MkenerKnnilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 75 Zreitag. den 27. September ahrgang 1955 unter tausend jungen Männern, die alle gleich hübsch, tüchtig und gleich angenehm sind, gerade diesen einen Alsred Meimberg ausgesucht? Jeden andern Menschen, der diese Frage stellte, würde Barbara aus- lochen. Aber Tante Anna ist mit ihrem gesunden Menschenverstand und ihrem harten Witz die Autorität ihrer Kindertage. Ihr versucht sie es zu erklären. Daß sie nach einem schweren Arbeitsleben unter lauter Kranken einen gesunden, einfachen und Hellen Menschen brauchte. Daß sie nach einer Liebesenttäuschung mit einem bedeutenden, aber unübersichtlichen Mann diesen zuverlässigen Menschen haben wollte. Sie glaubt außerdem nicht, daß Alfred Meimberg in seiner Art unbedeutend ist. Aber es kommt ihr auch nicht darauf an. Er ist auf alle Fälle ein echter Mann mit allen guten und ganz wenigen schlechten Eigenschaften der Männer. „Er ist reizend", sagt Frau Schreiner, „gepflegt, hübsch und exakt. Aber du bist ein außergewöhnliches Mädchen." Barbara schüttelt den Kopf. Sie will nicht außergewöhnlich sein. „Wer gewöhnlich sein will", nickt die geborene Löpel, „der ist es nicht. Die alte Exzellenz, der Staatsminister Löpel, setzte sich zu den Bierkutschern. Behauptete, daß er sich nur in der Kutscherkneipe wohlfühlte. War eben ein ungewöhnlicher Mensch mit der Sehnsucht nach dem Gewöhnlichen, und das ist besser als der gewöhnliche Mensch mit der Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen. Und reich werdet ihr auch nicht sein? Aber das macht wohl nichts. Ihr jungen Leute versteht ja sowieso nichts mit Reichtum anzufangen." „Du rätst mir also entschieden ab", lächelt Barbara. „Nein", sagt Frau Schreiner, „ich will dir nur klarmachen, wie das Leben wirklich ist, außerhalb der sausten Luft eurer Krankenzimmer und der rosa Atmosphäre einer Verlobungszeit. Ich will dir die Riesenenttäuschungen ersparen, die jede Frau im Anfang ihrer Ehe hat." Sie berichtet ausführlich, was sie in den ersten Jahren ihrer Ehe ausgestanden hat. Wenn sie damals gewußt hätte, was sie jetzt weiß ... Nun ja, sie hätte schließlich ihren Otto, den dicken Schreiner, auch geheiratet, aber sie hätte nicht Dinge bei ihm gesucht, die unmöglich zu finden waren. Es ist also zum ersten entscheidend, mit welchen Erwartungen man eine Ehe anfängt. Zum zweiten muß man wissen, wer in der Ehe führen soll. Nach außen natürlich führt der Mann. Immer. Wenigstens, wenn die Frau Takt und Würde hat. Aber in Wirklichkeit muß die Frau oft führen. Das darf der Mann allerdings nie merken. „Er bestimmt. Aber was er bestimmt, das bestimmt die Frau. Klar? Nein?" Barbara schüttelt den Kopf. Sie hat die letzten Aphorismen nicht mehr gehört. Sie denkt über etwas sehr Merkwürdiges nach. „Etwas sehr Merkwürdiges?" fragt die Tante ärgerlich, daß sie ihre gescheiten Aussprüche so unnütz wie Zigarettenrauch in die Sommerlust geblasen hat. „Etwas Merkwürdiges? Da bin ich ja gespannt." „Ich habe heute meine erste Liebe getroffen", sagt Barbara und nimmt sich eine der parfümierten Zigaretten. Die Tante wartet, aber Barbara spricht nicht weiter. „Du erzähltest vor Jahren davon", nickt die Löpel. „Natürlich in Schreinerscher Manier. Ein Kaufmann aus China war's oder so. chattest sogar ein Bild von ihm chager, verkniffen, gescheit und reich ... Das war er doch ?" „Ich war heute mit ihm in einem Cafe , fahrt Barbara fort. „Verabredet?" fragt die Tante streng. „Am Tage vor der chochzeit verabredet?" ~ m , ,, .