräutigam vorhanben ist. Sehr peinlich." 2lber ber Sohn Meimberg läßt sich biesmal nicht wie sonst gebulbig ausfchimpfen. Er muß erst mal feine unbändige Heiterkeit loswerben. Eichener ZainilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger $ „'Rein", ruft Meppen, währenb er aus dem Auto klettert, „so entkommen Sie mir nicht! Ich halte Ihren Wagen fest, bis Sie mir geantwortet haben. Waren Sie nie eifersüchtig? Und wenn nein Werden auf die Idee Eifersucht ist für Kinder, die nicht wissen wen Aalt! Aalt!" lagt Weppen. „Das muffen Sie noch zu Enbe jagen. Er ist auf bas Trittbrett gestiegen. Er fährt auf de^ 'angchm rollenden Wagen ein Stück mit. „Zu Enbe sagen . . 2^eresstertmlch.Wenn - zum Beispiel eine weniger erwachsene Frau heiraten wurden. So was kann ja passieren, nicht wahr ... so eine Art von K.nd . so was fchrecklich Weibliches unb Unverantwortliches ... gibt es ,a schließlich QU<3Reimbcrg hält scharf an. „Da Sie mich fragen, Weppen", sagt er Ziemlich ernst, „will ich Ihnen auch antworten. Sie sollten die Herne Bitti:'? nuf feinen Fall heiraten. Das ist wenigstens meine Meinung. Meppen? winkt ab Direkt", brummt er, ärgerlich, daß er sich DC^.a*en hat, „direkt habe ich Sie ja nicht gefragt Ich wollte etwas S°nz^ Allgemeines willen Wenn Sie mal Grund hatten zur Eifersucht ... AVer ich ?te Lie" ! S^ werken Keileicht doch soviel 'Phantasie, aufbr.ngen, um sich bas vorstellen zu können! Was also rourben Sie tun. Meimberg nickt. „Das kann ich mir ausgezeichnet iorstellen. Unb was ich tun würbe, kann ich Ihnen genau sagen. Ich wurde: hingehen u dem Herrn Zigeuner den Kragen umbrehen. Klar? Was t Meppen nickt. „Erfreulich klar. Unb es mürbe 2H ^Ambeiner machen, baß in ben meisten Fällen doch bie Sra“ umbrehen Weise mit schulb ist. Sie würben nur dem Mann den Kragen ui n R°X ist vielleicht komisch", schließt Meimberg und sieht ungeduldig lieber Egon!"). (Fortsetzung folgt.) „Ich habe schon die ganze Kaiserallee herunter gelacht", lacht er „Ich erkläre dir das ein andermal ganz genau. Es hangt mit einem Gespräch zusammen, das ich mit Dr. Weppen gehabt habe. Aber du mußt mir mal mm ehrlich was verraten. Ehrlich, ja? Also: War Vater jemals auf dich eifersüchtig? Hat er irgendwann mal den leisesten Grund einer Ahnung zur Eifersucht gehabt? Nein, bitte, antworte mal! Ich mutz das wirklich wissen." ... t ,, ., Die Mutter schüttelt unwillig den Kopf und sangt schon an, die Treppe hinunterzugehen. . ..... Mutter", sagt Meimberg ernst, „es ist eine wichtige Geschichte. Aber ich "weiß schon 'Bescheid. Wenn diese ganzen Mätzchen der Liebe, wie Eifersucht und so, anfangen, dann — nicht wahr — dann soll man docy gleich Schluß machen. Findest du nicht?" . „ , , Die Generalmajorin sieht ungeduldig zu, rote Meimberg das Patent- schloß der Wohnungstür schließt. Komm jetzt!" sagt sie leise aus dem dämmerigen Flur. „Komm jetzt endlich! Außerdem steht man hier in halber Oeffentlichkeit." „Gut!" sagt Meimberg und hakt sie unter. „Aber wenn wir einmal allein sind, mußt du es mir ganz genau erzählen." Die Mutter schüttelt den Kops. Natürlich wird sie niemals mit ihrem Sohn über solche Dinge sprechen. Aber Meimberg ist noch nicht ganz fertig. Unten im Auto, nachdem er sorglich eine Decke über die Knie der alten Dame gebreitet hat, fängt er wieder an. „Nicht wahr: Eifersucht, das gibt es doch nicht? Dann doch lieber gleich Schluß. Gleich. Sofort. Kurzschluß." Die Mutter sieht den Jungen prüfend von der Seite an. Steckt etwa eine wirkliche Angst dahinter? Nein, die Stiry ist klar, die Augen sind hell und scharf. Die Lippen, wie immer, ein wenig geöffnet. (Das war das einzige, das ihr Sorge gemacht hat. Es sah immer so aus, als wollte er von allem und jedem trinken.) Nein, nein, es ist nichts. „Sag mir lieber", slüstert sie, „was du deiner Braut heute mitbringst. Ich sehe nichts. Keine Blumen, gar nichts." Aber Meimberg ist nicht aus seiner Fröhlichkeit herauszukriegen. Er weist auf sich. „Mitbringen?" sagt er. „Einen schönen blonden jungen Mann bringe ich mit. Rechtsanwalt, unvermögend, aber mit guter Praxis, viel Spaß am Leben. Könnte gescheiter sein, mehr Tiefgang haben, wie seine Mutter sagt. Kommt aber noch. Kommt Zeit, kommt Malheur. Und Malheur macht tiefsinnig ... Wünschen wir dem jungen Mann ein kleines Unglück!" Er sieht seine Mutter herausfordernd an. Er legt ihr den rechten Arm um die Schulter. „Na, Frau General", lacht er, „nun sag du auch mal was!" „Dummer Junge!" sagt die Generalmajorin. „Patz gefälligst auf dein Auto aus!" „Zu Befehl, Frau General!" schlieht Meimberg. „Das werden wir schon