SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer (6 Jahrgang 1955 Montag, den 25. Februar ^Itet ■ Achill Wd elaltetJ . Jill 'teinjeii °lz un| Röni„ "kilchki 1 fpötn n Sen Hunden »ifelloi iten mit *ig bei bei bei is Fl» urbe fn Mittel erst im; r etwas ’äljnuni etrui ltlichU ls eines : ®abe: Die Hochzettskuh Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehner ige & h (eines. ebig in - ochzeid bem fn ! siihttl i Sä deft, bis en Sim mir bis sie Sei int. K s bedaif s sie be zeug de inn auf en W isiihrw bensch-s iesch« geprebif ijufaflei- (oll ii utzt w- eisen iti mmer ? über bn nt mir! anfa&i.' jon 3® igern «! r\ anb M en, toee : bu bis ann iW n beffei orneW Hunde? tjen. J abwU । :5d)iri UNd ® dort l«! ,dnß i* ,änbe «- nb f* e wiO ’i n ge°>'k j uner* | ’ ba3 21 t t)0‘ (^ | )eß*i| üluflr*. I en '"7 erledes verwaschene Wagenschild konnte verhängnisvoll werden. Dazu kam noch die halb militärische Uniform der das blaue Röckchen des Briefträgers bei weitem nicht ebenbürtig war. So mußte er sich mit kleinen Listen behelfen. Er las unterwegs alle offenen Karten. Auf diese Weise gelangte man m den Besitz von allerlei Geheimnissen, die man nur mit der notigen Vorsicht und Demut an der rechten Stelle anzubringen brauchte, um seines Lohnes f'd)2erUSauer Friedrich saß allein in der Stube auf der Siedel die mit einem schwarzen Schastell bedeckt war. Birge stieß tu der Küche Scheite in den Plattenofen und sah auf, als der Briefträger knarrend und den Schnee abstoßend auf die Wohnstube zuschritt, wöbe, er wegen feines bösen Gewissens mehr Lärm machte, als sich für seine kleine Person gebührte. Er senkte sein Faltenköpfchen in die Tur und fiel dann beinahe mit dem schweren Ranzen in die Stube hinein, während Friedrich ihm gleichmütig zufah, wie er wieder Boden gewann, die landwirtschaftlichen Zeitungen umständlich auskramte und dann, indem er den Brief an Birge kunstvoll in der hohlen Hand verbarg, verlegen stotterte: „Da habe ich noch etwas für Birge. Es steht kein Absender ^Frhdrich wartete. Der Briefträger hielt den Brief vor die Augen, um sich Über die Anschrift noch einmal zu vergewissern, und starrte die Briefzeichen fo lange an, bis Friedrich langsam aufstand, ihm mißtrauisch das Schreiben abnahm und ihn aufforderte, sich hinter den Tisch zu setzen. Dann rief der Bauer nach Birge. Sie trat ein, blieb mit niedergeschlagenen Augen stehen und wartete, bis der Vater, der den Brief hin und her drehte, ihr befahl, dem Mann ein Frühstück zu richten. Sie wagte nicht zu fragen, wer geschrieben habe, sondern trug stumm einen Teller Schwartenmagen, Schnaps und Brot auf und ging, indem sie sich die Hände abwischte, wieder in die Küche. Sie war sehr neugierig, was der Brief, um den so viel stumme Feierlichkeit gemacht wurde, enthalten möge. Aber es dauerte lange, bis das hungrige Männchen gefüllt war. Und als es gegangen war, blieb der Vater immer noch sitzen und las. Es war ein Brief von Bertold, feinem Paten, den er nun fchon feit zwei Jahren nicht mehr gesehen und halb vergessen hatte. Der Brief hatte diesen Wortlaut: „Liebe ferne Birge, obwohl ich weiß, daß dieser Brief nur durch ein Wunder in Deine Hände gelangen wird, schreibe ich Dir doch, zum ersten Male. Vielleicht hätte ich auch jetzt nach zwei Jahren noch nicht geschrieben, wenn ich nicht fo schreckliches Heimweh hätte. Es ist plötzlich über mich gekommen, heute abend, als ich vor dem Jagdhaus meines Freundes im Schnee stand und ins Gebirge schaute. Wie da Gipfel um Gipfel zum Schein wurde und aufglühend verging, wie aus der blauen Nacht die Sterne heraufkamen, da fühlte ich mich so elend und verlassen wie noch nie. Wohl summte unten der Strom im Tal, wohl glühte verschiedenfarbig das himmlische Feuer, aber je mehr die ganze Natur Leben gewann, je stärker die Bäume brausten und auch die Büsche aus heimlichen Herzen redeten, um so heftiger begehrte ich nach Dir. Ja, ich meinte, ich müsse sterben, wenn Du nicht augenblicklich vor mir stündest. Ich sah, wie schnell unser Leben in die glühenden Abgründe hinunterrollt, ich hörte die Liebeslaute der Nachtvögel und den fernen Gesang von Mädchen, die ihren Burschen antworteten ... und mußte auf meinem Fleck bleiben. Und nun erst der Mond! Als er in seinem Farbenrad aufging und den ganzen milden Himmel erfüllte, da meinte ich, ich sei ein ganz fremder Mensch, nicht von dieser Erde, sondern vom Mond. Ich hatte eine große und stille Lust, emporzufliegen und in dem Zauberlicht zu vergehen. Aber das war alles so traurig, daß ich mir bald wie ein Toter vorkam. Hott, der falsche Mensch, ist auch hier; er treibt sich herum, in der Universität habe ich ihn noch nicht gesehen. Aber solchen Lumpen hilft das Schicksal immer schneller als unsereinem. Was habe ich geschafft die Zeit her! Nicht nur im Semester, auch in den Ferien habe ich Stunden gegeben, meist auf dem Lande, um mir das nötige Geld zu verdienen. Aber ich weiß wenigstens, für wen ich schaffe. Kannst Du