GietzenerKmnlienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Freitag, den 27. Dezember Nummer M machen. Ich behalte mein Unterkleid an, siehst du, und wenn du mir ein wenL >anz >ier. ~:nig Platz machtest?" „Wirklich?" fragt Lars. „Sollte das gehen?" Er ist feit langem nicht mehr so glücklich gewesen. Früher, als Dorfe noch Kind war und sie noch zu vieren in ihrer Kellerwohnung hausten, Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann 9. Fortsetzung. „Nein, ob es fetzt noch ein wenig später wird oder nicht, ist doch g< gleich für dich? Am besten wäre es, du bliebst überhaupt über Nacht hi Meinst du nicht auch?^' „Zum Teufel, nein, das geht doch wohl nicht gut", antwortet Lars. „Du mußt doch zuletzt auch mal zur Ruhe kommen." „D, das Bett ist ja breit genug, wenn wir uns beide ein wenig dünn hat sie oft neben ihm geschlafen. Aber jetzt? Er weiß doch nicht recht ... Sie ist doch nun so gut wie erwachsen, wenn sie auch erst 17 ist. Aber Dorfe hat die Birne, die sie vorhin einschalfefe, als sie Lars wie ein krankes Kind fütterte, bereits wieder ausgeknipst, ihr Kleid abgeworfen und schlüpft nun zu ihm hinein. „Gut, daß ich nicht mehr in der Spülkllche bin", flüsterte sie, „da wäre ich vielleicht um diese Zeit noch nicht einmal fertig. „Wie spat ist es denn?" fragt Lars. „Es geht auf zwölf." Ist das möglich? Da muß er ja unverschämt lange geschlafen haben. Es war doch erst fünf Uhr etwa, als er ins Hotel kam. Er ist, so weit es die Bettstatt nur zuläßt, an die Seife gerückt, aber Dorfes junger Körper ist so schmal, daß sie gar nicht so viel Platz nötig hat, wie er ihr einräumen möchte. Er soll es sich ruhig bequemer machen, redet sie ihm zu. „Wie lange ist das her, daß ich bei dir geschlafen habe", flüsterte sie und ist glücklich, daß sie die Arme um seinen Hals legen und ihre Wange an die seine schmiegen kann. Sie fühlt es kaum, daß Cars sich seit ein paar Tagen nicht mehr rasiert hat und seine Haut rauh ist wie ein Reibeisen. Aber darin war er früher auch nicht viel sorglicher, und es gehört so zu ihm. Wenn sie still liegt, prickelt es auch nicht allzu sehr. Es ist wunderbar für beide, so nahe beieinander im Dunkel zu liegen, und jeder spürt die Wärme des andern wie eine sanfte ruhige Welle, die in einem zarten Rieseln durch alle Adern geht. Das bleiche Schneelichf, das durch das Fenster hereindringt, ist so schwach, daß keiner das Gesicht des andern zu erkennen vermag. „Warum erzählst du mir eigentlich nichts von zu Hause?" flüstert Dorfe. „Ich fragte dich schon vorhin danach, aber du hast mir nichts rechtes gejagt. Wie ist es eigentlich gekommen, daß ihr diesen Krick ins Haus bekommen habt?" Aber an Krick hätte sie Lars nicht erinnern sollen. „Wunderlich ist das —", setzte Dorfe nachdenklich hinzu. „Aber nun er dein Freund ist —" „Mein Freund, ja!" lachte Lars böse und verächtlich. „Ich erinnere wenigstens, daß er auch früher schon zu uns kam, als wir hier noch in der Stadt wohnten. Aber das muß lange her sein. Ich glaube, ich war damals noch keine sechs Jahre alt." „Ja, ja", antwortete Lars. „Aber nun schlaf auch em, Kmd. Mor- gen früh ist die Nacht herum, und du bist sicher viel müder, als du zugeben willst. Und morgen hast du wieder einen sauren Tag. „O, darum? Ich bin ja so froh, daß ich dich einmal bet nur habe, — da will ich doch nicht schlafen." .. . Aber nun die Wärme des Bettes sie mehr und mehr durchdrmgt, schläft sie doch ein, übermüde, wie sie ist, und Lars hegt allem geblieben da und starrt mit brennenden Augen in das Dunkel der Kammer, und alles ist wieder, wie es immer war, und er tft genau so rat- und hilflos wie vorher. , .... s Stundenlang liegt er so, und wenn ihn auch dte Unruhe quält, daß er das Stilliegen kaum noch erträgt, vermeidet er doch lebe Bewegung, um Sorte nicht zu wecken. ,, . . s___ „Nein", sagt er -sich im stillen, „es ist doch wohl kern anderer Weg da. Alles wäre dann mit einem Schlage vorbet ... ^s Lena be trifft, so wird sie sich mit der Zeit gewiß troffen »nd Dorfe wird heiraten und dann versorgt sein ... Einzig ber kleine Ian zu Haus macht ihm Sorge in der Hilflosigkeit, zu der Lr nerurlei.f ist Von Dorfe kann es jetzt gleich im Stillen Abschied nehmen Nein, er hätte sie niemals fortgeben sollen aus dem Hause ... Aber sie hatte damals selber darauf bestanden. Nun, bas mochte so oder so gewesen sein. Aber immer hat Dorfe ihm gefehlt ... Ein totrom verhaltener Zärtlichkeit floß von ihm zu ihr hinüber. Zugleich machte ihn der Gedanke an den Tod. den er suchen wollte, wunderbar ruhig und gab feinem Gefühl etwas unsagbar Feierliches. Darüber fiel ihm der Traum wieder ein, Den er in dem kurzen Schlaf der vorigen Nacht gehabt hafte, als er müde und zerschlagen in der Sfrohdieme auf dem Felde übernachtete, aus der er nach kaum zwei Stunden ganz durchfroren wieder herausgekrochen war. Gewiß, Träume tarnen aus dem Magen, und man sollte nichts auf sie geben. Aber dieser Haffe doch einen so merkwürdigen und stillen Glanz in ihm zurückgelassen, daß es schön war, an ihn zurückzudenken. Er hafte hinter seinem Hause mit der Axt auf einen alten Stumpen losgeschlagen, der beim Abholzen in der Erde geblieben war und sich so zäh und widerspenstig zeigte, daß Lars bei der Arbeit der Schweiß aus allen Poren brach. Als er dann ganz marode mit feinen Axt- Hieben aufgehörf hatte, die Mütze zurückgeschoben und sich zum Ausruhen auf den Rand feiner Schubkarre gesetzt hatte, hafte er einen Landstreicher über das Feld kommen sehen, still und beinahe ehrwürdig in seinem Alfer, aber mit einem Gesicht, so hell und freundlich, daß Lars ihn verwundert befrachtet Haffe. „Nun, Lars Hullmann", hatte ihn der angesprochen, „das