richtig hinkriegen." * 6. Es ist alles in Ordnung draußen in Lichterfelde. Selbstverständlich. Denn die Brettwitz hat für alles gesorgt. Alles in Ordnung, bis auf die Hauptpersonen, und die kann die Brettwitz ja nicht aufstellen, garnieren, kochen und arrangieren, wie die Getränke, die Speisen, die Blumen. Der Professor kommt zwar noch leidlich pünktlich um Viertel nach sechs. Aber er zieht sich lange um. Er hat schon wieder zwei Gespräche mit der Klinik gehabt, und die Brettwitz muß verbinden. Er hat es ausdrücklich so angeordnet. „Auch heute?" hat sie gefragt. Und der Professor: „Leider nimmt der Tod auf Polterabende keine Rücksicht, Brettwitz." Barbara kommt um dreiviertel sieben angestürzt. Ist aufgeregt und abweisend. Wird von Sophie Wahnke, die doch auch kommen soll, nochmals angerufen, spricht sehr laut mit ihr. Auch der Bräutigam ist, wie wir wissen, um dreiviertel sieben, ja, um sieben noch nicht vorhanden. Die Brettwitz muß die Dante Anna Schreiner zur Hilfe heranziehen. Denn schon kommen die ersten Gäste, Assistenzarzt Dr. Werkmann mit Frau und Otto Schreiner, Tante Annas Mann, im Frack, obwohl sie ihm ausdrücklich gesagt hat: Smoking am Polterabend, Frack bei der Hochzeit. Schreiner spricht sofort auf den Assistenzarzt ein, über die Fragen des japanischen Dumping und der englischen Abwertung. Daß die Neger in Afrika nur noch japanische ober zur Not englische Nadeln beziehen können. Denn sie verdienen, in Gold gerechnet, den fünften bis zehnten Teil dessen, was sie noch vor fünf Jahren verdienten. Und ob Dr. Werkmann sich einmal darüber den Kopf zerbrochen hat, wie man zu einer vollkommen stabilen Währung kommen könnte, ohne die völlig veraltete Goldgrundlage. „Produzieren Sie Gold?" fragt er. „Oder produzieren Sie Werte? Wie? Na also, wenn Sie Werte produzieren ..." Der Assistenzarzt hat aber gar nichts gesagt. Er produziert seiner Meinung nach nichts. Er flickt mit seinem Chef zusammen die Kranken einigermaßen zurecht, und er und Professor Schreiner sind sich nicht klar darüber, ob das nun eine produktive Arbeit ist oder nicht. „,.. Wenn Sie Werte produzieren, so können wir auch nur auf Wertbasis rechnen. Wenn wir aber Goldbasis haben bei Wertproduktion, so kann das nur schiefgehn. Das ist doch klar. Wenn das aber klar ist, so begreift man nicht die Regierungsbanken, die immer noch ..." Mitten in diesem Satz erscheint der Bräutigam am Arm seiner Mutter. Tante Anna und Fräulein von Brettwitz bemühen sich um die Generalmajorin, entschuldigen Hausherrn und Braut. „Aber es macht nichts", sagt Frau Meimberg, „der Herr Professor ist selbstverständlich entschuldigt." Gemeinsam treten Dr. Weppen und Dr. Kleesand auf. Sie sind mit gleich großen Rosensträußen bewaffnet, und Dr. Kleesand hat sich erlaubt, eine Konfektschachtel in Wagenradgröße mitzubringen. Die Rechtsanwälte stehen nun mit ihren Gaben vor Tante Anna und Fräulein von Brett- witz. Sie sehen sich suchend Nach Professor Schreiner um. Gott sei Dank: Da kommt er! Er ist, wie immer, unbefangen und ein bißchen ungeschickt. Er gibt jedem der Gäste die Hand. Dann kümmert er sich um niemanden mehr, sondern spricht mit der Generalin über Rosenzucht. „Wo bleiben eigentlich unsere beiden?" fragt schließlich Frau Meimberg. fürchte fast, daß die Gäste sie vermissen werden." Der Professor zuckt die Achseln. „Unsere beiden" stehen oben in Barbaras Zimmer Im Rahmen d« Gut, daß du heraufgekommen bist", sagt Barbara leise. „Ich tjaCi das mit aller Kraft gewünscht. Ich war schon zehn Minuten ganz ferti; Die Brettwitz hat dreimal bei mir geklapst. Siehst du eigentlich, daß w geschminkt bin? Nein? Ich bin aber geschminkt. Ja. Ich wollte also, dq du heraufkamst, und da bist du. Du gehorchst meinen Gedanken wirkt« wunderschön." , Alfred antwortet: „Du bist mal wieder hübscher als jemals. Rosa jttlf dir großartig. Vom Schminken habe ich wirklich nichts gemerkt. Bist I* froh? Ich bin mächtig froh. Aber du hast einen Schatten in den AuM einen ziemlich großen Schatten." „Das sieht man?" fragt Barbara erstaunt. „Du siehst es? Ich mm; dir noch etwas erzählen. Etwas Merkwürdiges, beinahe Unbegreifliches „Wir wollen es auffdjieben", sagt Alfred. „Wir haben ja Zeit. Mach tig viel Zeit, denk mal!" „Das wird gut fein", lächelt Barbara. „Und jetzt ist vielleicht roirtli* nicht der richtige Augenblick zum Aussprechen. Außerdem werden tm- uns dann besser kennen." „Obwohl wir uns doch eigentlich sehr gut kennen, lacht AlfnL „findest du nicht?" „Ziemlich gut", sagt Barbara. „Vielleicht wirst du sogar noch (9ebu6 mit mir Haden müssen." „Wenn du nur keine