GietzeimZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1935 Zreltag, den 30. August Nummer 67 deine Kraft war in ihm mächtig Gin Rändel-Roman von Ernst rdie Ent- täuschungen der letzten Zeit früher viel Freude und Ehre ber° hattem Cs war nun einmal eine vergängliche L.ebe d,e des S > konnte eine Weile stürmisch sein, dann war es eben aus. Handel pe tand sich auch, daß seine Musik aus der Umwelt nahm und daß diese schon deshalb nicht dauernd ein und dieselbe sem durfte bei 'hm. Neu-; Mus kreise erstanden in Europa nach der Blute der 't°Uen'schen. englischen und französischen Musikpflege: in Berlin sammelte d" ungewöhnliche und seelisch empfindsame König der Preußen nicht nur Poeten un Philosophen, ländern auch schon Komponisten um sich, und andeDockau rangen sich die ersten Begabungen des geborenen Mustkval es aus niedriger Herkunft empor und machten die höheren Kreise aus sich ! merksam. Händel hatte schon früher emtnal baran gebarfit m fe.ne deutsche Heimat zurückzukehren. Aber er wäre dort einsamer gewesen al in Englanb. Hier riefen viele Städte nach ihm. Eine der lockendsten Einladungen hatte der Herzog von Devonshire an ihn ergehen lassen. Freunde rieten ihm dringend zur Annahme, er werde mit diesem Schritt eine zweite Glanzzeit für sich heraufbeschwören. Dublin sei an geistiger Feinheit sogar London überlegen. Was ihn aber im Augenblick mit besonderer Wärme an diese Stadt denken ließ, war seine Kenntnis davon, daß die dortigen Musikoereine nur zu Wohltätigkeitszwecken Konzerte veranstalteten. Jetzt war er in der Verfassung, ihnen feine Mitwirkung anzuhieten. Er fetzte sich hin und schrieb einen Bries an den Herzog von Devonshire. Danach legte Händel die Festkleider ab, die er heute morgen in seltsamer Ehrfurcht vor etwas Nahendem angetan hatte, und ging in seinen gewöhnlichen Kleidern abermals außer Haus. Er hatte sich zwei Wege vorgenommen. Einmal brachte er den Brief nach Dublin auf das Post- und Schiffverkehrsamt. Darauf verzögerte sich fein Schritt wiederholt beim Weitergehen. Er überlegte an einem Punkte, wo er sich entscheiden mußte, nach welcher Richtung er gehen sollte. Drei Straßen, sogar vier, konnte er aufsuchen. Sie lagen alle voneinander entgegengesetzt. Mit jener, die Händel nun auf feinem Weg wählte, hatte er den Textdichter für fein neues Werk gewählt. Er dachte zuerst an Humphreys. Der hatte schon lange nicht mit ihm jufammengearbeitet und war schweigsam geworben in ber Zeit der letzten Nöte. Als London „Alexander-Fest" begeistert aufnahm, hatte der frühere Mitarbeiter Händels an der Einrichtung der Drydenschen Ode manches auszufetzen. Trotzdem befaß Hamilton Newburgh vor Humphreys die größere Gewandtheit. Nun suchte Händel Hamilton doch auch nicht auf, weil er ihn für zu wenig religiös hielt, diesmal behilflich sein zu können. Eher dachte der Komponist an den Geistlichen Thomas Morell, den er seit geraumer Zeit schon kannte. Er hatte von dessen Mitwirkung bei Oratorien Günstiges gehört, wußte aber nicht, ob der Mann in einer Sache, die begeistertes Mitgehen verlangte, nicht nachhinken würde. So entschloß sich Händel, einen Menschen aufzusuchen, der gewiß den Schwung für eine solche Arbeit aufbrachte. Sie kannten sich von seinen Bäderbesuchen in Tunbridge Wells her, sie verstanden sich gut, und der Einsame gewann nach Arbuthnots Tod allmählich einen neuen Freund. Charles Jennens mit feinen großen braunen Augen erinnerte Händel an das Bauernmädchen aus der Chandos-Zeit, an Mary Black. Seine Großeltern waren auch noch Landgrundbesitzer und sonst nichts gewesen, der Vater hatte aber studiert und brachte fein halbes Vermögen in die Stadt. So kam Jennens in Verhältnissen zur Welt, die ihn geistiger Bildung zuführten, ohne ihn der Natur zu entfremden. Er blieb frisch und brachte fein Bluterbe gepflegt zur Entfaltung. Der Großvater wußte schon viele Geschichten, der Enkel erfand neue dazu. Auf einem der üblichen Londoner Abende, bei denen in den reichen Häusern Künstler und Gelehrte zusammenkamen, lernte Händel Jennens' Dichtungen kennen Sie gefielen ihm alsbald besonders im Humor. Und Händel, der tief in Borgen steckte, freute sich, einen Menschen gefunden zu haben, der von Herzen froh fein konnte und auch half. Der Komponist hielt den jüngeren Menschen seiner Freundschaft wert. Er wußte auch letzt, es war eine Ehre, wenn er zu Jennens mit einem solchen Angebot ins Haus kam. Und der Dichter mit den braunen Augen erwies sich — wie einst Mary Black, welche die ersten gotiahnenden Melodien Händels fana — dieser Ehre in seiner feinen Bescheidenheit würdig. Bis Händel bei ihm eintraf, war es sechs Uhr abends geworden, also englische Hauptessenszeit. Er wurde sogleich zu Tisch geladen vom Freunde Das ein Essen bei einem lieben Menschen, war eine köstliche Dreingabe zu den Geschenken, die der heutige Tag schon bescherte! Bei Hammelkeule und Reitirbsoße kam Händel ins Lachen, und die Lebens- lust sprach aus jeder Miene seines großen Gesichtes. Jennens, der ihn zuletzt vor einer Woche ausgesucht und in trüber Stimmung Dorgefunöen hafte konnte sich diesen Aufschwung in Händels Gemüt nicht erklären. Vorsichtig und im Kleide kleiner Scherzworte suchte er aus dem Komponisten etwas herauszubekommen. Aber Händel machte es ihm mit seiner Offenheit leicht. Er kam bald ins Plaudern: Glaube nicht daß ich über Nacht in Reichtum schwimme und des- halb guter Laune bin! Da würde ich dir nicht die besten Stucke vom Braten weaschnappen. sondern dich einladen zu Schlemmereien in Londons Frekklubs! Schade das kann ich nicht! Ware auch nicht das Schönste' Aber leer im Magen fein und die anderen durch eine aluck- aefättiate Miene ins Erstaunen fetzen, nichts haben und sich reich suhlen, trotz