Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1955 Montag, den 25. Dezember Hummer |00 Geweihte Nacht. Bon Rudolfs Binding. Die Erdennacht erzittert von einem seligen Glanze und von Geburt umwittert. Die Berge knien im Lichte und weiß die Anger blühen den Glanz im Angesichte. Und Könige ziehn und Weise von einem Stern geleitet verklärt in stummer Reise. Die Wälder ruhn, verstummte Heerscharen still am Wege in Silberlicht Vermummte. Die Bäche beten leiser in frommen Wiesengründen. Lautlos gebeugt die Reiser. Verschlafne Furchen dehnen von süßen Saaten schwanger den schmalen Leib in Sehnen. Und Städte tiefer schlafen und Hirten stehn geblendet vom Glanze bei den Schafen. Bestreut vom Sternenfalle ist einem Kind bereitet Geburt in einem Stalle. Von Seligkeit umstellt sinkt eine Jungfrau nieder: Nun komme, Heil der Welt. Deutsche Weihnachten. Von Wilhelm von Scholz. Wenn wir nach dem deutschesten Fest fragen, das wir kennen, so werden gewiß die meisten Antworten lauten: Weihnachten! Gerade das Fest wird den meisten von uns als das deutscheste erscheinen, dessen Ursprung und religiös-gedanklicher Gehalt ins ferne Morgenland und in eine uns fremde, in keinem Zuge deutsche Natur zurückführt. Dort, wo nach der Heiligen Schrift Christi Geburt geschah, geben statt der Tannen Palmen der Landschaft ihr Gepräge. Dort kennt man keinen Winter in unserem Sinne. Dort fällt fast nie Schnee. Und doch — wie gehören für uns zum Weihnachtsfeste Winter und Schnee und Tannen, deren Aeste sich von der weißen, weichen Last biegen, und leiser Flockenfall, der alle Laute dämpft, in dem der Schritt ohne Hall ist oder höchstens bei einbrechendem Frost knirscht. „Es ist gar kein Weihnachtswetter!" sagen wir, wenn noch kein Schnee gefallen ist zum Heiligenabend: wenn die Aecker und Felder noch unverhüllt und kahl, spätherbstlich statt winterlich, daliegen. Es lohnt wohl, um die Weihnachtszeit, wo wir ein paar stille Tage ausruhen von der Arbeit des Jahres, uns besinnen und die Erlebnisse seit dem vorigen Christfest mit ihrem Glück und ihrem Leid an unserem Geiste vorüberziehen lassen, auch darüber nachzudenken, wie es gekommen ist, daß gerade dieses schöne Fest sich in seinem reinen weißen Frieden so tief mit dem Gehalt unserer deutschen Seele gefüllt hat, alle Innigkeit des deutschen Familienlebens in sich aufnahm, die schönsten alten Volksgebräuche in seinen Umkreis zog. Es ist doch das deutsche Familienfest schlechthin geworden! Mehr als irgendein Geburtstag, die Wiederkehr eines Hochzeitstages oder sonst ein Jahrtag, der in dem kleinen Kreise nächster Blutsverwandter gilt, ist dieses allgemeinste Fest der christlichen Menschheit in jeder Familie das allervertrauieste, die Herzen am meisten zueinander erschließende, das innigste Familienfest geworden. Wie ist das gekommen? Gewiß, es ist nicht ohne Bedeutung, daß das christliche Weihnachtsfest offenbar ein altgermanisches Fest der Lichtwiederkehr überlagert; und daß die Erlösung der Welt aus den Nebeln, in welche J)ie tief ziehende Sonnenbahn versunken war, das Wiederansteigen der Sonne, der erste leise Beginn des Wachsens der Tage überhaupt statt des nicht feststellbaren Geschichtstages Christi Geburt aus den 24. Dezember rückte. Es gab sicher schon ein weihnachtsähnliches Fest bei unseren früheren Vorfahren, das solche reinen schönen friedevollen, die Menschen in Liebe vereinen- den und versöhnenden Züge gehabt haben wird, wie sie unser Weihnachten schmücken. Die deutsche Seele verschmolz, als sie das Christentum in sich auf- genommen hatte, beide Feste in einer voll Glanzes und Leuchtens schimmernden Sinnbildlichkeit. In der erinnerten die Lichter am Baum sowohl an das Himmelslicht, dem das Fest ursprünglich allein galt, wie an den Stern, der über der Hütte in Bethlehem kündend und wegweisend funkelte, und vielleicht auch noch an die im neuen Jahr bald wieder mit Blutenflammen aus den Aesten brechende Natur, an die Lebens- und Zeugungskraft. Sie birgt sich in jedem ernsten gründunklen Baumzweige ebenso wie in unserer schaffenden Seele, die nur vom Druck der licht- losen lastenden Nebelzeit erlöst zu werden braucht, um leuchtend hervorzubrechen. Aber dieser vom Volk vergessene und erst wieder von der Wissenschaft aufgefundene Zusammenhang kann es nicht allein sein, dem unser heutiges Weihnachten seine einzigartige deutsche Schönheit und Gefühlssinnig, keit verdankt Ich glaube, daß wir nicht in eine so ferne Zeit zurllck- zublicken brauchen, um die überzeugende Ursache davon zu finden. Wir stehen hier vielmehr vor einem der köstlichsten Wunder, welche die deutsche Kunst, die alte Volksdichtung sowohl wie die Malerei, dem deutschen Volke geschenkt hat. Die Erzählung von Christi Geburt im Lukas-Evangelium, deren erhabene friedevolle Schlichtheit namentlich in der Lutherschen Ueber- setzurrg kaum je von einem weltlichen Erzähler erreicht oder gar Überboten worden ist, greift am tiefsten an deutsche Herzen, ist mit ihrem Gehalt an schwerstem größtem Erleben wohl nur von der deutschen Seele ganz zu erfassen. Die holdselige junge Mutter und das Kind in ihrer Schutzlosigkeit inmitten der bösen Mächte der Welt, durch welche sie hindurchgerettet werden müssen; Armut, der von ungerechtem hoffärtigem Reichtum unbarmherzig begegnet wird; ein neues großes in die