GiehenerFamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1935 ßreitag, den 25. Ianuar Nummer 7 HANS DOMINIK • EIN STIEIRN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AMELANG G. M. B. Hv LEIPZIG (Fortsetzung.) Die Worte Andrews, der ernste säst düstere Ausdruck, der in seinen Mienen lag, während er sie sprach, verfehlten ihre Wirkung auf den Kranken nicht. Zum erstenmal feit Wochen versuchte er wieder nüchtern zu denken und sich von dem Goldtaumel freizumachen. In der ruhigen, objektiven Art, die Andrew von früher her an ihm kannte, begann er Fragen über seinen Zustand zu stellen. „Ihr Zustand ist derartig, mein lieber Mr. Garrison", erwiderte ihm Andrew, „daß Sie Ihrem Schöpfer danken mükfen, wenn die Herzschwäche in den nächsten Tagen nachläßt. Ob wir ohne Amputation einiger Finger und Zehen auskommen werden, ist im Augenblick noch zweifelhaft. Ich sage Ihnen: unbedingte Ruhe für die nächste Zeit. Mit Mr. Bolton werde ich selber ein ernstes Wort reden."-- Das Wort wurde gesprochen, als Bolton nach dreistündiger Abwesenheit zu dem Wagen zurückkam, aufgeregt, polternd und fluchend, daß Garrison immer noch schlapp mache. Bolton hatte sich ein großes Weinglas bis an den Rand voll Whisky gegossen und wollte es eben zum Munde führen, als die Rechte Andrews fein Handgelenk umklammerte und ihn zwang, das Glas wieder niederzusetzen. „Einen Augenblick, Mr. Bolton. Ich möchte erst einmal Ihr Herz untersuchen." Vergeblich mühte sich Bolton, seine Hand loszumachen. Er hätte sie eher aus einem Schraubstock sreibekommen als aus der muskulösen Faust Captain Andrews. Wie ein Kind zog ihn der hinter sich her in den Nebenraum. Ehe er sichs versah, lag er dort auf einem Ruhelager. Mit der Rechten drückte der Captain ihn nieder, mit der Linken öffnete er ihm wie fpielend Rock und Weste und legte ihm die Brust frei. Hatte dann plötzlich ein Stethoskop in der Hand und begann die linke Seite des Liegenden abzuhorchen. Bolton gab den Widerstand auf. Jetzt, da er hier ausgestreckt und entspannt auf dem Polster lag, spürte er erst richtig, wie miserabel ihm eigentlich zumute war. Neugierig verfolgte er die Untersuchung, die Andrew mit ihm anstellte. Der behorchte und beklopfte ihn von allen Seiten, schob dann das Stethoskop zusammen und steckte es in die Tasche. Ohne ein Wort zu sagen, betrachtete er seinen Patienten mit nachdenklichem Ernst, wiegte dabei den Kops kaum merklich. Bolton wurde sein Schweigen schließlich unheimlich. Er tonnte nicht länger an sich halten und brach los. „Reden Sie doch, Captain Andrew! Haben Sie was entdeckt?" Die wiegende Bewegung von Andrews Haupt wurde stärker. „Ich habe mir sagen lassen, Mr. Bolton, daß ein Herzschlag der schönste Tod sein soll. Es wird einem schwarz vor Augen, man fällt um und ist in der nächsten Sekunde im Jenseits." Bolton starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. „Was sprechen Sie von Herzschlag? Wie kommen Sie darauf?" „Sie riskieren jedesmal einen hübschen kleinen Herzschlag, Mr. Bolton, wenn Sie von Ihrer irrsinnigen Arbeit erschöpft hierherkommen und sich mit einer Mordsdosis Alkohol zu neuen Anstrengungen aufpeitschen. Hundertmal mag's gut gehen, beim hundertunderstenmal spielt der mißhandelte Herzmuskel nicht mehr mit und dann — ich hatte bereits Gelegenheit, Ihrem Freund Garrison ein Begräbnis in der Antarktis zu schildern. Die Toten halten sich gut im Polareis. Die sechs drüben in Marie- Byrd-Land dürften heut noch ebenso frisch aussehen wie damals vor vier Jahren, als wir sie in das Eis betteten —" Bolton hatte sich aufgerichtet und starrte Captain Andrew wie ein Gespenst an. Der fuhr unbewegt fort. „Für Ihre Seele, Mr. Bolton, möchte ich auf Grund unserer bisherigen Bekanntschaft jede Garantie ablehnen. Wenn Sie aber Wert darauf legen, daß Ihre sterblichen Ueberreste für tue nächsten zehntausend Jahre gut konserviert werden, dann empfehle tdj Ihnen, jetzt Ihren Whisky auszutrinken und wieder auf das Eis hmaus- zulaufen." Boltons Kehle war trocken, heiser kamen die Worte aus seinem Munde: „Sie scherzen, Captain Andrew — Sie wollen mich erschrecken —." „Wo es um Leben oder Sterben geht, scherze ich nicht, Mr. Bolton. Ihr Freund Garrison ist körperlich zusammengebrochen. Sie sind der Robustere. Sie können das Spiel noch ein Weilchen weitertreiben, aber lange auch nicht mehr. Jeden Augenblick kann Ihr Schicksal sie ereilen, wenn Sie |o unsinnig weiterleben." Die rote Gesichtsfarbe Boltons war einer fahlen Blässe gewichen. Alt und verfallen sah er plötzlich aus, wie er jetzt dasaß und erschrocken zu Andrew hinaufschaute. Der spürte Mitleid mit ihm. „Ich habe Ihnen ebenso offen wie vorher Garrison meine Meinung über Ihren Zustand gesagt. Es steht ganz bei Ihnen, ob Sie hier zugrunde gehen oder wieder gesunden wollen." „Sie glauben, Captain, das wäre möglich?" „Unbedingt, Bolton. Wenn Sie sich strikte meinen Anordnungen fügen, können Sie noch hundert Jahre alt werden. Sie haben eine Ochsennatur. Die Aussicht auf eine völlige Wiederherstellung ist bei Ihnen größer als bei Garrison, aber folgsam müssen Sie sein. Kommen Sie jetzt mit hinüber, wir wollen zusammen essen. Danach müssen Sie sich dann ein paar Stunden aufs Ohr legen."