Nummer 57 Freitag, den 26. Juli ahrgang 1935 ifj er Großstadt Stützen da. du, ich will mir Sänger n> bie' lie Schrift in t._ -------- iin Wort wieder hin. Es verletzte ".Erzählt" man sich in London noch nichts davon? Oder sind die Leute io geschäftstüchtig, es bis zur Vorankündigung geheim zu halten, "Eine n!u?Oper"bek°mrnt ihr, Die °lt° Haymarkewper aber neu die Leitung, neu die Ausstattung, neu der künstlerische Plan. „Davon weih ich noch gar nichts,' f hr es Da „Ich wußte auch noch nichts bis vorhin Eben erst erfuhr ich es, kamen zwei Männer, die mit mir verhandelten ... M d"nE U»° w«, W M M bin b-b-i'«-»--"d ter SnjanUiingen «»erleg« ich <» mir noch — dann lag« ich W ALk-ur'd- ruhig-, und dem F,«nnd »■«■>«•" >» ““ '"L-7,r"Ä'ihü°uich,"Lg»n. Ab., Mich.-"- m 1"””” Anthems schreiben? Da sind Grenzen gezogen, Doklor, schreibe das „Dann sprenge sie! Aber bleibe dieser Mus k treu! Schrewe Oratorium nach diesem Buch noch einmal, schrei eine Kraft war in ihm mächtig Sin F)ändd-Roman von Ernst Murm Copyright 1935 by Deutsche Vtrlags-Hnstalt, Stuttgart und Berlin (2. Fortsetzung,) Beinahe hätte Arbuthnot die beiden Herren noch auf Händels Zim- ner getroffen, als er jetzt zu Fuß im Schloß ankam, Ihr Wagen bege^ nete ihm am Tor, er achtete jedoch nicht darauf. Als er nun aber sich lei Händel melden ließ und der ihn sofort aus dem Vorzimmer holte, 'nochmals auftischen ließ und imstande war, sogleich wieder tüchtig zu äsen mußte Arbuthnot sehen, daß der Meister sich in Aufregung befand, «reute er sich, weil der Freund so rasch mit dem geänderten Oratormm jum» Bescheiden legte Arbuthnot die Blätter erst nach einer Weile naher u Händ^ hin, doch dieser beachtete sie nicht. Da sagte der Freund, die verlangte Arbeit fertig habe. Auslachend nahm handel nun die Hand, blätterte sie zerstreut durch und — legte sie ohne um Won wieder hin. Es verletzte den Arzt nicht, esmacht-! chn nur ieforgt. Der Komponist war mit seinen Gedanken nicht hier, nicht beim Zreunde. Und leise begann dieser zu fragen:, „Ha t du denn heute schon etwas erlebt? . hn6 „ ^eht erst schien Händel aufzuwachen und daran zu denken, daß er ia jemand bei sich habe, der sich seinen Zustand nicht erklären konnte, Noch dazu war dies Arbuthnot, der stille Londoner, der von der Neuigkeit noch nichts wußte, da er eben erst ankam! • , Goldener Doktor! Stimmt, ich muß dir ,a erst erzählen! Vor lauter i. »-.Mb. üb« “TÄIUT®?- L “8 Ä 'S "LN',7'K-n> Ä ,°ch keine Ahnung heute ein neues Leben vor mir! Was sagst du i»azu?" Jahrhundertelang konnte die Hauptstadt Britanniens zu beiden Seiten der Themse größer werden und um sich greifen. In einer ebenen Landschaft mit unzähligen Dörfern und Auen roudjs ber ßeib bes nad)= maligen Kowsses Bonbon wie ein junger Riefe, ber sich dehnt und reckt und besfen ©lieber, wohin sie auch tasten, einen warmen Platz> unb bas bes Crwartetwerbens finben. Zuerst war biese Stabt eine stolze Sieblung von Abelsschlöfsem unb Kaufhäusern gewesen aber die Herren , ,. , Kneckite hie Geschäftsleute Angestellte, unb bie Dienenben forenaten bkn Ring ber alten Gedäube, bevölkerten Lanbschaften vor ber Stabt^ unb Bonbon würbe größer. Als ber Deutsche f) anbei es kennen- lernte’ war Lonbon über bie City unb bas königliche Westminster noch nickt viel hinausgewachsen, Wohl gab es schon em Volksleben am Ranbe biefer stolzen Mittelpunkte, aber es erhielt seinen Schwung, namentlich an Markts ober Sonntagen, von ben Dorfleuten, bie aus ber Umgebung Pnnbnns in besten Nähe kamen, bis borthiN, wo bas fahrenbe Vock, Theaterleute unb Schaubudenbesitzer, Musikanten und Tänzer, chrt Vor- erk^DazN fühlte Arbuthnot, der Freund, und schwieg. Er wollte zuerst Händel nochmals warnen, auch aus äußerlichen Grunben. E-wardem Arzt ber stänbiq in Lonbon lebte, besser bekannt, welcher Geist in ber Ichtc'n Zeit bort umging. Durch ben kühnen „Sübseeschwmbel nämlich, als Laws oftinbifche^ Hanbelsgefellfchaft Unsummen Geldes 'n Umlauf brachte unb ben Begriff schnell erworbenen Reichtums m bie Kopfe ber Großstäbter pflanzte, waren biese geneigt, bei jebem Unternehmen mitzu- tunöba5 ihnen ra ch Geld einbringen konnte. Die Tugenden des langsamen Erwerbs waren in Gefahr. Nicht nur geborene Gesihastsleu e, sondern ebenso bie Angehörigen gebiegener Berufe ,a. Geistliche unb ßehrer soaar gerieten in bas Fieder ber Grunberzeit. Und bie Jiug niefter biefer Stimmung, bie Glücksritter unb Plänemacher, konnten kaum nachkommen mit bem Ausheckcn ber abenteuerlichsten Einfalle. So fanben sich Aktienkäufer einer Gesellschaft, bte aus ber Entsalzung ber großen Meere Gewinn zu schlagen versprach, wahrenb eine .anbere'durch bie Auffischung von Wracks im Nu eme neue Flotte stellen wollte uno wieber andere^ solcher Schwinbelunternehmen bie Gewinnung von Gold 7nd Silber aus Küpser ober Blei in Aussicht stellten. D.e. Krone aber biefer ungesunben Pläne ging ins Elementare, sie kam aus tiefster Seele, wo Charakter unb Lüge sich spalten im Menschen: bie urewige Flucht nor ber Tätigkeit im Schweiße bes Angesichtes, ber kühne Gebanke, Arbeit aus Nichts zü schaffen, fanb damals feinen unsterblichen Ausdruck ~ Arbu?hnot^hä'tte^vietteicht den bei aller Tatenlust die EhrsichkeU voranstellenden