Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 91 Hreitag, den 22. November Jahrgang 1935 \tllt inen bann inen um nur , bas i)it Bit iichei dah radje, chern t mit Timer Die mar Jtigw t dem niete Dlarfl iren nicht hr» >llen hier Wt > in bas rtei- 'n. m, nd ne nt. js- es. em ber )en >on ier- len inj ich! als oeit ten, nes ’ijt tun uni der eine :nen nnl- flau! • dem t bas, ilirt)«" heut! intnrit zieh«" Bem mtn ich«"/ !. Di* rbigf" bulie"’ ift W di! erB Heid«" ttN jteeb!" irt * 15« ter «l n «’ AlE l ei«; «n I« reu"6, 1, »trl Er ist nun an den Gartenzaun getreten. Er sieht ins Tat hinunter. Die Sonne erscheint gerade triumphierend Sie wandert die Waldchaussee flußauf, der Fluß blendet auf, ein Auto blinkt aus sonnigen Fenstern. Und da kommt endlich Barbara. Sie kommt schnell, sie hat den Hut abgenommen und streicht sich das Haar zurück. Rautharnrner ruft. Raut- harnmer winkt. Wie schön, wie einfach, wie klar, wie gut ist das Leben! Sein Herz klopft schnell, schneller. Sie steht, als Hütte sie ihn nicht gesehn. Er ruft noch einmal, aber seine Stimme trägt nicht mehr, fein Herz schlagt hoch in der Kehle. Jetzt hat ihn Barbara gesehn. Sie winkt mit ihrem Hut zurück. Er soll einen Augenblick warten. Sie muß erst ihren Atem beruhigen. Wie unheimlich klar ist in diesem Augenblick alles, wie unheimlich nahe, der Berg, der Fluß, die Fenster von Haus Rebstock, der purpurne Bademantel Körners. Sie wendet sich. Rautharnrner steht noch, winkt noch. Dann aber saßt er nach seinem Herzen, der Fahrstuhl sinkt, sinkt rasend schnell. Was ift das? Er weiß es. Er hebt abwehrend die Hand. Er flüstert: „Ich will noch nicht." Er sieht noch einmal nach Barbara hinüber. Sie soll schnell, schnell kommen. Dann umdunkelt sich fein Auge. Er sinkt zu Boden. Ganz leicht, ganz ohne Schmerz, aber ein wenig leer ist es geftorben. Barbara hat fein Gesicht verschwinden sehn. Sie hat sich aber nichts dabei gedacht. Sie geht langsam unter der stechenden Sonne die hundert Meter zum Garten,' sie tritt ein. Sie erschrickt. Sie beugt sich über Raut- hammer. Sie schreit leise auf. „Nein", schreit sie, „nein!" Das ist ganz falsch. Das hat sie nicht gewollt. Nein, bitte nicht! Sie kniet neben ihm. Sie faßt nach seiner Hand. Sie will nicht, daß er tot ist. Aber er ist tot. Sie läuft ins Haus. Sie ruft nach Sophie. „Rautharnrner ...", sagt Barbara und zeigt in den Garten. „Nein, nein", antwortet Sophie tonlos. „Ich will nicht." „Ja", sagt Barbara, „er ist aber doch tot." Sie laufen beide zu ihm. Sophie ruft ihn an. Sie wirft sich über ihn. Aber er rührt sich nicht. Sie streichelt das Gesicht des Toten, den grauen Haarkranz, die blaffen Wangen. Sie schließt sanft die Augen, die noch vor einer Stunde so froh geblickt haben. Sie sagt: „Vielleicht täuschen wir uns?" Sie ruft beim Arzt an. Sie sitzt wieder neben dem Toten im Gras. Eine Hand Rauthammers, eine totenkalte, hat sie gefaßt und eine Hand Barbaras. Sie sagt: „Ihr wißt alle nicht, was Liebe ist. Alle nicht. Aber ich weiß es. Ich bin die einzige, die es weiß." Das wiederholt sie hartnäckig und eintönig. Die einzige, die einzige, die das weiß. Das wird ihr Trost sein für lange und kalte Jahre. Der alte Sanitätsrat kommt. Zu dreien tragen sie Rautharnrner ins Haus. Der alte Arzt packt ihn an den Schultern, die beiden Frauen tragen ihn an den Füßen. Es ist ein schlimmer Gang. Beide sind hinterdrein ganz erschöpft. Der Sanitätsrat untersucht lange. Es ist nichts mehr zu ändern. Es ist nur em Wunder, daß er so lange gelebt hat. Für einen Arzt nicht zu begreifen. Das Herz war ganz eingeengt, zusammengepreßt auf einen winzigen Raum. Weiß der Himmel, wie er es fertigbrachte, damit zu leben. Es findet sich, daß Rautharnrner nicht an den Tod gedacht hat, aber alles dafür vorbereitete. Die Adressen seiner Angehörigen sind aufgezeichnet, es gibt ein Verzeichnis feines Vermögens. Er besitzt nicht mehr viel, als letztes steht die Forderung an den dicken Kaufmann und seinen Partner eingezeichnet. Keine Bestimmung gibt es, was mit dem Vermögen zu geschehen hat. ... . . Barbara verläßt zwei Stunden, nachdem sie gekommen ift, das Haus. Sie will mit Meimberg abends zur Totenwache wiederkommen. Aber Sophie bittet, ihr das wenigstens zu ersparen. Meimberg war Rauthammers bitterster Feind. Barbara kann es ihr nicht ausreden. Sie kommt gegen fünf im Haus Rebstock an. Die Penfionsgöste sitzen noch beim Nachmittagskaffee auf der Wiese. Hauptmann ©ernte und Frau haben einen Ausflug unternommen, aber Körners sind da, die beiden Kichermädchen, der Globetrotter und der Oberlehrer. Sie sitzen um den großen Tifch. Sie rufen Barbara zu, daß man an diesem Abend einen Galaabend mit Tanz veranstalten wird, in Kostümen aus Korners Film Ein Lied in Wien bei Nacht". Körner wird in feiner Glanzrolle kommen, als Körner im Film. Barbara lächelt ein bißchen mühsam: sobald es gehn will, nimmt sie Meimberg mit sich. Sie gehn über die Wiese, sie steigen den kleinen Berg hinan, setzen sich oben. Endlich sagt Barbara: „Er ist tot". Ach", sagt Meimberg. „Tot? Hat er sich umgebracht? Barbara schüttelt den Kops, und nun bricht endlich das große Weinen aus ihr Unversieglich steigt der Tränenstrom aus der Herzgrube. Sie meint und weint und lächelt dazu ihren Mann an. Er läßt sie ruhig meinen Er hält ihre Hand. Er fragt nichts. Er sagt nichts. Ist er etwa froh daß der Nebenbuhler tot ift? Ach nein. Er ist zuerst entsetzt und enttäuscht. Er mollte ja doch noch' den Gegner