GietzenerKimilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1955 Montag, den 25. November Nummer 92 .Und nun ist haben wir es geschafft." „Das hast du vorhin auch schon gesagt", murrte Lena, es bald Mittag. Ich bin müde zum Umfallen, sage ich dir. „Dann ruh dich doch erst ein wenig aus! Es ist ja niemand mit der Hetzpeitsche hinter uns", redete Lars ihr zu. „Nein, laß uns machen, daß wir weiterkommen, das ist gescheiter. Zuletzt muß der Weg ja wohl mal ein Ende nehmen." „Wie du willst", gab Lars nach, spuckte sich in die Hände und griff von neuem nach Deichsel und Zugseil. „Was mich betrifft, so könnte es ruhig nach ein paar Stunden so weiter gehen." „Ich danke», entrüstete sich Lena. „Ich begreife ja überhaupt nicht mehr, daß ich jemals ja zu der Geschichte gesagt habe." „Du hast ja gar nicht ja gesagt", lächelte Lars, ließ die Deichsel fallen und trat wieder zu ihr. „Denn wenn es nach dir gegangen wäre, wären wir geblieben, wo wir waren. Lena. Aber das mag nun gehen, wie es will, wir müssen unseren besten Fuß vorsetzen, siehst du. Denn umkehren ist meine Sache noch nie gewesen. Ist es nicht herrlich hier draußen? Wenn ich von mir reden will, so muh ich sagen, daß ich schon ein ganz anderer Kerl bin, seitdem mir der Wind hier um die Nase weht. Und zu alledem scheint die Sonne, daß es schon allein ein Vergnügen ist. Wetten, Lena, daß sie es ganz allein für uns heute so gut meint? Wenn der Wind nicht wäre, könnten wir uns schon in der Sonne braten lassen. Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann Lars war froh wie noch an keinem Tage seines Lebens. Jeder, der ihn kannte, hätte es ihm angesehen. Dabei war es ein saures Stück Arbeit, und der Schweiß stand ihm auf der Stirn, aber er lächelte trotzdem, und wenn ihm auch Rücken und Schultern vom Ziehen schmerzten, erinnerte er sich doch nicht, jemals so ausgelassen und vergnügt gewesen zu sein. „Was sagst du?" rief er seiner Frau zu, die neben dem Karren ging und ein wenig nachschob. Denn der Wind hatte ihr die Worte vom Munde weggenommen. „Ich sage, daß es verrückt ist", wiederholte Lena verdrossen. „Meinst du?" lachte Lars und hielt den Karren an. „Warte nur noch ein wenig. Es ist ja nun wirklich nicht mehr weit. In einer halben Stunde sage ich dir!" Na und du?" rief er zu dem Kleinen hinauf, der auf einem Paar zusammengeschnürter Bettstücke hoch oben auf dem Karren saß und aus seinen kleinen, immer ein wenig geröteten Augen auf seine Eltern herunterguckte. „Gefällt es dir denn wenigstens da oben, du?" Lars hatte ihm vorhin aus einem Stocke und einem Bmdsadenende eine Peitsche geknotet, und Ian kam sich damit wie ein richtiger Kutscher vor. , ... . „Hü!" rief er ungeduldig, damit es endlich wieder weiterginge, und schnippte mit dem Peitschenende nach Lars. Hallo'" lachte der. „Du meinst wohl, ein Gaul brauchte sich nicht zu verschnaufen, wie? Du bist mir ein schöner Kutscher, muß ich wohl sagen. „Nein", begann Lena wieder, „ich spreche ja auch nicht von Umkehren, siehst du. Du hast ja seit Jahren davon geredet und hast nun deinen Willen, Lars. Wenn du mir nur sagen wolltest, woher du das Geld genommen hast? Für das Haus und all das andere... Das ist doch kein Pappenstiel, Lars, das mußt du doch zugeben, u"d wenn ich mir Sorge darum mache, nun du so hinter dem Berge damit hältst brauchstdu dich darüber nicht zu wundern. Irgendwoher mußt du es doch haben, sollte an, wie klug du bist?" antwortete Lars, und seine Stirn b^Jch? verstehe nicht, warum du mich darüber im Dunkel läßt", fuhr Lena fort Es ist doch selbstverständlich, meine ich, daß ich — Nichts da!" rief Lars und eine Blutwelle des Aergers schoß ihm ins Gesicht "„Habe ich dir nicht schon oft gesagt, daß da» meine Sachen sind? Cs wäre gut, wenn du das endlich begreifen wolltest. Aber Hols der x,u,ä“ iäs'äw»™. darüber damit du es weißt, Lars. Und ich sage d.r, ich setze memen Fuß "^Abe^Lar?°ha?te7ie^tehen lassen und das Zugseil wieder über die Schulter genommen. Gerade jetzt lehnte er sich über, und rumpelnd setzte sich der Karren hinter ihm wieder in Bewegung. „Tu, was du willst!" brummte er ärgerlich und biß die Zahne zu lammen. * Es war richtig, Lars hatte den Weg unterschätzt, denn es war ein Unterschied, ob man ledig ging, oder so ein Biest von einem Wagen mit allem, was einem gehörte, dabei hinter sich Herzog. Viel war es ja nicht, was er auf den Karren zu packen gehabt hatte, aber es genügte, um allmählich selbst so einen wie ihn mürbe zu kriegen. Doch nun tauchte das Haus aus der Landschaft vor ihm auf, und im Augenblick hatte er alle Müdigkeit vergessen. „Siehst du es? Da drüben liegt es!" rief er Lena zu und wies mit ausgeftrecktem Arm über das Moor. „Da hinter den Birken! Warte nur, gleich wirst du es besser sehen können. Nun, was sagst du? Habe ich übertrieben wie?" „Ich weiß nicht", antwortete Sena, ohne in seine Freude einzustimmen. „Jedenfalls wird es Zett, daß der Weg ein Ende nimmt. Ich muß sagen, daß ich am Rande bin, ich kann einfach nicht mehr!" „Ja, es war ein saures Stück, das ist wahr, Lena", versuchte Lars sie zu trösten. „Aber nun haben wir ja die Quälerei gleich hinter uns. Gewiß, ich