EWimKmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 74 Montag, den 25. September Jahrgang 1935 1. Fortsetzung. Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Holländer Copyright 6y August Scherl G.m.b.y., Berlin Borbora zuckt zusammen. Sie geht schnell in das Dunkle des Ladens. Sie lätzt sich die Vorzüge des teuren Apparates genau auseinandersetzen. Sie spricht ausführlich über die Zahlungsweise, obwohl der Vater es nie dulden würde, daß sie irgend etwas kauft, das nicht sofort bezahlt wird. Sie kauft den Apparat. Sie hat sich noch ein paar hundert Mark vom Gehalt gespart. Alfred wird sich bestimmt freuen. Bitte gegen Abend schicken... Hier die Adresse, eine kleine gummierte Adresse aus einem Block, der noch fünfzig Barbara Schreiners enthält. Gibt's nun bald Block, der noch fünfzig nicht mehr. Aus mit Barbara Schreiner. Sie taucht also zehn Minuten später aus dem dunklen Laden auf, em wenig geblendet. Es ist halb zehn, wie sie drüben an einer Uhr sieht. Sie hat also noch eine Menge Zeit. Sie wendet sich nach der Gedächtniskirche hinunter und steht vor Rauthammer, der lachend den Hut gezogen hat. , Guten Tag", sagt Rauthammer, „also da hätte ich Sie doch noch beute..." „Guten Tag", antwortet Barbara tapfer und gibt ihm die Hand. "Famos", fährt Rauthammer fort und setzt seinen Panama zurecht, „mein Glück hat mich noch nicht verlassen. Hätte sie allerdings spätestens heute nachmittag angerufen. Sie wohnen noch draußen in Lichterfelder Natürlich. Oder ich wäre einfach in der Klinik vorbeigekommen. „Ich arbeite nicht mehr in der Klinik", lächelt Barbara. Jetzt ist Rauthammer erstaunt. „Sie arbeiten nicht mehr in der Klinik? Das war doch nicht eine Arbeit, die man einfach hinlegen kann. Was macht Ihr Boter denn ohne Sie? Was tun Sie denn den ganzen Tag. Nein, es ist ganz unmöglich!" „ m „ Barbara zeigt auf ihre Pakete. „Was ich tue? Genau das, was andere Frauen auch tun. Besorgungen ... Einkäufe ... Friseur ... Rauthammer lacht sein heftiges, klangloses Lachen. „Unsinn , lacht er „Sie sind nicht wie andere Frauen und schon gar nicht w,e irgendwelche sein", sagt Barbara ärgerlich und bricht ab. Sie wünscht keine langen Unterhaltungen mehr mit Herrn Rauthammer^ S>e hat damals acnua mit ihm über die Welt, über das Leben und über Barbara Schreiner gesprochen „Vielleicht", meint sie, „bin ich doch wie andere Frauen, Sie streckt ihm die Hand hin. Sie will über die Straße weg m das Dell- katessengeschüft auf der anderen Seite. Auf Wiedersehen. Aber Raut- ^^Cz^sind^sast^Efün^Iah^"^fährt"erweise fort, „nein, mehr, vor fünf Jahren im März wurde ich von Ihrem Herrn Vater als geheilt enL lassen Er hat übrigens recht gehabt. Ich bin kerngesund seitdem. Ich ^"zaubse"^aLr7Ä1u°.Nm"Erstaunen nicht über die Straße auf das Delikatessengeschäft losgegangen, sondern geht neben Rsuthamm ber Sie liebt aufmerksam den langen, dürren Schatten des Mannes an, überOem wie ein Pilz der Phr°midenschatt-n-desHut^ schwebt. Sie siebt den Schatten mit einem dicken Bambusstock gestikulieren. L- Y seine Stimme, eine Schattenstimme, eine etwas hezstrei aber^ angenehm tttagende Sii „ f ,, nvm ox* nm 10 Ja, gleich^drüben >m I°» „und nun ™6 SZLSßMMW l>SW.°3rit,'*a6 ich Menschen her und schmeißt einen von der Welt hinunter, eye m fertig ist." bara, „ich muß mich beeilen. Ha! rm gelegt, eine Stimme ist, kleine, wollte Weile, Sie „ich Schade", sagt Rauthammer, „ich habe es wohl geahnt, aber ich bab" es doch nicht genau gewußt." „Vielleicht ist es schade gewesen, vielleicht auch nicht", antwortete Barbara, „das ist \a nun alles Ctn Sie' ftetjt schnell auf. Auch Rauthammer hat sich erhoben. , Es ist ganz und gar nicht einerlei", sagt er scharf, „ganz und gar nicht. Denn wenn etwas jemals war, so ist es immer... Das ist doch Barbara erschrickt. Das hat sie vor ein paar Monaten ihrer Freundin „Jetzt im Augenblick ist die Zeit auch hinter mir her", lächelt Bar- _.;a, „ich muß mich beeilen. Habe noch allerlei zu besorgen. Ich..." Eigentlich will sie ihm sagen, daß sie heiratet. Aber dann denkt sie: Es geht ihn gar nichts an! Gar nichts geht es ihn an... Er hat auch nie von seinen persönlichen Angelegenheiten erzählt. Erinnere dich! „ „Morgen oder übermorgen werde ich Ihren Herrn Vater aufsuchen, erzählt Rauthammer, „er muß mir ein kleines Lebensattest ausstellen. Einen Garantieschein auf fünf oder sechs Jahre. Brauche das..." Er ist vor einem Cafe stehengeblieben, dessen Tische dicht neben der lt. Sie will aufstehen. Aber Straße aufgebaut sind. ..... „Eine Viertelstunde ... nach fünf Jahren ... alle fünf Jahre eine Viertelstunde ... soviel Zeit ist immer. Kommen Sie!" Sehr merkwürdig. Plötzlich sitzt Barbara neben Rauthammer im Cafe, rührt in einer Schokolade, raucht eine von Rautharniners winzigen Zigaretten «sind übrigens ausgezeichnete, selbstgestopfte Zigaretten — alles Lüge, die Zigarettenbeforgung, alles Lüge), fitzt und sieht aus die Straße hinaus, hört den merkwürdigen Galoppsätzen Rauthammers zu, den springenden Sätzen, muß manchmal lachen.