Händel mit der Auszählung solcher berüchtigten Gesell ickaiten stutzig machen können. Denn gewiß ging auch der Plan oes neuen Opernhauses von dem Geldsieber aus, das alle in London beherrscht" Aber ber Arzt mochte bas tiefere Schicksal ahnen, bas an ben Musiker mit biesem neuen Sprung in ben ------- , . •;■ . herantrat. Er sprach nichts mehr von Emwanben, bat Hanbel, in Lonbon sein Gast zu fein, unb gmg still, rote, er kam. ___ Der Zurückbleidenbe konnte bie tiefen Stimmen des Schwngens nicht mehr hören. Lärm und Betrieb fausten in feinen Ohren noch ehe er mitten drinnen stand. Er spielte bie Orgel m Cannon stürmischer, ober ohne Feierlichkeit, nachbem er bem Herzog >emen Dienst gekündigt hatte Vornehm gab ihn biefer frei. Es waren nur noch zwei Sonn tage bie Hanbel auf bem Landschloß verbrachte, daß ihm nun fast drei ^adre lang Heimat gewesen war. Erft in den allerletzten Tagen vor seiner Greife Zrbe es dem Künstler bewußt, daß er hier non einem Menschen ging, bem er bie schone Musik seiner Anthems cerbantte Gr wollte Abschieb nehmen von Mary Black. Sie hatte lange nichts mit Hanbel gesprochen, obwohl sie oft in der Kirche fang. Seit einig Zeit nun ging sie mit einem Burschen ihres Dorfes, froh U"d zufrieden mit ber Bauernliebe. Gebulbig unb erstaunt horte sie auf bem Acker Händels kurze Abschiebsworte an, unb bas ßanbEinb wünschte ihm Glück von ber Erbe her ... 2. Kapitel. Opera. Ehrfurcht! Sage mir, bah ich anbere biblische Stucke ftw dich Zurecht- machen soll — du bist auf dem richtigen Weg! Nach den Anthems olltest du keine Opern mehr fchreiben, hast du doch die schönere Form für das gefunden, was du uns verkünden fällst..." ~ fnrinm u nrrf. hu Lieber!" Ob ich jetzt Opern ober noch so ein — Oratorium schrecke?' es ist doch gleich! Dieselben Chöre, bieselben Marsche und nur ein onderer S ff biefer Stunde, ob er in Cannon ober in Lonbon lebL unb ek blieb auch gleich für ihn, was er (Arie & »ar bie Kraft, bie noch nicht litt. Er mußte kämpfen um ben Schein und leiden um das Wahre. Dann erst mochte er die echten Fruchte feines ßebens aus ahnungslosen, guten Vorarbeiten, wie es bie Anthems umren, zur Reife bringen. Dann konnte er ben Unterschieb zwischen Oper und Oratorium unb hälb zu." ... , „Du hast es bir nicht genug überlegt! Richtig' „Warum? Hast bu an unb für sich etwas g gen b.e Oper? Rnyng. Du siehst, mich lieber mit Kirchenmusik beschäftigt! „Denkst bu nicht mehr an bte Zeit vor Cannon „Das war ein wackliges Opernhaus! Für bas neue sind bas reiche Bonbon, ber Abel — ber König. „Was hilft bas alles beiner Kunst? » „Sehr Diel! Ich fall künstlerischer Beiter werben. Denkst ta bie Hände in ben Schoß legen? . „ „Aber es kommen boch nur Opern in präge. „Ich werbe sie schreiben! Besser als meine früheren! „Es ist nicht beine wahre Musik!' ..... äs M <***» - men! In wenigen Jahren habe ich meine Open, „Was willst bu in ihr zum Ausdruck bringen. „Das Beben, bie ßeibenschaften — allesamt! SiehenerZamilienbMer Unlerhattnngrbeilage zum Gießener Anzeiger________ steNungen aMekten Da bequemte sich euch das Bürgertum der City ms Freie, man wurde mit den Bauern bekannt und erfrischte sich am Duell ihres Lebens Langsam und absichtslos, nur dem guten Drange folgend, bauten sich Einwohner der Altstadt, denen diese schon zu eng wurde, Häuser in die Nähe der Volkswiesen, mit dem sreundlichen Wohnen draußen erwachte die Unternehmungslust, Vergnügungsstätten wurden eröffnet, meist inmitten weitläufiger Gärten Sie gelangten zu gutem Rus, und man mußte bald für seine Gäste sorgen. Es wurden Konzertsäle gebaut, und an Sonntagen hieß es in London nur mehr: Wir fahren nach Ramhagh oder nach Vauxhall oder Mary-le-bone! So kam immer mehr die Stadt zum Lande, und auf einmal wurde es den Londonern bewußt, daß die City schon viel zu dicht bevölkert fei und daß die hübschen Orte draußen eigentlich zu London gehörten. Feierlichst ging zunächst der kleine Markt Southwark in den Großstadtring ein, und schon spähte man nach dem reizenden Dorfe Chelsea hin, obwohl zwischen diesem und der Hauptstadt noch fast zwei Meilen ohne viel Häuser lagen. Einmal mochte es so weit (ein, bis zu all diesen Dörfern hingebaut wurde ... Aber heute waren sie noch weit getrennt von London und gehörten nur zu ihm, weil im Sommer die Leute der Stadt dort lieber wohnten als in der City. Freilich gab es da Unterschiede, und jeder zog nur dorthin, wo er konnte: die Reichen nach Hampftead, die Armen nach Islington ober Hoxton. Alle aber kamen wohl als Besucher dorthin, wo ihre Urenkel dann Heimatrecht haben mochten. Dieser Trieb des englischen Städters, Landschaften in feine Siedlungen einzubeziehen, der die parkreichste und ausgedehnteste Hauptstadt Europas zum Entstehen brachte, war dem Engländer nicht anzusehen während feiner Geschästsstunden. Da liebte er die grauen Zimmer und nackten Tische, die trockenen Worte und noch mehr die Zahlen. Und alles, was er innerhalb der City zur Blüte trieb, war für ihn Geschäft. Auch die Kunsthäuser, in denen nur die Frauen und der Adel echte Begeisterung zeigten, während die Riesenerfolge oft durch den Wettstreit des einen Unternehmens mit dem anderen künstlich aufgetrieben wurden. Es war