hätte mir ja ein Pferd mieten können, aber es ist gut, wenn wir unser Geld ein wenig Zusammenhalten ... Komm, laß uns nicht mehr lange stehen. Wir haben ja nachher Zeit genug, uns auszuruhen, so lange wir wollen." Aber der Weg, der zum Hause führte, war schlimmer als alles, was vorangegangen war. Die Räder wühlten sich wie Maulwürfe in den weichen Grund, als sträubte sich der Wagen, dem Haufe näherzukommen, und Lars war es, als wäre die Last hinten noch mal so schwer geworden. Schnaufend blieb er zuletzt stehen. „Komm herunter!" rief er dem Kleinen zu. „Auf so einem Wege wiegt selbst so ein Zweigroschenkerl wie du noch etwas." Gehorsam begann der Kleine herabzuklettern, aber Lars packte ihn, sobald er ihn erreichen konnte, und setzte ihn mit einem Schwung auf den Boden. „Vorwärts! Hilf deiner Mutter beim Nachschieben!" sagte er. „Wenn es nicht viel bringt, so bringt es doch was." Er legte sich von neuem in das Zugseil, aber wenn er auch alle Kraft aufbot, wollte es ihm nicht gelingen, den Karren wieder in Gang zu kriegen. Es half nicht, er mußte sich entschließen, einen Teil der Sachen vorher am Wege abzusetzen. Als er mit dem Rest dann beim Hause angekommen war, hob er einen Stuhl vom Wagen und setzte ihn Lena hin, damit sie erst einmal wieder zu Atem kam. „Nun wartet einmal!" rief er, lief hin und schloß die Seitentür des Hauses aus, ging aus die Diele, öffnete die große Tür an der Giebelseite und sperrte beide Flügel auf, damit Lena von ihrem Sitze aus ins Haus zu blicken vermochte. „Nun, was sagst du?" rief er strahlend vor Freude. es die Diele und und trat nun auf die Diele. „Lars! Lars!" antwortete Lena und schüttelte seufzend den Kopf. „Nun?" verwunderte sich Lars. „Ist es nicht herrlich? Natürlich hat „ ein Strohdach. Was mich betrifft, so bin ich stolz darauf. Auch mein Elternhaus hatte ein Strohdach, ich habe dir oft davon erzählt. So etwas hält im Sommer kühl und im Winter warm. Zuerst wird dir ja fo vieles ungewohnt hier draußen fein, nun du in der Stadt aufgewachsen bist. Sieh doch die schöne breite Diele. Da können wir abends tanzen, wenn wir Lust haben und rechts und links sind die Ställe. So hat man alles beieinander, weißt du. Und über dem Herd können wir zum Herbst Speck und Schinken räuchern, hahaha! Da hinten die Türen gehen in die Zimmer links eins und rechts das andere. Ja, was du wohl glaubst! Gewiß, alles ist ein wenig verfallen, das ist richtig. Aber laß mich nur erst zu Atem kommen, dann sollst du einmal sehen, wie schön ich alles wieder in Ordnung machen werde. Auch das Dach ist ein wenig schadhaft, das gebe ich zu. Aber so etwas ist mit Leichtigkeit auszudesiern. Ein paar Bund Stroh, weißt du, und alles ist wieder in Ordnung!' Lena hatte den kleinen Jan an die Hand genommen beklommen und niedergeschlagen van allem, was sie sah, Lars! Lars!" sagte sie wieder und schüttelte den Kopf. Also das war das Haus, in dem sie nun miteinander wohnen und arbeiten wollten? Verstört und traurig ging ihr Blick über die Diele und die rauchgeschwärzten Balken unter der Decke, über den löchrigen lehm- gestampften Fußboden, die dunkle Hille über dem kleinen Kuh stall und dem niedrigen steinernen Herd, auf dessen Feuerloch noch die Asche von dem letzten Feuer lag, das darauf gebrannt hatte. Wortlos ging sie weiter, öffnete die Tur zu dem einen der beiden Zimmer neben dem Herd und blickte hinein. 10 Ja sieh dir nur alles ordentlich an", rief Lars und begann den Karren'abzuladen und die Sachen und Kisten nachzuholen, d,e er vorhin °"^Ms°er zurückkam,"fand er Lena auf der Türschwelle sitzen und meinen. „Was ist denn nun los?" fragte er bestürzt. Jftein, um Gotteswillen, nicht', hatte sie geantwortet, „Das wäre gewiß das Letzte, was du tätest, Lars!" „Also!" sagte Lars, „ „Aber du könntest doch mit einem einzigen Wort — Nein, halt endlich deinen Mund, sag ich dir", unterbrach Lars sie, und sang nicht immer wieder davon an! Es sind deine Bohnen md)t siehst du. Und etwas will der Mensch auch für sich allein haben , setz e er mit einem Versuch zu scherzen hinzu, „Aber glaub nun auch nicht, daß ich wer weiß wie reich wäre und nur hier herausgezogen wäre, weil ich '' nicht mehr nötig hätte 8u.«betten unb d,e Hande in den Schoß zu kommen. bo(f), bQ6 id) e5 schaff hatte er ihr geantwortet Also auäl' dich nicht länger damit. Wenn du vielleicht glaubst, daß ich das Geld gefunden und nicht abgeliefert hätte, so bist du auf dem Holzwege, kann ich dir sagen ... Oder meinst du am Ende, daß ich es gestohlen HSrk endsich auf zu weinen, ihr Heiden. Ihr wißt, Mj kann nun mal keine Tränen sehen." , Nein, es war nicht eitel Freude, was für Lena und Lars mit dem Einzuge verbunden war, und wenn Lars sich auch Zeit seines Lebens Gelehnt hatte einmal aufs Land ziehen zu können und ihn die Erfüllung nun auch beinah fassungslos mochte vor Glück, — reine Freude sah bereitete. "Ach laß mich^'endlich mit deinen Fragen zufrieden", entgegnete er drehte sich mit einem Ruck von ihr ab und schob die Mappe wieher in die Tasche. „Woher? Woher? Vom Himmel ist e^nicht gesallen das kannst du mir glauben. Und wenn du ein wenig klug bist, laßt du so wenig jemand