-Muh den Kopf schütteln. Rein — das weiß sie jetzt — die Welt ist nicht so, wie er sie malt obwohl sie vielleicht so sein könnte. Dabei studiert sie vorsichtig sein Gesicht. Er ist nicht jünger geworden. Natürlich nicht. Von den Haaren, die damals noch gescheitelt werden konnten, ist nur ein grauer Haarkranz rings um den Schädel übriggeblieben. Unter den Augen sind die Iahrzehnts- ringe gezogen, fünf Ringe, fünf Jahrzehnte. Der Mund ist noch schmaler geworden. Noch zusammengekniffener sind die Lippen. Rauthammer erzählt. Er ist lange in China gewesen Er hat die Kämpfe der letzten Jahre um Mandschukuo miterlebt. Als Zuschauer, als Mitkämpfer ober als Kaufmann? Er fagt nichts darüber. Er berichtet von Russen, von Japanern, von Chinesen, von Abenteurern aller Lander die ihre Geschäfte da unten machen, blutige Geschäfte, trübe Geschäfte, glänzende Geschäfte. Von alten Kulturen, die langsam zerbröckeln, und neuen Kulturen, die zu wachsen anfangen. Daß die Europäer Schritt für Schritt Boden verlieren, ganz allmählich, wenn man es em paar Jahre beobachtet, und rasend rasch, wenn man es mit chinesischen Augen ansieht, die mit der Zeitlupe der Jahrhunderte zu betrachten verstehen. Sehr interessant ist das alles. Sehr aufregend. Aber em bißchen unmenschlich, nein, fern-menschlich. So, als ob um etwas Außermenschliches gekämpft würde und nicht — zunächst mal um gjlatj, um Nahrung, um Kleidung, um Wohnung für unzählige Millionen. Außerdem hat sie im Augenblick sehr persönliche Sorgen, Gedanken, Interessen. Sie ist wohl politisch aufmerksam geworden, seitdem Alfred Meimberg ihr klargemacht hat, daß im Politischen heute viele andere Dingen des Menschenlebens mitentschieden werden müssen. Aber am Tage vor der Hochzeit, nicht wahr ... . .... n- . . .. __ Rauthammer bricht fein Referat plötzlich ab. Er wird in einem halben Jahr wieder nach Sibirien ober Mandschukuo gehen. Aber letzt hat er ein paar Monate Urlaub. , . „ Jetzt will er ein bißchen als Europäer leben, als zuschauender Europäer, als Deutscher, aber als zuschauender Deutscher. . „Wohin reifen Sie?" fragte er. „Oder ist es em Geheimnis? Ich möchte es wirklich gern wissen." „Es ist kein Geheimnis", antwortet Barbara, „aber ich weiß es nicht. Irgendwohin mit dem Auto." Ob sie selbst fährt, will Rauthammer wissen. Sie kann wohl selbst fahren. Aber sie fährt nicht selbst? Nein,nicht immer. „So", sagt Rauthammer, „so ist das." „ ,',Ja", antwortet Barbara, „so ist das. Sie findet, nun ist endgültig alles gefagl Rauthammer hat feine Hand auf ihren Ar schmale und starke Hand. „Biste, bleiben Sie noch ein bißchen , flüstert er, „ich "^Schweigen. ^„Fragen Sie", sagt Barbara nach einer muß nämlich bann wirklich gehen." „Ich wollte gern wissen", fagt Rauthammer, unb ferne rote damals auch manchmal, plötzlich klar, „ich wollte nämlich wissen, ob Sie mich damals geliebt haben." Barbara nickt. „Ja", sagt sie einfach, „ich habe Sie damals wirk- Sophie Wahnke gesagt. Und Sophie Wohnte hat gelacht. Sie kann sich das nicht denken. Aber es ist wirklich wahr: Wenn man jemals geliebt hat, liebt man immer. Es gibt ewige Liebe oder eine, die nichts wert ist. Ganz klar. Sie steht vor Rauthammer, nur durch einen Kafseehausstuhl getrennt. Sie sieht auf seine Krawatte, eine hellblaue Krawatte mit weißen Punkten Sie hebt ihre Augen und blickt in seine Augen, die braunen, ruhigen Augen in dem unruhigen Gesicht. Sie erinnert sich ganz genau an die Stunden vor fünf Jahren am Bett Rauthammers. Wie er ihr den Sinn des Lebens erklärt hat oder doch seinen Lebenssinn: Aktivität, Rhythmus, Witten Das seien die drei Grundphänome, aus denen sich Aufstieg und Abstieg Leben und Tod ergäben. Der Sieg des Willens über die Materie, das sei die ewige Ausgabe jedes Menschen. Begriffen nur von wenigen. Durchgeführt nur von einzelnen. Diese einzelnen muhten sich zusammentun, mühten sich stärken. Ja, sie gehörten zusammen nach dem Lebens- geseh, einerlei, was die Gesetze der einzelnen Leben und die Zufälligkeiten der einzelnen Schicksale über sie beschlössen. Man sieht: Eine recht allgemeine Theorie, gut angespitzt für den Gebrauch in dieser Liebesangelegenheit. Damals aber hat Barbara das alles geglaubt. Auch nachher noch, als Rauthammer schon abgereist war. Bis eines Tages — vor ihrer Abreise nach China — Frau Rauthammer zu ihr kam, eine hochmütige, kalte Frau, um „gewisse Illusionen" zu zerstören, um „bestimmte, rein äußere Tatbestände" festzustellen (daß sie nämlich Herrn Rauthammer niemals freigeben würde, niemals), um , das Fräulein Schreiner vor den Neb'elreichen der Rauthammerschen Gedankenwelt zu warnen", denen eine „recht brutale Tatwelt" gegen- aus aus als könnte er sie mit dieser Nachricht fest- Barbara höflich, „sie war eine sehr schöne „Sie kannten sie also doch. Sie war also mir." Er hält Barbaras Hand, halten. „Das tut mir leid", sagt Frau." „So", sagt Rauthammer, doch bei Ihnen. Ist dachte es Barbara nickt. Sie macht ihre Hand los. Sie geht an Rauthammer vorbei aus die Strahe. Sie hört ihn noch sagen: „Jetzt wird mir manches klarer. Nur nicht, warum sie ihr geglaubt haben. Nein ... das müssen Sie mir noch erzählen." Und indem er noch ein paar Schritte hinter ihr hergeht: „Wir sehen uns noch vor Ihrer Abreise. Unbedingt. Sagen Sie mir, wann ich Sie sehen kann ..." Barbara bleibt stehen und sieht ihn böse an. Sie schüttelt abwehrend den Kopf. Er muß doch sehen, daß sie ganz und gar nicht mehr will. Ewige Liebe? Unsinn ... das war keine Liebe. Das war ... das war Lüge ... und Betrug ... Das war ... überstünde. An wieviel kann man sich in zehn Sekunden erinnern! Wieviel kann man in einer Sekunde wieder spüren! „Also jetzt gehe ich wirklich", sagt Barbara endlich, „leben Sie wohl." Rauthammer nickt. Er kann sie nicht länger halten. Er begleitet sie nur noch bis zum Ausgang aus dem Cafe. Er geht neben ihr, lächelnd und freundlich wie immer. „Uebrigens", sagt er am Ausgang, als hätte er doch die Macht, Gedanken zu lesen, „übrigens starb meine Frau vor vier Jahren in Hsinking. Bald nachdem sie aus Deutschland nachgekommen war. Ganz plötzlich ... Denken Sie..." Siebe? Sie weih es selbst nicht. 