ergreifend, als Händel früher schon nach seinen Jtalien- erfolgen tn das Londoner Sunftgetriebe kam, daß er die Rechnung der um ihn bemühten Unternehmer nicht bemerkte, wie er auch späterhin sie nicht immer beachtete. Als Händel in London eintraf, wartete feiner eine Ueberrafchung, von der ihm die zwei Vertreter der neuen Operngefellschaft in Cannon vorher nichts verrieten: man hatte außer dem deutschen Komponisten noch zwei italienische zu musikalischen Leitern ernannt. Es befremdete ihn vor allem, daß Giovanni Bononeini ihm zur Seite stehen sollte, ein Mann von ärgstem persönlichen Ehrgeiz, ein Alternder der auf die reine Gefangsoper eingeschworen war. Händel hatte schon früher die Gegnerschaft dieses listigen Italieners empfunden. Er hatte sich auch den Aufbau der neuen Oper unabhängiger von den Südländern vorgestellt als das Haus seiner früheren Tätigkeit. Aber standen ihm nach seinem Vertrag nicht unbeschränkte Rechte zu als dem musikalischen Leiter des Unternehmens? Händel ließ sich sehr roonig Zeit, bei seiner Ankunft in London die Freunde zu begrüßen. Er suchte sofort um eine Audienz nach bei dem ersten Gouverneur der Royal Academy, dem Herzog von New Castle. Der gab feiner Freude Ausdruck, daß Händel dem Rufe seiner Gönner gefolgt fei. Alles habe sofort daran gedacht, ihn zu gewinnen. Besonders Lord Burlington sei für den Komponisten heftiger Leidenschaften und schöner Arien warm eingetreten. „Aber Lord Burlington, der mich kennt, der weiß, daß ich allein besser etwas leiten kann als gemeinsam mit anderen, hat gewiß kein dreiköpfiges Mufikdirektoriurn vorgefchlagen?" „Doch, doch, mein lieber Händel. Gerade er. Und wir alle waren sofort einer Meinung mit ihm. Unser Unternehmen soll etwas Einzigartiges sein, es wird den Neid aller Musikstödte auf dem Festland erregen! Wo in aller Welt hat eine Oper zwei Tondichter wie Händel und Bononeini gleichzeitig zur Verfügung?" „Es ist noch fraglich, erlauchter Herr, ob ich da mittue. Die Abgesandten der Gesellschaft, die nach Cannon tarnen, sprachen sich nicht deutlich genug aus. Hier ist der Vertrag, nach dem ich verpflichtet werden soll. Er stimmt nicht mit den Tatsachen überein!" „Wollen Sie doch diesen Vertrag bei einer Sitzung des Vorstandes zur Sprache bringen " Verstimmt ging Händel weg. Nun stand er da, ohne Klarheit über das Nächste zu haben. Seine Stellung im Schloß Cannon war ihm verloren. Arduthnots Warnung fiel ihm ein. Doch es war nicht Händels Art, bei austauchenden Schwierigkeiten jenen, welche diese ahnten, recht zu geben. Burlington, der Händels Ausstieg in London großzügig förderte, mußte wissen, was dem bärenhaften Schützling weiterhin nützen ober schaden würde. Mit der Raschheit seines Wesens war Händel eine Stunde nach seinem Besuch beim Herzog schon im Hause des Lords. Dort traf er noch einige Herren des Vorstands außer feinem Gönner. Der lebhafte Eifer all dieser Männer, welche ihn gespannt begrüßten, steckte den Komponisten an, und ohne den Herzog wurde aus dem eiligen Besuch eine Sitzung um Händels Vertrag. Burlington, dem der Künstler tüchtig mit der Stange in den Leid fuhr, beschwichtigte ihn: „Herr Händel, einen Augenblick Lesen Sie: in Ihrem Vertrag steht nicht einziger, sondern erster musikalischer Direktor der Royal Academy. Nummer eins: der erste sollen Sie sein. Ihnen steht es zu, die Künstler- schast zusammenzustellen, Sie können den Spielplan bestimmen —" „Den ganzen?" „Natürlich nicht den ganzen, aber doch den größten Teil davon!" „Aha! Somit ist eben der erste nicht der einzige Kapitän!" „Hören Sie doch, was unser Unternehmen anstrebt außer den Zielen, eine glanzvolle Oper von europäischem Rus zu schaffen und der englischen Hauptstadt hohe Kulturgenüsse zu bieten: es will vor allem die Künstler zu Leistungen anspornen. Und wir sind der Meinung, daß dies nie besser geschehen könnte, als wenn etwa Komponisten wie Sie und Bononeini nebeneinander für ein und dasselbe Haus tätig sind. Das bedeutet Kraftmesser«, verstehen Siel Das muß Sie doch reizen!' „Und der dritte Opernleiter? „Der sorgt für den Ablauf des Spiekplanes, wenn die beiden andere, sich zeitweilig überlastet fühlen." „Wissen Sie, was das gibt, meine Herren? Das gibt in kurzer ZeD in und außer der Oper drei Parteien!" „Sollte ich mich täuschen, wenn ich annehme, daß Ihre Partei babti die stärkste sein und bleiben wird?" Mit diesem versteckten Lob der Händelschen Kraft gelang dem Lord, ein vorzüglicher Schachzug. Händel ging mit rotem Kopf auf und ab,! stellte sich stämmig vor die Gründer der neuen Oper hin und begann plötzlich feinen Vertrag laut oorzülesen. Laut, unzweideutig und wie einer, der von (einem Lehen Besitz ergreift. Dann fetzte er vor aller Augen feinen Namenszug unter die Vertragspunkte. Danach fing die Arbeit an. Händel fetzte (ich aber nicht mit den Mitarbeitern (eines Faches, (andern mit Heidegger, dem technischen Leiter, als: erstem in Verbindung. Der gewandte und zähe Schweizer hatte bis über die Ohren mit den Vorbereitungen im neuen Hause zu tun. Händel roufjle das und ging einfach in die Oper. Ein Heer von Handwerkern, jutra Teil noch auf Gerüsten tätig, umgab den Bau. müßige Gaffer standen davor, auch Händel blieb ein