ist wohl kein ganz leichtes Stück Arbeit, wie?" „Das weiß Gott", hatte Lars geseufzt und sich nicht wenig gewundert, daß ihm der Fremde bei seinem Namen nannte. „Ja, Gott weiß viele Dinge", hafte der Alte genickt und eigentümlich dazu gelächelt. Aber warum quälst du dich so mit dem alten Kiefernstubben, Lars Hullmann? Denn In Wahrheit sind es ja ganz andere Dinge, die du dir aus dem Wege schaffen möchtest, nicht wahr?" Betroffen hatte Lars geschwiegen. Was wußte der Alte von dem, was er mit sich ins Reine zu bringen hafte? - nur soviel Geduld hättest, wie mit dem käme dann schon von selbst ins Reine, Gerechtigkeit in der Welt, als du glaubst, gütigen Augen eindringlich angesehen und „Wenn du habet auch alten Stubben hier. Alles siehst du. Denn es ist mehr Lars Hullmann." Dabei hatte er ihn aus war dann still feines Weges weitergegangen, über Heidmanns Kamp und weiter den Weg an Lars Roggenstücken entlang, bis er hinter Buhmanns Kiefern verschwand. Das Merkwürdigste aber war, was für ein Friede in Lars gewesen war, als er darüber erwachte, eine tiefe feierliche Stille. Geduld? Ja, in den Worten lag viel. Aber nun er darüber nachdachte, wußte er doch nichts rechtes damit anzufangen Was sollte das heißen? Geduld mit sich selber, mit Krick ober mit wem sonst? Und hatte Krick vielleicht mit ihm Geduld? Nein, mit dem Rat war nichts gewonnen, und er ertrug einfach den Druck nicht mehr, der auf ihm lag. Da zuckte Sorte plötzlich in seinem Arm, wirft sich im Schlafe stöhnend herum und wacht im nächsten Augenblick darüber auf. „Wie?" flüstert sie verwundert, als sie merkt, das Lars ihr leise und behutsam die Decke wieder heraufzieht, „schläfst du gar nicht?" „Nein", antwortet Lars leise. „Ich hab ja vorhin schon ein gehöriges Ende abgerissen. Auch hab ich ein wenig Durst, wenn ich es sagen soll. Es geht wohl nicht an, daß ich mal aus dem Fenster lange, und mir eine Handvoll Schnee hereinhole?" „Dummpeter!" lacht Dorfe leise, die darüber ganz wach geworden ist. „Ich hab doch ein Glas und Wasser auf meinem Nachttisch stehen ... Aber das kommt davon, wenn man eigensinnig ist", setzt sie hinzu, als sie aus dem Bett schlüpft bas Licht anknipst unb ihm zu trinken holt. „Dafür hättest bu vorhin was Besseres haben können, wenn bu nur gewollt hättest Hast bu vielleicht bie ganze Zeit über noch nicht wieher geschlafen?" Ich weiß es jelber nicht recht", antwortete Lars. „Ich bin überhaupt ein "roenig burdjeinanber im Kopf, nun bu barnach fragst. Der Teufel maq willen, was bas heißt. Ich hab wohl zuviel zu benten gehabt in ber letzten Zeit, siehst bu, unb bas kann zuletzt ben stärksten Mann Umwerfen. Aber mach bir weiter keine Sorgen barum, hörst bu?" fährt er fort unb streichelt ihre Hänbe. ... Nein womit quälst bu bich benn nur so? fragte Dorfe leise unb bie Tränen finb ihr nahe. „Ich habe ja schon lange gemerkt, baß nicht alles fo mit bir ist, wie es sein sollte. Willst bu mir nicht sagen, was bich bebrvrft? Ich bin hoch beine Sorte. Sag, haß ich beine Sorte bin!“ Das weiß Gott", sagte Lars, unb bas Blut strömte ihm so heiß zum Herzen, baß er Mühe hat, sich seine Bewegung nicht merken zu lassen Ja, was ist benn nur?" fragt Sorte bestürzt, als sie sieht, daß ihm bie Augen feucht geworben finb, unb eine Angst steigt in ihr auf, bie ihr bie Brust zusammenschnürt. Ich weiß nicht, ich hab' wohl zu lange im Sunkeln gelegen unb nun kann ich bas Licht in ben Augen nicht haben?" Schweigenb roenbet Sorte sich um unb schaltet bie Birne unter ber Weihnachten. Von Josef von Eichendorfs. Markt und Straßen stehn verlassen, Still erleuchtet jedes Haus, Sinnend geh ich durch die Gassen, Alles sieht so festlich aus. An den Fenstern haben Frauen Buntes Spielzeug fromm geschmückt, Tausend Kindlein stehn und schauen, Sind so wunderstill beglückt. Und ich wandre aus den Mauern, Bis hinaus ins freie Feld, Hehres Glänzen, heilges Schauern! Wie so weit und still die WeltI Sterne hoch die Kreise schlingen. Aus des Schnees Einsamkeit Steigt's wie wunderbares Singen — 0 du gnadenreiche Zeit! Alte dörfliche Weihnacht. Bon Friedrich Griese. Mutters Hof liegt am Eingang des Dorfes, und schon aus diesem Grunds kehrt alles, was an wandernden Leuten auf der Landstraße herankommt, zuerst bei ihr ein. Es ist aber auch in ihrer Gemütsart begründet, die jeder im Dorf ohne die geringste Einschränkung bewundert und die das fahrende Volk einfach so auf den Hof zieht, Essen und Trinken und meistens auch einen Zehrpfennig bekommt jeder bei ihr; da Mutter aber ebenso ehrlich und geradeaus wie treuherzig und gemütvoll ist, so geht der, den sie nicht leiden mag, nach Empfang der Gabe so gern wieder auf die Straße, wie er gekommen ist. Mutters sicherer Blick und ihr ebenso sicheres, rückhaltloses Wort sind Grund genug; aber speisen und tränken und versorgen muß sie jeden. „Sein schlechtes Wesen mag er sich selbst zurechnen", sagt sie, „aber für seinen Magen kann er nicht." Bei den Alten und Schwachen tut sie noch ein übriges, und mancher hält sich wochenlang bei ihr; er muß nur ein Christenmensch und kein bejahrter Gotteslästerer fein. Auf diese Weise ist auch Reep zu ihr auf den Hof gekommen, vor zwei oder drei Jahren, damals schon grau genug und vom Leben sichtlich durch verschiedene Dornhecken gejagt. Wenn Mutters Gemütsart so ist, daß niemand ihr standhält, den sie lieber weit fort als nahe bei sich Zimmerdecke wieder aus, aber in dem Dunkel, das nun wieder die Kammer füllt, steigen ihr plötzlich selber Tränen in die Augen, und sie bricht vor dem Bett in die Knie, umschlingt Lars mit beiden Armen und laßt ihre Hände in mütterlicher Zärtlichkeit über feine Wangen gehen, wieder und immer wieder. . ,, Lars