Eichener ZamilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgang 1935 Zreitag, den 24. Mai Nummer 40 daß als erregend den Rücken hinab. „Komm doch näher!" rief gestreckten Hand die Tiere in inb zahm wie Lämmer. Hast „Nein!" anwortete Mira deranzutreten. ..... „„„ , j, ohne Zweifel und Zögern ...! Er atmete schwer und fast keuchend. „Ncktürlich wird sich das finden! viederholte er nach einer Weile und setzte hinzu: „Billy wird dafür brgen ..." Thiele ihr zu, während er mit der aus- Schach hielt, ohne sie zu berühren. „Sie du wirklich Angst vor ihnen? böse und zwang sich, ganz nahe an sie „Wer ist Billy?" Die nüchterne Frage schien ihn aus seinem Traum zu wecken. „Cm lieber und guter Mensch, der nur den Fehler hat, auch Theater spielen m wollen, obgleich sie für alles andere viel mehr Talent hat und Iie mir hilft, wo sie kann!" „Weil sie in dich verliebt ist?" Nein ... vielleicht ... Ich weiß es nicht ... Warum sagst du das, Nira^" Er konnte ihre Augen nicht sehen, als sie antwortete: „Ich bin nicht "^Aber^jetzi weiß ich wieder, was ich hier wollte!" rief er plötzlich Sie blieb also bei ihm diese Nacht? Bot ihm sich selbst und diese flacht als ein selbstverständliches, kostbares, großartiges Geschenk — mit iin paar einfachen Worten? — Oder bargen sie nur den anderen, un- icrsönlichen Sinn? — Großer Gott, warum zweifelte er und deutelte :n diesen Worten herum? Hing sie nicht zärtlich an seinem Arm, hin- legeben, träumend wie er und stumm, nachdem alles gesagt war? War Iie ihm nicht gefolgt aus der Stadt, in der Nacht, bis hierher, und leichte ihm jetzt freiwillig das Letzte, von dem er an diesem so über- leichen Tag geträumt hatte? — Jeder Traum ging in Erfüllung. 2er höchste Gipfel war erstiegen, und alles, was vor einem Jahr roch als unauflösbarer Schatten zwischen ihnen gestanden hatte, selbst in den schönsten Stunden, war ausgelöscht und verschwunden. Sie gehörte zu ihm und sprach es selbst aus, ohne Zweifel und Zögern ...! ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR lopyright 1933 by August Scherl G. m. b. «5V Berlin (Fortsetzung.) „Es werden sich doch in deinem Gasthof noch zwei Zimmer finden ässen für mich "und Aenne?" sagte sie mit unwillkürlich gedämpfter Stimme, die ihm sofort ins Blut drang und ihn aufwühlte. „Ich mag ücht mehr eine Stunde am Steuer sitzen in der Nacht. Es ist reichlich bät — oder besser: srüh!" fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu. „Sicherlich gibt es droben ein Zimmer für dich!" murmelte er und :ing wie im Traum weiter, wandte sich nach links und folgte einem jchmaleren Weg, der in einiger Entfernung an der Hinteren Front jles. Hauses entlangführte. laut und verändert. v . ,. .. „Ich wollte dir meine Lieblinge zeigen. Pitt und Fox. Die hatte ich tcimals noch nicht. — Komm! — Da stehen sie schon und zittern vor Aufregung am ganzen Leib." . Sie hatten sich der Garage genähert. Dicht davor standen zwei nächtige, unbewegliche Schatten, phosphoreszierten Zwei Paar Augen in der Dunkelheit. Und jetzt, beim lauten Klang von Ludwigs Stimme, drach ein Höllenlärm los, so daß Mira, blaß vor Schrecken, ein paar "^Di^Hunde^sti^en an einer langen stählernen Kette, die sich an einem Enbe spaltete und sie dicht nebeneinander festhie t. Als Thiele E chmn ° ngekommen war, sprangen sie mit wilden, h^'st^en Lauten gegensei g «eg und tanzten um ihn herum, wie besessen vor Freude, und das Surren !er langen Kette verstärkte noch diesen tollen Lärm. ,, h hi „Ruhe!" brüllte Thiele. Auf das schrille Kommando ftanben d e toben Tiere wieder wie angewurzelt. Nur ihre sanken wogten wie Blasebälge, und ihre dünnen, harten Schwänze schlugen zuckend hm " Die^Nacht vergrößerte ihre hochbeinigen, gefleckten Umrisse, so Mira sie zuerst für gefangene Tiger hielt und sie erst am6 Doggen erkannte. Doch auch jetzt noch lies ihr em Angstschau h -3 Sic beiden Doggen ließen ein leises, gefährliches gurren Horen. „Aber ich mag sie nicht, und sie mögen mich auch nicht, fugte sie hinzu und wandte lief) ab. o „Unsinn!" lachte Thiele und kommandierte: „Legt euch. Nur widerstrebend folgten die Tiere dem Befehl und legten sich lang vor Miras Füße, bereit, im nächsten Augenblick wieder aufzuspringen. Da faßte Mira Thieles Arm, zog ihn zurück in die schwarzen Schatten des Hauses und warf sich ihm plötzlich an den Hals. Ihre Lippen suchten einen Mund und saugten sich daran fest in einem langen, fiebrigen Kuß. Er umfaßte sie und hob ihre schlanke Gestalt mit dem einen Arm vom Boden hoch, hielt sie an seine Brust gepreßt und wankte unter der Last und seiner eigenen Erregung. 16. festhielt, merkte er, daß irf. darüber zu sagen." . „Sagen Sie mir ruhig, daß ich völlig talentlos binl Mrr tut das nicht mehr weh. Ich habe es eingesehen, gerade heute, und gerade weil die andere, die Adelheid, auch nicht viel mehr kann, nur viel besser aussieht und eine große Routine hat. Die werde ich nie bekommen — die Routine meine ich." , „Mach dir keine Sorgen, Kind! Es wird schon gehen. Du bist mehr wert als die meisten, die bei uns herumwimmeln. Jetzt kann ich dir noch viel mehr Helsen als bisher. Das werd' ich auch tun." „Nein, Ludwig! Gerade das ist es, was ich Ihnen heute sagen wollte: Sie sollen gar nichts mehr für mich tun am Theater. Ich mag nicht mehr, und ich kann nicht mehr." , Das wird sich wieder geben, Billy." „Ich glaube nicht. Ich will weg, fort und etwas anderes anfangen — etwas, was ich wirklich kann." „Was ist denn das?" „Das weiß ich noch nicht." Ich will dir was sagen, Billy! Ludwig lachte. "Laß mal vorläufig alles so, wie es ist. Ich