Jahrgang 1935 Zreitag, -en 25. August Nummer 65 Seine Kraft nisvoll zu Erschöp So sah bas Leben in Oxford aus. Es stellte nicht die Forderung, am wilden Strom der Ereignisse teilzunehmen, nur wollte es alles zur Untersuchung eingeliefert bekommen. Das Ungetüm Händel aber ließ sich nicht auf die Schlachtbank legen, es verlangte Selbstunterwerfung. Unwillen erregte es bei den bleichen Herrschaften schon allein, daß er hohe Eintrittspreise verlangte, richtig wie einer, der Geld nicht als den Schutz der Gelehrsamkeit vor den Sorgen des Alltags bewertete. Daß er den Beutel der Professoren nicht schonte! Wenn jetzt einer von ihnen den Schneider um Aufschub der Rechnung bitten mußte — wie schrecklich! Und für bas - Opfer diese aufwühlende Musik! Freilich gab es Menschen in Oxford, denen die Händel-Woche unvergeßlich blieb. Außer „Athalia" jeden Tag noch ein anderes Werk des Komponisten aus seinem Konzertschaffen! Der Künstler spielte in der Kapelle einmal auch das Largo. Man konnte es nicht fassen, daß diese Hände mit den runden, einzeln abstehenden dicken Fingern so wundersame, unirdisch reine Töne auf der Orgel sanden. Ebenso war es allgemein unverständlich, daß er sich vom Spiel erhob und zum Essen ging, um sich Holzfällerhaft zu sättigen. Händel wußte, ein heiteres Zwischenspiel ging zu Ende, als er Oxford wieder verließ. Es gab noch einen Mißklang, ehe er reifte. Sie wollten ihm den Doktorhut aussetzen, doch er lehnte ab, weil ihm diese Würde, die Abstand zur Welt bedeutete, mit seinem Wesen unvereinbar schien. Zuerst waren die Gelehrten arg verstimmt, Händel wäre aber nicht Händel gewesen, hätte er nicht wie je in solchen Lagen das Wort gefunden. Er sagte einfach: „Laßt meinen Ochsenschädel unbedeckt!" Wieder in London, fiel es ihm diesmal nicht leicht, sein Opernhaus in Schwung zu bringen. Ein Teil der Sänger hatte ihm die Gewaltarbeiten während der letzten Spielzeit und daß sie in englicher Sprache fingen muhten, nicht verziehen und gingen zur Gegenoper. Händel hatte gerade jetzt keine Lust, auf Sängersuche zu gehen, und eine Eröffnung des Hauses mit alten Opern dünkte ihm wenig erfolgversprechend. Seltsam, er besaß Kraft für zwei Werke wie „Debora" und „Athalia", wurde aber »teilen, e| 'oijnungti Reparatur' II ms geriet' || 'en marin, I cknetz eines' chen twt || und hatten i| J als 51i|t. eichen in* j -r Auszch 1 an roiebtr (BüterMj» hweüenW chr (etai ) durch eil ien Sögeh •x dm 3«' „Ülaturfor (ungen te iiierrnag« äfts zu «■ sür einigt 1 Siliert* | war in ihm mächtig Gin Rändel-Roman von Grnst bingungcn. Und Heidegger ging daraus ein. Er wollte so wenig wie Händel einsehen, daß die Oper in London zusehends verlor. Man hatte auch keine besonderen Zugkräfte mehr. Händel teilte sich mit Heidegger in die Leitung und übernahm auf eigene Rechnung feine guten Sänget' aus Conventgarden, vor allem die Straba. Deren Gatte drangsalierte die Treue, daß sie Händel einen spitzfindigen Vertrag vorlegte, den dieser nur flüchtig prüfte und einging. Weder sie noch er hatten je mit' einander um Geld gestritten. Und doch ging es einzig um Geld bei Händels neuem Unternehmen. Mit längst verbrauchten Mitteln arbeitete Heidegger neben ihm, glaubte, ein neuer Sängername genüge, um London wieder zu begeistern, und er meinte wohl auch, Händel werde wieder Opern aus dem Aermel schütteln. Damit war es vorbei. Heidegger sah nicht, daß der Tondichter durch eine schwere Krankheit, die erst ganz kurz hinter ihm lag, geläutert werden sollte für etwas Neues. Wie damals, als Händel zu ihw vom „Wahren" sprach, stand er auch heute verständnislos vor dem Korm poniften. Für ihn gab’s