paar Minuten unter ihnen stehen und faiji mit Staunen, wie gründlich hier alles auf Glanz hergerichtet wurde. Air: er aus dem Rudel der Leute trat und die Straße überquerte, hörte er feinen Namen hinter sich rufen. Jemand hatte ihn erkannt. Wie er hocherhobenen Hauptes das Kunsthaus betrat, muhten die Menschen bas; Gefühl haben, ein Stönig betrete feinen Palast ... Auch im Zuschauerraum, auf den Gängen und vor allem auf der Bühne waren noch eine Menge Arbeiter mit ihren Meistern tätig. Dir Räume der Opernleiter konnten schon benutzt werden, wenn auch bau meiste noch fehlte. Händel fand Heidegger in dessen Arbeitsraum, stehend, und über ein Gewirr von Rechnungen, Personallisten und Angebote«, gebeugt. Die von Natur aus etwas grämliche Miene des Schweizern, brachte kein großes Lächeln zustande, als Händel eintrat, aber ber Bühnenzauberer atmete doch erleichtert auf. Er wußte, noch bevor Händel! ein Wort sprach: von nun an lebte die Oper. Dieser Einzige verlangir viel von feinen Mitarbeitern, doch er gab ein Beispiel, was man (elften, , könne, und riß alle mit sich fort. Das Arbeitsfieber leuchtete ihm nun den Augen, er streckte die Hände vor: „Also einer von uns hat sich schon einquartiert! Sie sind ein tüchtiger Patron, Heidegger, aber jetzt wollen wir uns anstrengen! Soeben, hörte ich ja, daß der neuen Oper verdammt aneifernde Gedanken zu«: gründe liegen. Hier svll's nicht nur Zusammenarbeit, sondern auch fünft--1 lerischen Wettlauf geben! Wir werden sehen, wer den besseren Atem hat — ich oder die Mitdirektoren!" „Waren Sie überrascht von dem Triumvirat?" „Anfangs, ja. Doch nun bin ich schon einverstanden. Sie kennen mich bei der Arbeit genauer als irgendwer. Meinen Sie, daß Herr Bonow- j cini Zeit halten kann mit mir? „Er hat ja auch noch Ariosti zum Helfer." „Demnach halten die beiden zusammen?" „Italiener ..." „Wissen Sie was, Heidegger? Ich werde es dahin bringen, daß auch diese Leute gehorchen lernen. Das ist mein Ziel! Wir haben schon manchen durchgemacht mit diesen Melodikern, Sie und ich. Die Italiener sind weite,' gar nichts als verwöhnt. Sie gehören in starke Hände, sie müssen finge«: lernen, wo es am Platze ist, und zur anderen Zeit schweigen. Ich weiß es längst. Als ich aufhörte, in den Süden blind verliebt zu fein, wurde ich Hände!!" Heidegger wußte, daß Händel keinen anderen Beweis für die Grenze«, der vom Publikum auf den Händen getragenen Italiener erbringen konnte, als den Glauben an sich selber. London empfand jene süße Melodienkunst als grenzenlos. Es schwärmte von ihr Tag und Nacht unh vergötterte die Erfinder und Sänger dieser Tongebilde, mit denen sich für das nordische Empfinden wundervoll spielen ließ. Und in feiner wortkargen Art wies der Schweizer aus Londons Musikgeschmack hin: „Sie haben viel Nebel da heroben und glauben, jede südliche Melodie fei ein Sonnenstrahl." „Viel eingebildete Wärme! In Wirklichkeit ift's die Sehnsucht, dir heizt, auch in unseren Londonern. Lassen Sie's gut fein. In der Kunst haben die Weibsleute nicht das letzte Wort, auch im Leben nicht. Unh weder auf Nebel noch Sonnenstrahl kommt es an, sondern auf das Wahn — überall!" Er ging aus Heideggers Arbeitsraum in feinen eigenen. Ein neuer Schreibtisch stand, wo früher der alte war, an dem Händel zuletzt Monat! in Sorgen sah. Unbeschwert konnte er sich jetzt wieder daransetzen unh Papier aus der Lade holen. Sein erster Bries als Opernleiter war an Giovanni Bononeini und Attilio Ariosti gerichtet. Darin verständigte er diese, daß er angekommen sei in London und heute sein Amt übernommen habe. Er bitte die Herren, ihn morgen aufzusuchen zu einer Besprechung über die Austeilung der Geschäfte in den Monaten vor Spielbeginn. Sie kamen nächsten Tages, freundlich und verschlagen. Bononeini ließ keine Sekunde den Blick seiner schmalen Augen abschweisen von Händel. Beide wußten voneinander, doch sie lernten sich heute erst kennen. Unh nun war es spannend für jeden der zwei, die innere Macht und Spannkraft des anderen abzumessen. Und sie hatten es miteinander beim ersten Blick nicht leicht. Vergebens suchte der Listigeren Muskelberg zu durchschauen, aber auch umfonft warf Händel die wuchtige Kraft feines Blickes auf den Italiener. Ein alter, geriebener Dachs, dachte der Hüne. Des andere, Ariosti, auf geringere Lorbeeren zurückschauend, stand Bononeini dem Lebensalter und dem Schassen nach nahe, doch er besaß nicht die tückische Geschmeidigkeit des Landsmannes. Aus seinen Augen sprach unverhohlen die Lust am Versteckspielen Und seine dünnen Lippen waren verkniffen und gekerbt. (Fortsetzung folgt.) Das Mädchen aus -er Fremde. Von Friedrich Schiller. In einem Tal bei armen Hirten Erschien mit jedem jungen Jahr, Sobald die ersten Lerchen schwirrten. Ein Mädchen, schön und wunderbar. Sie war nicht in dem Tal geboren, Man wußte nicht, woher sie kam, Doch schnell war ihre Spur verloren, Sobald das Mädchen Abschied nahm. Beseligend war ihre Nähe, Und alle Herzen wurden weit. Doch eine Würde, eine Höhe, Entfernte die Vertraulichkeit. Sie brachte Blumen mit und Früchte, Gereift auf einer andern Flur, In einem andern Sonnenlichte, In einer glücklichern Natur; Und teilte jedem eine Gabe, Dem Früchte, jenem Blumen aus. Der Jüngling und der Greis am Stabe, Ein jeder ging beschenkt nach Haus. Willkommen waren alle Gäste, Doch nahte sich ein liebend Paar, Dem reichte sie der Gaben beste, Der Blumen allerschönste dar. Erzieherin von Teutschlands Töchtern.