SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Hreitag, den 26. April Nummer Sss Abendphaniasie. Von Friedrich Hölderlin. Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd. Gastfreundlich tönt dem Wanderer im friedlichen Dorfe die Abendglocke. Wohl kehren jetzt die Schiffer zum Hafen auch, in fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts geschäst'ger Lärm: in stiller Laube glänzt das gesellige Mahl den Freunden. Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh' ist alles freudig; warum schläft denn nimmer nur mir in der Brust der Stachel? Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf; unzählig blühen die Rosen, und ruhig scheint die goldne Welt; o dorthin nehmt mich, purpurne Wolken! und möge droben in Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid; — Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, flieht der Zauber: dunkel wird's, und einsam unter dem Himmel, wie immer, bin ich. — Komm du nun, sanfter Schlummer! Zu viel begehrt das Herz; doch endlich, Jugend, verglühst du ja, du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter. Alltags graute, dachte er doch ernstlich daran, seinen afrikanischen Sturmund Drangjahren zu entsagen und sich als Landarzt in der Heimat niederzulassen. Nur aus Pflichtgefühl wollte er für kurze Zeit ein zweites Mal nach Tunis gehen, um eine dort wütende Flecktyphusepidemie zu bekämpfen. Da rief ihn fein Schicksal. Als Nachtigal eben zur endgültigen Heimkehr rüstete, traf in Tunis der Abenteurer und kühne Afrikareisende Gerhard Rohlfs ein, mit einer kleinen Schiffsladung voll Geschenke des preußischen Königs. Sie waren dem über das mohammedanische Negerreich Bornu am Tschadsee gebietenden Sultan Omar zugedacht. Es befanden sich darunter ein lebensgroßes Bild König Wilhelms und ein Thronsessel. Rohlfs suchte eine verläßliche Persönlichkeit, die diese Ungetüme von Geschenken quer durch die Sahara nach dem 2500 Kilometer entfernten Kuka, der Hauptstadt von Bornu, brachte. Nachtigal erklärte sich dazu bereit. Es war em Wagnis auf Tod und Leben. Am 17. Februar 1869 nahm er am Wüstenrande, an den letzten Gärten von Tripolis, für fünf lange Jahre Abschied von den äußersten Ausläufern der abendländischen Welt. Ein für die deutsche Afrikaforschung ruhmvoller Zug begann. Ueber jene Wüstenstriche, die Temperaturen von fast 60 Grad im Schatten kennen, zog, oder wie er sich humorvoll ausdrückte, „wankte" Nachtigal mit nur fünf Mann und acht Kamelen in sechs Wochen nach Mursuk, der Hauptstadt der Oase Fessan. Als Unruhen ihm vorläufig den Weitermarsch nach Kuka verwehrten, entschloß er sich zu einem tollkühnen Unternehmen: zur Erforschung des aus der Sahara bis zu Höhen von 3400 Meter aufsteigenden so gut wie noch unentdeckten Gebirgslandes von Tibesti. Erst zu Beginn des Weltkrieges gelang es den Franzosen, Tibesti notdürftig zu befrieden. Diese Landschaft war von den so fanatisch christenfeindlichen, wilden und grausamen Tibbu bewohnt, daß selbst der in seinem Urteil so milde Nachtigal zu dem Ausspruch kam: „Ich sah nie ein Volk mit weniger natürlicher Gutmütigkeit begabt." Gesangenschast, Steinigung, grausamste Mißhandlungen erwarteten den kühnen Reisenden. Nur ungemeine Geschicklichkeit, seine unerschütterliche Ruhe und sein eiserner Wille ließen ihn nach dieser auch geographisch glanzvollen Tat glimpflich dieser Hölle entrinnen und den „eisernen Zirkumflexen", wie er launig die „unkommentmäßigen