GietzenerZamilienvliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1955 Montag, den 27. Mai Nummer 41 ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1933 by August Scherl m. b. «5-.- Berlin (Fortsetzung.) Der war zur See gekommen, ohne recht zu wissen, wie: hatte in Rostock oder Königsberg seinen Doktor gemacht und wollte nach Hause zu Muttern. Am Abend vorher geht er in ein Cafe und sieht da ein Mädel. Wird mit ihm bekannt, und sie erzählt auch von ihrem Onkel, der bei der Hapag ein grohes Tier ist. Der Junge sagt ihr natürlich, daß er auch mal gern zur See fahren wolle, so als Schifssarzt, denn Geld war keines da, weder bei Muttern noch sonst in der Nähe. Am nächsten Tag fährt er nach Haus, nach Stuttgart. Kaum ist er da, kommt schon em Telegramm, er soll sich am Soundsovielten an der Alster melden. Er kommt abends nach Hamburg, tobt die Nacht ein bißchen in Sar.tt Pauli imü ist erst um elf Uhr wieder wach. Um neun Uhr aber war er bestellt. Jetzt wird es Mittag, bis er von dem großen Tier empfangen wird und der Kasten, für den er eingeteilt war, fchwimmt schon mit Kurs nach der Westküste. Aber er kriegt ihn noch in Rotterdam oder Antwerpen. Von da ab ist er nicht mehr von den Schissen heruntergekommen. Er fährt heute noch in der Welt herum, hat einen richtigen Bart und weiß Bescheid von Honolulu bis Kapstadt und Sydney Neulich hab' ich ihn wieder getroffen. Ich bin damals in Marseille an Land gegangen und hab' mich gedrückt. Von der See hatte ich genug. Die beiden Burschen in ihren öligen Zeltbahnen, und wie wir sie dann ins blaue Mittelmeer hinunterließen ..." Er verstummte. Die drei Männer lagen schwer in ihren Stühlen. Rur Billy war zweimal lautlos verschwunden und wiedergekommen. Jedes Mal hatte sie zwei Teller voll heißer Erbsensuppe gebracht und auf den kleinen Tisch zwischen den Männern medergesetzt. Mechanisch '°^Hint? den ^Scheiben ^der giügeltür stand die Nacht nicht mehr wie eine schwarze Wand. Die fahle Dämmerung, die langsam über dem See heraufkam, machte sie durchsichtig. nrm Der Bildhauer Martin beugte sich vor und hob die Harmonika von seinem Schoß. Sie gab einen schwachen, keuchenden Laut von sich, wie C'nDie°Stillek war zerrissen. Ludwig erhob sich und sah den Freunden, einem nach dem anderen, starr ins Gesicht. Dann ging er einen schritt rückwärts und senkte den Kopf. „Warum erzähl ich euch das alls? ... Cs hat keinen Sinn ... Ihr versteht das nicht. Es ist meine Schuld ... — Gute Nacht!" setzte er plötzlich hinzu und ging mit seinen schweren, 1Ä u„b wn ©erber In it,r«n Stühlen einAhlafen. Doktor Hartl wartete noch eine Weile und schaute Dersonnen in die wachsende Helle. Dann nahm Billy s ch s führte ihn in eine Kammer unter dem Dach, wo er^ein Bett fand? Thiele ftiea wie gezogen von einer dunklen Wacht, die Trepp hinauf und ging den breiten Gang entlang, aber nicht in d^ Achtung nach seinem Zimmer. Hier aus dieser Seite lagen> d,e beiden Gastzimmer, die man Mira und Aenne zur Verfügung gestellt hatte. Thiele schritt bis vor die eine Tür, senkte wieder den K°pf und lehnte die Stirn an das kühle Holz der Umrahmung So stand er .ange Minuten, als lauschte er auf eine ferne und betörende Musik. Dann faßte seine linke Hand nach der Klinke und druckte sie hma . Die Tür war verschlossen. . f ( • n[öh[idi er- .Ä *„« «ine?Wendunq'chh?r°"ein Bild" im "hohen^Scheg^l und schritt darauf *S? Ä"».b.n,,immer, in Elisabeth war an seinem Kommen erwacht und sah von ihrem Bett au lein Bild im Spiegel. Leise erhob sie sich, ersch'en m Rahm n der Tur und trat hinter ihn. Er hörte ihr Kommen, drehte ch °ber n,qt u^ Äls sie hinter ihm stand und im Spiegel sein Augesuchtehob er b Ärme bis zur Höhe der Schultern. Sem "wuchtiger Brusttorb dehnte M in einem tiefen Atemzug, und aus seinen Augen $ fdiien Aller das aus den letzten Abgründen seines Wesens zu kommen s Rausch dieser Nacht war von ihm abgefallen. „Und wenn ich zurückkomme von drüben, spiele ich den Wallensteinl" sagte er halblaut, ließ die Arme sinken und drehte sich um. Sie nickte nur und ergriff seine Hand. Aus dem trüben, verhangenen Morgen wurde ein strahlender Mittag. Ein Wind hatte sich erhoben und die grauen, tiefstehenden Wolken vertrieben. Die entlaubten Bäume und Sträucher im Garten bogen sich und seufzten unter seinem Wehen, und die Oberfläche des Sees kräuselte sich zu kleinen, spitzen Wellen. Es war kälter geworden, trotz der Sonne, die am klaren hellblauen Himmel schräg über dem See und dem Garten stand. In ihrem Gastzimmer erwachte Mira von Alten und erhob sich sofort. Auch bei ihrer Toilette hielt sie sich nicht lange auf. Ihre Kusine Aenne schlief noch im Zimmer nebenan. Mira, fertig angekleidet, ging hinüber und weckte sie. Aenne richtete sich aus und fragte, ein wenig erschrocken: „Oh, du bist schon auf ...? Wie spät? Weißt du, wo hier das Bad ist?" „Es ist gleich zwölf Uhr. Wir waren zu lange auf den Beinen heute nacht, und auf das Bad mußt du vorläufig verzichten. Ich denke, wir fahren gleich in die Stadt zurück." „Wie du meinst, Mira!" „Bis du fertig bist, werde ich mich nach einem Frühstück umsehen. Aus bald also!" sagte Mira und verlieh sie. Sie stieg die Treppe hinab und sand die Heine, nach vorn gelegene Gaststube, ohne jemand begegnet zu sein. Ein schläfriger Kellner nahm ihre Bestellung entgegen. Zugleich mit dem Frühstück erschien auch Aenne, und sie tränten schweigend