Schulden bis zum .hals wie ein Verschwender au treten — das braucht nicht immer nur Gaunerkunst zu sein! Das ist jetzt auch einmal Händel Kunst! Ach. Charly!" Was macht dich nur so glücklich, Brummbär? Ich weiß es ja selber nicht. Aber heute morgen kam es... Schreckliche Tage liegen hinter mir. Wie Hunde haben sie wir zugesetzt letzt, wo ich lingewanpnet dastand. Das Aeußerste sparten sie fich auf. bis ich mirfiid) zermürbt und ganz in Not vor ihnen wankte! Da riefen sie gegen mich das Gesetz an und wollten mich in den Schuldturm wersen „lKmSgNch! Das wäre doch eine Schande für London — für UnS,Salbte Empörung fein. Siehst du mich denn verzweifelt? War ich jemals jo stark und schön, ja, schön in meiner Seele, wie heute? Charly! Das war Stradas feige Drohung nicht, die vom Gericht, du, das war Gottes Drohung! Das preßte mich zu Boden und ritz mich auf! Du ahnst das nicht —' es war so groß, ein richtiges Gemälde — das malt ihm keiner nach ..." „Wer hat's gesehen?" „Du fragst so menschenschön mich Einsamen — ja, wer hat es gesehen? Charly, glaube mir, ich hab's erlebt — das Stärkste davon bsteb, wird bleiben. . Laß mich weinen, lieber Freund, ich brauche mich deshalb nicht zu schämen. Was über diese grobe Backe fließt, sind Tranen deines Schöpfers..." , „Jetzt verstehe ich dich. Er war in dir... „Oh, bas ist mächtig, Charly! Das war noch nie in meinem Leben! Ich "erhielt den Brief des Gerichtes, las die Schmach und brach zusammen. Es war Schwäche bis ins Mark, ich konnte nicht mehr denken, jo wie früher zweimal schon, doch viel, viel schlimmer, ich hatte eine wahre Höllenangst, verlor das Maß für Zeit, die Augenblicke dehnten sich ms Fürchterliche, ich war wie ausgeliesert, als gehörte ich keinem, am wenigsten mir..." _ ,, . „„ „Kam denn niemand in dieser Stunde dich zufällig aufsuchen l .Wäre es dann seine Drohung gewesen? Jammern mußte ich, kme- sälllg werden und tasten muhte ich, Charly... Tastend kam ich auf den Knien zu meinem Eßtisch, wo das Frühstück stand und die Heilige Schrift lag wie an jedem Morgen. Ich blätterte und sand das Wort, das mir die Nichtigkeit der Stradas und Primadonnen und meiner Opernsorgen vor Augen führte, so daß ich überwältigt Gottes Macht und Ewigkeit so ahnte wie noch nie..." „Und dann?" „Danach ging alles festlich und gut. Ich erlag der Schwäche meines Körpers und fiel für Stunden in eine stärkende Ohnmacht. Meine Auswärterin, die mein Zimmer für gewöhnlich um zehn Uhr leer findet, sah mich gestern am Boden liegen und lies im Schreck nach dem Arzt. Diese beiden brachten mich ins Bett, wo ich aufwachte und mit Dank die zwei Menschen entlieh. Ich schlief dann wieder ein und blieb in einem gesunden Schlaf bis heute morgen liegen. Und kräftig stand ich auf und tat die besten Kleider an, die ich besitze. ." Händel erhob sich jetzt halb, und kennens sah, daß er etwas Ungewöhnliches andeuten wollte. Langsam und lautlos, das Auge weit geöffnet, fetzte sich Händel wieder hin, sprach aber noch immer nicht weiter. Jennens unterbrach das Schweigen seines Freundes nicht. Es währte, bis der Komponist sich aus der Entrücktheit ritz oder das Wort für sie fand: „Ich ging durch London und sah die Menschen und sah die Stadt ganz anders als vorher. So sah ich sie noch nie! Und war unendlich heiter, zu Schabernack gelaunt, zu Träumereien, und Kinder hemmten meinen Schritt, und plötzlich trieb mich etwas — Charly! Irgendwo in London habe ich's geschrieben — wahrhaftig geschrieben!" „Ein Musikstück?" „Komponiert! Man foll’s nicht glauben! Es lieh sich komponieren!" „Ja, was denn nur?" „Nach Worten der Heiligen Schrift! Sogar nach einem einzigen Worte nur!" „Das Wort —" „— heißt Halleluja! Halleluja!" Das dröhnte durch den Raum der Dichterwohnung! Das ward gefpro- chen, dreimal geschrien und dann gesungen, in der Jubelmelodie, vom tiefen Händel-Baß gesungen, und klang wie Orgelbrausen durch das Haus. Jennens wurde vom Feuer des Komponisten erfaßt und konnte sich nicht enthalten, gegen seine Gewohnheit gleichfalls sehr laut zu rufen: „Das wird dein neues Werk!" „Mein Lebenswerk!" „Haft du schon einen Plan?" „Du mußt mir helfen!" „Ich stelle alles, was ich bin und kann, in deinen Dienst!" , „Freund Charly, guter Kerl! Schaff deine Bibel her!" Bald blätterten iie beiden Männer mit großem Eifer in dem Buch der Heiligen Schrift. Sie suchten die Geschichten, die um das Halleluja stehen. Es war die Erzählung vom Leben des Heilands... Eine Weile dauerte es, bis man sich schlüssig darüber wurde, wo bei der Wahl dieses Stosses einzusetzen sei. Und dann war noch etwas, worin Händel höchsten Geschmack bekundete und jede Art Entweihung des Gottessohnes vermieden sehen wollte: „Jesus selbst darf als Person in dem Werk nicht vorkommen! Er ist der Anlaß jeder Musiknummer und wird in jeder da sein, wie er im Halleluja ist... Aber kein Sänger soll ihn singen, sondern nur die Musik als solche ihn ausdrücken!" Jennens empfand, als er den glücklichen Grisf des Komponisten beim Wählen starker und schlagfertiger Sätze aus dem ewigen Buch der Christenheit bemerkte, daß ihm hier nur die Aufgabe eines Beraters zufiel und daß es bei einem solchen Stoffe überhaupt keinen Textdichter geben dürfe. Er sagte es Händel sogleich, dah er an dieser erhabenen Aufgabe ungenannt mitarbeiten möchte und dah für das Werk der einzig würdige Hinweis nur lauten könne: nach Worten der Heiligen Schrift, die er selbst zusammenstellte, komponierte Georg Friedrich Händel... „Was denn? Ich habe den Stoff, aber noch keinen Titel dafür! Gefällt dir .Das Leben Jesu'?" „Es ist mir zu kirchlich. Das Größere fehlt ihm." „Richtig! Kräftiger klingt doch schon ,Der Gottessohn'?" „Ja, aber auch nicht überzeugend genug. Es muß den Sinn