SiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Nummer 24 Montag, den 25. Marz Jahrgang 1935 (Fortsetzung.) schwarzen länglichen Stempel „Aus n ihr letzter Brief an Otto. tonn, mit bref ""Leben Mitten Settonfen Q"n ging ;'6° gehl lonsarreft ngl" Und auch noch im er mit « Fenster Eines Tages kam ihr Vater zu ihr. Er hatte ihren Aufenthaltsort er- ihren und tat nun so, als fei zwischen ihnen nie etwas vorgesallen. wahrend er sein mitgebrachtes Frühstück auspackte und zu essen begann, fjäfyltC Ct K:'1 WoittnPoii-on ftnnfi mnr hnlh nam .wriCGSQUS8 ruch we 'geschnürt r, ich sah Bielleicht Er kehrte sagte der il, ich war Die Hochzettskuh Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Mehner Copyright 1928 b y Georg Müller Verlag A.-G., München s Sie Io* sehen Sie, 5 Unüber' . Ich will einmal ein vor weder e keine so rr Haupt' ummheiien nein Baier :te tjinaua. chen hatte, monier be> chte wurde )ie äugen. eriefanglel 1, ich hat" rich aufge- mar es»» Ich W hatte, faß •rgegangen, j der CT der Ma"» wenn M iran nuM Papier K: eine ®el1* auch, ®a) hwand. m wie ei» Luge" jcht, ->b s°> »/sagte s nz k* xtniS ""ff '»*$5 !re S>< torben. Kaum aber hatte er sich auf seinem Hose weeoer emger.n)ier, uu iurbe er ausgehoben und ins Feld geschickt. Er fiel um die Weihnacht es ersten Kriegsjahres, als sein Regiment über ein Minenfeld stürmte, keine Verwandten, denen das Erbe zufiel, ließen Haus und fiof oer- kigern und Friedrich kaufte das Ganze. Plötzlich fiel der Name Hott, t»obei der Vater die Tochter von der Seite ansah. Hott war nur einige Wochen Soldat gewesen und hatte sich dann regen eines plötzlich auftretenden Herzfehlers empfohlen. Es war ihm plungen, sich einen Posten als Viehaufkäufer für das i)eer zu ver- lhaffen. Er schwimme im Geld, sagte wohlgefällig der Vater. Und er if(e das Geld arbeiten. Friedrichs Hof sei neu aufgebaut, das verdanke er diesem Gelde. Da es an Handwerkern gefehlt habe, sei Hott; zu den omtlichen Stellen gegangen und habe es durchgesetzt, daß Friedrich pnügend Arbeitskräfte bekam. Hott sei uberhaup jetzt ein kleiner Herr- rjtt in seiner Heimat. Alles komme zu ihm und lasse sich Gesuche schrei- len und er habe schon manchen, darunter Birges Bruder, vor dem Felde bewahrt. Uebrigens frage er oft nach Birge. Birge hatte die gekaufte Rede regungslos angehort Sie wußte jetzt, warum der Vater gekommen war. Run sah sie still aus dem Stein neben lern Ofen; sie hielt ihre Lider gesenkt und flocht die Hande um ihre £nie. Auch als der Vater sie nach langem Schweigen fragte ob Bertold il»r noch nicht geschrieben habe, er würde ihm gern etwas schicken, sandte fie nur ein leises „Rein!" gegen ihn. Dann kam die Tante herein. Sie hatte rotgeweinte Augen. Birge lachte sofort, es sei schlimme Post aus dem Felde gekommen Aber als sch die Frau nun schützend neben das Mädchen stellte, und ihr über den «alben Scheitel strich, während Friedrich lauernd zu den beiden hm ah, ia wußte Birge, daß es jetzt einen Kamps geben werde, um tze selbst. : Sie stand auf und küßte die Tante. Dann sagte sie fest zu ihrem Vater* „Weiht du jetzt, wer dir den Hof angezundet hat, oder soll ich es dir schüttelte Friedrich den Kopf, als fände er die Frage außerordentlich verwunderlich. Dann kniff er die Lider und Lippen zusammen wie eener der das Ergebnis aus einer langen Rechnung zieht, und sprach ■ ll"Sr».""nWrelS,l‘ll&ülüg. w., mi, b« M er steht doch wieder, mein kleines Kindchen! Das ist die Hauptsache. H nb baß bu keinen falschen verdacht hast ..' Er zog einen Bries aus der Tasche und «"b ihn Birge^ Es waren iie lebten teilen eines schwer verwundeten Soldaten aus irgend -mein sranzösischen Lazarett. Der Soldat bekannte vor seinem Tode, er labe den Hos angezündet, nicht aus elgenem Antrieb sondern ein Mann ien er nicht nennen dürfe, habe ihn mit Geld dazu angestlftet. Das E labe er nicht mehr verbrauchen können, weil der Krieg dazwischen tarn, er habe es a7f der Sparkasse sichergestellt, dazu seine ganze Lahnung /le?t Run da er sterbe Überweise er alles - es seien Über zweitausend Nark — dem Bauern Friedrich, den er um seine Verzeihung bitte. Cs folgte ein halb leserlicher Name. , . . .. r njlann Birge gab dem Vater den Brief zuruck und sprach hart., „Der -Wann, ter das geschrieben hat, ist von Hott angestiftet roorben- Maa lein" ivrach Friebrich, mbem er langsam auf.tanö. „ich wiU las oeraefien haben auch bu wirst nicht mehr daran denken, wenn du wieder bei mir auf dem Hofe bist. Ich brauche eine Frau für das neue Geständnis in die Arme _. , . Je besser es Bertold ging, desto fröhlicher wurde Birge. Sie konnte nicht glauben, daß nun noch ein Hindernis zwischen sie und Bertold treten könne. Und eines Tages erhielt sie einen eiligen Brief vom Vater mit der Mitteilung, Bertold fei bei ihm angelangt, er habe nach ihr gefragt und werde sie, da der Vater ihren Aufenthalt nicht mehr langer habe verhehlen können, morgen besuchen. Weiter habe er aber bei feiner Seligkeit nichts verraten. v . In dieser Nacht schlief Birge nicht. Sie hatte bas Haus rein gefegt vom Koben bis zum Keller. Sie hatte sich selbst schön gemacht und das blaue Seidenkleid bereit gelegt. Ihr Herz klopfte so heftig, daß sie sich oft auf die Lippen biß, um nicht laut zu rufen .. . Aber am nächsten Morgen war fte dennoch hell wach. Sie