Massen dieser Schinken", die nach ihm geschleuderten wellenförmigen Wurfklingen der Tibbu, bezeichnete. Nach einer grauenvollen Wüstenwanderung, auf der er alle Schrecken des nahenden Hunger- und Dursttodes kennenlernte, traf er wieder in Mursuk ein. Während dieser Schreckenswanderung hat er nicht nur neben leinen eigenen die Waffen seines braven italienischen Dieners geschleppt, sondern auch noch für seinen Lehrer bestimmte Beobachtungen über den Verdurstungstod niedergeschrieben. Gegen diesen Entdeckungsfeldzug nach Tibesti und die Erlebnisse voll wildester Phantastik mag auf den ersten Blick die Reise nach Kuka, das Nachtigal kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges erreichte, harmlos erscheinen. Doch blieb sie beschwerlich und gefahrvoll genug. Der alte Scheich Omar nahm Nachtigal mit rührender, ja geradezu väterlicher Gastfreundschaft aus. Seiner Unterstützung hatte Nachtigal es zu verdanken, daß er Wanderungen und Forschungen von höchster wissenschaftlicher Bedeutung in Kanem und Borku unternehmen konnte. Auch eine jener grauenvollen Sklavenjagden, die damals noch Afrika verheerten, erlebte er in Begleitung des Königs von Baghirmi, der den wenig vertrauenserweckenden Beinamen „Abu-Sekin" — „Vater des Messers" führte. , Dann aber entschloß er sich zu seinem größten Wagnis. Er wollte den Durchbruch durch das wegen seiner Christenfeindlichkeit berüchtigte Land Wadai nach dem Süden versuchen. Einmal schon hatte ein deutscher Reisender der junge Eduard Vogel, dieses Abenteuer gewagt. Er hatte unter den Krummsäbeln der Leibwache des Sultans von Wadai geendet Aller menschlicher Voraussicht nach war es der sichere Tod, der Nachtiqal dort bei Sultan Ali erwartete. Da rettete ihn jene Kunst des Jmponierenkönnens, die er in Tunis gelernt hatte. Nachdem er der Hof- etikette von Wadai gemäß auf den Knien liegend, den Kopf zu Boden geneigt die vorgeschriebene Begrüßungssormel vor dem gefürchteten Herrscher gemurmelt hatte, richtete er sich auf und rief: „In meinem Lande kniet man nur vor Gott, nicht vor Menschen . Das half. Lächelnd erwiderte Sultan Ali: „So stehe auf, und setze dich neben mich! —Jede Furchtäußerung, jede feige Bitte hätte Nachtigal das Leben gekostet. Fortab stand er unter dem persönlichen Schutz des Despoten. Ueber Darfur erreichte er den Nil. Fünf Jahre nach jenem Morgen, an dem die weißen Häuser von Tripolis hinter ihm am Horizonte der Wüste versunken waren. Ein vom Vizekönig von Aegypten entsandtes Staatsfchiff holte ihn von Chartum ein. Zwei Jahre hindurch hatte in Europa jede Nachricht von ihm gefehlt. — Seine Heimkehr nach Deutschland war ein Triumphzug. Und hier bekam mit einem Male sein großer afrikanischer Zug schöpferische Kraft. Er begnügte sich nicht mit feinen kühnen Talen. Er legte nicht nur feine Erfahrungen in seinem fesselnden Buche Sahara und Sudan" nieder, das immer noch als das beste Gustav Nachtigal. Lin deutscher Afrikasorscher und Kolonialpionier. Von Alfons v. Czibulka. Es war in der Mitte der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, daß beim Hallenser Korps der „Altmärker" ein wegen seiner Streiche und seiner phantasiereichen Beredsamkeit berühmter Student der Medizin in vorgerückter Stunde einen Bierschwefel hielt, in dem er darlegte, wie er leben werde, wenn er dereinst die glorwürdige Laufbahn eines Leibarztes des Beys von Tunis beschritten hätte. Hat damals keiner der Kommilitonen geahnt, daß diese