keine Entwicklung: er setzte, solange er lebte, Maschinerien in Bewegung. (Fortfetzung folgt.) M lies 0c oi) hin der $i 6t bei er un Ar her ha dir °h ha ihr ge Ti «X dii er es i» ra lei ta W lila 6)| jU m ü! d< ai T le d, 6 d h S l Im Gommer. Don Eberhard Meckel. Malven, Dahlien, Rittersporn blühn im Bauergarten — Eine hat gesagt, sie kommt, auf eine muß ich warten. Gelbes, rotes, blaues Beet, Farben wie im Traume — Eine soll mich finden dann Unterm Apfelbaume. Königskerzen angesteckt und Glycinien leuchten — Eine wird mit Augentau alle Blumen feuchten. Sonne brennt auf das Gesicht, Summen tönt im Ohre — Eine steht im weißen Kleid schon im Gartentore. Die Eiskonditorei. Eine Geschichte von Erik Bertels« n. Lydia war der Meinung, daß sie längst verlobt sein könnte, denn es war kein Mangel an Männern, die sich um sie bemühten. Aber so einfach ließ sie sich nicht betören, daß sie darüber das Denken vergaß! Ein hübsches Gesicht und einige artige Komplimente genügten nicht, sie zu sangen, oh nein! Es muhte schon etwas Reelles — wie es so schön heißt — dahinter stecken, wenn sie Entgegenkommen zeigen sollte. Mindestens mußte der Mann eine feste Stellung haben. Sonst konnte sie besser ihr kleine Bürostellung behalten und allein bleiben. Eine Zeitlang machte ein Steuermann sie sehr nachdenklich. Er hieß Skalling, sah nett aus und war sicher in seinem Auftreten. Sie lernte ihn bei Bekannten kennen. Danach traf sie ihn noch ein paarmal. Alles was er sagte, bestärkte ihre Meinung. Sie sand ihn ausrichtig und pflichteifrig, und man konnte sich denken, daß man an seiner Seite geborgen war. Außerdem sollte er ein sehr tüchtiger Seemann sein Aber augenblicklich hatte er keine feste Anstellung. Das Schiff, aus dem er zuletzt Dienst getan hatte, war aufgelegt worden. Also hielt sie cs für besser, sich nicht zu binden. Noch konnte sie ja ruhig ein paar Jahre mit Heiraten warten, ohne als altes Fräulein angesprochen zu werden. Wie klug sie gehandelt hatte, wußte sie erst, als sie hörte, Skalling habe im Frühjahr eine Eiskonditorei am Strandweg eröffnet. Was hätten ihre Freundinnen dazu gesagt, wäre sie nun mit diesem Mann verlobt gewesen! Allgemein sand man es sonderbar, daß ein Steuermann mit Eis handelte! Das bildete in den nächsten Wochen das Hauptgesprächsthema der kleinen Hafenstadt. „Zu was man nicht alles greift, wenn man keine Arbeit findet", sagten die einen. „Man muß ihm eigentlich seine Hochachtung aüssprechen, weil er die Hände nicht in den Schoß legt", die anderen. „Ob er selber das Eis herstellt?" — „Man sollte es beinahe annehmen, es heißt, er wohnt auch da draußen." Lydia radelte an einem Abend hinaus zum Strandweg. Sie wollte zwar kein Eis bei Skalling esien, nur sehen, wie er wohne. Er hatte ein altes Gartenhaus eingerichtet, das mit einer breiten De- randa umgeben war, aus der die Kunden sitzen konnten. Eigentlich sah alles sehr anständig aus. Aber nur ein ganz kleiner Raum war als Verkaufs- raum herqerichtet, Skalling schien keine große Ahnung von dem Betrieb zu haben, dazu hatte er viel zu viel Rücksicht auf seine eigene Bequemlichkeit und nicht aus die des Publikums genommen! Zeigte sich em Kunde, kam er höflich und fragte, mit was er dienen dürfe, dann beeilte er sich, wieder in fein Zimmer zu kommen. Fragte man etwas, antwortete er zuvorkommend, aber kurz; man verstand, er liebe keine unnützen Gespräche. Und niemals ließ er die Tür zu seinem privaten Zimmer offen stehen, über allem lag etwas Geheimnisvolles. Man ahnte, der Handel mit Eis solle etwas anderes verbergen, und von Tag zu Tag ftieg die Neugierde. An einem Maiabend herrschte großer