Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 66 Montag, den 26. August r5' gilt’"'" @ic6<* cht, ausgc in an ta btr. Srünc )e finb mit irtstor uni Wohnh«, ion fälliger iem (liefen’ Wohnftck der Mich trenge non : Sühig!«! X ' ‘"«I den aus. ’> Teufel Ranke« •IP°rn mit letulatwns- 3nbuftrif tot fojialen anberswo. Kosmos i« [er Setrifi tnölbenif Seine Kraft war in ihm mächtig Gin händel-Roman von Grnst Alurm Copyright 1935 by Dcetecbe'Verlage-Hnatalt, Stuttgart und Berlin 11. Fortsetzung. Heber dem anderen drohte das Schicksal. Er bekam ein verworrenes Operntextbuch, änderte es um, zerbrach sich den Kops nach musikalischen Einfällen. Sie blieben aus. Das Werk enttäuschte, von sieben Theaterabenden brachten fünf einen Verlust ... Heidegger verlor die Ruhe, er mußte Geld opfern und bereute schon, den neuen Versuch mit Händel gewagt zu haben. Dieser saß schweißtriefend über einem Dutzend Opern» texte zugleich. Sowie er die schwulstigen Verse las, wußte er, dies hatte er schon alles, olles vertont, diese ganzen verstiegenen Leidenschaften, diesen unwahren Ernst — er wiederholte sich in jeder Note, die er auf- ietzte ... Es war ein Narrentum, hohl und burlesk —! Als Händel das Wort „burlesk" dachte, durchzuckte es ihn, er glaubte nun den rettenden (Sinfall zu haben. Eine komische Oper! Daß er daran nicht schon früher e fronen M Seb-»? W* tm®* glttei*1 fllt d" lit fo froh, Zahrgang 1935 Jjaus, j|| mfetf. j(t ■ '«fe Weit, in Baum! I Inb roieber eieinanbtr, eberijolutj Sappcl, fit M ®ipfc[, voll tlein. vom Son. lde - bei n Sdjkii® Ufern, b« ber £* ilb fflürtw infen )in (idiM rniorbrüd)f. -se gefei11 b fettfo* t aus, fn DQS H blonben Uepnais. M not ®taB. A 'Pnfenftt, Weierei, rutschte Händel wieder ein Stück durch das Zimmer, bis zum Eßtisch hin, auf dem vom Morgen her die zwei Labsale seines täglichen Lebens lagen: der kalte Hammelbraten und das Buch der heiligen Schrift. Nicht immer war sich Händel schlüssig darüber, ob er zuerst nach dem Braten greifen sollte ober nach dem Buch. Meist hatte das Fleisch den Vorzug — Gott verzieh es ihm, denn größer war die Innigkeit danach und die Freude an den Gleichnissen des Schöpfers. Ader heute — heute roch feine Nase nichts, schmeckte sein Gaumen nichts im voraus — heute war Sühnetag des Fleisches — Gethsemane — ja, der Schöpfer ließ einen feiner Söhne leiden — auf daß er sich besinne mit seiner Kraft —l Ein Ruck. Ein hastiges Blättern in dem Buch der Heiligen Schrift. Ein Ringen mit dem Teufel im Gehirn. Und Händel konnte lesen — und Licht war wieder! War wieder da! Ein ordnungsloser Schwall — doch Licht! Er sprang empor und las — wo seine Finger gerade hielten. Da stand, wo seine Finger hielten: „Er ist auferstanden am dritten Tage —!" Das stand! Das richtete Händel auch in der Seele wieder auf. Sein kahler Schädel glänzte wie verklärt — nicht Perlen des Schweißes in der Sonne, sondern Licht von innen! Es war freilich zuviel an diesem Morgen, da der Böse schon soviel Kräfte in ihm aufgewiegelt hatte. Es war zuviel. Händel mußte wieder in die Dunkelheit, diesmal in tiefen Schlaf. Ehe er aber zu Boden fank, tränten feine Augen in dem Buch der Heiligen Schrift noch den Jubel- ruf der Engel, doch nicht das ganze Wart vermochte er aufzunehmen, nur ein filberftrömendes H und viele l—l—l—l—• 6. Kapitel. Halleluja! Anderen Tages, nachdem der Wahnsinn ihn befallen hatte und er sich auf den Knien vor dem Allmächtigen von ihm befreite, erhob sich Handel aus dem Bette, hell im Geiste, des Tageslichtes und aller Gegenstände mit Gefühl und Freude gewahr, und tat feinen Leib in die schönsten Kleider, die er besaß. Nach dem Allerbesten langte er in den Schrank, zartgestrickte Strümpfe zog er an und seidenweiche Hosen, Schuhe aus glänzendem Leder mit Silberschnallen, ein spitzenübersates Hemd, eine bauschige Weste und den prunkhafiesten Rock aus seinem Besitze, den scharlachroten mit Knöpfen aus emaileingelegtem Gold. Noch stand Händel vor dem Spiegel ohne Perücke, nun tat er sie über, und (eines festlich angetanen Körpers Bild schien das Glas sprengen zu wollen, das es roiebergab. . , . , Aber bie Gewalt war innen noch großer als außen. Unb noch gehorsamer bie Welt ber Seele, als bie ber sinnlichen Erfahrung. Sie lag offen in ihrem Reichtum, aber nichts bebrängte ben Mann, ber zu biefer Stunbe nur ins Volle hätte greifen müssen, um Werke schassen ju tonnen, fo leicht klar unb mühelos wie noch nie. Es war bie gegebene Arbeitzeit ein Geschenk bes Augenblicks, in welchem Menschenlaune unb ge- burtsreife Töne zusammentrafen an ben Stufen eines schöpferischen übrones Trotzdem zögerte Händel und schrieb keine einzige Note nieder. Es konnte aber auch fein, daß er vergaß, es zu tun, und glaubte, es getan zu haben. Still und groß stand er, festlich gekleidet, eine ganze Weile in feiner Wohnung unb hörte von innen nach außen e,ne Reihe ber schönsten Musikstücke, einsache unb verschlungene Themen, alle neu unb unter seinen bisherigen Werken noch nicht vorhanben Ob er es verpaßte, sie aufzuzeichnen, ober ob sein Gebächtnis sie behalten mochte, bas war nicht bie Seltsamkeit an biesen Reichtümern. Wie Märchen hörte Händel sein eigenes Innere Harfespiele, Orchestermuftzleren, zuletzt sogar Chorsingen, alles so selbstverstänblich, als wären Instrumente, Musiker unb Sänger in seinem Zimmer versammelt unb als wäre er selbst ber Komponist, auch in voller Sirigententatigteit gewesen Dabei tat er nichts, als breit baftehen und lächeln über das ganze