flammende Bierrede voll geheimer Prophetie war und der Studiosus Gustav N a ch t i g a l kaum em Jahrzehnt später nach langen afrikanischen Jahren wahrhaftig als Leibarzt des Beys von Tunis wiederkehren sollte. , Allein diese seltsame Fügung wäre doch zu wenig Grund, in Bewunderung und Liebe des 50. Todestags dieses Mannes zu gedenken, wäre dieses bedeutsame, kühne und in vielen Dingen vorleuchtende Leben nicht die schöpferische Ursache deutscher Kolonialpolitik gewesen. * Am 23. Februar 1834 ist Gustav Nachtigal als das zweite Kind des armen Pastors von Eichstädt nahe der einst blühenden Hansestadt Stendal geboren worden. Sein Bater starb früh und hinterließ ihm in der Lungenschwindsucht ein böses Erbe. Und doch hatte dieses verhängnisvolle Uebel auch sein Gutes: es wies ihm den Weg. Nach dem Besuch« der Universitäten Berlin, Halle, Würzburg und Greifswald war junger Militärarzt in Köln, als seine Krankheit zum stürmischen Ausbruch kam. Er mußte Heilung im Süden suchen. Auf den Rat feines Lehrers und Freundes, des bedeutenden Klinikers Niemeyer, dessen Ajsistent er eine Weile gewesen, ging er nach Algier. Dadurch kam er in Berührung mit der Welt seines Schicksals. Es war das Jahr 1862. . Für echs Monate wollte Nachtigal nach Afrika gehen. Es wurden Jahre daraus. Schon die Träume des Knaben hatten immer wieder um diese afrikanilche Welt gekreist. Nun da sie so zauberhafte Wirtlichkeit geworden war, warf sich Nachtigal mit seinem ganzen Temperament seiner ungemeinen Willenskraft und unermüdlichen Zah gkeit auf das Studium dieses arabisch-maurischen Lebens. Durch denRuf ferner arat- lichen Kunst, durch den Zauber seines Wesens wurde er nach einiger 'ßeit mahrhaftia Leibarzt des Beys von Tunis. In dieser Stellung, die ihm Übrigens nichts eüibrachte, verstand er es bant feiner Sea ajJungs, gäbe und feiner Fähigkeit, sich restlos anzupassen ohne dochifetne Per sönlichkeit auch nur im geringften aufougeben des Gebaren, die Geschmeidigkeit, die Ruhe und das SmPomertutonnen Oes Orientalen vollkommen anzueignen. Nur so laßt es sich erklären daß später unversehrt aus Abenteuern hervorgmg, die bis dahm noch jedem „Christenhund" das Leben gekostet hatten. . . f ,T .um Zwei Jahre nach dem deutschen Bruderkriege von E kehrte«•«um ersten Male nach Europa zurück. Obgleich es ihn vor der Tretmühle des afrikanische Reisewerk gelten muß, sondern er bemühte sich auch mit Erfolg, in zahllosen Vorträgen auf Den praktischen, also k o l o n l a l p o l i- tischen Zweck deutscher Asrikaforschung Hinzuwelsen So hob Gustav N a ch t i g a l die tapferen Taten der großen deutschen Afrikaner aus der Sphäre des Abenteuers zu höherer, in der Folge so segensreicher Bedeutung. Es ist Bismarcks Verdienst, das erkannt zu haben. Im Jahre 1882 entsandte er Nachtigal als Generalkonsul nach Tunis, wo dieser aber wenig Wirkungskreis' fand und sich, wie er selbst schrieb, im wesentlichen „fortdauernd der Beschäftigung hingab, der Marius nur augenblicklich gehuldigt: auf den Trümmern von Karthago zu ’ 5 Dann aber schlug noch einmal seine Stunde. Er erhielt den Auftrag zur Flaggenhissung an der westafrikanischen Küste, wo etliche Jahre zuvor vor allem Woermann Hoheitsrechte von den Duala-Häuptlingen erworben hatte. Nachtigal wußte, wie wenig widerstandsfähig sein Körper gegen das Fieber der Westküste war. Böser Ahnungen voll brach er auf. Auf rastlosen Reisen und Wanderungen, deren eine er in Gemeinschaft mit