3. Sie dreht sich um und geht ganz schnell weg. Sie läuft beinahe. Sie läuft an einem großen Kurhaus vorbei. Sie sieht die riesigen Plakate verschwimmen. Durch ihre Tränen lächelt eine geschminkte Dame —' Hollywood. Barbara weint. Aus Schmerz, aus Zorn ... ober doch Zehn Minuten später scheint alles ausgestanden. Barbara hat sich in die dunkle Ecke eines anderen Cafäs geflüchtet. Draußen vor den offenen Scheiben blendet der Berliner Sommertag vorüber. Farbig, hell, lärmend. Barbara prüft sich ruhig, fachlich. Spürt sie noch etwas? Ja, ein bißchen Herzklopfen. Ist nicht merkwürdig, Sie hat Rauthammer ja zugegebenermaßen geliebt. War natürlich ein grober Fehler, das zuzugeben. War ober anständig. Und in Gefühlsdingen wollen wir doch anständig fein. Hochnobel, sehr sauber, peinlich exakt, wie bei Operationen. Sie weiß doch, was für entsetzliche Folgen die geringste Nachlässigkeit haben kann. Also bitte sauber!! Mag er es ruhig bestätigt kriegen, was er sowieso gewußt hat. Obwohl es doch eben eine Frage ist: Hat sie ihn wirklich geliebt? Sie sieht wieder das enge, kleine Zimmer in der Klinik, mit dem Blick aus den Stamm einer Pappel, mit einem Stuck Himmel, der begrenzt war von einem Fabrikschornstein und einem Balkon. Es war der Februar in jenem kalten Winter, in dem irgendwo die Kohlenkähne für Berlin einfroren, in dem im Kohlenkeller des Krankenhauses noch für einen Tag Kohlen waren und der Vater wirklich aufgeregt wurde, faugrob mit einigen Ministerien und Behörden telephonierte, man solle lieber eine Steuerbehörde ober ein paar Schulen zumachen, ehe man feine Kranken erfrieren ließe. Damals war Barbara noch Pflegefchwefter ... Die metften Männer waren etwas verliebt in sie. Ist ja klar: Wenn man das Leben wieder- kammen fpürt ober ben Tob herannahen fühlt, wird man „gefühlig". < ines Tages aber hatte sich die Schwester Barbara auch in einen Patienten verliebt, in den Kaufmann Karl Rauthammer, aus Schon- Ning, China. Warum? Barbara weih es nicht mehr genau. Wahrscheinlich war sie doch geehrt, als sie merkte, daß sie in diesem kalten Menschen, in dem witzigen, welterfahrenen Mann ein Feuer entzündete. War also im Anfang eine ganz gewöhnliche Geschichte. Wurde nur langsam gefährlich. Abend für Abend faß Barbara an feinem Bett. Zwischen Hitze und Kälte. Denn die Heizung funktionierte natürlich. (Schreiner hatte die Kohlen bc- ’ommen, die er brauchte, selbstverständlich.) Aber das Fenster mußte ’mer aufstchen. Denn Rauthammer litt unter Beengungen. War die westen gelben Ebenen gewöhnt, die weiten, offenen Zimmer, den ganzen Sternhimmel nachts ... Heiß und kalt war dieser Februar. Er verlangte eine großartige Liebe von ihr, eine Liebe, die so stark fein sollte wie alle anderen Mächte der Welt zusammen. (Sonst würde man nicht mit ihr durchkommen, sonst hätte sie keinen Zweck.) Barbara denkt an jenen Abend, da er sie bat, mit nach China zu neben in jene Welt, „in der noch tiefe Gedanken und großartige Ge- Ühle "soviel gelten wie die Wirklichkeit der Europäer". Da er ihr sprach von , den arktischen Zonen der reinen Gedanklichkeit, in denen man erst das freie Atmen lernt und die man beherrschen muß, ehe man es wogen darf, die tropische Gefühlswelt wuchern zu lassen". Barbara, die jetzige Barbara, wundert sich, daß sie damals unter diesen betäubenden Ged'anken wach blieb. Vielleicht aber weckte sie auch der Vater. „Nein ... nichts für dich", sagte der Professor eines Tages, als er mit ihr zusammen das Zimmer Rauthammers verließ. Was ist nichts für mich?" fragte Barbara. Aber der Vater hatte bereits die Tür zum nächsten Krankenzimmer aufgeriffen, stand, ehe er hätte antworten können, über einen anderen Patienten gebeugt. Hat sie Rauthammer nun geliebt? Sic kann es nicht entscheiden. Die Zärtlichkeiten dieser Liebe sind schnell ausgezählt. Es waren erstens ein Handkuß, den er ihr unvermutet gab, und zweitens ein Kuh auf die Stirn, den sie ihm gab. War das Liebe? Sie kann es nicht entscheiden. Aber sie kann eine Art Orakel anrufen. Wenn zum Beispiel zwischen ihr und Alfred Meimberg eine wirkliche Liebe ist — und davon ist sie fest überzeugt —, dann muß er jetzt mit seinem Termin gerade fertig Jem. Dann muß sie ihn im Anwaltszimmer erreichen können, dann muß er zwischen seinen Konferenzen zehn Minuten Zeit aufbringen, um sie irgendwo doch noch zu treffen. Ist das zu kindlich? Nein, es ist kindlich, aber es ist richtig. Sie geht also in die Telephonzelle. Sie steht in der Hitze und im Dunst der schlechten Zigaretten, die immer beim Telephonieren geraucht werden. Sie bekommt sehr schnell das Landgericht, das Anwaltszimmer, sie bekommt Dr. Kleesand, den Sozius. „Nein, nein", sagt Kleesand, „der werte Bräutigam ist noch im Termin. Nichts auszurichten? Nun, die werte Braut kann ja ab übermorgen mit dem Herrn Meimberg alles ausführlich befprechen. Genügt nicht? Sie brauchen ihn gleich? Alfa gut, dann werde ich vertagen." In