Welt eintretendes Ereignis, ein sich über alle bisherigen Könige hoch erhebender gewaltiger neuer König, dem zuerst die Hirten, die Bauern und die Tiere huldigen und der selbst — trotz seiner Abstammung aus dem Königsblut seines Volkes — in einer Handwerkerfamilie zur Welt kommt — das war so recht ein Stoff für die Gefühls- und Gedankenfülle unserer Dolksdichter, für die ehrfurchtsvoll auch dem kleinsten Wirklichen zugewandte Kunst unserer Zeichner, Maler, Holzschneider. Selbst ohne den göttlichen Erlösungsvorgang, den die Heilige Schrift als ein geheimnisvolles Leuchten über die Geschichte von Christi Geburt ausgießt, ist in dem Stoff der Lukaserzählung alles, was den deutschen Künstler zur Erschaffung der Weihnacht, wie wir sie heute im Gefühl tragen, anregen mußte. Und daß in diese deutsche Weihnacht aus fernem Morgenlande die heiligen drei Könige kommen, von denen einer gar ein Mohr ist, das machte sie nur noch deutscher; denn das deutete ja den Weg an, den diese Weihnacht selber vom Morgenlande zu uns hergewandert ist Die alte Zeit unseres Volkes, die noch nicht wissenschaftlich sondern gläubig war — ich meine nicht kirchengläubig sondern gläubig all dem gegenüber, was sie in ihrer Seele trug und "was sie aus Erzählungen und Berichten schlicht hinnehmen mußte, ohne es sich weiter erklären lassen zu können — die konnte sich ja ein fremdes Land und das Geschehen darin nicht anders vorstellen als wie ihr eigenes Land und wie das Leben im eigenen Volke. Als unsere Altvorderen die Geschichte der heiligen Geburt dem Lukas nacherzählten oder aus Tafeln mit einer deutschen Landschaft, deutschen Häusern und Wäldern als Hintergrund und einer deutschen Mutter und ihrem Kind als Personen abfchilderten oder — das ist das Schönste! — in wundervoller Dichtung, in den Krippenspielen als einen lebendigen, nicht nur in ferner Vergangenheit gewesenen sondern sich immer, in jedem Jahr, wiederholenden Vorgang vor das Volk stellten, in Auge, Ohr und Herz zugleich einbringen ließen, da begannen sie uns die deutsche Weihnacht zu schaffen, die wir heute in uns tragen, so wie sie aussehen muß, wenn sie eine richtige Weihnacht sein soll. Statt der Palme steht da die Tanne. Und mag in den überzeitlichen Gewändern der heiligen Personen auch noch ein wenig der Schnitt und Faltenwurf aus ihrem Ursprungslande zu spüren sein — schon Joseph, der Zimmermann, und gewiß die Hirten, die Bauern und ihre Tiere, die Bauten und die Baume, die sind in jeder Faser deutsch. Und deutsch wie die Gegenständlichkeit der Bilder sind all die Regungen, die sich in den schönen schlichten Versen der Krippenspiele aussprechen und die noch heute unser innerliches Weihnachtserleben bestimmen: da ist das Mitgefühl und das Helsenwollen, da ist die Mitfreude der anderen armen Väter und Mütter an Maria und ihrem Kind, da ist die deutsche Schlichtheit und Treue in Joseph. Und selbst Gottvater mit seinem wallenden Bart ist ein würdiger alter deutscher Mann, und die Englein, die durchs Fenster des Stalles nach der Krippe gucken oder oben am Himmel das „Frieden auf Erden!" fingen, haben blonde deutfche Köpfchen. Das ist fo weiter durch die Jahrhunderte gegangen bis zu Ludwig Richter und Schwind. Alle die Künstler haben gefühlt, dah sie eine rechte Weihnacht für uns nicht zuwege bringen konnten — fei es im Wort ober im Bild — sie ließen sie denn in Deutschland spielen, wo der weihe Winter dazugehört und Menschen unseres Volkes dazugehören. Daran wollen wir denken, so oft wir im neuen Deutschland wieder die Weihnacht feiern, und wollen dies Fest des Friedens und der Gemeinschaft als das deutscheste aller Feste begehen! — Legende von Esel und Ochs. Von Ruth Schaumann. Jedes Jahr in den heiligen zwölf Nächten können die Tiere reden. Die Menschen aber verstehen, was sie zueinander sagen. Und in einer solchen Nacht einmal hat mir ein alter Ochs diese Geschichte erzählt und der müde Esel, der neben ihm stand, neigte das Haupt mit den langen, seidengrauen Ohren dazu und sagte: ja, ja so ist cs. Wie die ersten Menschen Gott betrübt und beleidigt hatten, dah der Engel sie forttreiben muhte aus dem hellen Paradies, zogen all die armen Tiere einher. Die hatte ja Gott um der Menschen willen gemacht in seinen lieblichen Garten hinein, so muhten sie bei den Menschen bleiben und mit ihnen ziehn, wohin die zogen: das war nun viele Trüb- nis und sehr viele Not. Da klagten die Menschen, da klagten die Vögel, da klagten alle Tiere im Wald und die auf dem Felde, und die Fische im bitteren Meer klagten auch, mit Flossen und schuppigen Schwänzen Sagten sie, weil sie keine Stimme haben. Und alles schaute recht sehnsüchtig auf nach dem verlorenen Himmel, ob denn keine Hilfe kommen wolle, wie ein Tau auf verdorrende Kräuter, aber der Himmel blieb zu. Wie aber die ersten Kinder kamen, die ersten jungen Rehlein, die ersten kleinen Vögel im Nest lagen, die ersten winzigen Lämmer unter den alten Schasen ruhten, und kleine Esel auf hohen Beinen zwischen den müden Tieren standen, die noch das Paradies gekannt, hat man manchmal an stillen Abenden eines Engels Stimme fingen gehört, fern, fern im Abendbrot. Des Engels Stimme fang: Gott will nicht ewig tragen Den so gerechten Zorn. Es wird ein Röslein schlagen Aus bitterlichem Dorn. Gott wird sein Kind entsenden, Das