Gesicht. Bon Komponieren unb Dirigieren war keine Rebe. Er ging mit keinem Ziel vor Augen aus seiner Wohnung. Morgen- spaziergang, dachte er vielleicht ganz, ganz entfernt Aber bie Fest- kleibung? In ber Brookstraße grüßten ihn bie kleinen Leute, bie Kohlen- Händlersfrau und der Flickschuster, mit Verwunderung. In der letzten ■Reit hatten sie ihn oft schleppenden Ganges und sehr nachlässig gekleidet, einmal sogar ohne Perücke, vorbeikommen sehen. Heute war sein Schritt voll Majestät und fein Schädel wie eine Lampe — lichtausstrahlenb unb hoch über ben Menschen! Aber es wäre keine kräftige Stunbe seines Lebens gewesen, wenn er sich nicht bem Alltag berb unb freunblich geneigt hätte. Lange genug besaß er jetzt nicht ben Humor bazu ging sogar m ben letzten Monaten am Fleischerlaben an ber Straßenecke meist achtlos vorbei, unb bas wollte viel heißen. Minbestens einen Blick warf er boch sonst auf bie schaugestellten, rosig blutenden Waren und der Gedanke an ihre Zubereitung vertrieb ihm oft den geschäftlichen oferaer Als aber dieser zu groß wurde unb Sorgen ben Tonkunstler immer' bichter bebrängten, ba half auch ber Anblick bes Schweme- ober Hammelfleisches nichts mehr: bie Stimmung blieb grau. Heute Machte! Ein Text fand sich, obwohl Händel nicht ganz einverstanden mit ihm war. Doch er meinte, ihn durch Musik beleben zu können. Ganz in den Anfang des Werkes stellt er nun jene Melodie, die er bas Largo nannte, als er sie fanb .., Er hielt sein Versprechen ein mit ihr, sie kam in eine heitere Oper. Aber biefer „Terxes" war nicht ber Ort für iie. Wunberbar ergriff sie bie Zuhörer, würbe jeboch vergessen, als sich das Publikum mit ber Opernhanblung nicht auskannte unb verärgert ’ das Theater verließ. Hänbel hatte feinen letzten Trumpf als Opernkom- ponift ausgespielt. Ergreifenb war biefer Versuch, in ber Not zu lächeln anb zum Lachen zu bringen, völlig erschüttern!) bas Largo, Zuhörern in die Ohren klingenb, bie an ben großen Künstler nicht mehr glaubten Unb bie Entscheibung kam. Heibegger konnte ben Verlust tragen, als i die Vorstellungen ber Oper unbesucht blieben, Händel nimmermehr. Cm i König, der zu befehlen gewohnt war, lernte er nun bas Bitten. Er ge- i tanb feinen Sängern, baß er ohne Gelb fei, unb bat sie, Schulbfcheine I oon ihm zu nehmen als Bürgschaft ... Alle erklärten sich bereit bazu, auch bie Straba. Als sie aber statt Bargelb ihrem Mann bas geschriebene Ehrenwort brachte, würbe biefer roütenb, ging mit dem Vertrag feiner ! rfrau zu Gericht unb reichte bie Klage ein gegen Hänbel. Kurze Zeit danach kam an einem Morgen ein Gerichtsschreiben in fern Haus, baß er bei Nichtbezahlung des Selbes an Frau Straba bei Po binnen brei ' Monaten in ben Schulbtnrm käme ... , Als Hänbel bies las, versagte sein Verstaub, rote [djon früher emmal, oor bem Schlaganfall, unb stärker jetzt, als bei diesem. Aber bas boie Tier, bas ihn niederhielt, war grausamer heute als je zuvor: es Uetz chm etwas Luft, noch bevor er ganz erschöpft war Eine Dämmerung am nachtfinsteren Geisteshimmel des Komponisten, die feine mach igen Kräfte erzwangen, erlaubte ihm zu denken — zwei, drei Sefunben lang, isst, an (Segenftänbe im Gemach, bie bas Auge traf, an eines ber »ub , I welche feine rafenbe Phantasie über ben hilflos umgesturzten Richtertisch ’ ■eines Willens wälzte — ja. eines biefer wilben B'.lber konnte er fest- tialten unb ihm Maß, Stillftanb gebieten — — aber schon zerstoß ihm dieser Gebanke unb ein anderer kam, der, den das böse Tier wollte als •5 ihm Luft ließ, der furchtbarste aller Menschengedanken: denke ich denn überhaupt — bin ich oder bin ich nicht ?! In qualvoller Angst wälzte der Riese die Masse seines Körpers von i der Bettstatt, auf der sie lag, herunter auf den Fußboden. Der lärmend Fa" Ciner selbst sauste in den Ohren des uninachteten Mannes. Er | geriet in noch größere Angst und fprgng auf, schleppte M) fW unb her t durch ben Raum, tastete Möbel und Porzellan ab, Erbrach e was in ben I Barenhänden, ließ es fallen unb stürzte weiter, zum Smnett, m J>arfe bin, in bereu Suiten er wie ein Fleischer langte .... Beim ber Töne wurde es ganz schlimm mit ihm. Jetzt suhlte nickst nur e n Mensch, sondern auch der König eines Reiches sich in Not. Nicht allein aus den Poren feines verwüsteten Gesichtes, auch aus denen feiner ziegest roten kglsten Schödeldecke quollen Büche von Schweiß H.audel konn e nicht mehr stehen und sank in bie Knie. Der Teufe m 'hm orbe.tete weiter unb warf bie Seele bes Menschen völlig du.cheiuauber. Aber jetzt, ba er bie Haltung eines Beters einnahm, war es, als erhörte chn jemanb, ber ihm helfen konnte — em bißchen helfen um«. dichi-i. i* I nber 6* Ä ns» * 1 erbuft* | mn. | t «15 * | *,nJ U V jedoch war bas anders! Köstlich und des Stehenbleibens wert schien Handel jedes Schaufenster, wie sehr muhte er da besonders an den Wünschen seines Gaumens, welche im rohen Zustand so unschuldig dalagen, so lebensnahe, Gefallen finden! Doch der geschlachtete Hammel, den er mit so strahlenden Augen von ollen Seiten beguckte, das Fett des Kammes und die Stärke der Lenden prüfend, wurde ihm heute zu einem Gleichnis, Aus dem Fleischerladen trat eine Kundin und hörte den großen Mann, dessen Aeußeres schon allein die Augen auf sich zog, Worte murmeln. Es waren erstaunliche Worte vor einem toten Schlachttier, sie sprachen diesem eine erhabene Bedeutung zu. „Lamm Gottes" sagte derselbe Mund, dessen Freude es war, das Fleisch dieses Tieres zu verzehren. Gott vor sich selber