Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 48 Montag, den 2\. Juni Jahrgang 1935 kein Wort. 30. unmittelbar aus seinem eigenen Wesen gestaltet und ausgebaut, daß die Illusionen seiner Gegenwart die letzte Vollkommenheit erreichte. Elisabeth hatte alles rings um sich vergessen und spürte nur noch, wie seine lebendige Nähe bis in die feinsten Verzweigungen ihres Blutes eindrang, in ihr Herz zurückströmte und es mit einer Wärme und Hingabe erfüllte wie am ersten Tag, an dem sie Ludwig vor Jahren begegnet war. t ... , , ,^ier — bei ihm — ist mein Schicksal, und es ist gut so, wie es auch immer aussehen mag!' war alles, was sie denken konnte. Sie dachte es viele Male, und alles Schwere, Trübe war von ihr genommen. Was auf der Leinwand folgte, war für sie nicht mehr wichtig. Sie konnte nur feststellen, daß die mitreißende Wirkung bis zum Schluß anhielt Man blieb voll Teilnahme am weiteren Schicksal des Boots- rnannes Ludwig Thiele, man lachte herzlich und war ergriffen, als die Braut sich immer deutlicher als ein leichtfertiges, oberflächliches, eitles Geschöpf entpuppte, sich zwischen die beiden Kameraden drängte und Ludwig mit dem Freund betrog. Die Schlußszene jedoch, die bet einem furchtbaren Sturm wieder auf dem Schiff spielte und bei der die Kameraden mitten in der schwersten, gesährlichsten Arbeit bereit waren zur Abrechnung miteinander, Ludwig geladen von Zorn und Verachtung Über den Verrat, der Kamerad voll stummer, höhnischer Abwehr, hinter der sich echte männliche Scham über sein eigenes Verhalten verbarg, der tödliche Kamps der beiden Männer und ihr Sichwiederfinden tn erneuter Kameradschaft über das Geständnis hinweg, daß das Madel mit ihnen beiden nur ihr sinnloses Spiel getrieben hatte, riß noch einmal alle aus einen Gipfel der Spannung. Man war überzeugt, daß der Film einen außerordentlichen Publikumsersolg ergeben würde, in Europa genau so, wie er ihn erst vor kurzem in Amerika gehabt hatte. Doktor Hartl verließ mit Elisabeth das Haus Unter den ßmben. Sogleich als das Licht wieder aufgeflammt war, hatte er die Veränderung erkannt, die Elisabeth in diesen knappen zwei Stunden durch- 9emy?er 'aud) auf der Heimfahrt nach Nikolassee sprach sie noch immer Gegen Abend trat Elisabeth in Ludwigs Zimmer. Doktor Hartl saß am Schreibtisch, und vor ihm lag ein Briefbogen, der dicht bedeckt war von seinen kleinen, klaren Schriftzügen. Sie setzte sich neben den Schreibtisch dicht am Fenster, wie damals, als er sie zu sich gebeten hatte, um ihr feine Bilanz vorzutragen „Verzeih mir, daß ich bis jetzt geschwiegen habe! begann fie, legte den linken Arm auf den Tisch und stützte den Kopf in die Handflache. Ich weiß, daß ich dich damit unruhig gemacht und dir weh getan habe. Aber ich mußte erst nachdenken..." Er war von ihrem ersten plötzlichen Du so betroffen und beglückt, daß seine Schwermut für einen Augenblick zurücktrat. Aber standen sie sich seit ihrer letzten Aussprache innerlich nicht so nahe, daß jede andere Anrede gezwungen und unnatürlich geklungen hätte? Sie gebrauchte ihr Du so selbstverständlich, als wären sie beide es seit langem gewohnt. Ich habe — dich hier erwartet — jeden Augenblick, seit wir zurück sind" antwortete er stockend. Sie nickte. „Ich mußte nachdenken... Du Lft mich ja denken gelehrt. Ich darf nicht mehr einfach zu dir kommen und dir sagen: Nein, Otto! Dort ist mein Schicksal, und es ist gut ft>, wie es auch immer aussehen mag. Das ist mein Gefühl und ist zu meiner sesten Ueberzeugung geworden. Aber du sollst nicht glauben, datz ich jetzt nur aus meinem Gefühl heraus handle, gerade weil ich von dir logisch und richtig denken gelernt habe und weiß daß mein Gefühl mit meinen Gedanken im Einklang stehen muß, soweit das überhaupt möglich ist. Darum mußt du mich jetzt ruhig anhoren, auch wenn ich mich noch unbeholfen ausdrücke. Es ist neu und schwierig für Mich. Mer ich brauche dir nur zu erzählen, wie diese Ueberzeugung in mir entstanden ist. Darüber habe ich nachgedacht und habe es auch gesunden. Bielleicht wird dir alles ein wenig sonderbar und widerspruchsvoll er- scheinen, namentlich nach dem gestrigen Abend. Ich habe mich selbst bar* über aewundert. — Heute morgen, als ich die Einladung sand, spurte ich rum erstenmal, was das wirklich heißt: mein Schicksal. Zuerst mit einem Erschrecken dann aber mit einer Gewißheit, die immer klarer und freier wurde und die dann, als ich Ludwig wiedersah, mich ganz und gar aus- füllte Er ist mein Schicksal, Otto. Das mag aussehen, wie es will — Ick habe gestern angefangen, über uns iirei zu sprechen, und wir haben so gesprochen, als ob Ludwig bei uns säße. Heute aber habe ich über alles was ich seitdem erlebte, so nachgedacht, als ob auch du fort parst, wie Ludwig. Und wie gestern alles ganz persönlich wurde, ist es heute ganz unpersönlich geworden. So unpersönlich, w,e eben bas Schicksal Kt Da ist mir klargeworden, daß Ludwigs Leoen ganz ohne Ordnung und Ruhe ist und daß deines ganz aus Ordnung und Ruhe besteht. Ich habe eine große Sehnsucht nach dieser Ordnung und Geborgenheit in meinem eigenen Leben, wie jede Frau. Ader ich muß sie selber schaffen ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 193? by August Scherl G- m. b. H.