Angst hast", sagt Alfred, „dann roerden wir di- ganze Sache überhaupt großartig machen." „Ich habe keine Angst", sagt Barbara leise, „außer ... außer ... |i( höchstens außer vor mir. Das verstehst du doch?" Meimberg schüttelt den Kopf. Nein, er versteht das durchaus n* Er will es auch nicht verstehn. Das find Dinge, nicht wahr, die hab-:, früheren Generationen das Leben verdunkelt. Fragen, über die find bin alten Herrschaften gestolpert. Nicht so sehr seine Eltern als die Zwische,» generation, die Kriegsteilnehmer. Das waren gewiß wackere Leute. Ab« vor lauter Schwierigkeiten haben sie die Leichtigkeiten des Lebens nidt! mehr gesehen. „Darüber werden wir noch viel sprechen müssen", sagt Alfred, „bis ist eins der wichtigsten Themen. Aber nicht heute. Heute ... heute wollen wir uns wahnsinnig freuen. Nichts weiter. Klar?" Einerlei, ob es nun klar ist oder nicht (und natürlich ist es noch durchaus nicht klar), sie können ihr Gespräch nicht fortfetzen. Denn je® erscheint nach heftigem Klopfen Tante Anna von Löpel, verheirat-iii Schreiner, in der Tür. Sie schüttelt den Kopf. „So", sagt sie, „da seid ihn. Na, sehr schön. Unten ist es kolossal anregend. Mein lieber Schwager betrachtet mit der Brautmutter die Rdsenernte, mein Mann verhandel über die Goldwährung, und meine Nichte erscheint der Einfachheit halb« gar nicht. Ihr glaubt wohl, das Fest sei für euch da? Irrtum, mein Sieben! Heiraten ist ein Vergnügen für die andern." * Zehn Uhr Die Gäste trinken Erdbeerbowle und Kognak. Erdbew- bowle und Kirschwasser. Es riecht nach Rosen und Zigarren. Die fein® lichen Fronten der beiden Familien mit ihren Freunden lockern fi& Oberst von Pritzke zum Beispiel bricht in die Schlachtlinie der Fremden ein und macht der Braut den Hof, der Schwiegertochter feines versto» denen Freundes Meimberg, bann ihrer Freundin Sophie, bann bis: Amtsrichterin Wehmeyer. Da bas „Alter" unbebingt aus ben Zuschauerseffeln auf bie Tanp bühne gezogen werben fall, macht man eine Polonäse burch ben Garten, zwischen ben Bäumen, bie als zartzackige Silhouetten aus ber Nach geschnitten finb, unter Sternen, bie in ber warmen Dunkelheit flirren Kleesanb, der birnenköpfige, immer etwas verlegene Kleesand, hat einen riesigen Korb mit Feuerwerk mitgebracht, das er mit gütiger Erlauben! abbrennt. Sonnenräder, die sich knallend drehen, Monde, die lautlos; bunte Kugeln speien, Springbrunnen von Gold und Silber, vielfarbig! Kugelfontänen, hoch über den Häusern vermischende Raketen (unter denn Schein man die Köpfe neugieriger Nachbarn rings in allen Fenstern aur gereiht sieht) und schließlich Leuchtschirme, die — wie im Krieg — lanp (am und friedfertig, fremdartige Nachtblumen, über dem Garten dahim- schaukeln. Es kennen aber unter allen Anwesenden nur Dr. Werkmaon und der dicke Otto Schreiner den Krieg. Sie allein werden an w Schützengrabennächte erinnert. Aber sie sagen nichts. Zum Schluß kriegen alle Damen Sprühregen in die Hände gedrüK und müssen sie auf Kommando anbrennen. Es sieht reizend aus, wie M alle dastehen mit vorsichtig abgewandten Gesichtern, voll Furcht, die guten Kleider zu verbrennen ober selbst in bie Lust zu fliegen: bie weißhaarig! Frau Meimberg, Tante Anna Schreiner mit zu Röllchen gebrannt» greUblonben Haaren, Barbara mit den halblangen braunen Haaren, W ihrer Mutter ähnelnd, da sie die Augen geschlossen hat, Sophie Wahn!'-- die Lehrerin mit den streng gescheitelten Haaren, die Amtsrichterin, M in Erinnerung an ihre Wandervogelzeit noch Schnecken trägt, Fräulein von Brettwitz, mit den zum Knust gewundenen graublonden• Rieseir- flechten, Frau Dr. Werkmann mit Herrenschnitt, die Kusine Hermi Schreiner, ehemals Malerin, jetzt Zeichnerin in der Pathologischen Anatomin ganz in Wasserwellen, die jugendliche Frau Professor Stößler, Gattin des Internisten, mit halblangen Locken über dem Empirekleid .. • eurganze Galerie Frauen der gleichen Zeit und aus drei Zeitaltern, besonders wenn man noch die ganz jungen Dinger mitredjnet, Lisa MeimbeW eine Kusine des Bräutigams, Abiturientin, mit zwei Zöpfen über » Schulter, Klothilde von Löpel, eine Nichte der Tante Schreiner, mr geküsstem Blondhaar, bas wie Schaum über bem Kopf steht (sie 1; Schauspielerin, hat eben einen Film mitgemacht als brüte oon neu Mllbchen einer Ballettschule, mußte zu Willi Fritsch sagen: „Gute Nach'- Agnes. Don Eduard Mörlke. Rosenzeit, wie schnell vorbei, schnell vorbei bist du doch gegangen! Wär' mein Lieb nur blieben treu, blieben treu, sollte mir nicht bangen. Um die Ernte wohlgemut, wohlgemut Schnitterinnen singen; aber ach! mir krankem Blut, mir