Verzeihung erbittend — Gott, der Unendliche, verzeihend in seinen Kreaturen ... Aber weiter ging der Weg des festlich gekleideten Menschen, aus seiner Wohnstraße in das große London. Bald stand er nicht mehr vor kleinen Geschäften, wenn ihn ein Schaufenster fesselte, sondern vor den Läden der City, denen nach dem Geschmack der Engländer zwar kein größerer Prunk anzusehen war, als den Geschäften der geringen Leute, aber doch eine Tonart, die das Teuere verriet, ob es sich um Kleiderstoffe oder um Lebensmittel handelte. Unweit von den Palästen des Adels hatten sich die reichen bürgerlichen Kaufleute eingerichtet. Manch einer trug auf seinem Laoenschild das Wappen eines Herzogs oder gar des Königs, als Zeichen, daß er Hoflieferant sei. Händel besuchte diese Geschäfte, die fremde Kunden nur mißtrauisch bedienten, sonst nie. Sein braver Loddy, der beim Anmessen eines Rockes so liebevoll von gebratenen Gänsen und Roastbeess sprach, dieses vor dreißig Jahren zugewanderte Kind vom Lande, war ihm lieber als alle vornehmen Schneider der Stadt. Heute aber blieb der Komponist vor einem Laden stehen, aus dem die Adeligen ihre dem Mittelstand unerschwinglichen Kleider bestellten. Und Händel trat ein in das Geschäft. Er wurde von grauen Augen kühl gemustert, ein spitzes Kinn versank in Rüschen, der Herr des Ladens war mißgestimmt. Er winkte dem Verkäufer, und der trat vor zu Händel. „Hosenbänder!" sagte dieser. Der Ton war wie Befehl, nicht mehr wie Wunsch. Der Kaufmann erschrak. Jedoch er kannte Londons Herzöge unb- Lords. Von ihnen war dieser keiner. Sollte es aber ein Srof aus der Provinz, ein derber, doch guter Kunde fein, den man in der Käuferliste beruhigt führen konnte? Der Geschäftsinhaber bediente plötzlich selbst. Er mußte viele Hosenbänder zeigen. Sie waren alle meist zu eng. Der Kunde zog sie über seine muskelschweren Waden — sie reichten nicht, der Adel hatte dünnere Beine! Und dann die Farben! Der Riesenkerl nannte alles sahl und sade. „Ich möchte ein Kränzlein an den Knien, ein Feuerkränzlein, lieber Freund, und keinen Trauerflor!" Er nahm sich viel heraus, er mußte reich an Macht und Gütern sein. Stand seine Kutsche draußen? Nein, er kam zu Fuß ... Wo wohnt Cure Lordschaft, wollte der Kaufmann fragen, als der Kunde gewählt hatte. Doch schon bekam er Bescheid. „Die Ware kommt zu Händel, Brookltrahe 57, drei Uhr mittags. Dort wird bezahlt — Gottweiß von roemr Es war wie Fopperei, doch wagte der Kaufmann nicht zu widersprechen. Erst als der Fremde aus dem Laden war, wanderten seine Hosenbänder wieder in die Schachtel, aus der er wählte. Längst hatte Händel sie vergessen, nachdem er durch die Straßen weiterging. Er trat noch in mehrere Geschäfte, bestellte Notenpapier, Puder für feine Perücke — aus Weizenmehl, sagte er scherzend, ich will Samen in meinen Schädel säen! — und ein gutes Rasiermesser. Es schien, als wollte er sich noch festlicher zurechtmachen oder mit starkem Humor auf feinem Riesenkörper Posse spielen. Er spaßte heiter, dankbar, unendlich heiter ... Dann waren's Kinder, deren Spiel ihn bannte. Er blieb stehen vor den Kleinen, die von ihren Wärterinnen oder Müttern jetzt am Vormittag aus den grünen Parkplatz inmitten der Stadthäuser geführt worden waren. Ost ging Händel schon auf dem Weg ins Theater über diesen Platz, wenn er von Kindern voll war, und gerne verzögerte er stets seinen Schritt, nur hatte er zum Verweilen niemals Zeit. Heute nun nahm er sie sich. Als er mit mächtiger Gestalt dastand und nicht weiterging, glaubten die Kinder zuerst, ein Riese aus dem Märchen träte zwischen ihr Spiel, und ängstlich guckten sie zu ihren weiblichen Hütern hin. Diese lächelten aber, und auch der große Mann selbst zeigte ein gütiges Gesicht, fo daß man feine Gröhe nicht zu fürchten brauchte. Und das Spiel der Kinder ging weiter. Der, den es bannte, fah die Bewegungen der Unschuld mit Gottvaters Gefühlen, mit dem süßesten Wohlwollen für das im Kreislauf von Geburt zu Tod sich regende menschliche Geschlecht, für das Leben überhaupt. Noch wußten diese Kinder, Geschöpfe am Anbeginn, nichts von der Vollendung, aber auch keiner, der die Vollendung empfand, konnte das Rätsel der Sehnsucht nach neuem Anbeginn lösen. Zum zweitenmal des Tages sah Händel in sich, in allen Sterblichen, Gott, den unendlichen ... Einem der spielenden Kinder, das sich zu dem zuschauenden Komponisten hin verlief, legte dieser die Hand sanft auf den Scheitel. Erschrocken befreite der Kleine seinen Kopf von der unerwarteten Berührung, drehte sich um und sah bange zu dem Herrn hinauf. Ein unaussprechlicher Blick aus dem Abgrund aller Güte traf das verschüchterte Kind... In diesem Augenblick kam Händel eine Eingebung großmütiger Siebe, zugleich ein Gefühl für die Torheit feiner Sorgen um den Bestand feiner Oper und um fein Ansehen als Komponist dieser Kunstgattung. Er hatte schon viel Geld gehabt und es immer in den Rachen des kostspieligen Molochs geworfen, aus dem für ihn nur der unzuverlässige Bestall des Publikums oufgeftiegen war. Und ewige Feindschaft! Coium bevor der Gatte einer Primadonna ihm die Schmach an- htn wollte, Ihn In den Schuldturm zu stecken, hatte ja Sufanna CCibbir Händel vor der Oper gewarnt, Arbuthnot tat es schon viel früher - und er ließ sich immer wieder hinreißen, nochmals mitzutun. Aber tnie er jetzt, an diesem Festtage, zurückdachte an die letzten Jahre und M». nate, ärgerten den Komponisten nicht die Mißerfolge, sondern die 23er« säumnstse. Er hatte Geld besessen und es in die Hände der Reichen zi- rücksließen lassen, von denen es kam. Selten dachte er an die Armci,- Und doch empfand er seit je für Hilflose ein reines und kräftiges Mi!