trägt und löst die Schuld Und wird die Nacht beenden. O liebe Erde, hab Geduld Wenn dann die Stimme schwieg, war es schon, als sei nicht der Tau, aber Dust vom Tau gekommen. Mensch und Tiere blickten sich siebreicher an und taten sich eine kleine Weile nichts mehr zu leid. Aber nur eine kleine, kleine Weile, bann war wieder alles wie zuvor, wehe und dunkel. Alle tausend Jahre sang der Engel einmal. Und wie zehntausend Jahre vergangen waren, da seufzte die Welt: wann kommt der Sohn des großen Gottes, wann, o wann, aber er kam immer noch nicht. Und es vergingen taufend Jahre und abermals taufend, und wie der Engel wiederum fang, da zitterte feine Stimme. Und die Menschen fragten sich: was zittert des Engels Stimme fo sehr, kommt wohl der Sohn Gottes, kommt er nun bald? Und wie die Menschen, so sprachen auch die recht traurigen Tiere, die müden, miteinander und die große Giraffe sagte: wenn er kommt, auf den wir alle fo warten, werde ich ihn zuerst sehn, ich, die Giraffe, denn ich habe einen recht langen Hals. Nein, schrie der Adler, ich sehe ihn zuerst, denn ich fliege ihm entgegen, so hoch, wie Engel fliegen, komme ich auch. Nein, ich, sagte der Elefant. Ich bin stark, ich zertrete alle Wälder wie Gras und mache ihm eine recht große Straße, daher er kommt... Nein, sprach der Löwe, ich werde rufen mit meiner stärksten Stimme, daß er herbeikommen muß, um zu schaun, wer fo furchtbar laut ruft — ich sehe ihn zuerst und werde es euch dann sagen. O nein, sagte die Fledermaus — er wird zur Nacht kommen, darin niemand sonst wacht als ich und die Eule mit ihren Mondaugen, wir werden ihn sehn, derweilen ihr schlaft. Sie waren alle so stolz und schrien durcheinander, und das Pferd meinte: Er ist ein König, und er wird auf mir daher reiten, auf meinem Rücken wird er thronen. Nein auf mir, sagte das Dromedar, ich will ihn viel besser tragen als du... Nein, auf mir, kam der Elefant; er ist groß wie Gott, er, der Sohn Gottes, er wird allein Raum haben auf meinem Rücken Und er warf seinen Rüssel in die Luft und hielt ihn ganz still und steif, als hielte er den Himmel daraus wie einen Ball. 0 du törichter Elefant. Die kleinen, schwachen Tiere aber standen dabei. Sie sagten nichts, was sollten sie auch sagen. Die kleinen Schafe froren fo sehr, es war Winter, sie hatten ihre Wolle hergeben müssen. Die kleinen Mäuse ziepten so kläglich, sie hatten recht Hunger, den Vögeln hatte der Sturm ihr Nest verweht,, sie schrien vor Leid. Mitten unter ihnen stand ein blindes Eselein und ein großer alter Ochse betrachtete seine Hufe, die voll trockenem Schmutz waren, und rieb seinen Rücken an einem toten Saum, er war wund von der Peitsche eines Bauern. Und der Ochse sprach zu dem Esel, seinem armen Freunde: du und ich werden den großen, guten Gott niemals sehen und auch nicht hören, denn du bist blind und ich bin taub und kein Mensch hat mit uns ein Erbarmen. Ganz still gingen alle zwei zurück in ihren armseligen Stall, vor die leere Krippe hin. Und da standen sie nun. Mit ihnen tarn nur ein räudiges ßämmlein, eine hungrige Maus und endlich eine häßliche Spinne, die setzte sich in ihr kleines Netz unterm Balken. Und dann kam die große, tiefe, lange Nacht. Kein Stern war im Himmel, kein Wind bewegte die Baume im Schnee, nur einmal klagte ein kleines Reh im Wald, und ein Vogel schrie traurig im Schlaf. Und auf einmal ein Stern, im schwarzen Himmel, ein riesiger, starker, klarer, ein glänzender Stern und des geliebten Engels Stimme dabei, die fang: Er ist nun auf Erden, Des großen Gottes Sohn, Geht hin mit allen Herden ' Und wollet selig werden Und steht um seinen Thron. Da, horcht, begann der mächtige Löwe sein tiefstes Gebrüll, laut und lauter, stark uiid stärker, daß feine gewaltige Brust fast zersprang: Sohn Gottes, komm herbei, daß ich dich sehe. Sohn Gottes, komm herzu. Aber wie sehr er auch rief, er hörte sein eigenes Gebrüll nicht mehr, des großen Löwen starke Stimme war so leise geworden wie ein Hauch, der große Löwe war stumm. Der Elefant aber raste jetzt durch die Stämme, er zertrat sie wie Gras, aber seltsam, hinter ihm standen sie allesamt wieder auf. Und wie der Elefant in die Wüste gerannt tarn, fand er sich dort vor einem dunklen Mann, der trug eine Krone. Da beugte sich der Elefant, so groß und schwer er war, und sagte: Sohn Gottes, großer König, sitz auf, ich habe dich zuerst gesehen, ich, der Elefant. Da saß der König auf, aber er lachte leise: ich bin nicht der König der Welt, den will ich ja auch suchen, trabe dahin, alter, törichter Elefant, bis wir ihn finden. Also ritt der Mohrenkönig Balthasar auf dem Elefanten dahin, immer dem neuen Sterne entgegen. Auch bas Dromedar hatte einen König getroffen und es sagte: siehst du, ich habe dich zuerst gesehn. Doch das war nur der König Kaspar, den es gefunden. Auch das stolze Pferd fand einen König, und nahm ihn auf feinen Rücken. Es warf die Hufe und den Schwanz, ben langen, wie einen Schleier und sagte: ich trage den König der Welt, ich, das Pferd. Da antwortete der sehr alte Mann auf seinem Rücken traurig: Gutes Tier, ich heiße Melchior, ich begehre selbst nach dem König, den du suchst, bringe mich hin, bringe mich hin. Die Giraffe reckte sich durch das Geäst, sie sah nur den Stern, sonst sah sie nichts, der helle Stern blendete sie. Der Adler