„ Barbara schüttelt den Kopf. „Nein, zufällig getroffen! Die Tante schlägt die chände erregt zusammen. „Getrofsen ... zufällig getroffen! Allah ist groß, und Berlin ist klein. Kaum zu glauben chätte ich ihn nicht heute morgen getroffen , sagt Barbara, „so hatte er heute nachmittag angerufen. Gekommen wäre er doch/ Nun und ...?" drängt Tante Anna. " und", sagt Barbara, „nichts und. Aus. Schluß. Ich habe ihm gesagt, ich reise fort. Ich reise nicht allein fort. Da ist die Sache doch erlcbicit. 9lfd)t tüQf)t?" , Möalick" antwortet Anna Schreiner, „wenn er em ehrlicher, ge- wissenhaster, ordentlicher Mensch ist, dann ist es erledigt. Wenn er aber der Mann von damals ist, der sich mit Chinesen und Japanern, mit Mongolen und Russen herumgeschlagen hat, dann ist das nicht so klar. Es ist trotzdem einfach", meint Barbara, „morgen abend sind wir wea Schluß. Und wenn bis dahin irgend etwas passiert ... Du ha t nn„i „ckt unmöglich ist es nicht ... Denn wenn etwas unmöglich ist, dann fängt es an ihn zu reizen ... Also dann muß eben Alfred mit ihm füredien. Ganz einfach. Nicht wahr?" 1 Alsred mit ihm sprechen?" fragt Tante Anna leise. „Weiß er es denn schon? Nein? Na, Gott sei Dank! Ist es deine Sache oder seine? «nie? Willst du ihn gleich mit deinen nicht fertiggemachtenGeschichten niagen» Das rührt den Mann anfangs, sage ich dir, aber spater erbittert es ibn"1 Bist du ein Mädchen aus Großmutters Zeiten oder eine selbständige junge Frau von heute? Um Himmels willen: Laß Alsred aus Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Hollanöer kopgkight 6g August Acherl - Symphonien von Brahms ... denken Sie! Oder gar mit Liedern Stieg ...I Oder___I* (Fortsetzung folgt) ^onnenuniergang. Don Friedrich Hölderlin. Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir Von aller deiner Wonne; denn eben ist's, Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne Boll, der entzückende Sonnenjüngling Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt; Es tönten rings die Wälder und Hügel nach, Doch fern ist er zu frommen Völkern, Die noch ihn ehren, hinweggegangen. Höfische Familienweise im Rokoko. Von Wilhelm Boeck. König Friedrich II. von Preußen stand im Felde. Kurz vorher hatte er sich von Rheinsberg, dem Schauplatz frohen Genusses, getrennt und das Schloß seinem achtzehnjährigen Bruder Heinrich geschenkt. Der ältere August Wilhelm, der Thronfolger, war schon zwei Jahre vorher mit Oranienburg bedacht worden, als er sich mit der jüngeren Schwester der Königin Elisabeth Christine verheiratete. Die Prinzessinnen Ulrike und Amalie hatten der schüchternen Fremden das Leben in den neuen Verhältnissen schwer gemacht. Nun sollte sie, vom Gatten ungeliebt wie die Schwester, in Oranienburg die Zukunft der Dynastie durch zahlreiche Geburten sichern. Das wollte Friedrich, der ihren Mann aus eben diesen Gründen vom Kriege fernhielt. Noch immer war die Königin-Mutter Sophie Dorothee, damals 58 Jahre alt, Mittelpunkt der ganzen Familie und ihr guter Geist. Eine kräftige, üppige Matrone von selbstbewußter Haltung, so zeigt sie uns Pesnes Meisterhand; interessiert, lebenslustig und gutmütig fanden sie die Zeitgenossen. Mit dem Besuch von Rheinsberg im April 1745 wollte sie etwas lange Versäumtes nachholen, denn sie war zur Zeit des Kronprinzen Friedrich