- leid. Er packte die Menschen oft hart an und war kein Freund oon- Faulenzern. Auch ihm selber waren an der Wiege keine Reichtünu-r beschert gewesen. Aber er empfand wuchtig mit der Größe irdischer Urglücksschicksale und vor allem mit Einsamen und Waisen. Jetzt, wie er von den glücklichen spielenden Kindern ging, dachte er an unglütfliife Kinder, an taube, blinde und elternlose. Und jählings sagte er sich, dch es etwas Erhabeneres fein müsse, anderen zur Freude oder wenigstens ihnen zur Hilfe, als für ein Opernunternehmen zu schaffen--- Und erhabener war die Musik, die in dieser königlichen Herzens i erfenntnis geboren wurde, als Händelsche Musik von früher oder überhaupt als Musik je vorher. Mit ihr trat die Wahrheit in die Kunst uni auf die Erde, die große Wahrheit, daß kein Wesen für sich und seine, Ruhm allein geboren ist, am wenigsten das starke Wesen unter de, Menschen. Ihm ist, von Atlas her, die Bürde der Welt auf die Schlütern geladen, und nicht was er vermeidet, sondern was er vollbringt uni überwindet, würzt dem Starken das Leben zur Freude! Und nur ti dieser Freude wird er den Gesang anstimmen können, Vater im uneni- lichen Raum, zu deinem Preis! Halleluja! An jenem Hochsommervormittag in der Hauptstadt des englische, Reiches ging, nachdem er seine besten Kleider angetan hatte, der leibes- starke Tondichter, dem einen Tag vorher das Gericht mit dem Schuldturm drohte, aus seinem Wohnhaus auf die Straße, ging durch mehren Straßen, trat in Geschäfte und machte im Emst ober in spaßhafter Saunt Bestellungen, schritt weiter und erlebte auf einem Platze unter Kinder, die Wandlung vom ichbesesfenen Manne zum Menschen mit großmütiger Liebe. Als er seinen ziellosen Gang fortsetzen wollte, stürzte aus ihn mit Macht ein ungekanntes Gefühl und forderte in gebieterischem Jude«, irgendeine menschlich faßbare Gestalt anzunehmen, und verlangte aus^ drückt zu werden, sei es durch einen Schrei ober burch Nieberschrch Gleich einer körperlichen Geburt, bie nicht aufgehalten werben tann, ging hier die Geburt aus einer Seele mit solcher Gewalt vonstaiten daß dem davon Befallenen keine Zeit blieb, zu überlegen. Er stand uni- weit von einem Wasch- und Plättlaben, als bie Gnabe ihn überwältigt«, griff in die Taschen feines Rockes, unb als er bort roeber Papier noch Federkiel fanb, rannte er in bas brei Stufen unter ber StraßenlM gelegene kleine Geschäft, keuchte ein schmuckes Mäbchen, bas mit den Bügeleisen hantierte, an unb erbat sich, wie einer, ber noch vor dem Sterben sein Testament schreiben muh, ein Blatt Papier unb Schreit» zeug. Von einem Wanbgestell holte es bas Mäbchen zögernb her un) konnte es kaum reichen, so schnell riß es ihr ber Frembe aus der Hand wobei er Tinte über ein frischgeplättetes Spitzenhemb ergoß. Der Schm den wird gutgemacht, konnte der Mann noch sagen, so hielt ihn bas Mäbchen wenigstens nicht für ganz verrückt. Aber wie er sich über ba- Plättbrett beugte unb in Fieberhaft große Punkte unb lange Strich« baneben hinsetzte, würbe ihr boch recht bange zumute. Doch bann richtet-« sich Hänbel unterm Schreiben einmal auf, unb als bas Mäbchen jetzt iir fein Antlitz sah, war es ihr, bie in Einfalt und Frömmigkeit lebte, als lese sie während des Gottesdienstes in der Bibel, und hinter ihr |m Chorgefang, und dieser Mann sänge — „Halleluja!" Wahrhastig ward's geschrieben im Beisein einer Demütigen im geringen Raum auf billigem Papier — doch als es baftanb unb bas Mäbchen ins Gesicht bes Mannes fah, ba faßte sie bas Mächtige, da waren auch bie Ausfchreibzettel für Wäsche, welche sie bem Frembea vorhin gegeben hatte, geheiligt, unb Ehre, baß er darauf schrieb, untb nun sein Eigentum. Das Mäbchen räumte auch bas beschmutzte Hemlt aus Hänbels Augen unb trug ben Schaben. Der Komponist nahm fein Papier, er bankte, ging entrückt unb kam nie roieber. Doch einmal roae er ba gewesen, unb was er schrieb im Bügelladen, das blieb... Es war geboren. Wieder planlos durch die Straßen Loydons fchrei" tend, fühlte Händel ununterbrochen nach dem Schatz in feiner Rocktasche und je fester er das ärmliche Papier umklammerte, desto mehr entzündete es ihn bei jedem Schritt von neuem — er hatte niemals frühe« diesen Rausch erlebt. Selbst der Einfall seiner schönsten Musiknummern brachte ihn nur für Augenblicke in Verzückung, die sich von der gewöhnlichen Heftigkeit feines Lebens nicht merkbar unterschied. Heute oben tarn er nicht zur Ruhe, wiewohl fein Schöpfergeist in lichter Klarheit den Ausbau des Motives, das er im Plättgeschäst niederschrieb, fdjon fertig hatte für Menschenstimmen unb Posaunen, für bas ganze Orchester — es war ihm noch zuwenig bes Jubels, ben er in sich hörte! E« ging unb fanb im Schreiten neue Motive, feierlich und ergeben — Themen ber Solisten. Jetzt hielt es ihn nicht länger auf ber Straße-, er lief nach Hause. Als grüße er feine Mutter ober feine Armut, breitete er bie Arme tun ber Tür unb trat festlichen Schrittes an bas Spinett. Jetzt tarn bis Herrscherruhe über ihn. Er schlug das Notenheft auf unb legte daneben die zerknüllten Zettel aus dem Bügettaden. Darauf fehlten bie ersten Takte, bie jetzt zwischen bie schönen Linien bes Arbeitsheftes, benen ein Notenschlüssel Doranftanb, von ber festen Hanb bes Komponisten hw» gesetzt wurden. Dann aber brauchte Hänbel nur bie Frucht bes