besiegen. Jetzt hat er wohl Barbara gemonnen. Aber er hat nicht gesiegt. Das Schicksal ist ihm oft 3U Hilfe gekommen. Das hat er sich gern gefallen lassen. Diesmal ist er böse über die Hilfe. Und fo sagt denn Meimberg als erstes: „Das ist Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von HoUanöer Copyright 6y August Scherl G.m.b.y., Berlin Schluß. Barbara nickt. Aber sie hat zum Schluß nicht mehr genau zugehört. Dieses Allgemeine kann man doch ein andermal besprechen und verstehn. Jetzt muß sie das Besondere, die Sache mit Rautharnrner, zu Ende bringen. „Ich merde jetzt hinaufgehn und mich van Rautharnrner verabschieden", sagt sie. „Es muß ausdrücklich und mit allem Nachdruck beendet fein." Alfred wird noch einmal unsicher. Muß sie wirklich das beenden? Kann er das nicht tun? Es würde soviel leichter für ihn fein. Ja, er hat doch eigentlich das Recht und die Pflicht, als Mann für Barbara einzutreten, und er wird es dem Herrn Rautharnrner schon ganz klar und kalt beibringen, wie die Angelegenheit steht. In der ganzen Sache hat er mehr ober weniger banebengeftanben. Er brennt barauf, aktiv einzugreifen. Aber Barbara muh feine Hilfe mit herzlichem Dank ablehnen. Dies kann nur sie allein zu Enbe führen, unb sie hofft sehr, baß es die letzte Sache sein wird, die sie allein machen muß. Sie will darum auch gleich gehn, damit man es hinter sich hat. Vielleicht kann man schon am Nachmittag wegfahren ... die unterbrochene Hochzeitsreise noch einmal aufnehmen. Barbara geht also. Sie geht sehr langsam. Sie muß noch etwas zu Ende denken. Warum fällt es ihr so schwer, Rautharnrner herzugeben, da sie ihn doch längst aufgegeben hat? Hergeben scheint überhaupt schwer zu sein, obwohl es doch genau fo zum Leben gehört wie Nehmen. Und Sterben, nicht wahr, gehört auch zum Leben. Das versteht sie jetzt zum erstenmal und wird es vor ihrem Sterben noch oft sich sagen müssen. Jetzt schauert sie noch unter dem Gedanken zusammen. Denn natürlich ist Sterben schwer, wenn auch nicht schwerer als Leben, dessen Teil es ist... Das hat sie also verstanden. m , „ . ,. ... Sie dreht sich noch einmal um. Sie winkt nach Haus Rebstock hinüber. Da steht Alfred, und neben ihm stehn die Körners, Herr Körner in feinem schönen scharlachroten Bademantel unb Frau Körner in ihrem freigebigen Babeanzug, unb jauchzen unb rufen unb Barbara ruft zurück. Dann springt sie über bie Chaussee, geht schnell ben Fußpfab, auf bem ber Walb fo schön duftet, unb schon biegt sie zum Haus am Hang em. 21. Rautharnrner wacht gerade aus seinem Schlaf auf. Es fahren ein paar schwerere Wolken über den Himmel. Das Tal ist gefleckt von Sonne und Schatten. Rautharnrner dehnt sich behaglich. Es ist ihm leicht und klar zu Sinn. Wenn er jetzt zurückblickt über ein Leben von zweiund- fünfzig Jahren, so ist es, als wenn er aus der Sonne in einen dunklen Tunnel schaue. Ganz hinten, jenseits des Tunnels, steht das Elternhaus, winzig wie eine Puppenstube. Eine verhärmte, kleine, eilige Frau arbeitet darin, feine Mutter. Ein paar Geschwister wimmeln drin herum, auch sehr klein, sehr eilig und sehr tüchtig. Und dann komm ber lange inftere Tunnel. Ab unb zu ein Seitenblick, ab unb zu eine Aussicht, ab und zu eine frische Brise vom Ziel her. Schattenhaft treten bie Gestalten lemes Gebens zu ihm, in Tunnelfarbe gemalt, hellgrau umbampft. Die erste Frau, eine gute Frau, eine Dienerin, stirbt im Kmbbett unb nimmt bas Kinb gleich wieder mit. Die zweite Fraueme schone gescheite Frau hatte kein Herz. Wie stirbt sie? Am sibirischen Wind stirbt sie, in der neuen Stadt Hsinking. Der chinesische Freund tritt zu ihm und der Kanzler von Mandschukuo, und Bilder aus vielen Stabten ber Wett fahren im Tunnel vorüber von Schantung unb von Peking, von Tobosik unb von Petersburg, von London, von Riga, von Stockholm, von Berlm, dazu Menschen und immer wieder Menschen, Kaufleute und immer wieder Kaufleute Genug' Was h-at man gehabt? Geld und em Leben tm Schlafwagen unb® in Hotels, immer auf dem Anstand immer auf der Jagd. Genug! Einmal muß bas neue Leben beginnen. Jetzt hat bas neue ^ße.ben b egonnen roirb Barbara gleich kommen. Er wirb nicht mehr um sie kämpfen müssen. Er hat sie schon erkampfü Womii? Wodurch"' Er weiß es. Er wirb es anberen Menschen nicht fagem Die können es nicht verstehn unb müssen beshalb darüber lochen, "der Sophie Mahnte hat nicht gelacht, unb Barbara, ber eres gtet« J“Be" J Barbara wirb auch nicht lachen. Er wirb ihr bas Geheimnis de-Erfolges lagen und die Kraft erklären, die sie zufammengefuhrt hat. Meister Lu Bfu sprach: Den Entschluß muß man mit gesammeltem Herzen aus- kühren. Nicht Erfolg suchen. Dann kommt der Erfolg von selbst. .Herzlich willkommen an. Die Sie Auf Bis Der ^o^Auf^dem^ Tisch liegt ein Zettel in Medizinerschrift. Vom Vater. Zu einem riesigen Strauß Rosen. „Herzlich willkommen bei Euch!" hat er geschrieben. _ Barbara hängt lachend an Alfreds Hais: „Her. , lebend dich geliebtl starben; doch sie blieben Erden wesenlos, allen ihren Lieben Tod bk Augen schloß. • lematfif und einen noch viel längeren haben sie vor sich. Sie wissen nun, ■ " v -r ----- verirren. Denn man wird nicht jedesmal angerufen. Es haben sich schon Menschen auf immer verirrt, die ebenso schön und ebenso stark waren rote Barbara und Ich».' für UN-. 1.1« mchr. --Ist 1« »Ä ®Qyni!*«” « 1 FMÄWlSS*« "fif ‘»."'n »-”™“«”»*(«@”"*616« SU । »>'d «»1 ««»«"!