deiner Musik treffen, was der Titel jagt. Du willst doch in dem Werke fingen, dah er kommt—" „Daß er da ist!" „Dann lies doch hier den Nameiy mit dem fein Volk ihn rief und ihn anreden wollte, wenn er erfchien!" „Der Messias ..." Glanzvolle und freudige Schaffenszeit! Drei Wochen genügten, die Tage vom letzten Drittel des Monats August bis zur Mitte des September, um das göttlichste Werk des Meisters ins Leben zu rufen. Keine. der Sorgen aus feinem Alltag ließ er an sich Ijeran, unb die ärgsten feiner Feinde hielt er sich dadurch vom Leibe, daß er Konzerte für den Advent in Aussicht stellte. Bis dahin wußte er sich, da die Einladung von Dublin schon da war, längst von London fort und schwor sich, es Nie mehr zum Ort seines Wirkens zu wählen. Hier zuruckgelassene Schulden wollte er redlich aus Einnahmen in Dublin abdecken. Dennoch verklärte sich ihm bei der Arbeit an dem großen Werk auch London, und hätte ein Mensch außer Jennens, dem Handel Schweigen auferlegte, gewußt, was der Komponist an Neuem schuf, wurde sich gewiß auch hier die Stimmung zu seinen Gunsten verändert haben. Händels Zusage war inzwischen schon nach Dublin abgegangen. Der Gedanke an eine Reise und an neue Menschen, neue Freunde, spornte ihn bei der Arbeit an. Aber den weit größeren Antrieb brachte doch der Stoss selber mit sich, fein „Messias". Alles, was ein Herz nur Überhaupt bewegen kann, Unschuld, Hoss-। nung Demut, Liebe, Feindschaft, Verrat, Leiden, Wissen, Verzeihen, Siegen und Jubeln — die ganze Tonleiter der Wandlungen unb Kampfe der Wiberftreite in Gott selber, fein Einsfein mit dem Guten roie mit bem Bösen unb die Versöhnung schließlich aus übergroßer Liebe: Handel empfanb im Leben des Heilands das Gleichnis des Schöpfers Io lütten» los, daß er mit herrlicher Berufung in die göttliche Aufgabe hineinwuchs. unb treffsicher auch im Handwerklichen den Stoff meisterte. Er wußte mit einem Fingerfpitzenaefühl wie niemals früher, wo er einzusetzen und wie er aufzubauen ^habe. Die Chorsätze gelangen ihm gleich schon wie die Solostimmen, und den Ausgleich von Wuchtigem und Lieblichem in der Reihenfolge traf er ohne langes Besinnen. Ein königliches 33er« fügen über frühere Arbeiten schien ihm offenzustehen, alles adelte der Stoff. Jetzt ging es nicht mehr um den Opernkampf zwischen Nordischem und Welschem. Er durfte sich erinnern an die Zeit seiner italienischen Reisejahre, und Pseifermelodien, die er damals hörte, formte er jetzt um zu einem ländlichen Thema, das zwischen Wandel und Leiden des Erlösers als heiterer Gruß der Erde Platz sand. Und als er die Worts der Heiligen Schrift las: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt" — da fiel Händel eines der Lieder ein, das er einst in Hannover, auf deutschem Heimatboden, komponierte. Und ein Wunder wurde dieses Lied nun über den erhabenen Worten ... Mächtig dehnbar, wahrhaft eines Riefen Tage, mußten diese wenigen im August und September sein, in denen ein Werk der Kraft, des Glaubens und des Sieges begonnen und vollendet wurde. Charles Jennens war der wissende Zeuge dieses Schöpfungssturmes. Die unwissenden Zeugen, die kleinen Leute aus Händels Alltag, feine Aufwartefrau, der Wirt, bei bem er aß, der Briefbote, sie konnten siisi fein verändertes Wesen nicht erklären. Sie hatten sich an eine saft nur saure Miene, über die manchmal Schatten der Schwermut dunkelten, in den letzten Monaten gewöhnt. Seit einem Konzert zu Ostern, bas Händel gegen seinen Willen veranstaltete und als Bettelei empfand, hatte es wenige Tage gegeben, an benen er lachte. Trockene Scherze kamen manchmal von feinen Sippen,, es war aber keine Spur vom echtem Humor in ihnen. Tagelang lag er ja auch krank und kam mitunter abgezehrt ins Freie. Die Feinde des müden Löwen erkanntem den günstigen Augenblick, über ihn herzusallen. Seine Freunde aber, um die er sich kaum mehr kümmerte, vernachlässigten ihn schließlich deshalb auch ihrerseits ... (Schluß folgt.) Das Tal Warumdennicht. Don Carl Spitteier. Im Himmel, wie man weiß und die Erfahrung spricht, Befindet sich ein Tal, das heißt „Warumdennicht", Hart hinterm Hause, unterm Garten ist's gelegen, Mit Blütenseligkeit erfüllt und Früchtesegen. Ein steinern Sträßlein führt hinunter »eit"unb breit, Doch keiner kommt dahin in alle Ewigkeit. Nicht daß mit strengem Bott und Bann es jemand wehrte, Bewahre, dah ein Hindernis den Weg durchquerte. Niemand begreift, weshalb denn unb warum denn nicht, Doch in das Tal hinab gelangt kein Angesicht. Man darf, man kann, man möchte, aber kann's nicht wollen Und hätf es einer noch so sehr begehren sollen. Du wandelst luftig bis zu einem Quittenbaum Und lachst „Warum denn nicht?" Doch kaum an diesem Baum, Kommt unversehens dir ein Einfall in die Krumm, Du stutzest, denkst ein Weilchen nach, dann kehrst du um. Wie schon gesagt, den Grund kann niemand dir erklären, Doch jedem wird es die Erfahrung neu bewähren. Nur eines weiß man: Im geheimen, in der Stille, Im Quittenbaume häkelt eine blaue Grille, Aeugelt und reibt das Sein. Sobald die Grille zirpt, Ist's mit dem Wunsch vorüber, und der Wille stirbt. Das Mädchen Dagmar. Novelle von Edith Zubert. Am Himmel ging eine unwahrscheinlich rote, funkelnde Sonne auf und streute feuriges Glühen auf die grauen Wellen. Ziemlich kühl wehte ein zarter Wind. Schräg zog die „Marina" mit sanft geblähten Segeln davon. Leslie, der irische Terrier, ließ die dicken Pfoten hingebungsvoll über Bord hängen, blinzelte verliebt nach seinem Herrn, der blond und braungebrannt am Steuer saß, und versuchte zähnefletschend, die lustigen Schaumkrönchen zu schnappen, die unermüdlich gegen die schmalen Flanken der „Marina" anhllpften. Plötzlich reckte er sich aufmerksam empor und beobachtete