Betrieb im Theatersaal. Em bekannter Polarforscher hielt einen Vortrag über seine Erlebnisse. Es war ausverkaust alles, was Ansehen in der Stadt genoß, war gekommen. Es erweckte großes Erstaunen, als man nach dem Dortrag Den Eisverkäufer zu dem Forscher gehen sah und bemerkte, wie herzlich ihn der bekannte Mann begrüßte. Sie sprachen miteinander, als hatten sie vergessen, daß noch andere Menschen anwesend waren. Leider konnte niemand hören, um was sich das Gespräch drehte, nur war man sich klar darüber, daß Skalling so unbedeutend nicht [ein könne, da so ein berühmter Mann mit ihm sprach. Don diesem Tage an begegnete man ihm mit größerem Wohlwollen, und seinem Geschäft kam das zugute. Man drängte sich auf seiner Deranda. Er zeigte es nicht, ob er sich freute. Alle bediente er gleich und man wurde immer neugieriger. Ein Knecht, der einmal von einem Wolkenbruch auf dem «trandweg überrascht wurde und Schutz bei Skalling suchte, berichtete, daß in oem privaten Zimmer eine große Karte der nördlichen Polarlandschaft hing. In einer Ecke hätten ein Paar Skier gestanden, auf einem Regal hatte er Bücher entdeckt, ebenso ein paar optische Instrumente. Damit schien das Rätsel gelöst. Sicher wollte Skalling an der Polarexpedition teilnehmen, die im nächsten Frühjahr nach draußen gehen würde. Und wahrscheinlich betrieb er feine Eiskonditorei, um sich die Mittel für feine Ausrüstung zu verschaffen. Auch Lydia hörte, was man vermutete und sagte sich, daß ein Forscher nicht zu verachten fei. Es traf sich also, daß sie am Abend den Strandweg entlang ging und trotz recht kühlen Wetters gern Eis essen wollte. Skalling zeigte keinerlei Ueberraschung, als sie auf seine Veranda kam, auf der im Augenblick keine Gäste waren. Und als er sie bediente, sagte er ganz natürlich, als sähe er sie jeden Tag: „Es scheint in diesem Jahr nicht recht warm werden zu wollen." „Ja", lachte sie. „Aber ich bin vom Gehen so warm geworden, daß ich Appetit auf Eis bekam." Gleichzeitig schüttelte sie sich vor Kälte. Er öffnete eine Tür: „Wollen Sie lieber hier hineingehen? Dort ist es wohl etwas wärmer." „Vielen Dank — nur muß ich bald heim." Aber als sie erst in dem Zimmer war, hatte sie keine Eile mehr. Es gefiel ihr hier. Zwar fehlte überall die Hand einer Frau, aber sonst war alles sehr behaglich. Sie besah sich die Karte und die Skier und meinte: „Ach ja, Herr Skalling, man ist anscheinend in einem verkehrten Lande geboren. Hier ist weder ein vernünftiger Winter, noch ein ordentlicher Sommer." Als sie bann ging, begleitete er sie ein Stückchen. Bevor sie ihm aber Hoffnungen machte, wollte sie doch lieber sicher gehen. Deshalb fragte sie plötzlich: „Stimmt bas, was man sich von ihnen erzählt?" „Was erzählt man sich denn?" „Daß Sie im nächsten Jahr bie Polarexpebiiion mitmachen." „Das ist nicht wahr." Er blieb stehen unb sah sie ernst an. „Fräulein Lydia, da Sie es sind, bie mich danach fragen, will ich die Wahrheit sagen. Ich interessiere mich sehr für die Polarforschung, besonders, seitdem ich selber auf einer Reise da oben war und den bekannten Forscher kennenlernte. Das ist alles. Ich weih, was die Leute denken. Warum soll ich sie nicht in dem Glauben lassen, wenn das mein Geschäft hebt? Es ist nun ' einmal so, die Menschen schaffen sich Illusionen, wenn sie mit der Wirklichkeit nicht fertig werden. Und man begreift nicht, warum ich mit Eis handle und will nicht verstehen, baß mich meine Armut dazu zwingt, weil ich keine neue Stellung finden kann. Das ist die Wahrheit. Vielleicht interessiert Sie bas, Fräulein Lybia?" Ja, es interessierte sie sehr. Sie bankte es ihm, baß er so offen gewesen