nie dort gewesen. Der Abschied war gefühlvoll, als gelte es eine Trennung fürs Leben, zumindest auf Seiten derer, die dableiben mußten. Amalie mit ihren 22 Jahren trocknete die Tränen ihrer Kammerfrau und angeblich auch die ihres kleinen Mopses, der nun tagelang nicht gehätschelt werden würde So begann am 14. April „die wunderbare und kaum glaubliche Reise". Außer der Karosse der Königin setzten sich etwa dreißig Wagen bei strahlendem Himmel von Berlin nach Oranienburg in Bewegung. Denn selbstverständlich sollte sich die alte Dame wie zu Hause fühlen. Prinz August Wilhelm war schon zwei Tage voraus gefahren um sein Schloß in den gehörigen Stand zu setzen. Man war gerade dabei, den ausgedehnten Bau, der vor Jahrzehnten zuletzt bewohnt worden war, zu renovieren und den riesigen, ganz verwilderten Park zu lichten. Der Prinz hatte aber seiner Mutter noch eine festliche Illumination als Ueberraschung zugedacht. Am Tage der Ankunft ritt er ihr entgegen und eskortierte sie kavaliermäßig bis zum Schloßeingang, wo die allgemeinere Begrüßung stattfand. Man trug die Königin in einer Sänfte die Treppe hinauf zum Haupt- geschoß. Dort waren ihr die Räume zugedacht, die ihr prunkliebender Schwiegervater Friedrich I. einst innehatte. D,e Pracht war inzwischen reichlich verschlissen und das Schlafzimmer eigens für ihren Be uch mit karmoifinfarbenern Damast neu ausgestattet worden. Hier überraschte der aufmerksame Gastgeber die Porzellanfreundm m,t drei Meißner Tassen im neuesten Geschmack. Der Mutter mag in diesen Zimmern etwas wehmütig gewesen sein; Erinnerung kehrte zuruck an die erste Zett ihrer Ehe, als der alte König sie, die für alles Schone und Angenehme empfängliche Kronprinzessin, verwöhnt hatte, wie es ihr spater nicht mehr geschehen war. Und nun hatte der Prinz aus einem verstaubten Lackkofser den ehemals kostbaren Schlafrock Friedrichs L, seme Mutze und Pantoffeln hervorgekramt, um eine merkwürdige Persönlichkeit aus dem Gefolge damit in bealücken' Baron Pöllnitz, den in Berlin als Zeremonienmeister hängengebliebenen Abenteurer, den Friedrich II. kürzlich wieder in Gnaden Angenommen hatte. In seinem Gedächtnis lebten die Tage Eönia Rriebricb I beareislicherweise als das Goldene Zeitalter fort, uns interessiert er hier besonders als Verfasser des französischen Tagebuchs, aus das wir die Schilderung der seltsamen Reise gründen. Landwirtschaftliche Geräusche unter den Fenstern, das Brüllen der Kühe auf der Weide, Schweinegrunzen und Ganseschnattern weckten die Damen der Königin am andern Morgen zu ungewohnter Stunde, S.e nahmen die Störung von der heiteren Seite — wenni wohl auchl eher der ovidkundige Pöllnitz als sie daran dachte, dem majestätischen Oranienburger Stier eme Europa anzudichten — unb nutzten die gewonnene Zeit zu eingehender Toilette. Denn d,e Königin hatte ihnen für heute ein elegantes „deshabillä“ gestattet. Nach glücklicher Beendigung war e e der Damenslor zunächst der Hausfrau, dann Prinzessin Amalie auf. Diese hatte eben die Behandlung des berühmten Coiffeurs Raujfrnüber- standen und erweckte - in einer Taille aus weißem Mmre und Rock mit silberqestickten Blumen — selbstredend den Neid der Muse Euterpe, das heißeste spielte Flöte wie ihr großer Bruder. Zuletzt holte man die Königin zur Tafel ab, bei der es auf ausdrücklichen Wunsch der alten Dame stets ungezwungen und lustig zu- ginq. Die Reihe der üblichen Gesundheiten