hatte aufsteigen wollen, aber seine Flügel waren ihm schwer wie Blei, ein kleiner Spatz gelangte höher als er. Die Fledermaus und die Eule flatterten wohl neugierig umher, sie trafen aber nur Hirten, die schritten rüstig dahin. Sie fragten: wohin, ihr Hirten, was schlaft ihr nicht, heute Nacht? Nach dem König der Welt, der heute gekommen ist. Wer hat ihn zuerst gesehen, fragte die Eule. Ich weiß es nicht, antwortete der älteste Hirt, ich gehe ihn grüßen. Ja, wer hat ihn zuerst gesehn? Das war der alte, sehr alte Ochs und das Eselein, das blinde. Das blinde? Ja, o dies! Sie standen alle zwei an der Krippe, der leeren. Sie murrten auch nicht, als noch ein armer Mann mit einem sehr schönen Weibe dazu kamen, frierend und hungernd wie sie, mit einem winzigen Laternchen, das hängten sie an der Krippenwand auf. Sie schliefen ein vor Ermattung, vor Trauer, vor Hunger, und wurden wach an einem sehr hellen, süßen Licht, das vor ihnen war in der Krippe. Der Ochse sah es, der Esel spürte es nur. Der Ochse sagte zum Esel: es ist ein kleines Kind, ein sehr kleines Kind, Ach, sähe ich bas kleine, bas sehr kleine Kinb, ich wollte ben König ber Himmel nicht lieber sehn. Da lächelte bas Kinblein in ber Spreü unb bas Eselein konnte bie schweren Liber erheben unb sah bas Kindlein vor sich, das sehr kleine Kind. Cs lächelte und es weinte — unb ber Ochse sagte: könnte ich sein Stimmlein vernehmen, wie süß muß es sein, ich wollte ben König aller Völker nicht lieber hören, mit aller Musik, barinnen er naht. Oh, oh, ba hörte ber Ochs bas sehr kleine Kinb meinen, ganz zärtlich meinen, aus lauter Liebe, bie es zu bem armen Tier empfanb, aber es lächelte ben- noch babei. Auch bas räubige Lamm sah nun bas Kinb, bie kleine Maus sah bas Kinb, unb die häßliche Spinne sah das Kind im Stroh des Stalles, und feine Mutter kniete bei ihm. Dann find die Hirten gekommen, bann die Könige, auf Roß, Elefant unb Dromebar, sie knieten unb riefen: O Kinb, o König, o Gott Ochs unb Esel aber haben es zuerst gesehn, benn ben allerärmsten unb ben gebulbigften neigt sich bie emige Liebe zuerst unb zutiefst. Ja, ja, so ist es, sagte der Esel zu mir unb ber Ochse sprach leise: unb mir roerben es mieber sehn in ben nächsten Nächten, benn es ist bie Zeit, ba es kommt. Ganta Kathrin stopft Socken. Eine hamburgische Weihnachtsgeschichte von Hans Leip. Junggesellen mögen gemisse Vorzüge genießen, ja, es kann zu Zeiten angebracht [ein, ihre Ungebundenheit zu preisen, zu Weihnachten aber finb sie ziemlich überflüssig. Es sei benn, sie lassen sich als Onkel verbrauchen, inbem sie bie Schätze ber Süßigkeiten- unb Buchläben in vielen kleinen tannenreisiggeschmückten Paketen verstreuen ober gar ben Weihnachtsmann mimen, wozu natürlich die nötige vermandtfchaftliche ober befreundete ober gemeinnützige Gelegenheit unb einiges Gelb unb, ben Weihnachtsmann betreffend, Begabung gehört. Das alles nun kam bei bem Junggesellen Christian Möck nicht in Frage. Man mußte ihn, meihnachtlich gemessen, zu den gänzlich Ueberflüffigen rechnen, was nicht Hindert, gerade an ihm merken zu lassen, mie den allzu Einsamen gelegentlich ein unvorhergesehener Trost zuteil werde. Möck mar Bootsmann auf der Bark „Kathrin", die gerade Heiligabend im Hamburger Hafen hinterm Ionas lag. Sie hatte ihr Finn- landholz gelöscht und hoftte, gleich nach ben Feiertagen einen Schubs Koks Überzunehmen unb bamit ihren Heimatort Geestemünbe anzutun. Bis auf Bootsmann Möck hatte sich die Besatzung samt Kapitän an Canb vernebelt, zieht doch jebermann vor, ben Festesglanz von einem warmen unschwanken Sofa und womöglich in Familienschoß zu A grüßen, umgeben von Annehmlichkeiten, die an Bord nicht vorhanden sind. Zumal ja bie „Kathrin von der ganz alten aussterbenden höl- zernen Sorte war, die noch bas geschnitzte Abbild ihrer Namenspatin 0 5 Gallwnsfigur unterm Bugspnt trug, und war sie auch gemütlicher und ver"wanzt" E,,entasten, so war sie doch auch eng?°erbrauA Jahren seine erste Reise gemacht brechungen treu geblieben war. G Krischan Mock liebte sie trotzdem, und gern blieb er als Hafenwache an Bord. Im Hamburger Hafen gibt es allerdings nicht viel zu wachen denn es herrschen dort gesittete Zustände, so daß Möck ahne Gewissens- b.sse den Mittag sich von einem Jollenfllhrer nach Johannisbollwerk hatte übersetzen lassen, um sich ein bißchen fürs Abendbrot zu besorgen Er war fast so alt schon wie das Schiff, mit dem er vor mehr als füniüa fahren seine erste Reise gemacht, und dem er mit kurzen Unterbrechungen treu geblieben war. Gewiß, die Examina waren ihm ent- gangen aber er wußte von den Dingen der See soviel wie irgendein durch Patent Erhöhter ohne daß es seiner Beflissenheit und Tüchtigkeit vorm Mast Abbruch tat. Wie es denn noch so ein paar dieser alten durchgesalzenen Seerobben gibt, die allen Kartotheken zum Trotz kein Gnadenbrot brauchen und keine Rente kennen, bis der Tod sie holt So man ihnen begegnet, grüße man sie in Ehrfurcht! Diesen Abend hatte Krischan Möck den Logisofen gut in Schwung und hielt die Kaffeekanne daraus warm. Seine Hand in ihrer derben Härte schien diesem glanzlos gewordenen Bunzlauer Geschirr sonderbar verwandt zu sein, ach, wie oft waren die beiden einander zugetan gewesen Schmunzelnd und schmatzend goß Möck den zichoriengewürzten Inhalt m eine längst