versteh' dich — glaub mir! Und ich hab' auch schon eine Idee." Er schob seinen Arm unter den ihren und ging ein paar Schritte auf die Tür zu. Dicht davor blieb er noch einmal stehen und sagte: „Du bleibst einfach bei uns. Lisa und ich werden ja nun bald das Haus haben da drüben. Du kennst es. Dort werden wir dich noch viel mehr brauchen als hier. Ich habe sowieso ein schlechtes Gewissen dir gegenüber. Du opferst dich für uns auf. Aber das wird anders werden. Verlaß dich darauf, Billy! Und Geld habe ich bann viel mehr, als wir brauchen." Wenn ich Sie nicht so lange und so gut kennen wurde, mußte ich Ihnen das Übelnehmen!" antwortete sie mit einem Lächeln, das sie auffallend verschönte. , , ,, .. Quatsch, Billy! Du verstehst mich schon richtig, auch wenn ich mich nicht richtig ausdrücke. — Abgemacht: Du bleibst bei uns! — Hast du Frau von Alten gesehen?" v s r .. .„ Sie ging soeben hier vorbei und in den Saal zuruck. , ^Willst du mir einen Gefallen tun?' Reden Sie schon, Ludwig!" "Sie sagte mir, daß es ihr zu beschwerlich sei, jetzt in die Stadt zurückzufahren. Laß doch für sie und ihre Kusine — ine Lange, Magere, weißt du — droben zwei Zimmer Herrichten!" Aus der Terrasse stand ein junges, unschönes Mädchen in einfachem, billigem Seidenkleid und spähte in den Garten hinaus. Sie mochte fünfundzwanzig Jahre alt fein und befaß eine lange, sehnige Gestalt, die nur ein wenig zu mager war. In ihrem unregelmäßigen Gesicht mit der zu hohen Stirn und der zu kurzen Nase fielen allein die Augen auf: in einem fleckenlosen ovalen Weiß große, dunkel schimmernde Pupillen, die im allgemeinen voll Güte und stiller, beherrschter Schwärmerei blickten, jetzt aber von einer bekümmerten Spannung erfüllt waren. Mira war an ihr vorbeigeeilt, ohne von ihr Notiz zu nehmen. Als jetzt auch Thieles Gestalt aus der Dunkelheit austauchte, machte das Mädchen eine rasche Bewegung, als wollte sie unbemerkt in den Saal zurück. Doch Thiele hatte sie schon entdeckt, fuhr sich, wie erwachend, über die Stirn und faßte sie am Arm. „Was tust du hier, Billy ...? Ich glaube gar, du spionierst mir nach?" fragte er in einem übertrieben barschen Ton. Sie hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten, die ihr jäh in die Augen schossen. Am Zittern ihrer Hand, die er festhielt, merkte er, daß er viel zu weit gegangen war mit seinem Vorwurf. „Verzeih ...!" sagte er leise, ließ die Hand los und strich ihr sanft über die braunen Haare. „Ich weiß ja, daß das nicht der Fall ist. Ich bin etwas betrunken. Sogar mehr, als ich zugebe ... Außerdem habe ich dir noch zu danken. Lisa hat mir gesagt, daß du es warst, die den Tisch so schön hergerichtet hat." „Nicht der Rede wert, Ludwig. Ich habe ihr nur ein wenig geholfen. „Das kenne ich bei dir. — Und dann: du warst wirklich sehr nett heute abend als Zofe in deiner Szene mit Adelheid. „Das habe ich nur Ihnen zu verdanken, Ludwig. — Uebrigens weiß ich genau, was mir fehlt!" antwortete sie rasch und sah ihn mit ihren großen, dunklen Augen offen an so daß er auswich. „So, so ... Das weiß du, Billy? Dann brauche ich dir ja nichts mehr „Sie bleibt also hier?" „Nur für diese Nacht, kleiner Dummkopf. — Also ich kann dir das toerlaj(en?“ Sie nickte. „Der Kellner ist noch auf. Ich habe ihn vorhin gesprochen und weiß, wo er steckt", sagte sie und wandte sich um. „Aber helfen werde ich ihm nicht!" murmelte sie vor sich hin, doch so, daß er es nicht mehr verstehen konnte. Dann eilte sie davon. Ludwig trat in den Saal zurück und fand einen Teil seiner Gäste tm Ausbruch. Der Agent Henschke, der hinter der Flügeltür aus ihn gelauert hatte, stürzte sich wie ein Raubvogel auf ihn und packte ihn an der Schulter. „Ein paar Worte, Thiele! Den ganzen Abend warte ich darauf, und Grolman ist im Begriff, nach Hause zu fahren. Er läßt Sie übrigens bitten, chm eine Taxe kommen zu lassen. Das wird es doch hier geben? — Run hören Sie einen Augenblick scharf zu, wenn Sie dazu noch in der Lage sind: Die Sache wird morgen oder übermorgen perfekt! Jedenfalls hat er mich auf morgen zu sich ins Hotel bestellt. Ich habe ja Ihre Vollmacht und werde das Kind schon schaukeln. Selbstverständlich ruse ich Sie an, und dann kommen Sie eventuell sosort herein. — Jetzt zeigen Sie mir, wie ich hier zu einer Taxe komme! Ich werde die Heimfahrt benutzen, um der Sache den letzten Schliff zu geben. Es war großartig bei Ihnen, Thiele, und Sie haben es richtig gemacht, daß Sie sich fast gar nicht um ihn gekümmert haben. Erst stiegen mir schwere Bedenken aus. Das kann ich Ihnen offen gestehen. Ich glaubte sogar, daß er noch ganz vbspringen würde. Aber jetzt bin ich so sicher, als hätten wir schon unterschrieben ... Menschenskind, ich bin derart aufgeregt und werde kaum schlafen bis übermorgen. Aber das ist auch 'ne Sache, wie sie einem nicht alle Tage passiert! Ich freu' mich für Sie wie ein Schneekönig. — Uebrigens ein merkwürdiger Bursche, dieser Grolman. Bis vor zehn Minuten konnte ich nicht aus ihm klug werden und hab' doch schon allerhand Direktoren in den Händen gehabt! Ader prima, prima! — So, und nun kommen Sie und zeigen Sie mir das Telephon!" Thiele wies ihm den Weg und ging zu Grolman hinüber. Doch der Filmdirektor sagte ihm nur ein paar liebenswürdige Worte über den Abend, der ihm wirklich gefallen hatte, und verabschiedete sich. Er wollte sich unbemerkt entfernen, um niemand ein Zeichen zum Aufbruch zu geben. Die blonde Schönheit jedoch muhte erfahren haben, daß er nach einer Taxe verlangt hatte, und war fest entschlossen, ihm einen Platz in ihrem eigenen Wagen aufzudrängen. Sie