Dir es denken? Bitte schreib mir doch darüber, ich mochte es furchtbar gern wissen. Hast Du schon gehört, daß auch Anna hier ist? Du warst ja gar nicht eifersüchtig, als ich ihr vor zwei Jahren beim Dreschen den Ho machte. Gewiß, sie ist schön, aber ich mag sie doch nicht, weil ich eine andere im Herzen habe, die Dir sehr ähnlich ist. Leider hat sie mir ihr Bild gegeben, vor zwei Jahren, und von dem Bild ist außer Augen nicht mehr viel zu erkennen. Gott weiß, wann ich wieder nach Haufe komme! Vielleicht erst nach der Prüfung, die ich in einem Jahre machen werde. Aber bann! Ich glaube nicht, daß Du mir schreiben wirst, obwohl ich Dich darum gebeten habe. Dein lieber Vater, mein herzensguter Pate, wird Dir sicher das Tintenfaß wegschließen. Grüße ihn und vor allem fene Rui), mit der ich vor zwei Jahren in Euren Hof marschig kam. Ach -Birge, mein Herz ist recht schwer, und ich kann es Dir nicht ausschutten, ich habe in der Heimat keinen Freund. , . ~ Ein Jahr noch, dann bin ich frei — und dann freie^ ich. Im Notfall soll es mir auch auf einen Brautraub nicht ankommen. Friedrich war mit dem Briefe zu Ende. Ganz gegen seine Gewohnheit setzte er sich sofort, während Birge in der Küche fast verging, hinter den Tisch und schrieb an seinen Paten, dessen Anschrift er m einer heimlichen Ecke der Briefhülle hingekritzelt fand, folgende Antwort: „Lieder Pate, wenn ich gewußt hätte, daß du em so überspannter Mensch bist, hättest du lange schreien können, ehe ich Dich aus der Taufe gehoben hätte. Aber ich habe schon so eine Ahnung gehabt, als ich Dich mit Deinem großen Kopf in den Windeln hegen fah. Gott fei Dmik bist Du nur mein Taufpate. Wärst Du mein Firmpate, so mußte ich mich für den heiligen Geist schämen, der Dich so wenig erleuchtet, daß Du nach meiner Tochter Birge trachtest. Schlag Dir diesen Gedanken aus dem Kopf, je eher, je besser, denn Du bist ein richtiger Narr. Brautraub, das ist wohl jetzt modern bei euch? Meine Tochter Birge kommt ins Nachbarhaus. Das ist so klar wie Kloßbrühe. Die Aussteuer wird nächstens angeschafft, Verlobungskarten chitfe ich nicht. Solltest Du Dich noch einmal unterstehen, meiner Toch- er Birge einen solch verrückten Liebesbrief zu schreiben und andere Leute zu verdächtigen, deren Vater ein bekannter Viehdoktor ist, wenn er auch nicht studiert hat, dann schicke ich Deine Zeilen sofort an den Direktor von Eurer Universität, der foll Dich schon Mores lehren, ^er^pacite den Brief sorgfältig ein, schob ihn in die Brusttasche, rief Birge herein und hielt ihr den Umschlag von Bertolds Brief unter die Augen. „Kennst du die Schrift?" r Birge warf eine flüchtigen Blick darauf und ahnte, als sie den Poststempel erkannte, was die Glocke geschlagen habe, öie wurde glührot und sagte kein Wort. m , „. Da brach der Alte los und machte Bertold herunter. Birge wich vor dem herandonnernden Vater zurück, biß die Zähne zusammen, und als sie fick, nicht mehr zu helfen wußte, räumte sie den Tisch ab. Friedrich aber ließ nicht nach. Nachdem er Bertold kurz und klein geschlagen hatte, rückte er ihr in sanfteren Registern den Nachbarhof vor Augen. Er malte ihr aus, wie gut sie es haben werde, wenn sie da drüben neben Hans als gute Frau sitze. Da könne sie dick und fett werden und brauchte keinen Finger krumm zu machen, wenn sie nicht wolle; Hans werde sie immer seidensanft anfassen, und sie fei in dieser Arche mit soundsoviel Stück Vieh ihr Leben lang die große Fram Er schloß seine Rede, indem er die Stiefel übereinander stülpte und Birge mit kränklich klingender Stimme fragte: „So, mein Mädchen, und jetzt jage mir offen und ehrlich: willst du deinem alten Vater gehorchen oder nicht?" In diesem Augenblick entfiel Birge das tückische Schnapsglas, das sie in die Fensterecke stellen wollte, und zerschellte am Boden. Der Bauer, der hierdurch Birge in Schuld gesetzt sah, sagte kein Wort, sondern wartete um so geduldiger auf Antwort. Birge aber blieb stumm, bückte sich und las die Scherben in ihre Schürze. „Du bist jetzt neunzehn", sagte Friedrich, „und könntest vom Fleck weg heiraten." , . . „ , , Da senkte Birge ihren Kopf und sagte leise: „Gebt mir den Brief, Vater, dann will ich ja ober nein sagen." Friebrich würgte. Er brückte den Brief in seiner Hand herum und verspürte plötzlich einen brennenden Durst. Er mußte einen Augenblick mit der Flasche allein sein, und so machte er nur noch einen schwachen Vorbehalt: „Es steht fo nichts Gescheites drin, Birge, ich will dir ein Stück vorlesen." „Nein, Vater", sagte Birge in stolzer Demut, „Ihr müßt ihn mir schon ganz geben." „Da hast du ihn, aber in fünf Minuten liegt er wieder auf dem Birge nahm ihn und verschwand in der Küche. Friedrich setzte die Flasche an den Hals und tränt einen guten Schluck auf sein hinter- gangenes Gewissen hinunter. Dann trommelte er einen Marsch auf die Fensterscheiben und sah dabei auf die Uhr. Als die fünf Minuten um waren, ging er in die Küche. Birge wusch sich. Er fah, daß