dem jungen Seeoffizier Graf Spee unternahm, der dreißig Jahre später vor den Falklandsinseln zu den unsterblichen Kapitänen eingehen sollte, setzte Nachtigal an zahllosen Orten das Hoheitszeichen. So auch in Togo und Kamerun. Gegen den Willen der Engländer nahm er dann auch Besitz von den nördlich und südlich davon gelegenen Ländern. Während dieser letzten Züge und Fahrten holte er sich die Todeskrankheit. Auf der Heimreise ist er an Bord des Kanonenboots „Möwe", in dem Zelt, das man ihm auf Deck errichtet hatte, am 19. April 1885, erst 51 Jahre alt, gestorben. Auf Kap Palmas, am Golfe von Guinea, wo schon der große Kurfürst von Brandenburg einst eine deutsche Kolonie errichtet hatte, wurde Gustav Nachtigal in afrikanischer Erde begraben, ein Vorkämpfer deutscher Art, deutschen Kolonialgeistes und deutscher Tüchtigkeit. Wie mein Foxterrier den Löwen besiegte. Von Cherry Kearton. Die Geschichte vom Hunde Simba ist kein Jägerlatein und kein Tierroman, sondern ein schlichter Tatsachenbericht. Cherry Kearton, der Verfasser der bei Engelhorn in Stuttgart erschienenen Bücher „Die Insel der 5 Millionen Pinguine", „Pallah / Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis" und „Im Lande des Löwen" hat im Londoner Tierasyl einen kleinen Foxterrier gekauft, der als treuer Begleiter seines Herrn die erstaunlichsten Abenteuer in Afrika erlebt. Endlich erreichten wir einen Massai-Kraal — ein Negerdorf. Wir fanden die Bewohner in größter Aufregung, weil in der Nähe zwei Menschenfresserlöwen ihr Unwesen trieben. Tatsächlich lagen sie, während wir mit dem Häuptling verhandelten, noch keine 500 Meter entfernt auf der Lauer. Unsre Somalireiter machten sich auf den Weg, und bald kehrte einer von ihnen mit der Meldung wieder, ein starker Löwe nebst Löwin liege ganz in der Nähe unter einer Akazie, und alles sei so weit, daß ich mit meinen Apparaten anrücken könne. Die Masiais waren über diese Nachricht natürlich genau so erfreut wie ich: bei den Massaikriegern ist nichts so heiß begehrt wie die Mähne des Löwen. Das Recht, diesen Schmuck zu tragen, erhält aber nur derjenige, der einen Löwen mit eigener Hand tötet. Vier Somalis ritten als Späher aus, um die Löwen zu reizen und herauszufordern, während die übrigen zu einem Halbkreis ausschwärmten, auf dessen äußerster Linken ich mich aufbaute. Dann drangen wir behutsam durch dichtes Gestrüpp vorwärts und auf die große Akazie zu, unter der dem Vernehmen nach das Paar lagerte. Wir waren vielleicht noch siebzig Meter von dem Baum entfernt, als ich mit einemmal merkte, daß meine kleine Pip, die ja überall dabei sein muhte, sich von ihrem Platz im Lager, wo sie angebunden gewesen war, losgerissen hatte, um sich nun aufgeregt und eifrig an meiner Seite einzustellen. Ich blieb also stehen, rief Killenjui, meinen Kameraträger, heran und befahl ihm, dazubleiben und auf Pip aufzupassen. Weiter ging es nach vorn. Ms ich etwa fünfundzwanzig Schritt vor der Stelle angelangt war, wo die Löwen in Kampfbereitschaft standen, bohrte ich die Füße meines Stativs fest in die Erde. Das dauerte einige Sekunden. Als ich gleich danach ausblicke, bietet sich meinen Augen eine Szene, die ich nie vergessen werde. Schritt vor Schritt rücken die Masiais an, mit hochgehaltenen Speeren, um das Löwenpaar aus seiner gesicherten Stellung herauszulocken. Inzwischen sind die Bestien in wilde Wut geraten, graben die Borderpranken ins Erdreich und stoßen die furchterregendsten