-". -- >>«»-".stch Ich«« sahren kreuz und quer durch den Wald. Es wird langsam dunkel, noch ehe die Dämmerung einfäUt. Sie können noch gerade in ein Aorslyaus flächten. Sie sitzen mit der Försterssamilie um einen runden Tisch. Die Frau, eine derbe, runde Frau, hat entsetzliche Gewitterangst. Bei jedem Blitz zuckt sie zusammen, und bei jedem Donner wirft sie sich ihrem Mann an die Brust, und die beiden Kinder, fünf und sechs Jahre alt haben sich wieder im Schoß der Mutter versteckt. Der Forster raucht behaglich eine Pfeife, er umdainpft seine verängstigte Familie. „Bei Gewitter", sagt er, „lieben sie mich alle. Bei klarem Himmel ist es nicht Indessen du dich herzlich In Lebenslust versenkst, Wie sehnen sie sich schmerzlich, Daß ihrer du gedenkst! Sie nahen dir in Liebe, Allein du fühlst es nicht; Sie schaun dich an so trübe, Du aber siehst es nicht. Die Brücke ist zerfallen; Nun mühen sie sich bang. Ein Liebeswort zu lallen, Das nie hinüberdrang. In ihrem Schattenleben Quält eins sie gar zu sehr: Ihr Herz will dir vergeben, Ihr Mund vermag's nicht mehr. O bleibe treu den Toten, Die lebend du betrübt; O bleibe treu den Toten, Die lebend dich geliebt! Sie h^aben also Weimar wiedergesehn, sie haben noch einmal tm Waldhaus übernachtet, und der Pikkolo Franz hat wieder vergnügte und dann wieder traurige Ohren bekommen, sie haben den Bach wieder- qesehn in dem sie zum erstenmal miteinander gebadet haben, und nun an einem Abend, Ende Juli, sahren sie nach Hause. Die Zimmer sind fertig Die Wohnung wartet, Fräulein von Brettwitz hat eine „Perle gemietet. Sie hat Blumen aufgestellt, ein kaltes Abendessen. Vorräte für den nächsten Tag stehn im Kühlschrank. Es ist alles in Ordnung, wenn man eine Brettwitz beauftragt. In einem zarten, sanften Regen sahren sie zum Rebstock zurück. Oben am Hang ist Licht, unten im Rebstock ist Musik. Sie telephonieren mit Sophie ob sie noch herauskommen sollen. Aber Sophie lehnt es ab. Sie fürchtet sich nicht. Sie fürchtet sich nur vor dem kommenden Sag Die Verwandten sind schon unterwegs. Sie will die letzte Nacht mit Raut- hammer allein sein und dann abfahren, sobald die andern da sind. Das Begräbnis soll das Vorrecht der Verwandtschaft bleiben. Meimbergs müssen sogar noch eine halbe Stunde am Galaabend teil« nehmen Körner ist es, der sie überredet. Es wird nicht mehr getanzt. Der Regen nach dem Gewitter macht alle gelöst und müde. Sie sitzen zusammen und trinken Bowle. Der Globetrotter berichtet, daß dieser Herr von gestern abend, der doch noch ganz munter war und ganz geistreich, urplötzlich gestorben ist. „So ist das Leben", sagt er. Man spricht über Rauthammer. Geriete berichtet noch einmal über seine Gedanken von Wang Tao, der Selbstbemeisterung und den Lehren der Weisen. Es gibt, so stellt er fest, keinerlei Aussicht, so etwas jemals auf dieser Welt zu verwirklichen. Und es findet sich niemand, der widerspricht. Barbara aber denkt: Vielleicht hat er recht, dieser Geriete, vielleicht aber hat auch Rauthammer recht gehabt, und man kann es nur nicht auf einmal verwirklichen. Die Lehren der Weisen ... wahrscheinlich sind das gar nicht so ferne und unbegreifliche Dinge, sondern die einfachsten, alltäglichen Dinge, die nur noch immer niemand kann. Es scheint ihr auf alle Fälle, daß man an die Verwirklichung der Letzten Dinge nicht herankommt, ehe man nicht die nächsten Dinge in Ordnung gebracht hat. Es wird also ihre Aufgabe sein, das Nächstliegende zu tun. Sie wird sich mit dem Menschen, den sie liebt, mit Alfred Meimberg, verständigen, sie wird ihn so warm und so klar lieben, daß ihre Wärme aus Alfred über» strahlt und alle seine Kräfte aufblühen und reifen. Das erkennt sie. Und das sagt sie nachher in der Holzhütte zu Meimberg Jeder liegt in seinem Bett. Es ist dunkel, manchmal flattert noch ein Nachschein des Gewitters durchs Zimmer. Der Regen rauscht gleichförmig. Der Fluß beginnt wieder zu rufen und zu reden. Er rennt unablässig, geduldig, er verrinnt und verrinnt nicht. Denn wieder und wieder, unerschöpflich kommt Wasser aus den Wäldern geflossen. „Liebe Barbara , sagt Meimberg ins Dunkle. „Liebe Barbara, wie bin ich glücklich über dich!" 22. Unfere beiden aber fahren gerade wieder über die Brücke in Potsdam. Da muh doch, ja, da muß doch der Mond stehn. Aber diesmal rückwärts über der rechten Schulter. Ja, da ist er. „Der Mond ist wieder da", sagt Barbara, „er hat uns nach vier Wochen wiedergefunden." m ... s Alfred muß das Auto anhalten. Sie geht wieder zum Brückengeländer. Wieder fährt ein Dampfer. Die Bootslichter schaukeln. Alles wie damals. Und sie knickst wieder, wie es sich gehört, dreimal, und sie wünscht sich wieder dasselbe wie vor vier Wochen: den Frieden einer glücklichen Ehe, zwei Kinder, und daß sie das Herrische und Wilde der Mutier ausgleichen kann. Daß sie ihr Leben vollenden darf und nicht, wie Rauthammer, es unfertig abbrechen muh. Sie nimmt noch schnell eine Rose, die sie im Gürtel stecken Hat - Alfred hat sie ihr geschenkt —, nimmt sie und wirst sie ins Wasser. Für men? Für die Mutter, für Rauthammer, für die Schatten aller Toten und aller Erinnerungen. Es ist der letzte Gruß an ihr altes Leben, bevor sie ihr neues Leben wirklich beginnt. Als sie ins Auto steigt, fragt Alfred sie wieder wie damals, was sie sich gewünscht hat. Eigentlich, er weih es, darf sie es nicht jagen, aber vielleicht ist es doch erlaubt, dah sie es ihm sagt, da sie doch einander so nahegekommen sind. , .... „Ja", sagt Barbara, „ich will es dir sagen. Den Frieden einer glücklichen Ehe, dah