-- Das Mahl begann schweigsam. Die Blicke Boltons gingen zwischen dem leeren Platz Garrisons und dem vollen Whiskyglas hin und her. Andrew nahm das Glas, goß seinen halben Inhalt in die Flasche zurück und schob es Bolton hin. „Eine kleine Herzstärkung muß ich Ihnen schon erlauben. Aber mit Maßen, alter Freund, sonst — Sie wissen was Ihnen passieren könnte." Bolton trank und fühlte sich danach wohler. Langsam kehrten seine Gedanken zu dem zurück, was ihn diese letzten Wochen so sehr beschäftigt hatte, und schließlich hielt er es nicht mehr aus, er mußte davon zu Andrew sprechen. „Das Erz, Captain Andrew, das kostbare Erz — ich möchte sagen, der Himmel hat's uns auf unfern Weg gestreut. Sollen wir es denn wirklich liegen lassen?" „Ich will Ihnen mal etwas sagen", unterbrach ihn Andrew. „Sie haben bisher rund fünfzig Erzhaufen zusammengeschleppt. Macht zusammen etwa hundert bis hundertundfünfzig Tonnen. In Frisko erzählten Sie mir, daß allerlc-i Edelmetall in dem Zeug stecken soll. Da müßten doch hundert Tonnen schon einen recht annehmbaren Wert haben." „Aber es liegt ja noch viel mehr da, Captain. Hunderte, vielleicht tausende von Tonnen. Soweit man sehen kann, ist das Land damit besät." „Stop, Bolton! Wir sprechen hier nur von dem, was Sie bereits zusammengelesen haben. Wie hoch schätzen Sie den Wert davon?" Während Andrew es sagte, griff er nach Bleistift und Papier. Bolton schwieg und überlegte. Bisher hatten Garrison und er es vermieden, Andrew irgendwelche genaueren Angaben zu machen. Zögernd begann er zu sprechen. „Es könnte recht wohl sein, daß bis zu zehn Prozent Gold in dem Erz stecken —" Andrews Bleistift glitt über das Papier. „Zehn Prozent von hundert Tonnen sind zehn Tonnen oder zehntausend Kilogramm, Mr. Bolton. Das wären ja an die 5 Millionen Dollar. Ja Mann Gottes, genügt Ihnen denn das immer noch nicht?" „Wenn man tausend Tonnen hätte — wenigstens tausend Tonnen, Captain Andrew." „Würde man nicht wissen, wie man sie an den Mac-Murdo-Sund und ins Schiff bringen sollte. Schon die hundert Tonnen werden uns allerlei Kopfschmerzen machen. Notgedrungen fügte sich Bolton schließlich den Gründen Andrews. Er konnte sich ihnen nicht verschließen, aber das Herz blutete ihm bei dem Gedanken, daß so viel von dem kostbaren Erz in der Antarktis zurückbleiben sollte, und es erfüllte ihn mit Bitterkeit, daß vielleicht irgendein anderer kommen und diefe Schätze heben könnte. Andrew saß bei seinen Instrumenten, mit allerlei Messungen beschäftigt, als Bolton die Depeschen in der Hand zu ihm kam. „Begreifen Sie das, Captain? Ich offen gestanden nicht. Gleich vier Expeditionen wollen im nächsten Sommer auf einmal in die Antarktis? Sind denn die Leute in den Staaten übergeschnappt?" Schweigend schob ihm Andrew ein anderes Blatt hin. Es war ein neuer Funkspruch, erst vor wenigen Minuten ausgenommen. Bolton las ihn und fühlte seine Knie schwach werden. Scherfällig ließ er sich auf den nächsten Stuhl nieder. „Was heißt das, Andrew? Deutschland löst seine Banknoten wieder in Gold ein? Was soll das bedeuten?" „Ich nehme an, Mr. Bolton, daß Deutschland in seiner neuen Kolonie eine ergiebige Goldmine entdeckte, die ihm den Luxus erlaubt, wieder zur Goldwährung znrückzukehren. Damit haben Sie auch gleich die Antwort auf Ihre übrigen Fragen. Mit wissenschaftlichen Dingen haben diese Expeditionen nach meiner Meinung wenig zu tun.“ Eine geraume Weile blieb Bolton schweratmend aus seinem Stuhl sitzen. Er brauchte Zeit, um diese Neuigkeiten zu verdauen. Andrew überließ ihn sich selber und widmete seine ganze Aufmerksamkeit einem neuen, hochempfindlichen Bathometer, das die Scherkraft bis aus Bruchteile eines Grammes genau registrierte. „Es wäre nicht ausgeschlossen, daß hier Gold in größeren Mengen vorhanden ist", sagte er mit einem Blick auf die von dem Meßinstrument gezeichneten Kurve, „aber es muß sehr tief liegen. Es dürfte tcmm möglich Sein, es zu erreich . ..“ Boltons Stimme fuhr dazwischen. „Höchste Zeit, Captain Andrew, daß wir unser Gold in Sicherheit bringen. Es mutz in den Staaten längst auf dem Markt sein, bevor die andern hierherkommen. Wir müssen sofort alles an den Mac-Murdo-Sund schaffen und nach Frisko funken, damit die ,City of Boston' rechtzeitig da ist.“-- Im deutschen antarktischen Institut trug der lange Dr. Schmidt während der nächsten Tage und Wochen mit gewohnter Methodik und Sorgfalt die Peilmeldungen über die Andrewsche Expedition in eine Karte ein. Er war eben wieder damit beschäftigt, als ein Stratosphärenschisf von der Kraterstation her ankam und Reute zu ihm ins Zimmer trat. „Sie funkten mir, Kollege Schmidt, daß die Andrewsche Expedition in diesem Jahre unsere Kreise nicht mehr stören wird“, fragte er beim Hereinkommen. „Es wäre sehr erfreulich, wenn Sie recht hätten, Herr Ministerialrat. Soviel ich über die beiden Amerikaner gehört habe, werden sie sich von ihrem Erz kaum trennen, sondern mit nach Frisko fahren. Ein Glück wär's, wenn wir sie hier wirklich loswürden. Captain Andrew ist reiner Wissenschaftler, ein durch und durch anständiger Kerl und wird uns nicht stören.