Drumm-, Knurr- und Brüllaute aus, die ich je zu hören bekommen habe. Es ist ein aufs Höchste spannender Augenblick, der einem gleichzeitig angst und bange machen kann. Aber langes Ueberleaen gibt es nicht; denn endlich ist die heißersehnte Gelegenheit da, auf die ich mich schon so lange vorbereitet habe. Nun es einmal so weit ist, scheint alles so einfach: ich habe nichts weiter zu tun, als den Apparat auf die wütenden Deftien einzustcllen und die Kurbel mit möglichst ruhiger stetiger Hand zu drehen. Aber kaum habe ich damit angefangen, als die Löwen ihre Taktik ändern. Ein berittener Somali hat sich um einen Schritt zu nahe herangewagt, und schon schießt die Löwin wie der Blitz aus ihn zu. Nur dem Glück und der Schnelligkeit seines Pferdes verdankt er es, daß er mit heiler Haut davonkommt. Die Löwin, die ihre Beute verfehlt hatte, verschwand vom Kampfplatz und kehrte nicht zurück. Wir sahen sie auch nicht wieder. Der Löwe zog es jedoch vor, zu bleiben, wo er war, und stieß das furchtbare Brummen aus, dessen die Tiere sich meiner Meinung nach mit der Absicht bedienen, ihre Feinde einzuschüchtern, was ihnen auch, soweit es meine Person betrifft, restlos gelingt. Ich kenne wirklich nichts, womit ich diesen Laut vergleichen könnte. Inzwischen hatte ich bei meiner Kurbelei mit beträchtlichen Schwierigkeiten zu tampsen. Das Buschwerk, das die Masiais im Vordringen auf« hielt, erwies sich auch für meine Tätigkeit als hinderlich. Das Dorn- gestrüpp würde auch dann schon störend genug gewesen sein, wenn ich nur als Zuschauer dem Kampf zwischen Mensch und Bestie hatte bei- wohnen wollen. Doppelt und dreifach so schwierig aber war es, eine in ständiger Bewegung befindliche Szene zu filmen, und als erschwerend kam außerdem noch hinzu, daß die Masiais andauernd ihre Stellung wechselten. Bald sprangen sie vor, um den Löwen zu reizen, bald huschten sie zurück auf einen Platz, von wo sie den Speer schleudern zu können hofften. Kurz, jedesmal, wenn der Augenblick günstig für mich war, den Löwen scharf aufs Bild zu bekommen, tauchte todsicher ein Massai zwischen ihm und meiner Linse auf. Dieses Spiel setzte sich mehrere Minuten lang fort. Dann fühlte der Löwe endlich den Boden ungemütlich heiß werden und hielt den Zeitpunkt zu einem gewaltsamen Ausfall für gekommen. Ehe der ihm zunächst stehende Massai es verhindern konnte, war er fchon wie ein fahlgelber Blitzstrahl in ein enges ausgetrocknetes Flußbett hinuntergeschvsien, das ganz mit dornigem Gesträuch bewachsen war und eine fast ebenso gute Deckung bot wie der Platz vorher. Es mochte gut achtzig Meter weiter fein. Eine Sekunde lang durchfuhr es mich mit Schreck, daß er ja dann nur wenige Meter an Killenjui und Pip vorbeikommen mußte. Nun hing alles davon ab, inwieweit er schon eingeschüch- tert war und ob ihn die Laune noch ankommen würde, sich mit den beiden einzulassen. . Man male sich mein Entsetzen aus — denn beschreiben laßt es sich nicht — als ich den Löwen etwa zwölf Schritt von ihnen entfernt stehen bleiben und sie anftarren fah. Ich glaube genau zu wissen, was in diesem Augenblick in Pip . vorging. Furcht? Kein Gedanke daran! Das beherzte kleine Geschöpf hatte nur einen Wunsch — am Kampf teilzunehmen; und als der Lowe jetzt fo nahe war, verlor sie völlig den Kopf. Da sie auf i h n nicht losfahren konnte, weil Killenjui sie fest im Griff hatte, drehte sie sich einfach zu diefem um und biß ihn dafür. Was Pip auch dabei