wir unser Leben richtig zu Ende führen, und ein Mädchen wie dich und einen Jungen wie mich." „Das Mädchen muß aber so sein wie du", sagt Alfted. „Natürlich genau so rote du. Und der Junge..." „ Er faat nicht, daß er so sein soll wie er. Aber er wünscht sich, daß Barbara es sagt, und so sagt sie es auch: „Der Junge soll so sein, rote du sein wirst." , .. Bald darauf wird der Himmel Berlins, der schon lange zitronen- farbig von ferne geleuchtet hat, von den Laternen abgelöft, die als Sterne und Mond zugleich über der Straße hängen. Es ist ein feierlicher Augenblick, als sie vor dem Haus halten, als sie hie Zimmer betreten, in denen sich ihr Schicksal in den nächsten Jahren Meimbergs sind noch drei Tage geblieben. Barbara hat Rauthammer auf dem Friedhof weit hinter dem Städtchen begraben helfen. Zwei Brüder Rauihammers waren gekommen, ein Postdirektor und ein Fahrradhändler, eine Schwester, die Gattin eines Amtsrichters. Alle dem verstorbenen Rauthammer ganz ähnlich und doch ganz unähnlich. Durchschnittliche Menschen, billige Ausformungen des gleichen Stoffes. An ihnen konnte man erst so recht erkennen, wieviel Karl Rauthammer aus sich und seinem Leben doch gemacht hatte. Sie haben den Bruder mit einigen Tränen begraben, haben sich bei Barbara vielmals bedankt für die Fürsorge und haben der fremden Dame, Sophie Wahnke, die so plötzlich abreiste, nicht viel nachgesragt. Kann man es denn wissen, ob die Fremde nicht vielleicht Ansprüche hat und Rechte geltend macht? Nein, Sophie hat keine Rechte geltend gemacht. Gott sei Dank! lieber alles andere sprechen Geschwister nicht. Es geht sie nichts Das alles ist also sehr schnell vorbeigegangen. Barbara hatte sich gewünscht, daß Meimberg am Begräbnis teilnahm. Aber er tat es nicht. Er gehörte wohl doch nicht dazu, sand er. Dafür war Körner mitgekommen. Vor allem, um der gnädigen Frau beizustehn. Vielleicht aber auch, weil ihm die Rolle des Trauergastes im Zylinderhut und schön geschnittenen Gehrock gut stand. Es war schließlich feierlich und schön, ein sonniger Tag. Barbara ist am andern Tag noch einmal am Grab gewesen und hat einen Fliederbusch gepflanzt. Rauthammer hatte einmal gesagt, daß in diesem Busch, der aus China stammt, Europa und Asien, die Fülle und die Weite sich vereinen. Das war dann der Abschied, ein guter Abschied, weil er feierlich und heiter zugleich war. Es kam der Abschied von der kleinen Gericke und ihrem Mann. Frau Gericke hat mit vielen, vielen Tränen durchgesetzt, daß man sich in Berlin treffen wird. Schließlich, der luftige Abschied von Körners. Körner in Glanzform, Körner wieder zweistimmig, Körner in einer Liebeserklärung für Barbara, die zweitbeste Frau der Welt (bie beste ist feine). Nun find sie schon wieder acht Tage unterwegs. Sie sind noch einmal auf dem Ulmer Münster gewesen, aber ohne Angst und ohne die Schatten von gestern. Sie haben sich lange geküßt. Kein Mensch kam. Die Sonne schien. Das Land war weit und fruchtbar. Sie sind weitergefahren, langsam von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Sie haben noch volle acht Tage zu verschenken gehabt, und sie haben sie sich geschenkt, Stunde für Stunde am Steuer, indes Barbara ihre Hand aus den lenkenden Arm Meimbergs gelegt hat. Stunde für Stunde in einem Wald, an einem Bach, auf einem Verg, an einem Kornfeld. Sie sind durch das reisende Land gefahren. Ueberaü war die Ernte im Gang. Sie haben in vielen Hotels geschlafen und sind zuletzt den Spuren ihrer Hinfahrt gefolgt. Sie wollten gewissermaßen die Schatten der Erinnerung abholen und auf neu polieren. Sie wollten den Schatten ein blutvolleres Leben Vorleben. Sie wollten afmeffen, welchen Weg sie inzwischen gegangen waren, einen weiten Weg, einen schweren Weg, den Weg von der Hochzeit zur Liebe. Einen langen Weg haben sie bei uns!" * Der Roman erscheint unter dem Titel „Die Liede, die uns rettet" von Walther von Hollander als Buch im Verlag Scherl Berlin SW 68. O bleibe treu den Toten! Von Theodor Storm. O bleibe treu den Toten, Die lebend du betrübt; O bleibe treu den Toten, Oer alte Giei'ndor. Erzählung von Gunnnr Gunnarsson. Steindor Kolbeinsson war immer ein Mann mit Schwung gewesen. Aber je älter er wurde, desto mehr bekam er es mit der Eile. Er wurde ein alter, ein sehr alter Mann. Als er die achtzig überschritten hatte, konnte er sich überhaupt nicht mehr ruhig halten, er muhte ständig in Bewegung sein. Alles lief ihm fort. Die Jugend war dahin. Das Mannesalter auch. Und jetzt drohte das Leben ihm das letzte Tauende aus der Hand zu reihen, und die Zeit ihn links liegen zu lassen. Steindor hatte sich nie gern überholen lassen, er beschleunigte die Fahrt, lief mit, lies mit, so gut er konnte. Einstens, als noch Kraft und Fülle in ihm waren, entwarf er Pläne und führte sie aus; damals brauchte er nicht zu hasten, um sich von der Unruhe zu befreien, er konnte sich wie andere Menschen bewegen — wenn auch ungern langsam. Ein halbes Jahrhundert hindurch — von seinem vierundzwanzigsten bis vierundsiebzigsten Lebensjahre, hatte er seinen Hof bewirtschaftet, einen alten Erbhof, der immer vom Vater auf den Sohn übergangen war. Damals hatte er gelebt. Er gehörte zu den Menschen, die das, was sie unter den Händen haben, an allen Ecken erweitern und nebenbei ein Dutzend Kinder in die Welt setzen. Damals war ihm auch die Ruhe selbstverständlich gewesen, er hatte Zeit gehabt, sich zu setzen und auszuschlafen. Aber ein Kraftüberschuh war schon immer