sie geweint hatte. „Wo ist der Brief?" „Er ist mir ins Feuer gefallen und verbrannt", sagte Birge möglichst unschuldig und deutete auf die verkohlten Papierreste, die sich in der Herbglut plusterten. „Deshalb brauchst bu nicht zu heulen", knurrte Friebrich. „Ich habe mich", fuhr jetzt Birge mit fester Stimme fort, „entschlossen, ben Hans zu freien, wenn bu mir eins versprichst, Vater." „Was soll bas fein?" fragte Friebrich. „Du barfft von heute an keinen Tropfen Schnaps mehr trinken." Da setzte sich Friebrich langsam auf ben Hackklotz zurück, ließ die Rechte auf bas Knie fallen, währenb die Linke haltsuchenb in ber Lust stehen blieb, unb zwinkerte mit beiben Augen. Er wehrte sich lange gegen bas Ansinnen Birges, als sie aber fest blieb, versprach er ihr, was sie verlangt hatte, nicht ohne Hoffnung, mit heimlicher List bennoch zu seinem Trunk zu kommen. Er hanbelte ihr auch noch ab, baß er ben Schnaps, ber noch im Fasse sei, austrinten dürfe, was Birge leicht zugab. Erleichtert verließ er die Küche unb ging zum Vieh. Birge aber strich Bertolbs Brief glatt, ben sie vorhin an ihrer Brust versteckt hatte, zerrieb bas verkohlte Papier ber Zeitung, bie sie in einem blitzartigen Einfall an Stelle bes Briefes ben Flammen übergeben hatte, unb mußte enblich lächeln. Dann wollte sie schnell beten, zu irgendeinem Heiligen, bah sie ben Vater einmal beim Trinken ertappen möge, wenn bas Faß leer sei, es fiel ihr aber rechtzeitig ein, welch ein gotteslästerliches Gebet das jein müsse. (Fortsetzung folgt.) Oie ioie Liebe. Von Conrad Ferdinand Meyer. Entgegen wandeln wir Dem Dors im Sonnenkuß, Fast wie das Jüngerpaar Nach Emmaus, Dazwischen leise Redend schritt Der Meister, dem sie folgten. Und der den Tod erlitt. So wandelt zwischen uns Im Abendlicht Unsere tote Liebe, Die leise spricht. Sie weiß für das Geheimnis Ein heimlich Wort, Sie kennt der Seelen Allertiefften Hort. Sie deutet und erläutert Uns jedes Ding, Sie sagt: So ist's gekommen, Daß ich am Holze hing. Ihr habet mich verleugnet Und schlimm verhöhnt, Ich saß im Purpur, Blutig, dorngekrönt, Ich habe Tod erlitten, Den Tod bezwang ich bald. Und geh in eurer Mitten Als himmlische Gestalt — Da ward die Weggesellin Von uns erkannt. Da hat uns wie den Jüngern Das Herz gebrannt. O»e Ge'chichte vom verlorenen Sohn. Von Heinrich Micko. M i ck o ist Sudetendeutscher, geboren 1899 im Böhmerwald; er verbrachte seine Jugend zum größten Teil in der Sprachinsel Budweis, wo er den Kampf um die Erhaltung deutschen Volkstums in vorderster Front miterlebte. Er lebt jetzt in Berlin als Mitarbeiter am Grimmschen Wörterbuch in der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Die folgende Erzählung führt uns in ein verschollenes deutsches Sprachgebiet. Es war nicht kalter wissenschaftlicher Eifer allein, nicht der Drang «klein, Gesetze, Formeln, Lautungen einer bisher unbekannten Mundart zu erkennen, der die beiden Sprachforscher zu ihrer Ausfahrt bewog. Daß s< über die wilden Gebirge in die weltabgeschiedene krainische Landschaft hinabstiegen, um die kleine Sprachinsel Jahre, von der man beachtete, daß in ihr der letzte deutsche Laut längst verhallt sei, aufzu- jidjen, war weit mehr schmerzliche Liebe und war dunkle Hoffnung, es nächte ihnen im Verborgenen noch ein Klang aus dem Mund eines Nenschen entgegenblühen, dessen Ahnen vor vielen hundert Jahren, von südlichem Drang und Abenteuerlust getrieben, dieses düstere und unwirt- !chc Land zu ihrer neuen Heimat erkoren hatten. Der kahle Karstwall im Süden der Wocheiner Save, mit dem teschwerlichen Jochpfad zwischen dem Beil und dem Ratitouz, Bergen um Verschmachten, zumal im glühenden Sonnenbrand, war uberschrit- i-n. Die Männer atmeten auf, als sich der Blick im schwarzgrunen Laub ter Nußwälder verlieren durfte. Painta, Widersunna, Umwand, die Fluren mit den tönenden Namen, wurden nach den gewissenhast vor- tereiteten Karten freudig erkannt und bald blickten zwischen den Baum- vonen rote Dächer, die zerstreuten Behausungen des krainischen Weilers. Lach einer geringen Viertelstunde war der von wenigen Gebäuden urn- siiumte Kirchplatz erreicht. Weil es ein Sonntag war, sahen die Fremd- 1 nge viele Menschen, zumeist jüngeres Volk, auf dem Platz umher- s.ehen. Die Burschen trugen hohe Stiefel, lederne Bemkleider, tue Weste rait den unzähligen Silberknöpfen, die Mädchen blaue und grellrote Löcke, bunte ober sehr große weiße Kopftücher. Durch eine staunende neugierige Gaffe zogen die Ankömmlinge zu dem als Schenke leicht l°nntlichen Haus. Wo sie gingen, hörten sie nichts als leise Bemerkungen it der wie Gesang klingenden, schönen Sprache der windischen Slawen. Nachdem sie auch in der Schenke, die von Männern strotzte, den echten Andrang von aufmerksamer Beschauung bestanden hatten, gelang (3 ihnen, sich ungestörter von der Anstrengung des Marsches mit Trank md Speise zu laben, zumal die Unterhaltung mit dem Wirt und unter ich in der ihnen geläufigen fremden Sprache