^ Ein Bild der Sophie la Roche. Von Werner Milch. Sophie la Roche ist vor allem als Freundin Wielands und Goethes in die deutsche Geistesgeschichte eingegangen; darüber ist fast vergessen worden, daß sie den ersten deutschen Frauenroman schrieb und daß sie damals eine der berühmtesten Frauen Europas war. Werner Milch hat es in seinem soeben im Societäts-Verlag in Frankfurt a. M. erschienenen Buch „Sophie la Roche, die Großmutter der Brentanos" unternommen, ein anschauliches und auf zeitgenössische Quellen gestütztes Bild dieser Frau zu zeichnen, die in einem entscheidenden Abschnitt der deutschen Entwicklung eine glanzvolle und dann schnell wieder verblassende Rolle gespielt hat. Nach dem ungeahnten Widerhall, den die „Geschichte des Fräuleins von Sternheim" geweckt hatte, sollte Sophiens literarischer Ruhm bald wieder verblassen. Aus der „göttlichen Sternheim" Herders und Jacobis wurde bald eine vielgelesene Erziehungsschriftstellerin, die „Erzieherin von Teutschlands Töchtern", und wieder ein paar Jahre später war Sophie eine überlebte Erscheinung, über die zu spotten zum guten Ton in literarischen Kreisen gehörte. „Die Erzieherin von Teutschlands Töchtern" — das klingt zunächst noch wie ein Ehrentitel, in Wahrheit aber bedeutete es schon eine Verminderung ihres Ruhms; die Dichterin des „Fräuleins von Sternheim" schien noch berufen zu sein, Führerin einer ganzen Dichtergeneration zu werden; die Herausgeberin der Frauenzeitschrift „Pomona" wollte nur mehr einen Beitrag zur Mädchenerziehung geben — und auch diese Absicht schien ihr noch vermessen: „Der etwas großthuende Zusatz „für Teutschlands Töchter" (gemeint ist der Untertitel ihrer „Pomona") war unbedachtsames Nachahmen des Titels einer periodischen Schrift: Für Hessens Töchter. Leider fühlte ich die Unbesonnenheit erst, da mir gezeigt wurde, daß man es übel genommen und als stolze Anmaßung ausgelegt habe. Gewiß bildete ich mir nicht ein, daß ich Teutschland belehren könnte; aber der Titel brauste in der T.hat hoch daher, und hatte ein Ansehen von beleidigenden Ansprüchen; es war also ganz recht, daß ich durch Tadel gestraft wurde." Das klingt mehr als betaeiben, beinah bedrückt, und widerspricht sehr merkwürdig den Fan- farenstößen, mit denen das Erstlingswerk der Dichterin empfangen worden war. , Als Sophie la Roche sechzigjährig einen Rückblick über ihre literarischen Leistungen niederschrieb, waren seit dem Erscheinen des „Frauleins von Sternheim" gerade zwanzig Jahre vergangen. In ihrem Schreibtisch bewahrte sie noch die Briefe aus jener Zeit: die Ratschlage Wielands, die Dankbriefe Goethes, die klugen Urteile der Julie Bondeli und die fchwärmerischen Ergüsse der Liebe und Verehrung einer jungen Generation Vom 30. August 1773 war der denkwürdige Brief Friedrich Heinrich Jacobis datiert: „Ihre Bekanntschaft hat eine zu große Veränderung in meiner Denkungsart hervorgebracht, als daß ich der Fritz Jacobi, zu dem Sie größtenteils mich gemacht haben, bleiben konnte und Sie nicht lieben sollte." 1775 hieß es in einem Schreiben von Lenz: „So fuhren Sie mich denn! Entziehen Sie mir Ihre Freundschaft mehr, aber auch nichts weniger ist mein Herz stolz genug von Ihnen zu verlangen." Solche Briefe bekam Sophie nun nicht mehr, höchstens daß eine junge Frau ihr schwärmerisch bekannte, mit welchem Genuß sie die „Frauenzimmerbriefe" der großen Erzieherin lese oder daß eine fremde Posthaltersfrau der verehrten Schriftstellerin ihre Huldigung d^brachte. Von der Weltgeltung des Erstlingsromans spürte Sophie nicht mehr einen Hauch. ' , ™ Was hatte sich inzwischen ereignet? War es nur eme Modewelle die Sophie zu unrecht für kurze Zeit erhoben hatte, konnnte sie die Große, die die Zeitgenossen in der „Sternheim" zu sehen glaubten, in ihren nachfolgenden Schriften nicht mehr erreichen? Immer wechseln die Gimeratio- nen, werden literarische Größen entthront und neue Meister ausgerufen — selten aber hat ein dichterisches Werk eine so zwiespältige Beurteilung erfahren, wie Sophie sie im Lause von zwanzig Jahren über sich ergeben lassen mußte. Zwanzig Jahre — das ist der Schlüssel zur Deutung der Schriftstellerin Sophie la Roche: es waren nicht beliebige zwanzig Jahre, die zwischen dem „Fräulein von Sternheim" und den „Briesen über Mannheim" lagen, es waren für die deutsche Dichtung zwei Jahrzehnte der Entscheidung, Jahre der Wende und der Vollendung. 