des Henkels entbehrende bauchige Tasse und verwandelte ihn schnuppernd jeweils mit einem Schuß Rum in den gehörigen Festpunsch. Auch gönnte er sich heute ein Stück Räucheraal züm Schiffsbrot, dazu ein Viertel Sülze und auch drei Stangen Laufkäse, die er, ohne daß sein Appetit litt, knurrend als Leichenfinger bezeichnete, wie er denn überhaupt den von hohlen Schlaskojen eingerahmten einsamen Raum der Back mit Gerassel und Geräusper und lautem und leisem Geschmack geräuschvoll erfüllte. Als er genügend in sich hatte, entfachte er den Sägbrösel, qualmte eine Weile gedankenvoll vor sich hin, genießerisch an feinen braunen Zahnstummeln nachschmeckend, was er Gutes gehabt, gedachte mancher Mahlzeit an mancher Küste und mancher schmalen Tage auf See, erhob sich vom Hängetisch, schrob den Docht der pendelnden Petroleumlampe ein wenig höher, vermeinte Glocken zu vernehmen, ging mit steifen, winkligen Knien, die schon sachte sich der ewigen Heimat zuneigten, an die Logistür. Jawohl, da läuteten sie schon, die vom Michel und die von St. Nikolai und ebenfalls die von der Catharinen. Der Hafen lag diesig. Von Lichtern und von Schiffahrt war nicht viel spürbar. Nun, er hatte seine Ankerlaterne in Ordnung. Ein paar Möven strichen meckernd umher. Möck holte die fettige Aalhaut, die blankgesogene Aalgräte und die Sülzenschwarte und warf sie ihnen an die Schnäbel, damit sie auch ahnen sollten, daß Weihnachtsabend sei. Es war eine schudderige Luft, und es zog ihn bald ins Logis zurück, wo er denn ein wenig auf und ab ging, wie ein Wachthabender es auf der Brücke tut, und er fetzte feine flachen Füße taubenhaft behutsam auf in der langen Hebung, bei keiner Aenderung der Grundlage unvorbereitet zu sein. Sein Rücken war nicht mehr so marinestur wie bei ben jungen Maaten, seine ungewöhnlich breiten Schultern ermangelten des wohlgefälligen Specks, aber über den strengen Sehnen feines Halses wuchs der grießstoppelige, dürre, zonengebeizte Schädel ihm noch aufrecht und ohne Zittrigkeit, gekrönt von der blauen Bootsmannsmütze, die er nur im Bett ablegte. Nun er so wandelte, mar feine gemächliche Seele voller Vorstellung von allerlei Tannenbaum und Kerzenschimmer nebst Karpsenesfen und Puter- oder Gänsebraten, wie es zu dieser Stunde fein mochte in Stadt und Hafen, Häusern und Schiffen bis auf die See hin und Über die Meere hinaus, soweit es mit der Nacht gelegen ist und es Christenmenschen gibt. Er hörte auch vielerlei Stimmen, große und kleine, lebendige und tote, war er doch alt und besinnlich genug dazu, gähnte hin und wieder den Spuk mit kröchelndem, knatterndem Tonfall an und fühlte mit Behagen sich die Lust anbämmern, allmählich zu Koje zu muscheln und einen von Glasenschlag und vierstündiger Auspurrerei unbehelligten gesegneten Schnarch zu tun. Dem bevor jedoch versäumte er nicht, feiertagshalber schon ein bißchen frische Wäsche bereitzulegen, um am Morgen gleich hinein- slutschen zu können, ein graugelbes Normalhemd, eine kleinfingerdicke himbeerfarbene Unterhose aus Flanell, ein mildblauweißkariertes Leinenoberhemd und die schwarzwollenen Pulswärmer, die noch von seiner Mutter selig stammten, und ein Paar graue Socken. Alles erwies sich als heil und richtig bis auf die Socken, die leider nicht mehr von der handgestrickten Mutterforte waren (ist doch das Leben der Socken aufreibender als etwa das der Pulswärmer), sondern aus einem Laden Herrührfen für seemännische Ausrüstungsgegenstände, welche Läden gemeinhin damit zu rechnen scheinen, daß allen Seeleuten ein rasches Ende beschieden sei. Der alte Möck aber hatte manchen Sturm überdauert und so auch dieses Paar/ das mit betretenem Grinsen aus zwei klaffenden Hackenlöchern zu ihm aufjappte. Er durchforschte seine Seekiste nach einem besseren, aber es fand sich {eins. Somit nahm er murnrnetnö und grummelnd Nadel und Knäuel und begann bas schwierige Werk, einen fußligen Wolltampen einzufädeln, indem er ihn mehrmals zwischen Daumen und Zeigefinger aus dem Born des bartlosen Mundes befeuchtete und so zu bändigen trachete und das Oehr mit ausgestrecktem Arme dicht vor den Lampenzylinder hielt. Aber so spitz und scharf auch seine Hellen feegrauen Augen zwischen Brauengebüsch und Zwinkerfalten k^rvorttochen. es wollte nicht gelingen, sei es, daß die Länge der Arme seiner Weitsichtigkeit nicht mehr gewachsen waren, sei es, daß der Kafsee- ßunsch dem ehrsam häuslichen Bestreben im Wege stanb. Gewohnt, bh ^a/.i)e5h Schicksals nie überraschend zu finden, brach er sein Vor- den widerspenstigen Faden ansauchenb: Ich wollt, du wärst em Kamel, eh du mich dazu machst, denn daß du ein Reicher bi ft, mußt du einem erzählen, der eins ist! 1' ° o •Plad’ Är verwickelten, biblisch gegründeten Betrachtung war es Krischan Mock auf einmal erst richtig weihnachtlich zumute. Ihm fiel auch noch anderes bei, indes er die Lampe ouspuftete und sich schnaufend und ächzend m die Koje rollte, Lieder kamen ihm in den Sinn die der Stimmung noch gemäßer waren, und gelinde Kindheitsbilder aus Stube, Straßen und Kirchenschiffen dieser Stadt, darin er arm geboren war und in deren Hafen er nun kaum wohlhabender vor Anker 'lag Da war es besonders der Choral „Lobt Gott, ihr Christen —", der sich zu seiner Genugtuung fast lückenlos in ihm aufzufinden schien, um jedoch bei der bedeutenden Zeile „er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel fein —1" hängen zu bleiben, worüber sich bann einiges in seines Herzens Einfalt bewegte, den Zeitläuften gemäß, und ihn brummig zu stimmen anhub, bis ihm ein verklärendes Beispiel aus eigener Erfahrung in den Wind kam, nämlich von der letzten Instanb- fetzung und Ueberholung der „Kathrin" vom Sammer her, wo auch der Gallionsfigur eine Auffrischung zugesprochen war, der dazu beorderte Matrose es aber ihm, der die Aufsicht führte, nicht zu paß trieb, worauf er denn selber die Stelling geentert und die hölzerne Segelfrau unterm Bugsprit in drei Farben angepinselt hatte. Da also hatte er sich vom Herrn zum Knecht gemacht, rein um des guten Erfolges willen. Wie es denn also auch ewigeren Ratschlägen in Ansehung des Christkindleins vorgeschwebt haben mochte. Zufrieden mit solch findiger Verknüpfung persönlicher und höherer Vorfälle, ließ Möck den Sinn wieder ins Naheliegende sinken, wo im Grunde der Seele die ärgerlichen Socken grinsten. Ein Glück, feine Ausgeh-Stiefeletten reichten hoch genug, um die Un- gedührlichkeit nicht in den Festtag ragen zu lassen. Er hätte auch nichts Gewaltigeres auf den nackigsten Fersen vor, als eben zum Steinshöst und zum Seefahrerheim, woselbst ein alter Freund von ihm, Segel- macher Poggels, dem Rest des Daseins in Beschaulichkeit verdöste, imb wo die Mission und die Wohlfahrt und gewiß auch ein brauchbarer Damenverein den Insassen zu Weihnacht reichlich zu spenden pflegten, braune Kuchen und Zahnpasta und Zigarren, Nützliches und Unnützl'iches durcheinander, was zu Weihnacht aber alles ebenbürtig willkommen ist; denn es kommt auf das Herz an, und es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht unter den milden Gaben für Poggels sich auch ein Paar vernünftige Socken anfinden würden, die man ihm abschnacken könnte, wo er doch nur Fußlappen trug. Möck sann noch ein paar Atemzüge lang der bezüglichen diplomatischen Rede und Gegenrede nach, bis es ihn ermüdete und, wie oft in solchem Zustand, ein kleiner Jammer nicht ausblieb, Darin er sich plötzlich fürchterlich verlassen fühlte in der Welt, auch voll Bitternis seiner einstigen Braut gedachte, der einzigen seines Lebens, und es war vierzig Jahre her, da sie ihm während einer Australienreise ein Glücklicherer weggeschnappt hatte. Seufzend und stöhnend wälzte sich Möck auf die andere Seite, wo ihn der Schlaf alsbald empfing und feine Betrübnis löste. Da deuchte ihm auf einmal, es brenne wieder Licht im Logis, und bann faß da jemand Weibliches am Hängetisch und hatte seine Socken vor, nahm die Maschen zierlich auf und webte das gute Gitter sachgemäßen Stopfens über die elenden Hackenmäuler. Möck tat nicht erstaunt Wird wohl eine von der Mission sein, dachte er etwas mißtrauisch. Doch als er länger hinsah, kamen ihm das faltenreiche Gewand der Dame und die Farben Rasa, Gold und Himmelblau merkwürdig bekannt vor, auch entdeckte er eine kleine Goldkrone in ihrem dicken Haar. Kein Zweifel, es war die Gallionsfigur vom Bugsprit die Santa Kathrin höchsiselber. Sie hatte so in halber Ansicht die dralle Rundlichkeit seiner verwichenen Liebsten, er entsann sich, das gerade hatte ihm die Malerarbeit nicht unangenehm gemacht. Hallo! äußerte er sich schließlich, schon aus Höflichkeit. Die Santa Kathrin blieb eine Antwort nicht schuldig, oho, man merkte ihr nichts Hölzernes an, und sie sagte, es sei wegen der sommerlichen Gefälligkeit, die Möck ihr erwiesen, darum wolle sie ihm zu Weihnachten auch eine erweisen. Was Wunder, daß Krischan Möcks Herz weit wurde und er, als sie mit den Sacken fertig zu fein schien, eine blumige Bemerkung fallen ließ bezüglich der kalten Nacht außerhalb und einer gewissen warmen Koje innerhalb was ihm die Heilige aber nicht übel nahm, sondern ihm bloß holdselig lächelnd mit der Stopfnadel drohte, worauf sie verschwand. Denn die Heiligen bedürfen der irdischen Erwärmung nicht, wie es auch in dem Liede heißt: Santa Kathrin, auf Erden ist es falt, aber bei dir ist es warm. Santa Kathrin, nimm uns doch halb in deinen himmlischen Arm! Vielleicht hätte Krischan Möck nichts gegen eine derartige reizvolle, aber icherlich endgültige himmlische Unterbringung einzuwenden gehabt. Stattdessen erwachte er ben anbern Morgen außergewöhnlich munter. Seine Socken entdeckte er allerdings genau so ungeftopft, wie er sie verlassen hatte. Die Wäsche auf dem Schemel hingegen, darauf er bie Dame hatte sitzen sehen, schien ihm einen unzweifelhaften Eindruck aufzuzeigen, womit bewiesen wäre, baß auch Erscheinungen ihr Gewicht haben können. Das Gute blieb aber bennoch nicht aus. Denn ber Bericht Des fonberbaren Traumes ließ ben Segelmacher Poggels so irre werben an Möcks Geisteszustand, baß er ihm halb ängstlich, halb mitleibig, nicht nur bie tatsächlich eingetroffenen Milbe-Gabensocken, sondern obendrein eine Tüte Pfeffernüsse, eine Bartbürste, eine Rolle T^m, einen Band „Herzblättchens Zeitvertreib" und einen kaum gebrm>*t<>n Spa zierstock schenkte. Wohl bekomms! i, wenn zumute. Bissen in den Mund schieben. „Der Appetit kommt beim Essen!" ermuntert Borte und gibt nicht nach, als er ihre Hand abzuwehren beginnt. Schade, daß sie nichts für ihn zu trinken hat. Sie würde ihm gern was aus der Gaststube herunterholen, aber sie scheut die Fragen oben