vollführten. Allgemach Liang es ihnen, mit den Umsitzenden ins Gespräch zu kommen, und da ■e dieses bereitwillig und freigebig mit Wein würzten, erlangten sie r»ch Verfluß eines halben Nachmittags Kenntnis der verfchledensten Wnge, die das Dorfleben, die Sorge ums Brot, die Bedingungen der «Legend betrafen. Die zuletzt wie nebenbei gestellte Frage, ob es denn im Ort keine Deutschen gegeben habe oder noch gebe, machte die Ge- ftagten plötzlich mißtrauisch und die karg erteilte Auskunft war, daß in irr ganzen Gegend niemals Deutsche gewesen wären, und daß von allen (Inwohnern des Ortes niemand als der Pfarrer einiger deutscher Worte mächtig fei. Diese Aussage bestätigte der Wirt eifrig und eben dieser übertriebene Eifer war es, der die Fremden aufhorchen machte und (mfpornte, in ihren Forschungen weiterzufahren. Die Gemeinsamkeit des lirunts stellte im weiteren Verlaus des Beisammenseins das beinahe irstörte Einvernehmen wieder her, und in einem entstehenden Umkreis !wn Vertrauen löste sich von den Dorsleuten allmählich der Druck des schweigens, der ihnen von irgendeiner Seite auferlegt fchien, fo daß zuletzt einer aus ihrer Mitte, näher rückend, mit Geheimnis heraussagke, es sei wohl kein Unrecht, und der Herr Pfarrer würde gewiß nichts dawider Haden, wenn er den Herren verriete, daß die alte blinde Kejschar- baba die Sprache verstünde, nach der die Herren aus seien. Von dem gutgelohnten Führer gewiesen, standen die beiden Fremdlinge in Erwartung vor der in Nachmittagsstille umsummten Hütte. Sie betraten den ärmlichen Flur und pochten an eine in die Stube führende Tür. Ihrem Pochen ward keine Antwort. So betraten sie ungefragt den Raum und sahen wenige Schritte vor sich die Greisin. Sie saß aus einem niedrigen Stuhl und hatte die Hände gefaltet. Ihr ganz alter und schon kleiner Leib war ausrecht. Sie sah in einem dunklen Gewand, das bis auf den Boden ging. Ein ebensolches Tuch umhüllte den Kopf, fo daß noch Strähnen silberweißen Haares sichtbar waren. Mit erloschenen Augen war ihr hartes, unbewegtes Antlitz horchend gegen die Gingetretenen gerichtet. Die Männer grüßten in slawischer Sprache und in der gleichen Sprache kam der einfache Gruß zurück. Nach einem kurzen Schweigen bot einer der Männer in deutscher Sprache den Gruß Gottes. Auf diesen antwortete die Greisin nicht. Doch war es, als ginge ein tiefes Erschrecken durch ihr starres Sein. Ihr toter Blick und ihr Gesicht zogen sich gleichsam tiefer in sich. Sie faß unbewegt und schwieg. Nach einer Weile begann einer der Besucher neuerdings in der alten Gebirgssprache der südlichen Alpenbauern zu reden, er sagte ungefähr folgendes: „Mutter, Ihr müht nicht erschrecken und glauben, daß wir mit einer bösen Meinung zu Euch kommen. Wir sind Landsleute von jenseits der Berge, und man hat uns heut im Dors gesagt, daß Ihr noch die Rede Eurer Kindheit sprecht. Wir wissen, daß in der alten Zeit die Leute hier anders gewesen sind, und daß ihnen die Windischen später die Rede sortgenom- men haben. Fürchtet Euch nicht, sondern sprecht mit uns, wie Ihr es in der alten Zeit von Eurer Mutter gelernt habt." Die Greisin erwiderte auch auf diese Rede nichts. Es schien, als ob sie in etwas Wunderliches horche und in ihren knotigen Gichthänden war ein Beben. Als die nämliche Stimme abermals anhob und sagte: „Mutter, wir haben das Vaterunser wie Ihr in der Kirche gebetet, wir wollen Euch nichts Böses, der Pfarrer und der Zupan sollen es nicht wissen, wenn Ihr deutsch mit uns redet!", da erschien, von Unglauben und Greisenscham zwar noch überwältigt, darob aber nicht minder aus erschrockenem Herzen steigend, hinter dem steinernen Gesicht der Greisin eine sonderliche Bewegung. Die von Mißtrauen und einsamem Schicksal versiegelten Lippen lösten sich, und auf die Fragen der Männer blätterte die letzte Zeugin eines versunkenen Geschlechts im kargen Tonfall des Alters die letzten Kapitel eines vergeßenen Sterbens auf. Es war eine bittere Chronik, die der eilige Stift der Forscher in die mitgeführten Bücher zu zeichnen hatte. Wenn die Zeugin, Johanna Kaiser mit Namen, auch ein Leben von mehr als achtzig Jahren, sechzig davon in Finsternis der Augen, gelebt hatte, so war ihre Erinnerung doch ohne Trübung, und die Geschehnisse lagen von einem inneren Licht erhellt vor den Hörern. In den Jahren, da das Mädchen zuerst das Brot Gottes empfing, sagte der Priester vor dem Altar noch die deutschen Gebete; zwanzig Jahre darauf wußten die jungen Bräute noch aus Muttermund bas Gebet des Herrn in ihrer Sprache zu beten; und wiederum zwanzig Jahre nachher, als die geistliche und weltliche Obrigkeit das Deutsche schon wie Gift ausrotteten, sprachen nur noch die älteren Leute in heimlicher Kammer die vertrauten Laute, während die Kinder auf dem Anger ihre Reigen tanzten und sich die Worte dazu in der neuen Sprache vorsangen. Auf die Frage, ob sie noch die Gebete der Kindheit und die Worte der Schrift wüßte, gab die Greisin zur Antwort, wenn sie