dagewesen, und es geschah daher nicht selten, dah ihm der Teufel unbändig in den Leib fuhr. Dann sand er keinen anderen Ausweg, als zu trinken, zu trinken, sich kopfüber in einen gewaltigen Rausch zu stürzen. Die Jahre gingen hin, viele Jahre, und alles um ihn her gedieh. Die einzigen wirklichen Widerwärtigkeiten verursachten die Kinder, hie recht verschieden ausgefallen waren. Einer von den Söhnen war schwachsinnig und hängte sich schließlich auf; mit einem anderen konnte er sich nicht vertragen, der Junge lief von Hause fort und verschwand im Wilden Westen; eine Tochter bekam zur Unzeit ein Kind — alles mögliche Dinge, aber Dinge, die einen Vater wurmen können. Steindor trug sie anscheinend ruhig. Innerlich raste jedoch eine Wut in ihm, die er anderen zu zeigen keine Lust verspürte. Als er sich eine Zeitlang damit gequält hatte, beschloh er, Die Dinge zu nehmen, wie es sich für einen Mann geziemte, und setzte noch ein halbes Dutzend in die Welt. So war Steindor. Das Leben sprühte Funken um ihn. Es war Rasse in ihm, allerdings etwas gemischt, aber doch Rasse. Die eiserne Ruhe, die ihm fehlte, hatte dafür seine Frau. Sie hieß Halljorg und war mit ihm verwandt. Während das Leben Steindor nach und nach bis auf die Muskeln und Sehnen gedörrt hatte, feine Wangen gehöhlt, wie der Tropfen den Stein, seine Stirn gefurcht, wie der Frost Die Erde, behielt Halljorg ihr rundes, festes Fleisch, ihre Schlankheit und ihre ruhigen Augen. Sie war eine richtige Frau, echt und unverfälscht. Sie nahm auf und formte weiter, was der Mann ihr gab. Wenn es nötig war, bremste sie, beschnitt und kappte unauffällig wilde Triebe. Stichwunden hinterließ sie niemals. Sie war ganz Frau, mit einem leuchtenden Herzen, doch zu innerft kühl wie die Erde, mild wie die Erde. Es kam eine Zeit, wo der Teufel Steindor so fürchterlich in den Leib fuhr, daß er nahe daran war, ihm ganz zu verfallen. Es kam eine Zeit, da er aus einem Rausch auftauchte, um in einen neuen unterzugehen. Halljorg nahm es auf ihre eigene Art. Die knapste von den Schnapsrationen beim Essen nichts ab. Jedesmal, wenn eine Flasche leer war, stellte sie stattdessen eine volle hin, als verstünde sich das von selbst. Schließlich begann Steindor in ihren Augen zu forschen, wenn sie mit den vollen Flaschen kam. Aber er konnte keine Veränderung bemerken, ihr Blick war ruhig wie immer. Als sie einmal während des Essens neuen Schnaps brachte, sprang er auf, ergriff die Flasche, holte wie zum Schlage aus und zischte: Willst du denn durchaus, daß ich mich zu Tode trinke? Halljorg hob ihren ruhigen Blick ein wenig verwundert zu ihm auf: Das ist deine Sache. t Da schleuderte Steindor die Flasche auf den Boden und verließ das Zimmer. , . . . Es vergingen mehrere Jahre, in denen er keinen Tropfen trank. Dann fing er langsam wieder an und trank bis zu seinem Tode mit Maß. Auch hier wollte er Herr sein und blieb es. Erst als die Fruchtbarkeit, die innere wie die äußere, nachzulassen begann und die Ausdauer zu körperlicher Arbeit mehr und mehr schwand, fcMuf) bte Ruhelosigkeit heran und fraß sich in sein Gehirn ein. Damals überließ er den Hof feinen Söhnen, kaufte ein Haus in dem eine Tagereise entfernten Handelsort und zog mit feiner Fran und einigen Töchtern dorthin die sich noch nicht abgelöst und in fremder Erde Wurzel geschlagen hatten. Auf dem Lande wurde es ihm zu einsam, er mußte mehr Leben um sich haben. So kam es, daß der Schwung in ihm mehr und mehr m Altmännertrab Umschlag. Er hatte es jetzt so eilig, wie in seinem ganzen bisherigen Leben nicht. Er mußte Überall sein und war Überall. Er brachte die Tage damit hm, zwischen dem Hasen und den Bauplätzen des Ortes hin und her zu lausen es konnte kein Schuppen aufgestellt werden, ohne daß er Wmd davon bekam und dem Ereignis beiwohnte. Er bestellte sich selbst zum Ober- aufseher über alles, was am Ort geschah, und wurde es ihm m Der Stadt zu still, bann sattelte er fein Pferd und ritt heim auf den Hof, meistens in einem Zuge; und auch dort hatte er u ” alles, was sich ereignete. Hier lief er ebenso umher und hatte es genau Io eilig wie immer besah das letztgeborene Kalb, billigte oder Mißbilligte Handel und Wandel seiner Söhne. . . Halljorg hatte für sich in dem neuen fremden Haus °wen Platz am Fenster gefunden. Dort saß sie. Sie rührte sich ungern vom Ükleck Das Haus blieb ihr auch weiterhin neu und fremd. Sie faß dort am Fenster und erhaichte hie und da einen Schimmer von Steindor, wenn er vorbei- rannfe. Auch wenn er zu Haufe war, faß sie am Fenster. Sie w°r ihm vom Hof hierher gefolgt, weil es nun einmal ihr Los war, ihm zu folgen. Aber an feinem Altmännertrab konnte sie nicht teUnehmen. St« blieb lieber sitzen, und fah ihm zu und dachte sich ihr Teil. Von ihrem Fenster hatte sie Aussicht auf eine Straßenkreuzung uni) ein Stück von der Hafenmole. Sie fah viele vorbeigehen, aber am häufigsten doch ihren Mann, der in feinen zahllosen Geschäften oder aus Mangel an Geschäften davonschoß. Fast immer blieben ihre Züge unbeweglich, gleichgültig, was sie auch zu sehen bekam. Wenn Steindok es aber besonders eilig hatte, oder jemanden begleitete, und dabei wild mit den Armen fuchtelte, dann leuchteten wohl ihre braunen Augen von innen her auf, bann glitt ein Schimmer über ihr runbes Gesicht mit der dunkelgoldenen Hautfarbe, ein Lächeln ober vielleicht auch nur bet Bruchteil eines Lächelns. Gott weih, was sie dann dachte, oder wessen sie sich erinnerte. Das einzige, was