tat ihre Arbeit wie immer, nur der Hochzeitskuh, die demütig und etwas gealtert im Stalle stand, hängte sie einen frischen Kranz um die Hörner. Am Mittag zog sie ihr Seidenkleid an und trat vor die Tür. Der Himmel war rein. Wie ein Gewitter donnerte der Zug heran. Birge mußte sich am Zaun des Gartens, der voller Blumen stand, anhalten, als sie Bertold die Straße herabkommen sah. Er schien unverändert, nur bleicher und höher das Gesicht. Als er sie sah, blieb er stehen, als ob sie ein Bild sei. Sie hatte den Kopf aus den Arm geneigt und kämpfte mit den Tränen. Als er ihr dann die Hand gab, wandte sie sich ab und eilte wie eine Flamme in bas $aUDie gute Tante legte dem Ankömmling zu essen vor. Aber Bertolb erklärte er rühre keinen Bissen an, wenn Birge nicht komme. Da tröstete ihn bie Frau und erzählte ihm, wie sehr Birge an ihm hange Doch da kam sie selbst herein und fragte ihn tapfer und heiter, wie es lI,m , L f|e ,e,"bllrf) wie gebannt. Ihre Nüstern bebten Sie wollte Beitnlb nicht ansehen und drehte sich Immer schneller um sich selbst (vchiust folgt.) macht. Die Kleider waren von „Was irinffl du denn da?" fragte sie Bertold. „Süßen allen Wein", sprach er und gost ihr ein. wenig davon trinken, denn ich slirchte, du wirst lei, „Und wenn ich berauscht bin?" lachte sie. „Dann mürbe ft bu nur von selbst so viel Küsse geben, als bu Knöpfe Regenwolken stürzten um den Zug. BIrge und Bertold sasten warm nebenehmnb. r und «festen die Regentropfen an den Scheiben zerrinnen. So zogen fle in» Gasthaus und fragten nach Zimmern. Es war nur nocb ein einziges frei BIrge aber sträubte sich, im diese vom Schick, lat gestellte Falle zu gehen. Sie erklärte der Wirtin, die Bertold gut tunnk, sie wolle untre allen Umständen allein bleiben. Und wehrte sich iotanae bis die Wirtin sagte, heule abend kämen die Gebirgler zu ihr zum Tanz, da könne sich |a das Fräulein einen schöneren Burschen als Bertold zum Heimgehen heraussuchen, der Herr könne ihretwegen mit ihrer Tochter tanzen, auch mit ihr selbst, wenn er Lust habe. 'BIrge wurde, obwohl ihr die freie Sprache der Wirtin nicht recht munden wollte, doch kleinlaut. Sie schleppte seufzend, da Bertold kein Wort mehr verlor, ihren Rucksack die Treppen hinaus, verstaute ihn un er dem 'Bett und besaht dann Bertold mit Würde, in die Wirtsstube hin- unter zu gehen Diesen Beseht führte Bertold grostsourig aus. (Er bestellte sich unten eine Flasche süsten alten Weines. Es dämmerte schon, da sah er durch die Türe ein schönes Mädchen in reicher Tracht kommen. Er hatte sich kaum gewünscht, die Schöne möchte sich neben ihn setzen, da kam sie auch schon, gab Ihm die Hand und sprach; „Nur die Schuhe waren mir zu grast, ich habe bafür ein paar rotbraune samtene von der Magd anziehen müssen." ....... Es mar 'BIrge, die jetzt lächelnd vor Bertold stand. Sie hatte plötzlich Freundschasl mit der Wirtin geschlossen und sich für den Tanz schön ge- in deinem Mieder hast." „Ich dir?" „Das werden wir sehen " „Aber du, wirst du denn auch meine Knöpfe noch zählen können." „Wenn mir keiner davonspringt." „Das wirst du nicht erleben." „Gilt das Knöpsezählen?" schlost Bertold. „Nur wenn ich berauscht bin," sagte BIrge. Sie senkten Wein und Augen gegeneinanber. In ’Blrges Augen lachte es, als sie trank, aber Bertold hasste die Wette dach fo zu gewinnen, dast er küssen könne, (o viel er wolle. Aus dem Gnmnaslurn hatte er sich einmal mit verschiedenen Freunden verschmoren, die Küsse zu zählen, die ihre Mädchen aushalten könnten, und es halte sich damals ergeben, dast er am wirkungsvollsten küssen konnte, sein Mädchen war schon beim fünf» len Kust halb ohnmächtig gewesen. Wenn demnach 'BIrge auch fünf Knöpfe hattet Aber fle hatte ja mehrt (Er schenkte ihr tapfer ein, sie wurde aber nur Immer übermütiger. Es wäre Ihm lieber gewesen, sie märe ein wenig schwermütig geworden. Sie nannte ihn schließlich nur noch Knovszähler, er sprach sie In einem sörm- Hißen Prozeß weinselig Aber wie oft er sie auch mit starken Augen ansah, er drang nie auf den Grund Ihrer Seele. Da merkte er, dast fle Ihm gewachsen war. Aber da war sie Ihm auch schon entschlüpst In den Saal jenseits beo Flures, aus bem Ländlerklänge erschollen. Er ging nach einer Welle ebenfalls In ben Tanzsaat und sah BIrge Er trank aus, eilte In den Saal, nahm die Zweitschönste und wirbelte sie Im Tanz. Durch den taumelnden Schleier fiel ein Augenblitz Birges auf ihn Aber er tanzte noch fort, als die Musik schon ausgespielt hatte, und lud endlirh seine Tänzerin an dem Tische ab, wo die Schönste noch säst und aus ihn wartete. Schönste und Zweitschönste sahen sich zuerst misttraulsch an. Als ihnen aber Bertold icherzend von der Allerschönsten erzählte, die Ihn heute abend treulos verlassen habe, da mürben beide gemeinsam eifersüchtig auf 'BIrge unh gemeinsam verliebt In Bertold In holder Pein stiesten fle mit ihm an. Dann sastte er sie unter und ging mit Ihnen durch den Saal. BIrge saß mit ihrem ersten Tänzer In einer Ecke denn Wein. Ihr goldgesticktes Mieder blitzte, die roten Bänder leuchteten über ihre Hüsten herab, ihr armer Bursche aber lächelte hilflos mit roten Ohren; er schien nüßt viel Glück bei Ihr zu sInden, ihn sich aber Irgendwie zu betätigen, Hieß er iifler mit Ihr an, als Ihr (leb fein mochte, denn sie mußte ihm