begann mit dem irn Augen- blick gewiß weniger sorglosen König. Anschließend versammelte man pch mit Handarbeiten um die Goldstickerei der Königin, und, Pollmtz las aus einem französischen Moderoman vor, ,,La Mouche, ou les aventure de M. Bigand- (Es ehrt den Geschmack August Wilhelms, daß er dies liebliche Produkt im Brief an feinen königlichen Bruder als „ziemlich mäßig" bezeichnet.) Es regnete unb man besichtigte bas Schloß. Dabei fiel Prlnzefstn Amalie unb beschädigte ihre Frisur, bie jedoch ber geschickte Raussln wieber heroorragenb in Orbnung brachte. — Konnte sie ahnen, baß sich zu gleicher Zeit schon um ben geliebten Trenck, braußen im Kriege, bie Schicksalsfäden zusammengezogen, kaum zwei Jahre, nadjbem ihr Herz dem jungen Offizier am Hochzeitstag ber Schwester Ulrike begegnet war. An biesem Tage würbe von 7 bis 10 Uhr getanzt — bie Königin suchte berweil Unterhaltung beim Spiel — unb bann in ber Porzellankammer gespeist. Hier hatte sich auch vieles geänbert: bie Porzellansammlung von europäischem Rus, bie in diesem Saal unter Friedrich L aufgestellt war, hatte der Nachfolger gegen 500 Reiter nach Dresden gegeben. Darum versuchte jetzt der Prinz von Preußen, den Raum durch künstliche Beleuchtung nach seinen eigenen Ideen zur Geltung zu bringen. Bis weit in ben Karfreitagmorgen hinein würbe der Ball ohne die Königin forgesetzt. Schließlich saß man noch übermüdet an einem großen Kaminfeuer zusammen, das man wohl vertragen konnte, und wäre in den Sesseln eingeschlafen, hätte sich nicht doch im letzten Augenblick das Bett als bequemer empfohlen. Am Freitag fand mittags im Vorzimmer der Königin ein improvisierter Gottesdienst statt, Es wurde deutsch gesungen, und der Hofprediger Deschamps predigte. Den fehlenden Kantor ersetzte der fünfzehnjährige Prinz Ferdinand, dessen falsches Singen die geschultesten Hofdamen zum Lachen und ihn selbst in kindliche Erbitterung brachte. Trotz der fast allzu häufigen und reichlichen Mahlzeiten meldete sich bei dem ungünstigen Wetter leise die Langeweile an, so daß die Weiterreise nach Rheinsberg am Samstag als willkommene Abwechslung begrüßt wurde. Für die Karosse der Königin war wechselnder Vorspann da; so legte sie die Strecke erstaunlich.schnell, d. h. in nicht vier Stunden zurück. Das Gefolge war schlechter daran. Einige, wie die Gräfin Wartensleben, entschlossen sich zu dem Umweg über Fehrbellin. Der Gatte dieser Dame war im Felde, sie selbst in gesegneten Umständen und ganz von der Sorge um ihre Ernährung erfüllt. Die Möglichkeit, in Fehrbellin ein Diner vorzufinden, gab für sie den Ausschlag. Pöllnitz fuhr mit zwei anderen Damen im Wagen über Lindow unb kehrte beim bärtigen Amtmann ein. Die von ber Würbe ihrer Person durchdrungene Amtmännin unterhielt bie Gäste von allen ihren kleinen Nöten, von ber Kinder- erziehung bis zu ihren siegreich burchgekämpften Rangstreitigkeiten in ber Kirche, unb entwaffnete burch ihre Gesprächigkeit sogar Pöllnitz, bah er nicht anders als mit „Natürlich, Frau Gevatterin!" zu antworten wußte. Indessen bezog die Königin schon in Rheinsberg ihre Zimmer, diesmal die ihres Sohnes Friedrich. Seinen Geist spürte sie hier, wohin das Auge siel, und so waren gleich die ersten Stunden des Aufenthaltes dem Betrachten der Knobelsdorfffchen Räume mit ihren geistreichen Dekorationen, mit ihren galanten Fresken von Pesne, ihren Möbeln unb Kunstschätzen geroibmet. Friedrichs