“--- Ganz so wie Schmidt die Dinge im Geiste sah, spielten sie sich nun in Wirklichkeit nicht ab. Der lange Schmidt wußte ja nichts von dem Zusammenbruch Garrisons und der Erkrankung Boltons. Noch immer hatte Garrison sorgsame Pflege nötig, und auch Bolton durfte sich nicht persönlich an dem Einladen der Erzstapel beteiligen. Das besorgten jetzt Parlett und Vowson gegen eine reichliche Extrabezahlung. Aber Bolton ließ es sich nicht nehmen, dabeizustehen, und dreimal hatte es zwischen Andrew und ihm schon mächtigen Krach gegeben, weil er jedesmal mehr Erz mitnehmen wollte, als sich mit der Tragfähigkeit des Wagens vereinbaren ließ. Jetzt waren sie zum vierten Male dabei, Ladung zu nehmen, und sie hatten Eile damit. Schon war die'Sonne unter den Horizont gesunken, und die Dämmerung der aufkommenden Polarnacht begann einzusetzen. Nach den letzten Funksprüchen befand sich die ,City of Boston' auf dem Wege zur Antarktis bereits in der Nähe des Polarkreises und meldete von dort neues Treibeis. Es kam alles darauf an, mit dem Rest der wertvollen Beute rechtzeitig die Küste zu erreichen und sich einzuschifsen, bevor die Eisverhältnisse noch schlechter würden. Um Tage, vielleicht sogar nur um Stunden ging es, wenn man in diesem Jahr noch glücklich von der Antarktis fortkommen wollte. Eine fünfte Fahrt war bei der Knappheit der Zeit vollkommen ausgeschlossen. Das wußte auch Bolton sehr gut und in seiner Goldgier ließ er sich zu einem Schritt hin- reißen, der schwerwiegende Folgen nach sich ziehen sollte.--- Um zwei Uhr morgens nach mitteleuropäischer Zeit fing der neue Funker, der jetzt an Lorenzens Stelle in der deutschen Station seines Amtes waltete, einen Hilferuf der Andrewschen Expedition auf. -.Also doch!' war alles, was Dr. Schmidt über die verkniffenen Lippen brachte, als man ihm das Telegramm vorlegte. Es war in englischer Sprache gehalten, und die wenigen Worte darin erhellten ihm blitzartig die Situation. Natürlich hatten die Amerikaner in ihrer Sucht, möglichst viel von dem Erz mitzunehmen, den Wagen überladen und ebenso natürlich war der unter der übermäßigen Belastung zusammengebrochen. Während Dr. Schmidt diesen ersten Notruf noch studierte, kam der Funker bereits mit einem zweiten Telegramm, demzufolge die Lage noch ernster schien. Das Fahrzeug Andrews war demnach im Begriff gewesen, einen ziemlich steilen Abhang hinaufzufahren, als in dem letzten Teil des Getriebes, der die Motorkraft auf die in der Raupenkette laufenden Räder übertrug, ein Bruch eintrat. Schon in der Ebene wäre das ein übler Zwischew- fnH gewesen, hier wurde es noch schlimmer. Infolge der übertriebenen Belastung begann der Wagen, jetzt nicht mehr vom Motor gehalten, rückwärts zu Tale zu rollen. Schnell und immer schneller ging die Fahrt rückwärts, während das angebrochene Getriebe restlos zermalmt und zerstört wurde. Bei der Schnelligkeit, mit der sich alles abspielte, verlor der Fahrer in der Dunkelheit die letzte Gewalt über den mächtigen Tankwagen, ©teuer* . rchfe, das,Fahrzeug einen Steilhang hinab und prallte schließlich in eme (ststluft, in der er mit jähem Schlag und Ruck fast senkrecht steckenblieb. Im Süllen bewunderte Dr. Schmidt die eiserne Ruhe Captain Andrews, per m solcher Lage noch eine genaue Ortsbestimmung gemacht hatte und m dem zweiten Funkspruch die Stelle des Unfalls auf Bogenminuten ßcnau angab. Der Doktor zeichnete den Punkt auf derselben Karte ein, auf bet er bereits die früheren Fahrten der Andrewschen Expedition mar« kE, und maß die Entfernung bis zur deutschen Station ab. Es waten etwas mehr als siebenhundert Kilometer. Auch bei forcierter Fahrt gewngendeutschen Wagen 24 Stunden gebrauchen, um dorthin zu tionen g^^gte noch, als der Funker wiederkam und um weitere Jnstruk« hip Sie erst bei Captain Andrew an, ob der Motor noch läuft und m’d?1 u»d Wärme in ihrem Wagen haben. Wenn ja, i- . ber Antwort zu mir, wenn nein, nehmen Sie sofort Ver- abkömmiich^ist " Kraterstatwn und fragen Sie, ob ein Stratosphärenschisf Wicbetd’r ro°‘11' Ministerialrat“, sagte der Funker und verschwand ™-1 ns''L°,rs'i!"0 oller Knappheit zweifellos sachlich richtig. "r er bubei übersehen und tonnte es auch beim besten Willen nicht wljten. Den Umstand nämlich, daß ,St IIh' mit Hein Eggerth und Berkoss als Piloten an Bord nach Ablieferung einer Ladung Treibstoff vor kurzem die Kraterstation verlassen hatte. „Wollen doch mal hören, was der biedere Schmidt in seinem Bau treibt, vielleicht erwischen wir ein Lebenszeichen von ihm“, meinte Berkoss und stellte den Empfänger des Stratosphärenschisses auf die Welle der deutschen Station ein. Von Dr. Schmidt vernahm er zunächst nichts, aber er tarn I gerade noch zurecht, um den zweiten Notruf der amerikanischen Expedition aufzufangen, der auf dieser Wellenlänge von Andrews Funker gegeben I wurde. Eilig notierte er die Ortsbestimmung. „Was gidt's?" fragte Eggerth, der ihn schreiben sah. „Schöne Geschichte, Hein. Captain Andrew hat einen .Breakdwon', der nicht von schlechten Eltern zu sein scheint. Sein Wagen steckt kopfheister in einer Eiskluft. Er bittet Schmidt um schnelle Hilfe.“ Noch während er sprach, hatte Hein Eggerth ihm das Blatt aus der Hand genommen und verglich die Ortsbestimmung mit der Karte neben der automatischen Steuervorrichtung des Stratosphärenschisses, die den jeweiligen Standort des Schiffes selbsttätig anzeigte. Berkoss hörte und schrieb! inzwischen weiter, schüttelte den Kops und brummte vor sich hin. „Schlechte Aussicht für Captain Andrew. Im Augenblick kein anderes! Schiff am Krater. Schmidts Wagen können vor vierundzwanzig Stunden! nicht an der Unfallstelle sein.