jedesmal, wenn auch kleinen Bescheid tun. ®r war ihr so lange anhänglich, bis cs BIrge zu bunt war. Sie maßlte jetzt selbst einen Burschen nach dem andern, mußte mit jedem wenigstens einen Schluck trinken und wurde davon so wild, daß sie jeden Täiuer matt tanzte. «uiß Bertold tat das Seine. Mell aber kein Mädchen dauernde Gnade 'ei ihm sand, sah er sich schliestUch allein, beim mit keiner wollte er imelmal tanzen Walzer. Don Novalis. Hinunter bie Psabe bes Lebens gedreht, Pausiert nicht, ich bitt’ euch, solang es noch geht. Drückt sester die Mädchen ans klapsende Herz, Ihr wißt, wie flüchtig ist Jugend und Scherz. Laßt fern von uns Zanken und Eifersucht sein Und nimmer die Stunden mit Grillen entweihn. Dem Schutzgeist der Liebe nur gläubig vertraut, Es finbet noch jeber gewiß eine Braut. Oer Zauberkünstler. Eine Geschichte von Frank F. Broun. Der Stationsvorsteher auf bem Brüsseler Norbbahnhos gab schon bas Abfahrtszeichen, als Jens Jensen aus den Bahnsteig gestürzt kam. Em Schassner riß ihm buchstäblich im letzten Augenblick eine Abteilungstür auf, und Jens Jensen stolperte in den Wagen. Er betastete sich; herznahe knisterte bie Briestasche; rechts bje Zigarren; in ber Hand die kleine Reisetasche; ber Spazierstock. Er atmete aus unb roanbte sich in ben Wang, schritt an den Abteilen entlang und stellte befriedigt sest, daß dieser frühe Schnellzug nach Köln nicht sehr stark besetzt sei. Er wählte das Abteil gleich hinter dem Speisewagen, In dem ein belgischer Leutnant allein faß. Er grüßte und nahm Platz. Der Leutnant betrachtete ben neuen Mann, bann mußte er gähnen. Jens Jensen lächelte stärker. „(Eilt verslucht srüher Zug", sagte er. Der Leutnant nickte. „Ich muß heute abend in Köln austreten", fuhr Jens Jensen fort, „in einem Barietä, wenn es Sie interessiert; für mich gab es keine andere Möglichkeit". „Glauben Sie, Ich reise zu meinem Ber- gnügen zu solcher Zelt? Ich muß morgen srüh in Warschau fein." Sie blieben allein. Sie langweilten sich. Es gab noch keine Morgenzeltungen. Die Langeweile wuchs sich zur Beklemmung aus. Jens Jensen entschloß sich; er erzählte Anekdoten und warb um 'Beifall. Der Leutnant taute sachte auf. Diefer Zivilist schien ihm nicht dumm; vielleicht ein gutbezahlter, gesuchter Künstler? Man erfuhr nicht viel aus dieser anderen Welt. Er gab sein Lächeln bei, erzählte selbst. Kurz hinter Lüttich mußten sie voneinander Namen und Berus. Der Leutnant staunte. „Zauberkünstler", sagte er, „ich korrigiere eine vorgefaßte Meinung, ich hatte diese Leute nie für voll genommen" Jens Jensen nickte gutmütig. „Es Ist viel Anhub in unserem wie in jedem Berus", sagte er. „Zaubern Sic einmal", meinte der Leutnant lachend, „zaubern Sie mir Ihre Briestasche unter meinen Wassenrock ober machen Sic, baß statt bes Säbels Ihr Svazlerstvck an meiner Seite hängt." „Das kann ich nicht , geftanb Jens Jensen. „Zaubern ist bekanntlich nicht Hexerei, sonbern Fingerfertigkeit. Aber wenn Sie ben umgekehrten Beweis fordern: stecken Sie meine Brieftasche ein, — ober nein, bie benötige ich in Herbestahl bei ber Kontrolle, — stecken Sie meine Zigarrentasche ein, nehmen Sie, ja; tun Sic sie unter den Wassenrock, knöpfen Sic zu. So. Bor Köln will ich sie vor Ihren Augen aus meiner eigenen Brusttasche holen und Ihnen aufweisen." Der Leutnant strich ben nebelgrauen Rock glatt und schloß die letzten Knöpfe. „Das dürste unmöglich sein", sagte er, „fünf Knöpfe tnüffen Sie öffnen, um bis in die Innentasche zu gelangen. Unb bas fotzte ich nicht merken?" „Sie merken nichts", versicherte Jens Jensen; bann erzählte er eine verblüffenbe Geschichte von einer Dame, ber er bie Ohrringe auf ber Bühne ausgehakt hatte und die .. Aber er kam nicht zu Ende. Der Zug fuhr langsam unb hielt halb ganz. Die Grenze war erreicht. Jens Jensen nahm seine Handtasche. „Ich muß hinüber zur Paß- unb Zollkontrolle. Sie bürfen als Militär sitzen bleiben. Glücklicher." Der Leutnant sah ihm lächelnb nach. Er beugte sich tzum Fenster hinaus, betrachtete die Mcnschenschlange vor ben Amtsgebäuden, sah auch bie Bamtcn kommen, bie ben Zug rcuibierten. Sie grüßten, betrachteten kurz bas Abteil unb ber Führer sagte: „Gepäck, Herr Leutnant?" „Reift separat." Der Grenzossizicr sah in ben Pas, unb salutierte. „Gesandtschaft , sagte er unb ging mit den Zöllnern hinaus. Da plötzlich kam dem Leutnant die Idee, diesem Zauberkünstler einen kleinen Streich zu spielen. Er griff in bie Brusttafche, entnahm dem Zigarrenetui das Ihm anver- (raut war, eine Zigarre unb ziinbete fle hastig an. In bas leere Fach, neben die vier anderen Zigarren legte er ein Zettelchen, was sollte er daraus schreiben, irgendeinen Scherz. Wir zaubern selbst, schrieb er. Dann brachte er das Etui wieder In ber Brufttasche unter. Jens Jensen tarn zurück. Er schien ein bißchen mitgenommen. Schweiß stand ihm auf der Stirn Er fehle seine Handtasche in das Gepäcknetz, tastete über (einen Spazierstock, ber da lag und nahm Platz. Menschen Hefen brausten am Zug entlang. Beamte riefen sich abgerissene Worte zu; Polizisten ftanben bereit. „Dav bauert Ja ewig", oerzwetselte Jens Jensen, „ist benn etwas geschehen?" „Was soll denn geschehen sein? Beamte find niemals Zauberkünstler. „Ja, das find nette Sprüche", sagte Jens Jensen unb saß horchenb, horchte nach innen mit verkniffenen