1771 war der Kampf noch unentschieden In Berlin saßen die strengen Herren von der Aufklärungszunft, lehrten Vernunft und populäre Systeme. In Halberstadt regierte der alte Vater Gleim den Kreis feiner Freunde, predigte Wein und trank Wasser. Wieland nahm die Stosse, wo er sie sand: das Getändel von den bezopsten Anakreontikern, den Pietismus aus der Ueberlieferung des Vaterhauses, den Esprit von den Franzosen. In der Schule des alten Gellert lernten die jungen Leute Frömmigkeit und Spekulation, in der Schweiz wiederum kam man sich noch recht revolutionär vor, weil man dem alten Gottsched das Wasser endgültig abgegraben hatte. — Und dazwischen standen die Jungen, die zunächst nur das eine wußten, daß in allem Wandel geschaffen werden müsse. Einen Lehrer freilich gab es schon: Klopstock. Der hatte die neuen Töne angeschlagen; Herrschaft des Gefühls, Unbedingtheit und Größe. Seit Klopstock wußte man in Deutschland wieder, was Liebe hieß — Liede zum Vaterland, Liede zur Landschast, Liede zur grau. Ader das Pathos dieses großen Barden mutete im Grunde doch weltfern an. Man brauchte reale Inhalte, Gegenwart, Bewußtsein des Lebens als einer Aufgabe. Da kamen die Engländer und lehrten in der Seele lesen. Aus Youngs „Nightthoughts“ erfuhr die junge Generation, wie man Gefühle ausspricht. Richardson lehrte seelische Regungen verstehen und ließ gewöhnliche Menschen von ihren Empfindungen sprechen. Das waren schon Anhaltspunkte; hier wurden Wege sichtbar. Bald regte sich das Reue überall. Im Göttinger Hain schwuren Studenten sich selber ewige Freundschaft, dem Vaterlande unwandelbare Treue; sie verbrannten Wielands Schriften und errichteten Klopstock einen Thron; aus dem fernen Ostpreußen brachen nacheinander zwei Männer auf und legten Zeugnis ihrer Bekehrung ab; Hamann, der „Magus aus dem Norden", und Herder. In Straßburg riß sich der junge Goethe die Perücke vom Kopf, spürte mit Herder Volksliedern nach und entdeckte die Größe Shakespeares und der gotischen Kunst. In Osnabrück eptroarf Justus Möser eine zornige Antwort auf die resignierende Schrift, in der der große Preußen- könig den Mangel einer deutschen Nationalliteratur beklagte Ueberall waren Kräfte am Werk, die Neues vorbereiteten; noch waren sie zer- fplittert, noch fiel es schwer, zwischen Wille und Werk, zwischen echten Kämpfern und Konjunkturrittern zu unterscheiden; die Kräfte waren aber da und begannen sich zu sammeln. In diese spannungsreiche Stimmung fiel das Erscheinen des „Fräuleins von Sternheim" der nichtsahnenden Sophie la Roche. Sie hätte das Buch nie veröffentlicht, wenn Wieland ihr nicht zur Seite gestanden hätte, und Wieland ahnte ebensowenig wie Sophie, daß gerade die Jungen diesen ersten deutschen Frauenroman auf den Schild erheben würden. Die Jungen aber erkannten die Tat. Aus ihren Reihen war ja noch niemand zur großen sichtbaren Leistung vorgestoßen. Was nützte es, wenn Freunde versicherten, die „Geschichte Gottfriedens von Ber- lichingen mit der eisernen Hand" von Dr. Goethe aus Frankfurt sei ein großes Kunstwerk? Von künftigen Plänen sprachen viele. Hier aber war endlich ein Buch, das man um bares Geld auf der Leipziger Michaelismesse einhandeln konnte, und dieses Buch sprach von den Seelenkämpfen einer Frau, die sich nicht mit Leiden begnügte, sondern tätig ihr Unglück überwand. Wäre Sophie la Roche eine Führernatur gewesen, sie hätte an der Spitze einer Gruppe junger Menschen die literarische Revolution vollenden können. 1771 galt ihr Name mehr als der der Freunde Goethe, Herder und Merck, die sich gerade in den „Frankfurter Gelehrten Anzeigen" ihr eigenes Sprachrohr schufen und in Flugblättern „von teutscher Art und Kunst" Zeugnis ablegten. Die vierzigjährige Frau, die den unerhörten Mut bewiesen hatte, Geheimnisse einer Frauenseele zu enthüllen, an der Spitze kraftvoller Neuerer, das Haus la Roche am Ehrenbreitstein als Sammelpunkt aller jungen geistigen Kräfte — die große Bewegung wäre geradliniger und unter weniger Leiden zum Ziele vorgedrungen. Sophie aber war die Frau Staatsrätin, bald die Frau Minister. Sie mußte Rücksichten auf die Laufbahn ihres Mannes nehmen, sie durfte es mit dem Hofe nicht verderben und wollte nicht undankbar gegen Wieland erscheinen So sieh sie Lenz und Heinse allein, blieb Goethes „mama la Roche", anstatt den jungen Dichter zu treiben und anzufeuern, und wurde die Mitarbeiterin gemäßigter Zeitschriften. Morgens. Von Theodor Storm. Nun gib ein Morgenküßchen! Du hast genug der Ruh; Und fetz dein zierlich Fühcken Behende in den Schuh! Nun schüttle von der Stirne Der Träume blasse Spur! Das goldene Gestirne Erleuchtet längst die Flur. Die Rosen in deinem Garten Sprangen im Sonnenlicht; Sie können kaum erwarten. Daß deine Hand sie bricht. in gegen einen Verantw örtlich: vr. LansTbvrtot. — Druck und DerlagiDrühl'lche Univ er iitäts-Buch- und Steindr uckerei, R. Lange, Gieben. brave Leute." „Hast du einigen geschrieben?" .. „Den meisten Ich habe auch einige Antworten bekommen Mir geht es ja ganz gut. Aber vielen geht es sehr schlecht. Man geht übel um mit meinen Kameraden. Man treibt Schindluder mit ihnen auf dem Balkan. Man läßt die Leute Kautionen erlegen — ich selbst habe einige für die Kameraden gezahlt. Man nimmt das Geld gibt ihnen die Stel- luna und wirft fie dann wieder hinaus. Einige haben sich erschoßen, weil sie so nicht weiterleben konnten. Aber sie haben sich lange genug gewehrt. Denk dir, fünfzehn Jahre lang alles versuchen und dann d.e Massen strecken. Einer hat an einen Komg geschrieben: ,3d) erfd)ie6e mich. Zahlen Sie meiner Witwe eine kleine.Pension. Denn ich habe auch für Ihr Land gekämpft. Rußland ist dafür, daß Ihr Staat bestehen kann, gestorben.' Der Adjutant hat gefragt, ob ich nicht mit hinüber nach Mandschuko