ihren Kaffee. „Es ist bemerkenswert, daß niemand sich sehen läßt!" sagte Mira nach einer Weile, und zwischen ihren Augen erschien eine senkrechte Falte. „Wahrscheinlich hat es noch sehr lange gedauert heute nacht. Du weißt ja von früher ..." „Können wir fahren?" „Wann du willst, Mira." „Hättest du etwas dagegen, wenn wir in der Stadt die Wohnung wechseln würden?" „Ich...? Nein! Aber warum das, Mira? Unsere Pension ist sehr gut. Das hast du gestern noch festgestellt." „Ich hätte aber Lust, für die nächste Zeit ins Hotel zu ziehen! sagte Mira, während sie aufstand und ihre Handschuhe anzog. „Dann ziehen wir eben ins Hotel!" antwortete Aenne folgsam und erhob sich ebenfalls. Mira winkte Billy heran. „Entschuldigen Sie uns, bitte, bet Frau Thiele! Wir haben dringend in der Stadt zu tun und wollten sie nicht stören." „ . „Gern!" antwortete Billy mit einem zweideutigen Lächeln, das Mira ärgerte. , , , " Mira schaltete mit einem zu heftigen Griff, gab Gas und fuhr davon. Billy blieb stehen und sah ihr nach, bis auf dem Weg, der zum See hinabführte, Doktor Hartl erschien. Er war schon seit einer Stunde auf und hatte nüchtern einen Spaziergang gemacht, um einen leichten Kopfschmerz zu vertreiben. „ Wo stecken Sie denn, Doktor?" rief ihm Billy zu, als er naher hercmgekommen war. „Frau Elisabeth wollte mit Ihnen frühstücken und hat mich nach Ihnen geschickt. Ich konnte Sie nirgends finden." „Es war sehr schön am See drunten. Wind und Sonne haben mir gutgetan. Wo ist Frau Elisabeth?" Kommen Sie heraus, Otto! Ich habe auf Sie gewartet , klang Elisabeths Stimme. Hartl drehte' sich halb um und sah am Haus hinauf. Auf dem Balkon in der Mitte der Front stand Elisabeth — die hinter ihrem Fenster die Abfahrt Miras beobachtet hatte — und winkte ihm einen 6n@kicf) darauf saß er ihr gegenüber in dem roeitläufigen, hellen Zimmer das außer dem gedeckten Frühstückstisch eine vielbändige Bibliothek unb' Thieles riesigen Schreibtisch enthielt. Die Balkontür war wieder geschlossen, und der weiße Kachelofen in der Ecke verbreitete eine behag- Ach^ichE'bin so frof)!" sagte Elisabeth, während sie ihm anbot: Kaffee, ©er Butter, Schinken und frisches Weißbrot. „Ludwig schläft noch. Er hat 'einen wunderbaren Schlaf. Ich kann stundenlang zusehen, wie er schläft Friedlich, wie ein Kind, selbst nach den stärksten Aufregungen. — ©■au von Alten ist weggesahren. Ich habe ihr durch das Fenster hier Ungesehen Sie ist böse weggesahren. Das war deutlich zu sehen. — Und Ludwig schläft. Es war wirklich ein ganz großer Erfolg gestern abend. Jetzt ist er endlich ganz oben." Ja. Den Eindruck hatten alle, die ich darüber sprach. ,'Sie müssen heute abend hingehen, Otto." ''Natürlich sehe ich ihn heute abend an." , ... Was Mira betrifft, bin ich jetzt ruhig. Ich weiß, daß das noch nicht zu Ende ist Aber ich fürchte mich nicht mehr davor. Ich muß nur auf- passen auf Ludwig und auf mich selbst. Darum spüre ich jetzt nichts mehr von dem Zorn und dem Gram wie vor einem Jahr." Hartl griff unwillkürlich nach ihrer Hand und hielt sie fest. „Ludwig hat mir heute nacht anoertraut, daß er ... daß Sie, Elisabeth .. „Daß wir ein Kind haben werden —? Aber das ist es nicht allein. Ich weiß, wie sehr er sich darauf freut, und was es für ihn überhaupt bedeutet. Trotzdem... Ach, man kann das nicht so genau ausdrücken. Ist auch nicht nötig. Sie verstehen, wie ich es meine, Otto." Hartl nickte und sah vor sich hin. Er hielt noch immer ihre Hand. „Ich freue mich mit Ihnen, Elisabeth", sagte er dann, ein wenig zu feierlich. „Und fühle mit Ihnen in allem, auch in dem, was diese andere Frau betrifft. Ich werde Ihnen immer beistehen." „Das haben Sie vor einem Jahr nicht getan." „Da war ich über mich selbst noch so wenig im klaren; konnte es also über die anderen, die Nächsten noch viel weniger sein. Was wußte ich da von Ihnen und im Grunde auch von Ludwig? Ich war euer Freund. Was konnte ich tun? Nur schweigen und beiden recht geben." - „Und heute...?" fragte Elisabeth und zog die Brauen erstaunt hoch in die Stirn. „Heute gebe ich nur noch Ihnen recht. Heute würde ich Ludwig absolut unrecht geben, wenn er wiederholen sollte, was er vor einem Jahr getan hat." „Sie würden nicht mehr sein Freund bleiben?" „Ich würde es versuchen." „Sie würden es trotzdem bleiben!" rief Elisabeth „Sprechen wir nicht mehr davon! Ich glaube nicht, daß etwas geschieht, so wenig, wie Sie es glauben. Ich bin stolz, daß Ludwig endlich ganz groß ist!" „Wenn wir fertig sind mit unserem Frühstück, gehen wir hinüber zum Bahnhof. Dort gibt es die Berliner Zeitungen. Wir kaufen alle, in denen etwas über ihn zu lesen ist. Damit wecken wir ihn dann gegen Abend. — Uebrigens", fügte sie lachend hinzu, „hat Ihnen Billy berichtet, wie sie den großen Saal aufräumte und Franz und Hubert selig schlummernd in ihren Stühlen fand? Jetzt liegen die beiden oben in ihrer eigenen Kammer und werden kaum vor Mitternacht wieder zum Vorschein kommen. Der Transport war gar nicht einfach, auch, als ihr unsere kräftige Wirtin zu Hilfe kam. Aber das lassen Sie sich von ihr selbst erzählen. — Kommen Sie, Otto!" Sie gingen die kurze Strecke zum Bahnhof in rascher Bewegung. — Es waren zahlreiche Kritiken erschienen. Elisabeth kaufte alles, und sie lasen sie abwechselnd noch in der Bahnhofshalle. Obgleich Hartl nach der Begeisterung in dieser Nacht auf eine starke Wirkung vorbereitet war, übertraf