^ Berlin (Fortsetzung.) Der Film begann an Bord eines Frachtdampfers, der sich aus der Rückfahrt von Südamerika nach seinem Heimathafen San Franziska befand mitten im Stillen Ozean: eine vollendete Aufnahme des abendlichen Ozeanspiegels, in den soeben die glühende Scheibe der Sonne untergetaucht war und über dem in der Hellen tropischen Dämmerung das Kreuz des Südens flimmerte. Langsam schob sich die dunkle Silhouette des dahingleitenden Schisses in diese flimmernde Einsamkeit. Die Bugwelle begann ihr eintöniges Rauschen, das Stoßen und Stampfen der Maschine wurde lauter und taktmaßiger, und fetzt befand man ich schon auf dem Achterdeck, auf dem die wachtfteie Mannschaft Karten Leite und fang. Deutlich trat aus der untermalenden Musik die Melodie der Ziehharmonika hervor. Die Kamera wanderte weiter und es erschien auf der Leinwand der Bootsmann — Ludwig Thiele —, Der auf einer Taurolle faß, bas Instrument in ben Händen hielt und die letzte Strophe des Liedes sang. . - ., Der Film lief weiter, aber Elisabeth folgte der einfachen Handlung nur mit halbem Auge und Ohr. Mit biefem ersten Bild Lubwigs erwachten in ihrer Erinnerung alle Einzelheiten aus jener entscheidende Nacht im „Waldwinkel" wieder. So war er damals mll der Harmonika plötzlich im Saal erschienen und hatte mit seiner Melodie wie em Rattensänger alle zu Tanz und Ausgelassenheit hingerissen. So riß er auch jetzt von der Leinwand herab vorn ersten Augenblick ab alle hm. Ein Kamerad hob sich aus der Mannschaft heraus, in seiner Erscheinung, seinen Gesten und seiner Sprechweise der stakste Gegensatz zu dem Bootsmann Ludwig: ein langer, sehniger, bunte Iflebrauirt« Kann, der im Dienst und in der Freiwache Ludwigs erklärter Agner schien, mit ihm raufte und wieder für kurze Stunden Frieden schloß der m ihm trank und fang, die Koje teilte, die zum Schauplatz ihrer Kampfe und Vertraulichkeiten wurde, dem Ludwig von feiner Mutter: unb feiner Braut erzählte, breit ausladend und mit männlichen Übertreibungen. Der Hafen von San Franzisko kam in Sicht. Dort wurde er dem ffep- tiichen Kameraden heute abend noch Mutter Braut vorfuhren d Mustereremplare der Weiblichkeit. Man war im Hafen und verabredete sich in einem der besten Lokale. Ludwig kam nach Hause nach zehnmonatiger Abwesenheit, die Taschen voll Geld und bas Herz voll Swlz und Zärtlichkeit. Die Mutter, eine hochgewachsene statt che Frau aus dem Volk mit einem offenen Gesicht voll nachsicht^er Gu , fana des heimkehrenden Sohnes im altmodischen Staatskle d, jchlotz: um wörttos in die kräftigen Arme. Sie erschien keineswegs alt und W bebürftig j fSnbernX eine selbstbewußte Frau von em.gen vierzig kam auch bie Braut hinzu und gestaltete den Empsang^zu einem lauten, wirbelnden Fest. Sie wirkte neb . . , , f>üb[chheit und behend hübsch, aber von jener etwas ausdruckslosen Hiwfchye blonder Amerikanerinnen und für diese Umgebung allzu elegant. .Hat sie nicht irgendeine entfernte Aehnlichke.t: m. der Erschmung Mira von Altens? Und die Mutter nut mir selbst? schoß -- Llftaveiy durch den Kopf, und sie lächelte luifrebte Ludwig S M «^1« Äi? aß und trank, ftihlte Elisabeth sich von neuern ganz nach n zurückversetzt. Wurde nicht das gebratene Hih t e5 mit ejn Holzplatte herangebracht und vor Ludwig 5 $ ganze Tisch paar Schnitten mehr zerriß als zerteilte? S °nb mcht^der^gad ^aj voll von Schüsseln, Gläsern und Gestern, pflegte? Ging Hagen getafelt wurde, genau so wie Ludwig zu ta ein nieg y nicht ein behagliches sinnliches Schmunzeln 1 ursprünglicher fdjauerraums bei dieser breit °usgep°nnenn °°n^ uüprung.icy^ Lebensfreude durchtränkten Szene? Die Wirku g aber wuchs Ludwig Thiele war stets eine naive und elementare, H.» aber w ck die ganze Szene so sehr aus feiner eigenen Na h und sie nicht hinnehmen als ein großes und kostbares Geschenk. Gestern war ich sehr nahe daran, das zu tun. Heute aber weiß ich, daß meine schönste und größte Aufgabe ist, nicht, wie ich es bisher versucht habe, in Ludwigs Leben diese Ordnung und Ruhe hineinzutragen, sondern immer für ihn da zu sein, damit er immer wieder zu mir zurückkehren kann, so weit er sich auch entfernen mag. Denn er ist voll von Widersprüchen, die ich nicht lösen, sondern nur lieben kann, wie eben das Leben selbst, das so voll von Widersprüchen, Leiden, Schönheiten und Grausamkeiten ist. — Nein, Otto, ich bin noch nicht ganz zu Ende. Ich spüre, was du mir darauf antworten willst, und du hast recht. Auch das habe ich heute nachmittag selbst gefunden. Ich will es aussprechen, damit weder in dir noch in mir etwas zurückbleibt, das vielleicht später sehr schmerzlich werden kann. Alles, was ich soeben gesagt habe, habe ich im Grunde von dir. Auch dieses Letzte: daß ich noch viel zu jung bin, um mich selbst ohne Gefahr in diese Ordnung und Ruhe zu fügen, wie du sie mir gezeigt hast. Ich weiß jetzt von ihr und liebe sie, aber ich brauche sie nicht so notwendig wie du — noch nicht, Otto. Was ich brauche, ist Ludwig mit allem, was von ihm kommt, ob es nun so viel Freude und Glück ist wie die kleine Isa oder so viel Leid und lieber« Windung wie diese andere, Kalte, Hochmütige! — Ja, jetzt muß ich auch davon sprechen. Ich habe es bisher mit Absicht vermieden. Auch du hast nie etwas davon