Bibliothek unb seine Silber, bie erst 1747 nach Sanssouci überführt würben, taten es ihr hauptsächlich an. Als schon das Essen serviert war, blieb sie noch einmal bei ben reizenden Schäferszenen von Lancret stehen. Bei Tisch halfen Friedrichs Bediente aus. wie ber König überhaupt bie Kosten ihres Aufenthaltes in Rheinsberg trug; benn Prinz Heinrich hatte ja noch keine oollftänbige Hofhaltung. Nachher faß bie Mutter in einem ber runden Turmkabinette mit dem weiten Blick über ben See, unb Frau von Kannenberg, eine Jugenbgespiettn Friebrichs, bie auch am kronprinzlichen Hof in Rheinsberg gelebt hatte, gab ihr Erklärungen. Bei der Rückkehr ins Schlafzimmer fand sie ihre Handarbeit in einem neuen Kasten aus Meißner Porzellan, dem Gastgeschenk ihres Sohnes Heinrich. Am Ostersonntag hielt wieder Deschamps eine pathetische Predigt, ber Rheinsberger Kantor näselte zur Genugtuung bes Prinzen Ferbinanb, unb Pöllnitz übte bas Amt bes Kirchenältesten und sammelte für die Armen. Bei besserem Wetter fand am zweiten Feiertag ein Besuch der nahen Zechliner Glashütte statt, die seit 1736 das Monopol für Kristallglas in ber Mark Brandenburg befaß und u. a. auch Schloß Rheinsberg mit Leuchterkronen belieferte. Irn Auftrag ber zuhausegebliebenen Mutter machte Prinzessin Amalie allerlei Einkäufe. Davon erhielt auch Pöllnitz zwei Karaffen mit Golbzierrat unb als Geschenk ber Prinzesin ein „Pocälchen". Mit Erstaunen unb Befriebigung stellte bie Hofgesellschaft fest, daß ihr ber Ausflug einen gefunben Appetit verursacht hatte. Denn in Rheinsberg würben ebenfalls mit Spiel unb Tanz im Theatersaal bie Tage ausgefüllt unb bie Unterhaltung ging um Fragen wie bie, ob eine Frau bie eheliche Treue verletzen bürfe, um ihrem Gatten bas Leben zu retten (was bie Mehrheit ber Damen bejahte). Ein sozusagen aufregender Vorfall trug sich am vorletzten Tage zu: Der junge Prinz Ferdinand wollte in einiger Entfernung vom Schloß die Tiefe eines Sumpfes feststellen, sank aber ein unb rettete sich mit Hilfe von ein paar Rheinsberger Jungen, bie ihm nachgeschlichen waren, weil sie sich in ihrem Vorrecht, bort Kiebitzeier zu suchen, bebroht fühlten. Auch ber für solche Zwecke nicht berechnete Schuh bes Prinzen würbe noch gefunden, die Helfer von dem kleinen Herrn mit einem Gulden belohnt. Dieser Tag schloß mit dem unvermeidlichen Besuch der „Mirokesen". Damit ist der im nahen Mirow selbstwichtig residierende Herzog von Mecklenburg - Sttelih mit seinen Damen gemeint, ein Verkehr, den schon Kronprinz Friedrich hatte pflegen müssen. Am Mittwoch war man ungewöhnlich zeitig auf den Seinen. Ab zehn Uhr bot der Hof den Anblick eines Heerlagers, so viel Kisten unb Kasten würben verloben; um brei Uhr brach ber Zug auf, nadjbem wäh- renb bes Diners bie Geschenke ber Königin an bie Dienerschaft verteilt worden waren. An diesem Abend konnte in Oranienburg als Beilage zum Friderizianischer Humor. Bon Dr. Adolf Peter Paul. Friedrichs des Großen Volkstümlichkeit beruht nicht zum wenigsten auf feinen wundervollen rein menschlichen Eigenschaften, die ja in unzähligen Anekdoten, echten und erfundenen, bis heute im ganzen Volke lebendig geblieben find und die ihn — so in Westfalen — fast zu einem Mythos werden ließen. Alle diese Eigenschaften, um derentwillen wir ihn lieben: feine erfrischende Grobheit und seine bezaubernde Liebenswürdigkeit, seine innere Sauberkeit, Geradheit, Einfachheit, Bescheidenheit, Sachlichkeit, seine