gesegneten Tages ins Reine zu schreiben, unb wieder überkam ibn ber Rausch mitt niegefannter Gewalt, als er ben Träger ber Melobie bezeichnete, den Chorus, unb sein einziges Wort: Halleluja > (Fortsetzung folgt.) Glockenblume am Sonntag. Don Johann Otto Bringezu. So klein am Weg, so still und schön, Wie läutest du den Tag mir ein! Der schnelle Fuß bleibt zögernd stehn, Das Auge ruht, sich satt zu sehn und sieht die Welt in dir allein. Die lauten Stunden treiben fern, der rasche Wind dämpst seinen Schritt. Die Glocke schwingt, o süßer Stern, ihr Helles Lied zu Dank dem Herrn und alle Gräser fingen mit. So bist du klein und doch so groß in deiner blauen Lieblichkeit. Mein Herz wird aller Enge los und hebt, der dumpfen Mühsal bloß, auf deinem Lied sich wolkenweit. Eine Frau lernt fliegen. Don Karl Conrad. Cs waren schon soviel Vögel wach an diesem Morgen, alle in den Bäumen um den Flugplatz herum, aber als die Mechaniker den Motor vnwarsen, war nichts mehr davon zu hören, nur der Motor sehr hell und hart, und der Himmel klar bis auf ein paar kleine Wolken am Horizont, die gelb waren, aber unten die Erde noch verschattet, und die Grasnarbe feucht vom Tau, auch die hellen Schuhe der jungen Frau, die über dem Flugplatz zur Maschine ging, bald feucht und dunkel. „Sind Sie heute in Form?", sagte Brenbach, der zum Motor hinaufgeklettert war. Er lächelte. Sein Gesicht war voller Falten, aber nur so lange, wie er lächelte, außer den beiden Falten von der Nase zu den Mundwinkeln herunter, die immer blieben. Die junge Frau wollte sagen, daß sie in Form sei, aber er hatte sich schon wieder nach den Mechanikern umgedreht, und sie hörte, daß er mit ihnen über irgend etwas von Zündung sprach. Der Apparat lag hoch aus dem Fahrgestell; man mußte zuerst auf den Gummireifen eines Rades treten und sich dann hinaufziehen und über die Bordwand schwingen, aber es war leicht, in dem Leinenanzug sich zu bewegen, obgleich die junge Frau, sobald sie den weiten gelbgrauen Anzug turg, das Gefühl hatte, gar nichts Besonderes mehr zu fein, und wenn sie sich in ihrer Koje im Spiegel betrachtete, den Sturzhelm auf dem Kopf, muhte sie zugeben, daß sie jetzt nur noch ein fliegendes Wesen an und für sich mar, und alles andere war unwefentlich. Also stieg sie in ihren Sitz; der Fallschirm diente als Kissen, und sie zog sich die Gurte über die Schultern und hakte sie mit einem andern Gurt ein, den sie um ihren Leib schnallte. In dieser Schulmaschine lagen die beiden Sitze nebeneinander, was den Apparat vorn etwas breit machte: er sah nach einer Ente aus, und es verringerte die Geschwindigkeit, aber man legte keinen Wert daraus, hatte Brenbach einmal gesagt. ,Ich will meine Schüler vorn Kopf bis zu den Füßen neben mir sehen", hatte er gesagt. Er gab Bollgas. Die Mechaniker liefen zur Seite. Die junge Frau sah noch einmal nach dem Windsack hinüber, der ruhig an feinem Mast stand, neben der Halle, vertikal und ein bißchen aufgeblasen. Es war nicht viel Wind an diesem Morgen, und er kam gleichmäßig aus einer Richtung. „Es ist notwendig", sagte Brenbach, und sie beugte sich zu ihm hin, denn der Motor war sehr laut, „daß Sie den Steuerknüppel ganz locker halten und jede Bewegung nachempfinden." Sie hielt den Knüppel lose mit beiden Händen und fühlte, wie Brenbach steuerte. Die beiden Knüppel waren gekoppelt. Erst als die Maschine sich hob, zog Brenbach das Hohen- fteuer ein wenig an. , „Sie müf en den Apparat behandeln", sagte er, „rote man Kinder im ersten Schuljahr behandelt; später können Sie strenger sein und Ansprüche stellen." „Ist das der höchste Grad?" „Nein. Den höchsten Grad haben Sie erretcht, wenn Sie gar nicht mehr an Steuern denken." . ... Als die Ueberlandleitung noch etwa hundert Meter vor der Maschine war, fühlte die junge Frau, wie der Lehrer bas Hohensteuer noch etwas onzog, aber nur sehr wenig. Sie dachte, daß sie stärker gezogen Haden würde, wenn sie allein gewesen wäre, und daß sie es roat)rjg)einlig) uv erzogen hätte. Sie hatte immer Angst vor der Ueberlandleitung, wenn der Start in dieser Richtung erfolgte, und wenn der Start in der entgegen- gesetzten Richtung erfolgte, machte sie sich Sorge wegen des Hangars Aber nun kam der Apparat sehr gut über die Leitung hinweg, sie schätzte mindestens fünfzehn Meter Distanz. „Sann geht alles von selbst", sagte Brenbach. „Das muß großartig fein!" sagte sie und blickte nach ihm> hm und dann wieder durch den Windschutz aus Zelluloid, der etwas geldlich war und durch den unsichtbaren Propeller am Horizont, über dem ein leichter bläulicher Morgennebel schwebte. ... „Günther Plüschow hat mit den Füßen gesteuert als er »der Tsingtau flog, weil er die Hände dazu benutzte, eine Karte zu zeichnen. Aber sagte Brenbach und -ließ den Apparat immer noch ftetgen, „mari er« djt den höchsten Grad nur, wenn man die beiden andern Grade gründlich ^Ne'beugte'den Kopf ein wenig zur Seite hinaus und fah, daß setzt die Dächer unten alle schon Sonne hatten, aber die Straßen waren noch dunkel, wie Kohlenstriche, und man konnte von hier oben Ssttfehen, wie auf dem einen Ufer des Flusses nur Häuser waren, sehr Vicht, denn da lag das Zentrum mit den Geschäften und den Büros und auch Miet Häusern an der Peripherie, aber auf der andern Seite des Flusses war viel Grün, die Straßen hakten Bäume, und hinter den Häusern wäre« Gärten, und darüber längst nicht so viel Dunst. Die junge Frau kam sich sehr losgelöst vor, wie sie das alles so betrachtete, und nur ihr Sitz war