etwas davon wissen wie ich, verstanden? Es geht jemand etwas an, sage ich dir, und es wäre gut, wenn du dir das ein für alle- mat {fteln^ Sars^jagte ßena, „ich habe nicht eher Ruhe, bis ich weiß —" ' stum Teufel nochmal", fuhr Lars auf, und Lena werkte, daß es mit feiner Geduld zu Ende war, „kannst du begreifen ober wcht? Ich sage es dir nicht, und du quälst dich gefälligst nicht um Dinge, die dich Nichts "Nur^langsaml" sagte Lars. „Du meinst wohl, ich hätte nichts dazu? t fiier!" rief er und zog in einem plötzlichen Entschluß eine abgegriffene kleine Ledermavpe aus derInnenfeite seiner Jacke. „Willst du mal sehen. g roar tlu„ unu cuqiu/u». —•/- , ,, . Fassungslos starrte Lena auf die Geldscheine, die °r daraus hervorzog^ „jchts' verstand. Außer der Kleie hatte er auch einen Sack Kartoffeln Lars!" rief fie, „sag mir endlich, woher du das Geld hast, so arme l _> . Teufel, wie wir zeitlebens gewesen sind!" „Glaubst du nun, daß wir zurecht kommen werden, he? fragte er, und seine Augen blitzten vor Freude über den Triumph, den er sich artb6s w/'nicht am Hause etwa. Denn was das Haus betraf und die Ackerstücke die zu seinem Anwesen gehörten, so war er schon zufrieden damit. Das Haus stand so schön hinter seinen Birken und Fahren unter dem weiten schweigenden Himmel und vor dem dunklen Moore mit keiner weichen braunen Erde, und die Zimmer, die wirklich in einer traurigen Verfassung gewesen waren, hatte er ganz gut wieder instand gesetzt^ die Löcher in den Decken vergipst und die Wände ftifch gekalkt. Das eine hatte sogar einen farbigen Anstrichs bekommen und strahlte i einem Blau wie der Himmel nach einem Fruhiohrsregen. Dazu hatte er dem alten Ziehbrunnen neben dem Hause für den abgebrochenen einen neuen Arm gegeben, und Lena konnte das Wasser nun so bequem Heraufziehen, wie sie nur wünschen konnte. Ja, er hatte es sogar unternommen, das Dach instand zu setzen, und as war Arbeit, bei der man mehr verstehen muhte, als Brat zu essen AVer hatte er srllher zu Hause nicht oft genug gesehen, w>e die Dachdeck^ habei 3u Werke gingen. Sogar ein Bund Stroh hatten sie aus oem Hausboden noch vorgefunden, und die ganze Geschichte kostete nur Arbeit UnÖUnb doch'stand^bä aller^Freude zuweilen eine fiebernde Unruhe in ihm auf und ein dumpfer Druck legte sich auf seine Gedanken, der ihm die Brust beengte, daß er meinte, nicht mehr Atem schöpfen zu können darunter. Minutenlang konnte er dann mit zufammengezogener Stirn oor sich hinstarren, bis er sich mit einem Ruck wieder ermannte und mit dovveltem Eifer sich wieder an seine Arbeit macht«. Dazu kam die Sorge um Lena, die noch immer vergrämt und wortkarg herumging, als sei ihr seit dem Einzüge in das Haus alle Freude genommen. Ja, rum Teufel was sollte er denn tun? War sie denn blind, daß sie nicht bemerkte, wie herrlich es hier draußen war? Sah sie gar nicht welche Mühe er sich gab, und hatte sie etwa vergessen, wie sie m ber Stadt in ihren beiden Zimmern gehaust hatten und wie sauer er sich uw d B’S S-r. ™ *•»« RP.*. in Ms nächste Dorf fuhr und am Abend mit einem Dutzend Hühner, zwei kleben Ferkeln und einer Ziege zurückkam, schien in der Ueber- raschung des Augenblicks endlich wieder so etwas wie Freude mihr zu erwachen. Es war so neu alles für sie, und wenn sie -wchreichllch ungeschickt war, die Tiere zu füttern und zu versorgen, so verstand Lars es um lo bester Nein darum brauchte sie sich keine Sorge zu machen, und mi't der Zeit würde sie das alles schon lernen. Es war geradezu erstaunlich wie gewandt und schnell Lars solche Arbeiten von der Hnnd gingen unb wie gut er über alles Bescheid wußte und es einzunchttn verstand. Eine Kette für die Ziege, mit der sie über Tag draußen im Grase angepflöckt war, hatte er auch gleich mitgebracht, dazu Korner futter für die Hühner und einen Sack Kleie, und jur die Schweine ein Zentner Gerstenmehl. Und ein Hahn roar unter den Hühnern -in Kerst der seinen Mann stand, ein wahrer Goliath von einem Hahn. Wenn er zu krähen begann, roar man versucht, sich die Ohren zuzuhalten. ” Eigentlich ist er ja überflüssig und bringt nichts e.n" erklärte. Lars, „und ich habe lange überlegt, ob ich ihn nehmen sollte. Aber weißt d , Lena die Hühner halten sich besser zusammen, wenn ein Hahn unter I ihnen ist und es gibt nicht so leicht Stteit und Beißerei unter ihnen. I Ja, Lars roarjlug und einsichtig. Es gab so leicht nichts, w°°°n er Und Feuer lege ich auch an. Dir wird ja der Herd zu ungewohnt sein Jan gehe hin. mein Junge, und such ein paar Handvoll trockenes fioh Da drüben unter den Kiefern liegt genug ... Etwas muß so em Bursche wie du auch schon können. Mach Beine, sage ,ch dir. Und nun Aber Lena antwortete nicht, hielt die Augen mit Händen verde-N und weinte daß ihr die Schultern zuckten, und da der kleine Jan, von dem Jammer seiner Mutter angesteckt, nichts Besseres zu tun wußte, war er S in Tränen ausgebrochen. Er stand - anders als sonst ein Kind meint — steif rote ein Pfahl und schluchzte mit der grämlichen Miene, die zu ihm gehörte, und ohne einen Laut von sich zu geben, m fjch hmein. 