<«w„ zu djterp?1 -r bei r Ei. u *> rufe igelofc SiehenerLamilieOMer Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang 1955 . Zreltag, den 25. Oktober Nummer 85 jlijeitMjti mer. ( Mn* Wir hcki >hm tim ter bti en. „Jon u bem fr diese fern etaus, föt’ ft«* schien * nicht' wA? le»" 5 I ®ir " .5 M ’ nuM Ä 5ie [t, Mitt»1,1 ... „11* Sri d-u K n, ""ft lödchen 1» itn Sie»' 'des» oiffen.“ der 6* g|ltH !. Darf >! ■rften 6^ M* 06 er st iudien." Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Hollonöer Copgtigfjt 6y August Scherl G.m.b.y., verlin 10. Fortsetzung. „Ich muß dir doch die Geschichte erzählen, mit der Weppen und Klee- sand mich ehrenhalber beauftragt haben", sagt Alfred, „ein verzwickter Fall, eine Erbfchaftssache natürlich. Eigentlich, finde ich, sollte niemand erben. Aber wenn man die Leute schon zum Erben erzieht, muß man die Sache auch durchfechten. Also: Ein Arzt aus Stuttgart, der aber schon seit zehn Jahren in Berlin lebte, hat seiner Freundin, die seine Arbeit, sein Leben, sein Haus mit ihm geteilt hat, die Hälfte feines Vermögens vermacht. Die Ehefrau, hier in Stuttgart, von der er sich trennte, als er nach Berlin ging, die sich aber nicht scheiden ließ, hat die andere W ie bekommen. Nun hat die Ehesrau geklagt. Sie will bas ganze Vermögen haben. Und sie hat ein paar Reichsgerichtsurteile für sich, nach denen Vermächtnisse auf Grund unsittlichen Zusammenlebens nichtig sind. Was meinst du dazu?" „Man könnte an den Frauen verzweifeln", sagt Barbara. „Wie kann man sich nur hinter Reichsgericht und Moral verstecken? Was die Stuttgarterin vor allem will, ist ja ganz klar. Sie will der anderen eins auswischen, weil sie geliebt wurde. Es ist ... komm schnell . - - um auf den Münsterturm zu klettern." Sie klettern eine enge steinerne Wendeltreppe hinauf. Die Hacken hallen. Barbara erinnert sich ganz genau, wie fie mit dem Baier und der Mutter auf diesen Turm flieg. Der Vater hatte verlangt, die Mutter sollte ihre „Mauerangst" und „Höhenangst überwinden. Die Mutter kletterte mit zusammengebisfenen Zahnen. Die Schultern Hütte sie vor Angst vargebogen. Sie rief nach dem Bat-r, aber der konnte i- nicht mehr Haren. „Es ist wirklich greulich", flüsterte sie und lehnle ch b Mauer, „es gibt eben doch Dinge, mit denen man nicht ^'g wirb. Wer diese Angst nicht kennt, begreift sie nicht." Sie klammerte M^mamia der Vierzehnjährigen und stieg mit ihr weiter. Und die achtundzwanzig jährige Barbara 'tlettcrt jetzt an der Schattenhand letz en hundert Stufen, als müsse sie die langst Tote auch noch heute beschützen Sie stehn nun endlich zusammen oben. Barbara ^r Schatten un Alfred. Die Wolken sind höher gerutscht. Man kann d>e türm te winttig^, gichtige Stabt Überschauen. Man kann die Donau sehen und d'e Ebene dahinter. Alles wie damals. Barbara beugt sich über d'e Brüstung. Der Schatten neben ihr beugt sich und starrt m die Tiefe auf den m Jigen Marktplatz, auf die stecknadelgroßen M-nfchem Barbara beg \ den Blick: Es steckt nicht nur Abgrunbangst dann, andern aurti L b n angst, Eheangst Man lebt zwei Jahrzehnte m.teinand r --fo> fd)mt °er Schatten zu sagen - in großer Liebe sogar unb bann zwmgt ber eme^oen andern zu einer Sache, die er wirklich nicht kann. . - ' $ fie kanm Barbara greift Über ben Schatten nach A red ^anb^ Mmi soll sich so viel Gutes, tun, wie man kann Man soll re nem r i nisje groß werben lassen. Sie muß also letzt schste• f jagt' fie mußt bie Geschichte von Karl Rauthammer wirklich kennen , lagt jie, »sonst machst bu bir vielleicht ein falsches B,lb von mir „Ich mache mir kein falsches Bild von - /m ”°r , ünb fange wirklich an, bich zu kennen. Man ist nicht urnsom z Y g zehn Nächte verheiratet. Nicht wahr?" h s,n Barbara nickt. Obwohl sie hier auf dem uns e aufs Schatten ber angstvollen Mutter neben sich, tc,n fanrt, bas Letzte betrachtet, sogar zwansig Jahre umsonst verheiratet sein rann, heißt, sich nicht kennt unb sich deshalb llrwlt- unb deshalb „Es war wunderschön in diesen zehn Tag fag I . „ bespricht, habe ich es auch nicht für so wichtig gehalten Da« nwn Iage ^lber nun muß ich dir doch erzählen, daß sh haben bann in vor unserer Hochzeit getroffen habe. Ganz äutalt.g. -w einem Cafe gesessen ..." . , . m„rhnras ftanb. Er beugt „So", sagt Alfreb unb löst seine W . „i^rdings boch sagen sich weit über bie Brüstung. „Das hattest bu mir allerbtngs ; ^ü|fen . haben toir über man5 „Du hast recht", nickt Barbara, „aber schuehUch ya üjes anbere auch noch nicht gesproßen ... ziemlich gereizt. , „Es hanbelt sich nicht um Sprechen ruft attreo i 9 zehn »sondern um Berfchmeigen. Du triffst diesen Rauthammer, Tage später kommst bu bamlt heraus ... Sag 1 I Er wirb ben mltBerUtSenberb Stuttgart gibt Tänze zum besten, ber Senber Berlin berühmte Tenöre. Gigli singt aus „Tosea . Frau Gornewitz erzählt ben l°» 'n den na*TOdmb'ergsnhab"en°sich mit'©Briefes zusammengefunben. Der ^auph mann macht Barbara schon beshalb ben Hof weil sie wie seine Schuhs heillae beißt bie Artitterieheiliae. Er ist. wie lieh heraussk°llt weniger ein Oifiz'er als ein Ar'illeriewisienschaktler, ber ebensogut Makhevmsiker fehl könnte wie auch Musiker. Er setzt sich ans Klavier. Er 'viel «ach. Sehr eratt unb ein buchen tragen. «°me Frau singt — wie er sagt sehr schön. Aber niemals vor Menschen. Alfreb Meimberg ist bie Stufen hinuntergejagt unb steht atemlos auf bem Platz. Er benft: Ich bin sicher ein bißchen zu hart gewesen. Weis für ein Unsinn, zu glauben, baß ganz erwachsene Menschen m die Ehe hereinkommen wie die Kinder, unberührt auch in ihren Gefühlen. Sie hätte es mir natürlich auch gleich sagen sotten. Aber