Steindor aus feinem Besitz nicht mitgenommen hatte, als er den Hof verlieh und in die Stadt zog, waren zwei Särge. Er hatte sie vor langer Zeit machen lassen, einen für sich, einen für feine Frau, genau nach Maß; Steindor war ein vorsorglicher Mann, und in diesen soliden festen Särgen konnte man getrost liegen, sie würden nicht unter einer Schaufel Erde zusammenbrechen. Er wußte eigentlich selbst nicht recht, weshalb er sie stehen gelassen hatte, als ex fortzog, aber Särge sind ja ein komisches Umzugsgut. Als ihm einmal nichts anderes einfallen wollte, schlug er seiner Frau vor, ob er nicht die Särge holen sollte. Laß sie stehen, erwiderte Halljorg. Sie boeffte wohl: hat er sie erst hier unten, bann würbe es kaum lange bauern, bis er barauf verfiel, sie hinaufzubringen. Steindor führte als Grund an, sie könnten doch zu einer Jahreszeit sterben, wo die Wege unbrauchbar wären. Aber diesesmal ließ sich Halljorg nicht umftimmen. Laß sie stehen, wo sie sind. Steindor muhte feine Unternehmungslust In andere Bahnen lenken. So ging die Zeit hin. Und es endete, wie es enden mußte und immer endet — Steindor wurde schließlich von dem eingeholt, vor dem er so eifrig geflohen war. Es geschah während eines feiner Besuche auf dem Hof — im April — zum Glück deckten noch Schnee und Eis das Land, und die Schlittenbahn hätte nicht besser sein können. Was aber geschah, war dies: Steindor sprang eines Morgens nicht aus dem Bett, sondern blieb hübsch liegen, bis die Leute aufstanden. Sobald Geben auf dem Hof war, rief er eines der Mädchen zu sich herein und ba^ seine beiden Söhne und den alten Jon zu holen. Steindor blieb eine Weile still liegen, und blickte auf die Söhne und den alten Jon, der sich bei der Tür hielt. Er saß im Bett und man konnte ihm nicht anmerken, dah ihm etwas fehlte. Aber es sah niM danach aus, als sei er mit der Situation zufrieden. Sein Blick ruht« nicht ohne Kritik auf seinen Söhnen, und er war kurz angebunden und wortkarg wie immer Kindern gegenüber. Als er eine Zeitlang so dagelegen hatte, streckte er die Hand unter das Kopfkissen, zog seine Uhr hervor und reichte sie dem alten Jon. Du hast mir am längsten gedient, darum sollst ou meine Uhr haben, sie ist von Gold und die Kette auch. Schnell, nimm sie, zum Teufel. Bist du denn schon alt und klapprig, daß du dich nicht mehr bewegen kannst? Dann wandte er sich den Söhnen zu und sagte nicht unfreundlich; Heute sterbe ich. Ihr legt mich heute Abend in den Sarg. Morgen fahrt ihr mich zur Stadt hinunter. Aks er gesprochen hatte, standen die Söhne eine Weile unbeweglich da. Der Vater lud zu keiner Art von Teilnahme ein, noch weniger zu Einwänden. Der alte Jon war der einzige, der sich die Freiheit nahm, gerührt zu fein und sich zu schneuzen. Da die Söhne keine Miene machten, zu gehen, winkte Steinbor ihn«» ungebutbig, bann aber hielt er sie zurück, ehe sie zur Tür hinaus waren. Ihr habt wohl begriffen, baß nur ihr brei mitgeht. Hier gibt es Ja zu tun, ba aber zwei reichlich wenig finb und der alte Jon ja nicht gerade viel nütze ist, mag er mitkommen. Geht jetzt, eilt euch und bereitet die Reife vor. Im Laufe des Tages starb Steinbor, wie er gesagt hatte, unb wurde auf feinen eigenen Wunsch am gleichen Abend sofort in den Sarg gelegt Als dies in Ordnung war, sagte der jüngere Bruder zu dem älterem Zu welcher Zeit wollen wir morgen fahren? Ja, was meinst du dazu, fragte der ältere Bruder den alten Ion. Der alte Ion kratzt sich; er nimmt eine Prise unb guckt von einem zum andern. Steinbor würbe es nicht paffen, wenn es später als fünf wäre. Dabei blieb es beim. Cs war noch Nacht, als sie losfuhren, eine tiefe, klare Winternacht. Die Sterne stauben funkelnd am dunklen Himmel. Der alte Jon ging neben dem Pferd her und hielt die Zügel. Die Brüder stützten den Schlitten zu beiden Seiten. Es wurde ein warmer Tag mit Sonnenschein unb glitschigem Tau- schnee. Der Weg führte über bie Berge. Aks sie über bie Abhänge hinunter gekommen waren, machten sie Rast, schirrten das Pferd ab, schütteten Heu auf den Schnee und nahmen dem Pferd das Gebiß aus dem Maul. Dann suchten sie einen Stein, auf dem sie sich niedersetzen konnten und öffneten den Brotsack. Sie waren alle drei tüchtig müde, und als sie gegeffen hatten, blieben sie noch ein Weilchen sitzen und sammelten frische Kräfte. Den Schlitten hatten sie an der Kante des Höhenzuges stehen gelassen, damit sie ihn später leichter flott bekamen. Die Sonne brannte, und es glitzerte von Eiskristallen auf dem schmelzenden Schnee. Ja, bie Sonne brannte. Unb plötzlich beginnt der Schlitten sich zu bewegen, gleitet vorwärts, kommt in Schwung, nimmt in ein paar Sätzen ben Hügel unb bleibt erst weit in ber Ebene stehen. Der alte Jon ist aufgesprungen, bie Stüber sind aufgesprungen, aber zu spät. Alle stehen still unb blicken bem Schlitten nach. Die Brüder find bleich, ein Unbehagen überfällt sie. Der alte Ion ober schüttelt den Kopf, lächelt in unerschütterlicher Bewunderung: „Immer der Alte!" Dann nehmen sie das Pferd, laufen den Abhang hinunter, spannen wieder an und fahren weiter. Am späten Nachmittag langen sie in ber Handelsstadt an. An diesem Nachmittag sitzt Halljorg wie gewöhnlich an ihrem Fenster, sie erwartet Steinbor heute nicht zurück. Frühestens morgen ober übermorgen Deshalb burchfährt sie ein kleiner Ruck, als sie ihn plötzlich um Wo Die Und Die Und Der rinnt, fort Wasser strömen durch sie , rauschen durch das irdische Haus ... Bäu'rin hebt den Krug