3ßena!"9rief Lars und zog ihr die Hände vom Gesicht. „So sprich doch onhiirh snm Teufel! Was ist los? Gefällt es dir hier Nicht? endlich zumTeuseU Ätwijt &na „Warum find wir nicht gleich Heber ausgewandert, he? Ist das ein Haus? Das ift ja uod) 3U einem Stall zu schlecht! Wer dir das vorgemacht hat m't uns hierher zu ziehen der muß es verantworten! Darum hast du auch alles ymier meinem Rücken betrieben, denn du weißt ganz gut, daß ich jemals i dazu gesagt hätte! Nun sieht man doch einmal, wie viel du von uns hältst! 5“sBa39finb das für Redensarten!" unterbrach Sars fie.. „Sdj) bentejni freuft dich wie ich, baß wir hier nun auf eigenem Grurck unb Boben ft „2lch"geh mir weg! Eigener Grunb unb Boben! Weiß ich, ob es bem ®rUgänJt M^ÄÖ^roieber bavon an?" antwortete Lars. .Zetzt, wo wir alle Hänbe voll zu tun haben!" Warum bürste ich bas Haus vorher nicht sehen, he? Ader du wolltest nickt daß ich dir abraten sollte, das roar es! Wenn du ba roenigflens | lelber beine Augen aufgemacht hättest! Hast bu wirklich gefefjen, rote es . in ben Ammern ba hinten aussieht? Und bann - kein Mensch m ber «>ähe feine Nachbarschaft, keine Seele, mit ber man einmal em Wort reben' könnte? Da kann man abenbs nach der Arbeit h'ugehen und sich | mit dem Torshaufen da im Moor unterhalten, nicht wahr? Und rote willst ! bu hier Arbeit kriegen? Das sag mir einmal! Verhungern werben wir hier, alle tnsteinanber, bas unschuldige Kind, unb ich unb bu, das sehe ich deutlich genug voraus!" ... Arbeit?" fragte Lars. „Ich habe hier mehr Arbeit, als mir zuweilen fieb'fem wird, das kann ich dir sagen. Haft du immer noch nicht begrststn, daß ich nicht mehr auf Taglohn gehen will, und daß uns unser Land ernähren soll? Oder meinst du, daß ich nichts von der ^undwirfchaft ve stände? Ich kenne von meiner Kinderzeit her leben Hanbfchlag, kann ich aSteno wollte sich nicht beruhigen lassen unb brach nun oon neuem in Tränen aus, unb Lars ftanb ba, betreten unb h'lstos. Er konnte Lena nicht meinen sehen, es roar bas Quälenbfte, was es für ihn gab. .Nun hör boch auf", bat er leise unb strich mit feiner 'chwwl'gen Hand Ihr über bie Schulter. „Du siehst bas nicht richtig, Lena. Alles ist mit einem Male so ungewohnt unb neu für bich, baran liegt es. Dewitz, ganz lE werben wir es hier brauhen nicht haben. Aber laß uns boch erst mal anfangen! Wenn wir erst wenig weiter finb unb ein paar Schweine im Koben haben, unsere Kuh ober 'm Anfang em paar Riegen melken unb unsere Hühner uns jeben Tag em Dutzenb Eier legen „Ach, reb’ nicht!" unterbrach ihn Lena von neuem. „Schweme Z,egen, Hübner weißt bu auch, wie wir zu allebem kommen sollen? Ober meinst bu, daß jemand gelaufen kommt und fie uns um Oottesroil.en ins $ „Nein, 9o dumm bin ich nun boch nicht!" antwortete Lars. „ „Also!" trumpfte Lena auf. „Unb hingehen unb stehlen roirft bu sie "°^Ne'in!""lckhett^Lars. „Man geht hin unb tauft fie, siehst bu." ang^ehen. ^r^T Derftanb, was vorging, unb aus ber Haltung feiner Eltern nur erkannte, bah sie sich zankten, liest jetzt zu feinem ®ater un schlang ihm in Angst unb Hilflosigkeit bie dünnen Arme um die Knie, als wollte er ihn halten, nicht noch einen Schritt weiterzugehen. Laß los hörst bu?" sagte Lars unwirsch unb schob ihn an bie Seite. „Geh zu deiner Mutter unb sag ihr, daß sie enblich einen Punkt hinter die Geschichte macht. Jeder will nun mal nichts mehr davon Horen, weder im Guten, noch im Schlimmen. So. Basta! Er machte sich von dem Jungen los und ging ms Haus, war aber kaum drinnen, als sein Zorn bereits wieder zu verrauchen begann. Wie wäre es, wenn du ,etzt einen richtigen Kaffee kochtest, rter . • f mef)r nötig hätte zu aroenen unu in« »;unu= ... »t.. er Lena aus der Tür heraus zu. „Ich glaube, daß wir ihn verdient fB„nte Wir werden arbeiten müssen, alle beide, das kann ich hätten Warte ich mache die Kiste auf mit den Kuchensachen. Ich meine, | *_.9 , Qnrin 9rh„r h;, Arbeit hier draußen macht mir nun mal / - z • ' ... l„ Xnv rTTi+rt nvirön nfa trh ApftPTTI DQCttC. ^Einen Teil davon werden wir selber pflanzen .sagte er, „uickim nächsten Jahre werden wir sowieso alles selber haben und kein Sutter für das Vieh mehr zu kaufen brauchen. Laß mich nur erst mal in Gang tommen^afage ith o ^nb Übersichtlich, wenn er sprach, als wäre alles nur eine niateit für ihn. Aber woher er immer wieder bas Gelb nahm für alles,9 was er zu kaufen unb anzuschaffen hatte, blieb Lena ein Rätsel. Hatten fie nicht bisher froh fein können, wenn er soviel verbient hatte um feine Familie burch die nächste Woche zu bringen? Unb nun schwamm er mit einem Male im Gelbe? Aber sie nahm sich in acht noch einmal roieber bavon zu beginnen, nachbem sie m ber Stille des tetzten Sonntages noch einmal versucht hatte, hinter fern Geheimnis natten. Waue, iu> u.uu,e .. , . di^",aae°n' Lena. Aber bie Arbeit hier brausten macht mir nun mal daß noch ein paar Bohnen in ber Tüte waren, als Ich gestern paefte, Vergnügen siehst bu, und wenn bu dich erst ein wenig gewohnt haben ii„x irf. mich an. Dir wird la der Herd zu ungewohnt \ ".^9 ^8.