interessiert einen fernen Hellen Punkt, der aus dem ruhigen Wasser schwamm. Was es war, lieh sich mit bloßem Auge nicht erkennen. Aber durch das Fernglas sah Helmer, daß dort ein junges Mädchen, auf dem Rücken liegend, mit weit ausgebreiteten Armen sehr still im Meer trieb. Sofort nahm die „Marina" Kurs darauf zu. Das Helle Gesicht kam näher und näher. Eine große Furcht packte den jungen Mann, daß dieses einsame Geschöpf zwischen den riesigen Wellen tot sein könnte. Doch als er aus einen Meter herankam, schlug das Mädchen di« Augen auf, seufzte und bemerkte vorwurfsvoll: „Was kommen Sie denn wie ein Wilder angerast? Hat man nicht mal in aller Herrgottsfrühe seine Ruhe?" „Entschuldigen Sie!" sagte er gekränkt. „Ich glaubte nur, daß Sie Hilfe brauchten, weil Sie so weit vom Strand entfernt sind." Sie schnellte herum, teilte das Wasser mit heftigen Stößen und schien davonzuwollen. „Ob das nun gerade richtig ist, wenn Sie zu dieser Zeit derart unvernünftig hinausschwimmen, weiß ich nicht", meinte er ärgerlich. „Wer soll Ihnen denn helfen, wenn Sie nicht weiter können?" „Niemand!" sagte sie. Es klang traurig. Schweigend zogen sie durch das Wasser. Nach einem Weilchen hob das Mädchen den Kopf, sah Helmer aus weiten grauen Augen an und meinte leise: „Es ist eine große Lockung, sich so treiben zu lassen, finden Sie nicht? Man liegt ganz losgelöst zwischen Himmel und Wasser — alles ist sehr leicht —. Die Wellen sind stark und gut. Sie nehmen einen mit. Es muß gar nicht schlimm sein, sich fallen zu lassen —". „Na hören Sie mal!" entrüstete er sich. „Wie kann man nur solchen Unfug reden!" m . „Ich meine es ja nicht so!" sagte sie ausdruckslos. Plötzlich stieß sie einen kleinen Klagelaut aus und rang nach Luft. „Leslie!" rief der junge Mann erschrocken. „Hoppla! Bring her! Der Hund bellte verständnisvoll, tat einen Satz über Bord und packte ein Stückchen weihen Badeanzugs gerade in dem Augenblick, als das Mädchen kraftlos die Arme ruhen lassen und versinken wollte. „Geben Sie mir Ihre Hände!" schrie Helmer beschwörend. „Ich ziehe Sie herauf!" Eiskalte, energielose Arme hoben sich ihm entgegen Wacker schwimmend hielt der Hund die leichte Last über Wasser. Das übrige besorgte Helmer. Aber als das Mädchen glücklich im Boot lag, sank es mit bläulichen Lippen zuiammen und lag reglos, die Augen geschloffen. „So eine Bescherung!" schimpfte er ängstlich. „Wo ist denn der Kognak, zum Deibel!" Kognak war natürlich nicht da. Nur eine kleine Flasche Wacholderschnaps. Immerhin besser als nichts! Er kniete nieder und flöhte den widerwilligen Lippen davon ein. „Das ist inwendiges Fichten- nadelbad!" meinte er zuredend. „Hübsch brav sein und schlucken, ja? Gehorsam tat sie ihm den Willen. Das starre Gesicht belebte sich etwas „Man soll seinen Kummer nie so wichtig nehmen", riet er, „sonst frißt er einen auf." t m , , , . . Sie seufzte leise. „Was hilft'- denn! Man tut es ja doch! „Hat er sie betrogen", fragte er geradezu und hoffte, daß sie ihn verstand. Als sie nichts antwortete, machte er ein verächtliches Gesicht. „Schließlich gibt es soviel Männer!" sagte er. Sie entschloß sich nun doch, Auskunft zu geben. „Es ist viel schlimmer" erklärte sie. „Er will nichts mehr von mir wissen. Ganz grundlos. Ich bin ihm hierher nachgereist. Er ist einfach vor mir davongerannt. Berstehen Sie so etwas?" . . Helmer drehte bei und nahm Kurs auf eine Felsengruppe an der Küste. „So grundlos wird das schon nicht gekommen em meinte er. „Wenn ein Mann von einer Frau nichts mehr wissen will, ist sie meistens selber schuld." Er erwartete entrüsteten Widerspruch. Da er ausblieb, sah er sich aus dem Konzept gebracht. „So ist das eben! bemerkte er Die Klippen lagen kühl und blank in der Sonne. Vielleicht hatte sie gehofft, einmal nach Herzenslust von allem reden zu können. Aber Helmer war plötzlich feindselig gegen Geständnisse. Dieses lremdeMadchen war so reizend. Er wollte von dem Mann, den es liebte, nichts Horen. Das Boot war befestigt. Sorgfältig breitete Helmer eine Serviette über den Sand und sortierte Spirituskocher, Brot, Schinken und em riesiges Messer hervor. Währenddessen saß das Mädchen und beobachtete ihn unermüdlich. Er gefiel ihr sehr gut. Je langer sie ihn an^ah. desto mehr erinnerte er sie an Jürgen. Jürgen war alter und nicht ganz fo hübsch. Aber er war eben Jürgen! Da lieh sich nichts machen. „Wie heißen Sie eigentlich?" erkundigte sich der junge Mann. Er°augte' über die Schulter nach ihrer nun endgültig getrockneten silbrigen Mondhell. „Paßt gut!" urteilte er. „Nur dürfen Sie nicht so wehleidig sein — schließlich: bei solchem Wetter!" Sie versuchte em kleines Lächeln und wollte ihm beim Kaffeeeinschenken helfen. "Bleiben Sie nur in der Sonne, Sie Maikätzchen I wehrte er ab. „Ich bring Ihnen ^SeiS Sorgfalt tat ihr wohl. Jürgen hatte sie dadurch nie verwöhnt. „Wie dünn Sie sind!" sagte Helmer millbilligend. "Sicher hungern Sie. „Manchmal!" gestand sie. „Wenn ich traurig bin, kann ich nichts *n%i mir kommen Sie damit nicht durch!" ^balancierte ein handfestes Schinkenbrot herbei. „Sind Sie etwa noch traurig. Sehr streng sah er sie an. Da wagte sie nicht, die Wahrheit zu sagen. „Cs geht'" meinte sie kleinlaut und biß tapfer m das Brot. Schweigend l. achten sie das Frühstück hinter sich. Helmer suhlte sich ^Hängklcher werden. „Erzählen Sie mal ruhig, wo der Schvh brflcff', schlug er vor und bekämpfte voll Selbstüberwindung eine durchaus lächerliche Eifersucht. Dagmar ergriff hinterrücks den arglos vorbeiwedelnden Hund und legte das kleine Gesicht eng gegen fein goldenes Plüfchfell. Hastig sagte sie: „Man soll einen Menschen wohl nie zu sehr lieben, bann verliert man ihn. Ich hab' nie behalten dürfen, woran mein Herz