erwähnt, obgleich du genau so wie ich den Beweis dafür längst gefunden hast, daß sie drüben ist bei ihm und daß er sich wieder an sie verloren hat? Das tut dir genau so weh wie mir, und du hast darüber geschwiegen, weil es dir unlauter vorkam, es überhaupt zwischen uns hineinzutragen. Warum aber kam es uns beiden so vor? Weil wir beide überzeugt sind, daß er sich wiederfinden wird, über kurz oder lang, und daß das nichts für ihn bedeutet, sich zu verlieren und wiederzufinden, jedenfalls nicht das gleiche wie für uns. Daß er das täglich tun muh in seiner Kunst, in seinem ganzen Leben. — Sieh mal, Otto: Als ich heute diese Mutter und diese Braut neben ihm sah, da hatte ich das merkwürdige und wahrscheinlich nach außen hin ganz unbegründete Gefühl: Diese Mutter bin ich, und jenes Mädel ist sie, Mira von Alten. Dabei hab' ich aufeinmal genau so lächeln können, wie die Mutter gelächelt hat, als er so glücklich tat im Besitz dieses Mädels und dann wieder so unglücklich über ihren Verlust. Dieses Lächeln hieß einfach so: Ich weiß, daß das alles gar nicht so viel ist, wie mein guter Ludwig sich einbildet; daß auch all die fremden Meere und Länder, die er durchstreift, gar nicht so wichtig sind für ihn; wirklich wichtig ist nur, daß er auch am Südpol ahnt, wo sein heimatlicher Hafen ist! — Das ist vielleicht zuviel als seine Mutter gedacht und zuwenig als seine Frau. Aber ich habe eben die Aehnlichkeit zwischen der Mutter und mir heute herausgefunden..." Die Stille, die folgte, war so lang und tief, daß beide erkannten, daß es jetzt nichts mehr gab, was zwischen ihnen gesagt werden mußte. Es war zu Ende. Aber dieses Ende enthielt keinerlei Bitterkeit und Enttäuschung, sondern den Anfang einer neuen, geklärten Beziehung. Hartl fühlte das über die schwere, drückende Melancholie seiner Einsamkeit hinweg, die ihn umfangen hielt. „Es ist wahr und gut so, Lisa...", sagte er in die Stille hinein, der die hereinbrechende Dämmerung etwas Unheimliches und Tragisches verlieh. Doch Elisabeth durchbrach diese Schatten noch einmal und endgültig mit ihrer klaren, entschlossenen Stimme: „Es gibt nur einen einzigen Menschen auf der Welt, vor dem ich das alles aussprechen kann, und der bist du, Otto. — Gestern habe ich zu dir gesprochen, wie ich zu Ludwig gesprochen hätte. Heute kann ich das nicht mehr. Denn was ich heute zu sagen hatte, hätte er nicht verstanden — ober anders verstanden als du. Darum brauche ich ihm das nicht zu sagen, sondern nur dir." Hartl stand auf und reichte ihr das engbeschriebene Blatt, das vor ihm lag. „Das habe ich heute an Ludwig geschrieben in den Stunden, die ich auf dich hier gewartet habe", sagte er, ging zur Tür und schaltete das Licht ein, da es im Zimmer zu dunkel geworden war, um die kleinen Schriftzüge lesen zu können. Elisabeth las und war nicht erstaunt, ihre eigenen Gedanken darin SU finden. Rur in einer anderen, bis in die letzte psychologische Feinheit vordringenden Form, die der Schmerz der Erkenntnis geschliffen hatte. Der Satz am Schluß des Briefes, der unvollendet geblieben war, begann mlt der Mitteilung, daß Hartl nach Dresden zurückgekehrt fei. Als Elisabeth alles gelesen hatte, stand sie gleichfalls auf. „Nein!" sagte sie und gab ihm das Blatt zurück. „Das bleibt hier, llsas zu sagen ist, werde ich sagen, sowie Ludwig zurück ist. Dieses Blatt hier gehört dir allein." Hartl nahm es zurück und zerriß es langsam in viele kleine Stücke. „Ich fahre heule nacht. — Meine Arbeit ist auch hier nicht fertig geworden. Vielleicht gelingt es mir in den nächsten Monaten... Sie wird dich überall erreichen, und du wirst sie brauchen, Lisa " „Ja", antwortete Elisabeth. „Nun komm mit mir in den Saal hinunter! Ich habe ihn so schön gemacht, wie es sich gehört. Billy und Kern habe ich m die Stadt geschickt... Aber es bleibt uns ja noch viel mehr als diese eine Stunde." , ,Gr „l°lgte shr in den Saal, in dem sie die Kerzen anzündete. Sie saßen sich allem in der Mitte der langen Tafel gegenüber. „Aus der schmerzlichen, aber zugleich überlegenen Feierlichkeit dieses Abschieds erstarkte m Hartl die Gewißheit, daß er auch in Dresden nie wieder so einsam sein würde wie in seinem früheren Leben 31. .Der Monat August war zur Hälfte vorüber, und Elisabeth wartete jeden Tag auf den Brief oder das Telegramm aus Hollywood, in dem Ludwig seine Rückkehr meldete. Die Nachricht blieb aus. Ludwig schwieg jefct s">on über einen Monat, wenn man von wenigen lakonischen Postkarten absah. Auch hatte er seit Isas Geburt kein Geld mehr gesandt. Bald nach Hartls plötzlicher Abreise wurde Elisabeths äußere Situa- üon wieher kompliziert und drohte so verwickelt und schwierig zu werden wie früher. Aber sie selbst hafte diesen Schwierigkeiten gegenüber eine veränderte, überlegene Haftung gewonnen. Früher hatte sie mi einer unbezahlten Rechnung, einem hohen Wechsel oder einem persönlich und energisch auftretenden Gläubiger innerlich gezittert und ehe gewisse Scham empfunden, wie vor etwas Fremdem, Gefährlichem und Ungehörigem. Jetzt nahm sie das alles gelassen hin mit der Sicherheit einer grau, die aus Erfahrung weiß, daß diese Perioden der Knappheit genau |g zum Leben Ludwigs gehörten wie die des Ueberfluffes und imnur wiedersehren