war. Aber als sie allein weiter ging, gelobte sie sich, nicht noch einmal bei ihm Eis zu essen. Sie mußte ihn sich aus bem Kopf schlagen, es half nichts. — Kurz darauf kam der langersehnte Sommer. Skallings Eis- konditorei ging ausgezeichnet. Dann lernte Lydia einen Mechaniker kennen, feine Verliebtheit schmeichelte ihr, und da sie ihn gut leiden mochte, verlobte sie sich mit ihm. Der Mechaniker bestellte Möbel und suchte Wohnung. Sie wollten bald heiraten. Lydia versuchte einige schwache Einwendungen zu machen, es eilte ihr gar nicht so damit. Aber er Überhörte das. Die Hochzeit sand statt. Lydia bekam ein hübsches kleines Heim. Ihr Mann verdiente gut, es ging ihr also nichts ab. Sie konnte mit ihrer Heirat zufrieden (ein, besonders, als sie hörte, daß Skalling, um sich durch den Winter zu bringen, als Arbeiter eine Stellung angenommen hatte. Man bewunderte ihn deswegen, aber Lybia rümpfte bie Nase. Wie gut, baß sie ihn nicht genommen hatte, sie kannte bie richtigen Zusammenhänge. Nur in einer Hinsicht war ihre Che nicht sa, wie sie es sich wünschte. Man bürste ihrem Mann in feiner Weise widersprechen, bann würbe er hart wie Stein. Tränen unb Bitten halfen dann nichts. Paßte ihr alles nicht, formte sie ja gehen! Sie gewöhnte sich also daran, sich unbedingt nach ihm zu richten. Und er war immer gut zu ihr, wenn sie nur feinen eigenen Willen hatte. Im Frühjahr wurde er arbeitslos. Das war ein netter Schreck für sie. Ader er blieb ganz ruhig: „Das wird für uns nicht schlimmer werden als für andere. Ich werde schon irgend etwas finden, davor ist mir nicht Angst." Aber es war nicht [o leicht, Arbeit zu finden, wie er es sich gedacht hatte. Und es war schwer, mit der fleinen Unterstützung ausgufommen. Lydia war ständig schlechter Laune, aber sie wagte nicht, ihm das zu zeigen. Als sie eines Tages einen Spaziergang machten, tarnen sie gerade an den Hasen, als ein Schiff einlief. Oben auf der Kommandobrücke stand ein Mann in funkelnder Uniform. „Sieh", sagte Lydia atemlos, „ist das nicht Skalling?" „Ja, das ist er. Ich habe davon gehört, daß er eine gute Stellung gefunden hat." Als das Schiff angelegt hatte, ließ ihr Mann sie los. „Warte hier, ich gehe einen Augenblick an Bord." Sie wartete gespannt. Warum ging er an Bord? Wollte er sich an- heuern lassen? Vielleicht war das gar nicht einmal so schlecht. Als er endlich zurückkam, leuchtete sein Gesicht vor Zufriedenheit. Er nahm ihren Arm, zog ihn unter den feinen und ging mit ihr der Stadt zu. „Nun werden wir es gut haben, mein Mädchen , sagte er. Ich sprach mit Skalling und habe von ihm seine Eiskonditorei am Strandweg gemietet. Er hat ja selber keine Verwendung mehr dafür." „Was?" Sie büeb starr vor Staunen stehen. „Wir wollen Eis verkaufen?" Ja, natürlich! Da machen wir sicherlich ein gutes Geschäft. Und wenn ich wieder eine Anstellung in der Fabrik bekommen sollte, kannst du die Eisfonditorei ja allein besorgen. Das ist etwas für uns, mein Mädchen." Unb sie hatte nicht den Mut etwas dagegen zu sagen. (Aus dem Dänischen übertragen vonKarinReitz -Grundmann.) August. Don Theodor Storm. Die verehrlichen Jungen, welche Heuer Meine Aepsel und Birnen zu stehlen gedenke». Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen Womöglich insoweit sich zu beschränken, Daß sie daneben auf den Beeten Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten. Böhmische Landschaft. Ein Umriß von Emil Merker. Oh unser Böhmen mit seiner Mannigfaltigkeit! Vielleicht nicht immer und überall von der aufgeräumten Ordentlichkeit einer frifch gebohnerten Sonntagsstube, aber überall voll gewachsener, oft fremder und befremdender, oft dunkler Schönheit. Ein Strich von ein paar Kilometern von sächsischer Grenze ins Land hinein, welch ein Wechsel! Erzgebirge, rauhe, von grauen Winden über- braulte Hochflächen, Wald und Moore. Armut und wieder Armut! Kartoffeln und Hering und Kornkaffee. Und — welche Ironie! — aus dem Klöppelsack der Luxus der seinen Welt: die Spitze. Die freilich den Weg oft über Brüssel nehmen inuß, um sich die volle Anerkennung zu erwerben. So wie unser Glas oft über Venedig, unser Reichenberger Tuch über England gehen muß. Erzgebirgselend, seit je sprichwörtlich! Aber da und dort hört der Wanderer, den sein Weg durch eine Ortschaft führt, Musik aus einem Fenster, fidele Tanz- und Unterhaltungsmusik: Kapellen, die für die Reife üben, Reisen, die jetzt in der Zeit des Radio ja wohl kaum mehr, aber früher oft um die ganze Welt führten. Und einen Schritt weiter: die schweren fetten Böden des Saazer Landes mit Weizen und Hopfen und Zuckerrüben. Reiche Bauernhöfe, stolz wie Herrschastsgüter, durch Jahrhunderte angestammter von Geschlecht zu Geschlecht vererbter Besitz. Und wieder ein paar Kilometer weiter: der Boden schauerlich verwundet, Pingen, eingesunkene Erdlöcher voll übelriechenden Wassers. Die Landschaft eingehüllt in dunst- und nebelschweren Brodem, in dem ein süßlicher Kohlengeruch steht: das Brllx-Duxer Kohlenbecken. Aber diesmal soll nur vom Saazer Land die Rede sein. Man kennt es nicht. Und kennt man es, man wird nicht davon begeistert sein, denn es steht in keinem Bädeker, daß man davon begeistert sein muß. Der Reisende, der aus seiner Fahrt in die böhmischen Bäder zufällig zwischen Saaz und Kaaden den Kops zur Seite wendet, denkt hinter verschlafen gesenkten Lidern: „Merkwürdig triste Gegend das!, gähnt ein wenig und schlägt ein neues Blatt seiner Zeitung auf. Aber vor ein paar Jahrtausenden mag es zu Rast und Siedlung gelockt haben. Es ist uraltes Kulturgebiet. Der Pflüger fand und findet heute noch Scherben ferner Kulturepochen. Das Saazer Museum, dem sich mehr und mehr das Interesse auch der ausländischen Gelehrtenwelt zuwendet, birgt mancherlei: Gefäße und Waffen: Hockergräber mit Skeletten, in sich gekrümmt, gefesselt, damit sie nicht wiederkehren: Idole der Fruchtbarkeit, einen Mann aus Ton, eine Frau mit acht Brüsten... Fruchtbarkeit, das ist das Wort der Landschaft, gültig für ihre fetten schwarzen Erden, für ihre schweren Egerschwemmlandsböden. Freilich nur dann, wenn der Himmel seinen Segen dazu gibt: Regen. Steppe sonst, verbrannt, verlechzt, verdorrt, voll grandioser Oede. lieber dieser Landschaft ist eine Gebärde von lässiger Großartigkeit. Natur und Siedlungen der Menschen, sie haben hier nirgends etwas Kleinliches. Eine große Achtlosigkeit, Versunkenheit, eine schwere wilde träge Eintönigkeit ist über dieser Landschaft, daß man oft für Minuten vergißt, wo man ist, sich irgendwohin in den Süden, in den Osten verzaubert wähnt. Sommerwochen, der Himmel Tag für Tag in strahlendem Blau. Westwind in jähen, ungestümen Stößen braust daher, etwas dunkel Erregendes ist in seinem Atem, als schmecke er noch nach salzigem Meer. Wolken ziehen auf, schwergeballt, als mühte die nächste Stunde eine Sintflut bringen. Der Einheimische lächelt. Er weiß es — leider — besser: es regnet nicht! Ist es der nordwestlich vorgeschobene Erzgebirgsriegel, der den Regen abfängt? Zitternde Weißglut der Erntetage. In einem Taumel, einem Rausch brennenden Lichtes breitet sich das Land in dürstender Mittagsschwüle, überwölbt von einem Himmel — mir ist, soviel Himmel gebe es nur noch am Meer. Wer weiß von der fonnenmüben Weite, die da auf allen Seiten ist, wer hat