wer weiß, was dazwischenkam. Na, wir werden die Sache gelegenttich mit aller Groß- „Das sage ich selbst", seuszt Barbara, „unb über bie Grünbe können wir ein anbermal genau sprechen ... Aber bie Hauptsache ist ..." „Es hat also seine Grünbe", unterbricht Alfred, „da bin ich ja ge- pannt. Da ..." Barbara kann nicht verstehen, was er sagt, denn er hat sich Immer noch so weit heruntergebeugt, als wollte er zu einer Volksmenge auf dem Münsterplatz sprechen. Außerdem hat sich ein Wind ausgemacht, der die Worte wegpustet. „Wir wollen gehn", sagt Barbara kurz, „es kommen auch Menschen. Zwei Lehrerinnen sind auf der Szene erschienen, freundliche, runde Mädchen, asthmatisch die eine, mit dem Kopf des Großen Kurfürsten die andere. „Famos!" ruft der Große Kurfürst und zeigt auf das Land, als hätte fie es erobert. Die Kleinere lacht: , Man muß eben nur losgehn. Dann hört jeder Regen auf. Siehst bu bie Donau?" Natürlich sieht auch bie Größere bie Donau. Alfred und Barbara gehn an ihnen vorbei. „Reizend ... der Junge", sagt der Große Kurfürst, als sie verschwunden sind. „Die Frau hat so gescheite, warme Augen', agt die Kleinere. „Gut, daß es solche Ehepaare gibt.“ „Ehepaare!" lacht der Große Kurfürst. „Du bist unverbesserlich! Er hat ihr so vorsorglich die Hand gereicht ... bas ist fein Ehepaar ... Barbara steht im engen Turm allein auf ber Wendeltreppe. Wenn sie etzt achtzehn wäre unb nicht achtundzwanzig, würbe fie voller Verzweiflung ben nächsten Zug von Ulm nach Berlin nehmen. Allein. Aber wie ber Schatten ber Mutter ihr vorhin Aengste bereitet hat, so bringt er ihr jetzt Trost. Die Mutter ist boch so sehr glücklich geworben. Ueber alle Enttäuschung weg. Es wirb schon gehn. Die Hauptsache ist, baß sie Überhaupt einmal über Rauthammer gesprochen hat. zügigkeit ordnen. Merkwürdig ist es aber doch. Trifft ihn und »er schweigt es. Wie eine Ehebrecherin. Wie eine beliebige junge Dame. Es ist allerdings natürlich, daß man sich zuletzt die vergangenen Lieben an- oertraut Ich möchte auch nicht zu ausführlich werden. Ware geschmacklos und verräterisch. Habe mit Bedacht alle Bilder unb Briefe verbrannt. Allerbings auch alle Brücken. Ich .. ich würbe also nicht basfelbe tun, was sie tat Das ist klar ... „ . , „ , .. _ Wo bleibt sie nur? Bin ja mächtig gerannt. Gleich tommt bie Sonne. Da' Dies Münster scheint mir ein Sonnengebäube zu sein. Wie das Gestein gleich lebenbig wirb! Wie hoch soll ber Turm fein? 161 Meter. Hatte "'1 VnMi-h° tritt§Barbara aus dem kleinen lurmeingang. Sie hat sich die Tränen längst gut weggewischt, und die Wangen sind zart uberpubert. ■ ■ sßuber nicht merken, wie auf ber Hochzeit ber bumme Bmael Er wirb vielleicht benten, daß ber zarte Duft nach Malglo-hhen von ber Gärtnerei bort drüben komme. Vorgestern nacht sagte er: Man riecht die Rosen bis hierherauf!" Es war aber Fleur de.rose. 211 fo, wir werden denn nachher von vorn anfangen unb noch vorsichtiger. Ich will bie Geschichte heute zu Enbe bringen. Sie geht lachenb auf Alfreb zu Sie umarmt ihn auf bem Marktplatz Sie küßt ihn Natürlich kommen in bleiern Augenblick bie beiben Lehrerin neu aus bem Turm. Sie haben sich Giebel Türme unb Donau aenur angesehen unb sind sehr erfreut, noch diese Kußszene zu erwisck'en. „Sieh! du" sagt ber Große Kurfürst befnebigt. „boch nicht verheiratet. Auf ber Rückfahrt ist bas Wetter schon ganz schon aber abenbs schick' bas irlänbische Tief noch einen Abjchiebsreaen. ber hinter ben Fenstern raschelt. Das macht aber für bas Haus Rebstock gar nichts, ^^u Garne witz weiß auch bei Regenwetter ben Frohsinn unb bie Gemütlichkeit (ja WÄl! SÄ»«., --»n» -'TSÄ meli sie alle Pensionäre. (Entschulbigungen mit Kopfweh unb Mudlgke werben bei Regen nicht entgegengenommen.) Das Grammophon spiel Es wird viel getanzt. Die Damen haben sehr lange, buntblumige Sommerkleider an — ganze Wiesen haben sich die Kichermädchen umgewickelt. Bankrat Meidam „schwingt" — wie er versichert, ungern — „das Tanzbein". Aber er tanzt ohne Paus«. Der Hauptmann tanzt. Der Oberlehrer, der sonst meist Blumen pflückt, tanzt auch. Alsred tanzt erst mit den Kichermädchen, dann mit Frau Görnewitz, schließlich mit Barbara. „Mein Lieber", sagt Barbara, „mein lieber, lieber Alfred." Und sie möchte eigentlich jetzt gerade, jetzt sehr gern mit ihm allein sein. Jetzt, in diesem Augenblick, da ihr Herz sehr warm ist, ein bißchen gerührt von Wein und Musik, würde sie Alfred sehr leicht die ganze Sache Raut- hammer wahrheitsgemäß erzählen können und würde sie aus der Welt schaffen. Aber es wird auch sonst gehen. Alfred sieht ihr forschend in die Augen. Sind nicht wieder die Schatten drin von damals? Die Schatten vom Polterabend, und war das nicht der Tag, an dem Barbara fast ohnmächtig umsank? Bisher hatte er immer gedacht, es sei die freudige Aufregung dran schuld gewesen oder auch der schmerzliche Gedanke, von Hause wegzugehen. Aber es kann ja auch sein, daß sie dieses andern Mannes wegen umfiel, dieses Rauthammer wegen. Und es fällt ihm das Gespräch mit Weppen ein über die Zigeuner und die Eifersucht, und daß er dem Zigeuner den Hals umdrehen wird. Gott sei Dank ... das bleibt immer noch im Ernstfall: dem Zigeuner den Hals umdrehn. Er lächelt, er strahlt. „Liebe Barbara!" sagt er endlich. Den Hals umdrehn, denkt er. Natürlich. Das ist doch ganz einfach. Das Fest schließt recht amüsant. Frau Görnewitz erzählt Anekdoten von merkwürdigen Liebespaaren. Bon einem fünfundsiebzigjährigen Mann, der im Jahre zuvor da war, verheiratet mit einer zwanzigjährigen echten Zigeunerin. Hals umdrehn, dem Zigeuner, denkt Meim- berg befriedigt. Eine glückliche