persönliche Tapferkeit und erschütternde Selbstkritik sind bei ihm besonders liebenswert, da er sie mit warmem lächelndem Humor oder auch mit klugem Witz darzubieten versteht. Nur selten, nur in hochoffiziellen Erlässen und Befehlen und in Schriftstücken rein staatspolitischen Charakters sind Friedrichs Aeußerungen ganz sachlich; in allen anderen Fällen leuchtet hell ein warmes gesundes Menschentum durch seine schriftlichen und mündlichen Aeußerungen hindurch. Kaum ein Brief an Verwandte oder Freunde, in dem der König nicht seinem Humor, feinem Witze, seinem drastischen Spott, seiner oft scharfen Satire freien Lauf läßt. Wenn er vor dem dritten Schlesischen Kriege durch den Feldmarschall Keith seine in Karlsbad kurmachenden Offiziere zurückrust, so geschieht das mit den Worten: „Die Karlsbader Luft ist für die Preußen nicht mehr gesund. Sie werden sämtlich wohltun, am Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitäts.Buch, und Steindluckerei, D. Lange. Giebe». «nuner die wegen des Windes verschobene Illumination draußen am Kanal mit architektonischen Ausbauten von tausenden Lämpchen und der Devise ^Vivat Sophia Dorothek'' nachgeholt werden. Man tanzte «l-der bis drei Uhr morgens, doch wurde trotzdem „schon um elf Uhr tm Freien gefrühstückt. Bei dieser Gelegenheit entdeckte Amalie eine lunge Oranienburger , Buschnymphe", die ihr als Zofe gefiel und die nut dem freudigen Einverständnis des Vaters gleich ihr Bündel schnürte, um bet Nach einem letzten,^besonders .schweren Diner fuhr Sophie Dorothea am 22 April um vier Uhr von Oranienburg nach Berlin ab, roo sie am gleichen Abend mit denselben Personen, die sie begleitet fjatten, weiter hielte und soupierte. Die Prinzen August Wilhelm und Heinrich erhielten e einen wertvollen Ring von ihrer Mutter als Andenken und, wenn man aus den folgenden häufigen Besuchen rückschließen darf, die Verstche- ^"^i«lleicht^st^de°? Kreis"aber so froh nicht wieder vereint gewesen. In Oranienburg gestalteten sich die Familienverhaltnisse immer unerqui^ licher- 1758 starb der Prinz im Unfrieden nut dem König, ein Jahr nach dem Tode der Mutter. Amaliens Lebensgluck war zerbrochen Prinz Heinrich verherrlichte in Rheinsberg, Friedrich zum Trotz, das Andenken August Wilhelms. Unser Berichterstatter Pollnitz schließlich wurde bei seinem Tode 1775, wie sich Friedrich der Große gegen Voltaire aus- drückt, von niemandem als seinen Gläubigern betrauert Friedrichs des Zweiten Kutscher. Von A u g u st K o p i s ch. Des Alten Fritz Leibkutscher soll aus Stein Zu Potsdam auf dem Stall zu sehen sein — Da fährt er so einher, Als ob er lebend wär: Aller Kutscher Muster, treu und fest und grob, Pfund genannt, Umschmeißen könnt er nicht: das war sein Lob. Mordwege fuhr er ohne Furcht, sein Mut Hielt aus in Schnee, Nacht, Sturm und Wasserflut Ihm war das einerlei. Er fand gar nichts dabei; In dem Schnurrbart fest und steif blieb fern Gesicht, Und man sah darauf kein schlimmes Wetter niemals nicht.. Doch rührte man an seinem Kutscherstolz, War jedes Wort von ihm ein Kloben Holz; Woher es auch geschah, Daß er es einst versah Und dem Alten Fritz etwas zu gröblich kam, Wessenhalb derselbe eine starke Prise nahm Und sprach: Ein grober Knüppel, wie Er ist, Der fährt fortan mit Eseln Knüppel ober Mist! Und so geschah's. Ein Jahr Bereits verflossen war, Als der Pfund einst Knüppel fuhr und