hing — niemals!" „Das ist natürlich Unfug mit dem ,zu sehr lieben’", verwies er sie. „Es kommt nur darauf an, daß man's nicht zu sehr zeigt. Der andere wird sonst leicht übermütig und nutzt es aus. Mit der Zeit wird er gleichgültig — Sie machen sich zum Sklaven durch so was. Man darf sich aus Liebe nie demütigen, verstehen Sie! Aber die wenigsten Frauen sind stolz — leider! Und nachher heißt es: der Mann ist ein Schuft." Von der Seite her musterte er Dagmar. Vielleicht war sie nun beleidigt. Es schien nicht so. Sie hielt den Kopf gegen das Meer gewandt. In das sanfte beständige Rauschen hinein sagte sie mit einer beschämten Stimme: „Das war grob. Aber es stimmt! Und zu allem Unglück bin ich schrecklich eifersüchtig!" „Da haben wir es!" rief er. Ihre unerwartete Nachgiebigkeit brachte ihn nun schon zum zweitenmal aus dem Konzept. Während Dagmar auf den Klippen blieb, suchte Helmer den Strand nach Krebsen ab. Es wurde eine ganz schöne Ausbeute. „Die kochen wir mittags!" schlug er vor. „Zutaten sind im Boot." Feucht und schimmernd vor Bräune streckte er sich neben ihr aus. Ein Endchen entfernt tat Leslie mit zufriedenen Schnaufern einen gerechten Hundeschlaf. „Eigentlich find Sie ein reizendes Mädchen", meinte Helmer unvermittelt. „Ich kann gar nicht verstehen, warum ein Mann Ihnen davonlaufen muh!" „Erinnern Sie mich nicht!" wehrte sie ab. „Hatten Sie es denn vergeßen?" „Fast!" Er schien sich zu freuen. „Das ist ein gutes Zeichen", stellte er fest. „Ich werde Ihnen später einmal lagen, warum." „Später einmal?" Sie zuckte Die Achseln und sah in den Himmel. „Bielleicht reife ich schon morgen ab." „Das werden Sie nicht tun!" Helmer ziepte sie an einer langen blonden Locke. „Sie werden sehen!" Das klang sehr zuversichtlich. Mittags hielten sie ein delikates Krebsefsen ab. Aber dann kletterten bedrohliche Wolken über den Horizont und rückten in Gewitterstimmung von allen Seiten böse herbei. Als Dagmar und Helmer ins Boot stiegen, peitschte ein heftiger Wind die ersten schweren Regentropfen gegen die Segel. „Bis zu Ihnen kommen wir auf keinen Fall!" meinte er. „Wenn wir Glück haben, schaffen wir's gerade bis zu mir." Und als sie ihn fragend ansah, fügte er hinzu: „Ich habe ein kleines Haus auf den Dünen, ziemlich weit vom Kurort entfernt. Sie können einen Overall bei mir haben und einen starken Kaffee. Mögen Sie?" „Ich muß wohl!" Sie druckste noch an etwas herum. „Es ist nut wegen Jürgen!" gestand sie. Verbissen steuerte Helmer zwischen zwei hinterhältigen dicken Wellen hindurch. „Jürgen!" sagte er. „Sehnen Sie sich nach neuem Kummer?" „Vielleicht tut es ihm doch leid —" meinte sie zaghaft. „Dann wäre es längst der Fall gewesen", urteilte er unerbittlich. „Ich sehe da ganz klar: Sie haben ihn viel lieber als er Sie. Leider ist das mal so im Leben: Sehr selten stimmen zwei in ihrer Zuneigung völlig überein! Sie sind die Leidtragende dabei. Wie lange wollen Sie dieser aussichtslosen Sache noch hinterdrein laufen? Wenn ein Mensch nicht mehr will — meinen Sie, daß Tränen und Vorwürfe ihn zurück- zwingen können?" Still lieh sie den Kopf hängen. Helmer sah, daß sie meinte, aber er hütete sich, sie zu trösten. Mit solchen Dingen mußte jeder selber fertig werden. Gut nur, daß er bei ihr war. So passive Wesen verloren sich, allein gelassen, mit unbedenklicher Müdigkeit an ihren Schmerz. Man muhte auf sie achten. Helmer hatte sich von jeher eine Frau gewünscht, die er beschützen konnte. lieber die Dünen ging eine kleine Gestalt und verlor sich im matten Dämmern. Da lief es‘bin, das gar nicht mehr fremde Mädchen Dagmar! Zu Jürgen sicherlich! Zwar war an diesem Nachmittag kein Wort mehr darüber gefallen. Sie hatten Grammophonmufik gehört und Bilder beleben, die Helmer gemalt batte. Als di« Blitze grell und spitz das HSus- eben umzuckten, verkroch sich Dagmar entsetzt hinter Helmers Rockaus- schlügen. Still und zärtlich hielt er sie in den Armen. Vielleicht hätte er sie gern geküht. Aber das wagte er nicht. „Ich möchte Sie Wiedersehens bat er dicht über ihrem flauschigen Haar. „ . , Morgen — vielleicht!" versprach sie gedankenlos. Und nun lief fte ihm" davon. Er grübelte ziemlich lange darübe nach, wie es nur mSg» ,ich war, einen Menschen, den man gestern noch nicht kannte, heute schon so lieb zu haben. Das Herz tat ihm ein bißchen weh. — Morgens kreuzte die „Marina" sehr lange vor dem breiten Strom, de« Kurorts. Von Dagmar keine Spur! Trübselig nahm Helmer schlieh- licb Kurs auf die Klippen. Das Gestein lag blank und unberührt rote gestern Still streckte er sich in die Sonne und schloß die Augen. Eine janoe friedliche Zett verging. Aber dann kitzelte irgend etwas zart feint Nasenspitze. Er entschloß sich, die müden Lider zu heben. Da kniete neben ihm wie eine süße Vision das kleine Mädchen aus dem Meer. „Day mar —" sagte er, sehr sehnsüchtig. Sie lächelte vorwurfsvoll. „UeberaU suche ich Sie seit heut« mittag —r „Und Jürgen?" _ Sie kuschelte sich leicht gegen seine Schulter. „Er ist abgefahren —• ohne ein Wort. Gestern abend war ich noch sehr verzweifelt. Aber heute früh war mir zumute wie früher, als ich noch ein kleines Mädchen war und krank zu Bett gelegen hatte — lange Zeit. Eines Morgens wacht man auf — nichts tut mehr weh. Das Fieber ist fort. Und nachher wird man sehr schnell gesund." „Ist es ganz fort — das Fieber? fragte er. r ^Sch weiß nichts Eie sah ihn zaghaft an. „Mer sch Höffes An den weichen Locken zog er ihr nachdenkliches Gesichtchen sehr nahe herbei. „Es wäre so schön, Dagmar!" sagte er leise. „Für mich! Sie hielt die Augen geschlossen, als er sie küßte, und dachte nicht einmal an Jürgen. Er war weit fort. „Seltsam", überlegte sie, „gestern glaubte man, einen Menschen noch so zu lieben, und