krankem Blut will's nicht mehr gelingen. Schleiche so durchs Wiesental, so durchs Tal, als im Traum verloren, nach dem Berg, da tausendmal, tausendmal er mir Treu' geschworen. Oben auf des Hügels Rand, abgewandt, wein' ich bei der Linde; an dem Hut mein Rosenband, von seiner Hand, spielet in dem Winde. Diana unferm Sternenzelt. Bon Edith Zuber t. Dicht hinter Ferch übersiel Klaus der Weltschmerz mit solcher Gewalt, daß er sich am liebsten der Länge nach ins Gras am Ufer geworsen und wie ein Schloßhund geweint hätte. Da stakste man schon den vierten Sonntag mutterseelenallein durch die schöne Umgebung dieser gewaltigen, aber ach so fremden Stadt Berlin. Ueberall spazierten, aufreizend verliebt anzusehen, nette junge Pärchen herum. Mal hielten sie sich bei den Händen, mal marschierten sie kameradschastlich nebeneinander her, und auf alle Fälle tat einem bei solchem Anblick ganz unverschämt das Herz weh. Diese wußten, wohin sie gehörten. Er aber, Klaus, einsam bis zur Verzweiflung, wußte es nicht. Alles schien quälend. Sogar das geruhsame Sitzen auf der weiten Terrasse des Kurhauses. So friedlich lag der Schwielow-See im Abendglühen — und man hatte niemanden, der sich an den pastellenen Farben ringsum mitsreuen konnte. Aus dem Weltschmerz wurde allmählich Wut. Verbissen stampfte der junge Mann über das feuchte Gras, dicht am Ufer entlang, in Richtung Caputh. In der Dämmerung versank er verschiedentlich bis über die Knöchel im aufgeweichten Boden und fluchte allerhand vor sich hin. Das Wasser quatschte nur so aus den Schuhen. Ferkelei, elendige! Wie zum Hohn quakten in der Runde ganze Regimenter satter Frösche und ließen sich auch durch einen wütend geschleuderten Stein keineswegs in ihren Hochzeits-Serenaden stören. Klaus gab es auf, sich am Wasser herumzuärgern und pirschte sich zum Waldrand. Die Bäume standen recht düster und ablehnend. Ganz unvermutet jedoch flackerte durch all die Finsternis ein verlorenes kleines Licht. Sehr tröstlich stand sein gelber Schein hinter den Büschen und lockte Klaus an. Behutsam schlich er sich herbei und spähte durch die Aeste. Da stand, gemütlich gegen das Unterholz gebaut, ein zierliches Zelt. Und davor faß, die Arme um beide Knie geschlungen, ein junges Mädchen. Es hielt Klaus halb den Rücken zugekehrt, aber im sanften Licht des Lämpchens sah er ein klares Profil, gerahmt von einem welligen Gewoge nußbraunen Haars. Leider knackten die Aefte so verdächtig, daß das Mädchen herumfuhr und einen wilden Blick in das Gebüsch sandte. „Tonio!" rief es, „gibt acht!" . , . Ehe Klaus es sich versah, hatte ihn aus dem Hinterhalt eine riesige gesteckte Dogge angesprungen. Beide Pfoten wuchteten mächtig auf seinen Schultern, und dicht vor den Augen drohte ein mörderisches Gebiß. „Was schleichen Sie denn da herum?" Eine Taschenlampe sunkelte^neugieriges Licht über den verdutzten jungen Mann. „Laß ab, Tonio! befahl das Mädchen. Dann ein bißchen spöttisch, gegen Klaus: „Sie sehen aus wie eine Gans, wenn's donnert, wissen Sie!" „Ihre zoologischen Kenntnisse sind erschütternd!' sagte er verärgert. „Vermutlich meinen Sie: wie ein Gänserich. Oder halten Sie mich etwa für ein Weib?" ,, _ ,, „ .... Sie setzte sich gänzlich uninteressiert wieder vor ihr: Zelt. „Hoffentlich lassen Sie mich nun bald in Frieden", meinte sie. Cs klang sehr abschließend. . . , „., „ .. „Wenn Sie es durchaus wünschen —" Klaus hob unentschlossen die Füße. „Es ist soviel Wasser in meinen Schuhen", setzte er hinzu und sah sie hoffnungsvoll an. „Als ich hier das Licht entdeckte, dachte ich an eine kurzfristige Gastfreundschaft — aber leider: eine Frau im Zelt. Muß man sich wohl einen Stockschnupfen holen — oder so. Cs schien als ob die Zeltbesitzerin sich amüsierte. Ermutigt machte Klaus wieder kehrt. „Vielleicht lassen Sie mich einen Augenblick ans Feuer?" redete er ihr zu. ,, . . „ „Wo sehen Sie denn eins?" begehrte sie 3» wissen. Und im übrigen, was patschen Sie in der Dunkelheit durch den Morast? Bleiben Sie doch auf dem Weg!" „, ,. .. , ... „Den kenne ich nicht", sagte er gekränkt. „Ich bin h>er fremd! „Das hört man", meinte sie trocken. Dann, widerwillig. Kommen Sie schon her!" Sie verschwand im Zelt. Gleich darauf flog Klaus ein kratziges Handtuch um die Ohren. „Reiben Sie sich die Fuge damit trocken", kam die Stimme unwirsch von Innen. „Mehr kann l<6 ntchk für Sie tun!" Der junge Mann kauerte sich auf den Boden und tat ein paar vorwurfsvolle Schnaufer. Sofort legte sich der Hund Tonio, beleidigend mißtrauisch anzusehen, quer vor das Zelt und zeigte dem ungebetenen Gast die Zähne, fo oft er