Ehe. Und von der schönen baltischen Baronin, ihrer Jugendfreundin, die mit einem Balkanfürsten durchging und dann sich in seinen Hofmarschall verliebte. Der Fürst aber lieh sie nicht frei, erlaubte seinem Hofmarschall nicht, die Baronin zu heiraten. Endete tragisch. Wie Sappho stürzte sich die Baronin von einem Felsen ins Meer und ertrank. lieber diese Affäre erhebt sich eine lebhafte Unterhaltung. Hauptmann Gericke will wissen, was der Fürst denn nachher mit dem Hofmarschall gemacht hat, und Alfred Meimberg fragt, wie der Hofmarschall sich mit bem Fürsten auseinandergesetzt hat. Die Görnewitz kann auch das berichten. Sie sind zusammengeblieben, als gnädiger Fürst lebte der eine weiter, als gehorsamer Diener der andere. Das ist doch klar. „Nein, das ist nicht klar", meint die kleine Frau Gericke, „das ist nur ... ist nur ..." Nein, sie kann es doch nicht ausdrücken... Barbara hilft ihr. „Es ist doch klar", sagt sie, „es ist nur rein männlich gedacht. Und ganz verstehn wir die Gedanken und die Handlungen der Männer nicht ... das ist es." Frau Gericke sieht Barbara bewundernd an, daß sie so mutig und offen daherspricht. Ganz versteht man die Männer nicht ... das geht also nickt ihr allein so ... das yabeu andere ebenso auszustehn. Die Frauen sollten nur ebenso Zusammenhalten, wie die Männer Zusammenhalten, bis in alle Gedankengänge hinein. Man sieht es doch wieder bei der Geschichte mit der armen Baronin. Hat etwa ein Mann nach ihr gefragt? Nein ... nur wie die Männer wieder Zusammenkommen, interessiert hier die Männer. Zum Schluß erzählt Frau Görnewitz noch eine Anekdote über Liebe. Von einem schwerreichen Holländer, einem melancholischen Herrn mit großem Kinn und langer Nase. Der einem Freund die Frau wegnahm, um sie zu heiraten. Der den Freund mit einem großen Scheck in die Kolonien abschob. Mußte einen Revers unterschreiben, daß er nie wieder Europa betreten würde. Dennoch haste der reiche Mann keine ruhige Minute. Täglich studierte er die Passagierliste aller Dampfer durch ober ließ sie kontrollieren. Vielleicht wagte ber Mann es boch, zurückzukehren? Er ließ feine Frau beobachten unb bewachen. Genügte nicht: Er bewachte noch ihren Schlaf und versuchte, ihre Träume zu beobachten. Hundertmal wachte die Frau aus und sah in seine böse funkelnden Augen, und schließlich kam es so weit, daß sie dadurch aufwachte, daß er ihr den Revolver an die Schläfe gesetzt hatte. Sie hatte im Schlaf den Namen des Freundes ausgesprochen. „Denken Sie", lacht die Görnewitz, „trotzdem sind sie zusammengeblieben und leben noch heute zusammen. Das ist doch Liebe?" Mit dieser Frage schließt dieser Regentag, der eigentlich bestimmt war, die Aussprache über Rauthammer ju bringen. Barbara ist sehr unzufrieden. Aber Alfred ist ganz aufgeräumt. Er hat auch eine ganze Menge getrunken. Man merkt es daran, daß sein linkes Augenlid etwas schlaff ist. Er spricht, indem er zwischen den Zimmern hin und her geht, anerkennend von den Gästen. Er nennt die Görnewitz amüsant, den Oberlehrer stur, aber nett, die Kichermädchen harmlose Dinger und die Ge- rickes tadellose Leute. Dann erzählt er noch, daß der Bankrat Meidam am nächsten Mittag abreisen wird und daß die Hütte am Fluß also frei wird. Sie ist allerdings nur einzimmerig. Aber man sollte sie doch nehmen. Man ist dann hundert Meter von den andern entfernt, eine Entfernung, die gerade ausreicht, um die Sympathie, die man empfindet, zu erhalten. „Gut", antwortet Barbara, „wir nehmen die Hütte." Und sie denkt etwas Sonderbares. Sie denkt an den reichen Holländer, der feine Frau bewachte und ihr das Schießeisen an die Schläfe hielt, weil sie von ihrem ersten Mann träumte. Verrückt, nicht wahr? 13. Zum drittenmal liegt Rauthammer auf dem Untersuchungssofa des Professors Schreiner. „Diesmal entkommen Sie mir nicht", sagt er, „Sie müssen mir die volle Wahrheit sagen. Ich habe nun keine Zeit mehr." „Hätten sich bas vorher überlegen müßen", brummt Schreiner und leuchtet mit einem Spezialgerät das Trommelfell des Patienten ab, „wer sich nicht die Zeit nimmt, gesund zu bleiben, mutz die Zeit haben, krank zu sein. Das stört eben manchmal die Dispositionen." Rauthammer fügt sich zunächst. Er ahnet aus, wie es verlangt wirb. Er atmet ein. Er schluckt auf Kommando. Er hebt das rechte Vein, ben linken Arm. Endlich ist Schreiner fertig, und der Patient darf sich an» ziehn. „Ich sage es Ihnen nun nochmals, Professor", fängt er wieder an, „es handelt sich für mich um die Wahrheit. Ich will keinen Trost. Ich weitz sehr genau: Es geht nicht mehr lange. Aber ich will wissen: roie lange. Und das sollen Sie mir sagen. Weiter nichts." Schreiner nickt: „Ihr Herz ist nicht gut. Sie sollten noch heute bas Rauchen einstellen. Kaffee ist nicht so gefährlich für Sie, aber auch nicht nützlich. Kein Alkohol, versteht sich! Kein Salz! Krebs kann ich nicht finden. Sind damals zur rechten Zeit bei mir gewesen. Haben Gluck gehabt ober einen guten Instinkt, was dasselbe ist.. Haben Sie unvermeidbare Aufregungen? Geschäftliche Sorgen vielleicht?" Rauthammer schüttelt den Kops. Nein, er kennt keine geschäftlichen Sorgen. Das Lebensnotwendige hat er sich unangreifbar gesichert. Außerdem verdient man ja doch immer wieder, wenn man ein richtiger Kaufmann ist und kein Stümper. Wenn man zum Beispiel an einer Spezialart von Geschäft hängt und etwa Baumwolle oder Kaffee durchaus bann verkaufen will, wenn man sie gerabe nickt verkaufen kann. Man bars nicht Svezialist auf Lebenszeit fein. Das ist das ganze Geheimnis eines heutige,. Zeschäftlichen Erfolges. Während gestern nur die Spezialisten verdienten, mutz man heute