vom Bord schöpft am schattigen Brunnenort Ahnen dunkle Kraft daraus. Erdwurzeln wild umschmiegen Erdmutterarme wiegen sie, tief der ewige Brunnquell In moosigen Kammern liegen sie. Beim Mann das Weib, beim Ahn das Kmd. sie. m, Straßenecke laufen sieht. Er hat es eilig rote immer, er steht still unb winkt ungeduldig zurück, als wollte er jemanden antreiben, der hmter ihm ist. Gleich darauf biegt der Schlitten mit dem Sarg um die Ecke, Halljorq erkennt ihre Söhne, erkennt das Pferd, erkennt den alten Ion aber Steindor ist fort, verschwunden. Da erhebt sich Halftorg, holt ttes Atem und geht Steindor ausnahmsweise entgegen, bis auf die Straße ^Der Sarg wird ins Haus gebracht, in der guten Stube auf Stuhle aestellt Dann wendet sich Halljorg ruhig, trockenen Auges an ihre Sohne. — Ihr könnt gleich ein Doppelgrab bestellen. Und dann laßt meinen Sarg holen, solange noch Schlittenbahn ist, sagt sie. Tags darauf stirbt Halljorg. Bauernfriedhof. Von Helmut Bar tuschet. Als der große, schwere Frachter aber dann in Stettin bei Herbig & Langfeld mit der Motorwinde auf die Dockrolle getrellt wurde, da rissen plötzlich d>e beiden Stahltrossen auf unerklärliche We.se (sie hatten schon viel schwerere Lasten ausgehalten) und die „Tille rückwärts wieder in das Wasser zuruck. Sie wollte noch nicht abdan en. Martha Krüger aber zerriß jubelnd den Vertrag über die Abwrackung. Die „Tille Twachtmann" hatte ihr Schicksal selbst entschieden, feitbem> fuhr sie wieder mit Kohlen von Schlesien die Oder hinunter, kam mit Steinen und Kies den Strom herauf, die Lage für die Schiffer hob sich wieder und der Kahn lief besser denn je. Heinrich und Paul sprachen zur Mutter auch nie mehr über die Aufgabe des Schiffes, bis eines Tages ein rat el- haftes und merkwüriges Erlebnis das Leben der Leute auf ber „Tille Twachtmann" noch enger und noch stärker mit dem alten Kahn verband^ Das war am 16. September, einige Jahre zuruck. Die „Tille Twacht mann“ hatte volle Fracht und fuhr den Strom durch die niederfchlefische Ebene abwärts. Man hatte sich in Steinau ein wenig zu lange aufgehalten und Heinrich und Paul halfen nun der Strömung mit den langen Stakstangen nach. Ein schöner, warmer Spatsommertag war es Man ahnte ben frühen Herbst, unb durch die Luft schwammen ^fJ^unb Fäden des Altweibersommers. Martha Kruger stand am Ruder unb versuchte sich das Gespinst vom Gesicht zu wischen, aber die ganze Lust war voll davon. ___ Macht zu, Jungs!" ries sie ihren Söhnen zu. Noch mehr legten sie sich in die Stakbügel, und gleichmäßiger Bewegung zog die „Tille Twachtmann durch das Wasser. Ab und zu begegneten sie langen Schleppzügen oder °"ch einzelnen Dampfern. Man grüßte hinüber, luftiger Zuruf kam zuruck. Wer kannte nl^marenJieleD?rbeaid)fo'aftanb Martha Krüger aber wieder mit ernstem Gesicht am Steuer. Sie ärgerte sich über die verlorene gAe", die Konkurrenz war schwer, unb gerabe >etzt war es wichtig, b,e Vertrage puntt lief) einzuhalten. So langsam zog bie Lanbschaft "°^i, rmnchmal schien es, als führen sie gegen ben Strom unb bewegten sich gar nicht von ber ^Auch ihre Söhne merkten, baß irgenb etwas mit bem Kahn los war. Es geht schwer, Mutter", sagte Heinrich beim kurzen Mtttagbrot. Ein schlechter Tag. Stellte Tille hat's heute wieber ma mächtig! Auch am Nachmittag würbe es nicht besser. Gewiß, sie hatten volle Fracht, und ber Kahn lag tief, aber trotzbem schien für alle noch eine andere Kraft vorhanden zu sein, die hemmend wirkte. Die Mutter saß gerade unter Deck über ihren Fakturen, das Ruder hatte sie sestgelegt und oben stakten noch immer Heinrich und Paul, ihre Gesichter waren feucht von Schweiß, und ihre Schultern leersten. Sa hörte Mutter Krüger plötzlich ein rasselndes Geräusch, als ob die Ankerkette rollte. Sie warf ihre Rechnungen zusammen rannte tue kleine Treppe hinauf, da gab es auch schon einen starken Ruck durch den ganzen Kahn, der alte Kohlenbuchter zitterte, und dann lag die „Tille Twacht I mann" mitten in der Oder ruhig und unbeweglich vor Anker. „Dösköppe!" schrie die Mutter ihre Jungen an. „Habt ihr denn den Anker nicht hochgebunden?" , , . . .. , Doch, Heinrich schwor Stein und Bein, er habe in Steinau die Ankerwinde festgepflockt. Jetzt eben hätten sie beide vorne gestanden, er steuer, bords und Paul am Backbord, und plötzlich sei hinten die Ankerkette herunteraefauft. Wie es gekommen sei, wüßten sie auch nicht. „Ja, $s ist heute was los mit ber Tille", sagte Paul. „Da hilft kein Fluchen, Mutter. Wenn's sie mal hat, bann hat's sie." Also roieber eine Verzögerung ber Fahrt! „Nun aber schnell roieber rauf bamit , sagte bie Mutter. Heinrich unb Paul gingen an bie Winbe, versuchten zu drehen, sahen sich an versuchten roieber. Der Anker kam nicht heraus, er saß fest. „Verflucht!" sagte Paul unb spuckte über Borb. Aber alles Fluchen unb Spurten half nichts. 