guten Muts Ihm begegnet der Alte Fritz; der frug: „Wie tuts?" „I nun, wenn ich nur fahre", sagte Pfund, Indem er fest auf seinem Fahrzeug stund, „So ist mir’s einerlei Und weiter nichts dabei. Ob's mit Pferden ober ob’s mit Eseln geht. Fahr ich Knüppel ober fahr ich Euer Majestät." Da nahm ber Alte Fritz Tabak gemach Und sah den groben Pfund sich an und sprach: „Hüm, sindk Er nichts dabei Und ist Ihm einerlei. Ob es Pferd, ob Esel, Knüppel ober ich Lab Er ab unb spann Er um, unb fahr er roieber mich." 10. kommenden Monats zurück zu ein" In einem Brief an bas Ober, turatorium ber preußischen Universitäten heißt es: Pedanten und faule Bäuche schaden mehr als sie nützen!" In einem Kriegsbericht an den Generalleutnant von Bernern schreibt er (1756): "D,e f^en an solche Sprünge zu machen wie ein Hase, den man butjiret hat, wann es balbe zu Enbe geht." Sehr beutlich und grob urteilt er über seine Feinde im Siebenjährigen Krieg (an seine Schwester Wilhelmine): Schließlich zwingen mich diese Schurken von Kaisern, Kaiserinnen unb Königen, noch dieses Jahr auf dem Seile zu tanzen. Ich tröste mich darüber in der Hoffnyng, den einen oder den ""deren kräftige Schlage mit der Balancierstange zu geben ... Seydlltz soll ihm Bericht geben: „Mir nur von allem berichtet, lieber Seydlitz; ich lauere wie eine Katze auf der Maus." Beim Präsidenten von $) ot) en in ber ®raf- chaft Mark beschwert er sich über bie unnötigen Berichte ber Kriegs- rate: „Die Kriegsräte können nichts als schreiben relatio ad rege , aber ich will sie bei ad regem!" Ober aus gleichem Anlaß an ben Ge- Heimen Rat von Branbt: „Er schreibet dem Teufel em ohr ach er Sol nicht Schreiben als man es ber muhe Wehrt ist. Recht drastisch inb oft seine Randverfügungen: ,Menn Huzaren Weiber nehmen So Seindt Sie Selten noch dan ein Schus puloer wert, ober er schreibt auf ein Gesuch eines Generals um eine Präbenbe für eine [einer Tochter: „Er soll hübsch Jungens machen bie kann ich alle unterbringen aber mit die Madames weiß ich nirgends hin." Friedrich würdigte kein Borrecht des Standes und der Geburt wenn sich der Betreffende irgendeines Fehlers oder einer Nachlässigkeit sch bin aemadit hatte. Der General von Finck bekommt (1758) zu Horen. „Essen, Trinken und Nichtstun ist die Devise der Manche nicht der Soldaten." Dem General von Puktkamer schreibt er (1759) Ob er meinet, daß er mit 1500 Pserde dasteht, um sich die Hosen zu kratzen? Er soll um sich greifen und nicht faulenden! General v o n Sch me t tau muß sich sagen lassen: „Es ist Ihnen gegangen, wie es meinen Generalen gewöhnlich geht: in dem Augenblick, wo ihnen H°"ung not. tut, verlieren sie sie." An ben Ma,or © u t d) a r b , ber fidj। Q»« Jcilius nannte, unb ber im Auftrage des Königs das sächsische Jagdschloß Hubertusburg (als Vergeltungsmaßnahme) ausgeplundert hatte schrieb er auf eine Eingabe um Vergütung von Werbegeldern: „Seme Offiziers haben wie die Raben gestollen. Sie Kriegen nichts!" Dem ehemaligen Kriegsrat W i n ck e l m a n n gestattet er, eine ähnliche Staatsstellung in Frankreich anzunehmen, mit den Worten: „hat er hier geftolen, so kann er immer dahinn gehen und auch Stelen."'Einem kranken Obersten bedeutet er auf sein Abschiedsgesuch: „Mir geht es auch nicht immer wie ich es gern haben möchte, deswegen muß ich immer König bleiben. Rhabarber und Geduld wirken vortrefflich." Dem Prediger der franzöfifchen Kolonie in