etwas Festes; die Hände lagen auf dem leicht beweglichen Steuerknüppel, und die Füße standen auf den Seitenfteuerpedalen, die sich ebenso leicht bewegten. Als sie nach ihrem Lehrer hinblickte, sah sie, daß er das Steuer losgelösten hatte. Er saß ganz ruhig da und sah ihr zu, die Haare vom Wmd durcheinander. Er trug nie einen Sturzhelm, aber er ließ seine Schüler nie ohne Sturzhelm fliegen. „Fliegen Sie ruhig weiter", sagte er, „es ging ausgezeichnet/' „Ich habe gestern den ganzen Nachmittag auf dem Dach gesessen und beobachtet, wie Sie trainiert haben. Sie haben wundervolle Loopings gemacht." „Versuchen wir es mal?" „Nein, bitte nicht." Und etwas später sagte sie: „Jetzt möchte ich zur Aldegreverstraße 16." Bei der dritten Brücke sah die junge Frau nach dem Kompaß, der in seiner grünen Kapsel in der Mitte des Windschutzes befestigt war, und bog genau im rechten Winkel ab, und unten begannen die Straßen mit viel Grün, und dann sah sie das Haus und den Garten und die Terrasse nach dem Garten zu. Brenbach ließ den Apparat tiefer gehen, kehrte noch einmal um, und flog nun ziemlich tief über das Haus hinweg. Ein junger Mann im weißen Tennisanzug war auf die Terrasse getreten, er winkle, sie ließ das Steuer los, sie dachte: „Er kann Gott fei Dank nur meinen Kopf sehen, nicht den Anzug. Ich bin ein eitles Känguruh." Und sie winkte mit ihrem Taschentuch, und nun winkte auch der junge Mann mit seinem Taschentuch. Sie war sehr aufgeregt und glücklich. „Vielleicht versuchen wir doch einen Looping", jagte sie. Sie flogen einen Looping und das Haus mit der Terrasse hob sich und sauste über den Kops der jungen Frau hinweg und lag dann wieder unten „Es ist notwendig", sagte Brenbach, „daß Sie beim Fliegen nie so etwas empfinden, als ob Sie sich drehen oder auf dem Kopf stehen oder, was noch schlimmer ist, als ob die Erde sich um Sie herumdrehte. Das ist alles nebensächlich; Sie müssen nur daraus achten, wie groß die Entfernung von der Maschine bis zur Erde ist. Sie können sich die größten Dummheiten erlauben, wenn Sie genug Lust unter sich haben. Davon hängt ihr Leben ab." Er ließ den Apparat steigen. „Bitte, noch einen", jagte sie. Sie flogen noch einen Looping über dem Haus. „Es wird ihm ungeheuer imponiert haben", sagte die junge Frau, als sie wieder dem Fluß zuflogen. „Es war zweifellos ein Erfolg", sagte Brenbach, „wenn Sie so weitermachen, werden wir über die linke Tragfläche abrutschen. Achten Sie auf die Verwindung!" Sie sah nach dem Pendel, das sehr ruhig hinter seiner dunkeln Scheibe in Del hing, und die Marke war sehr weit rechts neben dem Pendes. Sie zog den Steuerknüppel nach rechts, aber zu weit, und als sie velff suchte,'zu korrigieren, begann die Maschine zu schaukeln. Brenbach bracht# sie zur Ruhe. Die junge Frau war noch immer sehr aufgeregt und dachte an allerlei. „Glauben Sie, daß ich", sagte sie, „jemals landen lerne?" „Ja", sagte Brenbach, drosselte das Gas ab und setzte zur Landurig an. Sie fühlte, rote der Apparat Neigung nach vorn bekam, und der Motor wurde so still, daß bas Sausen des Windes an den Tragflächen zu hören war, und es war ein ganz gewaltig steiler Gleitflug, direkt auf den Hangar zu. Die junge Frau, den Steuerknüppel locker in den Händen, dachte, daß es Zeit wäre, das Höhensteuer wieder etwas anzuziehen, damit man flacher unten aufkomme, und sie sah nach Brenbach, ob er es noch nicht anziehen wollte. Er saß zurückgelehnt und beobachtete sie, und bann sah sie, daß er bas Steuer losgelassen hatte. Er saß da und lächelte und hatte das Steuer losgelassen. „Brenbach!" rief sie. Es ist komisch, jemand so anzurufen, der dich! neben einem sitzt, und Brenbach blieb unbewegt und sah seine Schülerin weiter an und lächelte. Die Erde tarn ihr vor tote ein Riesenball, den irgend jemand noch dem Apparat geschleudert hatte und der nun mtf ihn zuflog und schon sehr nahe war, und sie sah den Hangar sich aus« breiten, und die Eisenträger, die dazu da waren, den Apparat und alles darin in Stücke zu schlagen, und die vielen Glasscheiben dazwischen, die alles zerschneiden, was die Eisenträger nicht in Stücke geschlagen hgbesi, und dann war der Apparat nur noch ein paar Meter über der Halle. Brenbach saß ruhig und beobachtete seine junge Schülerin, er lächelt» noch immer, sie dachte, er müsse so etwas von dem Genre eines Mörders und Selbstmörders fein, und in einer halben Sekunde erinnerte sie sich an alles, was sie gelernt hatte, und zog das Höhensteuer an, zuerst sehr langsam, und bann schneller, und die Maschine kam horizontaler und ging in flachem Gleiislug mit etwa sechs Meter Distanz über bas Hallendach weg und sehr schön flach aufs Rollfeld. Man fühlte kaum, wie sie auffr „Na also", sagte Brenbach, „die Landung konnte gar nicht besser Das nenne ich Nerven." \ „Das war Erpressung", sagte sie, „halten Sie nichts vom Leben?" „Doch, aber auch von Menschenkenntnis. Sie gehören zu der Cor« Menschen, die im richtigen Augenblick bas Richtige tun. Man hat allA Recht, sie die Mutigen zu nennen. Solche Menschen haben wir heukß "^Zum ersten Mole trennte sie sich nur schwer von dem weiten Leinktke anzug, um in ihr Privatleben zurückzukehren; aber sie war gleich wieder glücklich, als sie aus dem Tor des Flugplatzes trat und sah, wie der jungs Mann von vorhin aus einem verstaubten alten Zweisitzer heraus- tletterte. „Na, weißt du", sagte er, „mir so über den Kops zu fliege«! Er kam auf dem Kies heran und sah sehr begeistert aus. „Oh, es war großartig!" sagte sie. „Du, wie