Geheim Zamilienblälter Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang 1935 Montag, den 29. April Nummer 33 Gesang des Säemannes. Von Friedrich Griese. Immer nur denke ich dein, ewiges Land, Land der deutschen Seele, wie abseits liegst du allen anderen Ländern. Nimmer mangelt dir Sonnenschein. Aber auch nicht des jagenden Sturms ermangelst du, nicht der brauenden Nebel. Mehr als des heiteren Tages Sonne wächst dir des sinkenden Abends Dämmerung. Immer nur denke ich dein, heilige Heimat, tief in willigem Herzen tragend erhabener Sendung Ruf: Deinem Acker zu sein der getreue Säemann. ge- Glücklich der Säer, winkt dem trächtigen Acker einmal der Garbentag. Fröhlich sitzt er am festlichen Tische, singend bei heiterem Krug den seligen Erntegesang. Oer letzte deutsche Vogesen-Hahn. Von Generalmajor a. D. Rudolf Mohr. Aber^ich wollte ja von St. Odilien berichten Es war Mitte !April^1918, als ich von meinem alten Freund S., der ”orin öen Vogesen großes, etwa 50 000 Morgen umfassendes Jagdrevier tn Den yogejen zusammengepachtet hatte, die Einladung erhielt, bei ihm einen Auerhah 3U sÄeoler, das bei Kloster St. Odilien begann und sich am linken User der Breusch weit nach der bisherigen streckte, barg infolge einer außerordentlich 3je(bemu6ten und Den yeun^ gen jagdlichen Grundsätzen entsprechenden Behandlung fonbern starken Rotwild- und Rehbestand m,t guten Hirschen und Bocken, Mvern auch, was mir wohl bekannt war, vorzügliche Balzplatze. Rur war sehr erstaunt, als ich hörte, wohin es gehen und ch gufseher schießen sollte. „Bei Kloster St. Odilien balzen w.e mein Jagvauneyer meldet, drei bis vier Auerhähne. Wir übernachte erhielt. Das können Sie kommen?", so lautete die kurze Anfrag, mg„nenkloster ge- hatte ich denn doch nicht gedacht, bah dicht bet Anem eigentlich balzt werden könne, besonders auch deshalb nicht, weil Dort eigenuny Ob es tatsächlich Der letzte in den deutschen Vogesen überhaupt schossene Auerhahn gewesen ist, kann ich natürlich nicht sagen. Ich muh es aber beinahe annehmen, da ich in meinem damals sehr großen jagdlichen Bekanntenkreise nirgends von der Erlegung eines weiteren Hahnes hörte und die besten Balzplätze ohnedies ein Opfer des Krieges geworden waren. Jedenfalls war es mein letzter deutscher Vogesenhahn, den ich am 28. April 1918 von einer hohen Fichte herunterholte, und zwar unter Umständen, Die mir heute noch unvergeßlich unD wohl wert sind, erzählt zu roerDen. Handelt es sich doch nicht nur um Die Balz unb ihre so oft getoilDerten Erlebnisse allein, sonDern um Den herrlichen Besitz, die wunDerbaren Berge unD Wälder der Vogesen, Die wir verloren hoben, unD an Die jeDer, Der sie als WanDerer ober Jäger kennengelernt hat, noch heute mit Entzücken unD Trauer zurückDenkt. Gerabe Die Erlegung meines letzten Auerhahns fanD in einem Gebiet statt, das nicht nur ai-> eines Der schönsten Der Vogesen gilt, sondern es auch m Wirtlichteit ist, dicht beim Kloster St. Odilien. Wem klopfte nicht das Herz vor Freude, wenn er bei einem Besuch dieses herrlichen Stückchens Erde von der hohen Terrasse in die weite Rheinebene hinabsah? Nach Straßburg nut seinem Münster, nach dem Schwarzwald, nach der Hohkonlgsburg, Dttrotter Königsschlössern schweifte der Blick, trunken vom Schauen. Und hatte man erst den herrlichen Dttrotter Rotwein gekostet, ber Da oben verzapft wurde, unD Der Den Kopf freiließ, aber so uncermiüet „mi bie Seine ging", so sah man tief bewegt unter sich Die Zahlreichen Dor er mit Den weiten Weinbergen in strahlenDer Sonne liegen unD wußte nun erst recht, welches Schatzkästlein Da ausgebrei et roar Das Land wo Milch und Honig flieht, hier — Wein genannt. Mancher ©i^ener bcü sicher mit ähnlichen Gefühlen Dort oben gestanden und erinnert sich heute, wenn er meine Schilderung liest, mit stiller Wehmut an dw sch Stunden in St. Odilien. So viel ich weiß, bestand vor dem.Krieg«: in Gießen ein Vogesen-Verein, und ich habe mehrfach bei Jagd und Wanderungen alte Bekannte dort wiedergesehen. Herr Samtatsrat Dr. S-, denken Sie noch an unsere Begegnung 1910 im Munstertal.Ich Metz, wo ich damals in Garnison stand, mit Frau und Toch er m Vogesen gekommen und traf Sie dort unerwartet wieder. Die Freude Tag und Nacht ein reger Wanderer- und Gästeverkehr staitfand, Der sich nicht immer an Die vorgeschriebenen Wege unD Stege hielt, sonDern häufig genug gerabe Da in Die Erscheinung trat, wo ihn Der Jäger nur mit einem frommen Segenswunsch begrüßen konnte. Aber, wenn ber Sepp — ©.’s Jagbausseher — bie Melbung gemacht hatte, so konnte man Darauf schwören, Dann waren Die Hähne Da, verhört unD gewissermaßen angebunben. Ein mertroürbiger Kerl war bieser Sepp. Rauh von außen unb innen, aber unermüblich unb zuverlässig. Das Wort Furcht war ihm fremd, er trat ebenso ruhig einem angeschofsenen Keiler wie einem Wilddieb gegenüber und war immer da, wo man ihn haben wollte. Nur einmal versagte er längere Zeit, als S. ihn in die Straßburger Klinik hatte überführen und an Magenkrebs operieren lassen. Man hatte ihm dort ein großes Stück des Magens herausgeschnitten — Sepp behauptete, es fei ber ganze gewesen — aber bas hatte ben Bärenkerl nicht weiter berührt. Sobalb als möglich erschien er roieber auf ber Bilb- fläche unb tat seinen Dienst, mit ober ohne Magen, wie bisher. Nur etwas mäßiger im Essen war er geworben, unb das Fläschchen mit bem geliebten Miradellenschnaps trat nicht mehr so oft wie früher in bie Erscheinung. So war ber Sepp, unb so empfing er uns beibe am 27. April 1918 am Tor von St. DbHien. Das Wetter war nicht gerabe berütfenb, es war kalt unb roinbig, unb Wind kann man bei ber Balz am wenigsten brauchen. Denn bann hört man ben Hahn schlecht ober gar nicht, wenn er überhaupt ben Schnabel auftut. Aber bas war nicht zu änbern, unb ber Sepp behauptete mit trostreichem Optimismus, „seine" Hähne ftünben alle winbgeschützt unb wären fo in voller Balz, baß sie selbst ein starker Sturm nicht in ihren Liebesgefühlen stören würbe. Also abwarten unb zunächst mal Tee, b. h. Dttrotter Roten, trinken. Gegen Abenb gingen wir auf ben Schnepfenstrich, ber in ben Vogesen viel später als in ber Rheinebene einsetzt. Aber ba war ber starke Winb erst recht hmber- lich. Ich sah (nach meinen Notizen im Schußbuch) zwar acht Stuck, kam aber nicht zu Schuß, ba sie wie ber Teufel aus ber Versenkung auftauch- ten und gewöhnlich schon wieder verschwunden waren, ehe es nur gelang, das Gewehr Hochzureißen. Freund S. war es genau so ergangen. Wenn wir auch nichts geschossen hatten, so hatten wir doch etwas zu erzählen, und das taten wir beim Abendessen denn auch in reichlichem Maße. Auch nachher blieben wir noch lange beim Dttrotter sitzen, und nun mußte Sepp an ber Hanb ber Karte genau berichten, wo er bie Hähne verhört und festgestellt hatte. Während wir aus dem Schnepfenstrich waren, hatte er den Einfall zweier Hähne, die ja stets mit großem Geprassel verbunden