benutzte zu diesem Angebot den Journalisten Ollendorf. Dieser hatte kaum eine Andeutung gemacht, als Grolman ihn unterbrach. Er sah dabei Gerda Diemer an, die sich in seiner Nähe gehalten hatte. „Ich habe soeben den Eindruck empfangen, daß Ihre Dame ebenfalls daran denkt, aufzubrechen. Ich würde mich freuen, wenn Sie beide von dem Wagen Gebrauch machen wollten, den mir Herr Henschke gerade besorgt. Wir werden so heimlich wie möglich verschwinden. — Nochmals meinen Dank, Herr Thiele! Es war sehr hübsch und interessant. Auf Wiedersehen!" Natürlich stürzte sich Gerda Diemer auf diese Gelegenheit. Sie nickte, ganz erfüllt von freudiger Ueberraschung, und verlieh rasch den Saal. Ollendorf folgte ihr, aufgeregt von den zwiespältigsten Empfindungen. Henschke hatte wirklich eine Taxe aufgetrieben, die gegen eine be- 1 andere Vergütung die Fahrt übernahm. Gerda Diemer, im Fond neben 'em Direktor, erlebte auf dieser beinahe einftünbigen Fahrt in die Stadt die größte Enttäuschung ihres Lebens. Grolman sprach überhaupt kein Wort, sondern sah in seine Ecke zurückgelehnt mit geschlossenen Augen, als wäre sie überhaupt nicht vorhanden. Nur Henschke und Ollendorf auf den beiden Vordersitzen unterhielten sich halblaut und ein wenig krampfhaft über die gleichgültigsten Dinge der Welt. Als Gerda vor ihrer Wohnung ausstieg, war sie vollkommen verwirrt und hilflos, ein hart gestraftes Kind, und nahe daran, in das Schluchzen auszubrechen, gegen das sie in der letzten halben Stunde mühsam angekämpft hatte. Sie erreichte gerade noch ihre elegante Zweizimmerwohnung. Dann aber ergossen sich ihre ganze Enttäuschung und ihre schwerverletzte Eitelkeit in einem hysterischen Anfall über den unschuldigen Ollendorf. — Nach dem Weggang Grolmans befahl auch die blonde Diva mit einer starren, gefährlichen Ruhe ihren Wagen. Professor Bernau, der sich ihrer angenommen hatte mit der Absicht, sich und Inge Graf von ihr nach Hause bringen zu lassen, wurde von Thiele aufgehalten. Jetzt war die Wirkung der Weine auch an dem Schauspieler deutlich zu merken. „Du willst dich drücken? Das gibt es nicht!" sagte er und faßte den um eine Kopfeslänge kleineren Architekten am Arm. „Ich habe mit dir zu sprechen und wette jede Summe, daß du dableibst, wenn du hörst, um was es sich handelt." „Laß mich los! Ich muß heim. Sonst komme ich überhaupt nicht mehr weg vor dem hellen Morgen. Mein Auto ist wieder kaputt, und ich habe keine Lust, noch einmal Stadtbahn zu fahren. — Wo steckt denn eigentlich Inge?" „Dort drüben tanzt sie. Die kriegst du jetzt noch nicht weg!" „Das wollen wir sehen. Wer ist denn der Mensch, mit'dem sie seit einer Stunde herumhopst?" „Ein reizender Kollege von mir. Ich finde ihn sogar hübsch." „Was heißt hübsch ... Grünes Gemüse!... Aber wir gehen seht ab durch die Mitte! Gute Nacht, Ludwig!" „Du solltest sie heiraten!" sagte Thiele und blinzelte vergnügt. „Cs wird höchste Zeit für dich. Glaub mir, es ist gar nicht so schlimm, das Heiraten. Sie scheint gerade die Richtige zu sein. Wenigstens jetzt noch. Wenn du zu lange wartest, kann sich das ändern, und dann geht sie dir durch die Lappen. — Schau mal ganz scharf hin! Sie tanzt großartig mit dem Jungen — findest du nicht?" „Mach keine dummen Witze! Laß mich lieber aus! Sonst versäume ich die letzte Gelegenheit." „Du hast Zeit, mein Lieber. Man wird nicht ohne dich wegfahren, dafiir werde ich sorgen. Dort steht ja noch unser blondes Gift!" Er winkte mit der Hand zu der Diva hinüber. ..Ich lass' dich nicht weg, bevor du mir versprochen hast, die Kleine zu heiraten, und nebenbei, mir mein1 Haus auszubauen." „Ich habe immer geglaubt, daß du mehr vertrügst. Aber das scheim ein grober Irrtum gewesen zu sein. Bist du sinnlos betrunken, oder dis: du nur so?" „Das hilft dir nicht. Morgen oder übermorgen kaufe ich das Hau: drüben am See. Ich habe es dir ein paarmal gezeigt. Du wirst es mit ausbauen, genau so, wie ich es haben will. Verstanden." „Nein!" „Sann muß ich es dir also noch einmal in die Ohren brüllen: 3d) werde morgen ober übermorgen ... „Halt ben Munb! Von was willst bu benn das Haus kaufen? Das riecht verdammt nach Größenwahn. Du fängst an, mir Kummer zu machen, mein Junge!" „Sann bist bu also ber einzige, ber nicht weiß, baß ich im Frühjahr nach Hollywood gehe mit einem ganzen Sack voll Sollar! Oder glaubfl bu, ber Sirettor Grolman von ber Gloria-Film-Corporation war ze seinem reinen Vergnügen hier?" „Im Ernst, ßubroig?" rief Bernau aufflammenb. „Mein voller Ernst. — Willst bu bas Haus ausbauen ober nicht?" „Natürlich will ich! Aber nicht heute." „Sas wollte ich nur wissen. So, jetzt hol dir deine Kleine und komm so bald wie möglich mit ihr wieder zu mir heraus, um alles abzumacher Vor allem den Preis. Eigentlich wollte ich das gleich heute nacht tun. De bu aber feine Zeit mehr für mich übrig hast ..." „Sei nicht so albern, Lubwig! Su muht doch einsehen ..." „Natürlich sehe ich ein. Alles sehe ich ein. Auch, daß unsere Dio» nicht länger auf dich warten will. Also geh schon! Ich schick' dir bit Kleine." Thiele ging hinüber und fing die blonde Inge Graf beim Tanze» ein. Sie schien ein wenig unwillig über die Störung ihres Vergnügens das ihr Stirn, Wangen und die bloßen Schullern gefärbt hatte, füg!« sich aber und eilte zu Bernau, nach einem flüchtig gestammelten Sank. Lubwig suchte vergebens nach Mira. Sie war mit Aenne unb Bill» verfchwunben. 