wendig fein und wechseln. Ganz einfach ... Nur probiert es fast niemand aus. „Cs ist mit der Gesundheit ebenso einfach", sagt Schreiner, „trotzdem ist fast niemand gesund. Auch Sie könnten ..." Rauthammer schüttelt den Kopf. „Nein, ich könnte nicht mehr, obwohl ich schon einiges gelernt habe und einiges beherrsche. Ich kann zum Beispiel mein Herz immer wieder mit der Atmung beruhigen ... entlasten. Mein chinesischer Freund, ein Kaufmann, hat es mich gelehrt. Sie halten nichts davon? Doch? Gut ... Also ich kann ein bißchen länger leben als andere Menschen vom gleichen Grad ber Verbrauchtheit. Trotzki em bin ich nicht sicher, baß es bis zu einem bestimmten Ziel reicht ... Früher sagte man: Man lebt, solange man will. Nun gut, ich möchte wissen, wie lange mein Wille reichen wird ..." „Der Wille macht viel", antwortet Schreiner abwehrend, „die Atmung ist auch nützlich. Aber das alles genügt nicht. Man mutz einen Einblick in die eigene Struktur haben und danach handeln. Damit kann man Erstaunliches erreichen." Mehr kann Rauthammer nicht aus Schreiner herauskriegen. Und das hat er schon selbst gewußt. Vorsicht und Einsicht! Er reicht seinem Arzt die Hand. Er sieht ihn prüfend an. Diese seltsam hellen, grünlich schimmernden Augen kann er nicht festhalten. Will er festhalten. Es sind die Augen Barbara Schreiners. Wenn es ihm hier gelingt, wird es ihm überhaupt gelingen. ,Lch danke Ihnen fehr für Ihre gründliche Untersuchung, Professor!" sagt er und hält seine Hand. Endlich sieht ihn der Professor wirklich an. Er blickt liebenswürdig und ein wenig abwesend. Wie er alle Patienten ansieht. (Auch ein Grund, warum er kein Modearzt, fein Weltarzt geworben ist.) Aber langsam kommt eine Abwehr in seinen Blick, eine Fremdheit und Kälte, gegen die Rauthammer nicht ankann. „Ich reife dann morgen ab ober heute abend", sagt Rauthammer. „Ich will keine Zeit verlieren. W«, geht es Ihrer Frau Tochter? Sie haben hoffentlich gute Nachrichten. Bitte, mich zu empfehlen, wenn Sie schreiben. Auf Wiedersehn'/ „Auf Wiedersehen!" sagt Schreiner und zieht feine Hand aus ber Hand des Kaufmanns. „Ich schicke Ihnen die einzelnen Verordnungen. Bitte um sehr genaue Beachtung!" Er geht, als sich die Tür hinter Rauthammer geschlossen hat, ans Fenster und lehnt die Stirn gegen die Scheiben. Ich habe ihm immer noch nicht vergessen, daß Barbara ihn geliebt hat, denkt er. Und sie hak ihn geliebt. Wollen uns nichts vormachen. Es ist auch bei ihm noch nicht aus. Ganz sicher nicht. Obwohl es doch Wahnsinn ist. Was will er mit ihr? Er sieht jetzt gerade Rauthammer den Anstaltshof überqueren. Er sieht, wie Rauthammer nach dem Regen tastet, wie er den graufeibenen Schirm ausspannt und mit dem zu aufrechten Gang der Herzkranken weitermarschiert. Was will er mit ihr? denkt Schreiner zu Ende. Das läßt sich nicht beantworten. Aber viel Unheil kann der Mann nicht mehr anrichten. Das Herz hält nichts mehr aus, hält das nicht mehr aus, was Rauthammer an Kraft von ihm verlangt. Ja ... er ist tatsächlich ein echte» Temperament. Wäre prachtvoll, wenn feine Anstrengung auf etwa» Wichtiges gerichtet wäre. Aber sie ist nur auf Bemächtigen gerichtet. Nur auf Bemächtigen. Das ist es. Er hat die Formel für Rauthammer gefunden. Damit sind die Akten über den Fall für ihn geschlossen. Er wendet sich um. Er diktiert in ein fiaar Schlagworten Diagnose, Therapie, Verordnungen, Prognose. Er ckließt: Letaler Ausgang spätestens in drei bis vier Wochen wahr- scyeinlich. Fertig.-- „Fertig!" sagt Rauthammer und läßt sich in einen Stuhl bei Sophie Wahnke sinken. „Endlich fertig! Geben Sie mir schnell einen starken Kaffee! Ich habe gemahlenen mitgebracht. Liegt draußen auf ihrem gräßlichen Lacktischchen. Nein, kochen Sie noch keinen Kaffee! Rauchen Sie erst eine Zigarette mit mir/ „Sprechen Sie endlich!" sagt Sophie Wahnke, die Lehrerin. „Was hat Schreiner gesagt?" Rauthammer pafft vor sich hin. „Kein Krebs, sagt er, aber das Herz ist kaputt. War also wirklich ein Anfall neulich nachts, als Sie die Güte hatten, mich auf Ihrem Diwan zu beherbergen. Ein Anfall und keine Anstellerei, um verwöhnt zu werden." Sophie Wahnke seufzt. „Reden Sie keinen Unsinn! Sie brauchen nicht herzkrank zu werden, damit ich Sie verwöhne." (Fortsetzung folgt.) M »itb, •lien; tti’ h-ut- bas uuch nirfjt ,ld) nity b°n @iüd »e unser, W'chq rl- Außer, ger Sauf. r Spezis, durch,a, mn. Dian oeheimul, !t Cpezi,. ®anj ein. ..twtzdeni )r, obwohl tann jun ti ... ent« ileljrt. Sie ien länget ult. Trotz, reicht ich möchte ie Atmum n Slnblii tonn nun egen. Di* cht (ei« i, grünlich, n. Es find , wird es gründliche Mich sieht ein wenig warum« imml eint die W uttjammet chter? 6ii wenn 61t j aus det Krönungen i haß m hm In* ind si- N ihm * Was t»il iueren. 'aufeibene» lerjtran» t sich nW nr*» -as N ein -* auf L , geeicht 'M*,** lert "j Jrt* SÄ >reiu rf !uch-u 61 rin.