Auacn. Endlich fuhr der Zug an. Die Räder knirschten, ein Pslfs gellte auf. Jens Jensen atmete auf und sand ein Lächeln. „Ich reife nun schon so viele Jahre, aber immer bin ich bei Grcnzilbcrschreitungcn nervös. Die Zollbeamten vermuten hinter mellten kleinen Scherzapparaten jedesmal Höllenmaschinen." Der Leutnant blies Ihm den Ranch der Zigarre mitten Ins Gesicht Sic schmeckte Ihm nicht, er beschloß, sie wcgzulegen, aber er sagte erst noch: „Vergessen Sie Ihre Zigarren nicht bei mir." Sein Lachen, harmloser Spott, mochte Jens Jensen stutzig. Er sah dem Leutnant aus den Mund. Diese Zigarre, sehr dunkel, mit der Leibbinde ..., seine Gedanken überschlugen sich; er erschrak zutiefst. An der Leibbinde erkannte er seine Zigarre. Er starrte zu Boden. Ihm war heiß geworden, wahrhaftig sehr Heist. „(Jicftaltcn Sie einen Augenblick", bat er unb öffnete bas Fenster. Der Zug suhr wohl gerade eine Kurve, Jens Jensen jedenfalls verlor die 'Balance und stolperte. Er wollte sich noch sesthalten, aber er griff ’ schon dl! I tam. 6m leilungstük .Ui h°rj> 1 die tleint uh in bei t lest, bai Er wühlt, ’t Leutnant er gähne», !te er. Der suhr Jen; r mich g«d einem Ben i (ein." ie Morgen, ens Jen(en Der Lend t; vielleicht aus biefer nier Lüttich nt staunte, leinung, ich e gutmütig, ’t rmbern 61t i Sie, baj bekanntlich tmgekehrtei ■ nein, bit eine Wrack, fnöpfen ner eigene« i die letzte« müssen Sie Ite ich nicht l»e er eine ge aus bet e. Der Zag Jens Jen- et Ml L Hilf W •A 51-1*6 * «lt. Ä M neMg )06 Ve> 'S1»«1 US, betrach- jie Batnle« n kurz d°- ist (eparai hast". M Leutnlm spielen, w ihm onver leere W xs: $rs ;Ä? I ja ewifl- Oie Philosophen. Eine Bubengeschichte von Per Schwänzen. Es war noch vor dem Weltkrieg, als die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der männlichen Jugend oes Auemertels und des Stadtteils Wehlheiden zu Kassel unter meiner gutrgen Mltwr^una statt- fanden. Unsere Truppe des Aueviertel umfaßte dle 'narinlrche Jugend zwischen zehn und vierzehn Jahren von der Wittichstraßej bis zum Philosophenweg und wurde der Einfachheit halber kurz „die ^l,o,op*’e" genannt. Auf einem freien Platze an der Aue, aus dem noch der Bauschutt eines abgerissenen Häuschens lag, bauten wir unsere Burg, eine meterhohe Ringmauer und Schießscharten, mit Brettern, Tee p pp Lehm gedeckt. Hier hockten wir, falls wir nicht gerade unter unserer blauweihen Fahne und der Führung Wilhelm Luschkes kämpften, rauchstand auf, einen geschliffenen weißen Stein, wie er als Einsteiner in Ringen denkbar war. „Was ist das?" rief er verdutzt. Der Stein war heiß, er mußte ihn auf das Polster legen. Jens Jensen griff fofort danach. „Ja", meinte er langsam, „das kommt davon", und er fand sein erstes Lächeln wieder. „Sie wollten einen Spaß machen, aber Sie vergaßen, Herr Leutnant, daß Sie mit einem Zauberkünstler reisten. Die Zigarren sind präpariert. Ich muß Ihnen einen Barietetrick verraten. Die fünf Zigarren enthalten je einen Edelstein, einen Glasstein, meine ich natürlich, die lasse ich auf der Bühne verschwinden." „Und in den Zigarren tauchen dann die Edelsteine wieder auf??" Jens Jensen nickte. Der Leutnant knüpfte feinen Rock aus ut^b reichte die Zigarrentasche zurück. „Hier", sagte er, „nehmen Sie sie wieder, womoglrch zerdrücke rch Die Dinger noch, und das wäre ein Verlust für Sie." „Danke", sagte Jens Jensen. Er belächelte den Zettel und steckte an seine Stelle den Glasstein, der ans Licht gekommen war. Sie fuhren, fuhren... Jens Jensen erzählte wieder Theaterwitze. „Haben Sie noch mehr solche Scherzartikel?" fragte der Belgier. Sie rauchten jetzt wieder beide, aber andere, des Leutnants Zigarren. Scherze wie die Zigarren", Jens Jensen stand am Fenster. „Köln", sagte er, endlich Köln." Er drehte sich um, sah den Leutnant an und muhte lachen. Er hatte das Gefühl, wirklich auf einer Bühne zu stehen. Der Zug fuhr schon langsamer, da griff er in das Gepäcknetz, nahm seinen Stock und schraubte den Handgriff ab. „Dies ist noch so eine präparierte Angelegenheit, Sie reisten mit einem erstklassigen Künstler, Herr Leutnant." Und während der Zug in die Bahnhofshalle ernfuhr, zog er aus dem hohlen Stock eine lange Perlenkette, lieh sie eine Sekunde im Licht blitzen und versenkte sie wieder. „Natürlich auch unecht , sagte er, schraubte die Krücke wieder fest und schloh heiter: „Ein Bluff dies alles, Sie begreifen, Herr Leutnant, man muh auf die Naivität der Menschen spekulieren." Der Leutnant lachte, Jens Jensen bot ihm die Hand. „Gute Reise." „Danke, viel Glück." „Das soll ein Wort fein , sagte Jens Jensen und stieg aus. Er tauchte unter im Gewühl der Leute, war augenblicks verschwunden. Der Leutnant blieb im Wagen. Er hatte noch eine lange Fahrt vor sich Er kaufte sich alle erreichbaren Journale, endlich nun auch die Morgenzeitungen. Fette Schlagzeilen leuchteten ihm entgegen. „Juwelendiebstahl in Brüssel. Ungefaßte Steine im Werte von 100 000 Mark ge= stöhlen! Eine Spur führt zum Brüsfeler Nordbahnhos. Wahrscheinlich versuchen die Täter nach Deutschland zu entkommen. . Der Leutnant saß zurückgelehnt. Ein Vorhang ging hoch^ Variete Ein Zauberkünstler trat aus. Der Leutnant hatte das Gefühl, die Hand heben zu sollen und zu applaudieren. Aber dann erhob er sich mit einem Ruck, trat an das offene Fenster und winkte