diesem Augenblick fegt Dr. Alfred Meimberg in feiner Robe ins Anwaltzimmer. „Schweinerei", flüstert er Kleesand zu. „Vertagt. Ist Quatsch, was der Gegner oorbringt. Aber wir müssen beweisen, daß es Quatsch ist." „Herr Dr. Meimberg selbst", sagte Kleesand in den Apparat. Zum drittenmal an diesem Vormittag ist die Stimme Alfred Meim- bergs am Apparat. Aber dieses Mal ist es wichtiger und schöner als bie anderen Male. Was er lagt? Nichts besonderes natürlich. Daß er gerade einen großen Aerger schluckt, wegen einer kleinen Niederlage. Der andere war schlauer, und er, Meimberg, haßt diese Art juristischer knifsüger Schläue. So betrachtet, ist er kein guter Jurist. Also dreimal ausgespuckt und zweimal umgedreht. Fertig ist die Sache. Er wird sich nun in die Konferenzen stürzen. Adieu also! Ach, richtig, sie wollte wohl auch etwas sagen. Sic muß ihn sprechen? Dringend? Mächtig dringend? Er hak wirklich keine Zeit bis abends. Duldet denn die Sache tatsächlich keinen Aufschub? Also was heißt das: Doch und doch nicht? Das heißt doch: Doch. Also, es ist jetzt elf Uhr.- Um 11 Uhr 45 muh er im Büro in der Kurfürstcnftraßc fein. Um 11 Uhr 15 ist eine ganz- kurze Besprechung am Potsdamer Platz. Wie, bitte? Um 11 Uhr 35 halt Barbara die Tante Anna Löpel von Lösselholz auf dem Anhalter Bahnhof ab? Paßt. Er wird um 11 Uhr 30 auf dem Bahnhof fein und steht ihr von 11 Uhr 30 bis 11 Uhr 35 zur Verfügung. Genügt? Genügt lange? No, geht in Ordnung. Was muh sie tun? Sie muh ihm in die Augen sehen? Bitte, bitte. Sie muh ihm eine Kleinigkeit erzählen, eine Kleinigkeit, die an Herz und Nieren geht? Na, da sind wir ja gespannt aus die Kleinigkeit. Aber nun Schluß. Adieu. Wiedersehn! Barbara kommt erschöpft aus der Telephonzelle. Sie geht noch hinüber zur Gedächtniskirche, um mit dem Küster die Trauung zu besprechen. Es ist aber gar nichts zu besprechen. „Alles in allerbester Ordnung, lacht der Küster. „Sie werden sehen, es wickelt sich ganz von selbst ab. Und mit einem Mol ist man verheiratet. Kann jeder." „Sann jeder", lacht-Barbara, „wickelt sich von selbst ab." Die Sonne scheint wunderbar. Es ist sehr heiß. Fast alle Frauen tragen leichte, helle Kleider. Ein paar Männer sind in Hemdsärmeln erschienen, in weihen Hosen, in hellen Anzügen. Erdbeerwagen mit Zent- nern rot lackierter Erdbeeren, Kirschwagcn mit roten und schwarzen Kirschen stehen in- den Nebenstraßen. Rosen blühen, Waschkörbe voll an den Rändern des Gehsteigs. Stadtsommer! Und auf der anderen Seite, in den Schaufenstern, stehen sommerliche Puppen, riesige Puppen in Damengröße, in Bademänteln, in sehr engen, weit ausgeschnittenen Badeanzügen, Puppen in Herrengröße mit Pomadenscheitcln, in Tennisanzügen. Rucksäcke gibt’s in einem Schaufenster, nur Rucksäcke, Autokoffer, zweihundert Autokoffer in einem anderen, fünfhundert Reisenecessaires in einem dritten, Kochgeschirre und Nagelschuhe, Reifemützen und Wettermäntel, Sandgcrätc und Springfdjnüre für kleine und große Kinder, ein paar tausend Bälle in allen Größen, in Trauben, als Früchte, als Hindernisse ... alles, was man zur Reise braucht. Alle Menschen wollen verreisen. Barbara ist sehr zufrieden. Unten im Herzen ist allerdings noch ein bißchen Unsicherheit. Das spürt sic genau. Rauthammer? Nein, sie denkt nicht an Rauthammer. Sie denkt jetzt, daß sic morgen abend mit Herrn Rechtsanwalt Alfred Meim- berg wegfahren wird. Das ist und bleibt kornisch. Man kennt sich seit sechs, sieben Jahren. Man hätte ja auch früher zusammen wegreifen können, man hätte vor drei Jahren heiraten können. Aber damals hatte Barbara jeden ausgclacht, der ihr Alfred Meimberg als Ehemann an- geboten hätte. Warum nur? (Fortsetzung folgt.) Schauend. Don Ina Seidel. So ins Schauen ganz versunken, Weiß ich nicht mehr, daß ich schaue, Ist der Blick mir aufgetrunken, Schwind' ich völlig hin ins Blaue, Ist mir das Gesicht vergangen, Alle Grenzen aufgehoben, Bin nicht mehr in mir gefangen, Bin nicht unten mehr, noch oben: Bin ins Lindenlaub geflossen, Goldne Blüten, braune Bienen, Sind sie ganz von mir umschlossen? Bin ich nur ein Teil von ihnen? — und ging meint, ich noch nicht muß man Heimat zu. Da kam aus dem Walde hervor ein junges Mädchen gegangen, das trug einen Korb am Arm und einen breiten, schattigen Strohhut auf dem blonden Kopf. „Grüß Gott", sagte ich zu ihr, „wo willst denn du hm? „Ich muß den Schnittern das Essen bringen", sagte sie neben mir. „Und wo willst du heut noch hinaus?" „Ich gehe in die Welt, mein Vater hat mich geschickt. Er solle den Leuten auf der Flöte vorblasen, aber das kann ich richtig, ich muß es erst lernen." „So, so. Ja, und was kannst du denn eigentlich? Etwas doch können." „Nichts Besonderes. Ich kann Lieder fingen. „Was für Lieder denn?" w . „Allerhand Lieder, weist du, für den Morgen und für den Abend und für alle Bäume und Tiere und Blumen. Jetzt könnte ich zum Beispiel ein hübsches Lied fingen von einem jungen Mädchen, das kommt aus dem Wald heraus und bringt den Schnittern das Essen. „Kannst du das? Dann stng's einmal." „Ja, aber wie heißt du eigentlich?" Dräng'ich das Lied von der hübschen Brigitte mit dem Strohhut, und was sie im Korbe hat, und wie die Blumen ihr nachschauen, und die blaue Winde vom Gartenzaun langt nach ihr, und alles, was dazu gehörte. Sie paßte ernsthaft auf und sagte, es wäre gut. Und als ich ihr erzählte, daß ich