liegt da, di« Augen geschlossen und die Hande krampfhaft geballt. ’Rein, es ist ja einfach verrückt von ihm. Was sollte das Kind wohl mit den Dingen anfangen, die ihm auf der Seele lagen. Ist es nicht genug, daß er allein darüber unglücklich geworden ist? Was für ein schlapper Kerl er doch ist, sich so gehen zu lassen! Nein, eher will er sich die Zunge abdeihen, als Dörte ein Wort von seinem Kummer verraten. Sieht er nun nicht endlich ein, daß er schon viel zu lange gewartet hat und längst mit sich ein Ende hätte machxn sollen? Wird es nicht am einfachsten sein, Wenn er noch in dieser Nacht auf dem Rückwege nach Haus sich im Moor verirrt, nun alle Torfkuhlen verschneit und zugefroren sind? Kann er da nicht gut und gerne in eine hineingevaten und darin einbrechen und wie ein Stein versacken? „Alles wird besser, wenn du mir gesagt hast, was dich bedruckt, flüsterte Sorte. „Ich lasse dich einfach nicht eher wieder von hier weg, siehst du. Sorgst du dich um Jan? Oder haft du vielleicht Streit mit Mutter gehabt?." Aber Lars schüttelte nur den Kopf zu ihren Fragen und weiß wohl nicht, was er tut, als er sich nun doch plötzlich nachgibt und heiser, verworren und hastig von dem zu reden beginnt, das er sich noch eben vorher vornahm, Sorte aus keinen Fall zu vervaten. „Ja, du", flüsterte er, du bist mir immer von allen die liebste gewesen und die einzige, der ich es sagen kann. Du brauchst es ja darum an niemand weiterzuerzählen, was für einen Vater du hast, nicht wahr? Denn es ist ja mitunter schnell getan mit einem Menschenleben, und darum will ich es wenigstens dir gesagt haben, wenn es nun vielleicht schon bald vorbei ist mit mir ..." Sorte will ihn unterbrechen und trösten, daß es nur das Fieber ist, das ihn so wirr reden läßt und seinen Kopf so heiß macht, daß ihr ist, als müßte ihre Wange an der feinen versengen. Aber ßars scheint sie gar nicht zu hören. Noch nie, daß sie ihn so gesehen hat. Sein Atem keucht, und er stößt die Worte so hastig aus sich heraus, als hätte er sie allzu lange in sich zurückgehalten und sie wären darüber so glühend heiß geworden, daß er sie nicht länger mehr in sich tragen könnte. .Hättest du vielleicht jemals geglaubt, daß du einen zum Vater haben könntest, wie ich einer bin?" flüstert er und preßt sie mit kranpfhastem Sruck an sich. „Einen Hehler und Stehler zugleich? Senn das bin ich, da hilft nun alles nichts." „Nein!" unterbricht Sorte ihn, „das ist nicht wahr, was du da sagst! Su bist immer ein ehrlicher Mensch gewesen!" Senn sie glaubt noch immer, daß es nur das Fieber ist, das aus ihm spricht. Erst als sie sich überzeugen muß, daß alles Wahrheit und grausame Wirklichkeit ist, was Lars ihr da zuflüstert, und sie erfährt, aus welcher furchtbaren Quelle das Geld gekommen ist, das er für seine Moorstelle ausgegeben hat, kommt ein lähmendes Entsetzen über sie. „Ich will gar nicht mal davon reden", fährt Lars fort, „daß ich damals vor dem Hause für Krick Schmiere gestanden habe, denn ich habe nichts davon gewußt. Aber daß ich das verfluchte Geld für ihn aufhob, nun ich mir ja sagen konnte, daß er es nicht gut auf ehrliche Art erworben haben konnte, ja, daß ich noch hinging und es für mich verwendete und es ihm nun nicht einmal wiedergeben kann und mit ihm und seinem Verbrechen verhaftet Neiden muß — das ist das furchtbarste für mich, Sorte!" Sorte ist vor Entsetzen wir erstarrt, und das Herz stockt ihr in der Brust. 0, nun ist ihr auch schreckhaft klar, wie die Singe Zusammenhängen, die ihrer Mutter damals soviel Kopfzerbrechen machten, und warum Lars bald nach dem Erwerb des Hofes für die Ziege, mit der sie da draußen begannen, eine Kuh ins Haus bringen konnte und Hopla und später den Wagen dazu. Waren sie denn alle blind und taub gewesen? Ein Schauer durchrinnt sie, und ein würgender Schmerz steigt ihr in die Kehle, daß sie kein Wort aus dem Munde bringt. Aber als müßte sie wenigstens den Vater trösten und ihn vor dem bewahren, was ihm droht, umschlingt sie ihn mit beiden Armen. „Nein", flüsterte sie endlich mit zuckenden Lippen und immer wieder „nein!", als könnte sie alles, was sie soeben erfahren hat, damit wieder auslöschen. Senn es kann und kann ja einfach nicht fein, daß Lars eine so schwere Schuld auf sich geladen hat. Hat es jemals einen treueren und rechtlicheren Menschen gegeben als ihn? „Su bibberst ja vor Kälte", flüsterte ßars heiser. „Komm wieder ins Bett, hörst du? Es ist zu kalt für dich so, nun doch bloß das dünne Unterkleid am Leibe hast. Oder magst du mit einem wie ich nicht mehr so nahe Zusammensein?" Er weiß es ganz gut, daß es nicht die Kälte ist, die sie so zittern läßt, aber in der Hilflosigkeit und Scham, die in ihm.brennt, findet er nichts anderes, um über den Augenblick hinwegzukommen. Senn nun es geschehen ist, begreift er nicht mehr, wie es gekommen ist, daß er sich so hinreißen ließ und ihre junge Seele mit dem belastete, was auf ihm liegt. „Sorte, kleine Sorte!" flüstert er und zieht sie an sich, um sie an feinem Körper wieder zu erwärmen, so eiskalt wie ihre Glieder bei dem Hocken vor dem Bett geworden sind. Er war wohl nicht ganz mehr bei Verstand, so wie das eben über ihn kam? Nein, das war er wohl nicht. Sarum beginnt er nun sie zu trösten, sucht ängstlich alles herbei, was ihr die Singe ein wenig leichter erscheinen lassen könnte. „Komm, wir müssen einmal zusammen überlegen, nicht wahr? Denn Gott sei Dank habe ich kein Blut an den Fingern, das mußt du bedenken, und wenn ich nur einen Weg wüßte, daß ich Krick sein Geld wiedergeben könnte, hätte ich ja mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun und alles wäre in Ordnung ... Dann laß Krick nur sehen, wie er allein fertig