dem Stationsvorsteher. Herr, wollte er sagen, dieser Juwelendieb, den man sticht, fuhr bis hier mit mir im Abteil, er hat mir die Steine und die Perlen gezeigt. Mit meinen Augen sah ich das alles. — Aber er sagte das nicht, er (chami? sich wohl der Rolle, die er hatte spielen müssen; fern gekranktes Selbstgefühl verlangte Schweigen. Als der Stationsvorsteher vor ihm stand, tat er eine Frage nach einem Zuganschluß, die ihm gern b^mtwortet wurde. Diesen Zauberkünstler zu verraten, schien ihm schmählich. Der Mann Hal mich mit beispielloser Kühnheit übertölpelt. Seme Brillanten waren gut versteckt, aber er wollte ganz sicher gehen und gab sie mir, unterm Waffenrock brachte ich sie ihm sicher durch alle Zoll- und Polizei- kontrollen. Dazu half ihm der Schwindel, er sei Zauberkünstler, dazu half ihm meine Erwartung auf das Zauberkunststuck. Als der Zufall den einen Stein ans Tageslicht brachte, als die Entdeckung an einem Se,den- faden hing, — denn ich war doch stutzig geworden, gewiß! — rettete ihn die plausible Lüge, daß es sich um vorbereitete Zigarren für eine Vorführungen handle. — Aber welch ungeheuerliche Frechheit, mir zuletzt noch die Perlenkette zu zeigen! Wie sicher muß ?r gewesen fein, daß ich ihm alles glaubte. Bin ich so naiv? Oder war dieser Mensch wirklicher Künstler in seinem Fach. In feinem Fach ... , . - Der Leutnant stand noch am Fenster, als der Zug schon anfuhr. Er sah den Bahnsteig langsam zurückfallen. Der Mann mit ber roten Mütze wurde klein und unwefentlich. Aber noch leuchtete Weüibrand- reklame an der Außenseite der Halle. Em Mann war da aufgemalt, führte ein Likörglas zum Munde und lächelte. Dem Leutnant war, als erkenne er dieses Lächeln, als kenne er auch den Mann "verdammter Kerl", sagte er im Durcheinander der Empfindungen Aber dann zogen sich langsam feine Mundwinkel hoch. Er lächelte zuruck, bis em Häuserblock sich vor das Bild schob und es verdeckte. fen Zigaretten und tafelten. Die Atzung bestand immer aus sauren Gurken und Himbeerwasser. Es standen zwei Eimer in der Burg, und alle hatten dafür Sorge zu tragen, daß der eine stets mit Himbeerwasser, der andere mit sauren Gurken gefüllt war. Unser Pioviantchef war Hermann Ecke, der im Felde weniger tauglich, aber sonst ein sehr interessanter Mann war. Er besaß eine alte Hündin Lotte, die wir trotz ihrer schon ergrauenden Schnauze als Kriegshund gegen die Wehl- heider abrichteten. In der kriegerischen Rangordnung hatte ich als Adjutant von Wilhelm Lujchke die zweite Stelle inne. Soweit war unsere Ueberlegenijeit über die Wehlheider in zahllosen Treffen erhärtet. Da aber kam die Dummschnute. „Die Dummschnute' war ein neuer Junge. Er war zwei Jahre älter als unsere reifsten Krieger. Er war mit seinen Eltern aus Hann.-Münden zugezogen, er- Sien eines Tages vor unserer Burg und begehrte in ziemlich groben orten Einlaß. Wir beratschlagten, ob wir Lotte auf ihn Hetzen oder ihm einen Gegner stellen sollten. Schließlich ging Wilhelm Luschke — und wurde verprügelt. Der Fremde knallte ihm noch eine richtige rein, dann stand er auf, ging wortlos. Wilhelm Lujchke mußte sich zum ersten Male einem Mehrheitsbeschluß beugen. Wir brauchten diesen Mann, schon damit ihn die Wehlheider nicht kriegten. Tags darauf sah der Fremde bei uns, trank Saft, aß Gurken und quatschte Wir sanden ihn ziemlich blöd und schwiegen betreten. Er aber grinste und sagte, wir sollten ihn „Dummschnute" nennen, so habe er schon in Hann.-Munden geheißen. Die „Dummschnute" riß die Führung an sich. Ich haßte ihn. Da nahm der Geschichtslehrer mit uns die Geschichte der Spartaner und Athener durch. Die Spartaner waren nur ein rauhes Kriegervolk, die Athener dagegen wußten heldische und künstlerische Gesinnung $u vereinen, sie waren Soldaten und Philosophen. Wir erkannten uns in den Athenern wieder. Ich sammelte als Haupt der hochgeistigen Verschwörung meine zuverlässigen Freunde um mich. Und sie waren zu allem entschlossen, als ich in der Burg das Wort ergriff und eine Rede redete, wir wir Philosophen im Gegensatz zu den lächerlichen Wehlheidern, die den Spartanern an Blödheit nicht nachständen, uns mehr mit den Idealen beschäftigen müßten. Ohne die Musen könnte, wie Lehrer Watermeier richtig erklärte, auf die Dauer kein Staatswesen bestehen. Und überhaupt müßten wir einen Areopag wie die Athener wählen. Das sei nämlich der Rat der Aeltesten — fügte ich, zu der Dummschnute gewandt, bei — der Besten des Stammes, und vorn eigenen Worte geschwellt, schlug ich vor, Wilhelm Luschke wieder in seine alten Rechte einzusetzen und einen Aropag der vier stärksten und gewieftesten Philosophen zu wählen. Beifall der Verschworenen, stumme Pause, allgemeiner Beifall — die Dummschnute war gestürzt. Er stieß den Eimer mit den sauren Gurken um und ging ohne Gruß. Natürlich ließ er sich sofort bei den Wehlheiedern anwerben. Ich saß im Areopag. Luschke und ich regierten. Die drei weiteren Ratsmitglieder, Walter Pabst, Gottftied Trampeda und Henner Schminke folgten blind. Ich beschwor planmäßig eine kulturelle Blütezeit unserer Truppe heraus. Es wurde eine Vereinszeitung gegründet, die >n der Burg handschriftlich vervielfältigt wurde Kunst, Dichtung, Spart, Militärisches. Henner Schminke war als militärischer Erneuerer unserer Truppe ein williges Werkzeug meiner