sie nur (eben wollte. Reizende Behandlung war das hier. Heber den Himmel breitete sich ein mildes Leuchten. Plötzlich funkelten an Stelle der blassen, unbestimmten Flecken Myriaden von Sternen. „Kommen Sie mal heraus aus Ihrem Bau!" rief Klaus begeistert. „Sehen Sie sich bloß den Himmel an! Ist er nicht herrlich?" Das Mädchen steckte den Kopf aus dem Zelt. „Lyrisch angehaucht lind Sie auch noch?" meinte sie ironisch. „Wie verträgt sich das mit bloßen Füßen?'' Run war es ihm doch zuviel. „Sie haben ganz recht: gar nicht!" sagte er. „Aus diesem Grunde werde ich meine feuchten Schuhe anbehalte n und mir mit Freuden einen Schnupfen holen. Aber eins möchte ich Ihnen zuvor noch mitteilen: nunmehr ist es mir durchaus klar geworden, warum ein äußerlich so ansprechendes junges Mädchen Sonntags allein im Wald sitzt. Leben Sie wohl!" In schneidiger Haltung machte er sich davon. Hinter ihm blieb es still. Als er den Weg fast erreicht hatte, rief das Mädchen trotzig: „Sie sehen das ganz falsch! Ich bin kein Drache — aber mit den Männern hat man nichts als Aerger. Da bleibe ich eben lieber allein. Deswegen!" Klaus lauschte noch ein bißchen. Als nichts mehr kam, entschloß er sich, seinem gekränkten Stolz zum Trotz, zurückzugehen. Vor dem Hunde Tonio, der schon wieder eine schnapplüsterne Schnauze reckte, verbeugte er sich höflich und bemerkte: „Da es dein Frauchen doch nicht interessiert, stelle ich mich hiermit dir vor, du Löwe: Klaus Butenschön aus Hamburg. Wie heißt Frauchen?" „Diana!" meldete sich das Mädchen — und tatsächlich, es lächelte! „Diana unterm Sternenzelt!" Klaus setzte sich dicht neben sie und spürte den Duft ihres Haares sehr nahe bei sich. Es roch ganz zart nach Klee und Sommer. Er mühte sich noch, beleidigt auszusehen. Cs siel ihm schwer. „Können Sie eigentlich Ihre Argumente gegen uns Männer mit persönlichen schlechten Erfahrungen begründen?" erkundigte er sich streng. „Gottlob nicht!" sagte sie, „aber was ich so bei meinen Freundinnen und Bekannten sehe, genügt mir gerade, wissen Sie!" „Freundinnen!" sagte er verärgert. „Wenn man so was schon hört. Ehe einer nicht selber Erfahrungen hat, darf er überhaupt nicht mitreden." „Sie reden wie ein Buch!" spottete Diana, beobachtete ihn aber aufmerksam Leider brachte ihn das aus der Ruhe. „Haben Sie ein Grammophon?" fragte er unsicher. Sie verschwand im Zelt. Bald darauf schmetterte ein Jazz seine Disharmonien in die Gegend, Ohne weiteres nahm Klaus die Nadel von der Platte. „Furchtbar!" sagte er. „Haben Sie keine Tangos?" „Tangos sind Kitsch!" erklärte Diana sogleich, legte aber eine andere Platte auf. Er wagte cs, ihr Handgelenk zu packen. „Was ist bei Ihnen eigentlich noch alles Kitsch?" erkundigte er sich leise. „Siebe auch —?" Sie nickte trotzig. „Natürlich!" sagte sie. „Oder finden Sie das schön — so Arm in Arm durch den Wald — und im Kops nichts als blöde Kußgedanken--" „Das finde ich wunderschön!" bekannte er ehrlich. „Und wenn Sie nicht so eigensinnig wären und sich scheuen würden, die Wahrheit einzugestehen, dann fänden Sie es auch!" Sie fah ihn böse an. „Bisher war ich noch nicht so albern." „Na, sehen Sie!" sagte er zufrieden. „Dann können Sie auch gar nicht mitreben. Das habe ich Ihnen schon einmal gesagt." Stumm lauschten sie dem Tango. Der Wind kam so sanft über das Wasser. Man wurde müde, wenn man so saß. Was für ein schöner Tango! Und immer mehr Sterne am Himmel! Neben einem das Mädchen Diana — so anmutig, daß man es lieb zu haben bereit wäre, aber derart kratzbürstig, daß es einem gar keinen Spaß machen konnte. Was sie wohl tat, wenn man sie jetzt einfach küßte? „Lieber nicht!" überlegte Klaus. „Sie bekommt's fertig und hetzt den Hund." „Gehört das Boot da unten Ihnen?" fragte er. Diana nickte. „Ich habe Urlaub und fahre damit durch die Gegend", sagte sie. „Macht es denn Spaß — so allein?" Er sah auf ihr eigenwilliges Profil. „Ich bin nicht gern allein, bekannte er. „Dabei werde ich schwermütig." „Müssen Sie nicht zum Autobus?" lenkte sie ab. „Eventuell fährt Ihnen der letzte davon. Was dann?" „Ich hab nämlich gar kein Geld mehr bei mir", log er dreist. „Da muß ich nachher sowieso bis Potsdam laufen." „Ach du lieber Himmel!" rief sie entsetzt. „Das geht ja stundenlang durch den Wald." „Scheußlich!" nickte er. Plötzlich schien ihm etwas einzufallen. „Wie wäre es denn, wenn ich in Ihrem Boot übernachtete?" erkundigte er sich schüchtern. „Da hätten Sie gleich einen Beschützer." Zu feiner Verwunderung sagte sie gleichmütig: „Wenn's Ihnen nicht zu kalt wird — bitte sehr! Beschützen tut mich allerdings bereits der Tonio. Aber