gefühlt haben mag, mir fiel jedenfalls ein Stein vom Herzen, als der Löwe sich dafür entschied, lieber das Feld ju räumen als feine Zeit mit Hunden zu vergeuden. Eine Minute später sahen sich die Masiais wieder vor der gleichen Aufgabe wie kurz zuvor. Der Löwe war abermals in einer Dgckung, die ihnen ebensolche Hindernisse entgegensetzte wie die, aus der sie ihn glücklich nach fast einstündigem Geplänkel herausmanövriert hatten. Und was die Sache noch besonders nachteilig für uns machte: er steckte jetzt im Gebüsch und wir ttefanben uns auf freiem Feld. Einige meiner Träger wurden nun ausgefanbt, um ihn burch Geschrei unb Steinwürfe ins Freie zurückzutreiben; aber er verhielt sich jetzt ganz still, und die Massais konnten nicht dahinterkommen, wo er sich verkrochen hatte, um ihnen womöglich abermals zu entwischen. Uns allen sank der Mut. Allen — ausgenommen meiner kleinen Pip, die, mit Tatendrang geladen wie nur je, daraus brannte, rnitmachen zu dürfen. Angesichts dieser Unerschrockenheit kam mir ein Gedanke. Hunde werden >a oft bei der Löwenjagd gebraucht; ihr Kläffen macht den Löwen nervös und reizt ihn, ins Freie herauszukommen, wo er bann sogleich von den Jagern gestellt wird, ehe er den Hunden Schaden zufügen kann. Da mir bis jetzt noch kein Glück eniroiäelt hatten, fragte ich mich, ob man Pip nicht vielleicht doch ohne Sorge an der Jagd teilnehmen lassen konnte. Sie selber würde — des war ich gewiß — nur zu bereit sem. Schwerlich aber würde sie — so erwog ich weiter — den Mut haben, tätigen Anteil an einem Nahkampf zu nehmen. Mich plagte nur die einzige Sorge, das kleine Vieh könne im kritischen Augenblick von einem der durch die Lust schwirrenden Speere getroffen werden. Dies erklärten aber tue Masiais für völlig ausgeschlossen, und beruhigt über diesen Punkt befahl ich Killenjui, den Hund loszulassen. Der Boy, der immer noch fein gebissenes Bein rieb, war nur zu gern bereit. __ Bis dahin waren wir alle noch ganz tm Unklaren, wo der Lowe sich versteckt hielt. Daß er bei dem allgemeinen Gejohle und Steineschmeihen noch im trockenen Flußbett kauerte, war nicht wahrscheinlich. Wenn aber doch, dann hatte er wohl Schutz in dem dichten Buschwerk gesucht, das die Ufer säumte. Aber in welchem? Wir konnten nichts Besseres tun, als einen Speerwerfer auf jeder Seite aufjuftellen unb uns selber zu gemeinsamem Vorgehen bereit zu hasten, sobalb ber Hunb uns ben Stanbort bes Löwen verraten würbe. Unb so würbe Pip auf bas große Abenteuer ihres Lebens losgelassen. Zuerst wuselte sie suchenb ein paar Meter weit herum, bann schlüpfte sie zu unser aller Erstaunen gerabesroegs ins Flußbett hinunter unb ent- schwank, unfern Blicken. Im nächsten Augenblick erbrohnte bas furchtbarste Gebrüll von eben ber Stelle, wo Pip verschwunben war; unb da es von einem Fleck kam, wo wir ben Löwen am allerletzten vermutet hätten, nahmen bie Massais, mein Kameraträger, bie Somalis unb meine Wenigkeit zunächst Reißaus. . , 3um Glück hatten wir uns halb roieber gefaßt, unb die Masims hegten natürlich nach wie vor ben Wunsch, ben Löwen zu erlegen. Ich, ber ich auch noch zu meinen Aufnahmen zu kommen hoffte, war jetzt aber m erster Linie besorgt um bas Schicksal meines armen kleinen Hunbemeh--. Narr ber ich war, bas Tier mit hineinzuziehen in diesen Kamps! Aber wie gesagt: konnte ich denn ahnen, daß Pip wirklich so tollkühn sein würde, sich in dieses Gebüsch zu wagen? Ehe ich aber noch irgendeinen