hungrig sei, da tat sie den Deckel von ihrem Korb und holte mir ein Stück Brot heraus. Als ich da hinein biß und tüchtig dazu weiter marschierte, sagte sie aber: „Man muß nicht im Laufe essen. Eins nach dem andern." Und mir setzten uns ms Aas und ich ah mein Brot, und sie schlang die braunen Hande um ihre Knie und * h„Willst"du mir noch etwas singen?" fragte sie bann, als ich fertig war. ''V?n"einem Mädchen! dem ist fein Schatz davongelaufen, und es i?t bas kann ich nicht. Ich weiß ja nicht, wie das ist, und man soll auch nicht so traurig sein. Ich soll immer nur artig unb hebens- würdige Lieder vortragen, hat mein Vater gesagt. Ich singe dir vom Kuckucksvogel oder vom Schmetterling." „ . „Und von der Liebe weißt du gar nichts?' fragte sie, dann. „Don der Liebe? D doch, das ist ja bas Allerschonste Alsbald fing ich an und fang von dem Sonnenstrahl, der die roten Mohnblumen lieb hat, und wie er mit ihnen spielt und voller Freude ich Und vom Finkenweibchen, wenn es auf den Fmken wartet und wenn er kommt, dann fliegt es weg und tut erschrocken. Und fang. “etter °°n dem Mädchen mit den braunen Augen und von bem °er daher kommt unb singt unb ein Brot bafur 9ef^entt betommt aber NUN will er kein Brot mehr haben, er will einen Kuß vau ber Jungfer und will in ihre braunen Augen sehen, und stngt solange fort und hört nicht auf, bis sie anfängt zu lächeln und bis sie ihm den Mund Lippen und tat die Augen zu und tat sie wieder auf, und ich sah in die Märchen. Von Hermann Hesse. „Hier", sagte mein Vater, und übergab mir eine kleine, beinerne Flöte, „nimm das und vergiß deinen alten Vater nicht, wenn du in fernen Ländern die Leute mit deinem Spiel erfreust. Es ist jetzt hohe Zeit, daß du die Welt siehst und etwas lernst. Ich habe dir diese Flöte machen lassen, weil du doch keine andere Arbeit tun unb immer nur fingen magst. Nur bente auch baran, baß bu immer hübsche unb liebens« roürbige Lieber vorträgst, sonst wäre es schabe um bie Gabe, bk bir Gott verliehen hat." Mein lieber Vater verstanb wenig von ber Musik, er war ein Gelehrter; er buchte, ich brauchte nur in bas hübsche Flötchen zu blasen, so werde es schon gut sein. Ich wollte ihm seinen Glauben nicht nehmen, darum bedankte ich mich, steckte die Flöte ein unb nahm Abschieb. Unser Tal war mir bis zur großen Hofmühle bekannt; bahinter abenn also bie Welt an, unb sie gefiel mir sehr wohl. Eine mübe- )gene Biene hatte sich auf meinen Aermel gesetzt, bie trug ich mit mir fort, bamit ich später bei meiner ersten Rast gleich einen Boten hätte, um Grüße in bie Heimat zurückzusenben. Wälder und Wiesen begleiteten meinen Weg, und der Fluß lief rüstig mit; ich fah, die Welt war von ber Heimat wenig verschieben. Die Bäume unb Blumen, bie Kornähren unb Haselbüsche sprachen mich an, ich sang ihre Lieber mit, unb sie verstauben mich, gerade wie daheim; darüber wachte auch meine Biene wieder auf, sie kroch langsam bis auf meine Schulter, flog ab und umkreiste mich zweimal mit ihrem tiefen, süßen Gebrumme, dann steuerte sie geradeaus rückwärts, der nahen braungoldenen Sterne, darin war ich selber gespiegelt und etn paar weiße Wiesenblumen. „Die Welt ist sehr schön", sagte ich, „mein Vater hat recht gehabt. Jetzt will ich dir aber tragen Helsen, daß wir zu deinen Leuten kommen." Ich nahm ihren Korb, und wir gingen weiter, ihr Schritt klang mit meinem Schritt und ihre Fröhlichkeit mit meiner gut zusammen, und der Wald sprach fein und kühl vom Berg herunter; ich war noch nie so vergnügt gewandert. Eine ganze Weile fang ich munter zu, bis ich aufhören muhte, vor lauter Fülle, es war allzu vieles was vom Tal und vom Berg und aus Gras und Laub unb Fluß unb Gebüschen zusammen rauschte unb erzählte. Da mußte ich denken: Wenn ich alle diese tausend Lieder der Welt zugleich verstehen und fingen könnte, von Gräsern und Bienen unb Menschen und Wolken unb allem, voM Laubwald unb vom Föhrenwalb und auch von allen Tieren, und dazu noch alle Lieder ber fernen Meere, und Gebirge, unb bie ber Sterne unb Monbe, unb wenn bas alles zugleich in mir innen tönen unb fingen könnte, bann wäre ich ber liebe Gott, unb jebes neue Lied müßte als ein Stern am Himmel stehen. Aber wie ich eben so bachte unb bavon ganz still unb wunderlich wurde, weil mir das früher noch nie in den Sinn gekommen war, da blieb Brigitte stehen und hielt mich an dem Korbhenkel fest. „Jetzt muh ich da hinauf", sagte sie, „da droben sind unsere Leute im Selb. Unb bu, wo gehst bu hin? Kommst bu mit?" „Nein, mitkommen kann ich nicht. Ich muß in bie Welt. Schönen Dank für das Brot, Brigitte, und für den Kuh; ich will an dich denken." Sie nahm ihren Eßkorb, und über dem Korb neigten sich ihre Augen im braunen Schatten noch einmal zu mir, und ihre Lippen hingen an meinen, und ihr Kuß war so gut und lieb, daß mir vor lauter Wohlsein beinah traurig werden wollte. Da rief ich schnell Lebwohl unb marschierte eilig bie Straße hinunter. • Das Mädchen stieg langsam den Berg hinan, und unter dem herab- hängenden Buchenlaub am Waldrand blieb sie stehen unb sah herab unb mir nach, unb als ich ihr winkte und den Hut überm Kopse schwang, da nickte sie noch einmal unb verschwanb still wie ein Bill) in ben Buchenschatten hinein. Ich aber ging ruhig meine Straße unb war in Gebanken, bis ber Weg um eine Ecke bog. Da ftanb eine Mühle, unb bei ber Mühle lag ein Schift auf dem