doch, was er las, alle feine Erwartungen. Diesmal waren alle Blätter des Lobes voll über Ludwig Thieles grandiose Leistung. Er wurde unter die ersten,Schauspieler der Gegenwart und der Vergangenheit eingereiht, und seine Darstellung des Götz wurde als eine künstlerische Tat allerersten Ranges festgehalten. Nicht eine einzige Stimme der Enttäuschung war darunter, wie sonst so oft am nächsten Tag, selbst nach dem brausendsten Erfolg. Diesmal war wirklich der Durchbruch in breitester Front bis auf den Gipfel gelungen Die gesamte Kritik und die Oeffentlichkeit Berlins salutierten. Elisabeth wurde rot vor Freude beim Lesen. Sie war an manches Lob rote an manchen Tadel gewöhnt. Obgleich sie heimlich gehofft hatte, daß diesmal das Ziel erreicht fei, — jetzt, wo diese Hoffnung sichtbare Wirklichkeit geworden war, konnte sie es nicht gleich erfassen. Viele Kritiken mußte sie zweimal lesen, bevor ihr der Sinn und die Bedeutung dieser lleberschwenglichkeiten aufgingen. Dann aber war sie nahe daran, den Kopf zu verlieren. Worte fand sie keine. Sie legte plötzlich dem noch lesenden Doktor Hartl beide Hände auf die Schultern und küßte ihn in aller Oeffentlichkeit auf den Mund. Hartl war derart überrascht, daß er irgend etwas Sinnloses stammelte Er versuchte zwar auf dem Heimweg — auf dem bei Elisabeth ein endlicher Uebermut durchbrach — diesen Kuß zu vergessen, der bis ins Mark seines Wesens gedrungen war, und es gelang ihm auch, die erste Wirkung ins Unterbewußtsein zu verdrängen, doch eine leise Unruhe blieb in ihm haften, den ganzen Nachmittag über, den er mit Elisabeth allein war, eine Unruhe, die sich erst zu glätten schien, als sie beide gegen Abend in Ludwigs Schlafzimmer traten und ihn weckten. m.JZ)anJ1 su.hr er mit ihnen ins Deutsche Volkstheater. Neben ihm saß Billy, die ihre kleine Rolle im Götz noch für die nächste Zeit weiter- fpieten wollte. 19. Am Tag daraus wurde Thiele von dem Agenten Henschke angerufen d» ihn bat, so bald wie möglich in fein Vücko zu kommen. Mehr sagte er telephonisch nicht. Es war kurz nach Mittag. Ludwig, der sich über Henschkes Wortkargheit ärgerte, warf sich in seinen Wagen und jagte in die Stadt. ” Das Büro des Agenten tag am Potsdamer Platz. Als Thiele eintrat stürzte ihm Henschke, kupferrot vor Aufregung, entgegen. „Ich habe den Vertrag mit dem Amerikaner! Dort auf dem Schreibtisch liegt er. Es war eine Heidenarbeit, das können Sie mir glauben!" „Wo ist Grolman?" fragte Thiele verwundert. Er hatte erwartet, den Direktor hier im Büro anzutreffen oder mit Henschke zu ihm ins Hotel weiterzufahren. ' „Er ist abgereist. Kommt erst in ein paar Tagen zurück. Gestern habe ich den ganzen Tag dazu gebraucht, um mit ihm einig zu werden. Er ift Saher als eine alte Lederhose. Heute hat er mir den Vertrag geschickt mit em paar Zeilen. Dort liegen fiel" ■ ^iele setzte sich in den Klubsessel vor dem Schreibtisch und wartete, bis der Agent sich einigermaßen beruhigt hatte. „Warum haben Sie mich gestern nicht geholt?" fragte er scharf. „Ich rannte nicht vermuten, daß er mich vor vollendete Tatsachen stellen wurde. Wie ich zu ihm kam, war der Vertrag schon fertig. Ich habe bann mit ihm gehandelt, Stück um Stück, habe sogar mit ihm gegessen — nur, um ihn keine Minute allein zu lassen. Erst um fünf Uhr gab er im entscheidenden Punkt nach." „Her mit dem Vertrag!" befahl Thiele mißtrauisch. Der Agent reicht, ihm ein doppelt gefaltetes, eng mit Schreibmaschine beschriebenes spapic*'1 Thiele suchte darin nur die zwei Stellen, die von der Rolle und von br- Sage handelten. Alles andere überflog er. Er warf das Papier auriid auf den Schreibtisch und stand brüst auf. „Das unterschreibe ich nicht!" „Sind Sie wahnsinnig geworden?"' schrie der Agent. „Sie hätten mich zu den Verhandlungen zuziehen müssen. Ich haftJ andere Bedingungen erzielt. Ich werde Sie noch erjielen'" „Reden Sie keine Romane, Thiele!" antwortete Henschke nach eint: kurzen Pause, beherrscht und ruhig. „Ich weiß genau, warum ich gestern nicht kommen liefe, sondern die Sache allein machte. Sie tönner1 gar nicht verhandeln. Gestern schon gar nicht! — Sie hätten nur alles I verdorben, wenn Sie' erfahren hätten, was unterdessen geschehen ist sehen Sie sich noch einmal mit aller Ruhe an, was ich erreich- habe. Mehr war überhaupt nicht zu machen." „Sie haben ein schlechtes Gedächtnis, Henschke. Haden Sie mir nicht nach kürzlich etwas von einer runden Summe erzählt, und zwar von hunderttausend Dollar?" „Allerdings. Aber ich sagte sofort: Vorausgesetzt, dafe .. „Nichts haben Sie vorausgesetzt. — Was steht nun hier drin?" Henschke entfaltete den Vertrag und las: „Eine Wochengage von dreitaufend Dollar. Garantiert für eine Mindestdauer von fünf Monaten Also sechzigtausend garantiert. Sie werden aber mindestens sechs Monats drüben sein. Rechnen Sie sich selbst aus ..." „2ch unterschreibe bas nicht! Sie haben mir erklärt, bafe wir hunderi- tausenb erreichen könnten." „Wir Haden sie eben nicht erreicht. Mit aller ehrlichen Anstrengung nicht. Das hat nichts mit Ihrer künstlerischen Bewertung zu tun, sondern mit anderen, rein kaufmännischen Umständen, die ich Ihnen qleiib erklären werde..." „Was sind bas für anbere Umftänbe?" unterbrach Thiele ihn grob , „Ich bin ja babei, sie auseinanberzusetzen. Dann werben Sie hosseni- lich so viel Vernunft haben und mir recht geben!" sagte Henschke beleidig, und verließ wieder seinen Schreibtisch, um mit seinen kurzen, trippelnden Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen. „Cs ist Ihr Vertrag mit Steinten... „Was soll denn der dabei? Der ist doch zu lösen. Außerdem Haden wir seinerzeit extra jenen Filmparagraphen hineingestellt, den ich schon einmal erwähnt habe." „Steinten hat sich mit Grolman geeinigt." „Na also!" „Ich habe Sie neulich abends gewarnt. Ich roch den Braten, den Steinten auf der Pfanne hatte. Aber es ift ja nichts mit Ihnen zu machen. Sie mußten ja Grolman noch mit hinausnehmen! Warum weiß der Teufel! Nur, damit Steinten alles möglichst beguem an den Mann bringen konnte. Ich konnte bas nicht oerhinbern. Gestern war es zu spät" „Geben Sie mir keine Rätsel auf! Reben Sie endlich, wie Jdnen her Schnabel gewachsen ist!" „Ich habe Ihnen schon einmal gejagt, daß Sie nichts von Verhandlungen verstehen. — Was Steinten mit feiner Einmischung bezweckte? Daß er nämlich für Ihre Freigabe eine hübsche Abfindung herausfchtagen wollte, was ihm prompt gelang, nachdem Sie dem Direktor Grolman durch Ihre Naivität zu verstehen gegeben hatten: Macht das gefälligst unter euch aus! — Die beiden haben es ausgemacht, hinter Ihrem Rücken und auf Ihre Kosten. Grolman hat gestern darüber kein Wort mehr verloren." „Meinetwegen!" tagte Thiele und lachte plötzlich hellauf. Henschke blieb vor ihm stehen und sah ihn überrascht an. „Was beißt letzt das wieder?" „Ein tüchtiger Bursche, unser Freund Steinten! Aber ich gönne es ihm Wissen Sie, Henschke: Als er sich so dazwischengedrängt hat, habe ich zuerst geglaubt, er wolle mir tatsächliche Schwierigkeiten machen und hatte alle alte Freundschaft vergessen. Das hätte ich ihm übelgenommen. Daß er aber nur für sich herausgeschlagen hat, was er konnte, ift schließlich fein gutes Recht!" Henschke schüttelte den Kops. Dann hatte er begriffen. „Sie sind ein sonderbarer Kauz, Thiele. — Uebrigens wäre es unmöglich gewesen. Sie gestern noch kommen zu lassen. Grolman wünschte, mit mir allein abzu- schließen. Vielleicht war das eine kleine Revanche dafür, daß Sie sich neulich fo wenig mit ihm beschäftigt haben." „Nee, lieber Henschke. Das weiß ich besser. Er mag mich gern leiben unb ich ihn auch. Das haben wir beibe gleich gemerkt. Da war es ihm einfach unangenehm, mit mir persönlich zu hanbeln über ben kleinen Abzug, ben er zu Steinlens Gunsten machen mußte. Dafür finb schließlich Sie ba unb ber richtige Mann. Sie haben's ja auch geschasst. — Geben Sie ben Vertrag noch mal her! Er ist von ihm unterschrieben?" Henschke blieb hinter seinem Schreibtisch stehen unb reichte ihm ben Vertrag. Thiele las nichts mehr, sondern beugte sich in seinem Sessel oor, ergriff die Feder des Agenten unb setzte seinen Namen neben den bes Direktors — ebenso auf bas Duplikat, bas ber Agent ihm hinschob. Henschke sah zu wie verklärt. „Wann kommt Grolman zurück?" fragte Thiele unb ftanb auf. „In ein paar Tagen. Er wirb mich anrufen." „Dann werben Sie bie Freunblichkeit haben, mir bas sofort mitzuteilen. Sofort! Verstehen Sie, Henschke? Diesmal werbe ich hingehen. Apropos: Wann bekomme ich bas erste Drehbuch?" „Er hat schon banach gekabelt. Es wirb Ihnen geschickt, Thiele. Spätestens in vierzehn Tagen wirb es ba sein." „Gut!" sagte Thiele, steckte bas Duplikat bes Vertrages ein unb setzte ben Hut auf. „Noch etwas, Henschke! Damit ist bie Geschichte also perfekt ... Kann ich barauf Geld haben? Ich brauche allerhand in ber nächsten Zeit, und Steinlen wirb nichts mehr für mich haben, nachdem ich nur noch bie paar Wochen bei ihm bleibe. Ich habe boch richtig gelesen: Am ersten April mufe ich fahren?" (Fortsetzung folgt.) Wiegenlied. "Ion Detlev von Liliencron. Vor der Türe schläst der Baum, durch den Garten zieht ein Xraum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn, Schlaf, mein Wölfchen, schlaf, Schlaf, mein Wulff, In später Stund küss' ich deinen roten Mund, Streck dein kleines dickes Bein, Steht noch nicht aus Weg und Stein Schlaf, mein Wölkchen, schlaf, Schlaf, mein Wulfs. Es kommt die Zett Regen rinnt, es stürmt und schneit. Lebst in atemloser Hast, hättest gerne Schlaf und Rast, Schlaf, me'n Wölkchen, schlaf. Vor oec xuie scymst der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn, Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Ohm pymvertö Scheren. Von Ruth Schaumann. Als Ohm Philibert starb, erbte auch ich. Mein Erbteil waren zwei Scheren. Eine aus Meising, ein wenig angeruht und im Kämmerchen des einen Blattes waren Oie schwarzen Köpschen vieler Dochte versammelt; die andere aus blankem Stahl, hell und klar und schars, als habe sie noch keiner gebraucht, und gebraucht, das heißt zum Damitschneiden, hat sie auch niemand vor meiner Zeit. Dennoch habe ich sie oft aus Onkel Philiberts dünner Seidenslickdecke liegen sehn (er ließ sich die eines Tages färben, das zu Bunte tat seinen Augen wohl weh), ein kleiner sunkelnder Blitz auf der rostroten — und Onkel Philiberts Augen waren zwei andere Blitze, aber nur bann, sonst blickte er mild, beinahe traurig. Onkel Philibert war ja gelähmt. All seine Glieder erlahmten ihm, eins nach dem andern, nur die Gedanken und das ganze schöne Männergesicht erlahmten nicht mit. Bis der Tod kam, ihm das srühe weiß gewordene Haar aus den Schläfen zu streichen und die Wehmut von seinen dünnen Lippen. Dann hat die Magd Elsade zum letztenmal mit der Lichtputze geschnubbt, die