würden, auch wenn er das Doppelte oder Dreifache verdiente wie jetzt. Nur daß er so lange schwieg, bereitete ihr einige Kummer, konnte sie aber nicht mehr so erschüttern wie noch vor km. gern. Sie fühlte eine Zuversicht, die sich ihrer ganzen Umgebung mitteilte und die sie trug, auch über den Schmerz hinweg, den sie über Hartls Abreise empfand. Sie spürte im Haus und im Garten eine Leere ohne seine stille, aufmerksame Gegenwart, die eine so wohltuende geistige Atmosphäre ausgeströmt hatte. Doch sie zweifelte nicht, daß er eines Tages zurückkommen würde, wenn auch Ludwig wieder da war uni sie mit ihm gesprochen hatte. Geschrieben hatte sie nichts von dem, was geschehen mar. Unangemeldet erschien eines Tages Steinten in Nikolassee und liefc durch Billy, die ihn im Garten abfing, Elisabeth um eine Unterredung bitten. Nach einer kurzen Besichtigung des Hauses mit Einschluß bt; Babys nahmen sie auf der Terrasse Platz, und Billy brachte ihm Kaff« mit einem Gläschen Kirschwasser, wie er es liebte. „Sagen Sie, verehrte Frau Thiele: Wann gedenkt Ludwig eigent- lief) wieder hier zu sein? Mir gelingt es nicht, eine Antwort von ihn zu bekommen. Weder die größten Briefe noch die dringendsten Telegramme erzielen irgendein Resultat. Da ich am fünfzehnten September das Deutsche Volkstheater wieder eröffne, muß ich wissen, woran ich bin. Es war vereinbart, daß er am Ersten hier ist und mit den Probe, beginnt. Auch von Henschke ist nichts zu erfahren. Darum komme ich zu Ihnen." „Leider weiß ich darüber bis jetzt so wenig wie Sie." „Das ist doch nicht möglich!" rief Steinlen ausgebracht. „Was treibt er denn drüben? Mit den drei Filmen muß er längst fertig fein!" „Nach unserer damaligen Berechnung, ja. In feinem letzten ausführlichen Brief, der allerdings schon vier Wochen alt ist, deutet er an, daß er bald fertig sei mit seiner Arbeit, die außerordentlich anstrengend war. Er schreibt, daß er noch nie im Leben so schwer gearbeitet hab-! wie in diesem Sommer; nicht einmal früher, als er noch zur See fuhr Aber wann er zurückkommt, steht nicht darin." „Man könnte bei Gott auf den Gedanken kommen, daß er gan] drüben bleiben will, neue Filmabfchlüsfe vorhat und uns einfach vor bi e vollendete Tatsache stellt! Das ist denkbar nach dem Erfolg des erste« Films. Ich habe ihn mir neulich angesehen. Für meinen Geschmack ei« wenig zu primitiv. Aber wirksam und vor allem populär. Ein Bomben? geschäft, wie ich höre, wenigstens bis jetzt. Um fo ärgerlicher für mich, daß ich noch immer nicht disponieren kann, womit ich eröffne. Mi.: Ludwig ober ohne ihn. Ich fürchte fast: ohne ihn. — Uebrigens, das mit dem Wallenstein ist natürlich Unsinn. Das habe ich ihm auch gefchriebeni. Vielleicht ist er darüber fo böse, daß er keinen Laut mehr von sich gibt Ganz wie ein verstocktes Kind. Was meinen Sie?" „Möglich", antwortete Elisabeth. „Es lag ihm sehr viel daran. Gerade auf diese Rolle hat er sich gefreut wie nie!" „Aber das geht nicht! Wie soll ich denn das machen? Den ganzen Wallenstein! An zwei Abenden? — Unmöglich! Das kann sich ein Staats- theater leisten. Ich nicht. Oder zusammengestrichen auf einen Abend? — Mache ich nicht. Ich halte das für ein Verbrechen. Aber daran benfit Ludwig überhaupt nicht. Er will den Wallenstein spielen, und bamiü basta! Ob ich und bas Deutsche Volkstheater baran kaputtgehen, ist ihm Hekuba. Sie müssen mir helfen, liebe Frau Thiele!" „Was ich babei tun kann, ist ja fo wenig..." „Ist ungeheuer viel! Das Wichtigste ist, daß wir fo bald wie möglich in Erfahrung bringen, wann er zurückkommt. Das können nur Sie. Wenn er tatsächlich noch rechtzeitig kommt, müssen Sie ihm beibringen, daß wir mit dem Wallenstein bis nach Weihnachten warten müssen- Mir scheint er ja nicht mehr zu glauben." „Damit wird er einverstanden sein — wenn Sie es ernst meinen, Herr Steinlen." „Wir müssen den richtigen Zeitpunkt abwarfen. Ob der gleich nach Weihnachten da ist ober noch spater, kann ich jetzt nicht übersehen!" „Sie wollen ihn überhaupt nicht geben!" „Das wäre mir bas liebste. Aber wenn es nicht anders geht.. .* „Es wirb nicht anbers gehn, Herr Steinlen." „Dann also in Gottes Namen! Aber später. Später. Ich muß mit dem neuen Stürf eröffnen. Mit den .Verrätern'. Die Rolle hab' ich ihm: längst geschickt. Sie ist ihm geradezu auf den Leib geschrieben. Aber wenn: er nicht will, muß ich eben einen anderen dafür finden. Und ich werde: ihn finden. Nur muß ich vor dem Ersten noch wissen, ob er will- ober nicht." „Ich werbe ihm heute telegraphieren." „Aber ausführlich unb so, baß er überzeugt ist, es kommt von Ihnen. — Unb wie steht es mit Ihnen, Billy? Soll ich Ihnen eine nette klein« Rolle reservieren?" „Nee, Direktor!" antwortete Billy, die wieder hinzugekommen mär' und den letzten Teil des Gesprächs mit angehört hatte. „Sie wissen ganz genau, wie wenig Talent ich habe, unb machen mir dieses Angebot nur, weil Sie sehen, wie gut ich mit Elisabeth stehe unb Sie gerabe etwas von ihr wollen. — Ich habe wahrhaftig Besseres zu tun!" „Sie wirb heiraten!" sagte Elisabeth. „Das nennen Sie etwas Besseres als Theaterspielen? Das werben Sie sicher bereuen!" rief Steinlen unb erhob sich. (Fortsetzung folgt.) Baum und Wolken. Don Wilhelm Luetjens. Wolken