gehen will. Ich kann nicht. Es ist gegen Rußland. Die Frau ging durch das Zimmer, sie trug die grellen Plakate für das kleine Kino aufgerollt in der Hand. „ _ Oh bitte, gib her", fagte Wladimir. „Ich will sie aushangen. Er ging mit den Plakaten. Manschen nahm mir gegenüber Platz. Ihr liebes Gesicht war bekümmert. .. „Hat er von seinem Regiment gesprochen?" fragte sie nach einer Weile. „Von seinem alten, schonen Regiment." Mariechen seufzte: „Dann wird er wieder em paar Wochen verstummen. Das ist immer so. Er schickt Geld. Wir haben selbst nicht viel. Er liest immer wieder die Namen der Kameraden. Er liegt nachts ost wacy und sagt: ,Jch hätte damals nicht einschlasen dürfen.' Er spricht von seinen Kameraden, als müßte ich sie auch kennen. Dann sieht er mdjt mich, und sieht nicht die beiden Kinder. Er ist sehr höflich gegen uns, aber er vermeidet es, mit uns zu sprechen. Er liest Puschkin. Leider kann ich auch nicht russisch." .... „fiat er nie versucht, die Kinder russisch zu lehren? fragte ich. „Nie. Ich und die Kinder, wir sind ganz etwas anderes.« Wenn er nicht mehr an sein Regiment denkt, bann sieht er uns wieder." „Ist er nie mehr geritten? Da in der Nähe wäre doch em Gut. Er könnte doch bitten, einmal reiten zu dürfen." „Er bittet niemanden um etwas." ,,, „Er hat doch viel Zeit. So ein Kino auf dem Lande macht ja mqr viel Arbeit. Was tut er denn?" , „Er liegt still auf dem Diwan und träumt. Hin und wieder nimmt er sich die Liste seiner Maschinengewehrabteilung vor und liest sie durch. Der Adjutant hat sie ihm geschickt. Nun wartet er noch aus die Listen der andern Schwadronen. Er versucht, sich an die einzelnen Leute zu erinnern. Er will, sagte er einmal, fein ganzes Regiment mit allen Offizieren und Ulanen vor sich stehen sehen." __ Wir hörten Hammerschläge von unten. Wladimir nagelte die Kmo- I Pla*°®r rvärtet. Seit zwanzig Jahren fast wartet er. Worauf er wartet, sagt er mir nicht. Aber wahrscheinlich hängt das auch mit seinem Reg>- ' ment zusammen." t„ einem galizischen Bauernhause oerborgmunb war vor Uebcrmübung auf dem Dachboden eingefdjtafen und am nächsten Tage von osterrelchi- -"L'lSL .LWf RT6'.m3-k:»nn m.m einer langen Pause- „ich hätte bei meiner Maschinengewehrabteilung bleiben sollen. Ich aber ritt neben meinem greunö bet der dritten Schwadron. Wir waren sehr müde. Man hatte unsere Kavalleriedivision seit Tagen gehetzt. Wir wußten kaum mehr, wo wir waren Wir waren blinde Kundschafter. Immer Wald, immer Sand. Die Pferde erschöpft, die Reiter unausgeschlafen. Ein Teil der Truppe versprengt, ein anderer Teil ohne Hoffnung. Der Divisionär verschwunden. Der Brigadier wollte mit seinem Stab sich retten. Das war nur meine Vermutung gewesen. Der Adjutant hat es mir bestätigt. Es war am Tage der großen Sonnen- finftemis, Ende August 1914. Eigentlich in der Nacht daraus. Wir de tarnen auf dem Nachtmarsch Flankenfeuer. Ich wollte zu meiner Abtei- luna vor. Ein Offizier sott nie bei jemandem andern fern als bei Jemen Seulen. Ich wollte vorreiten. Ich mußte von der gemauerten Ehaussee herunter. Ich kam in einen Obstgarten. Eine Gartentür fand icsi Ich ltu9 ab Da standen einige russische Soldaten. Ich gab ihnen mein Pferd zum herunter. Ich kam in einen Obstgarten. Erne Gartentür jano mj. ab. Da standen einige russische Soldaten. Ich gab chnen mein 3“"’ fialten Ich wollte den Weg durch das Dorf suchen. Auf der Straße wäre ich nicht weitergekommen. Ich fand einen Ausgang. Ich Png zu meinem Dserd zurück. Mein Pferd war nicht mehr da. Auch die Sol daten waren fort. Ich war so müde. Die vielen Nächte hatte ich ja nicht geschlafen Ich wollte auf die Chaussee zurück. Aber da oben war auch alles wie wlggedlasen. Kein Mann, kein Pferd. Der Schlaf fiel nur mie Staub in die Augen. Hätte ich mein Pferd noch gehabt, id) wäre nicht eingeschlafen. Welch eine Stute war das! Gar nicht wude! Nicht umzubringen! Aber ein Ulan ohne Pferd wem Lieber, das ist e.ne traurige Sache. Ich rief, ich suchte. Nichts. Dann schlief ich ein. "Der Adjutant hat es mir geschrieben Alle Namen! Alle Straßen! Aber ich bekomme hier doch keine Spezialkarte. Das Regiment ich gleich darauf weitergegangen. Nach Osten. Ucber die Felder h'" gegen einen Wald Was beisammengeblieben war, blieb beisammen. Der Adjutant nannte mir alle Namen. Die blieben, bis auf jene, die fielen, bis zur Revolution. Dann gingen fie 3u Sßrangel. Dann nach Sonftantmopel, später hierhin und dorthin. Der Mann, mit dem ich in jener Nacht zusammen geritten bin, der Rittmeister der dritten er lebt in Papis. Er hat ein kleines Geschäft. Es geht ihm nicht schlecht. Wladimir "zog einen zerknitterten Zettel hervor: „Die andern? In Bukarest in Prag, in Belgrad, in Sofia, in Berlin, in Wien, in Südamerika - ach in der ganzen weiten Welt. Glaub mir, es war ein schönes ein altes Regiment. Und ich werde es dir nie vergessen, was du einmal Gutes über die russischen Unteroffiziere gesagt hast. Das waren Das Regiment. Erzählung von Bruno Brehm. bleibt nichts zurück, feine Sprache ist wie Schmetterllngsstugel. Man> kann sie nicht nachmalen. Dir geht viel verloren sehr viel. Es ist der grotzie Dichter Das hat Dostojewski gewußt, der klein vor Puschkin ist. Die