müssen Sie nicht ins Büro ober so?" „Erst um elf", sagte er freudig. „Das schaff' ich schon!" Sie pfiff dem Hund, stand auf und reichte Klaus eine kühle kleine Hand. „Ich bin ziemlich müde! Gute Nacht!" Verdutzt blieb er sitzen. Die Zeltwände fielen hinter ihr zu, und sogleich bezog der Hund Tonio davor einen sehr grimmig anzusehenden Wachtposten. Als Klaus über die Wiese davonging, grollte er ihm ein ganzes Gewitter hinterdrein. Das Boot war geräumig, aber hart. Nirgends eine Decke ober ein Kisten. Diana schien an spartanische Einfachheit gewöhnt. „Eigentlich bin ich ein kompletter Hammel", überlegte Klaus und streckte sich ergeben Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. - Druck und Verlag: Brühl'fche Llniverlitäts-Vuch. und Steindruckerei. 2t. Lange. Dieben. kgednnroie ein Schuljunge. Sie schien genau 10 oerangen u«.™, wegen ihrer heimlichen mütterlichen Fürsorge. Allem der Hund Tonio war der Lierr der Situation. Er tat etwas, worauf Klaus nie gehofft hätte: er reichte ihm sine dicke, kameradschaftliche Pfote. Und spater hielten alle drei ein gemütliches Frühstück am Ufer ab. Das Motorboot surrte flink über die Havel. Tonio kauerte mit geschlossenen Augen Klaus zu Fußen. Eme dicke Freundschaft war im Werden. Diana steuerte und redete kaum etwas. „Schließlich sind nicht alle Männer egal", bemerkte Klaus unvermittelt. „Meinen Sie nicht, daß wir uns vertragen würden, Diana?" 'Aie"s°llter^istch" feige fein - wegen der paar üblen Burschen- von denen Sie mal hörten, kann man doch nicht allen den Stempel auf die Planken. Immerhin haben sie im Kriege noch ganz anders ^^^^Wierüel^Zeit ^oe^trichen war, konnte er, von allerhand nebelhaften Träumen umfangen, nicht errechnen. Alle Sterne standen noch am Himmel, und das Ganze erschien ihm wie eine Vision: behutsame Hande Koben lehr scheu seinen Kopf und betteten etwas Weiches, Behagliches darÜnte^Eine warme Decke wurde ihm bis unter die „Nase gezogen. Dann huschte ein kleiner Schatten pseilgeschwind zuruck rüber die Wiese zum Zelt. Und so geschah es, daß Klaus, halb im Schlaf, sich sehr ^ärtlick in das Mädchen Diana verliebte. — Morgens fangen ihm die Mücken um die Ohren. Em strahlender Tag zog heraus. Noch nie war das Erwachen mit solchem Herzklopfen verbunden gewesen - und mit diesem Aufwand an Zeit, sich schon zu ”15 Diana ihm in der hellen Sonne entgegenkam, war er oer- Schuljunqe. Sie schien genau so besangen, vermutlich 11 .r.... er.-: SltHntn hör nnnh Tnnm „ungenießbar" aufdrücken." „Ich habe meine Prinzipien! Sie sah ihn trotzig an. .„ „Sie belügen sich ja selber", sagte er betrübt. „Es ist so schade. Am Potsdamer Luftschiffhafen trennten sie sich. Er hielt Dianas Hand sehr sest und sah rührend verliebt aus, aber auch Ziemlich verzweifelt. Sie hielt den Blick gesenkt. „Leben Sie wohl! sagte sie. Zaghaft bemächtigte er sich auch ihrer anderen Hand. „Nein — auf Wiedersehen!" bettelte er. . , Sie schüttelte den Kopf und versuchte heftig, ihre Hande freizubekommen. Es ging nicht, denn Klaus hatte nunmehr em herrlicher 3>orn gepackt. Er rüttelte Diana, daß ihr Hören und Sehen verging. „Mutz denn ein Mann erst vor Ihnen auf den Knien liegen? rief er bofe. Dazu eigne ich mich nicht! Und wenn Sie weiter fo ein Gesicht machen, dann ist mir gleich alles egal. Aber auf diese Weife werden Sie chr Leben als alte Jungfer beschließen, das sage ich Ihnen!' Tatsächlich machte er Miene, zu gehen. Aber nun hiell sie ihn fest. „Was haben Sie denn schon an mir!" sagte sie, immer noch dickköpfig. ,^Jch bin doch scheußlich!" „Das stimmt!", er musterte sie streng. „Aber man konnte Sie noch erziehen! Also: Auf Wiedersehen?" Sie nickte. „Heute abend?" fragte sie schüchtern. Heute abend um sieben Uhr — am Haupteingang von Sanssouci! Da lief sie schon mit Tonio davon. In entgegengesetzter Richtung spazierte ein unternehmungslustiger junger Mann laut pfersend feinen Weg. Eins stand sest: mit den einsamen Sonntagen war es nun wohl ein für allemal vorbei! Besuch in Polen. Don K. K u n tz e. Eine neue Landesgrenze ist errichtet. Alles ist anders als vor zwanzig Jahren. Damals Kosaken, die mit aufgepflanztem Bajonett und harter Zunge die Pässe heischten, wenn man dem Zug glücklich entstiegen war. Drüben warteten die breiteten Russenwagen, darin es Tee gab in heißen, henkellosen Gläsern bei schwelendem Kerzenlicht. Irgendwann übersiel einen, wenn die unsinnigen Grenzformalitäten sich ins Unabsehbare dehnten und aus barbarisck umgestülpten Soffern Kleider, Wäsche, Porzellan und Toilettefachen auf den Boden kugelten, das Gefühl einer anderen, tief fremden