nachdächte, würde sie wohl das eine oder andere Stück sagen können, aber eines, das sie in den jungen Jahren, wenn es der Priester von der Kanzel verkündigte, besonders gern gehört hatte, die Geschichte vom Verlorenen Sohn, die vermöchte sie, wenn es die Herren wünschten, gleich aufzusagen. Dann tastete der Mund der Greisin in das ferne Begebnis zurück und stockend, wie aus uralter Rückerinnerung, begann das ewige Gleichnis vom ausziehenden und wiederheimkehrenden Sohn. Es fiel den Männern nicht schwer, die wie aus verschollenen Zeitaltern heroorklingende Rede mit den feinen Schriftzeichen der Wissenschaft festzuhalten. Als der Mund der Greisin verstummte und die erste Stille nach der Feierlichkeit des alten Berichts verklungen war, sprach wieder einer der Männer: „Mutter, was Ihr uns jetzt erzählt habt, ist von uns in unsere Bücher gezeichnet worden, denn wir wollen es unseren Landsleuten berichten, daß das Wort Gottes in der schönen alten Rede noch nicht ganz erstickt ist in diesen Gegenden. Ich will Euch nun das Evangelium wieder lesen und Ihr müßt sagen, wo ich es etwa anders geschrieben habe, als Ihr gesagt habt." Die Greisin widersprach nicht und der Forscher begann laut zu reden: „A gewisser Mendisch Hot gehät zwean Söhne. Dar Jüngare unter ihn' hüt geräibet zem Vouter: .Vouter, gib mir’s Tool, was mir gehört!' Und höt er zetoalt 's Vermögnisch." Stark und voll klangen die biblischen Worte in dem Raum, die Greisin horchte hochausgerichtet wie auf eine Stimme, die aus der Tiefe der Zeit heraustönt. War sie wieder ein Kind, ber Gesang ber (Bemeinbe ist verklungen, von ber Kanzel verkündet der Priester die heiligen Gleichnisse? Die Männerstimme ging weiter und berichtete, wie der Sohn ins Fremde zieht, das Seine verpraßt und in bittere Armut stürzt. Er berichtete, wie Demut in das Herz des Verlassenen eingeht, und er beschließt, reuig vor den Vater zu treten, damit ihn dieser unter die geringsten seiner Knechte ausnehme. Die Greisin atmete tief, als die Stimme meldete, wie der Vater dem Heimkehrenden liebreich begegnet, ihn küßt und in feine Arme schließt. Der Sohn spricht: „Vouter, geschäntet hän i wider me Himbl und wider Sein. I pin nit mehr roartt, Dein Sohn ze hoaßan!" Der Vater aber heißt die Knechte ein gutes Gewand zu bereiten, einen Ring für die Hand und Schuhe für die Füße; aus dem Stall läßt er ein gemästetes Kalb ziehen und dann spricht er die Worte: „Wir wällen essen und seien guater Dinge! Waia der mein Sohn ist gewesen toat und ist er wieder erlebenbiget; er ist gewesen verlorn, ist wieder gewonnen!" ;W bar El Escorial wird Wieder in der Mittagssonne, die alle Gedanken an den Tod ver- DeraaiworUich. t)r. Hans Lhyciot. — Druck undDerlag:Drühl'scheUniversitäts-Duch- und Stein drucker ei. 2t.Lange,Gießen. Mil P'P! iure nirty freu Nachdem sie rüstig fort. D UM i bim j schrie i Der E F l einer IFlli I lein der Natur alles Ungesunde wie einen Fremdkörper ausstoßen, deutet diese Tragik und die des enttäuschten Vater-Gatten? Zu den beiden Rätseln kommt jetzt ein drittes hinzu. Einmal sie vielleicht ein Dichter lösen. treibt. Junge Mädchen, blondgefärbt, und junge Stutzer kokettieren am Korso der Sommerfrische Escorial. Die Mädchen tragen ein silbernes Kreuz auf der Brust. Sie sind Spanierinnen, sie lieben wie jener Philipp das Leben und den Tod! gefaßt: El Escorial, das Kloster des heiligen Laurentius, die gigantische kastilische Klosterburg Philipps II. Man hat den Escorial mit den Pyramiden der ägyptischen Tyrannen verglichen. Man hat ihn verleumdet und verhimmelt. Man hat vergeblich die Deutung seiner Gröhe versucht Heute sieht er da, wie vor 400 Jahren, keine der grauen Granitquadern zeigt den grausamen Hauch der Zeit. Spanien war groß, seine Herrlichkeit ist vergangen. Vergessen. Nur der Escorial ist geblieben. Solange er steht, und er wird die Jahrtausendwende überdauern, wird diese Mönchsfestung von der Gröhe eines Gottesglaubens zeugen, der nur in der starren Weite des kastilischen Plateaus zur Ekstase entbrennen konnte. Ihm sind die Inquisition und der Escorial entsprungen. Kastilien ist weit, sein Horizont kalt und leblos. El Escorial ist 207 Meter lang, 161 Meter breit, er hat 16 Höfe, 15 Kreuzgänge, 9 Türme und 86 Treppen, 89 Brunnen und 300 Zellen, 1200 Türen und 2673 Fenster. Die Kuppel der Kirche ragt 92 Meter in den kahlen Himmel, der über dem Guadarramagebirge steht. Wer den steinernen Bau durchwandert, hat einen Weg von 160 Kilometern vor sich. Ein Kloster? Eine Festung? Ein einsames Grabmal? Das Rätsel ist noch immer nicht gelöst. inir tni Der Escorial. Das Schloß der spanischen Könige. Von Heinrich B. Kranz. ist ein Rätsel. Ein Rätsel entsprungen dem Kopfe eines Üebermenschen. Soldaten. Von I. W. von Goethe. Burgen mit hohen Mauern und Zinnen, Mädchen mit stolzen Höhnenden Sinnen Mächt ich gewinnenl Kühn ist das Mühen, Herrlich der Lohn! Und die Trompete Lassen wir werben. Wie zu der Freude, So zum Verderben. Das