Frau des Freundes kam und fragte ihn, ob er d.e Plakate mcht hinaushängen wolle, es fei heute Donnerstag, Sonnabend wäre schon Vorstellung. Jetzt, im Frühling, kämen die Leute ohnehm nur spärlich Mein Freund winkte ungeduldig ab: „Nicht jetzt! Nicht jetzt! I Die Frau zuckte die Achsel und senkte das Haupt. Dann ging sie ""^Puschkin ist so zart, leicht wie ein Hauch. Gut, du liebst Gogol am meisten Auch Gogol hat seine Verdienste. Gogol laßt sich übersetzen. Aber Puschkin wird dir verschlossen bleiben. Eme ganze Welt bleibt dir dann verschlossen, eine schöne Welt, die wahre Welt der Dichtung. Der Sohn meines Freundes kam hastig heremgerannt spreize sich breit vor dein Vater auf, hielt ihm eme Rute und eine Schnur hm und bat ihn in breiter, steirischer Mundart, eine Peitsche zu machen. Der Vater neigte sein Haupt etwas zur Seite: „Später, Bubi, später. Du siehst, daß ich zu tun habe." Der höfliche Ton m der harten Aussprache des Mannes klang seltsam gegen die verwurzelte Sprache des Mein Freund strich sich mit der Hand über die Augen: ,£a, bu willst allo Schliefsen und Clausewitz wieder mttnehmen? Du brauchst die Bücher? Schade! Zu Schliessen hätte ich gerne noch einige Karten gehabt. Man muß die Schlachten ganz deutlich vor sich sehe». Jeder Bach ist von Bedeutung. Am besten gefiel mir der Feldzug von 1866 und der Feldzug von 1870/71. *— Und dir? , Ich schlug den zweiten Band Schliessen auf und las meinem Freunde die edle Rede des Generals bei der Jahrhundertfeier der preußischen Kriegsakademie am 15. Oktober 1910 vor. Eine schöne, eine stolze Rede", antwortete mein Freund „Uebrigens ist auch ,1806’ in diesem Bande eine gute Arbeit. Aber was ist das alles gegen Clausewitz. Er ist der klügste Mann der je über Soldaten geschrieben hat. Es war fast kein Tag, wo ich nicht in fernem Buche ge= lesen habe. Alles ist richtig. Alles gültig für ewige Zeiten Dort ist auch Xenophons Buch über die Reiterei. Aber das ist em Buch gerade noch für Reitlehrer. Das reicht gerade noch bis zum Rittmeister Clausewitz hat aber das geschrieben, was Napoleon getan hat. Deshalb tft Slauje- witz ein so großes Buch. Zwei große Soldaten stehen Pate: Friedrich der Große und Napoleon. Man kann den Krieg nicht ernst genug nehmen. Man muß ihn bis ins Kleinste durchdenken. Denn im Kriege selbst kommt es dann nur noch auf die Tat an. 2)a, ist keine Jelt mehr zu Ueberlegungen. Ach, dieser verdammte Grouchy!" Ich verstand, was mein Freund damit meinte: er konnte es dem General Grouchy nie verzeihen, daß dieser in der Schlacht bet Waterloo zu spät gekommen war, weil er ins Leere hinaus marschiert war. Wie oft hatte ich schon seine Verwünschung anhören müssen: „Dieser verdammte Grouchy! An solch einer Dummheit muhte Napoleon zugrunde gehen!" Mein Freund schwieg eine Weile, dann zog er einen Brief heraus: „Aus Belgrad. Dort sammeln sich russische Offiziere. Die wollen nach Japan ober nach Mandschuko gehen, um gegen die Sowjets zu kämpfen." "Ich kann nicht. Siehst du, es geht nicht. Ich hasse die Bolschewiken. Aber in fremden Diensten gegen sie kämpfen, das kann ich nicht. Weder auf Seiten der Polen im Jahre 1921 noch heute auf Seite der Japaner. Und was hast du gesehen von Rußland? Du warst doch nicht weit von Petersburgs" Ich war in Riga, Reval und Helsingfors gewesen und hatte dort die prunkenden späten russischen Kirchen besucht, die das Zarentum wie Zwingburgen in diesen Städten aufgerichtet hatte. In diesen Kirchen hatte ich die Russen von Ikon zu Ikon schreiten, sich bekreuzigen und die Füße der Heiligen küssen gesehen. Dort, in den fremden Landern am Rande des großen Reiches, hatte sich das noch erhalten, was im Innern Rußlands zerstört worden war. Diese Kirchen waren der Zeit nach jung, die Ikone waren neu, die Menschen alt; denn in einer Kirche sind hundert Jahre ober fünfzig Jahre eine ganz kurze Spanne Zeit. Mein Freunb lauschte mit geschlossenen Augen. Sein fremdes, gestrafftes Tatarengesicht verriet keine Bewegung. Nach einer Weile fragte er: „Hast du sie fingen gehört?" „Nicht diesmal. Das letztemal in Belgrad in der russischen Kirche. Und später noch einmal in Sarajevo. Das waren Bälle!" . . ,, Mein Freund nickt: . „Du hättest doch zu Ostern in Riga bleiben sollen! Aber vielleicht sind heute die Ostertage nicht mehr das, was fie früher waren." Dann schwieg er wieder. Und plötzlich sagte er ganz un- oermittelt: „In Belgrad ist unser Adjutant. Du weißt ja, wie. Adjutanten sind. Halb Soldaten, halb Staatsbeamte. Er hat mir geschrieben." „Hast du von deinen Angehörigen etwas erfahren!" fragte ich. Mein Freund machte ein abwehrende Handbewegung. „Nichts. Gar nichts! Wer kann nach Rußland fchreiben, ohne den andern nicht in Gefahr zu bringen! Von ihnen weiß ich gar nichts. Aber von meinem Regiment hat mir der Adjutant geschrieben. Vieles, was ich nicht wußte. Vor allem, wie es bei meiner Gefangennahme zugegangen war. Mir war da so manches nicht erklärlich. Ich habe jahrelang darüber nachgedacht. Nun weiß ich es." Ich mußte lachen; ich hatte mir die Geschichte von Wladimirs Gefangennahme ja schon oft und oft erzählen lassen. Er war von seiner Maschinengewehrabteilung abgedrängt worden in der Nacht, hatte sich