“ „Aber wir, Georg! Wenn wir unfern Motoren etwas Kattun geben, können wir in einer guten Stunde da fein." Noch während er es sagte, griff Hein Eggerth in die Steuerung, das Schiff beschrieb einen Viertelkreis und jagte auf neuem Kurs der Stelle zu, au der Andrews Tankwagen vom Verhängnis ereilt worden war. „Sage mal, Georg, beißen sie dich, oder aus welchem andern Girunbe kratzt du dir so nachdenklich deine Tolle?“ frgate Eggerth nach einiger Zeit, i „Hm, Hein — hm wie stellst du dir eigentlich unser Wiedersehen mit den Herren Garrison und Bolton bot?“ „Ei verdammt ja! Aber das hilft nun nichts, wir müssen Captain Andrew mit seiner Karre aus dem Dreck ziehen." „Müssen wir, Hein. Ist unsere Pflicht. Captain Andrew wird uns auch dankbar dafür sein. Aber ich fürchte sehr, daß Bolton und Garrison bei der Gelegenheit die alte Geschichte von der Robinson-Insel aufs Tapet bringen werden. Wie wollen wir uns da verhalten?" Die beiden Piloten überlegten hin und her, aber sie sanden keine rechte Antwort auf die schwierige Frage. „Ah, bah", meinte Berkoss schließlich und zündete sich eine Zigarette an. „Wir wollen die Dinge einfach an uns herankornmen lassen. Im entscheidenden Moment wird uns schon eine passende Antwort einfallen. Vielleicht ist es am besten, wenn wir uns absolut dumm ftellen — so tun, weißt du, Hein, als ob die Amerikaner die Geschichte von der Insel überhaupt nur geträumt haben. Wer-weiß, in welchem Zustand wir sie vorfinden, vielleicht glauben sie's sogar am Ende selber." Schon während der letzten Worte hatte Berkoss wieder zum Bleistift gegriffen und notierte die Funksprüche mit, die zwischen Captain Andrew und der deutschen Station hin und herflogen. „Aha! Das ist es Hein. Sie erwarten ihren Dampfer, die ,City of Boston", im Mac-Murdo-Sund, möchten ihn mit dem havarierten Wagen noch erreichen, bevor das Eis in der Bucht zugeht — leicht gesagt, aber schwer getan, mein lieber Captain Andrew. Den Wunsch wirst du Dir wohl verkneifen müssen." Geraume Zeit schwiegen beide. Sie waren bet Unfallstelle jetzt so nahe, daß genaue astronomische Ortsbestimmungen notwendig wurden, die Ber- koff für die nächsten Minuten vollauf in Anspruch nahmen. Als er sie hatte, schob er sie Hein Eggerth hin, der danach den Kurs des Stratosphärenschiffes ein wenig änderte und halblaut bemerkte: „Bielleichtkönnen wir dem Captain seinen Wunsch doch erfüllen. ,St llh' fliegt fast leer. Wir haben diesmal nur wenig mehr als zwei Tonnen Gold an Bord genommen.“--- Es sah böse in dem amerikanischen Wagen aus, als er nach dem Unfall endlich zum Stillstand kam. Zwar steckte er nicht .kopfheister', wie Berkoss sich ausdrückte, in der Eiskluft, sondern mit dem Vorderteil höher als mit den Hinterrädern, aber um einen Winkel von mehr als 45 Grad geneigt. Selbst in unversehrtem Zustand haätte er sich mit eigener Kraft nicht herausarbeiten können. Mtooren und Dynamomaschinen waren außer Betrieb. Glücklicherweise hatte die Akkumulatorenbatterie nicht gelitten, aber ihre Leistung war begrenzt. Längst bevor die deutschen Wagen hier sein konnten, mußte sie erschöpft fein. Ohne Licht und ohne Verstandigungsmöglichkeiten mit der Außenwelt würden die Jnfassen des verunglückten Wagens bann allen Unbilden der Polarnacht preisgegeben fein. Sofort nach dem Unglück war Andrew an die Funkanlage geeilt. Er atmete auf, als er sie unversehrt fand und die Verbindung mit der deutschen Station aufnehmen konnte. Das Ergebnis war freilich wenig befriedigend. Vor vierundzwanzig Stunden konnte die deutsche Hilfe nicht zur Stelle fein. Er übergab die Anlage danach wieder Bowser und ging in den Raum, in dem Garrison lag. „Es hat keinen Zweck mehr, über geschehene Dinge zu sprechen, Mr. Garrison“, unterbrach er dessen Rede. „Es ist besser, wenn wir uns über unsere weiteren Maßnahmen klarzuwerben versuchen. Die Aussicht, Die »City of Boston' noch rechtzeitig zu erreichen, ist natürlich zum Teufel. Sie dürste schon jetzt im Mac-Murdo-Sund kreuzen und vergeblich auf uns warten.“ Bolton wollte mit allerlei Vorschlägen dazwischenfahren, aber Andrew hieß ihn schweigen. „Ich kenne die deutschen Fahrzeuge nicht genauer, Gentlemen', aber es m mir mehr als zweifelhaft, ob sie stark genug sind, um unfern Wagen ans der Kluft herauszuziehen. Wir werden vielleicht gezwungen sein, ihn hier bis zum nächsten Frühjahr liegen zu lassen und die Gastfreundschaft der deutschen Station in Anspruch zu nehmen. So, Mr. Bofton, das wollen wir mal erst als das wahrscheinlichste voraussetzen. Jetzt können Sie Ihre Vorschläge, was weiter geschehen soll, machen. Die vergebliche Fahrt der Citv of Boston' geht selbstverständlich auf Ihre Rechnung—." y| (Fortsetzung folgt.) Oie Schlittschuhe. Von Conrad Ferdinand Meyer. „Hör, Ohm! In deiner Trödelkammer hangt Ein Schlittschuhpaar, danach mein Herz verlangt! Von London hast du einst es heimgebracht, Zwar ist es nicht nach neuester Art gemacht. Doch damasziert, verteufelt elegant! Dir rostet ungebraucht es an der Wand, Du gibst es mir!" Hier, Junge, hast du Geld, Kauf dir ein schmuckes Paar, wie bir’s gefällt! „Ach was! Die damafzierten will ich, deine! Du läufst ja nimmer auf dem Eis, ich meine?" Der liebe Quälgeist läßt mir keine Ruh, Er zieht mich der verschollnen Stube zu; Da lehnen Masken, Klingen kreuz und quer An Bayles staubbedecktem Diktionär, Und seine Beute schon erblickt der Knabe In dunkelm