-* -b-/ L |> , br-u^ Beherzigung. Don Johann Wolfgang von Goethe. Feiger Gedanken Bängliches Schwanken, Weibisches Zagen, Aengstliches Klagen Wendet kein Elend, Macht dich nicht frei. Allen Gewalten Zum Trutz sich erhalten, Nimmer sich beugen. Kräftig sich zeigen, Rufet die Arme Der Götter herbei. Oie Seeschlacht von Trafalgar. Von L. Grießbauer, Gießen. jhundertdreißig Jahre find verflossen, seit an der Südwestküste Spaniens die englische Flotte unter Admiral Nelson die vereinigte stonzösisch-spanische Flotte unter Admiral V i l l e n e u o e vernichtete. Es war ein Sieg von weltgeschichtlicher Bedeutung, durch ihn wurde Englands weltbeherrschende Stellung aus dem Meere auf Jahrzehnte befestigt, Napoleons Plan, die Stellung für Frankreich zu erringen, zunichte gemacht. Der Friede von Amiens vom 27. März 1802 bedeutete In dem Jahr- ente dauernden Ringen zwischen Frankreich und England nur einen issenstillstand. Englands Haß gegen das französische Uebergewicht auf dem Kontinent und Frankreichs unersättliche Eroberungssucht mußten zu neuen kriegerischen Auseinandersetzungen führen. England besetzte schon im Juli 1803 ungeadjtet der Neutralitätserklärung Hannover (es ist nicht ohne Reiz, damit die angebliche Verletzung der Neutralität Belgiens durch Deutschland im Jahre 1914 zu vergleichen, die angeblich England zum Kriege veranlaßte) und Napoleon faßte den gigantischen Plan, nach England überzufegen, um es dort niederzuringen. Mit einer Umsicht, Taskrast und Weitsichtigkeit ohnegleichen sammelte Napoleon in Boulogne und den Nachbarhäsen ein j)eer von etwa 150 000 Mann und erbaute eine sehr große Zahl flacher und ruberbarer Schisse, um sein Heer mit diesen nach dem Jnselreich über» e;en. Ferner beabsichtigte Napoleon, um die Aufmerksamkeit der Enger abzulenken und ihre Flotte aus dem Kanal herauszumanövrieren, mit (einer und der spanischen Flotte (Spanien trat unter dem Einfluß Frankreichs im Jahre 1804 dem Kriege gegen England bei) einen groß- angelegten Angriff auf die überseeischen Besitzungen der Engländer. Im Jahre 1804 wurde Napoleon zum Kaiser der Franzosen erhoben. In England übernahm William Pitt der Jüngere die Regierungs- «e? Diesem hervorragenden Staatsmann gelang es, im Jahre 1805 tte Koalition (England, Schweden, Rußland und Oesterreich) gegen Napoleon zustande zu bringen und sich dadurch für die kommende Auseinandersetzung eine starke Rückendeckung zu schassen. England hat es immer meisterhast verstanden, andere vor seinen politischen Wagen zu spannen. , „ Die französischen Vorbereitungen für den großen Schlag gegen Eng- land nahmen die Jahre 1803 und 1804 in Anspruch. Dem in Rochesorl liegenden französischen Geschwader unter Admiral Missiessi gelang es im Jahre 1805, ungehindert auszulausen und nach den Antillen zu gelangen. Das größere im Mittelmeerhafen Toulon liegende sranzosstche Geschwader unter Admiral V i l l e n e u o e sollte sich mit dem vorgenannten Geschwader vor den Antillen treffen. Der Hauptieil der englischen Flotte unter Nelson, dem Sieger von ülbutir, lag im Mittelländischen Meer, südlich der Insel Sardinien au^ • der Lauer, um die Franzosen, von denen man vermutete, daß sie nach Aegypten fahren würden, abzusangen. Im Januar 1805 versuchte die französische Flotte aus Toulon aus- zulaufen, muhte aber Infolge eines gewaltigen Sturmes wieder umkehren. Endlich aber gelang es Villeneuve am 30. Marz 1805, mit 1 Linienschiffen und 10 000 Soldaten unbemerkt von den Engländern Toulon zu verlassen und durch die Straße von Gibraltar nach t-adix zu gelangen, wo er mit einem weiteren französischen und (pani|chen ®e|d;roa- der zusammentvaf. Am 11. Mai 1805 langte die vereinigte Flotte vor Martinique (Kleine Antillen) an. hnfc Erst nm 11. April erfuhr N e l s o n zu seinem größtenErstaunen °uß Me französische Flotte ihm entwischt sei und er en schloß^sich fofort bie Verfolgung aufzunehmen, obwohl bie Sranjojen einen Sorfpr g einem Monat hatten. Auch das in Brest l,egende sranzostsche Geschwader unter Admiral Ganleaumes hatte von Napoleon den Befehl sich bei den Antillen mit Villeneuve zu vereinigen um dann sofort wieder mit der gesamten Flotte nach Europa zuruckzukehren. Napoleon nahm mit Recht an daß die Engländer ihre Kriegsschisse aus dem Kanal heraus .ziehen und zum Schutze ihrer westindischen Kolonien dorthin senden wur den. Auf diese Weise hasste Napoleon die von 'hm geplante Landung in England ober Irland ohne besondere Störung d"nh die englische Flotte durchführen zu können. Ein grandioser Plan der nurimHirne f^nes Napoleons entspringen konnte. Der Anfang dieser Unternehmung lieh auf einen günstigen Ausgang für die Franzosen hoffen. . Falls, so lautete der Befehl Napoleons an Bil eneuve das Brester Geschwader nicht bis zum 21. Jun bei Martinqueemirefsen -wurde, sollte Villeneuve nach Europa zurucksegeln im Hasen von, FerrM '(an der spanischen Küste) bie dort liegenden 11 bis 15 stanzos'lchen Kriegsschiffe ausnehmen und auf Brest segeln, um Ganteaumes z befreien. „Von dem Gelingen Ihres Eintreffens hängt tzas Schtckfak bet Welt ob", so hieh es in dem Befehl an Villeneuve. Inzwischen war Nelson am 4. Juni 1805 mit seiner Flotte vor Bar- bados angelangt. Villeneuve entschloß sich, als er dies erfuhr, sofort mit seinen Schissen nach Europa ziirückzusegeln. Noch einmal schien den Franzosen bas Glück zur Seite zu stehen. Jnsolge einer Falschmelluing war nämlich Nelson nach Südwesten abgebogen, wodurch er wertvolle Zeit verlor. Erst in Antigua hörte er, daß die Franzosen nach Europa zurückgesegelt seien. Daraufhin fuhr auch er schleunigst zurück, um sich wieder nach dem Mittelmeer zu begeben. Inzwischen war der sranzösische Admiral Misst esst, da er Villeneuve nicht getroffen hatte, nach Rochefort zurückgekehrt. Villeneuve sollte, wie erwähnt, nach Brest segeln und von dort mit der vereinigten Fiotie Boulogne antaufen. „Sind wir vier Tage Herr der Meerenge, so werden 150 000 Mann, die in 2000 Schissen eingeschifft sind, das ganze Unternehmen zu Ende führen." „England", so lautet es in einem Bries Napoleons, „hat ausgehört zu existieren." Tatsächlich waren die Engländer ratlos, sie muhten nicht, wohin sie sich mit ihrer Flotte wenden sollten, sie waren vollkommen in Abhängigkeit von den Entschlüssen Napoleons geraten. Mit einer ungeheuren Spannung verfolgte man die weitere Entwicklung der Dinge. Da kam