heute ist er einem fast gleichgültig." Es war genau das Gegenteil von dem, was Helmer dachte. Um die -ritte Stunde. Bon Johann Georg Fischer. Die dritte Stunde nachmittags. Das ist die müde Stunde, Es geht das Zittern ihres Schlags Wie Lähmung in die Runde. Da liegt sie stumm, die heiße Welt, Verschmachtet und begraben, Der Glutengott alleine hält Die Fackel noch erhaben. Wie Wüstenodem tödlich drückt Sein schwüles Reich die Matten, Und von des Turmes Kuppel bückt Sich welk der müde Schatten. Berlechzend ist auf dürrem Moos Das Flurgeräusch entschlafen, Die Welle schlurft gedankenlos Ums träge Schiff im Hafen. Wie ein erschlagner Riese schweigt Die glühe Felsenflanke, Im Menschenhaupt hat sich geneigt Zum Schlummer der Gedanke. Kein Laut vergeht, kein Hauch, kein Lied Gibt noch von Leben Kunde, Als ob der Erdengeist verschied Um diese dürre Stunde, Die von des Mittags stolzen Höhn So fern ist abgefallen, Wie von des Abends Lustgetön Und feinen Nachtigallen. Letzter Sommer. Von Andreas Zeitler. Im August eines heißen und trocknen Jahres, da er am Main entlang wanderte, hatte Ludwig ein merkwürdiges Erlebnis. Eines Mittags, während er auf dem kahlen, felsigen Gipfel des Staffelberges rastete, kam er mit einem alten Mann Ins Gespräch, der vor ihm die Höhe erklommen hatte; er erinnerte sich, ihn schon am Morgen in der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen gesehen zu haben, wo er, um mit seinen groben, genagelten Schuhen aus den steinernen Fliesen keinen Lärm zu machen, fast wankend, aber verzückten Gesichts umhergegangen war. Dem schlohweißen, am Scheitel stark gelichteten Haar nach zu schließen, war der Fremde ein Greis; doch blickten aus seinem von der Sonne gebräunten Gesicht, dessen untere .Hälfte ein wirrer, von Tabaksspuren gelb durchsträhnter Bart bedeckte, zwei lebhafte dunkle Augen, die sich jogleich voller Anteil auf Ludwig geheftet hatten. Nebeneinander auf einer Bank sitzend, die sich unweit eines ragenden schwarzen Kreuzes dem auf der anderen Talseite thronenden Schlosse Banz zuwandte, verzehrten sie unter zögerndem Geplauder über die ausgebreitete, im vollen Sonnenlicht entfaltete Landschaft ihr Mittagsmahl. Dabei zeigte es sich, daß der Alte, dessen verschlissene, ausgefärbte Sachen Armut und Entbehrung verrieten, nur ein schmales Hänftchen trockenes Brot bei sich hatte, von dem er von Zeit zu Zeit sparsam ein kleines Stückchen abbiß und langsam und geduldig kaute. Sichtlich war er während des Essens bemüht, seinem jungen Nachbarn nur ins Gesicht zu sehen, nicht aber einen Blick in dessen geöffneten Rucksack zu werfen, der sich als gut gefüllt erwies und aus dem nach und nach Brot, Butter, Wurst, Köse und hartgekochte Eier in reichlicher Menge zum Vorschein tarnen. So nahm er nicht wahr, daß Ludwig, nach einem schnellen Seitenblick, wortlos seine eßbare Habe in zwei Hälften teilte, und schaute gänzlich verdutzt drein, als plötzlich auf seinen Knien ein flacher Aluminiumteller stand, auf dem es sich lecker häufte. „Nein, nein", wehrte er ab, „ich brauche nichts!" und er stellte den Teller behutsam neben sich. Es schien ihm der Duft der guten Dinge aber doch bald allzu verlockend in die Nase zu steigen; nach einer kleinen Weile, während welcher Ludwig ihn noch einige Male scherzhaft ermuntert hatte, meinte er lächelnd, daß er freilich davon gern kosten würde; nur müßte es ihm bann erlaubt sein, sich aus seine Art, wenn sie vielleicht auch etwas ungewöhnlich wäre, dafür zu bedanken. Ludwig nickte, und indessen es sich der Alte munden ließ und vor jedem Bissen genießerisch das würzige Fleisch beroch, fragte er, worin denn der in Aussicht gestellte Dank bestehen werde. Da tat der Fremde ernsten Gesichts den Teller beiseite, erhob sich und sagte, indem er sich zugleich mit einer feierlichen Gebärde tief verneigte, daß er sich Columbus nenne und unter diesem Nomen zu seiner Zeit ein hochgeachteter Artist gewesen sei, der mehrere Erdteile bereift und Ruhm und Gold cingebeimft habe. Später, wenn sie mit ihrer Mahlzeit zu Ende gekommen wären, wolle er ihm, dem freundlichen Spender, einige Proben seiner einstigen Kunst geben. Ein Pferd, einen prächtigen weißen Hengst mit goldenem Stirnschmuck und rotem Zaumzeug, wie er vor dem Kriege in Südamerika sein vielbewundertes Eigentum gewesen, habe er allerdings nun leider nicht mehr In feinem Besitz. Ihm Ne Kunststücke aber, Ne damals den Jubel der Menge tjeroorgerufen hätten, ohne Mangel, wie es die hohe Tradition erfordere, vorzuführen, wüßte er Arm und Auge noch in feiner Gewalt. Er hoffe sehr, in dem jungen Wanderer einen Freund seines leider fier- benden schönen Gewerbes zu finden, der die Darbietungen zu schätzen wisse. Nach dieser in getragenem Ton vorgebrachten Rede, der Ludwig betroffen und belustigt zugleich gelauscht hatte, setzte er sich wieder. Nun aber war er plötzlich schweigsam und in sich gekehrt, aß hastig weiter, und Ludwig, der sah, daß er eine tiefe Bewegung zu verbergen suchte, beschrankte sich darauf, ihm freundlich zu erwidern, daß er, von Kind auf dem Zirkus zugetan, voller Spannung das Versprochene erwarte. Nachdem sie sich gesättigt hatten, winkte der Alte Ludwig, ihm zu folgen. Sie schritten an der ein wenig wetterversehrten, spitzturmigen St. Adelgundiskapelle vorüber dem entgegengesetzten Abfall des Berges zu unb 'fliegen über felsige Stufen und zwischen dornigem Gesträuch hindurch auf eine abgelegene schmale Wiese hinab, die sich, auf drei Seiten von dichtem Wald umfaßt, an der vierten von einer Zeile mächtiger vom Gipfel herabgestürzter Blöcke begrenzt, verborgen und still auf halber Höhe erstreckte. Der Greis bedeutete Ludwig, sich zwischen den ersten Stämmen niederzusetzen, wo ihm die