Kerzen zu Häupten des sanften Toten. Noch warm von den Sterbekerzen habe ich die Lichtschere bekommen. Ich putze die Adventlichter damit und die Christbaumkerzen der Kinder und die Wachsstöcke, die sie Sommerabends in ihre Lampions stellen, wenn sie damit: Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne! singen gehn wollen, durch die stille Straße unserer Vorstadt, an Hecken und Jliederbüschen vorbei. Eins von den Kindern heißt auch Philibert, wie Ohm, nur ist es wild und nicht weise, und Gott erhalte es in der Lebendigkeit seiner Glieder und noch recht lange im lockigen, rostroten Haar. Dies rostrote Haar zu stutzen, habe ich erstmals die andere kleine Erbschere hcrvvrgesucht. Sie hat einen langen Schnabel, säst wie ber eines silbernen Storches. Aber burch ben festen, wirren Haarschopf wollte sie doch nicht hindurch, da habe ich Philibert zu Meister Nandlmger hmuber- geschickt, der schor unfern Jungen wie ein Lamm, fonft aber blieb er das Gegenteil eines Lammes, nämlich ein kleiner, ungebärdiger Leu. Schere, kleine Schere, ich habe dich aufgehoben, denn du klirrtest vor Schreck über Philiberts Kraushaar und fielst mit zu Boden, was fall ich denn mit dir tun? Du mit deinem silbernen Schnöbe ? Warst du ein Vogel, du würdest sicherlich damit singen, aber em Vogel bist du >a nicht. Warum hielt dich Onkel Philibert wohl so wert, auf seiner rostroten Decke, rostrot wie das Haar des kleinen Löwen? Warum vermachte er dich denn mir, nicht einem anderen, nicht mir ein anderes? Du blitztest auf seiner Decke, nahe seiner gelähmten Hand, ihm aber blitzten die 4ugen, als hättet ihr ein Gespräch mitsammen gehabt, irgendein schönes Gespräch. Was soll ich dir geben zur Speise? Seidene Fäden in feinem Sti-k- werk habe ich nicht, und das Stopfgarn für dicke Bubensocken? dafür bist du zu schade, kleine Schere, zart und blank, blank und leicht, wie für Papier. Schnipp, da klirrte die Schere srohlockend. Hieß das wohl: Du hast es erraten? Nun, ich gab ihr einen Bogen schwarzes Papier, es lag da von ungefähr. Alles, was da von ungefähr liegt, tft em heimlicher eines freundlichen Engels. Es war just, was Ohm Philiberts Scherch gewollt hatte. Sie klirrte, schnippte, zirpte, zwitscherte, jubilierte wie mele Vögel zusammen. In dem dünnen, schwarzen Papier ging (te fl oftt, wie ein Hase im Klee, eine Ziege in Halmen. Also f$n,ti mir einen Weg zurecht, einen Weg in hundert von Bildern, den Weg zu Ohm Philibert, wie er gewesen ist, ehe die alte SJlagb ®lfabe zum letjtenmal mit ber messingnen Schere für ihn letzte irdische Lichter geschnubbt. Onkel Philibert hätte so gerne die kleine, blanke Scher« geführt und konnte es doch nicht, mehr mit den erschlafften Fingern und Händen. So sah er fie denn immer nur wehmütig an, immer nur an, er sagte, als er so ganz allein war (warum habe ich dich so selten besucht, Onkel Philibert, verzeih mir, ich bitte hinter dir her: ach vergib!) — Kleine Schere, ich will dir eine schöne Geschichte erzählen, behalte fie, bis du in die rechten Finger gerätst, dann berichte sie wieder, Onkel Philiberts kleine Geschichten, die er sann, ohne sie sagen zu können, auf die leise Weise, die er so gerne für die Seifen Dinge gewollt: „Kleine Schere, ich bin jung gewesen, man sollte es gar nicht meinen, wie jung ich armer lahmer Philibert war. Ich habe Leontine in meinem Kahn spazieren gefahren, weit weit den Fluß hinauf, immer gegen den Strom. Wie war sie hübsch, als sie am Steuer sah, zwischen Wellen utjb Weidenzweigen, die tanzten an ihren Schiäsen vorbei, wie war sie so niedlich. Sie bat: laß nun mich rudern, Philibert, dich laß mich fahren. Ich wendete das Schifflein, ich gab ihr die Ruder. Das Wasser trug uns, alle Wellen, die zum Meer gehen, tragen gern uns so leicht. Leontine aber meinte, es sei aus der Kraft ihrer Arme und ihrer Liebe zu mir, daß wir heimwärts schwebten wie ein Segel vor einer Brise. Kleine Schere, kleine Schere — Leontine starb eine einzige Woche danach. Sie haben gesagt, sie hätte sich über den Wellen verkühlt. Sie war so krank, ach so jehr, doch sie lächelte mitten in Schmerzen und sie sang. Alle Wellen tragen leicht und gar gern, kommen sie nahe dem Meere. Heute nacht, kleine Schere, sagte Onkel Philibert andermals, könnt' ich nicht schlafen. Ich dachte an wiegende Aehren, es hals mir nichts. Ich dachte an Schafe, wie sie sich drängen in eine Hürde zur Nacht. Ich zählte meine Gedankenschase wie ein sorgsamer Hirte. Es half mir auch das nicht, der Schlaf blieb so fern, ich wollte in Ungeduld fragen und klagen: Hüter, ist die Nacht bald hin? Da kam mir, ich wolle an Träume denken, Träume, die andere gehabt, weil ich keinen bekam. Ich dachte an Pharaos Traum und an den Traum Jakobs, den mit den Engeln, so kam ich bis zu Davids gewaltigem Traum: Alle Geschlechter wuchsen empor aus seinem Herzen wie Blumen, grüßten ihm zu aus den Blumen, Männer, Frauen, auch Kinder, und fangen so schön: sieh, die Knospe der Rose im höchsten Wipfel des Stammes, sieh, wie ihr Grund sich erschließt, schon erschloß sich der Kelch und darin thront die Jungsrau mit Gott, ihrem Sohne. Aus der Wurzel Jesse ist diese Rose erblüht, und die Wurzel ist in David beschlossen, nicht nur in seinem Traum, als er schlief auf dem Dach seines Hauses. Amen, fangen die Geschleckter im Gezweig seines Traumes. Amen und Ave. Der Morgenstern stand über den Dächern von meiner Stadt. Mir