ist ein Stürmen! Das ist ein Leben! Mädchen und Burgen Müssen sich geben. Kühn ist das Mühen, Herrlich der Lohn! Und die Soldaten Ziehen davon. El Escorial ist ein Rätsel wie die Seele seines Erbauers. Philipp II. war klein und zart und hat diesen Giganten geschaffen. Ein Gemälde, das in einem der kleinen Zimmer des Herrschers hängt, zeigt ein bleiches Gesicht, melancholische Züge, müde blaue Augen. Philipp II. hat eine Menge Kriege für seinen Gott geführt, den er fo liebte, daß er sein Bett neben dem Hochaltar ausschlug. Er hinterlieh ein armes Land mit 100 Millionen Dukaten Schulden. Und den Escorial. Wenn je ein Werk für seinen Schöpfer spricht, so spürt man es hier. Was berichten die Geschichtsschreiber von dem Monarchen? Er war finster und unheimlich. Er war ein Tyrann und heimtückisch. Er war hartherzig und grausam. Aber andere sagen, er war nur männlich und mißtrauisch, ein Asket der Pslichttreue, mönchisch, gottergeben im Leid und von Gottesliebe brennend Und selbstlos bis zur Selbstzerfleischung. mittelalterlichen Man führt eine Stunde lang von Madrid zwischen sandigen Hügeln, zyklopenhaften Stcinklumpen und niederen Baumgruppen nach Norden. Dann ist man jäh überwältigt. In der feierlichen Gebirgseinsamkeit ist ein rtesenhastes, steinernes Rechteck aufgetaucht, von sechs Türmen einnur in anderer, krankhaft tragischer Fassung. Zwei Liebende, die einander nicht überleben können und auch nicht dürfen, weil die Gesetze ~ ....... ~ " Wer M 6d)u töirtl Warn U bie! Mi Wer will heute solche Geheimnisse lösen? Er war ein armer Mensch, ^^"Dieser^riesenhafte^Bau ist sein Spiegelbild: kalt und groß, höfisch, starr und feierlich kahl, prunkhaft und leblos. Ueberall harte Limen, von keiner weicheren Rundung gelöst. In diesen Mauern konnte man nicht lächeln. Und doch überwältigt die Harmonie der übermenschlichen Make. El Escorial ist ein Kloster und zugleich ein Palast, so wie Philipp Kaiser und Papst zugleich sein wollte und daran gelitten haben mag. Denn Gott machte ihm dieses Leben aus Erden nicht leicht. Mit zwanzig Jahren war er Witwer. Maria von Portugal hinterließ ihm einen Sohn. Don Carlos, der zügellos und geisteskrank war und als Jüngling vom Vater ins Gefängnis gestoßen wurde. Auch Mana von England starb bald, Elisabeth von England wies seine werbende Hand ab, und die dritte Gemahlin Elisabeth von Valois folgte, 21jahrig, ihren Vorgängerinnen ins Grab. Erst Anna von Oesterreich, die vierte Gemahlin, schenkte ihm dann den ersehnten Thronerben. 71 Jahre alt, wurde der gewaltigste Streiter des Katholizismus erlöst Er starb in einem Alkoven seiner Zellenwohnung, den Blick auf den Hochaltar gerichtet, im Ohr die tröstenden Klänge der Messe, m den Händen das Kruzifix seines Vaters Karl V., der vorher im Kloster geendet hatte. , _ Nie vorher, nie nachher hat ein Herrscher mit seinem Gott unter einem Dache gewohnt. Philipp II. erbaute sich den Escorial, um im steinernen Prunk als Mönch, um in Größe als niederer Diener seines Herrn in den Himmel aufzusahren. Spaniens achtes Weltwunder ist eine Welt für sich. In seinen Mauern vergißt man alles, was draußen im Sonnenlicht lebt: die beiden Dörfchen Escorial de Arriba und Escorial de Abajo, die nüchternen Baumalleen der Jardines des Principe, die Menschen, die Tiere, den Atem der Erde Nur der Gedanke an den Tod bleibt und der Weg aus dieser irdischen Welt durch den Geist, der das Fleisch überwindet. Da ist die Kirche mit der Granitkuppel und dem goldstrotzenden 2tlt<5u beiden Seiten knien in Lebensgröße Karl V., Philipp II. und ihre Frauen. Auch Don Carlos. Da ist eine Gemäldegalerie mit Grecos, Riberas, Tintorettos, einem Velasquez, einem Tizian, einem Baldes Leal. Da ist auch die alte Kirche und anschließend eine Bibliothek mit 40 000 Bänden. Es gibt wenig Fremde in Spanien, und diese Fremden ziehen die Tänzerinnen Andalusiens einem düsteren Gebirgskloster vor. Deshalb sind sogar der königliche Palast und die Königsgräber menschenleer. Und doch schlägt hier der Puls jener spanischen Welt, die einmal ganz Europa beherrschte und sogar nach Amerika die Arme ausstreckte. Denn hier wohnte und starb Philipp II. Gelebt hat er zwischen Wänden, die von Bildern des Hieronymus Bosch und einer Dürerzeichnung bedeckt sind. Ein Planetarium für astrologische Studien steht da, eine Standuhr, der Schreibtisch des Herrschers, ein Bücherständer, ein Lederstuhl. Auch das grüne Samtstühlchen, auf welches der gichtkranke Philipp sein Bein zu strecken pflegte. Und im Alkoven das Bett mit der Aussicht auf den Hochaltar. Alles düster, asketisch. Das Panteon de los reyes liegt gerade unter dem Hauptaltar, lieber 59 rote Marmorstufen steigt man in das Achteck aus grauem Marmor und Gold hinunter. An den Wänden einfache Sarkophage in Nischen, vier Reihen übereinander, links die Könige, rechts die Königinnen, 26 Särge, der erste mit den Gebeinen Karls V. Oben wird ihm alljährlich eine Messe gelesen. Im Kerzenlicht schimmern die