Sonne im Rücken stand und er die Lichtung, ohne geblendet zu werden, überschauen konnte; er selbst verschwand rasch zwischen den Steinen, die, tafelartig gegeneinander geneigt, eine dunkle Schlucht oder Höhle zu bilden schienen. Nach kurzer Zeit kehrte er seltsam verwandelt zurück. Nackt an den Armen und Beinen, deren bleiche Haut von dem braunen Kopf wie ein helles Trikot abstach, den mageren, gebeugten Leib in einen kurzschößigen Kittel von brüchiger, grellblauer Seide gehüllt, um den dürren Hals eine ehemals wohl weiße und steif gestärkte Krause, und auf dem Kopf ein faltiges Barett von flammendrotem Sammet, von dem ein dicker gelbe- ner Knopf auf die rechte Schulter herabhing, strebte er tänzelnden Schrit- tes über die Wiese. In den Händen trug er verschiedene grellfarbige Gegenstände, Bälle, Ringe, weiße und schwarze hölzerne Stabe und auch zwei kurzschäftige Fahnen mit großen gelben Kreisen und Sternen au burgunderrotem Tuch. In der Mitte angelangt, legte er alles bis auf einen schwarzen Stab ins Gras und grüßte, indem er das Haupt entblößte und sich wieder tief und ehrerbietig verneigte. Ludwig lächelte betreten; er fühlte plötzlich ein Brennen unb Drücken in ber Kehle unb hätte gern ein Mittel gewußt, bas traurige Spiel zu verhinbern ohne ben Alten zu kränken. Er klatschte Beifall, Columbus lächelte geschmen chelt machte ein paar Schritte nach rückwärts, sagte „Nummer eins! unb warf plötzlich, den schwarzen Stab in die Luft wirbelnd, den Kor- per nach vorn auf die Hände unb begann auf ihnen im Kreise zu laufen und den Stab mit den Füßen in der Luft auf und nieder tanzen zu lassen. Es dauerte aber nicht lange, da verfehlt er das schwirrende Holz; zwar gelang es ihm, es mit dem anderen Fuß wieder zu fangen, bald jedoch entglitt es ihm ein zweites Mal und hüpfte von feinen Sohlen herab zur Erde. Mit unmutiger Gebärde stellte er sich aufrecht, und Lud- wiq sah, daß er leicht schwankte und die Wangen ihm vor Anstrengung bläulichrot glühten. Er klatscht« wieder laut aber der Greis winkte nur verdrossen ab und rief, indem er zwei gelbe Bälle und einen Reifen aushob Nummer zwei!" Kaum hatte er jedoch die beiden Kugeln mit aller Kraft"in die Höhe geschleudert, so daß sie, in der Sonne aufblitzend, über die Wipfel der Bäume emporstiegen, als ber Reifen, den er ihnen nackp zusenben gebuchte, feiner jäh erschlafften Hanb entfiel unb er selbst nach einer halben Drehung ächzenb zu Boben sank. Ludwig netzte bem Bewußtlosen mit bem Wasser aus seiner Felb- slasche Gesicht unb Brust; ber Alle ermunterte sich unb seufzte lief. „Es acht nicht mehr!" flüsterte er bebauernb. „ich fürchtete es schon Gestern gelang mirs noch, .... gestern!" Eine Weile lag er reglos mit fchch^sti Atem ba, indessen ihm Ludwig ben Schweiß von ber Stirne wischte. „Wie alt bist bu?" fragte er bann, bie Augen öffnenb. „Einundzwanzig, lautete bie Antwort. Der Greis wieberholte bie Zahl unb sann längere Zeit nach. „Vielleicht hab' ich auch einen Sohn, ... irgenbroo; es tonnte schon fein'" meinte er enblich leise unb lächelte. Darauf sah er Ludwig forschend an und es schien ihm ein Gedanke zu kommen. Er lastete nach seinem Gürtel unb zoa ein blankes Messer heraus, besten beinerner Griff mit erhabenen golbenen Verzierungen geschmückt war. „Nimm das als Anbeuten!" sagte er, nachbem er es einen Augenblick betrachtet batte, unb hielt es Ludwig hin, „es ist aus Sübamerita, das letzte ...ick besaß zwei Dutzend und roorf sie, auf bem Sattel stehenb, ohne zu fehlen .. ■ eines wie bas andere . .." Als Ludwig nur stumm ben Kovf schüttelte, hob er lich beschwerlich in bie Höhe unb schob ihm bas Messer in Die Hosentasche. Danach ließ er sich wieder zurückgleiten unb starrte schweigsam in bie Wipfel hinauf, bie ber Winb sacht bewegte. Allmählich schien bie Schwäche von ihm zu weichen; sein Aussehen besserte sich; er stand vorsichtig auf, ergriff seine bunte Habe, die Ludwig inzwischen zusammengelesen halte, und entfernte sich mit einem verlegenen Gruß in fein Versteck. Am Abend erfuhr Ludwig im Gasthaus zu Stoffehlern, daß der tute feit kurzem erst fein Wesen in ber Geaenb treibe. Er sei ein Kind Der Lanbschaft, würbe ihm erzählt; seine Ellern hätten in ber ntähe einen kleinen Hof besetzen, frühzeitig habe er freilich bas Weile gesucht. TvNes- abnungen unb Sehnsucht mochten ihn nun heimgelrieben haben. J'on einem entfernten jüngeren Verwanbten. ber hier im Släbtchen wohne, sei ihm eine bescheibene Kammer überlassen worben; inbetzen ftriaje er am liebsten Tag unb Nacht im Freien umher. Kräulerlommler imd WaiD- arbeiter hätten chn beobachtet, wie er zuweilen auf einer Walbwiete hinter bem Berge in ablonberlirhem Aufputz mit Bällen unb stocken hantiere. Lange hübe er aber wohl nicht mehr zu leben. ßubroig nickte stumm zu biesen Worten, unb als es bunkel geworoen war ging er burch bie schwarzverhangene Kastanienallee an ben Main hinüber, ber unter einer eisernen Brücke mit polternben Bohlen o-eng unb schaumgeslrähnt vorbeischwoll, unb schleuberte bas Mester bes .Ulten in bie schwarze Flut; er meinte, er bürfe es nicht behalten. Veraviinvrllich: Dr. Hans Thyriok. — Druck und Berlag: Drüh^sche Univerfitäls-Duch- und Qteinbtudetei. X Lange, Gießen- Nummer 59 Zreitag, den 2. August Jahrgang 1955 Seine Kraft < «♦ bewußt wurde, wenn es dem Starken wie bem Schwachen gleicherweise Neitall sollte. von äußeren Dingen betört. Händel empfand niemals Colour & Grey Control Chart Blue WM itiÄ eine Oper,kompomerien, Äderen oanes picta Red Magenta Cyan Green Yellow White Grey 1 Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black k^ege war gelegt unb zweiten Spielzeit, als Handel auf einem ßanbgut Burlingtons von ben Anstrengungen bes ftd) noch auf (rntpn