seh' ich von oben aus?" Sie sah ihn an. „Wie immer", sagte sie lächelnd. Das gute Ziel. Don Martin Opitz. Wer Gott das Herze gibet, So nie sich von ihm trennt, Und eine Seele liebet, Die keine Falschheit kennt, Der mag öhn Sorgen wachen Mag schlasen, wie er will, Weil seine rechten Sachen Gehn auf ein gutes Ziel. Laß böse Zungen sprechen Was ihnen nur gefällt, Laß Neid und Eifer stechen. Laß toben alle Welt, So wird er dennoch machen, Was sein Gemüte will, Weil seine rechten Sachen Gehn auf ein gutes Ziel. Ich lege Neid und Hassen Beständig unter mich. Und stelle Tun und Lassen, O Gott, allein auf dich. Du wirst es alles machen. Tun, was mein Herze will. Weil seine rechten Sachen Gehn aus ein gutes Ziel. Verantwortlich: vr. Hans Thvriot. — Druck und Drrlag: Brühl'sche UniversitätS-Buch« und Steindruckerei, R. Lana«, Vietze«. krgentzelnrs roTfben InMnerstamMs befreien Halle, Tonbern ben Boden eines gewaltigen, hochkultivierten, seiner Macht sicheren Reiches. Dieses Ahnen wurde zur Gewißheit, als ihm die aztekischen Herren von der Größe und dem Reichtum dieses Landes der blühenden Agave erzählten, von der Erhabenheit und der Machtsülle des Gott-Kaisers Montezuma und von der Pracht der großen inmitten eines weiten Sees auf Inseln und Pfählen sich erhebenden Kaiserstadt Tenochtitlan. Jeder andere hätte daraufhin sein Häuflein Abenteurer erschreckt wieder in die Karavellen gepackt und darauf verzichtet, weiterhin ungebeten auf dem Boden eines so selbstbewußten Staates zu lagern. Doch Cortez gehörte zu jenen Großen, di« das Unmögliche lockt. Und als Montezuma, entsetzt über das scheinbare Eintreffen uralter Weissagung von der Wiederkehr weißer Götter, in Furcht versetzt durch Kometen und Meteore, auch noch den Fehler beging, zu versuchen, die Eindringlinge durch märchenhafte Geschenke, durch goldene Prunkteller, wunderbare Feder- arbeiten, Stosse und kostbare Waffen, durch bis an den Rand mit Gold- körnchen angesüllte Helme zur Umkehr zu bewegen, war Cortez ent- schlossen, dieses Wunderreich zu erobern. Nichts vermochte ihn mehr von seinem Wege abzubringen. Als Teile der Mannschaft meuterten, weil sie es begreiflicherweise für Wahnwitz hielten, mit 400 Mann und 16 Reitern erobernd durch ein volkreiches, musterhaft geordnetes, von einem gewaltigen und sichtlich wohlorganisierten Heer beschütztes Reich zu ziehen, ließ Cortez sein Geschwader zerstören und versenken. So nahm er sich und seinen Gefährten jede Möglichkeit zur Umkehr und Kleinmut. 130 Mann ließ er zum Schutze seiner Etappe an der Küste zurück. Mit etwas über 300 Begleitern begann er dann feinen heroischen Zug. Es war in den Tagen, da die deutschen Kurfürsten in der Bartholomäuskirche zu Frankfurt im letzten Augenblick« statt des französischen Königs Franz I. Maximilians Enkel, den niederländischen Karl, zum Herrn des Reiches wählten. Zwei Jahre später war das Reich der Azteken dahin. Es ist kaum faßlich. Nach unvorstellbaren Schlachten, in denen Cortez und seine Gefährten gegen hundert-, ja zweihundertfach« Uebermacht glänzend gerüsteter, etwa nach antiker Fechtweise und Schlachtordnung kämpfender Heere aztekischer Bundesstaaten gesiegt hatten, zogen die 300 Spanier wahrhaftig in Tenochtitlan ein. Doch war das mehr Verderben als Glück. Wohl fügte sich der Willensschwäche Montezuma dem Ansinnen seines Bezwingers und schwor dem fernen Herrn der Welt Karl V. Unterwerfung und Gehorsam. Aber der aztekische Adel, steifnackiger als sein schwacher Kaiser, der fanatische Fremdenhaß des Volks, der Soldatenstolz der Kaisergarde von Tenochtitlan, die so etwas wie ein kriegerischer Hetdenorden war, drohte das Häuslein zu vernichten. Und als gar Cortez das Wagnis unternahm, sich der geheiligten Person Montezumas als Geisel zu versichern, stieg die Wut der Azteken zu solcher Höhe, daß Rückzug oder Untergang unabwendbar schienen. Dazu kam, daß Cortez die Nachricht empfing, es seien im Auftrage des kubanischen Statthalters 18 wohlbesetzte Karavellen gelandet, um I Cortez gefangen zu nehmen und die Eroberung Mexikos zur höheren Ehre des Don Velasguez selbst zu vollenden. Da ließ Cortez eine kleine Schär in Tenochtitlan zurück. Mit dem Rest jagte er zur Küste, schug das kubanische Expeditionskorps, dessen Soldaten nun, berauscht von dem Zauber dieses großen Führertums, dem Glückssterne des Cortez folgten. Als dieser aber mit seinem so glücklich verstärkten kleinen Heer wieder vor der Kaiserstadt erschien, loderten dort schon um das Quartier der Spanier die Flammen des Freiheitskampfes. Wohl vermochte sich Cortez I noch zu den Seinen durchzuschlagen. Dann aber brandeten Tag und Nacht die Sturmwellen der Aztekenkrieger gegen das spanische Quartier. Und als dann Cortez im Schutze eines dunklen Abends den Rückzug aus Tenochtitlan versuchte, kam es zur berüchttgten „traurigen Nacht des 1. Juli 1520. In der Flut der in rasendem Hasse kämpfenden Azteken versank auf der zwei Stunden langen Dammstraße, die die Kaiserstadt mit dem Ufer verband, Cortez' kleine Macht bis auf wenige Mann. Mit diesen Wenigen aber schlug er das ihn verfolgende Heer zurück, erreichte die Küste, empfing dort Mannschaft, Pferde und Munition, die ihm kubanische Freunde schickten, verstand es, den Heerbann des aztekischen Bundesstaates Tlaskala für sich zu gewinnen, baute eine Kriegsflotte und griff ein halbes Jahr nach der traurigen Nacht, verstärkt durch die Ilaskalaner, Tenochtitlan vom Wasser her an. Wochenlange heroische | Kämpfe folgten. Immer