Welt. „Hier beginnt Asien!" dachte man still und bereitete sich ergeben auf das Unvordenkliche vor. Heute ist die Grenze Asiens nach rückwärts verschoben. An der polnischen Grenze, wie überall in Europa, erscheint in durchgehenden Wagen ein höflicher, nahezu eleganter Beamter fremder Rationalität und durchsucht das Gepäck. Ich führe zufällig Drangen und eine Ananas bei mir und soll dafür eine unwahrscheinliche Zollsumme entrichten. Südfrüchte sind in Polen ein unerschwinglicher Luxus. Eine Apfelsine kostet ungefähr eine Mark. Der Außenhandel scheint genauestens ausbalanciert. Den Früchtemangel empfinden kinderreiche Familien schmerzlich. Man kennt auch nicht Obstbaum-Alleen, wie in Deutschland, und kaum Dbstplantagen. Rur Magnaten, Industrielle, Gutsbesitzer ernten in herrlichen eigenen Gärtnereien auserlesene Früchte von Spalieren oder Treibhausbäumen. In dunkler, schweigender Nacht sausten wir durch einstmals deutsches Land hinüber in das frühere Rußland. Langsam ging der Tag auf. Weite, unermeßliche Landschaft dehnte sich vor dem Blick. Unendliche Flachen, nicht sauber ausgeteilt wie bei uns in Quadrate, Recht- und Dreiecke, nur in der Ferne begrenzt von einem Waldrand, einem Flüßchen, einem verlorenen Pfad. " Alles fließt unmerklich ineinander über bis hin zum kaum erkennbaren Horizont. Verstreut hie und da liegen Dörfer, hinfällige Höfe, zerfallene Hättest; auf uraltem, bemoostem Strohdach steht munter eine junge Birke im Wind. Alles ist im Geviert angelegt; dazwischen ragt der hohe Ziehbrunnen auf. Ankunft auf dem Bahnhof im Frühgrauen. Er liegt, wie Überall im Osten, weit entfernt vom Ort. Meine Nase erspürt Polen, das wie jedes Land feinen besonderen Geruch ausftrömt — es riecht nach Zigaretten, Staub und französischen Duftftoffen. Früher wurde man von Kosaken empfangen, welche die Post holten und auf fünfen Pferden Reiterkunst- stücke machten. Jetzt ist das russische Joch, das verhaßte, abgeschüttelt. Ueberall bfinft der wekße Adler Im roten Felde, das stolze Smnbtlb eines mit Leidenschaft national gesinnten Volkes, das romanttsch und befeffen sich seiner Geschichte, feiner Ueberlieferung, feiner Sendung benßo6bVfbie Haupt-Industriestadt, das „Manchester Osteuropas", scheint äußerlich wenig verändert. Wie einst muß man über tiefe, wetbgeia111e Rinnsteine springen; wie einst fehlt es an guter Kanalisation; wie einst werden die Bretterzäune weih getüncht — des Ungeziefers wegen; wie ejnlt ahnt man die schönen Gärten, ohne sie zu gewahren. JB. ie einst preisen naive Ladenschilder mit ungeschickten Abbildern der Ware das Verkäufliche dem Analphabeten unmißverständlich an. Noch immer lau t kilometerweit die holzgepflasterte Petrikauer Straße durch die E »■- et * 6 7 8 4 5 Grey 2 Grey 3 Grey 4 spielen wollte. , , , m Mit weiten Gefühlen verbrachte Händel den letzten Teil der Reise an Bord des Schiffes, das ihn der irischen Hauptstadt nahersuhrte. Cr stand allein aus dem Deck, da die anderen Fahrgäste vor der kühlen Novemberlust sich zurückzogen in den Bauch des Schiffes Handel aber dessen abgehärteter Leib seit den Roßkuren von Aachen jeder Witterung standbielt hatte Freude an den beißenden Windstößen, nach denen ,edes- mal We!l"n hoch über die Schisssränder klatschten. Und wenn es stiller wurde, glich die Wasserfläche dem Leben nach einem Siege breit und wenig bewegt und feierlich ... Die Segel blähten stch in günstiger Richtung ' narb Stunden abwechslungsreicher Fabrt und das Schiff, jaberte sieb in kräftigem Gleiten dem Lande. D,e Stadt Dublin mit Turm und und Dach und Haus und Hafen kam heran und wuchs aus dem Wasser. Erwartung und Ehrfurcht stand aus den Gesichtern der Menschen. Ein Vertreter des Herzogs von Devonshire trat ihm Hegern die Dubliner Musikfreunde begrüßten Handel festlich. Der vom ^ch'cksal in den lebten Monaten nicht Verwöhnte kam sich vor wie inemem Märchen. Ein schöner, bequemer Wagen nahm ihn mit und hielt vor einem freundlichen Hause. , . „Abbeystreet", sprach der herzogliche Begleiter des Komponisten „Hier wohnen Sie, Herr Händel, künftighin als Gast meines hohen Großartig, dachte Händel, als cr über die breiten Stufen schritt und Beweis, daß ein Mensch, wenn er Gott in sich trägt, bei ganz rückhaltloser Weitung der Seele ihn auch nach außen bringen lassen kann, den eigenen Körper und die Welt in Strahlen setzend ... Zuerst war Schweigen bei den Proben. Händel erklärte knapp, wie Ordnung zu bewahren sei, wenn die Stimmen zusammenströmen wurden sagte auck, daß keiner der Mitwirkenden mit Ausdruck sparen dürfe. Und Vorsicht bei den ersten Schritten! Er