ist, beobachten können, ein dritter stand ziemlich weit entfernt und ein vierter ganz dicht bei St. Odilien. Der Schlachtplan war schnell entworfen. S. wollte fein Heil auf bem weiter abgelegenen Balzplatz, auf bem er schon mehrere Hähne geschossen, versuchen, mir überließ er, gastfreundlich wie immer, bie brei übrigen Hähne. Mit ziemlicher Bettschwere gingen wir gegen 11 Uhr schlafen, unb pünktlich 3 Uhr morgens rasselte ber Wecker, besten Geräusch S. schon bie ganze Nacht mit großer Kunst nachgeahmt hatte. So etwas von Schnarchen hatte ich boch noch nicht erlebt! Ein Stuck trockenes Brot und ein tüchtiger Schluck Mirabellen verscheuchte die etwas übernächtige Stimmung, und dann marschierten wir los. Zuerst zusammen, nach 20 Minuten trennten wir uns, S. ging allein weiter und ich mit Sepp zunächst zum Balzplatz ber zwei ziemlich bicht zusammenstehenben, also wohl noch jungen Hähne. Denn ein „alter" ist gewöhnlich em Rausbolb unb butbet keinen anberen Hahn in seiner Nähe. Das Wetter war unveranbert, immer noch starker Winb unb unangenehm naßkalt, also wenig günstig. Ader ich vertraute aus Sepps „winbgeschützte" Balzplätze. Natürlich war es nichts bamit, ber Winb pfiff bort genau so wie überall, unb nicht em Laut war zu hören. Wir saßen langer Zeit in gespanntester Aufmerksamkeit, aber es blieb alles still. Also weiter zu bem Hahn, ber bicht an ber Straße bei St. Odilien balzen sollte! Aber hier heulte der Wind noch toller, unb vergeblich umkreisten wir in weitem Bogen ben Balz- nlak immer roieber haltenb unb horchenb. Dabei war bas Gelanbe benk- bar schwierig. Wer St. DbHien besucht hat, wirb sich erinnern, baß etwa 500 Meter von ben ©ebäuben entfernt, bie Chaussee burch. eine Felsroanb hinburchgesprengt ist. Die eine Straßenseite geht nun ganz fie l als nackter Fels haushoch in bie Höhe unb ausgerechnet auf ihr hatte ber Hahn feinen Balzbaum gewählt. Ader bas war zunächst mir Vermutung auf Orunb ber Beobachtungen bes braven Sepp, ber schon ganz ver- -iroeiselt über ben Mißerfolg bes Morgens war unb Himmel und ftölle um Hilfe beschwor. Unb wirklich, bas half! Gerabe als mir auf unserem Runbgang roieber auf ber Chaussee am Fuße bes steilen Felsens angelangt waren, hörten wir hoch über uns bas Knappen unb halb barau auch bas Schlesien eines Hahnes. Nun war guter Rat teuer. Senkrecht hinaufzuklettern war unmöglich, bas hatte zu viel Lärm gemacht. Den Fellen zu umgehen unb von oben anzujprmgen, bazu fehlte bie Zeit, denn es war bereit 5.30 Uhr und fast völlig hell. Alfa war nur em Versuch van der Seite möglich. Im Laufschritt rasten wir aus der Chaustee etwa 200 «Dieter nach St. Odilien zu und kletterten an einer leidlich geeigneten Stelle hoch, meist auf allen Vieren. Ab und zu verschwieg der Hahn wenn Steine in die Tiefe rollten, aber er war das Geräusch wohl gewohnt, denn er fing immer wieder aufs neue an, sein Lied zu singen. Endlich waren wir in ungefährer Höhe angelangt, und nach kurzem Verschnaufen sprang ich allein den Balzbaum an. Es tonnte nur eine hoch über den Bestand hinausragende Fichte sein, auf die ich lossteuerte. Aber das Anspringen?! Es bestand eigentlich nur im Rutschen, vorsichtigem Vorwartsfuhlen und Tasten auf dem schandbar steilen Felsboden. Oft hatte ich kaum für einen Fub Platz, der andere hing in der Luft, der Schweiß strömte mir in die Augen, aber zum Abwischen hatte ich keine Zeit, nur vorwärts nichts wie vorwärts! Und oh Wunder, es gelang. Der Hahn balzte Uotz aller unvermeidlichen Geräusche wie toll, wie es meist vor Sonnenaufgang der Fall ist, und ich erreichte die Fichte, aus der die verlockenden Tone klangen. Aber wo war nun der Hahn? Ein Umspringen des Baumes war unmöglich, er war an der steilsten Stelle der Wand in den Felsen geklammert, daß ich kaum stehen konnte. Es blieb nichts anderes übrig, als sich aus den Rücken zu legen und zu beobachten. Auch das war leichter gedacht als ausgesührt. Mein Kopf lag auf einem Felsbrocken, der gewaltig drückte, mein Rücken auf einem messerscharfen Grat, und meine Beine hingen tief über die Wand hinab. Kaum lag ,ch ,n dieser äußerst unbequemen Stellung und hatte gerade das Glas an die Augen geführt, da verschwieg nach einem letzten Schleifen, wie nach der Minute berechnet, der Hahn. Und zu sehen war nichts, nur die im Winde schwankenden Aeste und Zweige. Um so mehr aber waren die Felsbrocken unter mir zu spüren, ich hatte das Gefühl, in zwei Teile geschnitten zu werden. Endlos vergingen die Minuten, ich hielt kaum noch den Schmerz m meinem Rücken aus, da kam die Erlösung durch den Hahn selbst. M sah ihn plötzlich, wie er auf einem starken Ast vorwärts marschierte, Nadeln und Fichtenknospen äsend. Die Balz war aus, aber auch sein Leben. Langsam ging der Drilling in die Höhe, der Schuß krachte, und mit Donnergepolter kam der Hahn herab, dicht neben meinem Kopf auf den Boden schlagend und sofort die Felswand herabkollernd, wo ihn der freudestrahlende Sepp in Empfang nahm. Mühsam richtet« ich mich auf, ich war wie zerschlagen und wie aus dem Wasser gezogen. Aber was machte das aus?! Hauptsache war, ich hatte den Hahn und ihn meiner Ansicht nach redlich verdient. Die kurze Strecke nach St. Odilien war schnell zurück- qeleqt, ich sehnte mich nach einem trockenen Hemd. Unterwegs erzählte mir Sepp, daß auch S. geschossen habe. Der Schuh sei bei dem Winde aber nur undeutlich zu hören gewesen. Und richtig, kaum hatte ich mich umgezogen, da erschien S. gleichfalls mit einem Hahn. Nun war die Freude erst recht groß! Es begann ein Erzählen und ein Vergleichen, wie es eben nur zwei passionierte Jäger nach glücklichem Erfolg tun können. Das ganze Kloster kam herbeigeströmt, eine Nonne nach der anderen, das gesamte Personal, und alle umstanden bewundernd die beiden mächtigen Vögel, von deren Dasein in ihrer nächsten Nähe sie keine Ahnung gehabt hatten. Sogar einen Kaffee mit Bohnengeschmack (1918!!) bekamen wir vorgesetzt und einen elsässischen Himbeergeist, wie er nur dort aus wilden Beeren in solcher Güte und Dust gebrannt wurde. Zum Schluß wurden die Hähne noch gewogen, bevor Sepp sie zum Abstieg auf seinen Rücken nahm. Der von S. war acht Pfund, 390 Gramm, der von mir Erlegte acht Pfund, 300 Gramm schwer. Heute noch hängt er in meiner Wohnung, eine Erinnerung an die herrlichen Vogesen und das schöne St. Odilien, das ich nie wieder gesehen habe. Baden-Baden im Frühling. Von Wilhelm Hausen st ein. Fährt man das kurze Wegstück von Oos nach Baden-Baden hinein in einen ersten Schwarzwald, der eben beginnt, sich talartig zu öffnen unb zunehmende Höhen anzumelden, so wird man mit einem Schlag (einem sanften fteilich) gewahr, daß dies ein anderes, besonderes Land ist. Wie lau, wie mild ist alles; wie hell in der Lust und an der Erde; wie steund- lich ansprechend — mit gleichsam liebenswürdigen Sitten, wenn man bei einer Landschaft so reden kann... Gartenbeete mit feiner Erde; saftige