17. Nach einer Stunbe — es war fünf Uhr vorüber — entschloß sch auch Sottor Kern zur Heimfahrt. Sein Wagen füllte sich mit ben übrig« gebliebenen jungen Leuten, bie der Alkohol überwältigt hatte. In ber Ecke um Lubwig Thiele lagen in tiefen Sesseln nur noH Franz Martin, ber Bilbhauer, der gänzlich stumm geworden war unb in einem seligen Rausch bie Harmonika auf ben Knien hielt wie ein kleines Kind, sowie Hubert von Gerber, der einen von langen Pause» unterbrochenen Sialog über die Letzten Singe mit Sottor Hartl führte Ser Schriftsteller phantasierte hemmungslos unter der Wirkung bei schweren Weine unb sprang ohne Uebergang von einem Gegenstanb auf ben anderen über, während Sottor Hartl, der als einziger feinen tlarcm Kopf behalten hatte, die stärksten Reserven seiner Logik ins Tresse» führte, aber auch er gelöst und bereit, bis zum grauenden Marge» für feine Erkenntnisse einzutreten. Ludwig Thiele saß aufrecht in seinem Sessel unb schien zu träumen. Nur hin unb wieder verriet ein unwillkürlicher Einwurf, begleitet do» einem langen Zug aus seinem Pokal, daß er dem Sisput folgte, ber sich immer weiter in dem Gestrüpp gewagtester Abstraktionen verlor. Als einziges weibliches Wesen huschte Billy von Zeit zu Zeit durch den Saal, wie ein lautloser, behender Spuk. Sie füllte die Gläser, ersetzte die Flaschen, und es machte ihr nichts aus, daß keiner der Männer von ihr Notiz nahm. Sie verstand die Kunst, zuzuhören und sich zugleich überall nützlich zu machen, ohne sichtbar zu werden. Alle spürten ihr« Anwesenheit nur ganz entfernt, fo etwa, als würden ihre heißen Köps§ hin und wieder von einem kühlen, angenehmen Luftzug gestreift. „Die Unzulänglichkeit aller menschlichen Dinge ...", brummte ber Schriftsteller. „Sie, Hartl, können bas Bewußtsein davon ebenforoenij ertragen wie ber Doktor Kern, ber sich fluchtartig aus dem Staub gemacht hat. Sie flüchten auch davor, und zwar in Ihre Philosophie, bie im Grunbe eine absolut ibeallstische geblieben ist — wie jener in bas Gegenteil: in ben absoluten Zynismus .. .* Doktor Hartl war im Begriff, ihm zu antworten, ba die Rebe sich ins Uferlose auszubehnen brohte, als plötzlich Lubwig Thiele aus feinem Sessel heraus zu sprechen begann, langsam, stockenb unb mit Pausen, so, als förbere er bie Silber mühsam als einem verschütteten Schachit seiner Erinnerung zutage. Die ganze Umgebung schien für feine halb- geschlossenen Augen versunken. „Wir tarnen von Sansibar ... Es war ein alter, klappriger Kasten, ein Frachtschlorren von ganzen zweitausenb Tonnen. Drei Monat« waren wir unterwegs unb wußten alle schon von Hamburg ab, baß ber Kasten nichts mehr taugte. Aber es ging, wie es immer gegangen war. Wir tarnen hin unb waren schon auf ber Heimfahrt, etwa auf der Höh« von Malta. Daß mit der Maschine schon immer etwas nicht in Drbnung gewesen war, hatten wir säst schon vergeßen ... hatten auch das prächtigste Wetter. Mitten am schönsten Tag platzt ba auf einmal ein Kessel» und wir mußten zwei Heizer heraufholen ... Bis auf die Knochen verbrüht. Mit dem schäbigen Rest ber Maschine tarnen wir gerabe noch« bis Marseille. Aber ohne bie zwei armen Burschen. Wir haben sie aufj bas Achterbeck geholt unb hingelegt. Wir taten noch, was wir tonnten- Es war nicht viel: Ganz in Del gepackt unb in Zeltbahnen gerollt. Es hat alles nichts mehr geholfen. Einen jungen Arzt hatten wir ba am Borb, von bem wir nie viel gehalten hatten. So ein blonder, langer Bursch, ber gerabe ein Examen gemacht hatte unb zum zweitenmal die Safe in ben Wind steckte. Der packte zu, wo wir alle fast nicht mehr Hinsehen! konnten. Der zeigte auf einmal, daß er ein ganzer Kerl war, obgleich« er kaum einen richtigen Flaum um den Mund hatte unb niemand ihm zutraute, baß er einem je einen Zahn ziehen könnte. (Fortsetzung folgt.) Boden der Heimat quillt blieben auch fortgesetzten Angriffen gegenüber siegreich, weil sie mit ihrer Heimat aufs innigste verbunden waren: die Schweizer, die Dithmarscher. Diese geschichtliche Wahrheit mutz in allen Deutschen der Jetztzeit den Willen stärken, wieder mehr mit dem Heimatboden zu verwachsen, seine Tier- und Pflanzenwelt, seine Berge und Täler, seine Walder, seine Geschichte und Kultur immer besser kennen und verstehen und damit mehr lieben zu lernen, damit wir allesamt den mächtigen Auftrieb deutschen Wesens, den die beiden letzten Jahre dem ganzen Deutschtum des In- und Auslandes brachten, mit immer größerem (Erfolge unterstützen können. Keine Nahrungsquelle ist sicherer und fördernder als die, die aus dem Boden der Heimat quillt und Kraft und Freude bringt für Körper und Zwei (Ströme. Don Ina Seidel. Feierlichkeit der großen Strombegegnung! Wenn Fluß in Fluß drängt und sich strudelnd mischt, Bis einer sich des Unterganges Segnung Stumm hingibt und im Größeren erlischt. Daß seine Wasser, Lava und Basalt, Im Gletschergrün der mächtigeren Flut Verschmelzen, und nun einig, Blut in Blut, Ein neuer Strom — ein Sohn — von hier an wallt. Der deutsche Mensch und die Heimat. Von A. Kneipp, Gießen. Die Vöglein im Walde, Die sangen so wunderschön: In der Heimat, in der Heimat, Da gibt's ein Wiedersehn! So sang das seldgraue Heer mehr als vier Jahre lang und schützte die Heimat vor feindlichem Einbruch. Die Heimat! Die Heimat! Nicht jeder, der über den Heimatboden schreitet, gehört damit auch ganz zu ihm; er muß mit ihm verwurzelt sein. Erst die Verwurzelung gibt die echte Liebe zu ihm und zu den Menschen, die an dieser Verwurzelung teichaben. Die Heimat ist gleichsam ein großes lebendes Wesen, besten Blutstrom alle durchflutet, die mit ihm verwachsen sind, das sie anregt und stärkt. Mächtige germanische Völker des Altertums, die Goten und Vandalen, gingen unter, weil sie in fremdes Land kamen und hier den Kampf um Leben oder Tod