Entschluß fassen kann, vernehme ich abermaliges Brüllen, in bas sich bas schwache, aufgeregt heisere Kläffen mischt, bas mir so wohl vertraut ist. Pip lebt also noch! . Knapp breifeig Meter stromabwärts ist eine kleine Lichtung zu sehen. Ich eile hin in ber Hoffnung, von bort aus beobachten zu können, was vor sich geht. Mein Platz gewährt einen freien Ueberblirt über bas Flußbett, und ich kann jetzt sehen, daß die Masiais dort drüben beieinanber- stehen, bie Waffen lose in ber Hanb, als sei der Kampf schon beendet. Da naht einer meiner Kameraboys unb melbet, ber Löwe habe einen ber Massais geschlagen. Niemand aber scheint etwas über Pips Verbleib zu wissen. Näherkommend kann ich jetzt ben Löwen ausgeftrcitt am Boben sehen — tot. Ihm zur Seite liegt ber Massai. Von Pip nirgenbs eine Spur. it und en[‘ d°- gt ar; um n verui» ^ und-'"' Hais »si k* „ ,u (*' '9 ™ gdi Cf r tiet- beie'J’ ju 'S>; »4< >* “ Som. i ™«!h ich i Qite bei ' ’ e'"e in j ANktz | SteUun» hMt« « "onnen Öen 'N M ©inuten sl'ch heitz lr getoith s, war et Nußbeü war unb uchte gut mich mit P vorbei, "gelchüch. mit beu 3t es fidj 'nt stehen Pip vor. löpf hatte üöme setzt lossahren unsach W ein Stein d zu räu. iter sahen ruor. Jet )inberni(|t stündigem besondere (tefanben h Geschrei jetzt ganz sich uer. Uns allen nit Taten. ir(en. 8n> werden i« en new h von den n. Da wir man Pis en konnte. Schwerlich gen Anteil Sorge> h die Ls ie Massai' besah! ich gebisse«! Löwe sich )eschmeip Wenn adel .esuchtzda- -sieres » > »r l« d uns de» das gt”!1 Da plötzlich springt der totgeglaubte Krieger mit einem Satz auf die -süße, krabbelt das Ufer heraus und hält mit ärgerlichem Geschrei eine i iijtenbe Hand ausgestreckt. Was geschehen sei, frage ich. Nun, was meint I jir wohl, war geschehen? Dieses: der schneidige kleine Köter — bestimmt der tapferste aller fiinbe, die je in den Straßen Londons herumgelausen sind — war, wie ic schon erzählte, ins Flußbett hinuntergetaucht, weil er dort den Löwen erborgen wußte. Mit einem Mut, der mir noch jetzt unglaublich erst eint, war Pip dann schnurstracks auf die grimmige Bestie losgefahren utb hatte sie mir nichts dir nichts in — den Schwanz gebissen. Dann htte sie das getan, worin Hunde unter allen Tieren nicht ihresgleichen h.ben: sie hielt fest, was sie gepackt hatte, mochte sich der Löwe noch so m strengen, sie abzuschütteln. Gar nichts anhaben konnte er ihr; denn f.ljr er herum, sie zu packen, rannte sie, fest in seinen Schwanz verbissen, ite Kreise mit. Während Pip die Aufmerksamkeit des Löwen auf diese Wiese ablenkte, tar der Massai herangekrochen und hatte seinen Speer der Raubkatze itten ins Herz geschleudert. Nun ist es bei solchem Kampf oft schwer, hinterher genau festzustellen, imr den eigentlich tödlichen Speer uerjanbt hat. Unb so will es denn der Ziauch, daß die Mähne als die begehrte Siegestrophäe demjenigen zu- gßprochen wird, der als erster den Schweif des Löwen zu packen bekommt. !:r Massai war aber bei diesem Bestreben statt auf den Löwenschwanz üf Pip gestoßen, die zäh an ihrem Posten ausharrte, weil sie nicht «rußte, ob der Löwe schon tot war. Und Pip war wütend. Was fiel dem Menschen ein, ihr die Beute (Upenftig zu machen? Das gab's denn doch nicht! Und als der Schwarze ngeftüm auf seinem Vorhaben bestand, biß sie ihn einfach in die Hand itib packte ihren Löwenschwanz von neuem. Im Massai-Kraal herrschte an dem Abend eitel Freude und Jubel: Huin der böse Feind war tot. Aber