war die Nacht im Traum der Andern vergangen, ich weiß nicht wie, der Morgenstern blinkte so schön, ick auch sang Amen und Ave. Kleine Schere, vergiß mir nicht diese Geschickte eines schlaflosen Kranken, den Trost der im Träumen der Frommen liegt, besonders in Davids Traum. Und wieder sagte der Ohm zu der Schere auf der rostroten Decke über seinen unbeweglichen Knien: Ich habe mir ausgedacht, wie es geworden märe, wenn Leontine bei mir geliehen märe. Sicher hätte fie viele, hätte fie schöne Kinder gehabt, unsere Kinder. Sie hätten geheißen Franziskus, Johannes, Sylvester und Dorothee, Andreas und Maria ober auch Michael. Sie hätten mitsammen gespielt, mitsammen gelernt, ich hätte am Abend ihre Scheitel gesegnet, sie wären schon groß. Ich aber bin allein, Leontine ist tot — Gott mag wissen, was er gewollt. Er setzt zwischen unsere Wünsche das Kreuz wie zwischen das Geweih des Eustachiushirsch das Zeichen der leidenden Liebe, also den Jäger selber zu jagen. Wohin? In sein Herz! Kieme Schere, kleine Schere, vergiß mir nicht St. Eustachii Hirsch. Gestern, sprach Onkel Philibert, sah ich aus meinem Eckfenster die Gänsemagd gehen mit ihren schneeweißen Vögeln. Ich sah auch den Hirten herabziehen vom Hügel, der Hirte heißt Wendelin, ganz wie sein Patron. Die Gänse sind weiß, und die Schafe sind weiß, ich sah ihre Hirten beisammenftehn, sie grüßten sich nicht, sie küßten sich nicht, mit ihren Augen allein taten sie sich all dies gar so seliglich an. Ist bas nicht auch eine schöne Geschichte? Behalte auch sie. Es kommt einmal eine Zeit, da bie Menschen verlernt haben werben, sich mit bem Munb und den Händen große Siebe zu tun, geschweige denn mit den Augen, wie es der Hirt seiner Hirtin getan und die Gänsemagd ihrem Hirten. Wenn ich dann noch fein muß, möchte ich wohl gehn dürfen aus dieser Welt, die !o verarmt ist, in eine andere, mit einem Schritt, gleich wie ein Mann, Den sie den Schlemihl nannten, mit einem Schritt Süden in Norden vertauschte, Westen, allroo die Sonne versinkt, um Osten, wo sie erscheint. Nach Osten wollte ich gehen, in den Ausgang der Sonne, die über allen Sonnen erhaben ist — in die Liebe des Herrn. Kleine Schere, kleine Schere, ich bin ja gelähmt, aber ben großen, einzigen Schritt in ben Ausgang ber Sonne werbe ich tun, bu aber berichte von ihm, wenn ich ihn gegangen fein werbe, weil eine Stimme rief: komm, Philibert!" Kleine Schere, bu hast dies getreulich getan. Onkel Philiberts leise Geschichten, du hast sie erzähtt, auf die leise Art, die den leisen Dingen gebührt. In schwarzem, armem Papier hast du sie berichtet, diese und noch viele andere: stille, süße, tiefe, hohe, singende, klagende, demütige Geschichten von der Welt, wie sie ist, von der Welt, wie sie wünschte zu jein, und von der Welt über der Welt. Viele Bogen schwarzen Papier hast du zur Speise gebraucht, zur Wanderung, zum Weg, zu sehr vielen Zielen, auch zu einem stillen gelähmten Mann, der starb, wie Leontine gestorben ist. Ich werde das dunkle Papier nicht ausgehen lassen, bis auch ich nicht mehr bin. Und die Bilder, die du mir gemacht, werde ich sammeln und zu einem Buch binden lassen und es wird heißen: Die Schere und die Geschichten von Ohm Philibert Holl. Sauen in den Vogesen. Von Generalmajor a. 2). Rudolf Mohr Von jeher bargen die Vogesen einen großen Reichtum an Schwarzwild. Die Riesendickungen, die nur mit Bracken zu besagen waren und für menschliche Treiber oft ein vollkommen undurchdringliches Hindernis boten, waren für seine Ruhe und Vermehrung geradezu ideal zu nennende Aufenthalts- und Schutzorte. Selbst wenn es gelungen war, in ihnen eine Rotte Sauen zu bestätigen und einzukreifen, was gewöhnlich nur bei Schnee geschehen konnte, so war es direkt ein Kunststück, sie heraus und vor die Schützen zu bringen, denn, wenn es einmal in den Vogesen schneite, so lag der „weiße Leithund" auch gleich meterhoch, und dann ließen sich die Sauen gern einschneien, und es fiel ihnen gar nicht ein, ohne sehr dringenden Grund ihren warmen Kessel zu verlassen. Und wenn sie es trotzdem tun mußten, so gab es bei den oft kilometerlangen Fronten und der fast immer sehr dünnen Schützenlinie Lücken genug, wo sie durchbrechen und ihre Schwarte retten konnten. So kam es, daß trotz des großen Schwarzwildbeftandes — ich habe selbst z. B. in den Wäldern von Busendorf bei Metz Rotten von über 40 Stück die Schützenlinie unbe- schossen passieren sehen — eigentlich nie oder nur sehr selten größere Strecken erzielt wurden. Jedenfalls standen sie nicht im Verhältnis zu der starken Vermehrung der schwarzen Gesellen. Dazu kam, daß infolge des eigenartigen elsaß-lothringischen Jagdgesetzes für die Jagdbesitzer und Pächter der moralische und Geldbeutel-Zwang, den Sauen des Wildschadens halber nachzustellen, in den großen Waldrevieren fast völlig wegfiel. Denn hier sanden sie bei der reichlichen Eichel- und Buchenmast Nahrung genug und wirkten mehr nützlich als schädlich. Und selbst dort, wo sie angrenzende Dorsfluren heimsuchten und bei ihrer großen Anzahl oft bös verwüsteten, lag für die Jagdbesitzer kein Grund vor, sich die Haare auszuraufen. Denn den Wildschaden bezahlte eine staatliche Kasse, in die alle Gemeinde-Jagdpachtgelder flössen. Außerdem mußte jeder Jagdpächter einmal 10 v. H. seiner Pachtsumme dorthin abführen und war dann für die ganze übrige Pachtzeit von Wildschadenersatz befreit Am Ende