ausnehmen mußten, ohne dort verwurzelt zu sein. Kleine germanische Stämme boten übermächtigen Feinden Trotz und Geist. Eine Sage aus der Götterlehre der Griechen liefert dazu ein deutliches Bild: „Der Riese Antäos, dessen Mutter nach dem Glauben der Alten die Erde war, stand im schwerem Ringkampse mit Herakles, dem Sohne des Zeus, des obersten Gottes der Griechen. Es gelang Herakles mehrmals, Antäos niederzuringen; aber immer, wenn dieser bei seiner Niederwerfung die Erde, seine Mutter, inniger berührte, stärkte sie ihn, so daß er sich erneut seines Gegners erwehren konnte, bis Herakles die Hilfe, die Antäos von der Mutter Erde empfing, erkannte, mit seinen gewaltigen Armen den Erdensohn vom Boden hochriß und ihn so, entfernt von seiner Mutter, in der Luft erwürgte." Wer sich vom Heimatboden völlig löst, stirbt der Heimat ab, stirbt. Die obenerwähnten großen germanischen Volksstämme (Vandalen, Ost- und Westgoten) überrannten bei ihrem 'Vorwärtsdrängen gewaltige Gebiete des Römerreiches und gewannen sie für sich. Sie gaben aber dabei die Bindung an die altgermanische Heimat und ihre dortigen Volksgenossen auf. Sie verloren damit den Schutz und die Unterstützung durch die Heimaterde und gingen unter. Wertvollstes deutsches Blut ging damals dem Deutschtum für alle Zeiten verloren. Das Wissen von diesem Tatsächlichen mutz uns veranlassen, alle die, die heute deutschen Blutes sind, dem Deutschtum zu erhalten, sie immer wieder in der Heimat zu verwurzeln, selbst wenn sie weit draußen >m Ausland sich angefiebelt haben; denn: „Wir Deutschen alle lieben das Land der Väter, darin wir geboren sind, dessen Sprache wir sprechen, dessen Luft wir atmen, dessen Teil wir sind gleich Baum und Strcmch, Wald und Wiese, Vogel und Fisch. Wir lieben das Vo k dessen Blut unser Blut und unserer Frauen Blut und unserer Eltern Blut und unserer Kinder Blut ist, das denkt wie wir, das empfinbet rote mir, von bem rotr uns nur lösen lassen burch Zwang, unb nach bem wir, wenn von ihm getrennt, immer unb immer Heimweh behalten , schreibt ® rt mm in seinem großen Werke „Volk ohne Raum . — Unb em Mecklenburger Bauer, ber etliche Jahrzehnte vor bem Weltkriege als Neunzehniahriger nach ben Vereinigten Staaten von Nordamerika auswanderte, schrieb vor dem Kriege*: „Wir tragen alle etwas Erde aus unserem Heimatdorf an den Stieseln mit uns ins fremde Land. Das macht unfern Gang in der Fremde nicht leichter, aber ich möchte die Heimaterde an den Stiefeln nicht misten, denn mit das Beste in meinem Leben ist doch die alte Heimat." — Und nach dem Kriege schreibt er: ®tr hier (m ben Ber» einigten Staaten) glauben nicht, bah es mit ber Auswanderung nach hier wieder in Ordnung kommt. Es tut uns leib. Da gingen >mmer durch Auswanberer viele alte gäben unb Stricke hinüber unb herüber Da brachte beinahe jeher Sommer Grüße aus ber Heimat Unb bas alles hat der Krieg zerrissen. Der Friede wird es auch wohl nicht »'^er fünfen — Die Sehnsucht nach deutscher Art, das Heimweh nach deutschem Boden ist in all diesen Ausländsdeutschen — beim einen mehr, beim andern weniger vorhanden. Aber es ist da! Und an uns ist es, die noch vorhandenen „Fäden und Stricke" nicht zerreißen zu lassen; da aber, wo s" Zerrissen sind, ohne Unterlaß zu versuchen, sie wieder anZuknupsen, damit ine Heimatbinbung wieber werbe unb bleibe, bannt Fisches Blut " ) wieber — wie zur Zeit ber Völkerwanberung — ber Vernichtung verfalle. * Nach „Jürnjakob Swehn, ber Amerikafahrer" von I. G i l l h o f f. Der Schriftsteller Adam Müller-Guttenbrunn, der Schwade» abkömmling im Banat (an ber unteren Theih unb ber Donau, im heutig« Subflawien unb in Rumänien), roo Tausende und aber Tausende Deutsch» heute noch deutsche Sitte und Sprache hochhalten, hat eines seiner schönst« Bücher überschrieben: „Die Glocken der Heimat." — Unsere deutsch« Glocken läuten heute noch wie vor 150 unb 200 Jahren ben Banater Schwaben ins Lanb hinein unb bringen Beglückung unb Erbauung. Das beutsche Bolt aber muß auch bie Klänge der Glocken ber Kirchen be» Banats unb ber anberen deutschen Kirchen im Ausland zu sich herüdev- klingen lassen. Es darf nicht müde werden, sich mit Wort und Tat immer wieder der Brüder unb Schwestern jenseits ber sogenannten Reichsgrenze» ju. erinnern, bamit sich nie „bie Heimaterde völlig von ihren Stiefeln löse". Alles was deutsche Bolkskunde, Naturkunde, Baukunde, Kunst und Geschichte uns aus dem Bolksleben der Vergangenheit zeigen, führt uns ein Bild der Entwicklung bis zu unseren Tagen vor, zeigt uns, daß die deutsche Heimat bei all ihrer Wandlung von der ältesten Zeit bis auf uns eine Einheit darstellt, die auf uns kraft- und freudefpendend zu wirke» vermag. Wirken aber kann nur etwas, was lebt. Was aber lebt, ist ein Organismus, unb ein solcher wieber beruht auf der lieberem,timmung aller seiner Teile. Soll deshalb die Heimat gesundend und kräftigend wirken können, so mutz sie unversehrt sein. Das erfordert Heimatfchutz und damit Naturschutz in weitgehendstem Maße. — Konrad Guenther jagt in seiner Heimatlehre: „Die Tiere und Pflanzen unseres Landes sind nicht zufällig zusammengeworfene Dinge, sondern sind auf bas Kunstvollste eingepaßt in die Natur wie die Mosaiksteine in ein Mosaikbild". In dieses Mosaikbild gehört auch ber beutsche Mensch. Er muß sich harmonisch eingliebern in den Dienst des deutschen Seins und Werdens. Er mutz in sich und andern die Freude an ber Natur stärken, bas Leib in ihr minbern helfen. Ehrfurcht vor allem, was lebt, Ehrfurcht vor jebem Tier, jeber Pflanze muh stets in uns rege sein, benn Pflanze unb Tier