Wasser, darin saß ein Mann allein und schien nur auf mich zu warten, denn als ich den Hut zog und zu ihm in das Schiff hinüber stieg, da fing bas Schiff sogleich zu fahren an unb lief ben Fluß hinunter. Ich saß in ber Mitte des Schiffes, und ber Mann faß hinten am Steuer, unb als ich ihn fragte, wohin wir führen, ba blickte er auf unb fah mich aus ver- fchleierten grauen Augen an. „Wohin bu magst", sagte er mit einer gedämpften Stimme. „Den Fluß hinunter und ins Meer, ober zu ben großen Städten, bu hast bie Wahl. Es gehört alles mir." „Es gehört alles bir? Dann bist du ber König?" „Vielleicht", sagte er. „Unb bu bist ein Dichter, wie mir scheint? Dann singe mir ein Lied zum Fahren!" Ich nahm mich zusammen, es war mir bange vor dem ernsten grauen Mann, und unser Schift schwamm so schnell unb lautlos ben Fluß hinab. Ich sang vom Fluß, der die Schiffe trägt und die Sonne spiegelt und am Felsenufer stärker aufrauscht und freudig seine Wanderung vollendet. Des Mannes Gesicht blieb unbeweglich, unb als ich aushärte, nickte er still wie ein Träumender. Unb alsdann begann er zu meinem Erstaunen selber zu singen, und auch er sang vom Fluß und von des Flusses Reise durch die Täler, und sein Lied war schöner unb mächtiger als meines, aber es klang alles ganz anbers. Der Fluß, wie er ihn sang, kam als ein taumelnber Zerstörer von den Bergen herab, finster und wild; knirschend fühlte er sich von ben Mühlen gebänbigt, von ben Brücken gefangen, er haßte jedes Schiff, das er tragen muhte, und in feinen Wellen unb langen grünen Wasserpflanzen wiegte er lächelnb bie weißen Leiber ber Ertrunkenen. Das alles gefiel mir nicht, unb war doch fo schön unb geheimnisvoll von Klang, daß ich ganz irre würbe und beklommen schwieg. Wenn das richtig war, was dieser alte, feine und kluge Sänger mit feiner gedämpften Stimme, fang, bann waren alle meine Lieder nur Torheit unb schlechte Knabenspiele gewesen. Dann war bie Welt auf ihrem Grunde nicht gut unb licht wie Gottes Herz, sonbern dunkel unb leibenb, böse unb finster, unb wenn bie Wölber rauschten, fo war es nicht aus Lust, sondern aus Qual. Wir fuhren dahin, unb die Schatten wurden lang, und jedesmal, wenn ich zu fingen anfing, tönte es weniger hell, und meine Stimme wurde leiser, und jedesmal erwiderte ber frembe Sänger mir ein Lied, bas bie Welt noch rätselhafter unb schmerzlicher machte und mich noch befangener unb trauriger. , ... Mir tat bie Seele weh, unb ich bedauerte, daß ich nicht am Lande unb bei ben Blumen geblieben war ober bei ber schönen Brigitte, unb um mich in ber wachsenben Dämmerung zu trösten, fing ich mit lauter Stimme wieder an unb fang, burch ben roten Abenbschein bas Lieb von Brigitte unb ihren Küssen. Da begann bie Dämmerung, unb ich verstummte, und ber Mann am Steuer fang, unb auch er fang von ber Siebe unb Liebesluft, von braunen unb von blauen Augen, von roten feuchten Lippen, unb es war schön unb ergreifend, was er leibvoll über dem buntelnben Flusse fang, aber in seinem Lieb war auch bie Siebe finster unb bang unb etn tödliches Geheimnis geworden, an dem bie Menschen irr unb rounb in ihrer Not unb Sehnsucht tasteten, unb mit bem sie einanber quälten unb töteten. Ich hörte zu unb würbe so mübe und betrübt, als sei ich schon Jahre unterwegs unb sei durch lauter Jammer unb Elend gereift. Von dem Fremden her fühlte ich immerzu einen leisen, kühlen Strom von Trauer unb Seelenangst zu mir herüber unb in mein Herz schleichen. „ Also ist benn nicht das Beben das Höchste und Schönste , rtef ich endlich bitter, „sondern ber Tod? Dann bitte ich dich, du trauriger König, singe mir ein Sieb vom Tobel" tamat« Im 88. ftch-nd- MM-ri ein 3* tpdler »at t»r r>> ÜE$( iitt» fe lih h, St L[ y ü p LXa * hu 'Bart f«M| tat, bi puttjar »Sm l* ta, Nt q M( n «fr hin pSid mj „ M Jl|r h?i< Iw IS -v-ran.wortlich: vr. Sans ThyrHt. - ®tud und D-rlag: Brühl sch-Untv-rsltätS.Buch. und Steindruckerei.L. Lanae leit! । iiltn n Eie | lern ifl 4 Kr M dem tischt ' .tilgt? ■ eilten, 1 nn i itorene : fü5 ab Vpojitic abetfab &irb itter r in. 6it htifjen, ■iutl)an iiittbe- i 11 U im be|t Hei ui Stifte Im Sommer 1866 brach der Deutsche Krieg aus; er versetzte die Sil qenb in neue Spannung. Vom Verlauf erfuhr man indessen in dem Wi ziehungsheim wenig; nur die Briese der Mutter brachten ihm teilen von den Geschehnissen. Im 5)er6ft wurde er als Dritter nartl Obersekunda versetzt. Nun erwog man zu Hause, was weiter mit geschehen sollte. Der Vater war längst entschlossen, ihn Zürn LandwiNi au-bilden zu lassen; das entsprach der Tradition der Familie. Die Pru»^ reise schien dafür ausreichend. Wohl waren die militärischen Neigung.:«! des Sohnes erkannt worden. Ihn jedoch zum Offizier zu bestimmen, dapl hatte der Vater nicht die von ihm für nötig gehaltenen Mittel. Ziuffl zweifelte er an der Möglichkeit, in diesem Berus vorwärts zu komnM! da es an „Beziehungen" fehlte. In dieser Hinsicht täuschte er sich. eine ganze Reihe mit August Mackensen etwa Gleichaltriger in die ArE eingetreten, die auch feine „Beziehungen" befaßen, sie haben sich deanc»! schon im Frieden angesehene Stellungen errungen, und manch einer i>° I ihnen ist im Weltkriege ebenfalls zu hohen Ehren aufgestiegen. Der V°° ] glaubte jedoch, nicht in der Lage zu sein, die Wunsche des Jünglings 1 berücksichtigen. So verließ dieser zu Ostern 1868 die Stiftung und roucM zunächst Eleve auf dem väterlichen Gute in der Lausitz. Damit war J vorerst wieder einmal- zu Hause, und das bedeutete für ihn eine groll Freude. Die Sehnsucht nach der Kavallerie stellte er mit zusammen, gebissenen Zähnen zurück und tat entschlossen seine Pflicht. Nach einig-, Zeit wurde er zu einem Verwandten geschickt, der unweit Leibmtz e'"1 Besitzung hatte. Auch dort zeichnete er sich durch größte Gewissenha j keil aus Die von ihm geführten Wirtschaftsbücher konnten als mu M gültig angesehen werden. Das strenge, aber gerechte Ur eil des -Bat» I erkannte die Bemühungen des Sohnes an, und er gestattete ihm, sen Bitte entsprechend, das Jahr als Einjährig-Freiwilliger bei dem 2.