jeden Jahres wurde der verbliebene Rest der gesamten Pachtgelder auf die einzelnen Gemeinden verteilt. Dadurch kam es, daß Gemeinden, die in der Ebene tagen und niemals Schwarzwildschäden aufzuweisen hatten, für andere bluten mußten, was nicht gerade das Interesse für die eigene Jagd erhöhte und den Gemeinderechnern sicher ost schweres Kopfzerbrechen verursachte. Das alles kam aber den Sauen zugute. So waren Die Vogesen vor dem Kriege und teilweise, wo sie nicht in der Kampfzone lagen, auch während des Krieges, geradezu ein Dorado für Schwarzwild. Das änderte sich, als immer mehr Bestände und Wälder den Granaten zum Opfer fielen. Erst feit dieser Zeit begann die Abwanderung der Sauen nach Osten und erfolgte ihr Auftreten in Gegenden, die man bisher nur dem Namen nach kannte. So auch bei uns. Ich habe eine sehr große Anzahl von Saujagden in den Vogesen mit- gemacht und regelmäßig bei der Heimkehr das Gefühl gehabt, wieder etwas Neues erlebt und vor allem etwas zugelernt zu haben. Keine Jagd glich der anderen, immer gab es Ueberrafchungen, denen man selbst als alter Jäger oft nicht gewachsen war. Es ist keine Kleinigkeit, wenn man von einem angeschossenen Keiler in höchster Wut angenommen wird! Da fiilft nur Ruhe und größte Kaltblütigkeit. Aber auch die will erst gelernt ein. Es ist ein wahres Wunder, daß z. B. bei den sog. Polizeijagden, die auf Grund von größeren Wildschäden bisher abgehalten wurden und bei denen jeder Schütze willkommen war, nicht öfters Unglücksfälle vor- kamen Denn gewöhnlich bestand eine ganze Anzahl der Teilnehmer aus Jägern, die ohne jede Erfahrung und Kenntnis vom Schwarzwild die Jagd auf solches wie eine lustige Hasenschlacht mitmachten und die Arme zum Himmel reckten, wenn wirklich etwas passierte. Erst vor kurzem brachten die Zeitungen die Nachricht, daß bei einer dieser Jagden ein Teilnehmer van einem angeflickten Keiler bei dem Versuch ihn „abzufangen" so schwer verletzt worden sei, daß eine Abnahme eines Beins habe erfolgen müssen und der Betreffende bald darauf gestorben sei. Ein Keiler läßt sich eben nicht wie ein Rehbock abfangen, d. h. mit dem Messer abnicken. Wer so handelt, tut dies nur aus Mangel an Erfahrung und Belehrung und hat gewöhnlich nicht die leiseste Ahnung, in welche Gesahr er sich begibt. Erster Grundsatz auf der Saujagd muß sein, nie an eilt erlegtes Stück heranzutreten, bevor das Treiben zu Ende ist und auch dann nur mit Vorsicht und bereitgehaltener Waffe. Häufig genug habe ich es erlebt, daß eine völlig regungslos daliegende Sau plötzlich wieder auf den Läufen stand und dann gewöhnlich den verblüfften Schützen annahm. Und es sind nicht allein die Keiler, die schwere Wunden schlanen, sondern auch die Bachen, die heftig beißen. Einen Treiber sah ich in den Vogesen, dem eine angeschofsene Bache nicht allein die dicke Ledergamasche durchbissen, sondern auch noch ein großes Stück der Wade herausgerilfen hatte. Gewiß ist es nicht nötig, vor einer Saujagd eine Lebensversicherung einzugehen oder fein Testament zu machen, aber wissen muß man, wie man sich zu verhalten hat und sich nicht durch Unkenntnis und Harmlosigkeit ohne Grund in Gesahr bringen. Deshalb ist es mit großer Freude zu begrüßen, daß durch das neue Reichsjagdgesetz eine Yoadprüsung — im Kreis Gießen findet die erste Jägerprüfung am 29. Mai statt — gefordert worden ist, in der jeder, der Jäger werden und einen Jagdschein besitzen will, beweisen muß, daß er mit der Waffe und allen Jagdgrundsätzen vertraut ist. Damit ist ein Lieblingswunsch aller alten Jäger erfüllt worden, denn nun werden auch ihre Ratschläge und Lehren ganz anders beachtet werden als bisher, wo sie gewöhnlich nur mit Lächeln und als unnötig in Empfang genommen wurden. Gerade ein Fall dieser Art iß mir unauslöschlich in Erinnerung geblieben her sich 1910 in der Nähe von Metz zutrug. Wir waren bei tiefem S^nee tu einer Saujaad geloben, wo mehrere starke Rotten ein« gekreist imh bestätigt waren. Unter den zahlreichen Schätzen befand sich auch ein mtmer Offizier einer Nachbargarnifon, der, mit einem Karabiner bewaffnet, seine allererste Jagd mitmachte. Der Jagdleiter, ein Rittmeister S., Jäger durch und durch, gab seine Direktiven vor Beginn de, ersten Treibens und warnte dabei noch ganz besonders, nicht leichtsinnig an angeschossene Stücke, besonders Keiler, heranzugehen. „Denn", fügte er hinzu, „nicht umsonst heißen selbst dreijährige Keiler Hosenflicker." Allgemeines Schmunzeln, denn die meisten von uns wußten Bescheid. Nicht aber die Jugend! Und so kam es zu einem tief beklagenswerten Unglück, das ein hoffnungsvolles Menschenleben vernichtete. Wie fein Verlauf war, ließ sich nur erraten, und zwar aus den Beobachtungen eines etwa hundert Meter entfernt stehenden Nachbarfchützen. Dieser, durch einen Schuß des Leutnants aufgeschreckt, hatte deutlich gesehen, daß der Schütze sofort nach dem Schuß fein Gewehr abgeftellt und in die dicke, dicht mit Schnee behangenen Fichtenwand hineingekrochen war. Nichts Gutes ahnend, beobachtete er weiter, als auf einmal ein durchdringender schrecklicher Schrei aus der Dickung kam. So schnell wie möglich rannte er heran, als plötzlich auf der Schneise, zwanzig Schritt vor ihm, ein starker Keiler erschien, der krank zu fein schien und den seine Kugel umwarf. Auch von der anderen Seite kam der Nachbarfchütze gelaufen, und als sie sich überzeugt hatten, daß der