auch Neid und Eifersucht regten sich, ’.er sollte die Siegestrophäe, die Mähne des Löwen, erhalten? Der Ihme Krieger, dessen Speer das Herz des Löwen durchbohrt hatte, machte ; Mprud) darauf. Andre erhoben Einspruch. Einer versicherte hoch und f. Ng, daß sein Speer, zwei Sekunden früher geschleudert, den Löwen : durchbohrt und dabei höchstwahrscheinlich schon seinen Tod verursacht bibe. Der verwickelte Fall konnte nicht in der üblichen Weise gelost wer- b-n- denn keiner hatte das Fell des Opfers auch nur ungerührt. . Endlich brachten sie die Sache vor den Häuptling, einen würdevollen Stann der entschieden etwas von einem Salomo an sich hatte. Geduldig j bitte er sich die Darstellung aller Antragsteller an. Dann erinnerte er f an das alte Gesetz ihres Stammes: gehörte die Mähne nicht dem der V ds Löwen Schweif gepackt hatte? Und wer war das in diesem Falle? War i dis nicht der kleine Hund, den der weihe Master „Pip" nannte, der aber Mhrstheinlich eines größeren Namens würdig war, eines Namens, 0er Stut und Tapferkeit bedeutete, — ja — „Simba , der Lowe, so solle der t=ine Hund fortan heißen: denn ihm gebühre der Ruhm des Sieges Hier den König der Tiere, ihm gebühre auch die Mahne. Und fo geschah e.. Von Stund an war Pip „Simba" — der Löwe. Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung.! Er ging zurück und um schneller vorwärts zu kommen, lief er auf einem ksitenwege längs der Straße. Dort stand eme Heine Schenke deren Haber einige magere Tännchen vor die Ture gepflanztz einige Tische mb Bänke aufgestellt und ein Stück Leinwand über das Ganze gespannt bäte, gleich einer Spinne, die ihr Netz dicht bei einem großen Honig-, tofe ausbreitet, um die ein’ und andere Fliege zu sangen. In diesem Snusdjen sah Karl zufällig hinter bem trüben Fester eme go dene snhnenspitze glänzen; sofort ging er hmem, und siehe da! seine lieben L ien saßen wie von einem Donnerwetter hingehagelt m der niederen l! S ube, kreuz und quer auf Stühlen und Banken unb hingen b,e Haup- hhr, und in der Mitte stand Frymann nut ber Fahne unb (« te. 1! „Sunttum! Ich tu’s nicht! Ich bin ein alter Mann unb will mir nicht ' fit ben Rest meiner Jahre ben Makel ber Torheit unb einen Ueber- 11 n men aufpfeffern lassen!" Und hiermit stellte er die Fahne mit einem kräftigen Aufstoß ln eine i üte. Keine Antwort erfolgte, bis ber vergnügte Wut kam unb ben Mm »erhofften Gästen eine mächtige Weinflasche obgleich im Schrecken noch niemanb bestellt hatte. Da goß Hedigerem> Glas voll II tat zu Frymann hin und sagte: „Alter Freund! Brudermann! da trink einen Schluck Wein und ermanne dich!" . Aber Frymann schüttelte den Kopf und sprach kein Wort mehr, hu großer Not saßen sie, wie sie noch me barm gesesien alle Putsche, llfenterreDolutionen und Reaktionen, die sie erlebt waren Kinderfpiel jigogen diese Niederlage vor ben Toren bes Varabieses. heim!" II „So kehren wir in Gottes Namen um unb sah"" Meder heim! ■ legte Hediger, welcher befürchtete, baß bas Schicksal sich doch noch gegen I ih menben könnte Da trat Karl, welcher bislang unter ber Ture gellt nben, vor unb sagte fröhlich: „Ihr Herren, gebt mm bie Fahne! Ich II hnge sie unb spreche für euch, ich mache mir nichts daraus. II Erstaunt sahen alle auf, unb ein Strahl ber Erlösung unb Freude b tzte über alle Gesichter; nur der alte Hediger sagte streng „Dul. m 1 ] timmft du hierher? Und wie willst du Gelbschnabel ohne Erfahrung 'S (in: uns Alte reden?" , m ...