3rgenbetroas hielt ben Anker im Obergrunb fest. Sie loteten, warfen ben Spiekhaken aus —, ohne Erfolg — bie „Tille Twachtmann" rührte sich nicht von ber Stelle. Zufällig war auch weit unb breit kein Lastzug zu fehen unb bis em Schlepper vorbeikam, konnte lange bauern. Außerdem kostete bas Schleppen wieder Geld, und womöglich ging noch der Anker zum Teufel. Eine halbe Stunde hatte man schon versucht, Heinrich wollte sich gerade ausziehen und an der Ankerkette auf ben Obergrunb tauchen, um bas Hindernis wenigstens festzustellen da probierte Pau noch einmal an ber Winde unb plötzlich faßten die Zahnräder die Kette raffelte und ohne Anstrengung ließ sich der Anker lichten. Alle drei, sahen sich top schüttelnd an. Es war sehr merkwürdig. Und wahrend die Tille Twacht mann" dann ihre Fahrt fortsetzte, war ,eder tief in Gedanken mit diesem seltsamen Vorkommnis beschäftigt, dessen schicksalhafte Bedeutung sie genau eine halbe Stunde später erfahren sollten und das wieder einmal bewies, wie stark die geheimen Kräfte in der „Tille twachtmann '^A^d7^Frachtkahn sich nämlich dem Ort Möckwitz,' ber 3u beiben Seiten ber Oder liegt, näherte, sahen Mutter Krüger unb ihre Sohne in jähem Erschrecken ein grauenvolles Bilb. Die große Eisendrucke, bie über ben Strom führte, war eingebrochen. Vor einer halben Stunbe erst war bas Unglück geschehen, bas sechzehn Menschen bas Leben gekostet hatte, unb Heinrich rechnete aus, baß sich bie „Tille Iroachtmann zu ber Zei aerobe unter ben Pfeilern befunben hätte, wenn nicht bie unerklärliche Verzögerung burch ben Anker bazwifchengekommen wäre. Die große, starke Frau Martha Krüger aber lehnte einen kurzen Augenblick bleich am Deckaufbau, bann streichelten ihre harten Hanbe das schwarze, blasige Holz bes Schiffes, ihre Söhne aber nahm sie in beibe Arme, unb in ber Nacht beteten alle brei für bie armen toeelen der Umgctommenemitfame ^Mckste des Kohlenfrachters „Tille Twachtmann", | ber mehr ist als ein einfacher ßafttahn. Nie Fahrt der „Til-e Twachtmann". Erzählung von HeinzOskarWuttig. Einer ber merkwürdigsten Lastkähne, bie jemals bie Ober jroifchen Hass und Oberschlesien hinaus unb hinunter fuhren, ist bie „Tille Twachtmann" Sie ist ein breiter, roeitauslabenber Kohlenbuchter, biete, schwere Eichenplanken bilben ihren Leib, geschlagen aus ben, bitten Wälbern, wo bie Warthe entspringt, unb als sie vor über breißig Jahren erbaut wurde, war sie wohl ber größte unb stolzeste Frachtkahn auf der Oder. Merkwürdig, daß ihre Eigentümer niemals Männer gewesen sind. Zehn Jahre lang führte sie Mathilde Twachtmann, die ihr auch den Namen gegeben hatte, unb nach ihrem Tobe würbe ber Kahn auf ihre Tochter Martha überschrieben, obgleich bie längst ben Franz Kruger geheiratet hatte unb auch heute noch steht Martha Krüger, nun seit zwanzig Jahren Witwe, bei bickem Wetter am Ruder, und ihre beiden Sohne Heinrich und Paul müssen das Essen in der kleinen Küche bewachen ober bas Deck waschen. . Ein Mordsweib muß die erste Schlsfsfrau Tille Twachtmann gewesen sein, eine Fürstin unter den Oderschiffen, und ihren Kahn hat sie mehr geliebt als ihr Leben. Manche kräftige Geschichte können die Brucken- roärter und die Hafenleute von ihr erzählen, und als sie sich an einem falten Novembertag in ihrem Bett unter Deck zum Sterben legte, da ließ sie sich nicht ins Spital hinunterbringen, sondern warf erst dem Doktor bie Petroleumlampe vor ben Bauch unb starb bann schnell unb voller Frieben. „ . Der Schleusenwächter in Vorbamm, ber bie „Tille Twachtmann unb ihre Schifsersleute gut kannte, war es auch, ber es allen, bie es wissen wollten, erzählte, der alte Kohlenkahn dulde aus sich keine verheirateten Mannsleute. Der große Frachter sei ein alter Schwerenöter, und wer etwas mit der Schifferin habe, den werfe er ab. Der Mann wird auch schon recht haben, denn wie soll man es sonst erklären daß der Mann der Mathilde Twachtmann vor dreißig Jahren, nachdem der Kahn gerade einen Monat im Wasser war, in mondheller Nacht das Lausbrett nicht fand und in niedrigem Wasser ertrank! Wie soll man es sonst erklären, daß auch der Mann ber Martha Krüger ein Viertel Jahr nach bem Tobe ber Mathilbe Twachtmann, gerabe als er ben Namen „Tille Twachtmann" vorne am Bug mit bem Namen „Martha Krüger" übermalen wollte, kopfüber von ber Planke fiel unb erst nach zwei Tagen im Oderschlamm gefunben würbe! Nein, es wirb schon so sein. Jebenfalls heiratete Martha Krüger bann nicht mehr, ber alte Kahn hatte keinen Grunb zur Eifersucht unb ber Name „Tille Twachtmann vorn am Bug bes alten Frachters mürbe bis heute nicht übermalt. Ja, heute ist bie „Tille Twachtmann" ein alter Kahn. Größere unb schönere ziehen an ihm vorbei, aber trotzbem steht sie noch immer ihren Mann, und wenn sie dunkel und stolz unter den Oderbrücken hindurchfährt, so sieht ihr jeder bas Besonbere, bas Kraftvolle unb Eigenwillige ihres Lebens an. Ieber Schlepper weiß es, baß sie aus ganz befonberem Holz geschnitten ist. unb bamals in bem strengen Winter, als ber schwere Frost bie Kanalwänbe unb die Dammbauten sprengte, als der Eisgang auf der Oder viele Lastkähne zerdrückte, da lag die „Tille Twachtmann fest und ruhig vor Anker, lustiger blauer Rauch stieg aus bem kleinen Schornstein im Vorberschifs auf, unb nur ein paar geringe Kratzer hat ihr bas Eis antun können. Unb wie hatte ber Kahn bann später ben beiben Jungen ber Martha Krüger ein Schnippchen geschlagen! — Es waren bie Krisenjahre, eine verflucht harte Zeit, da lagen sie der Mutter tagtäglich in den Ohren, sie solle den alten, unrentabel gewordenen Kahn doch abwracken lassen. Es wäre ein .Hungerdasein, immer nur halbe Fracht und dann die Abgaben. Da hatte sich Martha Krüger schließlich breitschlagen lassen, unb nach- bem sie wohl fünfzigmal gesagt hatte: „Nein, ich tu's nicht. Eure Großmutter hieß Tille Twachtmann unb die hätte es auch nie getan!" .. da sagte sie eines Tages doch: „3n Gottes Namen, dann soll es ihre letzte Fahrt fein* -verantwortlich- Dr. Hans Thyrlot. - Druck unb Verlag: Drühl'fche Univers itäts-Duch- und Eteindruckerei. «.Lange, Gießen.