Keiler tatsächlich verendet war, folgten sie den röchelnden und stöhnenden Lauten, die aus der Dickung zu hören waren, Und zu ihrem Entsetzen fanden sie den jungen Offizier mit aufgeschlitztem Leib und zerrissenen Gedärmen in den letzten Zügen, kaum fünf Schritt vom Rande liegen. Jede Hilfe war vergebens, der Unglückliche starb ihnen unter den Händen. Und die Erklärung?! Der Keiler hatte außer der tödlichen Kugel noch einen sog. Krellschuß dicht über dem Rückgrat aufzuweisen. Der junge Leutnant hatte ihn nach diesem Schuß, der erfahrungsgemäß ein beschossenes Stuck stets zusammenbrechen läßt, infolge seiner Regungslosigkeit für verendet gehalten und war in der Begierde, seine erste erlegte Sau zu sehen, kotz aller vorherigen Warnungen in die Dickung hineingekrochen. Der nur betäubte Keiler war bei seinem Herankommen wieder hoch geworden, hatte ihn anscheinend überrannt und dem Hinstürzenden die tödliche Wunde geschlagen. Es war ein tiefer Eindruck, den alle Jagdteilnehmer empfingen, und wohl keiner von ihnen hat die harte Lehre vergessen. Eine zweite Jagd, aus der man ebenfalls lernen kann, wie man es nicht machen sott, kostete zwar auch „Menschenblut", nahm aber einen mehr tragikomischen Verlauf. Wir waren von Forbach aus nach Ober- Homburg bei Beningen gefahren, wo zahlreiche Sauen stecken sollten. Die Jagdgesellschaft war diesmal großer als sonst, so daß die Schützen in engeren Zwischenräumen aufgestellt werden konnten. Das war besonders beim ersten Treiben der Fall, einer langgestreckten Hangdickung, die auf der Hohe in Hochwald überging. In diesem — der Front des Triebes — stand ich als vorletzter Schütze der linken Flanke, den Eckposten hatte ein Rittmeister M. des Forbacher Trainbataillons inne, und etwa fünfzig Schritt von ihm entfernt stand als erster Schütze der Front ein Major v. W. der elsah-lothringifchen Gendarmerie. Also eine sehr wenig glückliche Aufstellung, denn der Eckposten des Rittmeisters M. hätte besser ausgespart werden können, da er die Nachbarn nur am Schießen hinderte. Major v. W. und ich, die wir schräg gegenüberstanden, hatten uns sofort durch Winken mit dem Taschentuch über unsere Plätze verständigt, das gleiche hatte ich mit dem Rittmeister M. getan, und ich kann nur annehmen, daß Major v. W., ein alter erfahrener Jäger, ebenfalls die Verbindung mit diesem ausgenommen hatte. Denn es ist eine der ersten Grundregeln bei allen Treibjagden, genau den Platz der Nachbarn festzustetten, besonders, wenn mit der Kugel ober, wie es damals noch vielfach üblich war, mit Posten geschossen wurde. In bas Treiben hineinzuschießen, war bei unserer Aufstellung eigentlich ganz unmöglich, bas herankommenbe Will, mußte durchgelassen unb konnte erst bann beschossen werben. Jeber, bet nur etwas Ahnung von ber Jagd unb ihren Lehren hatte, mußte sich bas eigentlich ganz von selbst sagen. Das war aber bei bem jungen Jäger, Rittmeister M., nicht der Fall. Denn ganz unvermutet — das Treiben war noch nicht einmal ange- biasen— fiel bei ihm ein Schuß. Da nun die Sauen oft völlig überraschend unb kaum hörbar kommen, fuhr ich von meinem Jagbstock in bie Hohe unb äugte angestrengt nach bem beschossenen Wilb. Aber es war nichts zu sehen. Dafür erscholl vom Platze bes Majors v. W. bessen wütende Stimme- „Was fällt Ihnen denn ein, auf meinen Stiefel zu schießen? Sind Sie denn ganz verrückt geworden? Au, au! Ich habe ja das ganze Bein voll Schroten." Erschrocken lief ich zu dem Rittmeister M. unb fanb ihn vollkommen „verbuttert" mit der Flinte in ber Hanb stehen. Auf meine Frage, auf was er denn geschossen habe, sagte er ganz gebrochen: „Ach Gott, ich buchte, es wäre ein Marder." Inzwischen hatte der Major v.W. seinem gerechten Zorn weiteren Ausdruck gegeben unb glich, als wir uns ihm näherten, unb er horte, baß fein Stiefel für einen Marter gehalten worben fei, einem wutschäumenden angeschossenen Keller. Ich konnte es ihm nachfühlen, denn das Blut lief ihm an Hose und Ledergamasche herab, unb letztere war ganz durchlöchert. Er hatte harmlos auf seinem Jagdstock gesessen unb feinen Fuß einmal etwas vorgestellt. Diese Bewegung im Schnee hatte ber Rittmeister M. gesehen unb für einen Marber angesprochen. Ohne baran zu benfen, baß ja bort sein Nachbarschütze stand, hatte er den Schrotlaus seines Drillings auf das Ziel abgeschossen unb bas Bein unb ben Fuß bes Majors v. W. mit einigen zwanzig Schroten „beglückt". Zum Glück hatte bie starke Lebergamasche ben Hauptteil bekommen, aber immerhin waren bie Schrotkörner so tief eingebrungen, daß sie später vom Arzt einzeln herausgebohrt werden mußten, was keine reine Freude war unb ein längeres Krankenlager zur Folge hatte. Und das alles war nur geschehen, weil der Rittmeister M. es versäumt hatte, sich genau den Stand seines Nebenschützen einzuprägen. Es war noch leidlich abgelaufen, beim Kugel- ober Postenschuß hätte es weit schlimmer werden können. Ich begleitete Major v. W., ber heroisch seine enischieben großen Schmerzen verbiß, bafür aber um so beuilicher feiner Entrüstung über leichtsinnige, unerfahrene Jäger Ausbruck gab, zu feinem Auto, ahnungslos bomals, baß wir später in Gießen langjährige Nachbarn werben "würden. Und bie Moral von ber Geschichll, „man schieß' auf frembe Stiefel nicht!" «eraniwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Verlag: Brühl'fche Univerlitäts-Duch- unb Eteinbruckerei. A. Lunge, Gießen.