attischen Phantasie. Peltasten hießen die attischen Leichtbewaffneten, die vor dem Angriff ber Hopliten, der Schwerbewaffneten, den Feind in losen Schwärmen angriffen und feine Reihen verwirrten. Im Gegensatz zu den Hopliten, die mit Knüppeln und massiven Holzschildern ausgerüstet waren, bewaffneten wir die Peltasten mit Turnschuhen, Zwillen und leichten Rohrstocken. Ich führte den rechten Flügel. Henner Schminke leitete die Ausbildung tm Schießen mit der Zwille, einer Steinschleuder aus Astgabel und Gummischnuren, und ich trainierte die Spezialtruppe im Laufen, Springen und Rohr- stockfechten. Großes Gewicht legte ich auf rasches Ueberflettern von Zäunen. Der Erfolg unserer Jnstruktionsarbeit war überwältigend. Bei einem Manöver vor der Burg führten Schminke und ich dem Generalissimus unsere Truppe vor. Während die Hopliten sich gegen den Gefchotz- hagel der Zwillen mit ihren Schilden noch einigermaßen deckten, ließen sie bei der Rohrstockattacke unter lautem Wehgeschrei ihre schweren Waffen ^Slber auch ine anderen waren nicht untätig. Es ereilte uns die Nachricht daß Wehlheiden fieberhaft aufrüste. Die Dummschnute hatte die Ausbildung der gegnerischen Truppen übernommen. Schorsch, ein Schrei- nerssohn aus der neutralen Karlstraße, hatte einen größeren Auftrag an Latten erhalten. Einer unserer Leute hatte das Waffenlager der Wehlheider auf einem Hinterhof ausgekundfchaftet. Die Wehlheider benagelten mannshohe Schilde mit Blech, und somit war die starke Nachfrage nach leeren Konservenbüchfen restlos geklärt Vorläufig kam es zu einem Vorpoftengefecht auf dem schwarzen Berg, bei dem ein Briefträger durch ein verirrtes (3efd)of3 eine ^opfbeule bovontrug. Äber olles brängte gewaltsam zur offenen Feldfchlacht. Sic sand in der Aue statt. Der taktische Sieg unserer Waffen war vollkommen. Wir waren beiberfeits an die fünfzig bis sechzig Mann stark. Unsere Schwerbewaffneten waren bereits handgemein geworden, als unsere Spezialtruppe aus dem Hinterhalt vorstürmte, seitlich in die feindlichen Reihen em- brach und sausende Hiebe austeilte. Die Wehlheider mit ihren langen Holzlatten und plumpen Schilden waren saft wehrlos. Die Truppe floh in regelloser Unordnung, und es gelang uns, die Dummschnute gefangen SU nehmen Er wurde wegen Hochverrats zur Lieferung von dreißig sauren Gurken verurteilt. Unser Sieg war somit überwältigend. Und wie so oft erschütterte er die sittliche Grundlage unseres Staatsgefuges, die .Hybris" ergriff uns. Nachdem sich die Ueberlegenheit der attischen über" die dorische Kriegskunst wieder einmal erwiesen hatte, wurde der Areopag von einem kulturellen Fieber ergriffen, und ich bekenne mich heute schuldig, der Spaltpilz des jetzt einsetzenden Verfalls gewesen zu sein Ich schlug vor, der allgemeinen militärischen Ausbildung eine geistige anzugliedern. Jeder Junge hatte ein selbstverfaßtes Gedicht bei- sufteuern, das von einer Jury geprüft wurde, ob es Aufnahme in unserer Zeitung finden könne. Wer dreimal ein untaugliches Gedicht einlieferte, könne aus der Truppe ausgeschlossen werden, es fei denn, daß feine sportlichen Leistungen nach der alsbald aufzustellenden Tabelle ins Leere, oder sand keinen Halt; denn die Zigarre, die er dem Leutnant aus ber Hand schlug, hielt ihn nicht. Er fiel in die Polster. „Verzeihen Sie", sagte er sofort und bückte sich, die Zigarre aufzuheben, aber ber Leutnant kam ihm zuvor. „Schabe", jagte er unb lachte, er hielt bie beschmutzte Zigarre in der Hand, drehte sie rechts und links herum und war im Begriff, sie in den Aschenbecher zu legen — da geschah es. Die glühende Spitze verkrümelte sich etwas plötzlich und etwas Rundes, Helles fiel zu Boden. Jens Jenfen faß erstarrt. Der Offizier bückte sich unb hob ben Gegen- gefd;liffenen weißen Stein, wie er als Einsteiner in mar. „Was ist bas?" rief er verbüßt. Der Stein war ftefonbers aut seien. Ich lieferte gleich drei Gedichte ein, die ich schon auf Lager hatte und nahm sie mit Zustimmung der übrigen on-DenAreo- vaasmitaliedern brachte ich am Himbeereimer das Dichten bei, und auch be® General kam mit ein paar holprigen Versen über, die angesichts seiner kriegerischen Verdienste für gut befunden wurden. Aber die anderen ließen^sich lange mahnen. Endlich erschien Walter Pabst mit einem Das Burgfräulein von Windeck. Halt an den schnaubenden Rappen, verblendeter Rittersmann! Der Areopag lehnte es ab Wir rauchten Zigaretten und zogen die Lippen schon beim Verlesen des Titels kritisch hinab. Auch Hermann Ecke ^"Äuch'gritz Dörtenbier fiel ab mit seinem „Begräbnis einer alten Bettlerin" Die Zurückqewiesenen murrten und behaupteten, wir dichteten auch nicht besser Es war ein Riß in unsere Gemeinschaft gekommen. Der Areopag verherrlichte seine eigenen Werke, setzte sportliche Traimngs- tage an, und vor allem die Hebungen, in denen wir Aeltesten gut waren, rote Weitsprung und Hundertmeterläufen. Und eines Tages erklärte Walter Pabst leinen Austritt: Wir wären alle ganz mords- mäßige Dummköpfe. Denn — hiermit lüftete er em dem Areopag verborgenes, in der Truppe aber öffentliches Geheimnis — die Gedichte, die er und viele andere eingereicht hatten, feien nicht von ihnen, sondern von Chamisso, Rückert, Lenau und anderen Dichtern. Und wir hatten sie abgelehnt. Und mehr sage er überhaupt nicht. Und wer noch