ziehen vorüber an meinem Haus. Wie große Vögel, zu Vielen gesellt, drohend und dunkel, silbern, von Sonne erhellt, so segeln sie mit den Winden in alle Weiten hinaus. Ihre endlose Reise geht um den Erdball im Kreise ... Gebunden an engen, begrenzten Raum, ans Erdreich gefesselt, steht vor dem Haus der Baum. Durch sein Gezweigs blicken die wandernden Wolken herein, ziehn weiter ins Weite — der Baum bleibt immer allein. Und seine Krone, die Sturmwind umbraust, die Regen und klirrender Frost zerzaust, zeichnet auf meines Fensters Scheiben die Runen seiner Beharrlichkeit, die krausen, gewachsenen Zeichen von Warten und Bleiben. Jahr um Jahr muh sie sein Schicksal aufschreiben, das Da-Sein heißt, Beständigkeit und Gestalt. Und während die Wolken verwehn und sich tausendfach teilen, niemals im Einen verweilen und immer enteilen — baut an seinem Bilde der Baum, wird groß und wird alt ... Unser ist beides: Es treibt gleich der Wolke im Raum das Herz, nie gesättigt, die Weiten und Fernen zu messen. Denoch, im Drang, der Lockungen zu vergessen, das Eigne zu bilden, wächst es heran, wie der Baum. Stefan George, persönlich gesehen. Ein Erinnerungsblatt von Sabine Lepsius. Im Hause des Künstler-Ehepaares Reinhold und Sabine Lepsius in Berlin ist Stefan George oft zu Gast gewesen. Dort fand der Dichter eine geistige Luft, die ihm Anregung und Widerhall zugleich schenkte. Die Geschichte dieser denkwürdigen Freundschaft hat Sabine Lepsius im Verlag „Die Runde" in Berlin verösfentlicht. Im Herbst des Jahres 1896 wieder in Deutschland angelangt, wurde mir eines Tages eine Besuchskarte geboten mit dem Namen Stefan George und einigen geschriebenen Worten. Als ich in mein Wohnzimmer trat, stand er schon dort: nie werde ich diesen ersten Eindruck vergessen, ich wußte sofort, daß ich einer überragenden, machtvollen Persönlichkeit gegenüberstand. Seine Begrüßung, von selbstverständlicher Natürlichkeit und Lebendigkeit, hatte nichts von dem Absonderlichen, das mir geschildert worden war. Seine Blicke fern und doch auch liebenswürdig. Seine Sprache ohne laut zu sein von markiger Wucht. Der süddeutsche Dialekt brachte jene Anmut in das Gespräch, welche die zu große Schwere hindert und sich weit entfernt hielt von der allzu sachlichen gelehrten Schriftsprache, die das Leben und die Beweglichkeit, den Schmelz und die Farbe aus den Worten vertreibt. Sein Lachen, das sichere Erkennungszeichen für den Menschen, war sieghaft gewinnend und vom Schütteln der Mähne begleitet. Wo war der abspenstige Menschenfeind, bett man mir geschildert hatte? Wo der Unnahbare, Abholde? Warum aber duldete er, daß seine Nächsten so irreführende Gerüchte über ihn verbreiteten? Als störend empfand ich damals nur den Zylinder in seiner Hand und den gläsernen Fremdkörper vor seinem einen Auge; aber auch oas Monokel trug bei ihm einen anderen Charakter, als man es sonst gewohnt war, und die Schwäche des einen Auges mußte ihm unbedingt geglaubt werden, wenn er sich vor Reinholds Kopie des Gwrgwne- Konzertes stellte, um es genauer zu betrachten. Einige wenige -Worte, d er nun sagte, sind mir in Erinnerung geblieben, da sie il)n mir ob Künstler von Geblüt zeigten: „In einer solchen Hand ist das ganze Leben des Malers, das macht es eben zum großen Kunstwerks.daß 1 Nebensache das ganze Leben enthalten ist." So ungefähr lautete der Ausspruch, der mir von einem Kunstgesprach am lebendigsten m Erinnerung blieb ... In den Herbst 1898 fielen die Porträtsitzungen, die Ite^n George mir gönnte. Ich hatte ein Riesenbild entworfen in Form -mes Triptychons, auf welchem in der Mitte George m ganzer ytgu f 6, b ihm Architektur die der Villa Aldobrandim in Rom glich. Die beiden Felder rechts und links waren ausgefulit mit nackten uiUsizierenden Knaben und harferührenden weiblichen Gestalten, meinte damals die Epheben sollten lieber die Flöte spielen, statt der Geige, doch konnte ich ihm die Vorstellung des Vibrierens der Violine, mit der ich so vertraut war, nicht opfern. Diese unvollendete Arbeit entstand in einem kahlen W-lier außerhaw unserer Wohnung, in dem sich nur eine Staffele, einMa ri t u ö einige Stühle befanden. George erschien zu den Sitzungen mit größter Pünktlichkeit und unterzog sich den Pflichten!des.Modells। mit beschämen der Geduld. In der Pause erklärte er plötzlich, eine D'^elstunde schlafen zu müssen, da er Frühaufsteher sei und ihn infolgedessen ch l gelegentlich bei Tag überwältige. Ich konnte ihm nur eme De e i Fußboden legen, einen Mantel über ihn breiten und mich ganz still verhalten. Nach wenigen Minuten schlief er fest. Er lag da wie ein schlafender Ritter. Das Pathos eines Monumentes umgab ihn, alles Zufällige des Lebens war gebannt, der Schlafende schien über sich selbst hinausgehoben. Mit Muße konnte ich, noch ungehinderter als im Wachen, die Bildung dieses edlen Hauptes studieren: die über den Brauen löwenartig hervorgebeulte Stirn flieht zurück gegen den dichten Haaransatz. Die Ohren sind gut geformt. Das Jochbein tritt stark hervor, ebenso die hagere Kinnlade. Die Nase ist asymmetrisch, jedoch im Profil von schöner Linie. Die Lippen schmal, die Unterlippe etwas hervorgeschoben trotz des normalen Gebisses. Die Augen, die weniger „zum Sehen geboren", als „zum Schauen bestellt" sind, liegen tief in den Höhlen. Aus einer unbewußten Schonung für sein Gegenüber mag George sein Blicken dämpfen, wie der Löwe die Kralle einzieht. Trotzdem sind aber die Augen, gerade weil sie mehr nach innen als nach außen schauen, beteiligt an den unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten dieses Kopfes, in dem es kein Beiwerk gibt, sondern jeder Muskel, jede Linie durchgeistigt ist. Die Eindringlichkeit des Ausdrucks verteilt sich über das ganze Gesicht und ruft Bewegungen zu Hilfe, wie Schütteln der reichen braunen Haare, unverhohlenes oder spöttisch zurückgehaltenes Lachen. Dies alles ersetzt die mangelnde Wärme und Fülle des Blickens. Die Gestalt ist auch asymmetrisch und hat nur die Ausgabe, den Kops zu tragen. Die Hände, wenn sie nicht eine Zigarette halten, auf der sie gern ein Weihrauchkörnchen glimmen lassen, ruhen meist still, sind herbe und wohlgebildet. Nirgends ein Weibliches. Als er erwachte, erklärte er sich bereit, wieder gemalt zu werden. Er hatte recht gehabt, zu wünschen, daß eine gemeinsame Arbeit von uns unternommen würde ... » Wenn auch nur auf einen Tag hier in Darmstadt, aber wie tat es wohl, dem stetigen, dem planvollen Manne zu begegnen. Wir unternahmen zu zweien einen Spaziergang auf dem Herrgottsberg. Die Gespräche sind meiner Erinnerung völlig entfallen, weil ein anderer stärkerer Eindruck als Worte mich packte, der unvergessen bleibt: ich hatte Stefan George noch niemals in der Natur erlebt, in der ich nun in völliger Einsamkeit mit ihm wandelte. Eine plötzliche, unheimliche, ich möchte fast sagen böse Wirkung ging von ihm aus, die mich ihn als unmenschlich empfinden lieh. Müdigkeit vorschützend, drängte ich zum Rückweg, weil Furcht mich erregte und von ihm forttrieb. Er gehörte nicht zu dieser idyllischen Natur. Der gelbe Ginster, der in Blüte stand und einen Hügel wie vergoldet erscheinen ließ, entzückte mich, und ich sah fragend nach dem Freunde, der, unbekümmert um die Herrlichkeit des Sommers, wie ein gefährlicher Dämon neben mir herging. Für ihn gab es kein Idyll. Ich hörte nicht den Aufschrei des Städters, wenn er die Mauern hinter sich läßt, in seinem Herzen: im „Hornungsschein" geboren, mochten grausame Mächte in seinem Innern hausen. Zu Hause angelangt, wurde uns der kleine Stefan entgegengetragen, dem George sich zutraulich nahte, worauf das Kind eine solche Todesangst befiel, daß man es nur schnell unter lautem Gekreisch wieder fortbringen muhte. Es war dies nicht die Furcht des kleinen Kindes wie vor allen freycden Gesichtern, denn der kleine Stefan war doch schon so groß, daß er dachte und sprach ... * Einige Tage später besuchte ich Stefan George in Bingen in Begleitung meiner jungen schönen Nichte Eva Lepsius. Sein Elternhaus, aus starken Steinen erbaut, war grau und düster, und es lag etwas Freudloses darüber, was sich mir mitteilte, obgleich ich damals noch nicht wußte, wie asketisch die Mutter, eine strenggläubige Katholikin, dieses Haus verwaltet hatte, die ihren Kindern, jede Zärtlichkeit verwehrend, ihnen sogar verbot, sie zu küssen. Sie war eine herbe, opferbereite Mutter, die zum Beispiel ihre drei Kinder umschichtig täglich den Berg heraus in die Sonne trug, die ihnen nach überstandener Krankheit Heilung bringen sollte. Der Eindruck dieser Häuslichkeit, die in mir Erinnerungen an Herrnhuter Atmosphäre erweckte, war mir als Umwelt Georges unerwartet. Er selbst hatte ausfallende Aehnlichkeit mit dem Typus bretonischer Bauern und überdies eine verwandte Art mit ihnen, sich zu schmücken; es lag um seinen Hals eine Uhrkette, aus langem Frauenhaar geflochten, mit einer goldenen Verzierung, auf dem Kopf trug er eine baskische Kappe. Später erfuhr ich, dah feine Vorfahren Weinbauern gewesen waren. Er erzählte mir einmal von der Großzügigkeit seines Vaters, der, obwohl selbst Weinbergbesitzer und aus Erwerb eingestellt, diesem Sohn den Weg ebnete, dessen Wert er nur ahnen konnte, ohne ihn zum Verdienen anzufeuern, ohne von ihm zu fordern. „Das nenne ich göttlich!" ries George und schüttelte bewundernd sein Haupt. Er sprach zu Hause mit seiner Schwester meist Französisch und wurde von ihr Etienne genannt. Da er sie sehr lieb hatte, war er freundlich mit ihr obschon er drastische Bemerkungen nicht scheute, so zum Beispiel, wenn er zu ihr sagte: „Weil du gut koche kannst, wirst du vielleicht nochmal eine Rolle in meinem Leben spiele." ... Das Beisammensein mit George löste die denkbar vielseitigsten Stimmungen und Situationen aus und führte natürlich auch zu gemem- amcm Tun. So wurde eines Tages ein Fatz leichten Weines herangerollt das Reinhold am Rhein beslUlt hatte, dem mir aber etwas ratlos qegenüberstanden. Aus meiner Kindheit erinnerte ich mich, daß mein Vater in solchen Fällen einen Küfer kommen lieh und erwog nun vor unserm Gast diese Notwendigkeit. Ei da brauche Sie gar keinen Küfer komme zu lassen, das versteh ick "qra'b so gut und Sie könne es von mir lerne." Den nächsten Tag stiegen wir zusammen in den Keller, spülten Flaschen, stachen das Faß an, daß es eine Lust warl . .. .... George zog seinen Rock aus, ich band ihm eme grüne Gartnerschurze vor, und nun arbeiteten wir viele Stunden zusammen im Keller; er kräftig anfassend, voller Sachkenntnis. Dazwischen wurde gekostet, wobei er mich vor dem Duft des Weines warnte, der allzu sehr berauscht. Dann ging es ans Korken, und alles wurde wieder in Ordnung gebracht, die Flaschen verwahrt, wie es sein soll ... Oie Nachtigall. Von Theodor Storm. Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen; da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen. Sie war doch sonst ein wildes Blut, nun geht sie tief in Sinnen, trägt in der Hand den Sommerhut und duldet still der Sonne Glut, und weiß nicht, was beginnen. Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen; da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen. Kampf um Olga. Eine Geschichte von Frank F. Braun. Inspektor Helbig von der Kriminalpolizei war im Begriff, das Büro zu verlassen, als ihn der Anruf von Bord des Dampfers „Helgoland" erreichte. Der Dampfer hatte an diesem Morgen an den Sankt-Pauli- Landungsbrücken festgemacht und meldete der Kriminalinspektion „Hafen" einen Mord. Jedenfalls drückte sich Kapitän Hamkens dem Inspektor gegenüber so aus. — Helbig änderte infolgedessen seine Dispositionen und suhr zum Hafen hinunter. Das Boot der „Helgoland" erwartete ihn am Kai und fuhr ihn hinüber. Kapitän Hamkens empfing den Beamten und bat ihn in feine Kabine. Dort wartete der Schiffsarzt auf sie. Dr. Huck stellte sich vor und begann einen hastigen Bericht. An diesem Morgen sei er von dem Matrosen, der den dritten Offizier wecken sollte, an das Lager dieses Mannes gerufen worden. Der dritte Offizier fei nicht zu erwecken gewesen, berichtete der Matrose. Dr. Huck hatte sich sofort hinbegeben. Er konnte nur die Tatsache seststellen: Der dritte Offizier lag tot auf dem Divan in seiner Kajüte. „Auf dem Divan?", meinte Inspektor Helbig, „also angekleidet?" „Jawohl. Ich untersuchte die Leiche. Der Tod war schon vor geraumer Zeit eingetreten. Eine äußere Verletzung war nicht zu finden. Dagegen fand ich alle Symptome einer Vergiftung, die zu einer Herzlähmung geführt hatte. Das Gift festzustellen gelang mir nicht. Es war in die Blutbahn gedrungen und mußte von rascher starker Wirkung gewesen sein. Es war ein mir ganz unbekanntes Gift. Ich habe Blutproben dem Chemischen Staatsinstitut eingereicht; man ist dabei, es zu analysieren." Helbig nickte. „Wurde sonst noch etwas veranlaßt?" Dr. Huck tat eine Bewegung, die den Kapitän in den Vordergrund wies und Hamkens nahm bedächtig das Wort: „Unser dritter Offizier war ein junger, lebensfroher Kamerad. Es ist ganz ausgeschlossen, daß hier ein Selbstmord vorliegt. Es ist auch undenkbar, daß er sich zufällig vergiftete. Man muß ihm das Gift beigebracht haben." „Sie haben einen Verdacht, Herr Kapitän?" „Wir alle an Bord hegen einen bestimmten Verdacht, Herr Inspektor. Es bestand eine Rivalität besonderer Art zwischen meinem Ersten Offizier Petermann und dem jungen Dritten. Sie liebten beide dieselbe Frau und waren einander nicht grün. In dieser frühen Morgenstunde, als wir in die Elbmündung kamen, hat es sie wohl zu einer Entschließung gedrängt. Einer mußte zurücktreten. Das spürten sie beide, je näher wir Hamburg kamen. Sie setzten sich zu einer ernsthaften Aussprache in die Messe und beredeten bei einem Glas Portwein den Fall. Wir sind seit Wochen von Portugal mit einer Korkladung unterwegs. Kork ist eine ruhige gute Ladung. Es ist unerfindlich, was den ersten Offizier Petermann hat veranlassen können, dem Dritten so harte Worte zu sagen, wie es geschah. Wir hörten den Streit bis zum Achterdeck. Der dritte Offizier trägt die Verantwortung für richtige Lagerung der Ladung. Petermann hatte revidiert und schlug Krach. Ein Wort gab das andere. Die Einigung über das Mädchen ging wieder in die Brüche. Dr. Huck und ich vernahmen deutlich, wie der dritte Offizier feinen eben ausgesprochenen Verzicht zurücknahm. Er werde kämpfen um Olga!, schrie er. Dann war es eine Weile still, bis Petermanns kalte drohende Stimme erscholl: „Ich werde dafür sorgen, daß es nicht zu diesem Kampf kommt!" Der Kapitän schwieg. „Das ist alles, was Sie vernahmen?!", fragte der Inspektor sachlich. Hamkens nickte. „Die beiden blieben noch eine Weile stumm einander gegenüber sitzen und tranken die Flasche Wein aus. Dann verließen sie fast gleichzeitig die Messe. Petermann blieb in der Tür stehen und sah mit verzerrtem Gesicht dem Dritten nach, der zur Ladeluke hinunterging. Wir sahen sein Gesicht; es verhieß Böses. Wir ahnten nicht, daß das Böseste schon geschehen war Einige Zeit später kam unser Dritter wieder herauf und ging in seine Kabine. Wir glaubten, er habe sich zum Schlafen hin- gelegt, aber er hatte sich zum Sterben niedergelegt. Er hat mit niemanden mehr gesprochen; keine Speise oder Trank mehr zu sich genommen. D-, ist festgestellt. Das Gift, das ihn tötete, muß ihm beim Wein eingegeben worden fein. Leider sind die Gläser bereits gesäubert und eine wichtig Spur ist verwischt." „Wo ist der Erste Offizier jetzt?" „Unter Bewachung in seiner Kajüte." „Danke", sagte Inspektor Helbig. — Er ging in die Kabine des Ersten Offiziers und fand in Petermann einen noch jungen Menschen, der ihm sofort entgegenstürzte. „Um Himmelswillen, Herr Inspektor, ich höre, unser Dritter Offizier ist gestorben, man