sind Wunder, die keine Technik nachmachen kann. Jedes Tier und jede Pflanze ist in unserem Lande von Bedeutung. Wenn es die Verhältnisse erfordern, jo mutz selbstverständlich die Zahl mancher Tiere oder Pflanzen hier und da eingedämmt werden durch Menschen, die etwas von dieser Notwendigkeit wissen und verstehen, aber gänzlich ausrotten sollte man sie nie. — Die Ehrfurcht vor allem, was lebt, fördert die Ehrfurcht vor dem, der das Leben gibt. Deshalb ist sie eine Grundlage der Religion. Ihr folgt von selbst die Liede zu allen Lebewesen, der Grundlage des Christentums. Hüte deshalb jeder [eine Heimatnatur mit Liebe, damit sie ihm Siebe zurückgebe! Beim Kaiser von Abessinien zu Gaft. Von Paul Lieberenz. Die Augen der ganzen Welt sind auf die Vorgänge gerichtet, die sich gegenwärtig im Reiche des Negus Negerti abfpielen. Das im Verlag Reimar Hobbing GmbH., Berlin, erschienene Buch „Das Rätsel Abessinien" von Paul Lieber enz, dem langjährigen Begleiter Sven Hedins auf feinen Reifen durch Jnnerasien, vermittelt ein anschauliches Bild von den Verhältnissen in diesem Lande, bas für uns noch immer un« burchbringlichster Orient ist. Früher, als wir erwartet hatten, ließ uns ber Herrscher Äthiopiens zu sich rufen. In tabellofer Strafjentleibung rytit blankgeputzten Stiefeln zogen wir hoch zu Roß zum Gibbi. Der Kaiser hat sich in einen großen Park ein hübsches Haus mittlerer Größe bauen lasten. Auch biefes Gibbi ist, wie alle Wohnsitze ber Großen bes ßanbes, durch eine seste Mauer, die in großem Umkreis sämtliche zum Besitz gehörenden Beamtenhäuser, Wirtschajlsgebäude und Wachhäuser umschließt, gesichert. Am äußeren Tor stehen Wachposten, und ein Ossizier führte uns zum Tor ber inneren Mauer, bie bie eigentlichen Wohngebäube bes Herrschers umschließt. Hier nahm uns ein Hofmeister in kleidsamer abessinischer Tracht in Empfang und geleitete uns die Treppen zum Palast hinauf, wo er uns einem anderen Würdenträger übergab. Dieser endlich bat uns in bas einfach, aber geschmackvoll eingerichtete Wartezimmer einzutreten, wo er bebauernb etflärte, bah ber Kaiser noch nicht anroefenb fei unb wir boch etwas warten möchten. Nach einer Biertelftunbe rollte ein Fordwagen vor bas Haus, aus bem ein schmaler, mittelgroßer Mann in ber einfachen ßanbes« tracht — Selassi I. —, gefolgt von einem gleidjgetleibeten Begleiter, stieg. Der Kaiser hat zwar von bem italienischen König einen rounberbaren Fiat-Wagen zum Geschenk erhalten, jeboch benutzt er meistens einen bescheidenen Fordwagen. Kurz darauf öffnete sich unsere Tür und mit einer tiefen Verbeugung geleitete uns ber Diener in ben Empfangsraum, wo Selassi I., auf einem thronartigen Sessel sitzend, uns erwartete. Der uns bealeitenöe Abessinier wars sich auf den Boden, erhob sich aber auf einen Wink des Herrschers und stellte uns vor. Freundlich unb liebens» roürbig begrüßte uns ber Kaiser unb sagte jedem von uns in französischer Sprache, die er ausgezeichnet beherrscht, einige ßiebensroürbigteiten. Zunächst ging es jedoch noch sehr ofsiziell zu. Die Unterhaltung vollzog sich nie direkt, sondern nur über den Dolmetscher hinweg, der das Gesagte in aethivpijcher Sprache roeitergab. Ein kurzer Vortrag gab dem Kaiser, der selbstverständlich schon über uns informiert war. Zweck unb Ziel unserer Reise bekannt unb enbete mit ber Bitte, biete Expedition zu unterstützen. Nachdem noch über jeden einzelnen Teilnehmer der Expedition ein kurzer Bericht gegeben war, schien die trennende zeremonielle Eisdecke zu schmelzen. Der Kaiser klatschte kurz in bie Hände, und wie aus der Erde gewachsen standen weißgekleidete Diener da, die uns Gästen sofort Backwerk, ßikör und den in Abessinien unvermeidlichen französischen Sekt anboten. Dann sprach der Herrscher direkt mit uns, während der Dolmetscher stumm und ehrerbietig im Hintergrund stand; bald wurde aber auch dieser mit einer kurzen Handbewegung entlassen. Wieder warf er sich auf die Erde und entfernte sich dann mit tiefer Verbeugung. Als wir nun mit bem Kaiser allein waren, nahm bas Gespräch einen persönlichen Charakter an. lieber eine Stunbe unterhielten wir uns über viele Dinge, bie uns bie Vielseitigkeit bes Kaisers erkennen ließen, bann wurden wir freundlich entlassen und nahmen das sichere Gefühl mit, daß uns von dieser höchsten Stelle jede Unterstützung zuteil werden wurde. Sie wurde uns mehr als wir hofften. Bekamen wir doch später einen eigenhändig unterzeichneten großen Reisebrief mit dem großen Staatssiegel versehen, der uns Tür und Tor öffnete und die jeweiligen kleinen und großen Gouverneure und Landesverwalter zwang, uns kostenlos Lebensmittel und Unterstützung zu liefern. Am nächsten Tage wurden wir zu einem abessinischen Essen geladen. Man sitzt dabei auf Teppichen und Kissen nach türkischer Art auf der Erde. Zuerst wird warmes Wasser für die Hände gebracht, dann große Körbe mit Brotsladen. Zwischen 4 bis 5 Personen wird immer ein Korb mit Fladen gestellt. Zuletzt werden Töpfe mit scharsgewurzten Fleisch- saucen (Wot), Hühner, Eier und andere Sachen serviert, welche zwischen die Brotfladen gestellt werden. Jeder greift mit der rechten Hand zu, reiht ein Stück Fladen ab, fischt mit diesem Stück in der Sauce herum und versucht ein Stück Fleisch einzuwickeln. Ist man soweit, wird alles in den Mund geschoben; ohne Messer, ohne Gabel, alles mit der bloßen Hand. Jeder versucht natürlich das beste Stück zu finden, und es herrscht ein edler Wettstreit. Eine besondere Ehre ist, wenn der Hausherr einen Extrabissen zusammenkullert und dem Gast höchst eigenhändig in den Mund schiebt. Hammelkeulen