den Engländern ein Zufall zu Hilfe. Nelson hatte auf seiner Fahrt von den Antillen nach Europa eine Fregatte unter Admiral Bettesworth nach England vorausgeschickt. Dieser sichtete nun die ebenfalls nach Europa (Ferrol) segelnde französische Flotte und zog aus ihrer Fahrtrichtung den richtigen Schluß, dah sie nicht, wie N e l f o n annahm, nach dem Mittelmeer, sondern nach Norden, Richtung Kanal, segelte. Sofort trafen die Engländer Gegen- maßregeln. Sir Robert Calder erhielt den Auftrag, mit 15 SckMen den Franzosen nach Westen entgegenzufahren. Napoleon nahm die Meldung hiervon mit großer Freude auf, denn er glaubte daraus schlichen zu müssen, daß die Engländer Rochefort und Ferrol freigäben, um noch Westindien zu segeln. Nelson war inzwischen nun wieder vor Gibraltar angelangt, wo er zu seinem großen Erstaunen die französische Flotte nicht vorfanb. Bor Cadix kreuzte der ’ englische Admiral Callinwood, der auch zu der Ueberzeugung kam, daß die französische Flotte nach England ober Irland segeln wurde Auf diese Nelson gemeldete Vermutung hin entschloß sich dieser, seine Flotte mit der C o 11ingwoods vor Cadix zu vereinigen. Inzwischen wartete Napoleon mit Spannung auf die Rückkehr Vil- leneuves nach Europa. Am 21. Juli Iras dieser etwa 150 Seemeilen von Cap Finisterre aus hoher See mit dem englischen Geschwader unter Calder zusammen. Es kam zu einem kurzen durch Nebel stark behinderten Gefecht, wobei die Franzosen zwei Schiffe verloren. Die englischen Schisse, die auch einige Havarien aufzuweiten hatten, wurden abgetrieben. Beide Gegner kamen nicht mehr in Gefechtsberührung. Durch die Wiederherstellung der in diesem Gefecht beschädigten Schiffe und durch widrige Winde gingen den Franzosen wieder einige wertvolle Tage verloren. Wieder erhielt er den dringenden Befehl, sofort nach Brest weiterzusegeln. Das französische Geschwader von Rochefort befand sich noch auf hoher See. Nelson war inzwischen nach der Küste von Irland gesegelt, in der Hoffnung, dort die französische Flotte anzutresfen und schlugen zu können. Dort erst erhielt er die Nachricht von der Rückkehr Billeneuves und dessen Gefecht mit Calder. Es läßt sich nicht leugnen, dah Napoleon die Initiative an sich gerissen und die Engländer gezwungen hatte, sich nach seinen Mahnahmen zu richten. Es ging um Englands Herrschaft zur See und um bie Grundlagen seiner Macht. Napoleon traf am 2. August 1805 in Brest ein. Alles war in fieberhafter Tätigkeit, man fühlte bie Stunde der Entscheidung herannahen. Ein Schatten fiel allerdings auf die hoffnungsfreudige Stimmung Napoleons. Dadurch, dah die Engländer bie Fahrt der Franzosen unter Villeneuve bemerkt hatten, war bas Moment ber Uederraschung oertorengegangen. Es tarn noch hinzu, dah Oesterreich und Rußland aus der gewaltigen Truppenansammtung der Franzosen an der Kanalküste Nutzen für ihre kontinentalen Pläne zogen. Die Stimmung Napoleons wurde immer gereizter, voll Spannung wartete er Tag für Tag auf feine Flotte — sie blieb aus. Ihm standen in diesem Augenblick weltgeschichtlicher Spannung nicht die Unterführer zur Verfügung, um seine kühnen Pläne zu verwirklichen. Villeneuve konnte nicht die (Ent- schluhkrast aufbringen, feine Flotte den Engländern entgegen zu führen. Das Gefecht bei Finisterre hatte ihm die Mängel seiner und namentlich der spanischen Flotte zu deutlich vor Augen geführt. Endlich, am 22. August, lies bei Napoleon die Nachricht von Villeneuve ein: „Wir sind auf der Fahrt nach Brest". Napoleon antwortete ihm: „Verlieren Sie nicht einen Augenblick und segeln Sie mit Ihrem vereinten Geschwader nach dem Kanal — England ist in unseren Händen. Wir sind alle bereit, alle sind eingeschisst, erscheinen Sie, 24 Stunden und alles ist vollbracht." Aber wieder wurde Napoleons Hoffnung zunichte. Krankheiten und Ausfälle verminderten die Flotte Billeneuves von 34 auf 29 Schiffe, auch wartete er vergeblich auf die Nachricht, dah die französische Flotte aus Rochefort ausgelaufen fei. Die Engländer beobachteten aus ber Ferne bie Fahrt Billeneuves. Napoleon packte eine namenlose Wut, er nannte Billeneuve einen Feigling unb Verräter. Sein gigantischer Plan, Englanb auf ber See zu besiegen unb im eigenen Laube auhu- suchen, war bamit gescheitert. Er warf bas Steuer herum, zog seine Truppen von der Küste weg und setzte sich nach dem Rhein und der Donau in Bewegung. Nun nahm das Schicksal schnell feinen Laus. Der schlechte Zustand ber Flotte unb widrige Winde oeronlohten Villeneuve, Cadix onzu- lausen. England hatte seine Handlungsfreiheit wieder. Am 14. S-ptember »ach Nelson, von dem Jubel der Engländer umrouscht, in See. Aus ihm dem Schwerverwundeten (er hatte in früheren Seefchb-^ten den rechten Arm unb ein Auge verloren) ruhte vertrauensvoll ber Blick eines Castellis Batt Von Gert Lynch. , Oh!" rief Frau von Heimgart entzückt, als ihr Raftelli einen großen bunten Ball in die Loge warf. m v ' Der Meisterjongleur, der im ersten Variete der Stadt auftrat, verschenkte noch mehrere solcher Bälle, aber derjenige, den Frau v Heun- qart bekam, war entscksteden der schönste. Er trug ein phantastisches Muster von grünen, gelben und roten Streifen, und Rastelli hatte mit ihm atemraubende Experimente gemacht. So war der Ball rund um seinen Körper gelaufen: von den Zehen zum Knie, über den Schenkel zum Leib, dann aus das Kinn, dann auf die Nase zur Stirn, dann über den Kops zum Nacken, und über Rücken und Wade zurück bis zum Fuß. Das Publikum war starr. So etwas war noch niemals dagewesen. Manche schlugen sich die Hände wund vor lauter Applaus. Als Frau v. Heimgart auf dem Nachhausewege war, druckte