wieder lehnte die Kaiserstadt die Unterwerfung ab. Keiner ihrer Krieger wollte den Untergang des Reiches überleben. Erft als die Spanier die Wasserleitung, auch sie ein Wunder aztekischer Kultur, zerstört hatten, auch Hunger die Stadt befiel, kam das Ende. Zum Statthalter von „Neu-Spanien" ernannt, zog Cortez in einem Triumphzuge, der noch den des Kolumbus überstrahlt haben mag, an den Hof Karls V. nach Toledo. Nach Versuchen neuer Eroberungen, nach Enttäuschungen aller Art, unter denen auch die kaiserliche Ungnade nicht fehlte, ist der Eroberer Mexikos in seinem 63. Jahre nahe von Sevilla gestorben. War Cortez auch Feldhauptmann der deutschen Majestät, später kaiserlicher Statthalter, beendete er auch seinen Glückszug unter der I Standarte des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, so ist es ood) nicht dies allein, das feine Gestalt fo unvergeßlich mit der Reichsgeschichte verbindet. Bedeutsamer ist ein anderes. Die Kraft, die ihn bewegte, der geheime Zauber, der ihn trug, strahlte, abgesehen von seinen Anfängen, nicht von dem Diadem der spanischen Könige aus, sondern von jenem höchsten Symbole damaliger irdischer Macht: von der Krone der Deutschen. Aus dem Ursinne der Kaisergewalt: Gottes Schwert, oberster Richter und Vogt auf Erden zu fein, erfüllte Cortez feine Sendung, ihm wirkte nach der mystische Zauber mittelatterUchen Kaisertums, isur Cortez war der Träger der Krone des heiligen römischen Reiches oeui- scher Nation noch der Herr der Wett, dem alle Kaiser und Könige zu ge> I horchen hatten. Ferdinand Cortez. Zu feinem 450. Geburtstage. Von Alfons von Czibulka. Kaum zwei Kompanien spanischer Soldaten haben jenen kriegsgewal- itigen Staatenbund der Azteken niedergerungen und erobert, der als em machtvolles Reich von der Größe des heutigen Deutschland festgefugt ruhte zwischen dem Atlantischen Ozean und dem Stillen Meere. Es ist das tollste Abenteuer der Weltgeschichte. .. Diese Tollkühnheit attspanischer Abenteurer und Glucksoldaten wäre allein chon Grund genug, in dem Jahre, in dem zum 450. Male seine Geburtsstunde wiederkehrt, des seltsamen Mannes sich zu erinnern, der zugleich Entdecker und Eroberer Mexikos, Urheber, Führer und Vollender dieses gigantischen, unfaßlichen Zuges gewesen ist. Um so mehr aber muß für uns Deutsche dieses Gedenkjahr Anlaß fein, wieder einmal das «roße berauschende Leben des Fernando Cortez vor uns erstehen zu I jassen als seine Tat nicht anders als die erste Erdumsegelung des Ma- oalhaes zu den peripheren Geschehnissen deutscher Reichsgeschichte gehört. Nicht so sehr darum, weil Spanien und das heilige Reich der Deutschen damals unter Karl V. einem Herren gehorchten und über der Schar des mexikanischen Eroberers und den Schiffen des Magalhaes die deutsche Kaiserstandarte wehte, als vielmehr deshalb, weil die einzigartige Tat des Fernando Cortez getragen worden ist von dem Glauben ans Reich. Als Ferdinand Cortez, der als der Sohn eines armen Hauptmanns des Fußvolks im Jahre 1485 in einem Städtchen der spanischen Provinz Estramadura geboren wurde, fast noch als Knabe nach Haiti ging, | weil er in der hohen Schule von Salamanca nicht gut getan hatte und die Abenteuer in der eben entdeckten neuen Welt ihn lockten, wußte noch Niemand von dem Wunderlande der Azteken. Auch als dann anderthalb Jahrzehnte später spanische Karavellen Pukatan entdeckten, ließen es sich ihre Kapitäne nicht träumen, daß diese Halbinsel das Tor war in ein Märchenreich. Da übertrug der Statthalter von Kuba, Don Diego Velasguez, seinem ehemaligen Geheimsekretär, dem zweiunddreißig- sährigen Ferdinand Cortez, der nach mancherlei Jugendeseleien nun als reicher Grundbesitzer auf der Insel lebte, die verlockende Aufgabe, mit einem kleinen Geschwader die Küsten von Dukatan unter spanische Oberherrschaft zu bringen. 400 Abenteurer und Glücksritter, die Handgeld an den Werbetischen genommen hatten, 16 Panzerreiter und 14 bronzene Feldschlangen, die besser donnerten als trafen, das war die Kriegsmacht, mit der Fernando Cortez auszog, ein Reich zu unterwerfen, von dem er selbst noch nichts ahnte. Während er entlang der Küste Pukatcms hinsegelnd bald sanften Ein- ?eborenen begegnet war, die sich willenlos unterwarfen, bald wilden riegerischen Stämmen, die erst in gewaltiger Feldschlacht bezwungen werden mußten, erlebte er an der Stelle des heutigen Veracruz fo etwas wie eine Sensation. Als feine Karavellen sich hier dem Festlande näherten, glitten, wie man es schon gewohnt war, Pirogen an die spanischen Schiffe heran. Diesmal aber entstiegen ihnen keine nackten, barbarischen Wilden. Ein hochgewachsener Mann in weißrotem Mantel und kostbarem Federschmuck begehrte herrisch den Befehlshaber der Fremdlinge zu sprechen. Als er vor Cortez geführt wurde, fragte er höflich, aber in der kalten, fachlichen Art eines wohlgefchulten Beamten nach dem Begehren der Fremden, nach dem Woher und Wohin. Und als bald darauf die Spanier das Land betraten, tarn ihnen, geleitet von Dienern, die das Hoheitszeichen vor ihm hertrugcn, in prunkvollem Staatskleid ein anderer hoher Verwaltungsbeamter entgegen, der sich als kaiserlicher Statthalter der aztekischen Küstenprovinz vorstellte und kühl und bestimmt jedes weitere Vordringen verwehrte. Alle Anzeichen, die militärische Machtsülle, über die schon dieser Statthalter zu verfügen schien, die Kleidung, das würdevolle, gesittete und selbstbewußte Auftreten der aztekischen Beamten liehen Cortez ahnen, daß er hier nicht bas Gebiet