wird und sich vor seinem Gewissen verantworten will. Senn daß ich ihn etwa beim Gericht anzeigen mühte, meinst du wohl auch nicht?" „Ich weiß nicht", antwortete Sorte, die unter seinen Worten wirklich etwas ruhiger geworden ist. „Ich meine beinahe, daß du es müßtest. Aber was Hilfe es dir auch, wenn man ihn verurteilte und bestrafte? Nein, zuerst muhtest du sehen, wieder gutzumachen, was geschehen ist." „Wie?" fragte ßars verwundert. „Wieder gutmachen? Ja, wenn ich das könnte! Und an wem meinst du? An der Toten ist es doch unmöglich. „Davon rede ich auch nicht. Aber hast du schon einmal daran gedacht, daß du das Geld auf keinen Fall Krick wiedergeben dürftest, auch nicht, wenn du es jetzt ohne Mühe beisammen hättest?" „Nicht?" fragt ßars und hebt erstaunt den Kopf. „Nein, es gehört ihm doch gar nicht, siehst du das nicht ein? Er hat es doch geraubt, und es ist niemals und in keinem Augenblick sein Eigentum gewesen." Das ist richttg, aber so ganz versteht ßars Dorte auch jetzt noch nicht. „Denk doch einmal, ihr kämt vor den Richter. Meinst du, er würde sagen, daß es Kricks Geld war, um das es zwischen euch geht und du mühtest es ihm nach wie vor zurückgeben? Wird er nicht sagen, dah es den Erben der alten Frau gehört, die Krick so heimtückisch ermordet hat? Sie alte Frau wird doch jemand hinterlassen haben, nicht wahr, dem es in Wahrheit zukommt." „Hm", sagte ßars nachdenklich, „so meinst du es! Ja, da hast du sicher recht. Aber ich habe ja die Summe nicht mehr, das ist es doch!" wendet er kleinlaut ein. „Safür ist doch der Hof da, nicht wahr? Su hast das Geld doch mcht vertan, als du den Hof dafür kauftest, siehst du, .unb es eigentlich so für den richtigen Eigentümer am besten aufgehoben!" Der Gedanke kommt wie eine Erlösung über ßars. Dah er das noch nie so gesehen hat. Eine Freude steht in ihm auf, die ihn beinahe wirbelig macht vor Glück. Und da hat er sich so sinnlos von Krick untertnegen '“^/Denn in Wahrheit gehört dir der Hof ja nicht, Vater. Er hat dir nie gehört, wenn man richtig darüber nachdenkt." , ’Rein, nein, da bist du ganz im Recht!" stimmt ßars eifrig zu. „Darum wollte ich ja auch Krick schon alles überlassen, er wollte nur nicht." „Ein Glück, daß es nicht dazu gekommen ist. Nein, du muht dich nach dem umsehen, dem der Hof in Wahrheit gehört, und dem muht du ihn übergeben. Dann wollen wir doch sehen, was Krick bann macht unb ob er nicht aufhören muh, bich zu quälen!" „Ader bann muß ich boch alles sagen, wie es bamals gewesen ist unb dah Krick der Mörder war, unb ich habe ihm boch mein Wort gegeben, baß ich ihn nicht angeben ober verraten will. " „Ja, das ist schwierig", gibt Dorte zu. „Nun, vielleicht, daß sich trotzdem ein Weg findet. Wenn es aber nicht zu umgehen ist, wirb es beine Schuld nicht fein. Jedenfalls gibt es jetzt für dich gar keinen anderen Weg, meine ich", fetzte sie hinzu. „Du mußt tun, was recht ist, und dich um sonst nichts kümmern. Sann laß alles nur ruhig gehen, wie es will und muß. Es kommt für dich nur darauf, an, das Unrecht wieder gut zu machen, das du auf dich geladen haft." (Fortsetzung folgt.) hat, dann ist Reep nun gar eine völlig hartnäckige Natur. Mutter hatte oft genug vor, ihn in Gnaden wieder der Landstraße anheimzugeben; aber sie wagt es niemals, wenn der Entschluß zur Tat gemacht werden soll. Es ist sogar so, daß Reep hin und wieder droht, er werde den Hof mit allem, was darauf leibt und lebt, hartherzig seinem Schicksal überlassen. Natürlich bleibt er jedesmal. Am meisten offenbart sich die Macht, die er auf seine besondere Weise ausübt, bei den jährlichen großen Festen, vor allem beim heiligen Christfest. Er geht dann tagelang wie ein währender stiller Vorwurf aus dem Hof herum, und es ist wohl zu merken, daß er sich selber für einen unglücklichen Menschen hält, weil alle in diesen Tagen für liebe Kinder sorgen dürfen, er aber das Fest allein und unter fremden Menschen verbringen muß. Mutter hat zwei Kinder gehabt, sie sind, noch vor dem Mann, an einer plötzlichen Krankheit gestorben; so versteht sie also seinen Schmerz, wenigstens bringt sie es nicht fertig, ihn in seinen Betrachtungen zu stören. „Er wird schon wissen, was ihm wehtut", sagt sie; die andern auf dem Hof meinen freilich, daß er Mutters Gutmütigkeit ausnützt. „Warum soll er es nicht? Er nimmt euch damit ja nichts", sagt Mutter. Und dabei bleibt es; er nimmt ihnen wirklich nichts. Der Heiligeabend ist für Mutter der schönste Abend des ganzen Jahres. Sie geht nachmittags mit Knecht und Magd und allem, was auf dem Hof ist, zur Christvesper; der brennende Baum vor dem Altar, vor allem aber die frommen Gesänge aus Kindermund stimmen sie weh und fröhlich zugleich, und sie weiß nicht, welches andere Erlebnis sie dem gleichsetzen könnte. Vorher aber kommen die Vorbereitungen für die Feier auf dem eigenen Hof. Es muß ein Baum geholt werden, und Reep weiß wohl, daß Mutter auf den Augenblick wartet, da der jüngste Knecht zu ihr kommt und sagt, daß er mit seiner Arbeit fertig ist und die Tanne holen kann. Der Knecht ist da, und nun zeigt sich, daß auch Reep in der Nähe ist. Er steht nicht faul herum, aber er wählt feinen Platz so, daß Mutters Äuge auf ihn fallen muß. Sie sieht ihn. es ist ja nicht das erste Mal, daß die Dinge in dieser Weise vor sich gehen; Reep wirst nur einen einzigen Blick herüber, und der sagt, daß Mutter für dieses Geschäft natürlich den Knecht wählen wird, der kein anderes Verdienst hat, als daß er jung und kräftig ist, während er selber mit seinem Aster und seiner Erfahrung wieder einmal hintangestellt wird. Das Ende ist, daß Reep den Baum holt. Er bewaffnet sich mit einem kleinen Handbeil, geht nicht sogleich