und die verwunderten Gesichter. „Also einen Schatz hast du", kommt Lars auf das zurück, was er beobachtete. „Er meint es doch ehrlich mit dir, wie? Eigentlich bist du ja noch zu jung für so etwas." Sorte errötet bis an die Haarwurzeln. Was soll sie sagen? Er sollte doch davon schweigen, wirklich. „Na ja", fährt Lars fort. „Es ist ja schließlich kein Wunder. Aber du hättest es mir ruhig sagen können ... Wer ist es denn? Aber mit der Heiraterei werdet ihr doch noch warten? Mutter soll es wohl nicht wissen, wie?" Sorte wundert sich, daß er so ruhig mit ihr darüber spricht. Aber es ist Lars beinahe ein Trost, daß er es nun weiß. Denn wenn er nun nicht mehr da sein wird, hat sie am Ende doch jemand, der für sie denkt und sorgt. „Du wirst mir wohl nicht gern sagen, wer es ist?" fragt er wieder. „Doch nicht einer der Kellner hier im Hause? Da wäre mir der junge Hausdiener, den ihr hier habt, schon lieber, muß ich sagen. Heißt er nicht Fritz? Ich hab ihn neulich mal in der Küche gesehen, meine ich. Kannst du dich darauf besinnen? Aber der ist es wohl nicht? Er erzählte mir damals, daß er vom Lande ist. Da hat er sicher einen guten Kern in sich, mehr Treue und Beständigkeit, siehst du." Sorte ist aufgestanden. Saß er gar nicht davon aufhören kann. Sie ist ein wenig ärgerlich auf ihn. So schwatzhaft ist er doch sonst nicht. Ihr Schatz heißt auch nicht Fritz, sondern Martin. „Aber", setzt sie hinzu, „du mußt nicht mehr davon reden, nicht wahr? Cs ist ja alles noch ganz heimlich mit uns. Niemand weiß etwas davon. Es kann ja auch fein, daß alles noch anders kommt." „So, so", brummt Lars. „Es ist wohl gar nicht so einfach für euch, immer aufzupassen, daß niemand etwas merkt, wie?" „Nein, das kannst du dir wohl denken. Sie haben hier alle Luchsaugen auf so etwas, sag ich dir, und die Erna, die heute weggegangen ist, hätte ihn auch gern gehabt, wie ich gemerkt habe ... Aber du mußt nicht meinen, daß ich ihm nachliefe. Sas wäre das letzte." Lars hat noch nie daran gedacht, daß Sorte einen Liebhaber haben könnte. Aber aus Kindern werden Leute. Ja, das ist wohl so. „Du sagst es zu Hause dach noch nicht, nicht wahr?" bittet Dörte ihn. „Nein, wenn du es nicht willst", antwortet Lars und empfindet es als eine Auszeichnung, daß er es nur erst allein wissen soll. „Im Grunde ist es mir sogar ganz recht", beginnt Lars von neuem. „Wenn es ein ehrlicher Mensch ist, nicht wahr? Du bist ja dann nicht mehr so allein hier, und ich brauche nicht daran zu denken, daß du eines Tages das Heimweh kriegst, wie? Aber nun muh ich wohl aufstehen", sagt er und wirst die Bettdecke zurück. (Fortsetzung folgt.) Ist es Sorte, die sich da auf den Hofplatz hinunterbeugt? Aber es ist zu dunkel, so daß er sie nicht sicher zu erkennen vermag. Jetzt wird edoch in einem der Gastzimmer im ersten Stock Licht angeknipst, und der Widerschein vom Schnee genügt gerade, daß er die Umrisse ihrer Figur erkennt. Gewiß ist es Borte. Wer sollte es denn auch sonst sein? Mit wem lästert sie denn da nur? ' „Nein, geh doch jetzt, hörst du, und sag nichts davon, daß ich ihn hier in meinem Zimmer untergebracht habe. Es braucht nicht gleichdurch das ganze Haus zu gehen, daß er vorhin hier krank geworden ist-" „Nein, so dumm bin ich denn nun doch nicht", antwortete jemand ebenso leise, aber Lars hörte deutlich, daß es eine Männerstimme war. „Es ist doch nichts Ernstliches mit ihm, wie? Umgefallen ist et, ägst du?" „Beinahe, ja. Aber es war wohl nur die Müdigkeit. Jetzt liegt er und schläft." „Aber da hast du doch selber diese Nacht kein Bett? „Bas hilft sich schon. Ich bin auch kaum müde heute abend. Im Not- all schlafe ich ein wenig im Sitzen." „Warte, ich hole dir eine Becke aus meinem Zimmer." „Nein, auf keinen Fall. Ich will das nicht, hörst du?" „Boch, laß mich nur machen. Bavon merkt niemand was." „Nein quäl’ dich nicht um mich und mach jetzt, daß du wegkommst.n Nein, so laß das doch ... du ..." „Schlaf gut, hörst du?" „Du auch. Mußt du noch wieder zum Bahnhof?" „Ja, nur zum Berliner Zug noch. Dann ist Schicht." Leise Schritte knirschen im Schnee, und leise wird auch das Fenster jetzt wieder geschlossen. „Du hast einen Schatz?" fragt Lars, als Sorte sich wieder still auf ihren Stuhl gesetzt hat. Sie erschrickt so, daß sie zusammenfährt. Gut, daß Lars es nicht sehe» „Bu wachst?" fragt sie und tritt zu ihm ans Bett. „Und wie geht es dir jetzt?" „£)", antwortet Lars. „Ein wenig matt bin ich noch ... ßte verdammte Lauferei, siehst du. Man geht doch seine fünf Stunden bis hierher. Auch ...ich bin schon seit gestern abend auf den Beinen." Lars beißt sich auf die Zunge, aber Sorte beachtet es zum Glück nicht, daß er sich da eben ein wenig verplapperte. „Warum bist du eigentlich nicht mit dem Wagen gekommen?" fragt sie. Lars antwortet nicht. Er weiß nicht recht, was er sagen soll. „Komm, nun sei vernünftig und iß ein wenig. Ich hab dir vorhin etwas mit hereingebracht. Nur ein einziges Stück! Bu follst sehen, du erst mal einen Mundvoll gegessen hast, wird dir ja gleich besser zu Es ist ihr eigenes Abendbrot, das sie mit in ihre Kammer genommen und für ihn zurückgestellt hat. Lars läßt sich bereden und sich wie einem kleinen Kinde ein paar Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann (8. Fortsetzung.) Aber nun steht er von neuem und jetzt so