sie ihren Ball mit einem zärtlichen Impuls an sich und gedachte der Zeit wo sie selbst noch mit Bällen gespielt hatte, und plötzlich, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß niemand zuschaute, ließ sie den Ball aufs Pflaster fallen, um ihn beim Aufschnellen zwei, drei, vier, fünf, sechs Mal zuruck- zuschlligeNu bann den Batt aus ihren Flügel und hütete ihn hinfort wie einen Augapfel. Ihr Bruder, der um diese Zeit aus Besuch kam und ein Sammler von Sonderlichkeiten mar, bot ihr lOv Mark für den Ball, aber sie gab ihn nicht her Sie freute sich an diesem Andenken, wenn immer sie es betrachtete. Und wenn sie musizierte, so begann der Ball aus der polierten schwarzen Fläche des Flügels zu zittern und zu tänzeln, und Frau v. Heimgart dünkte es dann, als ob dieser Ball nicht mit Luft, sondern mit einer Seele gefüllt wäre und Heimweh hatte nach seinem grasten Meister. , ... „ Wenige Monate später ging die traurige Nachricht durch die Blatter, daß Enrico Rastelli, der Welt bester Jongleur, eines frühen Todes gestorben sei. Frau v. Heimgart war tief erschüttert. Sie versah den Ball mit einer schwarzen Florschleise und wagte fortan nicht mehr, mit ihm zu svielen. . , ... Aber Bälle sind unberechenbar, sie rollen zu gern und zu leicht... Eines Tages ließ Frau v. Heimgart einen blinden Klavierstimmer kommen. Es war dicke Luft im Zimmer- und die Fenster wurden geöffnet, und wäbrend der Blinde am Instrument saß, legte Frau Heimgart Rastellis Ball sorglos aufs Fensterbrett. Und da geschah es denn: Der Klavierstimmer kam mit dem Ellbogen dem Ball zu nahe, und der Ball schnellte geschmeidig zum offenen Fenster hinaus. Als Frau v. Heimgart den Verlust entdeckte, war sie untröstlich. Sie machte dem Blinden, der seine Unschuld beteuerte, heftige Vorwürfe und ließ im weiten Umkreise ihres Fensters die Straße absuchen. Es nützte nichts. Der Batt war verschwunden. Dann gab sie ein Inserat in die Zeitung ober auch dieses verfehlte den Zweck. Die Baronin mußte sich damit abfinden, daß das unersetzliche Andenken endgültig verloren gegangen war. Rasteliis Ball indessen hatte eine neue Liebhaberin gefunden. Kaum, daß er dem Fenster entsprungen war und einige große Sätze in Freiheit gemacht hatte, war er von der zwölfjährigen Gerit Bauer, die gerade des Berantwortltch: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Detlafl: Brühl'fche Untverfttäts-Buch» und Stetndruckerei. A. Lange. Giebe"- ganzen Volkes, das, wie auch heute, wieder, bereit war alles für seine Seekerrschast zu opfern. Am 29. September erreichte er Cadix. Inzwischen halte Dilleneuve von Napoleon den strengen Beseh erhalten, nach dem Mittelmeer zu segeln, auch sollte er durch Admiral Ros Sly ersetzt werden. Aber erst am 20. Oktober 1805 lief er mit ber gesamten französisch-spanischen Flotte von Cadix aus. Zwei gewaltige Gegner traten den schicksalschweren Gang an, 33 sranzofisch-spanische Linienschiffe mit 2626 Kanonen standen 27 englischen Linienschiffen mit 214yt SZyX sich im rechten Winkel aus die in Fahrt des»"?nÄe Jlotte Billeneuves, eine Taktik, die für ihn gefährlich werden tonnte, oücr die TüchiiakeU seiner Unterführer, die Geschicklichkeit seiner Mann- sibaften und die ungeheure Begeisterung, die alle beseelte, überwandten alle Gesahrenmomente Das Flaggschiff »Vic or> , auf dem sich Nelson besand, kam zuerst ins Gefecht. Er wollte durch sein- Beifpieseine Leute anfeuern, und lehnte den Wunsch seiner Admirale, sich nicht so sehr den Gesahren anszusetzen, ab. Ein Kamps unerhörter Wildheit ent- brännte. Die feindlichen Admiralsschiffe lagen Bord an Bord, auf beiden Seiten wird mit einer Erbitterung ohnegleichen gekämpft. In diesem Ringen wird Nelson um 1.15 Uhr von einer feindlichen Kugel in das Rückgrat getroffen, schwer verwundet bricht er zusammen. Er fühlte, daß es mit ihm zu Ende ging. „Von unseren Schiffen hat doch noch keines die Flagge gestrichen?" fragte Nelson den Admiral §>"^9 "Nein, Mylord, das war nicht zu befürchten", lautete die Antwort. Er hatte noch als sterbender Oberbefehlshaber die Genugtuung, eine siegreiche Flotte zu führen. Immer von neuem hörte er, in feiner Kabine 'egend, das Hurra seiner Mannschaften, wenn wieder em feindliches Sch'ff die Flagge herunterholen mußte. Von den englischen Schissen hat in dieser Schlacht nicht ein einziges die Flagge streichen Mussen Dilleneuve, dessen Flaggschiss kampfunfähig geworden war, geriet in Gefangenschaft. Sieben ranzösische und fünf spanische Schisse fielen den Engländern in bte Hanbe. Gott sei Dank, ich habe meine Pflicht getan , bas waren die letzten Worte Nelsons. Die französisch-spanische Flotte war bis ans wenige Schisse vernichtet, keines hat jemals roieber einen französischen Hafen aesehen. Dem toten Nelson hat England die Wiedererlangung der See- ^^Es°erscheiM'nicht ohne Reiz, heute den Blick in die Vergangenheit zu lenken und Vergleiche zwischen damals und heute in weltpolitischer und auch technischer Beziehung anzustellen. Wer weiß, ob nicht in abiehbarer Zeit England wieder um seine Stellung zur See und um seine Stellung als Welimacht zu den Waffen greifen muß? Weges kam, begeistert empfangen und inbrünstig festgehalten. Und bannt begann für den Ball eine tolle, luftige Zeit. Gerit nahm ihn mit m d,- Schule und in den Wochen, die nun folgten, lief er durch vielerlei flinke , Jungmädchenhände und lernte jeden Quadratmeter der Schulmauern gründlich kennen. Dabei büßte er merklich an Farbe ein, nicht aber an Gerits Liebe. Gerit und der Ball waren unzertrennlich geworden. Ihre Finger kneteten all ihre Freuden und Leiden hinein, und so ost man ihn