^ aU(J) (c[{,cr hier draußen zehnmal so viel Freude haben, wie jemals drüben in ber Stabt." (Fortsetzung folgt.) In der Giffina. Von Conrad Ferdinand Meyer. In der Sistina dämmerhohem Raum, Das Bibelbuch in seiner nervgen Hand, Sitzt Michelangelo in wachem Traum, Umhellt von einer kleinen Ampel Brand. Laut spricht hinein er in di« Mitternacht, Als lauscht ein Gast ihm gegenüber hier, Bald wie mit einer allgewaltgen Macht, Bald wieder wie mit seinesgleichen schier: „Umfaßt, umgrenzt hab ich dich, ewig Sein, Mit meinen großen Linien fünfmal dort! Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein Und gab dir Leib wie dieses Bibelwort. Mit wehnden Haaren stürmst du feurigwild Bon Sonnen immer neuen Sonnen zu, Für deinen Menschen bist in meinem Bild Entgegenschwebend und barmherzig du! So schuf ich dich mit meiner nichtgen Kraft: Damit ich nicht der gröh're Künstler sei, Schass mich — ich bin ein Knecht der Leidenschaft — Nach deinem Bilde schaff mich rein und frei! Den ersten Menschen sormtest du aus Ton, Ich werde schon von härterm Stoffe fein, Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon, Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein!" Oer Vogel aus dem Hochwald. Don Max Mell. Ein Blatt des Gedenkens will ich dem Fremdling aus dem Hochwald widmen, der eines Tages unversehens unser Gast wurde und es durch ein paar Wochen blieb, in unserem Landhaus in Pernegg und dann auch in Wien: dessen Geschick uns naheging und dessen Eigenart uns anzog, mochte sie uns auch anfangs durch ihre Ungezahmheit befremdlich sein. Es war nicht freiwillig, daß er zu uns kam; und es war nicht das erste Beispiel, daß es dem Kind des Hochlands mäst frommte, sich den Wesen der Talgründe zu nähern. Und so konnte es ihm bei uns unten nicht gut gehen, obwohl es zuletzt die Seinigen waren, die chm zu verstehen gaben, daß es aus mit ihm wäre. Sein Name war Jack. Wenigstens bei uns hieß er so; meine Schwester Lilli, die sich seiner wie schon früher manches ähnlich Verunglückten und Beschädigten annahm, hat ihm diesen Namen gegeben, weil sie im Brehm unter Der.|d^nbel2 anderen Namen für den Tannenhaher auch den des „Bergjack oder Nußsäck" fand. Die Buben des Nachbarn, die ihn gefangen hatten, wußten mit ihm nichts anzufangen und brachten ihn daher. Mit lebendiger, einnehmender Aufmerksamkeit sah der große ^beuahnliche Vogel umher. Meine Schwester nahm ihn in die Hande und bestaunte sein prachtvoll schwarzes, mit runden weihen Flecken wie mit Tranen beträufeltes Gefieder- sie hatte seinesgleichen nie in der Nahe gesehen, und er gewann sogleich ihr Herz. Die Nuß, die sie seinem großen und gewaltig aussehenden Schnabel bot, nahm er ohne Zögern und das Bertraiwn das er ihr so vom ersten Augenblick an schenkte war endgültig, tote untersuchte ihn und fand, daß ihm ein Flügel gebrochen war. D Steinwurf eines der Buben hatte ihn getroffen. Der nachbarliche B stz steigt au dem Ausläufer eines weitgedehnten bewaldeten Berglands auf. und er hatte sich an der Grenze dieses seines Wohnbezirks allzu unbesorgt an einer ausgesetzten Stelle niedergelassen. Er kannte ja von den großen einsamen Waldsttecken her den Menschen wemg. Die Buben standen und sahen zu, was Lilli.mit demTier anfmg. Sie fragte den Uebeltäter, warum er denn nach ihm geworfen habe- -I . ° V7“ keck daa'sessen is". Er war zur Erde gefallen, hotte sich flink in7 Gesträuch verkrochen und es war keine kleine Muhe, feiner habhaft zu werd em Aber dann konnten ß- ihn nicht^brauchen und erinnerten sich manches tierfreundlichen Tuns der Nachbarin. h-nir^n firh und bei ihr stand es fest, dem Berwundeten ein Asyl zu Meten in bcm^'er womöglich ausgeheilt werden könnte; denn in der w mcht ,3“ 3«t {"“..y’Ä,” «■"»» «m S«n|l«r ESÄt .» einen. Li y Ä IM *»!•- -» fo bot er einen erbarmungswerten..^m'chLpfe herausforderte. Ich das Verhalten der Menschen gegen ihre A g I PT .t bej muß freilich gestehen, ich war im 3meifU > ,1,nächst in einer uns weitergehen sollte, und zog es auch v , halten und es gewissen Entfernung von dem Gast aus der Wildms zu hauen, u war mir unheimlich, meine Schwester unbekümmert nahe M dem VogSk zu sehen, der mit einem Schlag seines Nabenschnabels etwa nach ihrem Auge ihr eine furchtbare Verletzung beibringen konnte. Das durchdringende Krächzen, in das er immer wieder ausbrach, war im geschlosie- nen Raum nicht lieblich zu hören, und die Personalbeschreibung, die wir im Brehm fanden, nicht durchaus oertrauenserweckend, es wurden ihm auch grausame Eigenschasten nachgesagt. Indessen Lillis Sicherheit und Ruhe in der Behandlung ihres Schützlings behielt wieder einmal recht, und es genügten wenige Tage und er hatte gewonnen. Wie er sich — er war noch ein junges Tier — in fein Schicksal fand, mußte uns rühren. Er litt, aber es war kein Zweifel, er fühlte, daß man ihm wohlwollte, und das besticht ja fchon; und feine Anhänglichkeit an seine Pflegerin war nicht zu verkennen. Aus dem Brehm war auch festzustellen gewesen, was ihm zur Nahrung diente, und auch Zirbelnüsse waren zu beschaffen. Denn die sind es vor allem, die der Tannenhäher sucht, und die Jäger sagten uns: bis in die Hohe von tausend Metern herrschte der Nußhäher: darüber bann ber Tannenhäher, unb er trüge sehr wohl das Seine zur Verbreitung ber Zirbelkiefer bei. In unsere tiefer gelegenen Waldgriinde war sein