selbst übte sie. Den Musikern blieb das Bild „Schritte" haften, als Händel begann. Es war ihnen, als setze sich ein Elefant in Bewegung, erregt und kraftgesammelt. UeberaU aber suchte er zunächst noch zu schonen, oder er wartete ab, bis das Dickicht sich teile ... Doch bald kam er ins Trampeln. Er suhlte: von ihm aus mußte das Zeichen kommen, und Einhalt durste es bann keinen mehr geben. Die ersten Chöre breiteten sich aus. Hänbel sucht bas Maß. Doch bann lag es nicht am Umfang ber einzelnen Stucke, fonbern am Verhältnis zum Mittelpunkt hin. Eine seltsame Wirkung wohnten bwsen Musiknummern inne; sie zogen unb zogen. Je klarer Handel bas Werk nicht nur auf Papier, in Roten, fonbern auch schon einstubiert unb auf« aefübrt sah besto lückenloser trieb er sich unb bie Mitwirkenben zur Arbeit an Der Elefant tarn ins Rasen. Er stampfte alles nteber, was hem Werk im Wege stanb. sogar bie Essenszeit, bie freilich herzhaft nach- aebolt wurde Doch er suhlte auch bald das Essen und bie anberen Verrichtungen bes Alltags nicht mehr, wenn er sie ausführte. In seinen (ter gofti. ien SchG reUfarbige 1 und auch lernen auf 5 bis auf jaupt tut lig lächelt! Kehle uni dem ohne ! geschmel' ner eins!' den Sin ! zu laufen tanzen je ■enbe fielt: mgen, baö ien Sohlen , und Lei' Inftrengunj wintie nur •Reifen auf' n mit aller itzend, über ihnen na* selbst n-ä einer 3* te tief. Z an. Kesten it schwen« rne wifij)” ndzwaW' UM töngertl i; es ton”’ er ß*l tastete * i beinern“ „glimm W ach«-' L IM Deiu- «'Äi ys fchu"' teile“ " , rrle in die L« einem ) Aber kräftig oerftanben bie Dubliner zu kochen, mit einem Schuß heimatlicher Würze, unb verlllkelten es keinem, wenn er hoppelte Men- ah. Sie erfreuten sich selber schöner ßeibesrunbungen. Unb als ahen, bah ber berühmte Mann mächtiger als sie nicht.nur im Geiste, Jetzt sah man, baß er wirklich ging, unb laut erhob sich bie Klage ber Freunbe in ber großen Stadt. Run sprach auch mancher rückhaltlos bei Hof für den Freund, und König Georg der Zweite hätte Händel beinahe durch ein Machtwort zurückgehalten. Davon riet man ab. „Einmal", sprachen bie Freunbe, „haben unserem Riesen schon Monate außerhalb Londons geholfen ..." Aber auch diese Treuen wußten nichts von der neuen Partitur, die der Komponist bei seiner Abreise aus London mit sich führte Herzlich, aber wortkarg, verabschiedete sich Händel von seinen Bekannten, nur bei Jennens begoß man die Zukunft unter vielerlei Gesprächen. Der Schriftsteller kannte von des Tondichter Hausspiel und rauhem Gesang her schon den ganzen „Messias". Und er ahnte, was für Handel von r- ----la- inorflhmnrr Seines Rubins. Blue White Cyan Grey 1 Magenta Black Und dann kam er wirklich, kam so, daß die Menschen sagen mußten: er war d a, wir schwören es! Ehe diese Stunde schlug, nahm Gott der Herr von ihm, in dessen Werk er mächtig wurde, alle Erdenschatten, alle Sorge und Scham. Aus den Erträgnissen der zwölf Konzerte zu Dublin zablte Händel auf das Pfund genau und ohne ein Wort, außer dem Rechenzettel, an Strabo unb anbere Gläubiger in Lonbon feine Schul- ben. Zugleich verlangte er, baß Anwürfe gegen seine Person, bie er sich im letzten Jahr als scheiternber Opernunternehmer hatte sagen lassen müssen, vor ber Welt zurückgenommen würben von ben Verleumbern. Feierlich erklärte Hänbel banach, als sein Haupt sich völlig über ben Staub ber Erbe erhoben hatte, ben Musiksreuben Dublins, daß er ihren Grunbsatz, nur für Wohltätigkeitszwecke zu spielen ober zu singen, ehren wolle, indem er noch ein dreizehntes Konzert gebe. Dessen Einnahmen müßten ungeschmälert in edler Weise Verwendung finden nach seinem Wunsche. Freudig stellten sich die Musitvereine Dublins abermals zur Verfügung. Roch wußten sie nicht, welches Werk er einstudieren wollte. Händel selbst sprach nur von einem neuen Oratorium, den Titel nannte 4s ""hl Erst als er die Orchester- und Singstirnrnen 1 2 3 btt f wie ein ÄchöstiD SießenerZtmiilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger [ie sahen, daß der berühmte Mann mächtiger als sie nicht.nur im Geiste, ionbern auch im Fleische war, vertrauten sie seiner Kunst um so mehr. Wie frei unb hoch konnte hier ber König feiner Kunst bas Haupt n unb natürlich! Ob in seinem Hause, wo jeder “ faal ber :l Leistung unb hielt sehr streng Zucht. Doch bie •n ihn keinen Unterbrücier, wie es bie Opern« n Hänbels Vefehlstöne so selvstverstänbllch, baß ;mpfinben konnte. Unb auch bas Publikum ging i Hänbel fast keine Pause ließ unb in einem jab. Begeistert schrieben bie Blätter ber Stabt, unb bie Bürger sollten sich ber Nähe seiner 18 19 21 22 22