vorn Hof, sondern läßt Knecht und Magd deutlich genug merken, daß doch dem Verdienst seine Krone geworden ist und er es fein muß, der dem Fest feine Weihe gibt. Dann geht er; aber obwohl der Wald gar nicht so weit entfernt ist, kommt Reep lange nicht. Zuletzt, als alle meinen, daß Mutter in diesem Jahr den Baum gewiß nicht mehr vor der Vesper fertig bekommen wird, erscheint er zwischen Stall und Scheune. Er zieht den Baum hinter sich her, er zieht ihn wie einen Schlitten über den Schnee. Und nun glänzt sein Gesicht, er bringt gleichsam den ganzen Wald zum Fest herein. Es ist keiner von den beftgewachfenen Bäumen; die Zweige sitzen ungleich am Stamm, die Spitze ist ein wenig schief, und nach der Mitte zu sind ein paar verkrüppelte Zweigenden wie zu einem richtigen heimlichen Nest zusammengewachsen. Reep aber ist stolz, und auch Mutter ist mit seinem Dienst zufrieden; sie Jagt, daß ihr eine solche Tanne im Grunde lieber ist als eine gleichmäßig schlankgewachsene. „Man sieht, wie das Bäumlein gearbeitet hat, um nach oben zu kommen und ein richtiger Tannenbaum zu werden", sagt sie. Zuletzt finden das auch die andern, und als der Baum erst in feinem Fuß steht, ist überhaupt von feinen Schwächen nichts mehr zu erkennen. Obendrein weist sich aus, daß Reep gerade noch zeitig genug gekommen ist. Er legt das Beil befriedigt fort. Darauf bleibt Mutter eine lange Weile allein in der Stube, in der am Abend der Baum brennen wird; sie schmückt ihn, und dann legt sie für jeden die Geschenke zurecht. Das ist, vor allem für die Mägde, eine unerträgliche Stunde. Sie machen ihre Arbeit, aber dabei können sie nicht anders als immer wieder einmal zu der Tür hinzuhorchen, hinter der sie Mutter wissen. Sie schwätzen miteinander, unterbrechen ihre Rede, horchen, und dann schwätzen sie wieder. Auch die Knechte sind ziemlich in Aufregung; immer wieder kommt einer vom Hof herein, sieht in die Küche, in der die Mägde beschäftigt sind, und macht sich dann wieder zu den andern. Es ist unmöglich, in dieser Stunde ein alltäglicher Mensch zu fein; fast ist es unmöglich. Reep tut gar nichts dergleichen. Eine lange Zeit hindurch sieht man ihn nicht, dann steht er plötzlich in der Küche, blickt strenge auf die Mägde, ob sie über all ihrem Geschwätz denn gar nicht weiterkommen wollen, und dann geht er durch die Tür. Er geht geradeswegs durch die Tür, die heute für niemanden offen ist, bis Mutter sie feierlich öffnet. Die Mägde kennen das schon, sie haben es sich für diesen Abend aber doch nicht erwartet, sie sind sprachlos, und die jüngste unter ihnen findet fein Tun schlechtweg schamlos. Reep steht also in der Stube, er bleibt an der Tür, und Mutter- kümmert sich zuerst gar nicht um ihn; bann will sie ihn wohl ablenken und fragt ihn nach dem Wetter. Denn nach der Erfahrung der Dörfler gehen Gäste, die spät kommen, auch spät; und zum Christfest muß Winter fein, wenn das Jahr in Ordnung kommen soll. Januarschnee ist gut, die weiße Decke zu Weihnacht ist ganz unerläßlich. „Was meinst du , fragt sie ihn, „wird es Frost und Schnee geben?" Reep hat vielleicht ein ganz anderes Wort erwartet; er brummt leden- salls, und es ist nicht ersichtlich, ob er Schnee oder was fönst voraussagt. Dann wird er freier, und Mutter hört ganz deutlich, daß er ihr antwortet. „Dumme Frage, der Schnee liegt schon fußhoch, und die ganzen Wege werden heute abend verweht fein." s Nun fährt Mutter herum. „Cs ist nicht nötig, daß du hier stehst und siehst, was das Christkind dir wieder einmal beschert hat! Darauf wendet Reep sich stracks um, kehrt das Gesicht zur Wand; und letzt steht Mutter eigentlich erst, daß er ganz im Recht war. Er tragt feinen guten Rock schon, und er wird sich nicht eher damit auf den Weg zur Vesper begeben, bis sie ihn darin nicht von allen Seiten besehen hat. Ja, Mutter war wieder einmal zu schnell, alle Schuld Hegt bei ihr; warum ist sie mit ihren Zurichtungen nicht schon lange fertig? Sie läßt den Gabentisch also, wendet sich ihm zu, sagt ihr Urteü, und Reep geht erhobenen Hauptes aus der Tür. Jetzt beginnt für Ihn das Fest. Bevor Mutter sich in den Schlitten setzt, um zur Kirche zu fahren, stellt sie sich entschlossen vor ihn hin und sagt: „Du wirst uns natürlich auch an diesem Abend die Chriftandacht stören?" Das ist eine harte Frage für ihn, er antwortet aber gar nicht darauf, hebt nur die Arme und sagt: „Ich habe euch alle hier schon so satt; jetzt sogleich werde ich mein Bündel schnüren und wieder auf die Landstraße gehen." Mutter steigt zu dem Fahrer auf den Vordersitz, sie sitzt nicht gern hinten, well sie sich in ihren Gedanken nicht stören lassen mag, auch nicht durch einen Rücken, der unbeweglich vor ihr aufgebaut ist; sie muß den Weg und ihre Pferde vor sich haben. Nach ihr steigt Reep auf den Schlitten; er hat vorsorglich einen Sack mit Häcksel hinaufgetan, da fitzt er nun, um Rücken und Knie hat er sich warme Decken schlagen müssen. Das ganze Dors ist unterwegs. Niemand denkt an die Saugkälber Im Stall oder an die junge Saat auf den Aeckern. Es ist Christoorabend, die ewige Tanne steht auf dem Schnee, und über der starren Weite unter der blauen Kuppel der Dämmerung soll das Licht erblühen. Unterwegs, als der Schlitten fachte über die verwehten Gründe gleitet, wendet Mutter sich um und fagt: „Komm' näher heran, Reep." Er tut es, und sie befiehlt ihm mit ihrer eigenwilligsten Stimme: „Du gehst heute abend nicht von deinem Platz, damit du mir nicht die gleiche Schande wie im vorigen Jahr machst." Er antwortet gar nichts, und darauf erzählt Mutter, fo gut es bei dieser Gelegenheit gehen will, die Geschichte von den beiden Engeln, dem Hellen, Lichten und dem Schwarz- geflügelten; dem