goldenen Inschriften der Särge. Einer ist noch leer Er wird einmal Alfons XIII. aufnehmen. Was ließ den Schöpfer dieser Gruft vor 400 Jahren ahnen, daß mit Alfons die Dynastie der spanischen Könige zu Ende gehen wird? El Escorial ist das erste Rätsel. Hier notiere ich ein zweites. Im Panteon de los infantes liegen 110 Prinzen, Prinzessinnen und jene Königinnen, die keine Thronerben hinterließen. Neun heitere, weiße, feierliche Marmorkammern. Hier ruht in einem glatten Sarkophag Don Carlos, in einem anderen die geliebte Stiefmutter, Elisabeth von Valois. Ecce enim veritatem dilexisti! (Denn siehe, du hast die Wahrheit erkoren.) Wer diese Inschrift auf den Sarg eines Sohnes meißeln ließ, kann ihn vielleicht liebevoll gehaßt, aber kaum getötet haben. Was ist übrigens heute noch von der poetischen Fabel Saint Reals geblieben, die Schiller entflammt hat? Als Philipp jene Elisabeth zur Frau nahm, war Don Carlos gerade 13 Jahre alt und die junge Braut 11 Jahre. Wenn wirklich Eifersucht den jungen Prinzen das Leben seines Vaters bedrohen ließ, kann man sie anders als Wahnsinn bezeichnen? Was blieb Philipp übrig, als sein unglückliches Kind ins Gefängnis zu fetzen? Sein Herz wird der frühe Tod des Erben ebenso schmerzlich berührt haben wie der Tod der Gattin, die jenen nur einige Monate überlebte. Wenn seine Umgebung diesen Schmerz nicht sah — wen will das in Spanien wundern? Don Carlos und Elisabeth, zwei Liebende wie Romeo und Julia, Bi h# itteni tinb i unter Ar ! Ee[ie i Jreur I litt) n !Iiir, A OJln JÄVÄ'Ä'ttSWi» Ä ’ÄÄff S £ ÄjK. fein Leben mehr war Herbeigeholte Nachbarn mühten sich, den Körper aus sein Lagcr ;u Z bald war die Stube voller Menschen die tn der rem- den Sprache beteten schrien und klagten,- aber die Tote lag seltsam fremd und unnahbar auf ihrer Statt. Die Manner sahen noch, w.e man bunte Weihblumen in die gefaltetenHandeder L'egendentat, dann wußten sie es nicht anders als daß sie ,hr Bündel auf den Rucken luden und schweigend den Raum verliehen... Als iie eine geraume Zeit gegangen waren, wandten sie sich noch einmal und sahen den Keiler, vom Abendlicht friedlich beglänz im Tale liegen. Keiner der Männer sprach ein Wort, aber beide hatten in diesem Augenblick den gleichen "Gedanken: Em verlorener Sohn. eine Weile gestanden hatten, setzten sie ihren Weg Nummer 9 Colour & Grey Controf Chart FIEL VOM HIMMEL AM ELANG G. M. B. H., LEIPZIG IL Jßir b. 1 6 8 L 9 S V £ L oanes pictä1 Ein leichtes Lächeln glitt über Profefsor Eggerths Züge, während er weiter sprach: „Als Gesandter ist Herr von Uhlenkamp eine offizielle Persönlichkeit in exponierter Stellung. Die Vertreter meines Werkes im Auslande sind nicht mit einer solchen Würde beschwert. Als einfache Privatleute können sie freier sprechen und man spricht auch freier mit ihnen. Rach den Berichten meiner Vertreter nun — aus Lissabon sowie aus London — handelt es sich keineswegs mehr um vage Gerüchte, sondern um tatsächliche Verhandlungen, die nur deshalb noch nicht weiter gediehen sind, weil England im Augenblick zuviel andere Sorgen hat, um sich noch mit dem portugiesischen Kolonialgebiet zu belasten. Immerhin, meine Herren, ist es meiner Meinung nach an der Zeit, daß Deutschland geschickte Unterhändler nach Lissabon entsendet. Die Stunde ist so günstig wie selten. Portugal muß verkaufen — ich möchte sagen a tout prix verkaufen — und der Nächst- interessierte, England will ober kann im Augenblick nicht kaufen." „Hm, hm". Der Minister lehnte sich in seinen Sessel zurück. „Sie tragen uns mit großer Bestimmtheit Dinge vor, Herr Professor, von denen wir — amtlich wenigstens — noch nichts wissen. Wie denken Sie sich den weiteren Fortgang der Angelegenheit?" Sache, so wird es uns natürlich alle möglichen Schwierigkeiten machen, obwohl es zur Zeit noch schwer an seinem andern Kolonialbesitz zu verdauen hat. Sieht es sich einer vollendeten Tatsache gegenüber, io wird es iich damit abfinden. Deutschland darf nicht wieder in denselben Fehler verfallen wie vor einem Menschenalter. Auch damals waren Verhandlungen über die Austeilung des portugiesischen Kolonialbesitzes im Gange. Durch eine Indiskretion wurden sie vorzeitig bekannt und zerschlugen sich infolgedessen." Der Minister griff wieder zum Bleistift und warf eine Reihe von Zahlen auf das Papier. „Sie sagten zwei Millionen Quadratkilometer, Herr Professor." Professor Eggerth zog sein Notizbuch aus der Tasche und schlug eine Seite darin auf. „In genauen Ziffern nock eine Kleinigkeit mehr, 2,7 Millionen Quadratkilometer. Praktisch kommen wir aber doch aus zwei Millionen, denn eilt Teil der Gebiete kommt wegen des Klimas für deutsche Siedler kaum in Frage." „Zwei Millionen Quadratkilometer brauchbares Land also", der Minister rechnete weiter auf seinem Blatt. „Das wird nicht ganz billig sein. Haben Sie irgendeinen Anhalt, welchen Betrag die Herren in Lissabon für die Abtretung der Kolonien fordern mürben?" des Landes Brauch ist. Ich wiederhole, ein geictjtcnet tucann rann oie Verhandlungen in einer Woche zum Abschluß bringen." In das Schweigen platzten die Worte des Ministers. „Sie werden dieser Mann sein, Herr Professor--. Sie werden dem Reich diesen Dienst erweisen." Nachdenklich legte Professor Eggerth die Fingerspitzen seiner beiden Hände zusammen. „Ich habe es mir gedacht, Herr Minister, daß man mich eines Tages vor diese Aufgabe stellen wird. Ich bin dazu bereit, denn ich glaube, daß ich sie besser als mancher andere zu lösen vermag. Doch vorerst muß das Kabinett seinen Entschluß sassen. Sowie der vorliegt, stehe ich zu Ihrer Verfügung. Vergessen Sie nicht, daß wir schnell arbeiten müssen.