Lilaröte in den Weidentrieben, die weit ausfahren wie feine Fühler und das Zarte der Luft, des Lichtes zu verkosten scheinen; heitere Blinklichter aus den Scheiben der Treibhäuser; weihe Häuserfronten. Dort droben inmitten der Tannen, die noch nicht die dunkle Schwere des inneren Schwarzwaldes haben, das alte Schloß mit dem violett-grauen Stein der Ruine. So oft ich wieder hineinkomme gehe ich in einer sanften Betäubung, die auch das Gegenwärtige auf eine nicht auszusagende Weise als ein Vergangenes empfindet. Nicht das Gegenwärtige ist unser gewissester Besitz, sondern das Gewesene, und darum ist mir dies Baden-Vaden mit seiner sichtbaren Gegenwart, die entrückt ist wie Vergangenheit, beschwichtigender Kräfte voll. Hier kann mir nichts entrissen werden, denn alles steht, während es deutlich da ist, auf dem Plan des Gewesenen — dem Plan der Jugend: die gründlich vergangen, aber eben deshalb auch ein so unangreifbares Eigentum des Gemütes ist. Und wenn ich nicht leugnen kann, daß solches Gefühl mit Traurigkeit vermengt ist: wo ist der menschliche Zustand, aus dem jede Spur der Traurigkeit getilgt wäre? Vaden-Baden — noch ist fast keine Seele da; aber alles ist ober wirb für Gäste schon zugerüstet. Es trägt bie Züge bes zweiten bonapartischen Kaiserreichs; noch immer. Es ist bas Bab unserer Väter unb vollends ber Großväter, die dort den russischen Dichter Turgenjew, den franzö- sischen Kaiser Napoleon den Dritten, den Fürsten M e n s ch i k o f f, die Kaiserin Eugenie und bie vornehmsten Engländer gesehen haben. Weiße Hotels mit weihgemalten Treppen bis herab aufs peinlich saubere Trottoir, unb auf den weißen Treppen purpurne Läufer mit blanken Mesfingstäden. Die Häuser haben ein antikisches Gesicht — obwohl es durch bie Bürgerlichkeit des mittleren neunzehnten Jahrhunderts, durch bas Biedermeierliche unb bie angreifbare Neurenaifsance vermittelt ist. Oben an ben echten alten Baben-Badener Häusern sinb Halbrunb- fenfter mit weihen Leisten, bie wie Radspeichen aussehen — unb wie sehr gehört bies zu Baden-Baden! Klassische Säulen mit ber Einfachheit, bie einen bis ins vorige Jahrhunbert fortgesetzten römischen Kolonialstil bezeichnet... Immer wieder ganz weiße Hotels und weihe Apotheken und Friseurläden, Parfümerien und Badedrogerien. Die lautere Klasst- zität des Kurhauses; das Zeitalter des grohen Weinbrenner entfaltet mit ber Würbe die höchste gesellschaftliche Feinheit. Es versteht sich, bah auch bies Kurhaus weih ist. Oben trägt es ein unvergeßliches antikisches Ornamentbanb mit Grau und dem badischen Greifenmuster. Die Bäderstadt ist ein Garten, und die Natur ist gezähmt. Stadtwarts gar ist es humanitäre Natur, eine menschenmähige — ja elegante Natur. So hat eins das andere hier durchdrungen. Es ist kolonisierte Natur, seit den Zeiten, in denen dies Baden-Baden eine erste römische Provinz auf deutschem Boden gewesen ist und für die südlichen Eroberer eine thermenreiche Erholung von den Unbilden des Nordens. Ungeheuer der Gegensatz zur bayerischen Landschaft; sie hat, von hier aus gesehen, die unberührte Wildheit und elementare Gröhe des Vorgeschichtlichen. Dies hier — es ist Balsam; aber jeder hat eine Wunde, bie ihn brauchen kann. Das neue Schloß am Höhenrande ber Stabt broben ist herrschaftlich, ohne hart unb stolz zu fein. Es ist bas rechte Schloß in einem Lande, bas unter ben ersten Ländern in Europa bie Leibeigenschaft aufgelöst hat. Die Lichtenthaler-Allee gehört nun mir, mir ganz allein, unb ich genieße sie, ihre herrlichen Bäume, ihre gebügelten Wege wie eine Flucht von Meisterbilbern. in einer Pinakothek, wenn ich allein bin. Die Geh- bahnen sinb aus bem feinsten Kies unb Sanb ber Rheinebene. Die Trinkhalle mit ihren Terrakottawänben unb ihren von jeher geliebten Märchen- unb Historien-Fresken, mit der sprudelnd heißen Quelle gehört heute nur mir, und ich bin ber einzige, ber eines der dampfenden Glaser mit bem heilsamen Wasser an bie Sippen hebt unb zwischen zwei Schlücken bie Wanbbilber einer Schwinbschen Kunstzeit mit Augen anschaut, tn bie bas Gefühl bes Kinbes zurückkehrt. Die Rhododendron setzen erst bie Knospen an, unb bie lila unb weiße unb scharlachrote Pracht ber rüschenförmigen Blüten wirb unter bem Purpurlaub ber Blutbuchen, unter ben vom Zephir geschaukelten Zweigen ber Zebern, zwischen bem lackgrünen Blätterwerk erst im Mai vollenbet 'Cini)as alte Schloh steht mächtig auf; es ist eine gewaltige Ruine. Die Steinstufen ber Mittagsseite strahlen schon bie ganze Wärme des kom- menben Sommers in mein Gesicht zurück. Wieber einmal sehe ich bie Welt von ber Zinne bes Schlosses Hohen- Baben — ber einzige biesmal, den es hier heraufgezogen hat. Die Rheinebene dehnt sich falb. Im Hellen Braun fitzen dunkle Waldflecken und die Ziegelröte neuer Dorfdächer. Der Strom ist nicht zu sehen, so wenig wie die Vogesen: der Westen liegt in einem Dunst, wie Corot ihn gemalt hat. Die Höhen des Schwarzwaldes auf der anderen Seite find auch unter bem Sonnenlicht, bas auf ihnen steht unb schon zu brüten anfangt, felh [am buntel — als könnten sie, vom Winter her befangen, bie Helle noch nicht annehmen. Herwärts gegen bas Schloß werben Tannen unb Kiefern klarfarbiger und zugleich auch plastisch: ein braunes Grün, sehr warm, formt sich vor der gobelinhaften Fläche des dunklen Schwarzwaldgrundes zu lauter einzelnen Baumgestalten von großartiger Figur. Der Himmel schwebt in blasser Bläue. Es ist nicht die bayerische Enzianglocke, deren Form rund ist wie ein lateinisches Kuppelgewölbe, und deren Purpur so tief ist, daß man mitunter meinen kann, der blaue Himmel fei dunkel. Es ist der schwebende duftige Himmel des Westens, mit Silber vermischt, ganz leicht und ohne gesäßartige Festigkeit, ohne die Wölbung der Schale. Er legt sich sanft auf die langgezogenen Höhenrücken des Schwarzwaldes, und beinahe scheint es, er wolle in sie übergehen, in die großen sanften flachgestreckten Kurven, die des Bedeutenden freilich so wenig entbehren wie dieser verbindlichere Himmel des Westens. Der Höhenwind ist wunderbar aus Kühle und Lauheit gemengt. Die Vögel haben ihr« Stimmen losgelaffen; die Finken schlagen, und einer, dessen Namen ich seit der Jugend vergessen habe, wiederholt unermüdlich den mir von den ersten Jahren her vertrauten alemannischen Stichwortruf: d' Zit isch do d' Zit isch do — d' Zit isch do. Die Zeit des Frühlings ist da. Jedes Ding hat begonnen, es zu wissen, und die Bäume bestätigen es nicht nur mit den feuchten Blattknospen, sondern auch mit dem perlgrauen Glanz der Stämme, in dem mit einem Male das Leben schimmernd zu sich ^^Baden-Baden drunten liegt im Licht, ohne sich mit seiner Gestalt herauszuheben: es schwimmt im Licht wie ein Taucher im Wasser, das die Gestalt für den Zuschauer ein wenig ungewiß macht. Fenster werfen mit der Kraft von Blendlichtern den Sonnenstrahl zuruck Die Luft macht Hunger. Und wo nun zu Mittag essen? Auf ländliche Art, drüben in Neuweier, dem alten lieben Nest jenseits der Murg. In dieser Welt ist vieles nahe beisammen, und in einer Stunde bringt der Wagen mich leicht hinüber. Da sitze ich nun auf der Terrasse des „Lamms", wie jo oft schon. Der Frühling ist mit Macht gegenwärtig, und mein Scheitel fühlt, wie ber Frühling ihm bie warme Hanb auflegt. Ich esse unb trinke, unb ich schaue an den SBeinbergftaffeln hinauf, bte auch ein Retadel zum Dienst des lieben Gottes sind. Da stehen sie, eine Art Gteinmofait, grau in Grau, die Staffeln, die Mäuerchen, und zwischen ihnen ist die Erde lichtbraun, havannabraun, und in der licht- grauen Erde schimmern silbergrau die Stecken, an denen die Reben aufzubinden bleiben. Die Hühner sind um mich herum und warten auf Brosamen. Ueberrn Bach drüben leuchtet der blaue badische Landbriefkasten, und ich fange an unter der Sonne diesen Brief zu schreiben. Ich schreibe und schreibe. Dazwischen trinke ich immer wieder einen Schluck Neuweirer Mauerwein. Zuweilen denke ich an die blankblauen Wasserlachen, die in den Aeckern der badischen Rheinebene stehen und den Himmel tiefer widerstrahlen; ober bas Steinkruzifix fällt mir ein, bas badische, am Wege vorhin, ober bas Gesicht bes gestrigen Abenbs in Baden-Baben. Ich saß um sieben Uhr am Hotelfenster, sah bas schöne etruskische Terrakottarot ber Trinkhalle von Lampen erleuchtet unb gebuchte bes Vaters, ber dort als kranker Mann vor vierzig Jahren hin- und hergegangen ist. Dahinter stand der Schwarzwald dunkel unb ganz nahe heran das weihe Gesicht der Badestadt, unb in ber Höhe broben zeichnet« sich die Silhouette eines Tannenwipfels in den süßen Himmel, vuuien= unu ^DuruiLKiLupic jcuic*. ikchrieben In bräunlichen Tönen unter spürbarem Einfluß Altmeister o, ' , , ' r « r-1 ;tXv nnrfötlhnn nnrt nPi iO alt war. „, . <=. ,, , Die notwendigsten Vorkenntnisse holte er sich zunächst an der Kunft- ikverbeschule, dann trat er in die Akademie ein, aber dort gefiel es ihm dr wenig. Es ist bezeichnend für feine festverwurzelte Bauernnatur, i ioj er in Paris, wohin er schon nach kurzem Aufenthalt an der Munche- r Akademie übergesiedelt war, noch weniger für seine Kunst holen i lernte — nicht nur, weil ihm die Sprache nicht eingehen wollte nein, it; er erst von einem Studiensommer in seiner Heimat me Skizzen uno t Ihträts mitbringt, die ihm die Aufnahme als Pilotys Meifterschuler j ernöglichen. Das schon erwähnte „Speckbacher"-Bild, eine Szene aus beti Tiroler Befreiungskrieg, ist vier Jahre nach seinem Eintritt bei k? oty geschaffen und begründete bereits seinen Ruf. Reben dem bäuerlichen Leben seiner Heimat stellen Defreggers Lüder lin Befreiungskrieg der Seinen gegen französische Unterdrückung dar. I .165 letzte Aufgebot", „Die Heimkehr der Sieger , "Der Speckbacher , |l „teibreas Hofer" sind die Werke, die ihm auf der Wiener Weltausstellung h Jahre 1873 Weltruf brachten. Weniger bekannt sind dagegen die auf Wc gleichen Ausstellung gezeigten „Italienischen Bettelsanger' ; gier t> - Fschaulicht Defregger den nationalen Gegensatz von Deutschtum und Aschtum in Tirol und schärft so in der Kunst zum erstenmal den Smn t nationales deutsches Bewußtsein in Tirol. -. t _ . _ „ „ r In der Geschichte der deutschen Malerei steht Franz von D e f r e g g e r - dem echt Tiroler Namen wurde später vom bayerischen König der Ülelstitel hinzugefügt — dicht neben Hans T h o m a; gelegentlich wurden Bubten* und Charakterköpfe seiner Bauernmädchen auch L ei b l g - " Defreggers Heimat ist die seiner stolzen bäurischen Charakterköpfe, feier Mädchenstudien und seiner schönen Landschaftsbilder. In Tirol, auf tirem einsamen Bauernhof im Dölsachtal, wurde er am 30. April 1835 fl|; der einzige Sohn eines wohlhabenden Bauern geboren. „Als Kind ton formte ich aus dem Teig, aus dem man die Krapfen backt, aller* Wien entfaltet lch, daß 'Mifdjcs \ ^itoärts ! 1 Natur. * Jiatw, : pn>vim I ret eine ! ;uet bet : hen, bie j 'n. Dies i m tonn, chaftljch i Laube, -löst hat. und ich 16 Flucht >ie Geh. e Trint- 'n Mär- i gehört n Qläjer ochlücken t, in die ib weiße iter dem Zweigen vollendet line. Die )es kam- - hohen- k Wald- zu ieijen, Corot uch unter ingt, |ett= jette noch d Kiefern jr warm, ibgrundes Himmel le, deren iurpur fo ei bunlel. oermilM ;r Schale. Schwarze ie große» |o wenig «henwind oben ihre iamen ich • von de» isch 6o- ba. Jedes nicht nur icn Glanz ib zu R ,t Gestalt iafier, » :er werfe» f ländliche hburg- 3" bringt d rraffe.» aenwafR ib auflegl jinauf, 6* n fie.CI ■ und 3* ffriel- ■eibe»' »her ei»"1 - ‘“iS et »f £ neuen. uraunuajeii xunui 1 ./rV u iter Vorbilder gemalt, unterscheiden sich seine Bilder vortellhaft von der Wen Konvention der „Düsseldorfer" Knauß und Bautier^Seme Blzzen fesseln immer wieder durch die zielsichere Art des Zug ff lr reine Koloristik. Keiner von den Hunderten deutscher Maler, die nach Dfreggers Erfolgen (und durch diese angespornt) nach Tirol zogen, um .fi mmungsvolle" und „echte" Interieurs zu malen bat auch nm enp iennt die Beseeltheit und Echtheit von Defreggers frühen Meisterwerken weicht. Später fteilich läßt die Energie der Anschauung nach, das Auge herrscht nicht mehr, sondern unterwirft sich der Empfindung, damit zugleich mit der Sucht, keine Lücke in der Komposition aufkommen lu lassen, verfällt der Maler schließlich einem nach Schillers Wort ln-chtischen Realismus. , h.n»p Die Verflachung des älteren Defregger (er starb ^^1) — man denke tr die Galerie stereotyp hüdfcher Bauerndlrndk oder auch noch an me ? alontiroler" — ist nicht zuletzt auf den Einfluß .L^^Ä^tuch ©er ki nsthändler zurückzuführen, denn der inzwischen reich und berühmt kwordene Künstler benötigte immer größere Summen, allem schonfür fehe zum Teil schloßähnlichen Häuser in München, Bozen und madersww § malte er immer mehr nach Publikumsgeschmack und duchs, stnebte malende Geschichtenerzählen („Die getötete Gans , „Der Besuch .Der Liebesbrief") ging die gute Malerei und der ferne Kolori-mu- so Wir verloren, daß darüber die schönen Fruhwerke allzuleicht vergessen sl!»n formte ich aus dem Teig, aus dem man Ihrtb Figuren und Tiere..." Bis zu feinem 24. Jahre blieb feine künftlerifche Entwicklung ohne te Einwirkung und» Förderung von außen. Die meiste Zeit verbrachte (t draußen auf der Alm beim Viehhüten, nach dem Tode des Vaters w-ibe er Hofbesitzer, ungeschickt in allem, was Kaufen und Verkaufen, g"verben und Zusammenhalten anging. Deshalb verkaufte er auch bald [ieii Erbe, um endlich ganz der Kunst zu leben. „Bildhauer wollte ich i »eben, das fiel mir wie der Blitz auf einmal ein. Doch zum Gluck erlennt der Meister, zu dem er nach Innsbruck in die Lehre geht, bald jtite Malbegabung und bringt den 26jährigen zu Piloty nach München, ki erzählt selber, wie erstaunt ihn der berühmte Meister anfah, da er ich seine Tiroler Lederhosen und den Gurt trug und schon so groß werden. Gerade diese späteren Bilder haben aber eine sehr große Verbreitung gefunden, sie machen es ja auch dem Beschauer so leicht; aber indem sie ihm jede Kleinigkeit des Vorgangs zu erklären und zu deuten suchen, lassen sie jene Tiefe vermissen, die, wie Goethe sagt, bei einem Kunstwerk darin besteht, daß es zu denken gibt. Wer jenseits von solchen kunstkritischen Betrachtungen werden Defreggers völkische Verdienste ungeschmälert bleiben: ähnlich wie die gleichzeitige Dorfgeschichtenliteratur der Hebel, Gotthelf, Rosegger und Anzengruber in der Literatur hat Defregger zum erstenmal das Bauerntum, feine Lebensweise, Tracht und Sitten zum Gegenstand der deutschen Malerei gemacht und so in der Kunst den Boden bereitet für die Erkenntnis und Pflege der Kräfte, die im Bauerntum ruhen. Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Novelle von Gottfried Keller. (Schluß.) Doch geschah es, daß die Frauenzimmer sich in der Menge aus den Augen gerieten und Hermine zuletzt mit Karl allein blieb und getreulich mit ihm zog von Scheibe zu Scheibe. Er begann am äußersten Ende, wo kein Gedränge war, und schoß ohne sonderlichen Ernst zwei oder drei Treffer gleich hintereinander. Nach Herminen sich umwendend, die hinter ihm stand, fagte er lachend: „Ei, das geht ja gut!" Sie lachte auch, aber nur mit den Augen, mit dem Munde sagte fie ernsthaft: „Du mußt einen Becher gewinnen." — „Das geht nicht", antwortete Karl, „um fünfundzwanzig Nummern zu schießen, mühte ich wenigstens sünszig Schüsse tun, und ich habe gerade nur fünfundzwanzig bei mir. __ Ei" sagte fie, „es gibt ja genug Pulver und Blei hier zu kaufen! "Bas will ich aber nicht, da tarne mir der Becher mit dem Schubgeld teuer zu stehen! Manche verpuffen allerdings mehr Geld, als der Gewinn beträgt, aber ein solcher Narr bin ich nicht." „Du bist ja hübsch grundsätzlich und haushälterisch , sagte sie beinahe zärtlich, „das gefällt mir! Aber das ist'erst recht gut, wenn man mit wenigem fo viel ausrichtet, wie andere mit ihren weitläufigen Anstalten und ihren schrecklichen Anstrengungen! Darum nimm dich zusammen und mache es mit fünsundzwanzig Kugeln! Wenn ich ein Schutze wäre, so wollt' ich es schon zwingen!" „Nie, es kommt gar nicht vor, du Närrin!" „Drum seid ihr eben Sonntagsschützen! Aber so fange nun endlich wieder an und probier’s!" Er tat einen weiteren Schuß und hatte wieder eine Nummer und dann noch eine. Wieder sah er Herminen an, und sie lachte noch mehr mit den Augen und sagte noch ernsthafter: „Sieh du? Es geht doch, jetzt sichre fort." — Unverwandt fah er fie an und konnte den Blick kaum wegwenden, denn noch nie hatte er ihre Augen fo gesehen; es glühte etwas Herbes und Tyrannisches mitten in der lachenden Süßigkeit ihres Blickes, zwei Geister sprachen beredt aus seinem Glanze: der befehlende Wille, aber mit ihm verschmolzen die Verheißung des Lohnes und aus der Verschmelzung entstand ein neues geheimnisvolles Wesen. Tu mir den Willen, ich habe dir mehr zu geben, als du ahnst! sagten diese Augen, und Karl schaute fragend und neugierig hinein, bis sie sich verstanden mitten im Geräusch und Gebraufe des Festes. Als er feine Augen in diesem Glanze gesättigt, wandte er sich wieder, zielte ruhig und traf abermals. Jetzt fing es ihm selbst an möglich zu scheinen; doch weil sich Leute um ihn zu sammeln begannen, ging er weg und suchte einen ruhigeren und einsameren Stand, und Hermine folgte ihm. Dort schoß er wiederum einige Treffer, ohne einen Schuß vergeblich zu tun; und fo fing er an, die Kugeln bedächtig wie Goldstücke zu behandeln, und jede begleitete Hermine mit geizigen leuchtenden Bucken, ehe fie im Laufe verschwand; Karl aber, eh er zielte, ohne Hast noch Unruhe, schaute jedesmal dem schönen Wesen ins Gesicht. So oft sein Glück auffiel und die Leute sich um ihn sammelten, ging er weiter üor eine andere Scheibe; auch steckte er die erhaltenen Zettel nicht auf den Hut, sondern gab'sie feiner Begleiterin zum Aufbewahren; die hielt das ganze Büschel, und nie hatte ein Schütz einen schöneren Nummernhalter besessen. So erfüllte er in der Tat ihren Wunsch und brachte nach und nach die fünfundzwanzig Schüsse so glücklich an, daß nicht einer außerhalb des vorgeschriebenen Kreises cinschlug. Sie überzählten die Karten und fanden das seltene Gluck bestätigt. Das habe ich einmal gekonnt und werde es in meinem Leben nie wieder machen!" sagte Karl; „item, das hast du mit deinen Augen bewirkt. Es nimmt mich nur wunder was du noch alles damit durch- ^^^Das^muß/du abwarten", erwiderte sie und lachte jetzt auch mit dem Munde. „Geh jetzt zu den Alten", sagte er, „und bitte sie, sie mochten mich aus dem Gabensaal abholen, damit ich ein Geleit habe, da sonst niemand bei mir ist, ober willst du mit mir marschieren?' — „Ich hätte fast Lust", fagte sie, ging aber doch eilig davon. m „ . Die Alten saßen in tiefen und fröhlichen Gesprächen; das Volk in der Hütte , hatte sich zum größten Teil verändert; sie aber hielten fest an ihrem Tische und ließen das Leben um sich, wogen. Lachend trat Hermine zu ihnen und rief: ,F)hr sollt den Karl abholen, er hat einen Becher'" , „ ®ie was?" riefen fie und brachen in Jubel aus; „so treibt er’s?" — "Ja"', sagte ein Bekannter, der eben herzutrat, „und zwar hat er den' Becher mit fünfundzwanzig Schüssen gewonnen, da? kommt nicht alle Tage vor! Ick habe das Pärchen beobachtet, wie sie's miteinander gemacht haben!" Meister Frymann sah erstaunt auf sein- Tochter: Hast du etwa auch geschossen? Ich will nicht hoffen; denn dergleichen Schützinnen nehmen sich gut aus so im ganzen, aber nicht tm beson- C Sei nur zufrieden", sagte Hermine, „ich habe nicht geschossen, sondern nur ihm befohlen, daß er gut schießen soll." Hediger aber erbleichte vor Berwunderung und ©enugtuuna. daß er einen Sohn haben sollte, rebebegabt und berühmt in den Waisen, der mit Handlungen und I Taten aus seiner verborgenen Schneiderwohnung heroorfrote. Er zog ta'bie ersten Sterne aussteckte. Drunten floß die Oos mit ihren Schnee- L crn, und Brückchen an Brückchen führten von einem Ufer zum am Krim, wie vom zeitlichen Leben in die Ewigkeit, die vorwärts zu den Maschen ein nächtliches Aussehen hat, wie der nächtliche Schwarzwald, au der Himmelsfeite aber so ostermäßig licht sein muh, baß wir es gar Lct ausbenten unb messen können. Franz von Defregger. Ium 100. Geburtstage des Maiers am 30. April. Von Jürgen Rauch. Heute, wo bie Werte unseres deutschen Volkstums, vor allem des Buerntums, als lebendigste und tiefste Kraftguelle deutschen Wesens bs.aßt geworden sind, verdient der zu Unrecht säst vergessene Franz tun Defregger als erster Maler und Schilderer deutschen Vauern- tef ns ein besonderes Wort. Man vergißt leicht, daß -das Wissen um lutere besten nationalen Güter erst bie Frucht einer noch gar nicht so ai n Entwicklung ist unb bah gerabe bie Kunst — wie unter vielen ar ern bie Silber Defreggers zeigen — in sehr hohem Maße an einer [tlfjen