mit beinahe rohem Fleisch werden von den Dienern, einfach in der Hand, natürlich am Knochen, gehalten, herumgereicht. Man reißt soviel ab, wie man gerade Appetit hat. Als Getränk wird Tetj, der abessinische Wein, den man mit Vorsicht genießen muß, in kleinen Trinkslaschen gereicht. Gläser gibt es nicht. Das Essen war so scharf, daß uns die Augen tränten. Wir hielten es für übertrieben gewürzt, vielleicht um uns Neulinge anzuführen. Später haben wir oft im Süden des Landes bei kleineren Machthabern am Essen teilnehmen müssen und da gingen uns erst recht die Augen über. Das abessinische Essen ist das am schärfsten gewürzte, das ich bisher gekostet habe. Es ist viel schärfer, als da« auch schon berüchtigte Curryessen oder Palmölschop Indiens, der Südsec und Westküste Afrikas. Einige Tage später waren wir beim Kaiser zum Abendessen geladen. Ein Märchen von Tausend und einer Nacht verwirklicht sich, wenn man von goldenen Tellern ißt. Diener hinter jedem Stuhl, jedes Winkes gewärtig. Französische Küche und die besten Weine. Wieder hatte ich Gelegenheit, die mich stark interessierende Erscheinung des Kaisers zu beobachten. Die kleine zierliche Figur, helle gelbliche Gesichtsfarbe, ein gutgeschnittener dunkler Vollbart, große sprechende Augen, die sehr energisch blicken können, ein Willenskraft verratender Mund, kennzeichnen eine Persönlichkeit von Geist, Energie und Diplomatie, die imstande ist, dieses von Interessenten umlauerte, im Innern aber von selbstsüchtigen und intriganten Fürsten beherrschte Land zu regieren. — An der Nord-, Süd- und Westseite wird Abessinien von Kolonialländern Englands begrenzt, das an dem im Norden hochgelegenen großen Tana-See, dem Hauptwafjerspender des Blauen Nils, reges Interesse hat. Könnte man doch hier durch geeignete Sperren sehr gut eine endgültige Wasserregulierung des Nils durchführen. Frankreich besitzt den Hafen und beherrscht mit seiner von dort ins Innere Abessiniens führende Bahn den Handel. Im Nord- und Slldosten umklammert Italien mit seinen afrikanischen Kolonien das Land und könnte für seine Menschenmassen sehr wohl das hochgelegene, gesunde und fruchtbare Siedlungsland Abessinien gebrauchen. Im Innern des Abessinischen Reiches leben mächtige Fürsten, von denen jeder heute noch glaubt, daß eigentlich seine Familie mehr Anrecht aus den Herrscherstuhl Aethiopiens hätte, als der Sohn des „Löwen von Adua". Wenn sie vielleicht auch keinen offenen Aufruhr wagen können, so gab und gibt es wohl auch heute noch andere Wege, um ein solches Ziel zu erreichen. Seit jeher wurde in orientalischen Ländern gern mit Gift gearbeitet. Die Gebräuche des „schwarzen Kaffees" erfreuen sich noch immer einiger Bedeutung, und so ist auch der Beruf eines „Vorkosters bei Hose" am kaiserlichen Hof in Abessinien eine durchaus ernst zu nehmende Position, denn auch bei unserem Abendessen wurden alle Gerichte vorgekostet. Die Kaiserin, eine imposante Erscheinung orientalischen Formats, verschönte durch ihre sympathische Liebenswürdigkeit den denkwürdigen Abend. Oer Bart im Wandel der Zeiten. Ein männliches Kapitel Kulturgeschichte. Von Dr. Wolfgang Frahm. Ein Streiszug durch die Geschichte zeigt uns ein endloses, niemals entschiedenes Hin und Her zwischen der Sitte, das Antlitz bartlos zu halten, und der Barttracht, die wiederum in unzähligen Abwandlungen aufgetreten ist. Die einen haben den Bart stets für ein Zeichen der männlichen Kraft gehalten, und in manchen Zeiten und bei manchen Völkern wurde ihm sogar eine geheimnisvolle Macht zugesprochen. Der Muselmann schwor beim Barte des Propheten. Ja, man ist so weit gegangen, die Zeitalter, in denen der Bart — wie im Rokoko — verpönt war, als unmännlich zu verdammen. Die anderen aber sahen in der Barttracht einen nicht lebensberechtigten Rest der Vergangenheit, eine lästige Sitte und zudem — wie in der Neuzeit immer wieder behauptet wurde, — einen Verstoß gegen die Hygiene. Soweit wir den Gang der Geschichte zurückoerfolgen können, ist überhaupt nicht zuverlässig zu entscheiden, ob zuerst die Barttracht oder das glattgeschorene Gesicht als „höherstehend" gegolten hat. Bei den Kulturvölkern des Altertums rasierten jedenfalls die Sumerer, die Völker des östlichen Mittelmeerkreises, die Kreter, Philister und Aegypter ihren Bart. Der Vollbart und die sogenannte Fräse, der Kranzbart, wie wir ihn heute noch bei Fischern und Schiffsleuten finden, setzten sich wohl zuerst in Bahylo'üen durch. Aus diesen beiden Barttrachten entstand eine dritte, die nach ihrem Verbreitungsgebiet die babylonisch-assyrisch-persische genannt wird und in der das Haar kunstvoll zu Strähnen und Lockenwickeln geflochten wurde. Später trat bei den Aegyptern der Königsbart auf, der als Hoheitszeichen der Herrscher galt. Bald trug der Pharao sogar einen künstlichen Bart, der umgebunden oder angeklebt wurde. Selbst Königinnen unterwarfen sich dieser Tracht. - Die alten Griechen sollen sich zuerst glatt rasiert haben, bis von Kleinasien her im archaischen Zeitalter der Vollbart zu ihnen gelangte. Alexander der Große erließ jedoch 330 v. Ehr. einen Armeebefehl, in dem feinen Kriegern das sofortige Rasieren befohlen wurde. Nach Darstellungen von Plinius und Varro haben die Römer um 452 o. Ehr. begonnen, das Gesicht zu scheren, als Publius Mena Barbiere von Sizjlien mitbrachte. In den letzten vorchristlichen und in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten scheint jedenfalls die bartlose Mode vorgeherrscht zu haben. Auch bei den Germanen hat die Einstellung zur Barttracht geschwankt. Während in den Gräbern