einen, der Wollen und Ausführen in eins bringen konnte, dem andern, der wohl das Gute wollte, aber das Bose tat. Wie Reep vorhin gar nichts geantwortet hat, fo bezieht er auch diese Geschichte keineswegs auf sich, er brummt nur, und Mutter fragt: „Was jagst du da?" Reep aber sagt nichts anderes als: „Was weiter? Schlechte Kerle und anständige Menschen hat es immer gegeben." Mutter seufzt, sie fagt: „Setz' dich nun wieder ordentlich zurecht!" Und dann erinnert sie sich an die letzte Christvesper; das Kirchdorf kommt gerade hinter den Schneehügeln zum Vorschein. Mutter saß damals, gesammelt und für jede Erbauung vorbereitet, auf ihrem Platz; Reep stand auf dem Chor hinter der Orgel, er wollte den himmlischen Tönen wohl so nahe wie möglich fein, und Mutter hat ihm hinterher bas Unschickliche seines Verhaltens auch nicht barlegen mögen. Als bie Gemeinbe zum Hauptgesang ansetzte, erschrak sie; sie sah, baß Reep sich von seinem Platz löste unb hinter den Köpfen ber Dorfsänger verschwanb. Ein wenig später stieg er bie Chortreppe herunter, unb in biefem Augenblick hätte Mutter am liebsten weit fort auf bem Schnee gesessen. Er merkte ihre Gedanken wohl nicht, jedenfalls kümmerte er sich um gar nichts, er ging burch bie ganze Kirche hinburch unb bann an ben Baum; unb nun wußte Mutter, was er vorhatte. Der Küster hatte ein Licht übersehen, bis bahin war sie bas nicht gewahr geworben, jetzt sah sie es. Das Licht saß ein wenig hoch am Baum, Reep konnte es nicht erreichen Statt daß er sich nun aber sachte wieder fortgemacht hätte, tat er nichts dergleichen; er ging vielmehr zur Sakristei hinüber, wo die kleinen Holzfchemel für allerlei Verrichtungen in der Kirche stehen, trug einen heran, nahm ein brennendes Licht, und dann stieg er auf ben Schemel. Mutter meinte vor Zorn unb Aengsten und der Sorge um Reep zu vergehen; denn dl« Schemel waren alt unb nicht alle befonbers fest. Er bekam aber ohne Unfall fertig, was er sich vorgenommen hatte, entzünbete bas Licht, stieg dann wieder herab und brachte den Schemel obendrein auch noch an seinen Platz, obwohl das wirklich nicht nötig gewesen wäre. Dann begab er sich wieder auf das Chor. Mutter meinte nun freilich bei sich, daß der Baum erst jetzt ganz festlich strahlte unb baß ihn vorher bas eine bunfle Licht wirklich ein wenig kahl unb büfter gemacht habe, aber das, was sie ausgeftanben hatte, blieb ihr noch lange in ben ©Hebern, ste konnte hinterher kaum auf ben Schlitten kommen. Gleichwohl wollte sie ihm keine Vorhaltungen machen; sie hatte ja fein befreites unb erlöstes Gesicht gesehen, mit bem er nach seiner Verrichtung burch bie Kirche gegangen war. Mit solchen schweren Gebauten plagt Mutter sich also, als sie von ihrem Schlitten steigt unb in bie Kirche geht. Aber an diesem Abend macht er es ihr leicht; er steigt nicht bie Chortreppe hinan, fonbern geht dahin, wo bie alten Leute von ben Hosen sitzen, unb er fällt logleich in eine tiefe Anbacht. Auch Mutter wird festlich gestimmt; ber Baum brennt, fast vor jebem Platz steht aufjerbem ein Licht, unb bie Orgel hebt sogleich mit einem leisen, getragenen Vorspiel an. Auf dem Chor sieht sie die Gesichter der Sänger, bie Kinber haben einen besonderen Platz, und später wird die Geschichte von dem Heiligen Kind verlesen. Darauf folgt ber Hauptgesang, unter ben ersten Versen nimmt einer ber Kirchenältesten ben Stock unb trägt ihn von Bank zu Bank, bamft jeber feine Gabe hineintut. Mutter wirft ein Auge hinüber, ste steht, daß Reep ben Mann gar nicht beachtet, obwohl ste selber ihm für diesen Zweck vor der Herfahrt einen guten Groschen in bie Hand gegeben hak. Er singt jedoch und läßt sich durch nichts anfechten; er hat bie Augen tief im Buch, singt laut unb herzlich unb hat Zeit unb Gelegenheit vergessen. „Wie ist bas möglich", ben» Mutter, „muß er mir benn jebesmtrt Kummer machen?" Aber es geht vorüber, unb vielleicht haben nur wenige gemerkt, daß einer von Mutters Hof, gerabe von ihrem, an biefem Abenb nicht geopfert hat Sie nimmt sich aber vor, ihm heute verschiedenes zu sagen und ihn nicht zu schonen. Später sieht sie, daß Reep das Licht von seinem Platz genommen hat und es in der Hand hält. Vielleicht hat er es schon beim Gingen herabgenomrnen, weil er die Worte in seinem Buch nicht ordentlich lesen konnte; nun aber konnte er es wieder an seinen Ort bringen. Er tut es nicht, er sitzt in sich versunken da, und das Licht hält er in der ^Donn gehen die Kinder an den Baum, ste erheben ib-e jungen Augen andächtig, sie fingen ihre frommen Gesänge, die Mutter cm Weihnachten, ein Fest der Musik. Von Hans Brandenburg. Jedes Fest, jedes westliche und jedes geistliche, wird von Musik begleitet oder gekrönt, aber Weihnachten allein ist ganz aus Musik geworden. Zwar will es scheinen, als sei die Weihnachtsfeier der Jahrhunderte ein einziger Zug bildnerischer Kunst, der von den Altären durch Kirchen und Häuser schreitet und in unzählbaren Gemälden und geschnitzten Figuren seinen Wandel verfestigte. Allein es ist nur der Gestalt gewordene Triumphzug wie des Heils und des Wunders so auch der Musik. All diese Engel singen, sie rühren das Saitenspiel, Spruchbänder mit dem „Gloria in excelsis“ hängen von ihren Lippen, die nicht einmal im Bilde stumm bleiben dürfen, und Notenblätter flattern in ihren Händen. Alle diese Hirten tragen, wepn sie keine anderen Gaben haben, Flöte, Dudelsack und Schalmei. All diese Könige finden kein Genügen in Weihrauch, Myrrhen und Gold, den kostbarsten Geschenken der Erde, die sie anbetend darbringen, sondern Musik zieht ihnen voraus wie die Strahlen ihres Sternes. Und wenn die Meister der Weihnachtskrippe ihre Kleinkunst an den Sllberschatz