Berlin, ber um Gehaltserhöhung bittet, läßt er schreiben, er möchte feine Wunsche besser auf den Himmel richten als auf irdische Dinge: „Erinnern Sie sichi nur daran, daß die Apostel barfuß gingen und keine Einnahmen hatten. Einem ähnlichen Gesuch eines Predigers Pels schreibt er an den Rand: Die apoftelen Seindt nicht geroin Süchtig gewesen Sie haben umb Sonst gepredigt, der Herr Pels hak keine apostolische Sehle und denket nicht das er alle gühter in der Welt vohr nichts ansehen muh. Einen Potsdamer Hofprediger, der an ben Berliner Dom versetzt werben will, be- scheidet er: „Jesus saget mein Reich ist nicht von bieser Welt. So müssen bie prebiqer auch denken, denn Predigen Sie nach Ihren Thodt im Duhm vom Neuen Jerussallem"; einen Feldprobsk, der bittet, Feld- Prediger selbst einsetzen zu dürfen, was sonst nur Regimentskommandeuren zustand: „Sein Reich ist nicht von dieser Welt." Ein Geistlicher der dem König eine Schrift über die Sünde wider den heiligen Geist übersandt hatte, erfährt diesen köstlichen Dank: „Seine Sunde wider den heiligen Geist habe ich richtig erhalten, und ich bitte Gott, daß er Seinen Verstand in seine gnädige Obhut nehmen möge..." Der Humor, der Witz, der Spott des Königs machte auch vor seiner eigenen Majestät nicht halt So schreibt er 1752 an den Prinzen von Preußen: „Was mich betrifft, so habe ich es verboten, mich nach dem Tode zu öffnen. Es ist genug, wenn man bei Lebzeiten den Leuten Stoff zu Witzeleien gibt, und es ist zu viel, mit feiner Milz, feiner Leber und feiner Lunge nach dem Tode Komödie spielen zu lassen." In Briefen an Voltaire finden wir (1742): „Ich bilde mir ein, Gott hat die Esel, die dorischen Säulen und uns Könige dazu geschaffen, die Lasten dieser Welt zu tragen", und (1776): „Man erweist mir viel Ehre, wenn man in der Schweiz von mir spricht; die Zeitungsschreiber müssen ungeheuren Mangel an Stoff haben, da sie meinen Namen benutzen, um ihre Blatter zu füllen." Wie wenig er verlangte und daran glaubte, daß das Volk ihn um - feiner Verdienste und seiner Größe willen liebe und feiere — er hat einmal an den Marquis d'Argens geschrieben, es sei feine lieber- zeugung, daß die Fürsten auf Erden nur dazu da sind, Undankbare zu machen —, geht aus der Bemerkung hervor, bie ber alte König 1785 in Breslau machte, als ber Professor Sarne bagegen protestierte, bah der König die Menge „Kanaille" nannte: „Setze er einen alten Assen aufs Pferd und lasse er ihn durch die Strafen reiten, so wird das Volk ebenso zusammenlaufen." • Wie unheroisch dieser in jedem Belang heroische Mensch von sich selber dachte, entnehmen wir zwei Briefen, die noch dazu an eine Dame geschrieben sind, die Gräfin Camas, Witwe feines einstigen Gesandten in Paris. Nach der Schlacht bei Torgau schreibt er: „Ich schwöre Ihnen, es ist ein Hundeleben. Kein Mensch außer Don Quixote unb mir haben so gelebt. Mein Gesicht ist voll von Runzeln wie ein Frauenkleid voll Falken, der Rücken so krumm wie ein Fiedelbogen, und mein Inneres so traurig wie die Seele eines Trappisten." Und einige Tage nach dem Abschluß des endlichen Friedens, der eine der heroischsten Taten der Weltgeschichte beendet hat: „Sie werden mich gealtert und fast schwatzhaft finden; ich bin grau wie meine Esel, verliere alle Tage einen Zahn und bin halb lahm vor Gicht; aber Ihre Nachsicht wird die Schwachen | bes Alters ertragen, unb wir werben von ber alten Zeit reben."