Schwarm offenbar der bort häufigen Haselnüsse wegen eingefallen unb auf manchem Waldgang traf ich die Schor an, deren Rus ich jetzt ja kannte. Unser Pflegling hatte den Trieb, Kerne und Nüsse zu verstecken, er tat es dem Fensterbrett entlang oder unter die Zeitungsblätter, die seinetwegen ba unb dort aufgebreitet waren. Er streute wohl auch die Kerngehäuse weit umher unb bas Reinhalten seines Winkels war keine kleine Mühe der sich aber Lilli unb Paula gern unterzogen. Er klopfte wohl oft ungebutbig an Fensterstock unb Scheibe unb stieß seine ratlosen Schreie aus. Dazwischen aber brachte er unvermittelt auch ein paar leise verhaltene Töne hervor, Bruchstücke eines stillen Gesanges ober eines Selbstgesprächs, das freilich bald wieder in schrilles Krächzen umschlagen konnte. Wir fanden dann unversehens ein Mittel, rote wir die tobende Unruhe in ihm, die ihn auf seinen Leitersprossen aus und ab trieb, beruhigten. Wir stellten in die offene Türe, die auf den Balkon ging, einen Stuhl und auf der Lehne, mit dem Ausblick auf die Berge und über das Tal, durfte er sitzen. Da war er in einer Sage, die er offenbar kannte und liebte: einen Rundblick zu haben — wenn es freilich auch die mar, die ihm verderblich geworden — und da faß er nun felbst- oeraeffen vor den großen blauenden Waldwänden und fing an, in jenen halbunterdrückten Tönen mit sich selbst zu plaudern und zart zu psalmo- dieren und es war ein solcher Ausdruck des Sichbescheidens unb ber Wonne seelischen Gleichgewichts in biefem nach innen gerichteten Plauschen, als lobte er aus einem sicheren Dasein heraus feinen Schöpfer, rote wir es dem Lieb ber Singvögel anzuhören meinen. Indessen schritt ber Gang ber Heilung vor, aber den Gebrauch des Flügels gab sie ihm nicht mehr. Es war vielmehr der oberste Teil des Flügels abgestorben unb er biß ihn sich selbst samt den großen Federn daran ab. Fliegen konnte er nicht mehr, unb wir erörterten sein künftiges Schicksal, denn in Wien konnten wir ihn kaum bei uns behalten. Noch war aber inzwischen die Obsternte und da durste er öfters mit tn den Garten, saß da in irgendeinem Apfelbaum und sonnte fick. Seme Beschützerin kannte er gut, war sie in feiner Nahe, fühlte er sich geborgen. Als einmal eine Katze um den Baum herumstrich, auf dem er sah, schrie er jämmerlich; im Augenblick, als Lilli in seine Nähe kam war er ruhig. Einmal, rote sie ihn mit in den Garten nahm, sah ich, wie er auf ihrem Unterarm saß und wie in Erschütterung über die Freiheit in die er kam, lautlos den Schnabel ein wenig gegen sie öffnete, mit einem unendlich beredten Ausdruck, als wollte er über die Menschen klagen, die ihn zum Krüppel gemacht hatten. ..... . Aber nun ging^er Oktober zu Ende, und rotr rüsteten zur Heimfahrt nach Wien. Es war beschlossen worden, ihn dem Tiergarten in Schönbrunn anzudieten, doch vergingen noch einige Tage bis dahm, tn denen er immerhin in einem kleinen Werkstattraum und im Garten vor allem auf dem niedrigen Mispelbaum, einigermaßen heimisch rourbe^ Auf die Zusage von Schönbrunn brachte ihn seine Schutzertn in die „Ausnvhme- kanzlei" Als sie ihn aus dem Körbchen hob, sagte der Leiter der Abteilung- Ach das ist ja ein lieber Kerl!" Er kam in eine geräumige Voliere" nahe am Eingang zu drei Tannenhähern durchwegs größeren Tieren als er war, und Lilli verlieh ihn der Beftiebtgung. daß er nun doch wieder unter Seinesgleichen war und mit der Absicht ibn baw zu besuchen, es war ihr auch dauernder freier Eintritt zugesichert Am übernächsten Tag, bei regnerischem Wetter, fuhr sie nach Schönbrunn, kam aber etwas niedergeschlagen zurück; er hatte sie nicht erkannt. Er hatte erst am Futterplatz der Käfiganlage gefreßen, sich dann wie zum Schlaf hingesetzt und auf ihren Zuruf nicht geachtet. Das chlechte Wetter hielt an erst nach drei Tagen konnte sie ihn wieder ausiuchen. Und da brachte sie ihn wieder mit. Sie hatte ihn mit gelahmtem Fuß auf der Erde gefunden. Man war in der Kanzlei damit einverstanden 'hn öuruck- zugeben nannte ihr auch einen Tierarzt, ber bei Vögeln besonders Bescheid wußte; denn der Fuß hing wie em geknicktes welkes Blatt herab. Sie barg ihren Jäck im Mantel; niemanden in der Stadtbahn fiel er auf er war ganz still. Als sie dann durch d,e Baumgrupven am Sötern c[..k unterem Haus zuging, fing er in feiner heimlichen Art am zu ihr .unserem biefer @cgenb a(s sein Zuhause, erkannte bann auch sogleich den Mispelbaum, seinen Platz in ber Werkstatt und die Sckachtel, aus ber er Mehlwürmer erhalten hatte: mit Heißhunger verschlang er, was man ihm gab. Denn die Tannenhaher^ in deren Gesellschaft er gekommen war, hatten an ihrem Futterplatz offenbar nicht gern einen Fresser mehr gesehen, und wollten wobl auch ke nen vom Schicksal Gezeichneten unter sich; seine neue Verwundung rührte von einem schweren Schnabelhieb her. Jener Twrarzt wurde zu uns gebeten wa7 von Jäck entzückt und meinte,'die Sache wäre m v,er- ^S^aß"der Wiedergeroonnene in Ruhe bei Lilli schien zufrieden und war ganz still Am andern Tag aber erschrak fie; als sie ihn Hand nat>m; er war so leicht und zeigte Mattigkeit. Er ftaß noch Zirbelnüsse, Verantwortlich: vr. HanS Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl fche Universitäts-Buch. und Steindruckeret. 