auch zu hoch ober zu weit wars, er kam immer wieder zu diesem halbwüchsigen Mädchen zurück, das ihn weder schonte noch mit geizte j und nichts von seiner Herkunft wußte. Und so blieb er bei Gerit drei J volle Monate lang. Vielleicht wäre er gern auch noch langer geblieben, . aber als er einmal hoch über der Hosrnauer schwebte, da kam eine Ba ■ dazu und drängte ihn ab in eine andere Welt. Er flog mitten aus die Straße und nachdem er sich wieder beruhigt hatte, stand er vor beit tranigen Stiefeln eines Berkehrsschutzmannes still. Der hob ihn schmunzelnb auf unb legte ihn sorgsam auf seine Insel. Eine Stunbe barauf, währenb Gerit verstört beim Unterricht sah, wurde ber Polizist abgelöst unb ba ber Ball nicht abgeholt worben war, nahm er ihn mit in bie Wachstube, ols ©pieljeug für Peter. smn*fnM Peter, so hieß ein junger pechschwarzer Maikater, ber bem Wachlokal zugelaufen war unb von den Beamten verwöhnt würbe. Als nun der Ball, ber erste in seinem Katerleben, auf ihn zurollte, würben bie gelben Kleckse seiner Augen tugelrunb, unb fein Schwanz glich einer zuckenden Flammenlinie. Peter war einen Katzensprung lang starr über bas lautlost Ding, bas ba bäuchlings über bie Diele kroch, bann aber stürzte er sich kopfüber aus biefe riesenhaft biete Maus ... Unb letzt begann eine Sal« qereie wie sie bie Wachstube noch nie erlebt hatte. Der Ball unb Peter kugelten, schossen, hüpften unb brehten sich um bie Wette unb überboten ich in Bravourstückchen, unb bie Polizisten stauben herum, knallten sich auf bie Schenkel unb amüsierten sich königlich. Jeboch, auch bie wilbeste Jagd nimmt ein Ende, unb biesmal war er ein Ende mit Schrecken. Im selben Moment, ba bie Tur aufging, flitzte ber Ball bem hereintretenben Wachtmeister burch bie Fuße, unb ehe sich s jemand versah, waren Ball und Peter draußen im verkehrsreichsten Gewühl der Straße. Unb ber Trambahnführer ber Linie 29 bte gerade vorbeiraste, ahnte gar nicht, baß er einen Kater in zwei Teile Zerfahren hatte unb baß im Fangnetz vor ben Borberrabern ein Ball lag, srieblich unb harmlos, wie eben nur ein Ball Siebenmal fuhr Rastellis Ball an biefem Tage burch bie ganze Stabt im Fangnetz ber Linie 29, ehe er spät nachts von bem Manne, ber bi Wagen säuberte, gefunben würbe. Sei es nun, baß dieser Mann kein« Kinder hatte oder verdrießlich war oder daß ein aufgeblasener Gummi ihn kalt ließ, — (ebenfalls schaufelte er den Ball mitsamt dem Kehricht verächtlich in eine Unratstonne. Als Kunzens Willi, fünf Jahre alt, am nächsten Mittag nach Haus kam hielt er in seinen schmutzigen Händen einen schmutzigen Ball. Dar erste war, daß Willis Mutter mit spitzen Fingern und einem überzeugten Psui" den dreckigen Ball von der Küchenveranda hinunter in den Himer- hos schmiß, unempfindlich für bie Tränen unb bas Wehegeschrei ihre- Der^Kunstmaler Olas Lauben, ber gegenüber am Atelierfenster stand unb zufällig Zeuge biefer Szene würbe, batte gerabe einen nachbenklnbeT, Tag, und bilderreich, wie er dachte, zog er sofort Parallelen zwiststen sich und dem Ball. Auch er war ja so ein Spielball des Schicksals. Auch er war so unbedeutend unb namenlos wie biefer graue mißhanbelte Bai., ber gebulbag warten mußte, dis jemanb sich seiner erbarmte Auch er konnte die Hänbe nicht wählen, mit benen er in Berührung kam. Ja- ! wohl so war es, genau wie jener verfemte Ball ba unten, so rollte set- eigenes Leben, von bem er sich so viel versprochen hatte ... Ob er roohi einst auch so enden würde wie dieser Ball? ... Lauben, der wie die meisten Künstler einen Stich ms Abergläubisch hatte, fühlte plötzlich den Wunsch in sich groß werden, das Schickst dieses Balles herauszufordern, um es symbolisch für sein eigenes Lazu deuten. Und im Banne dieser Idee eilte er augenblicklich in ben SW unb bemächtigte sich bes verwaisten Balles. Dann trat er barmt auf Dy Gasse hinaus und ließ den Ball, der sein Schicksal darstetten sollt« I einfach aufs Pflaster fallen. Und da die Gasse, die zur Ludwigsbruck führte; beträchtliche Senkung auswies, begann der Ball zu rollen un Lauben dicht hinterdrein. Es war ihm gleichgültig, daß die Leute laibelns stehen blieben und sich nach ihm umguckten, wie er als Erwachsener am hellichten Tage einem Ball nachsetzte, wie wenn dieser sein Schrtti- | wacher wäre--Ader vielleicht war er das wirklich auch! Denn ön Batt auf ber schiefen Ebene glich seinem eigenen Wege burchs Heben i Es fragte sich bloß noch bas eine, ob er unb ber Ball sich roieber fangen mürben ober ob sie babei unter irgenbroeldje Räber gerieten, bie sie zn- nl<,I3nbeffen bie Krise trat schneller ein, als Lauben erwartet batte. Der Ball lief schräg auf bie Brücke zu, prallte an einer Schiene ou würbe zurückgeworfen, stieß sich von neuem unb schoß, als ob er gefiel worben wäre, mitten burch ein Luftloch des Gelänbers Hindurch iral . Wie Lauben sich über die Brüstung beugte, war nichts mehr von bem Ball zu erblicken. War er nun wirklich ins Wasier gefallen, um vielleicht neuen belferen Zelten entgegenzuschwimmen? Ober war er unterhalb aus ber Baustelle gelanbet, wo ein neuer Brückenpfeiler gegellt« roUßauben mußte sich mit ber Feststellung begnügen, baß ber »aU einen Sprung ins Ungewisse gemacht hatte, unb in diesem Sinne nahm « auch die Deutung seiner eigenen Zukunft vor. Der Ball aber, ber in bie Mörtelmaschine ber Baustelle gefallen roor, würbe mit tausend Tonnen Beton in einen Brückenpfeiler gemauert un» balanciert heute einen kleinen Teil dieser großen Welt. Doch das rn- schließlich nicht weiter verwunderlich, denn er war ja fein gewohnucyk Ball, sondern ein Lieblingsball seines großen Meisters Rastelli.