-.- 1 Husarenregiment zu dienen. August hatte „um seiner glorreichen Geschi» willen" dieses Regiment gewählt, welchem „mit dem schwarzen w ^ betonürten Attila die preußischen Farben auf den Leib geheftet sind o» welches das Zeichen der Treue bis in den Tod vor der Stirn tragt ■ ^Ick^böNe zu und war ganz still geworden, ich hatte keinen Willen mehr in mir als Öen bes fremben Mannes. Sein Blick ruhte auf nur, ftiff nnb mit einer gewissen traurigen Güte, und seine grauen Augen Len voll vom Weh9 7nd von der Schönheit der Wett. Er lache le muh an und da fakte ich mir ein Herz und bat IN meiner Not. „Ach, laß uns umkehren du' Mir ist bange hier in der Nacht, und ich mochte^zuruck und dahin gehen, wo ich Brigitte finden tonn, ober heim zu meinem 2>rer Mann stand auf und deutele in die Nacht, und feine Laterne schien hell auf fein mageres und festes Gesicht. „Zurück gehl kein Weg, aQte er ernst und freundlich, „man muß immer vorwärts gehen, wenn man die Well ergründen will. Und von den Mädchen mit den braunen Augen hast du das Beste und Schönste schon gehabt, und je weiter du von ihr bist, desto besser und schöner wird es werden. Aber sahre du immerhin wohin du magst, ich will dir meinen Platz am ®^euer geben. Ich war zum Tod betrübt und sah doch, daß er recht halte. VollHeim- web dachte ich an Brigitte und an die Heimat und an alles, was eben noch nahe und licht und mein gewesen war, und was ich nun verloren I hatte. Aber jetzt wollte ich den Platz des Fremden nehmen und das <5teu#r führen So mußte es fein. Darum stand ich schweigend auf und ging durch das Schiff zum I Sleuerfitz, und der Mann kam mir schweigend entgegen, und ast wir bei- einander waren, sah er mir fest ins Gesicht und gab mir seine Laterne. Aber als ich nun am Steuer saß und die Laterne neben mrr stehen hatte, da war ich allein im Schiff, ich erkannte es »mt emem tiefen Schauder, der Mann war verschwunden, und doch war ich nicht erschrocken, ich hatte es geahnt. Mir schien, es fei der schone Wandertag und Brigitte unb mein Vater unb bie Heimat nur ein Traum gewesen und ich e> all unb betrübt unb (ei schon immer unb immer auf btefem nächtlichen ^^Jch Ägrift" daß ich den Mann nicht rufen dürfe, und die Erkenntnis der Wahrheit überlief mich wie ein Frost. _ Um zu wissen, was ich schon ahnte, beugte ich mich über bas Wasser hinaus unb hob bie Laterne, unb aus bem schwarzen Wasserspiegel sah mir ein scharfes unb ernstes Gesicht mit grauen Augen entgegen, em altes, wissendes Gesicht, unb bas war ich. ™ „ I Unb da kein Weg zurückführle, fuhr ich auf dem dunklen Wasser I weiter durch die Nacht. Aus derIugend desGeneralfeldmarschattsv. Mackensen. Von Freiherrn Rüdt von Collenberg. Demnächst erscheint im Verlag Karl Siegismund, Berlin, eine Biographie über Mackensen, aus der wir den folgenden Abschnitt bringen. Lag in bem Wesen bes Vaters eine gewisse Unnahbarkeit, so war j bas Verhältnis zur Mutter ein besonbers herzliches. Sie halte ihre Kindheit in der nahe der Mulde gelegenen Oberförfterei Söllichau verlebt unb war in Gottesfurcht unb Einfachheit erzogen worden. Tiefe Frömmigkeit war der Leitstern ihres ganzen langen Sehens, unö ihr Gotloertrauen hat sie auf den Sohn zu übertragen gewußt. Man kann feiner, wie häufig bei großen Männern, nicht gedenken, ohne die Mutter zu verehren. „Ein fo freier Geist herrschte in ihrem Hause , schrieb em Besucher, „daß sich niemand dem Zauder dieser liebenswürdigen Familie entziehen konnte." Dem Beispiele ihres Vaters folgend, hat sie in der Stille viel Gutes getan. Nachdem ihr 1890 der Tod ihren Mann entrißen hatte, übernahm sie die Leitung des Gutes Geglenfelde und galt als aus- gezeichnete Verwalterin des Besitzes, den sie aus der Höhe zeitgemäßer Bewirlsckiaflung zu hatten verstand. Die im hohen Atter sich einslellenden körperlichen Schwächen überwand sie mit ungewöhnlicher Willenskraft. Sie Hal den Weltkrieg noch erlebt, und am 27. Juni 1915 Hal ihr der Sohn folgenden Brief geschrieben: „Nun ist Dein Junge Generalfeldmarschall geworden, Hal die höchste Würde erlangt, die einem Soldaten in seinem Berufe beschieden fein tonn, hat sie sogar vor dem Feinde, also in Betätigung des Zweckes seines Berufes, erworben. Der liebe Goll Hal meine Berufswahl und damit mein Leben sichtbar gesegnet. Weil über mein Verdienst und mein Erwarten Hal er mich mit Glück überhäuft, von Stufe zu Stufe emporgetragen unb mich zum Werkzeuge der Siege gemacht, mit benen er unser Volk begnobigt. Ich vermag es oft gar nicht zu fassen, baß bas alles Wirklichkeit ist, unb warum gerabe ich es bin, den bas Solbatenglück sich ausgesucht hat. Meine Dankesschuld ist unermeßlich. Und welch ein weiteres Glück, liebe