Winkel hinter einer Truhe: „Da sind sie!" Ich betrachte meine Habe, Die Jugendschwingen, die gestählten Schuhe. Mir um die Schläfen zieht ein leiser Traum.. „Du gibst sie mir!' ...In ihrem blonden Haar, Dem aufgewehten, wie sie lieblich war, Der Wangen edel Blaß gerötet kaum! ... In Nebel eingeschleiert lag die Stadt, Der See, ein Boden spiegelhell und glatt, Drauf in die Wette flogen, Gleis an Gleis, Die Läufer; Wimpel flaggten auf dem Eis ... Sie schwebte still, zuerst umkreist von vielen Geflügelten wettlausenden Gespielen — Dort stürmte wild die purpurne Bacchantin, Hier maß den Laus die peinliche Pedantin — Sie aber wiegte sich mit schlanker Kraft Und leichten Fußes, luftig, elsenhaft Glitt sie dahin, das Eis berührend kaum. Bis sich die Bahn in einem weiten Raum Verlor und dann in schmalre Bahnen teilte. Da lockt es ihren Fuß, in Einsamkeiten, In blaue Dämmrung hinauszugleiten, Ins Märchenreich; sie zagte nicht und eilte Und sah, daß ich an ihrer Seite fuhr, Nahm meine Hand und eilte rascher nur. Bald hinter uns verklang der Menge Schall, Die Wintersonne sank, ein Feuerball; Doch nicht zu hemmen war das leichte Schweben, Der selge Reigen, die beschwingte Flucht, Und warme Kreise zog das rasche Leben Auf harterstarrter, geisterhafter Bucht An uns vorüber schoß ein Fackellauf, Ein glüh Phantom, den grauen See hinaus... In stiller Luft ein ungewisses Klingen, Wie Glockenlaut, des Eises surrend Singen ... Ein dumps Getos, das aus der Tiefe droht — Sie lauscht, erschrickt, ihr graut, das ist der Tod! Jäh wendet sie den Lauf, sie strebt zurück, Ein scheuer Vogel, durch das Abenddunkel Dem Lärm entgegen und dem Lichtgefunkel, . Sie löst gemach die Hand . o Märchenglück! ... Sie wendet sich von mir und sucht die Stadt, Dem Kinde gleich, das sich verlausen hat — „Ei, Ohm, du träumst? Nicht wahr, du gibst sie mir. Bevor das Eis geschmolzen?" ... Junge, hier. Pantalon. Eine Komödiantengeschichte von Paul E r n st. Pantalon ist Familienvater, aus der Bühne wie im Leben. Er hat zwei Töchter, auf der Bühne wie im Leben; sie heißen Isabelle und Aurelie, auf der Bühne wie im Leben. Der Vorhang ist noch nicht hochgegangen, aber das Publikum sitzt schon erwartungsvoll; von der Galerie werfen die Jungen zum Zeitvertreib den feinen Herren im Parkett Orangenschalen auf den Kopf, und feine Damen in den Logen schleudern Blicke durch ihre schwarzen Schleier, Blicke, welche eigentlich die Schleier in Flammen ausgehen lassen müßten. Pantalon hat in der ersten Szene nichts zu tun, aber er steht noch vor seinen Töchtern: Isabelle näht und Aurelie spielt auf der Laute, oder vielmehr sie wird spielen, wenn der Vorhang hoch geht. „Das wahre Glück ist nur in der Familie zu finden , sagt er zu seinen Töchtern, „aber es will durch die Tugend verdient werden." „Ach, Papa, es ist so furchtbar schwer, tugendhaft zu sein, wenn man beim Theater ist , seufzt Isabelle und läßt ihr Nähzeug sinken. „Ich könnte mich ja wieder verheiraten, wenn ich wollte; Colombtne liebt mich", fährt würdevoll Pantalon fort; Aurelie lächelt, sieht schräg zu ihm hin und sagt: „Du mußt die Hustenkaramellen nehmen, die alle alten Männer gebrauchen; es ist schrecklich, jeden Morgen hustest du zwei Stunden lang." „Das ist ein Gesundheitshusten", erwidert Pantalon; „Junge Leute, deren Gesundheit noch schwankend ist, haben ihn nichts man bekommt ihn erst, wenn man sich den Siebzigern nähert und der Körper sich gesetzt hat." Das Publikum wird ungeduldig und trampelt. Isabelle sädelt eine Nadel ein und sagt: „Sie sind schon unruhig, aber der Inspizient zieht den Vorhang nicht eher hoch, bis er vom Direktor seine Gage hat." „Er hat recht, der junge Mann, er ist kein Künstler, er ist nur ein Söldner", antwortet ernsthaft Pantalon. „Aber was ich bei dieser Gelegenheit sagen wollte: ich habe zwei Partien für euch. Meine Kindes ich kann ruhig sterben, ich verlasse euch versorgt in dieser horten Welt^ er zieht sein buntes Taschentuch, schneuzt sich, besieht nachdenklich da» Geschneuzte und steckt das Taschentuch wieder ein. Die beiden Mädchen lachen aus vollem Halse: „Der Doktor und der Notar!" „Sie sind meine Freunde", erwidert Pantalon. „Jugendfreunde", werfen die beiden ein. „Ja, Jugendfreunde", sagt der Vater. „Sie sind Männer, Männer in ihren besten Jahren. Meint ihr, wen» — wenn — ich alter Karrengaul, ich werde in den Sielen sterbe»; mein Vater ist in den Kulissen gestorben und mein Großvater; sie waren beide die ersten Pantalons ihrer Zeit, und damals war noch eine andere Zeit, da gab es noch Theater, da konnten die Schauspieler noch sprechen!" Er wird gerührt, trocknet sich die Tränen. „Aber Papachen, wer denkt denn wohl ans Sterben!" rufen die Töchter und springen aus, umarmen ihn, halten ihre blühenden, weih und rot geschminkten Wangen ganz nahe an seine graugeschminkten Runzeln. „Noch gestern hat Colombine geseufzt, wie du vorbeigingst, du hast es nur nicht gemerkt." „Hat sie das?" fragt Pantalon lebhaft; dann tätschelt er ihre Hand und sagt: „Ihr seid gute Kinder; ihr habt euer Papachen lieb. Aber denkt an mich. Leander und Lelio find junge Männer. Auf junge Männer ist kein Verlaß." Die beiden kichern und rufen aus: „Aber Papachen, wer hat denn noch vorige Woche an Coraline einen Rosenstrauß geschickt mit einem Gedicht!" „Die Rosen haben nichts gekostet", erwidert