b:e ;n Dresben freigeroorbenen berühmten .Bimnuiten Menlck-nmenj,°n an M Kon^c^uchan ^"^°ch wünsche Ihnen ba eine gute Unterhaltung in der Pausenzeit zwischen Hänbel unb fjänbet!" Was wollen Sie damit sagen?" .... ~ ,, „Daß Bononcini ein bißchen Zurückbleiben rotrb beim Opernschreiben. Burlington schien den Augenblick jetzt für richtig zu halten, zu wel- chem er eiwas vorschlagen konnte, was ihm, dem Gönner beider Komponisten, als der Ausweg erschien, um ihren Wettkampf vor der Gemein- *)Clt, BtebeT^er" Händel, das ließe sich an Hand der gleichen Aufgabe besser und gerechter beurteilen, als wenn die Tondichter zu verschiedenen Qeiten stofflich ungleichwertige Textbücher in Angriff nehmen. ä Niemals werden zwei Komponisten auf die Minute genau ein und dasselbe Textbuch zu vertonen beginnen!" „Vielleicht aber jeder einen anderen Teil desselben Buches? Händel sah groß in die Augen des Lords, nach welchem auch die anderen schauten. Burlington schmunzelte und sprach dann weiter. rzch nannte einmal Ihr Wirken, Händel, gemeinsam mit anderen -Direktoren Kraftmessen. Es wäre doch die reinste Probe aus Kraft, wenn n Jahren weltlichen Ehrgeizes leicht Aerger, wenn stch gestellt wurde. Und das geschah nun, als der Erfolg fand wie in der vorigen Spielzeit „Ra- ingen zuerst und bald das ganze Opernpublikum Parteien: Hänbel unb Bononcini. Es nahm bald Arenakämpfe an, vor denen Bononcini Monate t hatte. Nun zeigte es sich, damit war er wohl denfalls als Händel, der bei den Herren der erhob und scharfe Bedenken aussprach: >a angezettelt wurde, ist ein Mistkäferauslaus! Ich damit, oder unser Haus leidet Schaden!" große Vorteil für die Royal Academy, daß nach Raunen durch die Stadt, phantastisch unb ber norbischen Art nicht angemessen: ber Kastrat sei seiner Stimme nach ber Sohn einer Göttin... 9 Der tiefste Blick auf bie Erstaufführung bes „Astarto geschah aus Hänbels Augen. Der erkannte am Rausche bes Publikums, baß dieses lein Entzücken zu teilen vermochte unb baß es sich der Gefahr nicht rul 0 ..... ..ha.» CAmnAon nlpffhprmptie Bononcini"verstanb"'s, Hs'der Niederlage seiner Landsttute Stimmung für sich ZU schaffen. Er schürte unb schürte. Ein Aufsatz erschien kn 7iner ^nbL^Zestung, in dem den hohen Wohllauten unb em- ftrömenben Melodien des Südens bas Lob gesungen würbe. Als Muster war ben Lonbonern Bononcinis Oper „Aftarto" angepriesen, deren Schönheiten mit den Maßen der Seligen, nicht mit denen der gewohn- licken Musikkritik gemessen werden mühten. Für Gesangssterne, wie st iikber nächsten Spielzeit am Himmel der Royal Academy leuchten wurden biete keine andere Oper Aufgaben wie dieses göttliche Werk... Händel las- er wußte, Bononcini, der im Umgang sehr geheimnisvoll Hanoei ms, u w'- hervor, ober er hatte überhaupt Ist« «stä ä.6 s&mää Gießener Samilicnblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger -r aber sie müssen boch nicht zum Haber führen! ■ meine Herren, von Bononcini nicht dasselbe^ver- ■ )b er es aushalten wirb, auf die Dauer tm Wei - WWW schreiben? Bei zwei Parteien müßte ber Spiel- pmn aoweiyieinv veietzl fein." Ja eben! Spielen wir einmal Hänbel unb einmal Bononcini! Die abweisenbe Aeußerung Lorb Bingleys erhielt eine beutliche Ban» e & bem il»« rauf’1 »hN! trW tini' pill|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llllplll|IIH|llll|llll|llll|llll|IIH|llll|llll|llll llll|llll|l Ocrn 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 68£9St'£Zl 1111111 li 111111111111111111111111111111111111111111111111111111 h 1111111111 hl 111111 J 1111111 l'i 111111111111111111111111111111111111111111111111111 ff--»»»ss'iEÄJ Zwei Sanger. Er wußte, was es h'eß^f für 3urücffet)rte. Aber in London zu gewinnen "°ch-h- Handel m b,e v - mit biefem anderen zu verdrängen. Er hatte felbst aucy^eme neu abhängig konnte nicht vom E^olg de^.R d st .^3^ ginq weiter, machen. Das Leben, auch )er :nun 1 H , einftubiert werden. Der andere kam an die Keilje. ,,M ’nl« i- Trommeln schlagen, Bononcim ließ vor der Erstaun > g bc waren auf dem als Händel hätte rühren tonnen. 21 f „ ®ncini ,ejgte sich nicht so Plan, um in London Lärm M wachem B vorher Nummern verschlos en w,e Handel. Er gab-in ® 1 KP M '^Eches Geschenk wie aus „Astarto" zum besten und sem Cellosp-el em ayn ließ bie Stimme ber Sänger seines Lanbes. ... «na5 aber ber Oper feines Werkes Gehalt süß und wallende fd) ejn ereignj5 jm Kreise Bononcinis am besten zur Werbung die , - 9$ Dort sang allerhöchsten Adels, in des Herzogs eine Arie aus Bononcinis SÄ »ki- »-->»»«'" "" ° ^nnn'nclni tat mit nur Ariosti war erkrankt und konnte nicht. Hanoei schMg als dritten Mann eine Begabung aus dem Orchester vor Filippo Maiiei den bie ßonboner ehr gern mochten. Nun bestellte tue Gesell idiaft bas Textbuch Unter ben Angeboten, bie alsbalb gemacht würben, a^ll Hänbel am besten ein „Muzio Scevola". Bononcini war emver- ftnnhen unter d7r Bedingung, sich den Akt aussuchen zu dürfen der ihm zufaqte Es war der zweite. Händel wählte den dritten und dichtete sich mlWas er vorschrieb, war die Frist ber Vertonung, sechs Wochen. Inh mas er erbat mir bas Ehrenwort ber beiben Mitarbeiter nieman- hem vor ber Aufführung zu verraten, welcher Akt ber ihre fei. Er erhielt bas Ehrenwort Aber Bononcini war leicht geneigt, es zu brechen. Ih lag daran daß Landon genau wußte, wann feine Musik erklang und "«Das'hätte ^Lonbon "auch" ohne die eifrige Vorankündigung gemerkt, der ehrgeizige Italiener neben der öffentlichen bes Opernhauses Äb ^Durch biefe unredliche und felbftfüdjtige Aufreizung des Pub'- fums mS das Vorhaben der Gefellfchaft, einen südlichen WetE kawvf dreier Talente an einer Koppel zu veranstalten. Mehr als nach ny mären bie Leitungen biesmol bereit, it)n unb