erfahren, wie es da Licht niederregnet, das durch alle Poren der Haut, in den Körper, in die Seele bringt, unb dort löst, löst bis alle ernsthafte Wichtigkeit, aller Kummer, alle dumme Geschäftigkeit unseres Lebens zu einem Lächeln zerfließen, in dem die tiefe Weisheit steht: Nichts ist wichtiger, so wichtig es sich auch gebärden mag, als dieser endlose Himmel, diese Lichtflut, diese weite selbstvergessene Erde. Von Obstbaumzeilen gesäumte Straßen durchwandern das Land kreuz und guer. Garbenbeladene Leiterwagen, klappernde Sä- und Mähmaschinen, schwere Zuckerriibenfuhren schieben sich auf ihnen, je nach Jahreszeit, vorwärts. Von jeder der niederen Bodenschwellen sind, wohl ein Dutzend zählbar, Ortschaften zu sehen, in die Landschaft gebettet; eine Handvoll hellgestrichener Häuser, überragt von dem barocken Zwiebelturm der Kirche Einen Teichtümvel gibt es in jeder Ortschaft, oft grün von Algen, darum und darauf Scharen von Gänsen und Enten. Gänse und Enten, sie gehören zur Landschaft. Gepflegte Vorgärten, Blumen in den Fenstern, Schmuck und Zierat? Man findet sie hier kaum. Und ich sage dies nicht bedauernd. Der Verzicht auf Verzierung und Verschönerung hak hier, dünkt mich, etwas Groß, zügiges. Die Erde schmücken? Sie ist schön ohne dies in ihren blonden wogenden Kornfeldern, ihren smaragdenen Rübenäckern, den geheimnisvoll wehenden Girlanden der Hopfengärten. Ja, sie ist schön selbst noch in dem verwilderten Winkel hinter einer Scheune, einem Stall, wo mannshohe Kletten und Brennesseln und Disteln wuchern. Blumenfenster und Gärten würden sie nur verniedlichen, wären Spiel und Spielerei. Vielleicht sind auch die Blumen, die hier am Feldrain wachsen, nicht sehr verführerisch. Winde und Hühnerdarm, die so geduldig den ausgedörrten Lehmboden mit den handtiefen Sprüngen überziehen, Teufelszwirn, dessen Wuschelhaar über die Mauern hängt und dessen Ranken sich die Kinder beim Gänsehüten zu Kränzen biegen, Rittersporn mit seinem namenlosen Blau. Keinen Wald kennt diese Landschaft, und warum sage ich das so froh, ich liebe doch den Wald? Der Wald ist Geborgenheit, ist Haus, ist schirmende freundschaftliche Enge. Aber hier ist Weite, Einsamkeit. Der Wald führt dich zu dir selber, in dein Bestes, Innerstes. Diese Weite aber gibt mehr: sie saugt dich auf, sie erlöst dich von dir selber. Keinen Wald hat diese Landschaft, aber hat sie «mch keinen Baum? Oh, über den Baum in der Ebene müßte man viel sagen. Und wieder muh ich vergleichen: Der Wald ist Gemeinschaft, warmes Beieinander, ist Kampf und Brüderlichkeit; ach, der Wald ist nur eine Wiederholung des menschlichen Lebens. Aber der Baum hier, einsame (kiche, Pappel, für sich allein, stundenweit sichtbar, mit weitausholendem ungeheurem Wipfel, wie er den Morgen, den Mittag, das Abendwerden erlebt, nicht voll kleinlicher Tagessorgen, voll Nahrung^-, Licht- und Luftmißgunst, vom Konkurrenzkampf in die Höh' gezwungen wie der Baum im Walde — der Baum in der Ebene, er ist voll Einsamkeit und Philosophie. Die Dörfer, die Häuser? Alle Dörfer sind nur fo hingewischt, ausgelöscht in flimmernder Sonne oder grauem Regen. Sie lehnen an den Lehmwänden der Racheln, liegen nackt inmitten ihrer Getreidefelder. Grüne herabgelassene Jalousien sind an vielen Fenstern, manche Wände sind mit Wein berankt In den geräumigen Hof führt ein breites Einfahrtstor und ein kleines Eingangspförtchen, beide bogig übermauert. Wohnhaus. Schupfen, Scheune, durch verbindendes Mauerwerk in klaren klassizistischen Profilierungen oder leichtern Barock zufammengefaßt, sie sind von lässiger selbstsicherer, verhaltener Vornehmheit. In den weiten Höfen, dem