mit ihm gehe. Es gingen leider sehr viele. Unser kultureller Hochmut brach zusammen, und unsere numerische und moralische Stärke gegenüber Wehlheiden war dahin. Die Dummschnute warb gegen ein Handgeld von zehn Dauerlutschern unsere stellungslosen Landsknechte an. Rur ein kleinlautes Häufchen Philosophen hockte in Erwartung böser Kriegsläufte in der Burg und sann einem alten Problem nach. Wie es nämlich einem hoffärtigen Areopag ergehen kann in dem die alten Männer nach ihrem eigenen Kopf regieren wollen. Von dem, was darauf geschah, dem Angriff und Sieg Wehlheidens unter der Dummschnute, will ich lieber nichts erzählen, denn mir bricht noch heute das Herz bei der Erinnerung an eine so vollkommene Niederlage... Deutsche und Engländer. Von Botschaftsrat a. D. Harold Nicol sock. Ich bin seit Jahren in das Problem englisch-deutschen gegenseitigen Verstehens — oder sollte ich sagen Mihverstehens? — interessiert gewesen und habe eine eingehende und vielseitige Erfahrung darüber gesammelt, wie sehr wir imstande sind, einander völlig falsch aufzusassen. Die Samenkörner einer englisch-deutschen Freundschaft sind mit verschwenderischer Hand ausgeftreut worden, von Cecil Rhodes unter anderen. Doch sind viele dieser Samenkörner in die Sümpfe der Mesensfremdheit gefallen. In England insbesondere erstrecken sich die Sümpfe über viele Mellen. Ich möchte gerne das Wesen dieser unfruchtbaren und morastigen Strecken feststellen und darauf hindeuten, daß sich zwischen diesen öden Strecken Zonen oder Gürtel des reichsten Fruchtlebens erstrecken. Der Same verlangt danach aufzugehen-, der Boden sehnt sich nach Ertrag: das einzige, was nottut, ist zu vermeiden, daß die Aussaat auf die falschen Stellen falle Ich kann die Frage nur streifen, da ich nur gewisse Gesichtspunkte Vorschlägen möchte, von denen aus meine Leser dann das Problem von sich aus betrachten können Ich mache Anspruch darauf, daß ich nicht völlig unzuständig bin, diese Gesichtspunkte vorzuschlagen. Nachdem ich mehrere Jahre lang in verschiedenen Tellen Deutschlands gelebt habe, kann ich mir zugute halten, daß meine Beurteilung des deutschen Charakters nicht völlig ununterrichtet und jedenfalls nicht unfreundlich ist. Meine Absicht ist, das Einvernehmen zu stärken. Der hauptsächliche Grund, warum der Engländer und der Deutsche sich so leicht mißverstehen, ist der, daß sie sich so leicht verstehen. Wir sind einander so gleich, wir sind einander so ungleich. Unsere Aehnlichkeiten erscheinen so häufig und so bestätigend, daß unsere Unähnlichkeiten eine Art enttäuschter Ueberraschung wachrusen. Zuerst einmal sind wir beide Arier und nordische Menschen. Wir können, nicht selten, äußerlich einander gleich aussehen. Ein Deutscher, der drei Jahre in Oxford war, kann sich ganz so anziehen wie ein Engländer, der ein Jahr in Oxford gelebt hat. Ein Engländer, der ein paar Jahre in Deutschland gelebt hat. neigt dazu, deutsche Sitten, Ernährungsweise und Leben allgemein sich ganz angemessen und natürlich zu finden. Unsere Einstellung wiederum zu der Frage persönlicher Sauberkeit ist ebenfalls die gleiche. Wir beide waschen uns häufig und gründlich, aber weder mit der klinischen Uebertriebenheit des Amerikaners nach mit der fröhlichen Oberflächlichkeit der lateinischen Rassen. Noch ist das nicht alles. Die Deutschen und die Engländer sind beide männliche Rassen im Gegensatz zu den femininen Rassen auf dem Kontinent und im fernen Osten. Beiden Ländern lag als oberster Erziehungsgrundsatz die Idee zugrunde, daß Männlichkeit die höchste Tugend sei, deren der Menicb fähig ist. Dieses Band ist in der Tat recht stark. Viele Anzeichen der Angleichung können ferner zwischen den sanfteren Seiten unserer Natur gefunden werden. Wir sind beide empfindsam. Wahr ift. daß die deutsche Empfindsamkeit, da sie eher „musikalisch" als . literarisch" ist, gemeinhin durch eine mystische Bewegkraft ausgelöst wird während britische Empfindsamkeit fähig ist, sich an die törichsten Symbole zu klammern und daran kleben zu bleiben. Im besten Falle sublimi.-rt ihr eure Empfindsamkeit, während wir die unsere unterdrücken. Als ein Gegenmittel gegen diese krankhafte Empfindsamkeit besitzen mir beide diele nützliche Arzenei. die als „Sinn für Humor" bekannt ist. Vielleicht der hoffnungsvollste Faktor in unseren Charakteren — und ich me(ne hoffnungsvoll für bte|enlgen, welche ein besseres Verständnis Aschen den zwei Völkern herbeisehnen - ist die Aehnlichkeit unteres Sinns für Humor. Ihr findet Zeichnungen von Baternan komisch, und wir finden Wilhelm Busch komisch. Es mag sein, daß ihr den „Punch nicht sehr witzig findet; aber das tun auch wir nicht Er ist eine natto« nale Einrichtung und wenn wir auch bei allen unseren nationalen Einrichtungen lächeln, so lachen wir doch nie darüber. Ja, man darf fagen, daß die Deutschen und die Engländer beide über die gleichen Dinge und auf die gleiche Weise lachen. Und doch gibt es einen großen Unterschied. Denn während der Engländer sich selbst für sehr komisch und seltsam hält, hält sich der Deutsche selbst weder für seltsam noch komisch. Ein Deutscher findet es würdelos, allzuoffen über sich selbst zu lachen. Das tut mir leid, denn wenn sich die Deutschen gestatten würden, über sich selbst zu lachen, so wie die Engländer ihre eigene