--“ Ein Händedruck, eine kurze Verbeugung, Professor Eggerth ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß. „Ein Kerl von Format", sagte Reute bewundernd. „Schade, daß wir ihn nicht für das Kabinett gewinnen können", setzte Schröter den Gedankengang fort. „Bisher hat er alle Angebote abgelehnt. Sein ganzes Leben und Streben gilt seinen Bitterfelder Werken." „Vielleicht gelingt es jetzt, wenn das Reich ihn als bevollmächtigten Unterhändler nach Lissabon schickt." Schröter schüttelte den Kopf. „Glauben Sie das ja nicht, lieber Reute. Dazu kenne ich den Mann seit Jahrzehnten zu genau. Er ist stolz auf seinen Professorentitel, den er als die wohlverdiente Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen betrachtet. Alles andere lehnt er ab. Alt einfacher Professor Eggerth wird er für uns nach Lissabon gehen, die Verhandlungen besser als jeder zünftige Diplomat führen und als schlichter deutscher Professor wird er nach dem Abschluß des Vertrages zurückkehren." „Schnell und verschwiegen, Herr Minister. Das ist die Hauptsache dabei. Mit Vergnügen habe ich eben aus Ihrem Munde gehört, daß Sie amtlich noch nichts von den englisch-portugiesischen Verhandlungen wissen. Das muß uns ein Vorbild fein. Ebensowenig dürfen die Engländer etwas von portugiesisch-deutschen Verhandlungen erfahren, ehe die Unterschriften der Partner nicht unter dem Vertrag stehen. Die Erwerbung der portu- giefifchen Kolonien Mosambik und Angola durch Deutschland muß verbrieft und gesiegelt vorliegen, bevor der Oeffentlichkeit ein Work davon bekannt , „Sie würden das Blaue vom Himmel fordern, und ich würde von jeber Verhandlung abraten, wenn ihnen das Messer nicht an der Kekile säße. Heute liegt die Sache einfach so. Mit drei Milliarden in Gold oder sonstigem 19 20 21 22 23 14 15 16 12 13 17 18 9 10 11 2 3 4 5 6 7 8 Green Grey 2 Yellow Grey 3 Red Grey 4 , gal seine Finanzen und seine Wirtschaft wieder in gwsLJsSe werden unsere Unterhändler ihm zwei MMarden i zähen Handel, der aber unter keinen Umständen jf/IWw uern darf, bis auf drei Milliarden heraufhandeln ........Qal geholfen und Deutfchland erwirbt die Kolonien zu einem Preise, den wir von nniernt Standpunkt aus als wohlfeil bezeichnen dürfen." Geraume Zeit herrschte Schweigen, während der Minister seine Rechnung fortsetzte. Dann legte er den Bleistift wieder hin. „Wir würden bei einem Abkommen, wie Sie es eben skizzierten, rund dreizehnhundert Mark für den Quadratkilometer bezahlen." „Laffen Sie das schlechte Land aus Ihrer Rechnung heraus und sagen Sie fünfzehnhundert Mark für den Quadratkilometer brauchbaren Farm- landes, damit wir gleich von den tatfächlichen Verhältniffen ausgehen. Ein Quadratkilometer hat vierhundert Morgen, wir zahlen also 3,75 RM. für den Morgen, der Kauf ist durchaus annehmbar — um so mehr, als uns das Geld dafür vom Himmel in die Taschen fiel." Wieder lief ein Lächeln über Professor Eggerths Gesicht, während er fortsuhr. „Ich glaube, Herr Minister Sie vergaßen das im Augenblick und fühlten sich zu sehr in Ihrer Eigenschaft als Reichsfinanzminister." Das Lächeln des Professors wirkte ansteckend. Er sprang auf die bisher so ernsten Mienen Schröters und Reute über, bis der Minister schließlich laut auflachte. „Sie haben recht, Herr Professor I" ries er und warf den Bleistift zur Seite. Die ganze Rechnerei ist Unsinn. Natürlich müssen wir die Kolonien sofort kaufen. Den Preis können wir ja aus der rechten Westentasche bezahlen. Aber wer soll die Unterhandlung führen? Ein reiner Genuß wirb es bestimmt nicht sein, mit den Herrschaften in Lissabon zu verhanbeln. Das kann ich Ihnen jetzt schon.sagen, soweit kenne ich sie auch." „Die Unterhandlungen werden leichter vonstatten gehen, als Sie denken. Ich jage auch das nicht ohne einen gewissen Grund. Als ich vor zwei Stunden auf dem Staakener Flugplatz aus ,St 11‘ stieg, kam ich unmittelbar aus Lissabon." Blue White Cyan Grey 1 Magenta Black Minister. A v < „Es wird alles daraus ankommen, Herr Minister, daß wir England vor eine vollendete Tatsache stellen. Völkerrechtlich wenigstens ist die Republik Portugal noch ein souveräner Staat, der über seine Kolonien nach eigenem ! Ermessen frei verfügen kann. Bekommt England vorzeitig Wind von der GietzenerZamiliemMer Unterhaltungsbeilage ;um Gießener Anzeiger