verschwendet haben, so bilden sie mit noch größerer Liebe die winzigen Musikinstrumente als eingelegte Arbeiten aus Schildkrot, Elsen- bein und Perlmutter. Noch älter als die Krippen und Altären sind die weihnachtlichen Aufführungen und Bräuche. Das Weihnachtsspiel ist, wie, nach des Musikers N i e tz s ch e jungem Wahrtraum die antike Tragödie, aus dem Geist der Musik geboren. Die Geburtshöhle selbst, die man in Bethlehem zeigte, war ?gleichsam sein Ursprungsort, und die ersten Christen, die hierhin wclll- ahrteten, konnten sicher nicht reden, sondern höchstens fingen oder hörten, wenn ihre Gebete stumm blieben, noch, über Jahrzehnte hinweg und von Ewigkeit zu Ewigkeit, den Gesang der Cherubim und Seraphim. In den ersten Jahrhunderten zeigte man in Rom Reliquien der Krippe, und die Andacht, die in der Christnacht vor ihnen gehalten ward, ist früheste Kirchenmusik gewesen. Als älteste Spur einer dramatischen Handlung sel)en wir die volkstümliche und weitverbreitete Sitte des „Kindleinwiegens", also eine musikalische Zeremonie. „Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein", klingt es noch bis zu uns herüber, von einem neuen Meister — Max Reger — wieder aufgegriffen. Und auch der mittelalterliche Mischgesang, jene lateinifch-deutsche Zwiefprach in gelungenen Worten, etwa der „Quempas": „Quem pastores laudavere — den die Hirten lobten sehre", ist ebenso wie der Umzug der Epiphanias- sönger. der heiligen drei Könige mit ihrem Stern", die wir bei Goethe und Hugo Wolf wiederfinden, überkommenes Zeugnis erster Rollenverteilung. Doch auch als das Spiel über das „Ansingen", über die „Hirtengespräche" und „Wechselgesänge" hinaus verbreiterte und selbständige Bühnenhandlung und Wortdrama geworden ist, bleiben ihm Gesang und Jnstrumentalklang beigegeben und eingeflochten, ja, nur sie vermögen seinen letzten und wahren Sinn zu offenbaren. Die Hirten sprechen: „D Wunder, was will das bedeuten? Ich hör ein Singen von weitem. Ich hör ein wunderlieblich Klingen. Wer mag uns davon Botschaft bringen?" — eine Botschaft, die nur auf Flügeln der Musik in die Herzen dringen kann. „Ist ein Jubeln und Freuen auf unserer Schäfersweid... Es finget, es klinget, Flauten blasen, Harfen schlagen, und ich kanns ja nit alles alles beringen, was sich bat zugetragen... Es singt die schöne Nachtigall ... Die Englein fingen all." Und einer der Hirten spricht zum Jesuskind: .Doch weil i nix hab in mein Güatl, so tua i dir halt fingen a Liadl." Das ist genau wie auf den Krippen, und wie auf den Krippen kündigt fick mid) hier der Zug der Könige an: „Die Trammel hör ich schallen b’» Pauken hör ich knallen ..." Das bichterische Weihnachtsspiel, das ber Musik nicht entraten kann, lebt bis heute in immer neuen Bildungen weiter, allein auch das musikalische ist noch Mit Hans P f i tz n e r s „Christelflein" in die Oper gedrungen. derselben Stelle schon gesungen hat; sie sitzt ergriffen da, sie Ist nur Hingabe und Rührung, und in ihren Augen hat sie die Tranen, die den eigenen Kindern draußen auf dem Friedhof gelten. In der Kirche ist es ganz still, nicht einmal in den Pausen zwischen den einzelnen Versen, die ohne Orgelbegleitung gesungen werden, vernimmt man ein Geräu ch; alles geht gleichsam atemlos vor sich. Dann aber fährt Mutter auf ihrem Platz zusammen: sie hort Reep ja sie hört ihn in dieser Stunde. Sie andächtig zum Baum erhobenen Augen, vor allem die hellen Kinderstimmen rühren ihn zwar nicht zu Tränen, ein solcher Mann ist er nicht, aber sie rühren ihn zu anderen Dingen. Er ächzt und stöhnt, er räuspert und schnauzt sich, und er läßt die ganze Gemeinde auf diese Weise an seiner Rührung teilnehmen. „ , , ... Mutter wagt es, sie sieht schnell einmal zu ihm hinüber. Er hat sich weit vorgebeugt, und er sitzt da, als ob er völlig auseinanderfallen möchte. Er bläst seine Rührung aus sich hinaus; man hört ihn sogar unter dem Singen der Kinder. Und dabei hält er noch immer das Licht fest. Mutter bedeckt das Gesicht mit der Hand; er macht es ihr so arg, daß sie in ihrem Stuhl vor Scham fast laut herausweint. Nach der Feier trifft sie mit ihm am Kirchenausgang zusammen, und jetzt will sie ihm sagen, was sie über einen solchen Kirchenschänder denkt; vor allen Leuten wird sie es ihm sagen, er hat sie vor der Gemeinde ja auch nicht geschont. Als sie zum ersten Wort anheben will, um ihm auszudeuten, wie unglücklich er sie mit feinem Lärmen und Blasen gemacht hat, kann sie es doch nicht. Sie sieht, daß seine Hand dick voll Wachs geträufelt ist. Er hat fein Licht damit gehalten; und wenn er nicht gemerkt hat, wie ihm die glühheiße Flut über die Haut gelaufen ist, kann er auch von seinem Aechzen und Stöhnen nichts gemerkt haben. Mutter kann nichts anderes tun, als auf die nächste Christnacht hoffen, wo er es ihr unter der Feier vielleicht einmal nicht so heftig machen wird. Damit sind wir bei der eigentlichen Weihnachtsmusik angelangt, die zunächst und vor allem Kirchenmusik ist. Sie reicht mit dem gregorianischen Choral bis in die Antike, ja bis in den Orient zurück und also in den Ursprung von Weihnachten selbst, in das Herz des Wunders von der Menschwerdung des Gottes. Da ist dies Wunder und Geheimnis noch Wirklichkeit, es braucht keine „Ansinger", es braucht noch nicht die Har- tnonie, die ja immer schon Bändigung vorhandener Disharmonie bedeutet, es ist Einstimmigkeit, und diese geeinte und unbegleitete Menschenstimme wird Engelsstimme, bei deren Modulation in den Schwingungen ber Dome, ber Pfeiler, Runbbogen und Gewölbe alle Unter- und Obertöne mitschwingen. Doch erst Deutschkanb und bie deutsche Musik hat wie die Passion so auch die Weihnacht vollendet. Die spanische Hirtenflöte