aus der Bronzezeit Rasierklingen als übliche Beigaben aufgefunden wurden, begegnen uns die Germanen der Römerzeit in fast allen Darstellungen mit starkem Bartwuchs, wobei allerdings nachweislich zwischen den einzelnen Stämmen große Verschiedenheiten bestanden haben. Die Angelsachsen trugen Bärte bis zur normannischen Eroberung; erst Wilhelm der Eroberer zwang sie, sich zu rasieren. Wenn in Mitteleuropa von der Epoche der Karolinger an bis ins 11. Jahrhundert hinein auch die Bartlosigkeit weit verbreitet war, so ist der Vollbart doch niemals ganz verschwunden gewesen. Mit Ausnahme des 12. Jahrhunderts, in dem häufig der gekürzte Spitzbart getragen wurde, hat sich das glatt rasierte Gesicht mit einigen kurzen Unterbrechungen bis zu Anfang des 16. Jahrhunderts behauptet. Sowohl in den Kreisen der Ritter als auch bei den Bürgern kam während der Reformationszeit der Vollbart auf. Je stattlicher der Bart, um so geachteter war der Mann. Dem Bart zu Ehren gab Antonius Hotomannus im Jahre 1556 sogar ein besonderes Werk heraus. Mit der Ausbreitung der spanischen Tracht in Europa kam ein kurzer gestutzter Sinnbart mit kleinern Schnurrbart zur Geltung, der ganz zu Unrecht den Namen „Henri quatre“ führte, denn Heinrich IV. trug einen vollen Kinnbart mit Mittelscheitel. Die Zeiten für Langbärte wurden immer schlechter. Der Bischof von Halberstadt, Herzog Heinrich Julius, lieh feinen Hofleuten und Räten gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Bärte abfchneiden, fo daß sie nur die Zwickel behielten. Bei Ludwig XIV. wurde der Schnurrbart ganz dünn, und der Kinnbart hatte an der Unterlippe nur noch als „Fliege" ein kümmerliches Dafein. Die Rokokozeit verdammte dann die letzten Reste des Bartes als verachtenswerte Zeichen einer überlebten Barbarei. Aber die Barttracht erwies sich als unverwüstlich; in den einzelnen Ländern feierte sie auf verschiedene Weise fröhliche Wiederauferstehung, wobei Monarchen und andere hochgestellte Persönlichkeiten eine bedeutsame Rolle spielten. Von England aus verbreitete sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Mode des Backenbarts, aus dem sich die sogenannten „Koteletten" entwickelten. Napoleon III. verhalf dem kräftigen Kinn- und Knebelbart zum Siege, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für den Franzosen ebenso kennzeichnend war wie der große Vollbart für den deutschen Demokraten. Anderseits haben manche Herrscher sogar Gesetze gegen das Tragen von Bärten erlassen. Im Jahre 1850 verbot der Kaiser von Oesterreich seinen Zivilbeamten die Barttracht. Drei Jahre später wurden widerspenstige Männer auf Veranlassung der neapolitanischen Regierung unter Einsatz von Karabinier! gezwungen, ihren Bart stutzen zu lassen. Andere Völker, andere Sitten! Großfürst Nikolaus, der Oberbefehlshaber der russischen Armee, verbot hingegen den Offizieren, sich den Bart ganz abzurasieren, weil die Bartlosigkeit den allrussischen Ueberlieferungen widerspreche. Besonders in Rußland haben derartige Bartoerordnungen eine lange Geschichte. Als Peter der Große, in feinem Bestreben, dem Geist der Kultur der westlichen Länder in feinem Reich Eingang zu verschaffen, auch eine Kürzung der Bärte befahl, entfesselte er bei den gläubigen Altrussen einen regelrechten „Bartausstand". Auch außerhalb Rußlands war das Beispiel der Fürsten für die Byrt- rnode tonangebend, und beim Militär sind zudem noch häufig die gleichen Rücksichten 'maßgebend gewesen, die überhaupt eine Uniformierung der Soldaten wünschenswert machten. Das Vorbild des Monarchen wurde aber auch aus eigenem Antriebe von Höflingen und Beamten bis hinunter zum teinften Akutarius nachgeahmt. Der im Jahre 1821 verstorbene Zopfkurfürft von Hessen, Wilhelm I., befahl seinen Beamten und Offizieren sogar, den Bart in Form eines „W“ zu tragen, was natürlich geschah. In der englischen Armee war den Offizieren hingegen bis zum Jahre 1840 jeder Bort untersagt, nach dem Krimkrieg setzte sich bann allmählich der Schnurrbart durch, und zwar so gründlich, daß jeder Zivilist mit Schnurrbart für einen Offizier gehalten wurde, eine Tatsache, die der weiteren Verbreitung dieser Barttracht nur förderlich war. In Deutschland und besonders in Preußen war durch das Beispiel König Wilhelms I. eine besondere Art von Backen- und Schnurrhart Mode geworden, die man noch heute in seltenen Fällen bei einigen älteren Herren beobachten kann. Unter Wilhelm II. hatte der Schnurrbart mit den kühn nach oben gezwirbelten Enden, die der Volkswitz ebenso schnodderig wie treffend mit den Worten „Es ist erreicht" übersetzte, seine große Zeit, und jeder bemühte sich, es mit Bartbinde und Brillantine zu dem gleichen Ergebnis zu bringen. Eine besondere Regelung erfährt die Barttracht der Geistlichen innerhalb der katholischen Kirche. Durchweg ist den Priestern hier die Barltracht untersagt, vor allem der Schnurrbart. Bei den Mitgliedern des Kapuzinerordens ist der Vollbart jedoch sogar Vorschrift, und auch den Missionaren ist er selbst bis zu den höchsten Würdenträgern erlaubt. — Die Entwicklung der Barttracht ist eines der aufschlußreichsten Savim der Kulturgeschichte; aus ihm können wir manche Wandlungen von Sitte und Brauch, von religiösen Vorstellungen und politischen Anschauungen ablesen, die immer wieder von den Schwankungen der Mode durchkreuzt werden, von der wir — ohne die tieferen Gründe enträtseln zu wollen — nur sagen können, daß sie die Abwechslung liebt und unberechenbar ist. 'verantwortlich: Or. HanSThyriot. — Druck undD erlag: Drühl'scheUniversitäts»Duch-undSteindruckerei.2i. Lange, Gießen.