er eifrig; „der Conte hat sie gesendet, sie sollte» eigentlich für euch sein. Wo werden ich denn Geld für Rosen ausgeben! Der Conte hat auch nichts dafür bezahlt ..." „Der Conte?" antworten ihm die Schönen, „und du haft uns nichts gesagt davon!" Wo werde ich euch etwas davon sagen!" erwidert er eifrig. „Ich bin Vater! Meine Töchter sind mein Höchstes! Was ist für mich der Conte! Luft ist er für mich!" „Aber er erbt doch einmal!" wirst nachdenklich Aurelie ein. „Wann?" fragt kaltblütig Pantalon. Aber nun kommt eilig und schwitzend der Inspizient, fragt fluchend, was Pantalon auf der Bühne zu suchen hat, Pantalon verschwindet in den Kulissen, seinen Töchtern noch ein zärtliches Kußhändchen zuwerfend; die Klingel ertönt, der Vorhang geht hoch, Aurelie spielt und singt zur Laute. Isabelle läßt ihre Arbeit in den Schoß sinken und sieht ihr mit gerührtem Gesichtsausdruck zu. Dus Publikum ist fasziniert. Leander und Lelio erscheinen, die Mädchen erzählen, daß Pantalon sie an den Doktor und an den Notar verheiraten will; alle vier lachen; wie die Mädchen lachen können! Aurelie hat ein wundervolles silbernes Lachen, sie hat es von ihrem Vater geerbt; ihre Mutter hatte doch damals die Liebschaft mit dem jungen Duca! Pantalon trocknet sich, vorsichtig, damit er die Schminke nicht schädigt, im linken Auge eine Träne der Rührung. Lelio gibt eine Beschreibung von Pantalon: so geizig soll er fein, daß er seine Nägelabschnitzel aufhebt und an die Bauern als Dünger verkaufen will, daß er die Hausglocke umwickelt, damit die Luft im Haus nicht durch das Schellen abgenutzt wird; Pantalon lächelt geschmeichelt: durch seine Sparsamkeit hat er doch ein hübsches Vermögen zusammengebracht; nun sollen seine Töchter nur den Doktor und den Notar heiraten, die haben auch gespart; da kann er unbesorgt sterben. Isabelle singt; sie hat eine herrliche Altstimme, es wäre besser gewesen, wenn sie Sängerin geworden wäre, sie bekäme eine ganze andere Gage. Die Stimme hat sie von ihrem Bater, ihre Mutter hatte doch damals die Liebschaft mit dem schönen Franziskaner! Das Publikum klatscht Beisall, ruft Dakapo, jawohl, Dakapo! Ach, wie lange ist das alles her, als Aurelie geboren wurde und Isabelle! Jetzt kommt Pantalons Stichwort; er tritt auf, donnert gegen die beiden Mädchen, die Liebhaber sind in dem großen Schrank versteckt; Pantalon will den Schrank öffnen; der Schlüssel ist nicht da; das Publikum windet sich vor Lachen; ja, wenn einer von den alten Schauspielern auftritt, aus der großen Zeit der Schauspielkunst, das ist doch eine andere Sache! Pantalon kündigt den Töchtern an, daß der Doktor und der Notar gleich kommen müssen, der Notar bringt Pulcinella mit, der Schreiber bei ihm ist, die Heiratsverträge sollen sofort aufgesetzt werden. Und dann kommen wirklich die drei; der Doktor, der Notar und Pantalon spielen zusammen, drei von der alten Garde; schon vor vierzig Jahren haben sie zusammen gespielt. Das Publikum trampelt vor Vergnügen, hält sich den Bauch, die Jungens auf der Galerie werfen Apfelsinen auf die Bühne vor Bewunderung. Nun erzählen die drei, wie es alles war vor vierzig Jahren, und was sie für Schwerenöter gewesen sind, als sie noch jung waren, und die Tränen der Rührung über die glückliche, die selige, die unwiderbringliche Jugend kollern Pantalon über die Vacken. Pulcinella hat sein Buch aufgeschlagen, sein Tintenfaß aufgestellt, die Heiratsverträge sollen unterschrieben werden. Aber wo sind die Mädchen? Während die Alten erzählen, und Pulcinella sein Buch zurecht macht, haben sie leise hinter ihnen den Schrank ausgeschlossen und sind mit den Liebhabern entflohen. Nun stehen die drei Alten allein und klagen, Pulcinella weint Über die entgangenen Sporteln, der Vorhang fällt, der Beifall tost, die Jungens auf der Galerie rasen vor Vergnügen. Wo fini> Isabelle und Aurelie, Leander und Lelio! In den Kulissen sind sie nicht. Der Notar und der Doktor suchen überall; Pantalon hat sich selig lächelnd nach hinten geschlichen, wo vom gestrigen Abend noch allerhand Dekorationen stehen. Er fetzt sich in einen rosenbekränzten Wagen, der von zwei Tauben an rosa Bändern durch die Lüfte gezogen wird; lächelnd neigt er das Haupt und entschlummert. Auf der Bühne spielen die anderen Komödianten, das Publikum klatscht und trampelt, dann sinkt der Vorhang zum letzten Mal, das Publikum geht nach Hause, die Lichter erlöschen, Die Schauspieler fchlüpsen eilig durch ihre kleine Hintertür auf die Straße; Pontalon aber sitzt in seinem rosenbekränzten Wagen und schläft lächelnd; und wie am anderen Morgen die Frauen kommen zum Fegen und Wischen, finden sie den alten Mann steif und kalt; er ist gestorben in seinem rosenbekränzten Wagen, der von zwei Tauben an rosa Bändern durch die Luft gezogen wird; und um die spitz gewordene Nase schwebt ein Überirdisches Lächeln. Winterlandschast. Von Friedrich Hebbel. Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche, Bis auf den letzten Hauch von Leben leer; Die muntern Pulse stockten längst, die Bäche, Es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr. Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise, Erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab, Und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise, So gräbt er, glaub ich, sich hinein ins Grab. Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend, Wirft einen letzten Blick aufs öde Land, Doch, gähnend auf dem Thron des Lebens sitzend, Trotzt ihr der Tod im weihen Festgewand. Oer unbekannte Ingenieur. Von Heinrich Hauser. Mann unter Volldampf. In vielerlei Gestalt habe ich ihn kennengelernt: Er saß in weißem Kittel in der hölzernen Bude seines Büros, mitten zwischen den Werkstätten. Aus seinem Fenster schaute er auf die gewaltige Maschinerie, deren Herr er war, aber sein Arbeitsraum war einfach, wie ein Siedlerhaus: Ein Tisch, ein Telephon, ein eiserner Kanonenofen, ein Regal, ein Stuhl für Besucher und an der Wand ein Plan des Werkes, das war die ganze Einrichtung. Es gab auch keine Voranmeldung und keine Türhüter; jeder, der etwas wollte, kam ohne weiteres herein. Die Papiere auf dem Schreibtisch waren mit Eisenproben beschwert, auf dem Fensterbrett lag eine Sammlung defekter Maschinenteile. Es ging rauh und herzlich zu, etwa wie auf einer Baustelle einer Bahnlinie in der Wüste oder wie in einem Regimentsunterstand. Freimütig dröhnte seine Stimme durch drei Holzwände hindurch, wenn er die Stenotypistin rief, er schwang das Telephon wie eine Hantel und zwischen hochdeutschen, zahlengespickten Worten in den Hörer hinein flogen kernhafte Aussprüche in echtestem Ostpreuhisch einem Arbeiter an den Kopf, der verlegen die Mütze in der Hand drehte, und verwandelten sich in unverfälschtes Westfälisch bei dem nächsten Mann. Zwar hatte er, wie die meisten Sterblichen nur einen Mund, aber irgendwie brachte er es trotzdem fertig, nebenher noch aus einer schwarzen Zigarre dicke Wolken zu passen: der ganze Mann stand sichtlich unter Volldampf. Er war fünfunddreißig, Betriebsingenieur, Leiter einer wichtigen Abteilung. Seit fünf Jahren hatte er vierhundert Mann unter sich und verdiente so gutes Geld wie ein höherer Staatsbeamter. Napoleon in der Werkhalle. Einen anderen traf ich, der inmitten feiner von Arbeit tobenden, dröhnenden, von Weißglut und Schlagschatten durchzuckten Abteilung stand, wie Napoleon bei Austerlitz Sein grüner Lodenmantel war erheblich abgeschabt; viele runde, schwarzrandige Löcher waren in ihn und in das verwogene Hütchen hineingebrannt, mit dessen Krempe er sich gegen die Hitze schützte. Irgendetwas ging schief: Glutschlangen aus Eisen entgleisten, schossen wildschlagend in die Luft, prallten gegen stählerne Schutznetze. Mit drei Sätzen war er an der Gefahrenstelle, packte ein Beil, durchhieb einige der tobenden Schlangenleiber, packte eine Zange Und zerrte die erlöschenden Leiber aus dem Weg. Kein Mann hätte so etwas wagen können, dem nicht feder Handgriff in Fleisch und Blut übergegangen war. Der Herr der Geislerfabrlk. Mit einem dritten lief ich in einer sehr unheimlichen Fabrik herum, die aussah, wie eine ins Gigantische gewachsene Hexenküche: Es war eine Stickstoffabrik; sie arbeitete mit unvorstellbar hohen Drücken und unvorstellbar tiefen Temperaturen. Vom Herstellungsprozeß war kaum etwas zu sehen, weil er sich hinter dicken Stahlwänden, in explosions- fidjeren Wänden eingemauert verbarg. Wir gingen einen endlos langen, Marmor- und nickelschimmernden Gang entlang, von dessen Wänden viele hundert große Lichteraugen farbig leuchteten. Strahlend erklärte er, tpte diese Augen das Unsichtbare spiegelten, wie er durch sie die geheimsten Vorgänge hinter den Panzerwänden verfolgen könne. Er öffnete eine dieser Augenkammern und zeigte mir die unendlich seine Mechanik, die auf langsam rotierende Trommeln farbige Linien schrieb: Temperaturlinien, Drucklinien, Linien der Gaszusammensetzung und Menge. Winzige Elektromotoren summten dünn, winzige Zahnräder drehten sich nraaeiw Zahn um Zahn, magnetische Hämmerchen lösten sich jäh aus teritarrung, pochten und hingen wieder reglos zwischen bläulichen Stahl- federn. Ein halbes Dutzend Männer in Arbeitskleidung stand, scheinbar untätig in dem Marmorgang, in die Betrachtung der farbigen Lämpchen t>er,unten bei der Sauberkeit und Eleganz des Raums hätten sie grade- jogut Gesellschaftskleidung tragen können. Sie waren die Wächter der fast automatisch arbeitenden Fabrik All diese unendlich komplizierten Fernkontrollen hatte dieser junge Ingenieur selbständig eingerichtet Nachdem sein Plan einmal von der -Otrettmn genehmigt war, hatte er in der Ausführung freie Hand gehabt, »le Sabrtf bestand drei Jahre, aber schon zeigte sich die Notwendigkeit, Produktionsprozeße zu verbessern, Anlagen von der Größe eines mitt- T* C«er ^elle auf die andere zu schieben, Neubauten zu schotten mit dem Kostenaufwand von Millionen. Würde er seine fpiane durchfuhren können? - Wenn er einen Nutzen nachwies, ohne Zweifel. Wenn er sich aber in seinen Berechnungen irrte, dann würde er sich auf seinem Posten wohl nicht halten können. Eine erstaunliche Machtfülle und Verantwortung war in die Hände dieses jungen Mannes gegeben, der sich in feinem grauen Kittel fo gar nicht von feinen Arbeitern und Werkmeistern unterschied. Jugend und Wagemut waren wohl notwendig in einer fo schnell sich wandelnden Industrie; ihr menschlicher Ausbau schien nach dem Prinzip Napoleons sich zu vollziehen: Junge Offiziere — alte Soldaten. Der Sieger. Ein vierter, ein Bergbauingenieur diesmal, schilderte mir achthundert Meter unter Tag angesichts einer Zementwand, die den Stollen abschloh, dramatisch den großen Wassereinbruch, der