des Sonnenhimmels ward nur im Norden zur liebebangen Schalmei der winterlichen Weihenacht, in der die Tiere reden dürfen. Es ist ja zugleich die Sonnwendnacht, mit dem Heiland der Welt wird — „mitten im falten Winter" — das wiederkehrende und wachsende Licht der Welt geboren und vertreibt am Ende den Spuk der zwölf Nächte, das Toben des wilden Heeres. Nur durch Umwandlung einer Naturreligion in eine Religion des Geistes konnte die wahre Weihnacht werden, und in der Krippe lag mit dem Erlöser und Lichtbringer auch der Genius der deutschen Musik. Nie ist der germanisch-christliche Glaubensbruch überwunden worden, er hat spät durch Luther zu einem neuen geführt, der im Grunde der alte war, aber er blieb, wie alles Gegenpolige, lebensspendend. Die Kluft schloß sich nie, doch sie wurde überbrückt, und die Musik ist es, die diese Brücke schlug. Wenn ein Bild Luther mit der Laute unter dem Weihnachtsbaum darstellt, obwobl es damals noch keine Weihnachtsbäume gab, so ist das doch in einem tieferen Sinne wahr. Denn Luther konnte wohl ein Bilderstürmer, allein er mußte ein Musiker und Weihnachtsgläubiger, und nur in diesem Sinne konnte er ein Dichter fein. Der Kindersinn der Weihnacht war ihm wie keinem eigen, kein Lob hat er gefungen wie das der Musica, und das neue Jahr feines Kinderliebes auf die Weihnacht, in dem noch einmal der Engel der Verkündigung hemiedersteigt, hält seinen Einzug mit der musizierenden Menge der himmlischen Heerscharen: „Des freuen sich der Engel Schar und fingen uns solchs neues Jahr." Reben den gregorianischen ist nun der lutherische Choral, neben den Priestergesang der Gemeindegesang getreten, und dadurch erst ward es möglich, daß auf das katholische Mysterium das evangelische Kirchendrama aus Orchester - Vor- und Zwischenspielen, Bibelworten, Chören, Chorälen, Reziiativen und Arien mit Verwendung ber Orgel und ber Instrumentalmusik folgte, mit Entfaltung ber ganzen Harmonie und Poly- phonie ist für bie Christenheit aller Konfessionen bas geistliche Spiel geworden, und nur in der Form von Bachs Weihnachts-Oratorium eroberte sich auch das Weihnachtsspiel die Welt. Das „Kindleinwiegen" ber Jahrhunderte sammelt sich in bem einen Wiegenlied: „Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh", und die „Sinfonie" ist bie Weihnachtsmusik aller Weihnachtsmusiken, liebes- und sternenselige heilige Wunbernacht, in der sich Jenseits und Diesseits, Himmel und Erde, Gott und Mensch, Engelgesang und Hirtenschalmei feierlich vermählen. Aber mit Kirche und Konzert wetteifert das deutsche Haus in der musikalischen Verherrlichung ber Weihnacht. Keiner unserer Dichter kann Hans unb Familie im Christbaumglanze schauen, ohne daß dieser Glanz Musik wäre, ob bei Conrad Ferdinand Meyer unter dem Jubel von „Eia Weihnacht!" der Purpur des verzeihenden Kaisers über den sündigen Bruder gleitet, ob aus den verschneiten Wäldern um Liliencrons „Poggfred" im Knabenzwiegesang des „Hosianna in excelsis" tönt. „Es ist ein Ros entsprungen", blüht es mit der fremden mystischen Aureole mittelalterlicher Musik noch heut in den deutschen Winter, und den weihnachtlichen Volksliederschatz haben Reformation und Gegenreformation, Klänge aus allen vier Winden unb sogar bas Kunstlieb, wie bas bes Peter Cornelius, vermehrt ober gesteigert unb verfeinert. Hier ist bie Krippenkunst, bie aus Musik hervorging, wieber Musik geworben, und Hirten und Könige aus Böhmen, Sizilien und Portugal antworten mit ihren Weisen unserem uralten „Susanni". Bis in die Christmetten ber katholischen Dome bringt bas Volkslieb, und wenn bie Gemeinbe bem Herrn in ber Wanblung mit bem Gesang begegnet: „Es kam die gnadenvolle Nacht, die uns das Heil der Welt gebracht", so fragt sie nicht danach unb weiß es nicht einmal, baß diese Worte von dem protestantischen La na ter sind. Erst das vorige Jahrhundert hat auch bas Weihnachtslied und die übrige weihnachtliche Hausmusik veräußerlicht und industrialisiert, zum kindischen Christbaumtalmi, zum sentimentalen Oelpapier-Trans- parent herabgewürdigt unb die Krippe zum bloßen Geschenketisch gemacht. Allein auch darauf ruht Glanz der Kindheit und der Erinnerung. Und wer will verkennen, daß noch der musikalische Drehständer eines künstlichen Weihnachtsbaumes der Sehnsucht einer verirrten Weihnachtsfeier nach sich selber, nach wahrer Musik, verrät unb daß noch in den schwingenden Metallzungen einer dörflichen Mundharmonika ein Nachhall silberner Engelstimmen zittert? Der Anfang des letzten Jahrhunderts bat uns ja auch erst vom Gebirge her, aus schlicht ländlichen Lehrer- und Organistenseelen, das verbreitetste Weihnachtslied, das Lied von der stillen Nacht, heiligen Nacht geschenkt, das, musikalisch und dichterisch nur ein bescheidener Spätling reicherer Kunstblüte, doch mit feinem einfachen Dreiklang wie mit Glocken in bem Kerzenlicht bes Christbaums schwebt. Unb biefe Weihnachtstanne, auch erst ein Jahrhundert alt, ist aus Mytbe geboren unb aus Musik gewoben unb barum boch so alt wie bie Deutschen selbst. Sie ist Erb- unb Himmelsachse, ber Weltbaum unseres Kosmos, behangen mit den goldenen Sonnwendäpfeln der Hesperiben, die nur im Norden reifen. Als'Bild unb Form ist dieser Weihnachtsbaum, diese immergrüne Hofsnungsfichte, nicht zu fassen. Er ist die Welt nicht als Vorstellung, sondern als von sich selbst erlöster Wille, erfüllt von der Musik des Sternenraums im Glasklang der Kugeln und im Knistern des Lichts, bas Christkind in der Krippe an feinen Wurzeln bergend und überschwebt vom singenden Engel ber Verkündigung. Meran twortitch: Or. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Untversitäts-Buch- und Eteindruckeret. 2d. Lange, Gießer».