Entwicklung, b. h. an ber Formung von Kulturbewuhtsein unb Jfc tur überhaupt, beteiligt ist. ... bas Bilb machte mir nicht mehr Einbruck als ein Trunk frischen Drhroaffers, nachbem man eben Champagner genossen." So urteilt ein i »chenöjsischer Kritiker über bas später so berühmt geworbene Frühwerk Fieckbacher" bes bamaligen Piloty-Schülers Defregger. Champagner, W waren bie farbenglühenben und sinnverwirrenden Gemälde Ma- f(i ts- er war zur gleichen Zeit Meisterschüler Pilotys. Aber allzu- bc) schon war der Champagner Makarts schal geworden, während das DRwasser Defreggers erst anfing zu sprudeln und zu ersrischen. Einige »rüge einer Bilder haben diese erfrischende Wirkung noch heute nicht ige zu behalten, und es wurde gefragt: „Wo- Alte, kennt ihn niemand?" — „Es ist eine die Pfeifen ein und dachte, da wolle er nichts mehr bevormunden Doch die Greise brachen nun auf nach dem Gabentempel, wo sie richtig den jungen Helden schon mit dem glänzenden Becher tn der -and und mit den Trompetern auf sie harrend antrafen. Also zogen sie mit chm nach der Weise eines munteren Marsches in die -utte, um den Becher zu „verschwellen", wie man zu sagen pflegt, abermals mit festen kurzen Schrittchen und geballten Fausten, triumphierend m die Runde blickend. An ihrem'Hauptquartier wieder angekommen, füllte Karl den Becher, setzte ihn mitten auf den Tisch und sagte: „Hiermit widme ich dielen Becher der Gesellschaft, damit er stets bei ihrer Fahne ble.be! „Angenommen", hieß es; der Becher begann zu kreisen und eine neue Lustbarkeit verjüngte die Alten, welche nun schon se>t Tages- anbruch munter waren. Die Abendsonne floß unter das unendliche Gebälk der Halle herein und vergoldete Tausende von lustoerklarten Gesichtern, während die rauschenden Klänge des Orchesters die Raume erfüllten. Hermine faß im Schatten von ihres Vaters breiten Schultern so bescheiden und still, als ob sie nicht drei zahlen konnte. Aber von der Sonne, welche den vor ihr stehenden Becher bestreifte, daß dessen inwendige Vergoldung samt dem Weine aufblitzte, fpteüen goldene Lichter über ihr rosig erglühtes Gesicht, welche sich nut dem Weine bewegten, wenn die Alten im Feuer der Rede auf den Tisch schlugen, und man wußte dann nicht, ob sie selber lächelte oder nur die fpielenben Lichter Sie war jetzt so schön, daß sie bald von den umherblickenden jungen Leuten entdeckt wurde. Fröhliche Trupps setzten sich m der Nähe fest, um sie im Auge zu behalten, und es wurde gefragt: „Woher ist sie, wer ist der Alte, kennt ihn niemand?' — „Es ist eine St. Galierin, es soll ein Thurgauerin sein!" hieß es da; „nein, es find alles Zürcher an jenem Tisch", hieß es dort. Wo sie hinsah zogen die lustigen Jünglinge den Hut, um ihrer Anmut die gebührende Achtung zu erweisen, und sie lachte bescheiden, aber ohne sich zu gieren. Als jedoch ein langer Zug Burschen am Tische vorüberging und alle . die Hüte zogen, da mußte sie doch die Augen niederschlagen und noch mehr, als unversehens ein hübscher Berner Student kam, die Mutze in der Hand, und mit höflichem Freimut sagte, er sei von dreißig Freunden abgesandt, die am vierten Tische von da säßen, ihr mit Erlaubnis ihres Herrn Vaters zu erklären, daß sie das feinste Mädchen in der Hütte fei. Kurz, alles machte ihr förmlich den Hof, die Segel der Alten wurden von neuem Triumphe geschwellt, und Karls Ruhm ward durch Herminen beinahe verdunkelt. Aber auch er sollte nochmals obenauf kommen. Denn es entstand ein Geräusch und Gedränge im mittleren Gange, herrührend von zwei Sennen aus dem Entlibusch, die sich durch die Menge schoben. Es waren zwei ordentliche Bären mit kurzen Holz- pseischen im Munde, die Sonntagsjacken unter den dicken Armen führend, kleine Strohhütchen aus den großen Köpfen und die Hemden auf der Brust mit silbernen Herzschnallen zusammengehalten. Der eine, der voranging, war ein Kloben von fünfzig Jahren und ziemlich angetrunken und ungebärdig; denn er begehrte mit allen Männern Kraftübungen anzustellen und suchte Überall seine klobigen Finger einzuhaken, indem er freundlich ober auch herausfordernb mit den Aeuglein blinzelte. So entstand überall vor ihm her Anstoß und Verwirrung. Aber dicht hinter ihm ging der andere, ein noch derberer Gesell von achtzig Jahren mit einem Krauskopf voll kurzer gelber Löcklein, und das war der Vater des Fünfzigjährigen. Der lenkte den Herrn Sohn, ohne das Pfeifchen ausgehen zu lassen, mit eiserner Hand, indem er von Zeit zu Zeit sagte: „Büebeli, halt Ruh! Büebeli, sei mir ordentlich!" und ihm dabei die entsprechenden Rücke und Handleitungen erteilte. So steuerte er ihn mit kundiger Faust durch das empörte Meer, bis gerade vor dem Tische der Siebenmänner es eine gefährliche Stockung absetzte, da eben eine Schar Bauern daherkam, welche den Rauflustigen zur Rede stellen und in die Mitte nehmen wollten. In der Furcht, sein Büebeli werde eine große Teufelei anrichten, sah sich der Vater nach einer Zuflucht um und bemerkte die Alten. „Unter diesen Schimmelköpfen wird er ruhig sein!" brummte er vor sich' hin, faßte mit der einen Faust den Jungen im Kreuz und steuerte ihn zwischen die Bänke hinein, während er mit der ander Hand rückwärts fächelnd die nachdringenden Gereizten sanft abwehrte; denn der eine und der andere war in aller Schnelligkeit bereits erheblich gezwickt worden. „Mit Eurer Erlaubnis, ihr Herren", sagte der Uralte zu den Alten, „laßt mich hier ein wenig absitzen, daß ich mir dem Büebeli noch ein Glas Wein gebet Er wird mir dann schläfrig und still wie ein Lämmlein!" Also teilte er sich ohne weiteres mit seinem Früchtchen in die Gesellschaft hinein, und der Sohn schaute wirklich sanft und ehrerbietig umher. Doch sagte er alsobald: „Ich möchte aus dem silbernen Krüglein dort trinken!" — „Bist du mir ruhig oder ich schlage dich ungespitzt in den Erdboden hinein!" sagte der Alte; als ihm aber Hediger den ge- süllien Becher zuschob, sagte er: „Nu fo denn! Wenn's die Herren erlauben, so trink, aber suf mir nit alles." „Ihr habt da einen muntern Knaben, Manno", sagte Frymann, „wie alt ist er denn?" — „Ho", erwiderte der Alte, „er wird mir ums Neujahr herum so zweiundfünfzig werden; wenigstens hat er mir Anno 1798 schon in der Wiege geschrieen, als die Franzosen kamen, mir die Küh' wegtrieben und das Hüttlein anzündeten. Weil ich aber einem Paar davon die Köpfe gegeneinander gestoßen habe, mußte ich flüchten und das Weibli ist mir in der Zeit vor Elend gestorben. Darum mutz ich mir das Burschli allein erziehen." „Habt Ihr ihm keine Frau gegeben, die Euch hätte helfen können?" „Nein, bis dato ist er mir noch zu ungeschickt und wild, es tut's nicht, er schlägt alles kurz und klein!" Jnzwil^'en hatte der jugendliche Taugenichts den würzigen Becher ousgetrirrtfen, ohne einen Tropfen darin zu lassen. Er stopfte fein Pfeifchen und blinzelte gar vergnügt und friedlich im Kreis umher. Da entdeckte er die Hermine, und der Strahl