Albernheit genießen, so könnte ein weiteres Glied der Gemeinsamkeit geschmiedet werden. , ,. t , Unsere Einstellung zur Natur ist, wenn auch nicht die gleiche, so doch im Vergleich zu den lateinischen Rassen eine ähnliche. Zweifellos treten wir an solche Probleme wie Religion, Familie, Freundschaft, sogar Sport von demselben Gesichtspunkt aus heran, wenn auch die Entwicklung, die wir diesem Herantreten geben, oft weit voneinander ab« schweift Und endlich besitzen unsere beiden Sprachen, wie ungleich immer sie an der Oberfläche scheinen mögen, eine grundsätzliche Uebereinfttm« mung Shakespeare auf deutsch ist weit mehr Shakespeare als er es auf ^Jch^chaube, daß der grundlegende Unterschied zwischen den Deutschen und den Engländern auf dem Gebiete des Selbstgefühls zu suchen ist. Der durchschnittliche Deutsche war zum mindesten bisher keine selbst- sichere Persönlichkeit; der durchschnittliche Engländer ist selbstsicher. Ich bin überzeugt, daß die Hauptursache für den Mangel an Selbstsicherheit beim einzelnen Deutschen eine historische Ursache ist. Es kann nicht bezweifelt werden, daß viel von der behäbigen Selbstsicherheit des Engländers von der Tatsache berührt, daß er sich seit undenklicher Zeit der insularen Sicherheit seiner Lage erfreute, während sich der Deutsche seit undenklicher Zeit einer Grenze bewußt war, die nicht naturgezeichnet und offen war. _ „, Eines der Dinge, das einem Engländer am meisten am Deutschen ausfällt, ist sein Mißtrauen. Wenn der Deutsche einem Menschen zu trauen wünscht, so schafft er eine Legende von einem Manne, der ihm so unähnlich ist wie möglich. Der Engländer andererseits ift vollkommen bereit, feinen Landsleuten zu trauen, vorausgesetzt, daß sie nicht den Durchschnitt überragen. Sollten sie irgendeine ungewöhnliche Unternehmungslust an den Tag legen, so werden sie sofort verdächtigt. Ferner ift der Deutsche, wie der Amerikaner, geneigt, die Dinge nach ihrem quantitativen Verhältnis zu anderen Dingen zu beurteilen. Er neigt dazu, sich beispielsweise zu erkundigen, ob ein gewisser Bahnhof , größer" ober „moderner" sei als ein anderer. Der Engländer hat nichts mit solchen vergleichenden Maßstäben zu tun. Er weiß zum Beispiel, daß der Clearing Cross-Bahnhof weniger wirkungsvoll ift als der Bahnhof von Frankfurt am Main ober bet Bahnhof in Sincinati, Ohio. Der Deutsche besitzt nichts von bieser auf bas eigene Ich gerichteten Gleichgültigkeit gegenüber ber Wirkung, bie er ober zu ihm gehörige Dinge Hervorrufen. Eben weil er fo empfinbfam ift betreffs ber Wirkung, ift er so empfinblid), fo leicht verletzt. Die Deutschen unb die Amerikaner finb vielleicht bie empfindlichsten Menschen auf ber Welt. Der Dünkel bes Englänbers ift fo rückfällig, baß ihn nur ein Platin- geschoß je burchbringen könnte. Aber jeher Deutsche hat zwei ober sogar brei psychologische Häute zu wenig. Aber ich habe genug von ben Sonberheiien bes beutschen Charakters gesprochen. Es ist höchste Zeit, baß ich zur Kehrseite ber Mebaille komme unb bie Fehler meiner ßanbsleute bespreche. Sollte ich mich über bie Fehler bes englischen Charakters in eine Erörterung einlassen, so mürbe ich mehr als ein bißchen Platz brauchen, bas mir noch bleibt. Ich bin gewiß, baß bie meisten Deutschen, bie nach Englanb kommen, einmal durch eine Zeitspanne hindurch mußten, während welcher'sie jeden Engländer für anmaßend, eigenbrötlerisch, schlecht erzogen und unfreundlich hielten. Aber ber kluge Deutsche merkt von Anfang an, baß gute Umgangsformen in Englanb eine Frage bes Herzens finb unb nicht bes Benehmens. Also lehnen sie es von Anfang an ab, sich von ber Art von schlechten Umgangsformen beleibigt zu fühlen, bie sie baheim als Kränkung ihrer persönlichen Ehre betrachten mürben. Denn sie begreifen, baß ber Engländer feine Perfönlichkeck in einer geheimen Schublade meg- zufchließen münscht. Wenn sie es fertig bringen, ihn zu veranlassen, diese geheime Schublade zu öffnen, fo sind sie mit ihm in den Zustand der Vertraulichkeit getreten. Aber diese geheime Schublade bedeutet eines Engländers Jungfernschaft. Monate heimlichen Werbens sind notroen- big} ehe ein Blick hineingeworfen werden kann. Als Raffe find mir untauglich in allem, was über die oberflächlichste unb herkömmlichste gesellschaftliche Beziehung hinausgcht. Trotzbem besitzen wir eine geniale Gabe für Vertraulichkeit. Unb wir verstecken biefe Gabe mit großer Vorsicht. Ist aber eine vertraute Verbinbung erst einmal hergestellt, so ist sie tiefer unb bauerhafter, als man glauben möchte. Unb so möchte ich zu ben Engländern sagen: „Denkt daran, daß die Deutschen sehr empfindliche Menschen sind, und daß ihre Schüchternheit sehr oft die Form von Selbftbetonung annimmt." Und zu den Deutschen würde ich sagen: „Denkt daran, daß die Engländer sehr scheue Menlchen sind und daß ihre Scheu oft die Form von Unterdrückung des Selbst annimmt." Wenn mir diese beiden Lehrsätze in unseren Köpfen behalten könnten, fo würden mir einander weit besser verstehen, als mir das heute tim. Und auf diesem Verstehen als einem vernunftmäßiq erkannten, nicht gefühlsmäßig empfundenen, beruht der Friede der Welk. (Deutsch von Hans B. W a g e n s e i l). Deraniworl lich: Or. HanSTHyriot. — Druck und Der lag: Drühl'scheUnt Vers itäts-Duch» und Stein drucker ei, 2C Lange. Gieße».