hier einmal erfolgt war. Das war im Krieg gewesen, bei einem allgemeinen Mangel an Maschinen; Maschinenleistung aber brauchte man, um der Wassermassen Herr zu werden. Mit einem mühsam aufgetriebenen Auto fuhr dieser Ingenieur von Werk zu Werk im Revier, um auf irgendeine Art Elektromotoren und Pumpen herbeizuschaffen. Schließlich sand er einen entbehrlichen Motor von tausend Pferdekräften, verlud ihn und fuhr selbst mit ihm im offenen Waggon, einen Tag und eine Nacht bei strenger Kälte. Dramatisch war es, wie sie bann im letzten Augenblick den Schacht erreichten, wie die Sprengmannschaft hastig ein genügend großes Loch auf der zweiten Sohle in den Berg schoß, um den Motor aufzustellen. Wie sie dann um ihn herumstanden in atemloser Erwartung, als man den Schalthebel herumwarf und der mächtige Motor mit tiefem Dröhnen anhub zu arbeiten. Wie sie oben in Jubelrufe ausbrachen, als das Waffer in manndickem Strahl aus dem Schacht hervorschoß, als der Wasserspiegel sank und die Grube gerettet war. In der Schilderung von dem sieghaften Gesang der Maschine, der die Rettung brachte, klang etwas wie in dem Choral „Nun danket alle Gottl"; klang etwas von Heldentum und Kampf, was mir unvergeßlich bleiben wird. Der unbekannte Ingenieur über Sowjet-Rußland. Mit einem fünften Ingenieur sprach ich über Sowjetrußland, das er grabe bereift hatte. Bei ihm überraschte mich die überaus knappe Formulierung russischer Probleme, vom Standpunkt des Technikers aus, der so völlig anders war, als der des typischen Berichterstatters. Er sah die Industrialisierung Rußlands als einen Wettlauf zwischen der technischen Erziehung des russischen Menschen zum Facharbeiter und zum Ingenieur und der Dauerhaftigkeit der importierten Maschinen. Beim jetzigen Zustand der Dinge würden, fo meinte er, die importierten, wertvollen Maschinen durch unsachgemäße Behandlung sehr schnell zerstört. Gelang es rechtzeitig Facharbeiter und Ingenieure in genügender Zahl auszubilden und die Maschinen durch sie zu retten, ober gelang es nicht? Von biefer Frage hing ber Erfolg bet Industrialisierung ab. Dieser Mann hatte sich durch Reisen einen weiten Blick erworben, und das erschien mir typisch für seinen ganzen Stand. Die meisten dieser Betriebsingenieure hatten einmal in Lothringen, im Saargebiet, in Belgien gearbeitet, überall, wo es Schwerindustrie gab, und da ihr Beruf sie dauernd mit dem Volk in Berührung brachte, war ihr Urteil über menschliche Dinge treffend und genau. 3m Heim des unbekannten Ingenieurs. Einen sechsten besuchte ich in seinem Heim. Er bewohnte ein hübsches kleines Haus, gut ausgewählt auf der Windseite der Industrie, er hatte eine liebenswürdige, musikalische Frau, zwei Kinder, einen Garten und einen kleinen Wagen: es fehlte ihm nur an Zeit, fein häusliches Behagen zu genießen. Sie hatten eine ganze ansehnliche Bibliothek, aber bezeichnenderweise stand sie im Zimmer der Frau. „Ich lese gern ein gutes Buch", sagte dieser Mann, „aber da ich nicht viel von Literatur verstehe, bin ich so oft hereingefallen. Ich wollte moderne Autoren lesen, und wenn ich so ein vielgepriesenes Buch erwarb, bann hcmbelte es von ben sexuellen Problemen ber Heranwachsenden Jugenb ober begleichen. Das hat mich nun wirklich nicht interessiert, ja es hat mich sogar abgestoßen, und darum habe ich bie ganze Sache aufgegeben." Man hat ber Industrie oft vorgeworfen, daß sie sich zu wenig um die Musen kümmerte. Ich möchte umgekehrt den Musen vorwerfen, daß sie sich zu wenig um die Männer kümmern, die, mitten im tätigen Leben stehend, handfeste geistige Nahrung brauchen; „nützliche" Bücher im besten Sinn des Wortes, deren Gehalt sich auf irgendeine Weise an* wenden läßt im täglichen Leben, stärkende Bücher, hilfreiche Bücher, positiv gerichtete Bücher. Die gibt es natürlich; es hat mir immer Freude gemacht, einem Mann der Tat auf den richtigen Leseweg zu helfen. Taten ohne Phrasen. Die Männer, von denen ich kleine Wesenszüge zu schildern hier versucht habe, bilden bei aller menschlicher Verschiedenheit doch einen Typ: den „Unbekannten Ingenieur". Unbekannt, weil seine Arbeit so selbstverständlich wichtig ist, daß kein Aufhebens von ihr gemacht wird, am wenigsten durch ihn. Unbekannt, weil die Person zurücktritt hinter dem Werk, weil sie scheu und bescheiden kaum je von sich selber spricht, weil ihr jeder Tag ein Kampstag ist und keine Zeit bleibt, selbstbewußt zu werden. Ich halte den unbekannten Betriebsingenieur beinahe für den wichtigsten Mann im Ruhrrevier, denn er ist der Mittler zwischen Kapital und Arbeit, nicht seit heute oder gestern, sondern er ist es immer gewesen. Ihm lag die Lösung der sich widerstreitenden Interessen ob, er war der eigentliche Gestalter des Arbeitslebens im Betrieb Von ihm hing es weitgehend ab, welcher Geist den Betrieb beseelte. In ihm ruht ein sehr großer Schatz an menschlicher Erfahrung, der ungehoben ist, weil jeder feine Erfahrungen hat selber machen müssen, weil' ihm bisher kaum Gelegenheit gegeben worden ist, sie auszutauschen und der Gesamtheit dienstbar zu machen. Es wird in Zukunft die Aufgabe unserer technischen Hochschulen fein, nicht nur die Technik, sondern auch die Menschenführung im Betrieb zu lernen. kveran!wörtlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl sche Aniversitäts-Vuch- und Steindruckerei. A. Lange. Gießen.