fliefen- belegten Vorhaus, dem Gewölbe, der fliegendurchsummten Wohnstube stehen die vielen Gerüche der Landwirtschaft: der säuerliche der Milchkeller, der roarmbnmpfe von Stroh und Getreide, der erdig-strenge von Kartoffeln und Rüben, der beizende der Dungftätten, die kühle Süßigkeit frisch geschnittenen Klees, die würzige Bitternis des Hopfens. Und auch der Mensch hier hat trotz der hazardierenden Spekulationswirtschaft des Hopsenbaus die große ruhige Gelassenheit. Jnduftrie- konjuntturen, wirtschaftliche Hetzjagd des Tages, brennende Not sozialen Elends, sie rühren nicht so nackt und unmittelbar an ihn wie anderswo. Die Landschaft und damit unbewußt der Mensch sind dem Kosmos zu nahe. Das Nächste sind hier nicht der Berg und jenes Tal, dieser Betrieb und jene Fabrik, das nächste ist hier der unermeßlich sich wölbende Himmel. Aber ein Kapitel sür sich ist der Fluß, der sich in zahllosen Schleifen durch die Landschaft windet: die Eger mit ihren seltsamen Ufern, den Racheln. Was sind das: Racheln? Bodenabstürze, Einstürze der Lehmwände, abbröckelnder Erdbrand, wie man den bald felsigen, bald mürben, durch benachbarte Basalteruption gebrannten Ton nennt. Am linken Eger- ufer, oft auch mitten in der Landschaft leuchten sie auf, weithin sichtbar, weiß, rötlich, phantastisch unwirklich aufglänzend. Wie Marmorbrüche, wie die Karstwände Dalmatiens, denkt man sich, ehe man diese gesehen. Hat man sie aber gesehen, dann weiß man: unsere Racheln sind seltsamer. Andere aber fallen nicht steil ab, schwingen weich und breit aus, sind bedeckt mit einem niedrigen samtigen Rasen, sind wollüstig-verlockend zu Ruh' unter dem tiefen Mittagsschatten ihrer niedrigen Bäume. Aber die Eger selbst, sie ist, als hätte sich an ihr alles verdichtet, alle verhaltene Leidenschaft dieser Landschaft zu zitternder vibrierender ©Dünnung. Da ist alles schwül-geheimnisvoll. Am Hang blühen noch Blutnelken und Katzenpfötchen, süßduftender Thymian und bitterduftender Wermut. Aber unten stehen im Egerschutt mannshohe Königskerzen, blauer verstaubter Natternkopf und schwarzes Bilsenkraut. Mir ist. als um= wittere schon die Namen ein geheimnisvoller Zauber. Das Bilsenkraut ist schmutziggelb, voll Verderbtheit und in der Tiefe der Blüte steht ein Violett, das ist wie der Inbegriff des Lasters. Und es riecht feucht und kühl und seltsam nach Verschiedenem, was du nicht kennst. Wer den Dust des Wassers beschreiben könnte. Weiden- gebüsch, Dickicht von Seifenkraut, überdacht von den schwarzen Kronen der Ulmen und Erlen. Aber ein Grauen überkommt einen, tritt man in das Dickicht der Insel bei Kudenitz. Die breiten sleischig-strotzenden Blattschirme der Pestwurz sind beängstigend. Du fühlst sie atmen wie tierisches Leben Die Schierlingsdolden sind höher als du. Das Gras ist fett, wie überdüngt. Kröten fitzen reglos und stieren dich an. Manchmal klatscht es im Wasser. Die Wellen glitzern und locken, Libellen flirren lautlos in der zitternden Luft. Und in einer Benommenheit^ langsam wie im Traum, ziehst du dich aus, trittst zögernd in die kühlen Wellen hinein, deren reißende Eiligkeit du erst jetzt merkst, gehst widerstrebend mit den Zehen weiter, svürst mit klopfendem Herzen das herausfordernde Andrängen dieses Wassers, läßt dich in dieses Bad ein wie in ein Abenteuer. Aber ich spreche immer nur von der Eger im Sommermittagsbrand. Und doch sah ich sie letzthin einmal im leise rieselnden Frühherbstregen, wo sie schöner war denn je: eine Goldschmiedearbeit in Grau und Silber . -. Verantwortlich; l)r. KansThhriot. — Druck undDerlag:Drühl'scheUniv er NtätS-Buch- undSteindruckerei. R.Lange, Gießen.