2t. Lange, Gieße». er- als der Es die ich doch konnte er mit dem Schnabel nicht ganz sicher danach langen. Er wurde in ein Kistchen mit einer Strohlage gebettet. Am andern Morgen schüttelte ihn wiederholt ein inneres Zittern, manchmal richtete er sich auf, doch die Hoffnungen, die wir daran noch knüpfen wollten, zeigten *id) CeiAMtarr, reinlich und schon so sehr Nichts lag der Gast aus dem Hochwald in dem Kistchen. Wir gruben ihn unter dem Mispelbaum em und schüttelten noch die Blätter der letzten Marechal-Niel-Rose des Gartens auf fein schönes Gefieder. Der Arbeiter, der an den Beeten zu tun hatte sah uns verwundert nach, als wir ins Haus zurückgingen, denn er merkte, daß wir nicht vermocht hatten, die Tränen zurückzuhalten. — Soldat im schönsten Regiment. Bon Wilhelm Schmidlbonn. Wir entnehmen das folgende Kapitel mit Genehmigung des Verlages dem soeben bei Rütten und Loening in Frankfurt erschienenen Lebensbuche „An einem Strom geboren" von Wilhelm Schmidtbonn. In diesem Werke gibt der rheinische Dichter, der im kommenden Winter 60 Jahre alt wird, ein farbiges, an Gestalten, Landschaften und Erfahrungen reiches Bild seines Lebensweges. Das bayerische Infanterie-Regiment Nr. 1 in München, in das ich für ein Jahr eintrat, setzte sich zusammen aus den Söhnen der Berge. Tanzend, jodelnd, mit Mundharmonika und nackten Kmen rückten die Rekruten auf den Kasernenhof ein: Holzfäller, Alphirten aus Garmisch, Tölz, vom Eibfee, vom Walchensee, Geigenmacher aus Mittenwald. Vor dem Dienst, nach dem Dienst hallten die Zimmer vom Gestampf der Schuhplattler. Aus diesen freien Naturmenschen emgegheberte Soldaten zu machen, schien schwer und fast traurig. Aber es erging ihnen wie mir: sie wollten, sie hatten Freude daran — und es ward leicht und blieb heiter. Ich hatte es noch leichter. Denn jene waren langsame Bewegung gewöhnt, die Aelpler, meist hart beladen, schleichen ja die Berge hinauf. Meine Glieder jedoch waren durch das Rad gelöst und Geschwindigkeit gewöhnt. . _ Ich hatte es dadurch vor allem leichter als meine neun engeren Kameraden die wie ich nur ein Jahr dienten. Sie tarnen aus Städten und von Schreibtischen. Da damals Sport, besonders unter Studenten, ganz unbekannt, ja verachtet war, litten diese Neun sehr unter den körperlichen Anforderungen. Sie vertrugen anfangs nicht einmal die freie Himmelsluft, die uns andern allen Lebenselement war. Man unterfchätzt vielleicht heute, nach dem Krieg, die Strapazen der Friedenssoldaten, die ohne unmittelbaren Zweck vom Morgen zum Abend marschieren, rennen, sich hinwerfen und auffpringen, mit der schweren Waffe Griffe bis zu maschinenhafter Exaktheit üben, im Manöver aber nach der Vorschrift das Aeuherste hergeben müssen, wozu Menschennatur fähig ist: Märfche von vierzehn Stunden gab es, im Sonnenbrand, in der engen Uniform, mit schwerstem Gepäck. Die Ränder der Straßen waren an besonders heißen Tagen besät mit Erschöpften und Zurückgebliebenen. Ich entschloß mich, von vornherein das, was ich war, ganz zu sein: Soldat. Als ich die Disziplin erst in der Gewohnheit hatte, war das neue Leben meinem bisherigen nicht einmal so unähnlich. Bei Morgengrauen marschierte man los, oft die Musik voran. Wir freuten uns, die Bürger durch übermütigen Gesang zu wecken. Die Mädchen öffneten die Fenster und winkten. Die vielen hundert jungen gesunden Männer bildeten einen einzigen Körper mit gleichem Schritt. Es entstand ein unendlich gesteigertes Krast- gefiihl. Sorgen gab es nicht. Das Ziel, die Dauer, der Lagerplatz, das Esten, die Rückkehr, alles war bestimmt — von andern, die sich darüber den Kopf zerbrechen mußten. Ob man das Gewehr rechts ober links trug, wann man den Kragen öffnete, den Helm abnahm — das alles Waldtiere. , r,„ Bei jeder Strapaze, wenn die Kräfte auszugehen drohten, stärkte mich mit dem Gedanken: Wie kommt das deinem Körper zugut! Aber auch der Seele kam es zugut. Sie lernte ertragen, das Letzte aus sich herausholen. Obwohl sie unter Befehl stand, lernte sie merkwürdigerweise doch am meisten: wollen. Ja selbst bei den oft quälenden Oriffübungen dachte ich: Das kommt deinem eigentlichen Beruf zustatten. Ebenso unnachlässig genau müssen deine Worte stehen, deine Gedanken ineinanderschließen. Trotzdem: ein Jahr ist eine lange Zeit. Es gab Kameraden und Vorgesetzte, mit denen sich keine leichte Berührung herstellte. Nichts war so heilsam, als auch hier eisern sich fügen müssen. ’ Dafür fand ich einen besonders guten Kameraden an dem jungen Unteroffizier, iem meine Ausbildung als Soldat in die Hand gegeben war. Unter den vielen Lehrern an Schulen, in der Musik, an Universitäten, später an Theatern, denen ich dankbar bin, ist er nicht der Abschied. Von Eduard Morike. Unangeklopft ein Herr tritt abends bei mir ein: „Ich habe die Ehr', Ihr Rezensent zu sein." Sofort nimmt er das Licht in die Hand, Besieht lang meinen Schatten an der Wand, Rückt nah und fern: „Nun, lieber junger Mann, Sehn Sie doch gefälligst mal Ihre Ras' so von der Seite an! Sie geben zu, daß das ein Auswuchs is." — Das? Alle Wetter — gewiß! Ei Hasen! ich dachte nicht, All mein Lebtage nicht, Daß ich so eine Weltsnase führt im Gesicht!! Der Mann sprach noch verschiednes hin und her, Ich weiß, auf meine Ehre, nicht mehr: Meinte vielleicht, ich sollt' ihm beichten. Zuletzt stand er auf; ich tat ihm leuchten. Wie wir nun an der Treppe sind, da geb’ ich ihm, ganz froh gesinnt, Einen kleinen Tritt. Nur so von hinten aufs Gesäße mit — Alle Hagel! Ward das ein Gerumpel, Ein Gepurzel, ein Gehumpel! Dergleichen hab' ich nie gesehn, All mein Lebtage nicht gesehn. Einen Menschen so rasch die Trepp' hinabgehn! war Sorge des Hauptmanns. Was man morgen tat, was übermorgen, was nächste Woche, was nächsten Monat — Sorge des Hauptmanns. Eine ungekannte Lebensleichtheit ergab sich dadurch. Die Freundschaft mit dem Gras, die ich mir die letzten Jahre worben, blieb mir auch hier erhalten: wer war dem Gras naher der Soldat, wer ging durch das Gras, wer lag im Gras mehr als Soldat? Im Manöver gab es herrliche Zeltnächte bei Wachtfeuern, gab Tag und Nacht Patrouillen, kriechend, schleichend, horchend wie (ctatc. Mit dem ersten Blick waren wir uns nah. Er war aus der Unteroffizierschule hervorgegangen, also Soldat von Kind an. Seine Unermüdlichkeit, Gewandtheit, Genauigkeit, Hingebung an den Dienst, die Gewalt, die er dadurch auf uns alle ausübte, waren bewundernswert. Unter allen Exerzierübungen ruhten unsere Augen mit äußerstem Wohlgefallen auf seinem durchgebildeten, sehnigen, in jedem Muskel immer sprungbereiten Körper, auf seinem nicht schönen, aber vor Willensstärke strahlenden Gesicht. Er schien mir zu schade für den Exerzierdienst. Er hatte eher in ein früheres Jahrhundert gehört, in die Zeit der Landsknechte, als der Kampf noch Mann gegen Mann ging. Wenn er von den zehn Einjährigen, die ihm übergeben waren, mich besonders ansah, so waren daran, unbeschadet jenes sofortigen Gefühls gegenseitiger Hingezogenheit, zuerst einmal meine langen Haare schuld. „So kommt der Mensch in die Kaserne?" sagte er, lachend und staunend. Er schickte mich über Mittag zum Haarschneider und gäb mir gleichzeitig acht Tage Kasernenarrest. . Er fühlte, daß hier ein Mensch scharf angepackt werden mußte. Bei meinem Widerwillen gegen zu kurzes Haar ließ ich meinen Schopf nur hinten und an den Seiten kürzen. Das übrige, dachte ich, ist ja von Mütze und Helm bedeckt. Er nahm, mir am Nachmittag sofort die Mütze ab, sagte mir aber nur mit einem Blick, daß er meine List verstanden habe und auf andere Weise mit mir fertig werden würde. So begann zwischen uns ein freundschaftlicher Kampf, der mich einmal sogar Tränen der Erbitterung kostete. Er stellte an mich Anforderungen wie an keinen andern und reizte mich um so mehr, wenn er sah, daß Trotz in mir hochkommen wollte. Gelang es mir, den Trotz niederzukämpfen, dann war er zufrieden und lobte mich irgendeines gut ausgeführten Griffes wegen. Dann lachten wir uns ein wenig an und verstanden uns. Die Kameraden bedauerten mich, daß ich an diesem Unteroffizier einen offenbaren Feind gefunden habe. Erst später merkten sie, wie gute Freunde wir waren. „Das andere befriedigt mich wenig", sagte er mir einmal, als er mich abseits besonders ftrena vornahm, in plötzlicher Weichheit und Vertraulichkeit, während ich stand und vor Anstrengung und Grimm keuchte, „aber jedes Jahr einen Menschen Ihrer Art bändigen, das erst macht mir Freude." . m , , r „ . Sobald er morgens vor uns trat, wenn wir im Kasernenhof standen, noch Schlaf in den Knochen, ging seine Kraft mit dem Befehl auf uns über. Muskeln und Herz schwollen uns. Er wußte es und versuchte manchmal im Scherz die Grenze dieser Gewalt. Einmal tarnen wir im Sturmlauf an einen tiefen Vach und machten halt. „Vorwärts!" schrie er hinter uns. Wir sahen uns erschreckt um. „Vorwärts!" schrie er noch einmal, und ohne Besinnen sprang ich bis an die Brust ins Wasser und kämpfte mich durch. . Da kam er selbst erschreckt heran und lachte bis zu Tranen. Von nun an hörte er auf, mich besonders herzunehmen. Er hielt meine Erziehung für beendet. Im Manöver nahm er mich zu allen Patrouillen mit, zumal nachts. Das waren die unvergeßlichen Ereignisse im Soldatenjahr. Am letzten Tage des Dienstjcchres vermachte ich ihm meine wenig getragene "Paradeuniform und sprang aufs Rad. Trotzdem wir uns schon voneinander verabschiedet hatten, trat er noch einmal vor die Tür unseres Kompaniehauses und rief mir im Scherz nach: „Halt! Zurück!". Ich war noch in Uniform, aber ich hatte das neue Leben schon angefangen, meinen Paß in der Tasche, und winkte nur mit der Hand zum letztenmal ihm zu. „Zurück!" Aber diesmal half ihm kein Befehl mehr. Das Herz schmerzte mich, wie wohl auch ihm. Aber unter den lachenden Zurufen aller Feldwebelfrauen, die herumstanden, fuhr ich zum Kasernentor hinaus. Selbst der Wachtposten lachte und ließ den ungehorsamen Soldaten passieren. Es ist nicht zuviel gesagt: ich fuhr aus der Kaserne und dem Militärjahr als ein gesteigerter Mensch, befähigt, nicht nur mit enge- fammelter Gefundheit, sondern auch mit geübten Seelenkräften zu dem viel schwereren Dienst anzutreten, der nun kam und viel länger dauern wird: Soldat des Ledens.