hat mich in Berdachi, ihn getötet ju haben. Wie ist das möglich?!" Helbig musterte den erregten Mann. Sah so ein Mörder aus? „Mai hat Sie nicht gerade in Verdacht", sagte er, „aber Sie sind der Leiste, der mit jenem zusammen war. — Ist Ihnen der Wein gut bekommen« Petermann zuckte zusammen. „Der Wein? ..." „Den Sie mit Ihrem Nebenbuhler tranken, ja. An dem Wein ist ti nämlich gestorben!" Petermann schlug die Hände vor sein Gesicht. „Großer Gott, was wir denn in dem Wein?" „Das wollte ich Sie fragen!" sagte Helbig. „Was taten Sie ihm in beit Wein?" Petermann war zusammengesunken. Er antwortete nicht. Dir Inspektor beugte sich vor. Dringlicher kam seine Forderung: „Ein Geständnis würde den Fall wesentlich vereinfachen, Herr Petermann!" Er rüttelte den Mann, der jetzt mit dem Kopf auf dem Tisch lag. „Haben Sie beit Dritten Offizier vergiftet?" Aber Petermann antwortete nicht. Er rutschte, von des Inspektor» Griff aus dem Gleichgewicht gebracht, zur Seite, fiel auf den Stuhl zuriil und glitt langsam zu Boden. Helbig sprang auf, er wollte ihn noch stütze», aber er kam zu spät. Da trat er zurück. Er riß die Tür auf. Dr. Huck urb der Kapitän waren in der Nähe. „Doktor!", rief er, „Sie müssen sich um unseren Mann kümmern. Er ist ohnmächtig geworden." Dann ging it nach vorn und ließ sich die Kabine des nun toten Dritten Offiziers zeige», in der noch die Leiche lag. Er sah den Leichnam kurz an. Offensichtlich kein friedlicher Tod. Dan» schckute er sich im Gemach um. Als der Arzt hereinkam und berichtete: „Eine harmlose Ohnmacht' stand der Inspektor beim Waschtisch. „Herr Doktor", sagte er, effigfaure Tonerde ist doch nur äußerlich zu benutzen?", „Gewiß", bestätigte Er. Huck, „Wunden, Verbrennungen..Helbig winkte ab. „Sehen Sie hier. Die Flasche mit essigsaurer Tonerde ist entkorkt. Das Tuch hier riech sauer. Es ist mit Tonerde getränkt. Es scheint, der Verstorbene hat als letzte Tätigkeit versucht, sich einen Umschlag, einen Verband mit e[fiq saurer Tonerde zu machen. Also muß er doch eine Verletzung erlitten haben, die Ihnen entgangen ist." Dr. Huck zuckte ratlos die Achseln. „Sowohl der Sanitäter als roch ich fanden nichts." „Es kann ja eine winzige Verletzung gewesen fein", sagte Helbiz. „Welche Fleischteile sind immer frei? Gesicht und Hände, nicht roaljr. Bitte bemühen Sie sich noch einmal." Sie traten zu dem Toten und untersuchten ihn, Helbig nahm ein Lupe zu Hilfe. Das Gesicht war ohne jede Verletzung; auch die linke Hani. Am Daumen der Rechten fanden sich zwei rote Punkte; fterfnabeltopfgroj nur. Helbig zeigte sie dem Arzt. „Keine Geschwulst", sagte der, „zwei winzige Stichwunden. Es ist wohl ausgeschlossen, daß hier das Gift Eintreten konnte." „Weshalb nicht", meinte Helbig. „Wir kennen das Gift nicht. Wk wissen nur, daß es von unerhört rascher und stärkster Wirkung ist." Er sah ins Leere. „Wenn man es ihm mit einer Nadel einstach, einspritzte ..." Dr. Huck sah ihn an. „Herr Inspektor", sprach er und roor | überlegen, „das sind wohl Phantasien". Helbig drehte sich um. „Phanin- sie", sagte- er und nickte vor sich hin, „sonst hilft uns hier nichts weiter ' Er ging hinaus. Der Arzt lief hinter ihm her; Kapitän Hamkens Mn] hinzu. Zu diesen Beiden sprach ber Inspektor; es konnte aber auch fein, baß er zu sich selber rebete. „Als unser Dritter Offizier in ber Messe au- staub, als es ihn wurmte, wegen ber Labung einen Tabel erhalten j: haben, hat man beobachtet, wie er zum Laberaum hinunter ging. Wa- wollte er bort?" „Nachsehen, ob bie Korkballen noch festlagen, ob nichts ins Rutsche» gekommen war, benfe ich mir", sagte ber Kapitän. „Bitte führen Sie mich, bat Helbig. Zu britt gingen sie in ben Laderaum. Die Luken waren schon geöffnet. Gleich würben bie Sdjauerl ’1« kommen unb Dampfer „Helgolanb" konnte seine Labung löschen. Sii! ftanben unten im Raum, der jetzt fast hell war. „So wird auch unser toter Freund hier gestanden haben", fugte ber Inspektor, „er wollte M überzeugen, ob bie Ballen fest verstaut lagen, sagen Sie? Dann trat er vielleicht hier heran, rüttelte bie oorberen Korklasten ..." Helbig fprat) nicht weiter. Er war gestolpert, wäre fast ausgerutscht, aber er hielt sich noch aufrecht. „Sie sind über ein Tauende gestolpert", sagte Hamkens. Er stanb am weitesten weg, aber er kam rasch näher. Dr. Hucks erschrockener Ausruf lockte ihn heran. Sie umftanben beide ben Inspektor, ber sich bückte, am Boben kniete. „Ich wußte es", sagte Helbig, „vielmehr: ich ahnte so etwas. In ber Korklabung ist eine Schlange in Portugal m! oerlaben worben. Sie war giftig unb biß ben ahnungslos sie berührende» Dritten Offizier. Er schlug sie tot. Hier liegt sie." Er hob eine bunteI- gefleckte Schlange hoch. Die beiden Schiffsleute prallten zurück. „Uti Gotteswillen, warum kam er nicht zu mir?" rief Dr. Huck. Inspektor Helbig sagte -leise: „Das ist bie Tragik. Er erkannte niH ben Ernst ber Wunde. Sie war kaum sichtbar am Daumen. Er wollte sich einen kleinen Verbanb mit essigsaurer Tonerbe machen. Aber ebenso wir er zu Ihnen zu spät gekommen wäre, Herr Doktor, war es auch für [ei»’ kleines Hausmittel zu spät." Verantwortlich; Or. Hans Thyriot. — Druck und Derlagt Drühl'sche UniverfttätS-Duch-und Steindrackeret.D. Lange. Gießen.