entschlossen auf, daß Sorte keinen Widerspruch mehr wagt. Als er aber draußen über den Flur tappt, kommt wieder so ein dummer Schwächeanfall über ihn. Es ist ganz ähnlich, wie damals am Brunnen. Hastig greift er nach einem Halt. Ah. die Mauer ist so wundersam kühlend, und es tut wohl, em paar Augenblicke lang die Sttrn daran zu drücken. Aber dann hat er sich wieder. „Holla", sagt er und lächelt, „da wäre ich doch wahrhaftig beinahe gestolpert. Aber das macht dieser glatte Fußboden, den ihr hier habt." . ..., „Nein", erklärte Sorte nun bestimmt, „bu gehst letzt wirklich noch nicht weg. Es ist unmöglich, siehst du, nun du den weiten Weg nach Hause vor dir hast ... Komm, tritt hier in meine Kammer, wenn du in der ßeuteftube nicht gerne sitzen magst, wo jeden Augenblick jemand herein- tommen kann, nicht wahr? In meiner Kammer bist du bann ganz sur dich ... Komm, es sind nur ein paar Schritte." Widerstrebend läßt Lars sich bereden. Er ist noch nie in Bortes Kammer gewesen, ja, er hat nicht einmal gewußt, wo man sie im Hause untergebracht hat. Alle anderen schlafen oben in bett Erkern, nur sie hat bamals als Küchenmäbchen ihre Kammer hier unten bekommen. Es ist ein kahles, nichtiges Gelaß mit getünchten Wanben, unb bas Fenster geht nach hinten zum Hofe hinaus. Nun sie Zimmermädchen geworden ist, hat sie Anspruch auf eine der Kammern auf dem Haus- boben. Aber bart wirb sie mit Sophie in einem Zimmer schlafen müssen, und ba ist es ihr eigentlich lieber, wenn sie hier unten bleiben bars. Jedenfalls ist es heute gut, daß der Vater nicht erst die vielen Treppen nach oben zu steigen braucht. „So, hier wohnst du also", nickt Lars, mehr um etwas zu sagen, als daß er dem armseligen Raum eine besondere Aufmerksamkeit widmete. „Sieh an, das ist ja, als wenn bu eine Prinzessin wärst, ben Teufel auch." Schweigenb zieht ihm Borte bie schweren Stiefel von ben Füßen, wie sie es früher zu Haus tat, wenn Lars von ber Arbeit kam, unb er läßt es sich stillfchweigenb gefallen, so baß sie sich im stillen darüber wundert. Sa wird sie sofort noch um ein Stück mutiger unb gibt nicht eher nach, bis sie ihm auch die Joppe von ben Schultern gestreift hat. „So, unb nun hole ich dir etwas zu essen", erklärt sie kurz und bestimmt. Aber Lars widerspricht so energisch, daß sie es doch wieder aufgibt. Nein, es ist wirklich genug mit ber Sorge um ihn. Er muß sich ja schämen, baß er so mit sich umgehen läßt! Als hätten sie beibe bte Rollen getauscht unb er wäre nun ein Kind geworben, statt baß sie bas seine sei. Nein, zum Teufel noch mal, er will nicht noch schlapper gemacht werben, als er ist. Aber im Grunbe empfinbet er ihre Sorge um ihn bankbarer, als er sich merken läßt. Um ben Finger wickeln könnte sie ihn, nun sie ihn aus ihren blauen Augen bittenb wie mit leisem Vorwurf ansieht. Barum willigt er jetzt sogar ein, sich für eine Weile auf ihr Bett zu legen. Senn wenn ihm auch oerbammt schwach in ben Knochen ist, ins Bett braucht er barum noch lange nicht. Aber mach einer was gegen so ein junges Frauenzimmer! „Komm", sagt Sorte unb zieht ihm bie Becke ein wenig höher, bamit er ein wenig roieber burchwärmt, so eiskalt wie seine ©lieber finb, unb ,jomm", sagt sie roieber, unb biesmal meint sie das Kopskissen, bas sie ihm ein wenig höher zieht. „Liegst du so gut?" fragt sie. „Ja, ja", antwortet er. „Mach nur nicht fo viel Geschichten. Bu weiht, ich kann so was nun mal nicht ausstehen." „Nun schlaf ein paar Stunden, hörst bu? Nur schnarchen barfst bu nicht", lächelt sie. „Es ist nämlich nicht gerabe nötig, baß jemand, der draußen vorbeigeht, merkt, daß ich hier ein Mannsbild in meinem Zimmer habe." Ja, bie Sorte! Sie kann einen ordentlich ein wenig aufheitern, wenn man ihr so zuhört, bentt Lars. Alles ist so eigen um ihn, neu unb wunberlich. Auf ber kleinen Kommode, die Borke von zu Hause mitgekriegt hat, als sie in Bienst tarn, tickt ber Wecker, unb nun sie hinausgeht unb ben Schlüssel braußen im Schloß umdreht unb abzieht, kommt ein so ruhiges Gefühl der Geborgenheit über Lars, wie er es feit langem nicht mehr gekannt hat ... Als er wieder erwacht, ist es stockdunkel im Zimmer. Nur der Schnee, der am Tage gefallen ist, leuchtet vom Hof her in einem matten Licht herein. Lars liegt in einem stillen Verwundern unb braucht ein paar Augenblicke, um sich barauf zu besinnen, wo er ist unb wie er in bas Bett gekommen ist, in bem er liegt. Ach ja, richtig, er ist in Bortes Kammer, unb er hat so fest geschlafen, wie seit langer Zeit nicht mehr. Wie spät es wohl sein mag? bentt er, ohne nur zu ahnen, wie lange er geschlafen hat. Es kann wohl nur eine halbe Stunde gewesen sein, vielleicht auch breioiertel, bestimmt nicht mehr. Wo Borte nur stecken mag? Vielleicht, daß sie noch oben in ben ?;immern zu tun hat, nun sie doch einen ganz neuen Bienst im Hause at? Sa kann er am Enbe noch eine Weile liegen bleiben, ohne ihr ben Platz wegzunehmen, wie? Sa hört er ein leises Flüstern im Zimmer. Es kommt wohl vom Fenster her? Unb jetzt spürt er auch einen leisen Luftzug, als stände bas Fenster offen, unb nun er schärfer bort hinblickt, erkennt er allmählich, daß jemand am Fenster steht ... Der antwortlich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und D erlag: Drühl'sche Univ ersitäts-'Luch- und Eteindrucker ei. A. Lana«, Gießen.