Mutter, daß Du diesen Aufstieg Deines Sohnes, diese Erfüllung seines Berufes noch erlebst. Wenn etwas meiner Freude noch eine besondere Weihe geben kann, so ist es diese ungewöhnliche Tatsache. Ich erblicke in ihr eine ganz besondere Gnade Gottes und messe Deinen Gebeten einen großen Anteil an den Erfolgen, die sich an meinen Namen knüpfen, bei. Wieviel Männer in meinem Atter können noch an eine Mutter schreiben, wie wenige sich noch ein Kind nennen hören und sich damit jung fühlen! Ich glaube, Du bist bie erste nichtsiirstliche Frau in unserem Vaterlande, die einen Sohn als Generalseldinarschall auf betendem Herzen durchs Leben tragen tonn." Dieses Schreiben spricht für den Heerführer gleichermaßen wie für die Wnnn am Steuer fang nun vom Tode, und er sang schöner, als ick st hMe fing7nLen Aber auch der Tod war nicht das Schönste Ü7d liöcki le es war auch bei ihm kein Trost. Der Tod war Leben, und das Leben 'war Tob, unb sie waren ineinander verschlungen 'N em em emiaen rafenben Liebeskampf, unb bies war bas Letzte unb der Sinn der Wett, und von dorther kam ein Schein der alles^Elend noch zu presien vermochte und von dorther kam em Schalten, der alle Luft unö alle Schönheit' trübte und mit Finsternis umgab. Aber aus ber ö infterm s brannte bie Luft inniger unb fchoner, unb die Liebe glühte tiefer Trotz der starken inneren Verbundenheit mit dem Etternhaufe unb der Liebe der Mutter war die Kindheit des Knaben hart, -an ber Dorf, schule des nahegelegenen Dahlenberg verbrachte er die ersten Schuljahre.? Der Platz dort „zwischen Bauernjungens und Tagelohnerkindern hat mn nicht geschadet", schrieb er später einmal, „unb wie ich mich damals hab,.. durchvrugeln müssen, so habe ich mir meinen Berus erkämpfen muß er j unb, in diesem ganz auf mich selbst gestellt, mich durchkampfen muffen Soldalenspiele, denen er eine bessere Form zu geben wußte, als es sonst | wohl bei Kinder der Fall ist, füllten feine und ber Stamey roden freie Zeit. Der Vater halte seine Freude an dem handftsten Tret ben. Mit neun Jahren kam der Junge nach Torgau, um das Gymnasiuni zu besuchen. Er war ein guter Schuler, doch nicht einer, dem die Arbei leicht wurde; er mußte sich anftrengen und gewohnte sich früh an ehi gewissenhafte Pflichterfüllung. Körperlich erwies er sich als nicht bejon. bers kräftig und nach einer heftigen Erkrankung an Masern entwickelt! ! sich nur'langsam Um so wohltuender war die Erholung zu Haus, während der Ferien, wo er nun auch die Gutspferde zur Schwemmi reiten durfte. Die erste Husarenbegeislerung hatte er aus Torgau mit gebracht, wo er von Zielens Taten im (Sieben,adrigen Krieg gehört hatte. Die Luft am Soldatischen begann in ihm zu erwachen. Sie erhi- neue Nahrung, als 1864 der Krieg gegen Dänemark ausbrach. Er sah du Torgauer Artillerie unb Pioniere ins Selb rucken; balb trafen bteerfteri gefangenen Dänen ein. Er fanbte einen recht eingehenden Bericht nach fiaufe9 über ihre Bekleidung und inwiefern sich darin bie einzelnen Waffengattungen unterschieden. Als ein Verwandler ihm einen Granat fplitter von Düppel schenkte, war feine Freude grenzenlos. Indessen war er noch weil davon entfernt, die beginnende militarisH Begeisterung zur Tat ausreifen lassen zu können. Ernstoieilen trug er uvlb die Schülermappe, und seine Ettern bestimmten, ohne nach seinea Wünschen zu fragen, ben weiteren Weg. Es schien geboten, den n-ch Untersekunda Versetzten in einen festeren Rahmen zu bringen; auch foUie er von nun an das Realgymnasium besuchen. So wurde er Ar Francki- schen Stiftung in Halle angemelbet unb im Herbst 1865 zusammen mit feinem Bruber dorthin gebracht. Der Pensionspreis war niedrig, und. die Eltern hatten bas in Betracht Ziehen müssen. Die Sohne tarnen in eine strenge Zucht, und als erste soldatische Tugend lernte August un bedingten Gehorsam, später als „Senior" seiner Stube auch Anordnungen zu treffen und die ihm Anverlraulen in Ordnung zu halten. Um /«5 ui. im Sommer um %6 Uhr im Winter wurde geweckt Bann folgten fofort eine Arbeitsstunde und nach kurzer Pause fünf Unterrichtsstunden. 21m der Nachmittag war voll besetzt. Der Sonntag bestand im wesentlichen aus Kirchgang und wieder aus Arbeitsstunden. Mit Licht und Heizung während der kalten Jahreszeit wurde man knapp gehalten, die Ko st ir.ii spartanisch einfach. Er lebte sich auch hier schnell em, aber Fröhlichkeit konnte nur schwer gedeihen. Er mußte noch früher aufstehen als dop gesehen war, und ging später schlafen als die anderen um seine Arbeit.» gewissenhaft zu beenden. Neben Mathematik und Erdkunde zog ihn schichte besonders an, und er sand Anregungen, jetne Senntmße o if diesem Gebiet zu verliefen. Das sollte später seine Fruchte tragen den als Generalstabsoffizier zog er durch einen überraschend gut gehatten.» kriegsgeschichtlichen Vortrag die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich. Es mar aber erklärlich, daß feine an sich nicht feste Gesundheit von brt Leben in Halle stark beansprucht wurde. Wahrend seiner Sonfirmahrn e$ar im Frühjahr 1866 fiel er in Ohnmacht. Das war die Folge korperlichil Anstrengung, aber auch seelischer Erregung, unb dies letztere ist em J»>- chen seines liefen Empfindens. Das militärische Leben hat ihn spa» rasch gestärkt, und der Armeeführer bei Lodz konnte Ende 1914 bekenne . „Der Körper ist widerstandsfähig und läßt die Nerven nicht zu 2Borli|