weiblicher Schönheit, der von ihr ausging, entzündete plötzlich In seinem Herzen wieder den Ehrgeiz und die Neigung zu Kraftäuherungen. Als sein Auge zugleich auf Karl siel, der ihm gegenüber sah, streckte er ihm einladend den ge- krümmten Mittelfinger über den Tisch hin. ....... „Halt inn' Burschli! reit’ dich der Satan schon wieder? schrie der Alte ergrifft und wollte ihn am Kragen nehmen; Karl aber sagte, er möchte ihn nur lassen und hing seinen Mittelfinger in denjenigen des ungen Bären, und jeder suchte nun den andern zu sich herüberzuziehen. „Wenn du mir dem Herrlein weh tust oder ihm den Finger ausrenkst", sagte der Alte nochj „so nehm' ich dich bei den Ohren, daß du es drei Wochen spürst!" Die beiden Hände schwebten nun eine geraume Zeit über der Mitte des Tisches; Karl vergaß bald das Lachen und wurde purpurrot im Gesicht; aber zuletzt zog er allmählich den Arm und den Oberkörper feines Gegners merklich auf feine Seite und damit war der Sieg entschieden. Ganz verdutzt und betrübt sah ihn der Entlibucher an, fand aber nicht lange Zeit dazu; denn der über feine Niederlage nun doch erboste Uralte gab ihm eine Ohrfeige, und beschämt sah der Sohn nach Terminen; dann fing er plötzlich an zu meinen und rief schluchzend: „Und ich will jetzt einmal eine Frau haben!" — „Komm, komm!" sagte der Papa, „jetzt bist du reif fürs Bett!" Er packte ihn unter dem Arm und trollte sich mit ihm davon. Nach dem Abzug dieser wunderlichen Erscheinung trat eine Stille unter die Alten, und alle wunderten sich abermals über Karls Werke und Verrichtungen. „Das kommt lediglich vom Turnen", sagte er bescheiden, „das gibt Hebung, Kraft und Vorteil zu dergleichen Dingen, und fast jeder kann sie sich aneignen, der nicht von der Natur vernachlässigt ist." „Es ist so!" sagte Hediger, der Vater, nach einigem Nachdenken, und fuhr begeistert fort: „Darum preisen wir ewig und ewig die neue Zeit, die den Menschen wieder zu erziehen beginnt, daß er auch ein Mensch wird, und die nicht nur dem Junker und dem Berghirt, nein, auch dem Schneiderskind befiehlt, seine Glieder zu üben und den Leib zu veredeln, daß es sich rühren kann!" „Es ist so!" sagte Frymann, der ebenfalls aus einem Nachdenken erwacht war, „und auch wir haben alle mitgerungen, diese neue Zeil herbeizuführen. Und heute feiern wir, was unsere alten Kopfe betrifft, mit unserem Fähnlein den Abschluß, das ,Ende Feuer!' und überlassen den Rest den Jungen. Nun hat man aber nie von urrs sagen können, daß wir starrsinnig auf Irrtum und Mißverständnis beharrt seien! Im Gegenteil, unser Bestreben ging dahin, immer dem Vernunftgemäßen, Wahren und Schönen zugänglich zu bleiben; und somit nehme ich frei und offen meinen Ausspruch in Betreff der Kinder zurück und lade dich ein, Freund Chäpper, ein gleiches zu tun! Denn was könnten wir zum Andenken des heutigen Tages Besseres stiften, pflanzen und gründen, als einen lebendigen Stamm, hervorgewachfen recht aus dem Schoße unserer Freundschaft, ein Haus, dessen Kinder die Grundsätze und den unentwegten Glauben der sieben Aufrechten aufbewahren und übertragen? Wohlan denn, so gebe de? Biirgi sein Himmelbett her, daß mir es ausrüsten! Ich lege hinein die Anmut und weibliche Reinheit! Du die Kraft, die Entschlossenheit und Gewandtheit, und damit vorwärts, weil sie jung sind, mit dem aufgesteckten grünen Fähnlein! Das soll ihnen verbleiben und sie sollen es aufbewahren, wenn wir einst aufgelöjt sind! So leiste nun nicht länger Widerstand, alter Hediger, und gib mir die Hand als Gegenschwäher'!" „Angenommen!" sagte Hediger feierlich, „aber unter der Bedingung, daß du dem Jungen keine Mittel zur Einfältigkeit und herzlosen Prahlerei aushingibst! Denn der Teufel geht um und sucht, wen er verschlinge! „Angenommen!" rief Frymann, und Hediger: „So grüße ich dich denn als Gegenschwäher, und das Schweizerblut mag zur Hochzeit angezapft werden!" Alle sieben erhoben sich jetzt, und unter großem Hallo wurden Karls und Hermines Hände ineinander gelegt. „Glück zu; da gibt’s eine Verlobung, so muß es kommen!" riefen einige Nachbarn, und gleich kamen eine Menge Leute mit ihren Gläsern herbei, mit den Verlobten anzustohen. Wie bestellt fiel auch die Mufll ein; aber Hermine entwand sich dem Gedränge, ohne jedoch Karls Hand zu lassen, und er führte sie aus der Hütte hinaus auf den Festplatz, der bereits in nächtlicher Stille lag. Sie gingen um die Fahnenburg herum, und da niemand in der Nähe war, standen sie still. Di« Fahnen wallten geschwätzig und lebendig durcheinander, aber das Freundschaftsfähnchen konnten sie nicht entdecken, da es in den Falten einer großen Nachbarin verschwand und wohl ausgehoben war. Doch oben im Sternen- schein schlug die eidgenössische Fahne, immer einsam, ihre Schnippchen, und das Rauschen ihres Zeuges war jetzt deutlich zu hären. Hermine legte ihre Arme um den Hals des Bräutigams, küßte ihn freiwillig unö jagte bewegt und zärtlich: „Nun muß es aber recht hergehen bei uns Mögen wir so lange leben, als wir brav und tüchtig sind und nicht einen Tag länger!" „Dann hoffe ich lange zu leben, denn ich habe es gut mit dir im Sinne!" sagte Karl und küßte sie wieder; „aber wie steht es nun mit dem Regiment? Willst du mich wirklich unter den Pantoffel kriegen? „So sehr ich kann! Es wird sich indessen schon ein Recht und eine Verfassung zwischen uns ausbilden, und sie wird gut sein, wie sie ist! „Und ich werde die Verfassung gewährleisten und bitte mir die erste Gevatterschaft aus!" ertönte unverhofft eine kräftige Baßstimme. Hermine reckte das Köpfchen und faßte Karls Hand; der trat aber naher und sah einen Wachtposten der aargauischen Scharfschützen, der 'M Schatten eines Pfeilers stand. Das Metall (einer Ausrüstung blinkte durch das Dunkel. Jetzt erkannten sich die jungen Männer, die nebeneinander Rekruten gewesen, und der Aargauer war ein ftattliqi« Bauernsohn. Die Verlobten setzten sich aus die Stufen zu feinen Fußen I und erzählten sich was mit ihm wohl eine halbe Stunde, ehe sie zur i Gesellschaft zurückkehrten. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl’sche UniversitälS-Duch- und Eteindruckerei, 2k. Lange. Gießen. Nummer 26 Montag, den Apri! Jahrgang 1955 KLä aaIUa** (H>*im4n Sir nilf M ._____ .. hi< Colour & Grey Control Chart Green Yellow Red 0 cm 6 11 6 8 L 9 S V £ 1 Reich ist die Erde. Von Wilhelm Luetjens. Meder im März aus der schwärzlichen Erde .Keine Rede, wird nichts daraus!" sagte Hediger kurz. „Und warum denn nicht? Ich werde ja nichts daran verderben!" fuhr der Sohn kleine laut fort und doch beharrlich, weil er durchaus ein Gewehr haben mußte, wenn er nicht in den Arrest spazieren wollte. Allein der Alte versetzte nur um so lauter: „Wird nichts daraus! Ich muß mich nur wundern über hi» tR»hnrriidif»it mpinor Herren Söhne, die doch in anderen Dingen so trte “ ließen, auch in big auf- rlänbem ■t. Unter n in der i Rieftn- leuetunj n solche, 22 2 19 20 21 12 13 14 15 16 17 18 9 10 4 5 !t" der 69 auch Gesicht acialia" 1 gewiß zu deinen an 'lernen« leidenen - hinter- Teide", eun wir oan vier euch de, den. Die iilkereien hast und scheninch I 7 8 Grey 2 Grey 3 Grey 4 nun dar mveran- ten oder hnen zu- :od) 1595 :uschassen iese „Un- Sehörden ehen, die em aus« au, den Gebrauch t gewesen ischentuch lach emp- ; aus den le Schön- ", wie er ebrauchr- tuir eipet r schicklich Jn feinem eindring« Rotterdam ngewahn- der Ras« unzöfifche mg jedoch matiirlich. Id. Jahr- lang. Em der!, sielll . Rock die gehört sich ; berichlei viereckige 1 seidenen find weih uin Staci en pslegei- eten oder Achten d-° n F'NS«" ooleons l' erworben ch!e 3S -endlich einen ®e’ Paerndei if aber Dl- ft«- - *** '/ftp-" filbl" brauche!" ir einige Male! Ich werde doch nicht ein Jn- -tten, da ich nachher doch zu den Scharfen Stutzen zutun werde!" WlfJT schön! Woher erklärst du dir nur die Not- schützen zu gehen, da du noch nie eine Kugel er Zeit muhte einer schon tüchtig Pulver ver- dazu melden durfte; jetzt wird man auf gerat- ecken in dem grünen Rock, welche keine Katze aber freilich Zigarren rauchen und Halbherren sind! Geht mich nichts an!" „Ei", sagte der Junge fast weinerlich, „so gebt es mir nur dies eine Mal': ich werde morgen für ein anderes sorgen, heut kann ich unmöglich mehr!" m „ . . ... „Ich gebe", versetzte der Meister, „meine Waffe niemand, der mcht damit umgehen kann: wenn du regelrecht das Schloß dieser Flinte ab- nebmen und auseinanderlegen kannst, so magst du sie nehmen, sonst aber bleibt sie hier!" Und er suchte aus einer Lade einen Schraubenzieher hervor, gab ihn dem Sohn und wies ihm die Flinte an. Der versuchte in ber Verzweiflung fein' Heil und begann die Schloßschrauben loszumachen. Der Vater schaute ihm spöttisch zu: es dauerte nicht lange, fo rief er- , Laß mir den Schraubenzieher nicht so ausglitschen, du verdirbst mir die ganze Geschichte! Mach' die Schrauben eine nach der andern halb los und bann erst ganz, so geht's leichter! So, endlich!/' Nun hielt Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Novelle von G o t t f r i e b K e l l e r. Der Schneidermeister Hediger in Zürich war in dem Sitter, wo der fleißige Handwerksmann schon anfängt, sich nach Tisch ein Stündchen Ruhe zu gönnen. So sah er denn an einem schönen Marztage nicht in (einer leiblichen Werkstatt, sondern in seiner geistigen, einem kleinen Sonderstübchen, welches er sich seit Jahren zugeteilt hatte. Er freute sich, dasselbe ungeheizt wieder behaupten zu können: denn weder seine alten Handwerkssitten, noch seine Einkünfte erlaubten ihm, wahrend des Winters sich ein besonderes Zimmer erwärmen zu lassen, nur um dann zu Und das zu einer Zeit^, uw es schon Schneider gab, welche auf^bie Fefeo die Stubelschranbe und hier die Studel: ferner die Nußschraube, den Hahn und enblich bie Nuß: dies ist die Nuß! Reiche mir das Klauenfett aus dem Schränklein dort, ich will die Schrauben gleich ein bißchen einschmieren!" , . Er hatte die benannten Gegenstände alle auf das Zeitungsblatt gelegt Karl sah ihm eifrig zu, reichte ihm auch das Fläschchen und meinte, das Wetter habe sich günstig geändert. Als aber fein Vater die Bestandteile des Schlosses abgewischt und mit dem Oele frisch befeuchtet hatte, setzte er sie nicht wieder zusammen, sondern warf sie in den Deckel einer kleinen Schachtel durcheinander und sagte: „Nun, wir wollen das Ding am Abend wieder einrichten: jetzt will ich die Zeitung fertig lesen! Getäuscht und wild ging Karl hinaus, sein Leid der Mutter zu klagen- er fühlte einen gewaltigen Respekt vor der öffentlichen Macht, in deren Schule er nun ging als Rekrut. Seit er ber Schule entwachsen, mar er nicht mehr bestraft worben, unb auch bort in ben letzten Jahren nicht mehr- nun sollte bas Sing auf einer höheren Stufe wieder angehen, bloß weil er sich auf des Vaters Gewehr verlassen hatte. Die Mutter sagte: „Der Vater hat eigentlich ganz recht! Alle vier Buben habt ihr einen bessern Erwerb, als er selbst, und das vermöge der Erziehung, die er euch gegeben hat-, aber nicht nur braucht ihr den lebten Heller für euch selbst, sondern ihr kommt immer noch den Alten zu plagen mit Entlehnen von allen möglichen Dingen: schwarzer Frack, Perspektiv Reißzeug, Rasiermesser, Hut, Flinte und Säbel: was er sich sorglich in Ordnung hält, das holt ihr ihm weg und bringt es verdorben-zurück. Es ist, als ob ihr das ganze Jahr nur studiertet, was man noch von ihm entlehnen könne: er hingegen verlangt nie etwas von euch, obgleich ihr das Leben und alles ihm zu danken habt. Ich will dir für heut noch einmal helfen!" Sie ging hierauf zum Meister Hediger hinein und sagte: „Lieber Mann, ich habe vergessen, dir zu sagen, daß der Zimmermeister Frn- mann hat berichten lassen, die Siebenmännergesellschaft komme heut zu- Blue White Cyan Grey 1 Magenta Black oanes/S ner von allen bei dem Berufe blieb, den ich picta'Q' he lernen lassen! Du weißt, daß dein« drei nach, so wie sie zu exerzieren anfangen muß- ollten und daß es keiner bekommen hat! Unb wch angeschlichen! Du hast beinen schönen Verargen — schaff bir deine Waffen an, wie es nt! Das Gewehr kommt nicht von der Stelle, I däs"Hedi'ge'r"feit fünfundzwanzig Jahren nicht mit erlebt unb ourmge- kämpft hatte. Außerdem stand ein „Rotteck in dem Schranke eine Schweizergeschichte von Johannes Müller und eine Handvoll politischer FUmschriften und dergleichen: ein geographischer Atlas und «'" Mäppchen voll Karikaturen und Pamphlete, die Denkmäler bitter leiden^aftlicher Tage, lagen auf dem untersten Brette. Die Wand des Zimmerchens war geschmückt mit den Bildnissen von Kolumbus, von Zwingli von^Huhen Washington und Robespierre: denn er verstand kernen Spaß und billigte nachträglich die Schreckenszeit. Außer diesen Welthelden schmückten die Wand noch einige schweizerische Fortschrittsleute mit ber beigefugten Hanbschrift in höchst erbaulichen unb weitläufigen Denkschriften, orbent- lichen kleinen Aufsätzchen. Am. Bücherschrank aber lehnte eine gut im Stanb erhaltene, blanke Ordonnanzflinte, behängt mit einem kurzen Seitengewehr unb einer Patrontasche, worin zu >eder Zeit dreißig scharfe Patronen steckten. Das war s e i n Jagdgewehr, womit er nlttt auf SJafen unb Rebhühner, (onbern auf Aristokraten und.Jesuiten, °us Aerfasungs- brecher unb Volksverräter Jagd machte. Bis letzt hatte ihn em freu lieber Stern bewahrt, daß er noch kein Blut vergossen, aus Mangel an Gelegenheit: dennoch hatte er die Flinte schon mehr lungster Sohn Karl herein, ein angehender Beamter auf einer Reglerungskanzlei. „Was gibt's?" fragte er barsch: denn er liebte nicht in seinem Stübchen gestört zu werden. Karl fragte, etwas unsicher über den Erfolg seiner Bitte, ob er des Vaters Gewehr und Patrontasche für den Nachmittag haben tonne, da er auf den Drillplatz gehen müsse. 1 2 3 Scfjeiier^amiliciiblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger