Neheim Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Nummer 56 Montag, den 22. Juli Jahrgang 1935 Gin bändd-Roman von Crnst ölurm Sieb" Eich d > m ch bery fa. N M Um , bu infth en» bei ritz n d« |s ins letten, d noi engta Haid tragen :es it> ;r D »d y eichm ein« «dy d) bii jsburg. lUpptt' ■flinlti as 3n> Sing» nb lii lofpilil Keine Kraft war in ihm mächtig Copyright 1915 by Deutsche Verlags-Hnstalt, Stuttgart und Berlin (1. Fortsetzung.) 6.9*t <.»* en 3* Ni. bis ein ä» 1 !» [gotilni jgebiW Siibe® (teilt - >it! W (en |nl geiiiil in bie!« unjeti* ben etf stabt f 2öm' uS"* mm » ■b LW 1#* Dl«» ibon ■ es P ' ein# it a*!1 auf»" bie * ich n# [anhlr , OB' S-> «den"" non kennen und schätzen lernte, Werke ähnlichen Gehaltes, nur größer in der Anlage, ziemlich glichen. Es handelte sich um eine Mustkar , auf die Händel schon in Italien aufmerksam wurde, wahrend er sie spater in London nicht wieder antraf. Aber damals im Süden hatte er der Aufführung eines Werkes mit geistlichem Inhalt in der Kirche beige» wohnt. Komponist war der berühmte Carissimi gewesen, seine Schöpfung nannte er „oratorio“. Vorstufen dieser Kunstsorm war wohl auch im Süden unter anderem Namen Anthems gewesen, Gesänge zwischen den liturgischen Handlungen, musikalisch geschmückte Geschichten aus der Bibel, die dann, aus dem Gottesdienst herausgegriffen und mit Instrumentalmusik verbunden, ein selbständiges und überall aussührbares Musikwerk ergaben. Da die bra- matischen Möglichkeiten eines solchen Werkes von der Schaubuhne unabhängig waren, wurde seine Entwicklung rasch gefordert, ohne daß em der Gewalt der Stoffe entsprechendes Talent bisher in dieser Musikform schon sich geäußert hätte. Händel fand in der Musikbibliothek des Herzogs zwei Partituren solcher Oratorien, jung und doch schon halb verstaubt, weil sein Vorgänger sich nicht dafür eingesetzt hatte. Nun, es waren keine Wunder, diese Werke von Cesti und Mazzochi. Vorsichtig umkleideten sie die mächtigen Worte der Bibel mit herkömmlichen Melodien und instrumentierten so ausdruckslos wie möglich. Aber schon aus den spärlichen Ansätzen der Musik, wo im Text die Urmotive alles Menschlichen erklangen, Liebe, Kummer, Verrat, Heldentum, Zorn und Gute des Herrn, fühlte Händel, was sich hier machen ließ — geriet auf ber Stelle in Schaffenswut. Dennoch fehlte ihm, der wohl die Kraft besah, derzeit noch, was den Italienern immerzu gesehlt hatte — die Eingebung Gottes. Er mußte auch noch viel lernen, bis er die Form durck- brechen und für seine Tonmassen erweitern konnte. Das ließ sich nicht mit dem Kraftaufwand der Opernchöre machen, und die Sol, der Oratorien durften nie von Primadonnen gesungen werden — das suhlte Händel schon heute. Ihn reizte das Neue am Oratorium er muß e da- mit beginnen, und sofort an einer der nächsten gesellschaftlichen Zusam- menkünfte beim Herzog packte er einen der dort verkehrenden Dichter und stellte ihm eindringlich vor Augen, daß er einen Text für Chore und Sologesänge nach der Bibel Herstellen müsse und wenn es ginge, recht sorglich unter Schonung der heiligen Worte. Aber einen sehr dramatischen Ausschnitt! Der Dichter kam nach wenigen Wochen wieder und brachte ein Textbuch „Esther". Händel machte sich darüber her und begann zu komponieren. Aber obgleich Gott selbst in eigener Person in dem Werke vorkam, sand weder der Dichter die Worte für ihn, 1aoch der Musiker die Töne. Wenn man sich diese weltlich zürnenden Worte des Allmächtigen von einem Baßsänger vorgetragen dachte, unterschied sich Gott nicht viel von den Opernhelden. Nur in den Choren, die ihm zugerufen wurden, ließ Händel schon von ferne den Schöpfer ahnen er war ihm auf der Svur und gab den ersten Fingerzeig für die brausenden Werke der Zukunft. Keines von ihnen sollte den Herrn in eigener Person enthalten, aber die Chöre, die ihn bejubeln, die zu ihm flehen die von Herzen gläubig machen sollten, sie konnten das Dasein Gottes besser beweisen als ein Sänger, der Gottes Stimme vertrat In den Chören war der Mensch namenlos und das Unendliche kein Geheimnis Das Oratorium wurde zunächst nicht ausgesuhrt, doch brachte.es als ein Feuermal in Händels Entwicklung diesen aus die verschiedensten Gedanken. Seit er „Esther" geschaffen hatte, war in das Verzeichnis feiner Werke das erste jener Gattung getreten, die zu vollenden ihm au (getragen war. Er wußte es nicht in Cannon. Doch er »uhlte m, dem tiefen Ernst des berufenen Künstlers, wie em Seefahrer, der die ge (chützte Bucht verläßt und weit draußen das stürmende Meer ahnt, daß er nickt nur als Versuch und Spiel betrachten durfte was er hier schieb Er konnte mehr schaffen in dieser Form! Er konnte zunachi Esther" verbessern — ob es nicht am Textbuch lag, was ihm seine eigene Mustk verleidete? Warum wählte er nicht forqfaltiqer, als er sich den Dichter für ein Oratorium suchte? Weshalb in aller Wel dachte er nicht an seinen feinfühligen und klugen Freund Arbuthnot.. Auch der schrieb nur unbedeutende Verse. Aber er war ein Mensch, ein wertvoller Mensch. Einem besseren begegnete Handel unter ben Männern überhaupt im Leben nicht. Kennengelernt hatten iie fid) im chause des Grafen von Burlington Dort spielte der Komponist einmal auf der Harfe Variationen über ein frühes Thema, lange und in ~r« stinerung an die Hamburger Zeit. Er mochte, als er geendet halte sitzen- aeblieben sein vor dem Instrument. Die Gäste des Hauses zerstreuten ich iedensalls nach dem Vortrag des Künstlers in andern Raumen, und der Mustk,aal wurde leer. Als Händel endlich aus seinen Gedanken auf- iab befand er sich einem einzigen Menschen gegenüber öer zugehort ' s «T hnnn nicht wie die anderen, entfernt hatte. Mit prüfenden, freundlichen Augen fing er den überraschten Blick Händels auf und er- hnft fi* Gin mittelgroßer Mann mit feinen Gefichiszugen, wohl Ziemlich LdenschaftLs" doch regsam in der Beobachtung, ein Denker, em gütige^ tie ml je bH Trotzdem er Mary nur wegen ihrer Gläubigkeit so besonders schätzte, ober gerade deshalb, dachte Händel doch daran, sie ständig in seiner Nähe zu haben. Er stellte sie sich wohl als seine Haushälterin vor und wurde warm bei dem Gedanken, daß sie ihm statt des Dieners das frühstück brächte und er schon am Morgen ihre runden Augen sehen turnte. Dann wieder frug er sich, ob man sie damit nicht einem Leben entrift, zu welchem das Mädchen vollkommen paßte. Ob sie wohl tm Schloß die Frische bewahren würde, die ihr auf den Feldern täglich neu mit dem Atem durch den ganzen Körper drang, das Mark m ihren llaochen stärkend und die Farbe auf ihren Wangen erhaltend? Wenn er (|e früge — sagte sie natürlich ja und ginge zu ihm Hatte es ihr am Lade schon der gegen London immerhin noch bescheidene Glanz an Sonntagen in der Kapelle Whitchurch angetan, wenn die Gaste des Herzogs aus der Stadt tarnen und viele Kerzen in der Kirche brannten? Rary zeigte einen Uebereifer und kam zu ben Proben oft zu früh. Wenn fie dauern!) in bie Nähe bes vornehmen Lebens geriet in bas Schloß, würde sich unter dem Druck der feinen Umgebung nicht '^bäuerisches Lelbstvertrauen abschwächen? Beffer, er suchte ftei öfter in ihrem Haussen auf und fchalt dort herzhaft über bie Herrschaften, damit sie gerne schlicht blieb unb vom Schloßprunk keine zu hohe Meinung bekam! Diese Besuche aber faßte Marys einfältige Mutter als Bewerbung bes herzoglichen Musikdirektors um ihre Tochter auf Als Handel emesTages |„ das Bauernhaus kam und Mary noch nicht vom Felde zurück war, lud ihn die Mutter umständlich an ben Tisch unb begann auf Umwegen itn Ahnungslosen auszusragen: „Gut singt mein Kinb in ber Kirche? „Nicht besser als bie anberen, liebe Frau Black. Nur nichts einbüben! Eut"singt sie, weil sie ehrlich singt." „Das wollte ich ja sagen, unsereins hat nur mcht gleich bas Wort dafür! Ein durch unb durch ehrliches Mädchen ist Mary . „Habe ich gleich am ersten Tag bemerkt. Sie machen wieder zuviel Worte davon. Frau Black." .. ,,, . h 6 „Mein Gott, die einzige Tochter — man wünscht ihr doch, daß s rach ihrem Wert eingeschätzt wird!" „Tun das die Menschen im Dors? „Oh, doch! Auch bie Burschen achten meine Mary... „Hat sie schon einen Bräutigam?" . „ „ <• „Wo wirb sie! Das hat Zeit, bis der Richtige kommt... „Ein gerader und kräftiger Mann wurde ZU ihr passenI Der Soh tom Schmied, zum Beispiel, würde mir gefallen für 1«: Aber Herr Händel! Das sagen Sie doch nur im Scherz! Der iung S*t.6Ä“ ÄrÄf’aT ->- w!,° tieinen Sie, ein Mann aus anderem Stand wäre ihr ZUwunchen _ „Natürlich — fein Gras, aber Mary singt so schon, ist musikalilch Sie nehmen sich ihrer an — da dachte ich — , „An mich werden Sie doch mcht gedacht haben d! „Ja, weshalb besuchen Sie dann Mary so oft. „Frau Black, Sie sind eine übereifrige — Bauernmutter. Und Zorn und Mißverständnis und auch Kummer^ Und Garheit Ilinn. Drei Sonntage blieb Mary aus. Dann kam fte roieber.. Unb W ju Händel auf, der Orgel spielte, und sang, das Kind des Dorfes, krait g mb mit bem Sinn für Menschengrenzen. Und bas war gut. Ein Jahr bes Friebens verging in Cannon, ein zweites lief Md) » t nb wie neben ber Zeit her, daß Handel es gar nich - sch wirklich eingelebt am Hofe des Herzogs von Chando-.war den Rustkern seiner Kapelle, besonders den lungeren, nahegekommen, unb «ahm teil an ber Entwicklung einiger schonen . j Her doch Diel mehr Zeit, als früher irgendwo, (ich durchzubildem^unü ->r hatte sich neben (einer Tätigkeit als Gast bes Herzogs berührten »er Musiksormen versenkt, bie bisher fein Staffen wenig berührten. 3abei fiel es ihm besonders auf, daß bem Anthem, welches er in Can Herz. Gr stellte sich vor als Doktor Arbuthnot, Leibarzt der Königin, und bat, zu entschuldigen, daß er eines Musikers Schweigen belauscht habe. „Was haben Sie an mir gesehen?" frug Händel damals. „Ihre Seele in und außer dem Spiele, mein Herr." „Wissen Sie aber, daß ich jetzt trotz soviel Seele Lust aus ein Roast- bees hätte?" „Großartig! Ich verstehe etwas von Küche. Wollen Sie zu mir kommen?" Sie wurden Freunde. Arbuthnot begriff, ein Arzt, der die Einheit im menschlichen Wesen ahnte, als erster den Ursprung des Händelschen Schassens und sein Verhältnis zur Umwelt. Er suhlte, daß dieser Hüne aus Deutschland, dessen englische Worte mit Brocken aus seiner Muttersprache und aus dem Italienischen vermengt waren, dessen Musik vom Nachtigallslöten bis zum Bürenbrummen alle Töne fand, der doch die zarteste Seelenregung empfand und ost nach einem großen Stuck Fleifä; verlangte — daß dieser Mensch nur als reiche Einheit verstanden werden konnte, und daß er ein Gesetz in sich trug, nach dem die Welt ihn leben lassen mußte. Fast die ganze erste Londoner Zeit Händels mit den Operntriumphen und Enttäuschungen damals konnte Arbuthnot schon mitansehen. Er war ein Freund in den Tagen, als Händel erkennen mußte, wie das glänzend aufgeputzte Unternehmen der Italiener sich als Schwindelgeschäft erwies, das ihn mit in schlechten Ruf bringen konnte, wenn alles aufgedeckt wurde. Jedenfalls war es die ernstliche Mahnung an Händel, nicht viel auf bloßen Tagesruhm zu geben, und Arbuthnot verstand es seinerzeit, dem Freunde die Bedeutung anderer musikalischer Formen außer der Oper nahezulegen. Auch war er es. der den Herzog von Ehandos aus Händels Begabung als Orchesterdirigent aufmerksam machte. In Cannon wußte er den Freund gut aufgehoben und trat in den Hintergrund, doch immer bereit, dazusein, wenn jener ihn brauchte. Zwei Jahre lang behandelte der Komponist den Arzt aus der Entfernung oder bei Besuchen wie jeden anderen Bekannten. Auch seine Briese an ihn hatten keinen besonderen Klang. Fein und geduldig beantwortete Arbuthnot sie meist mit Glückwünschen für die Arbeit. Die Entstehung der Anthems wurde gemeldet, dann schwieg Händel eine gute Weile. Einmal hörte Arbuthnot sein Orgelspiel in Whitchurch, doch stattete er dem Freunde nach dem Gottesdienst keinen Besuch ab, sondern fuhr mit den anderen Londonern nach Hause. Er hatte das Gefühl, Händel gehe einen guten Weg. Jetzt nun bekam er einen herzlichen Brief des Freundes, gleichzeitig mit ihm das Textbuch zu „Esther", und dabei die Bitte Händels, den Kram doch umzudichten! Und mit der geänderten Arbeit recht bald nach Cannon zu kommen. Arbuthnot erfüllte den Wunsch des Freundes, nahm sich die Bibel vor und studierte das Kapitel Esther, ging von sich aus an den Stoff heran und tarn doch nur zu einer ähnlichen Behandlung wie der erste Bearbeiter. Es erschien ihm, der Ehrfurcht vor den heiligen Geschichten hatte, der die Nochsormung alttestamentlicher Stoffe durch christliche Dichter nicht glücklich fand, reichlich anmaßend, als Dilettant das Erz der einmaligen Sprache unijuformen. Er wußte auch, daß es in Paris Brauch geworden war, Stücke aus der Bibel für Opern einzurichten. Sollte Händel, der doch mit den Anthems sich der geistlichen Musik zu- gewandt hatte, nun mit „Esther" schon wieder der Oper zustreben? Arbuthnot wußte es: jener Abschied des Komponisten vom Londoner Opernhaus, das war kein Abschied für immer gewesen. Wie gerne stritt sich der Freund mit den Leuten herum, und nach wochenlangen Kämpfen mit den Sängern und den Zeitungen — eine Händel-Aufführung! — das war ein Tag feiner Kraft! Er sammelte sie und verausgabte sie, blind wie ein Naturereignis. Und doch hatte er Gespräche mit Arbuthnot geführt, worin er merken ließ, daß ihm die Musik als überwirkliche Kraft, wie von einem göttlichen Willen gelenkt, erschien und daß er sich nur als Werkzeug fühlte. Er verglich später seine Tatkrast, als er „Cäsar" vertonte, mit der Cäsars. Der wollte über Menschenmassen siegen, um sie beherrschen zu können — das will ich auch. Aber zu welchem Zwecke beherrschen? Und in welchem Glauben? So frug Händel einstens Arbuthnot... Jetzt fuhr dieser mit dem umgeänderten Textbuch der „Esther" hinaus nach Cannon. Es war ein prachtvoller Wochentag im Frühherbst, mit allen Wundern der englischen Landschaft während der Uebergangszeit, verschleierten Sonnenstrahlen und zart verfärbten Baumkleidern. Auf den Wiesenhügeln im Umkreis der Schlosses Cannon dursten die herzoglichen Pferde die letzten Monate der warmen Jahreszeit im Freien laufen, und unverkennbar äußerte sich die Lebensfreude dieser edlen Geschöpfe in wiehernden Rufen und munteren Sprüngen Arbuthnot e!g aus dem Wagen, den er vorausschickte, und ging zu Fuß die letzte eile bis zum Schloß. Er liebte die Ruhe der Natur, vielleicht nicht so sehr ihr ursprüngliches Geben, für das ihm, der in seelischer Verfeinerung die Vollkommenheit sah, der neugierige Blick fehlte. Nach seinem Denken galt die Natur als Empfangspforte — Bildung und Menschen- stolz trennten ihn davor, an Blumen oder Tieren dieselbe Majestät zu erkennen, wie an den Geschöpfen feiner Art. Hätte er das derbe Entzücken Händels gesehen, mit welchem dieser in seinen begnadeten Stunden von Cannon den Fuß in die Gräser setzte — Arbuthnot würde vielleicht auch zu der Weisheit gelangt fein, daß es nicht nur eine Einheit der menschlichen Person gibt, sondern überhaupt eine Einheit des Lebens, vom Höchsten bis zum Kleinsten, eine Mithilfe des stummen Wesens am Werke des sprechenden durch bloßes Dasein, einen Antrieb, ein Dulden, ein Kämpfen, ein Trösten — eine wunderbar gemeinsame Welt ohne Fremdsein, ja, ohne Fremdsein ... Unwillkürlich hoffte Arbuthnot, hier im Freien, an diesem schönen Tag, Händel am ehesten zu begegnen. Doch er konnte ihn nicht außer Hauses treffen. Händel hatte zwei Stunden vor dem Besuch des Freundes schon anderen bekommen heute. Es waren zwei Herren, Gefchäfts- leute, die er persönlich noch nicht gekannt hatte, und mit denen er jetzt schon in lebhaftem Gespräch beisammensaß. Sein Kopf war rot geschwollen, ärgerliche Worte entschlüpften ihm, er warf mit Gegenständen herum und lief ^mitunter im Zimmer aus und ab — Händel war in höchst erregter Stimmung! Aber es handelte sich um eine Aufregung ohne erhabenen Grund. Ein Plan war ihm vorgetragen worden von den beiden Männern. Fast drei Jahre lang hatte sich jetzt Händel unt solche Dinge der Welt nicht gekümmert. Auch das Unternehmen, von dem die zwei Männer derart ein- dringlich redeten, hätte ihn nicht so aus der Fassung bringen müssen. Allerdings konnte die Sache eine alte Leidenschaft in ihm ro ckeu — aber war es noch die Leidenschaft des Händel von Cannon, des Anthem- Komponisten? Gingen ihn diese Pläne etwas an? Wovon sprachen die beiden Städter? „London soll eine neue Oper bekommen. Die Mittel dafür sind vor« Händen. Und ebenso eine erlauchte Schirmherrschaft." „Von wem geht die Idee aus?" „Von unserem allerbesten Adel, voran dem Herzog von New Castle." „Das sind also die erlauchten Schirmherren?" „Das und mit ihnen Seine Majestät der König..." „Es sieht sehr schön aus! Aber der König und die Lords schenken meistens einem Theater nur solange ihre Gunst, als es ihm gut geht! In einer Staatsloge Gäste aus hohem Blut zu haben, die nichts zahlen, das hält kein Unternehmen über Wasser, welches Geld braucht, immer wieder Geld!" „Sie dürfen, Herr Händel, bei der neuen Oper nicht die geringen Mittel des Hapmarkettheaters vorausfetzen. Dort war der König auch wirklich nur Gast. Italiener machten ihr Geschäft in fremdem Lande und verstanden es eben nicht gut genug. Warum sollte das den König berühren? Diesmal aber werden die besten Geschäftsleute Londons ihr Geld in den Dienst der Kunst stellen —" „Als Mäzene?" „Nein, als Aktionäre..." „Die edlen Kunstfreunde!" „Es wird kein Künstler zu kurz kommen bei der Sache. Bor allem Sie, Herr Händel, müssen Freude empfinden bei dem Gedanken, daß ein neues Opernhaus Ihnen Gelegenheit geben könnte, sich als Komponist weiter zu entfalten ..." „Ich?" „Ja, Sie. Man möchte Ihre völlig erstklassige Kraft —" „Gefallen Ihnen meine Arbeiten?" „Wir haben gehört von ihnen, wir kennen sie nicht." „Jetzt erst geben Sie die richtige Karte bei mir ab: Sie sind ehrlichl In wessen Namen kommen Sie, was wünschen Sie von mir?" „Wir find Vertreter der vor zwei Tagen gegründeten Aktiengesellschaft Royal Academy, welche bereits das seit dem Zusammenbruch seiner Direktion leerstehende Hanmarkettheater käuflich erworben hat und derzeit auf das glänzendste neu Herrichten und vergrößern läßt. Unsere Gesellschaft will ein Opernunternehmen ganz großen Stiles in Schwung bringen und sichert sich die ersten Kräfte auf diesem Gebiet. Ein Vertrag abgeschlossen wurde bereits mit Herrn Leidegger, der die technische Leitung des Hauses in Händen haben wird —" „Zähe und griffige Hände!" „Von ihm, aber auch von allen Zeitungen, die eine Eröffnung der neuen Oper schon heute als kommendes Ereignis bezeichnen, ging die Anregung aus. Ihnen den Vorschlag zu überbringen —" „Dabei mitzutun? Ich kann mich zunächst nicht in den Gedanken finden, den paradiesischen Aufenthalt hier auf Cannon abzubrechen!" „Das wäre keines strebenden Künstlers Wort." „Halten Sie mich nur nicht für faul! Ich habe auch hier etwas geleistet und weiß mir jederzeit genug zu tun! Aber eine Operntätigkeit braucht mehr Kräfte, als notwendig wären, täglich einen Heuwagen zu ziehen! Und dann die Sänger —!" „Eden sie, Herr Händel, soll in der neuen Oper eine ganz andere Zügelführung vereinigen als früher im Haymarkettheater! Man weiß, daß Sie bei entsprechenden Vollmachten imstande wären, ein Zusammenspielen richtig in den Dienst der Musik zu stellen, und auch deshalb wird an Ihre Berufung gedacht..." Händel machte immer noch eine saure Miene, obwohl ihn schon die Ruhe verlassen hotte und seine rege Phantasie den ganzen Umlauf einer Oper im Nu sich vor die Augen stellte. Er zähmte seine Luft, gleich ein« zugreisen, mit der Würde des Unabhängigen: „Warum soll ich andere Leute erziehen?" „Aber Herr Händel! Es geht doch eines aus dem anderen! Man macht Ihnen den Vorschlag, künstlerischer Leiter einer Oper zu werden, in welcher der König eine Loge gemietet hat! Sie können den Spielplan bestimmen, die Sänger berufen, Sie können schaffen und Ihre Werke aufgeführt sehen! Es werden Ihnen vom Glück Herrscherrechte geschenkt—" „Die habe ich in meinem Fache auch ohne.Ihre Aktiengesellschaft!" „Ja! Man fühlt bas! Aber wo können Sie hier Rechte ausüben? Als Orgelspieler in der Kirche? Als Kapellmeister der Schloßmusik? Sie dürfen Ihr ländliches Paradies nicht überschätzen, Herr Händel!" „Wenn schon ..." Kaum merkten die zwei Unterhändler, daß Händel schwankend wurde, zog einer von ihnen flugs einen Bogen Papier aus der Tasche, den er entfaltete und dem Komponisten hinhielt. Händel las: Vertrag für ..., die Gehaltsumme, die Vollmachten, die vorgezeichneten Umrisse einer glänzenden Tätigkeit'... Er nahm das Papier unwirsch in die Hand, legte es wieder hin und nahm es nochmals in die Hand. Und jetzt erst begann er richtig zu fluchen und in sich den Kampf des Göttlichen gegen das Weltliche auszukämpfen. Es endete dieser Kamps mit einem Frühstück, an dem die zwei Städter teilnehmen durften. Und zwischen Schinken und hartem Ei sagte Händel bereits seine Mitwirkung an der Akademie für Musik zu. Den Vertrag behielt er bei sich... (Fortsetzung folgt.) Oer Reisebecher. Von Conrad Ferdinand Meyer. Gestern sand Ich, räumend eines langvergehnen Schrankes Fächer, Den vom Vater mir vererbten, meinen ersten Reisebcchcr. Währenddes ich, leise singend, reinigt ihn vom Staub der Jahre, War's, als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare, War's, als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken, War's, als rauschten alle Quelle, draus ich wandernd einst getrunken. Absturz. Ein Bergsteiger-Erlebnis von Heinrich Erler. Für einen Wettbewerb unter den Mitgliedern des Deutschen und Oesterreichischen Alpen-Vereins und des Schweizer Alpen- Clubs haben 450 Bergsteiger ihr stärkstes Erlebnis im Kampf mit den Alpengipfeln aufgezeichnet. Eine Reihe der besten dieser Erzählungen, aus denen der solgende Bericht ausgewählt ist, erscheint als Buch „Im Bann der Berge" im Orell Fühli Verlag, Zürich-Leipzig. Nebel, Wolken, Dunkelheit, ein wohliges Gefühl des Geborgenseins; meine jüngste Schwester ist plötzlich bei mir, sie fragt etwas, — fort Nebel ziehen, es wogt auf und ab. Plötzlich aus unendlicher Ferne ein Ruf. Und wieder ein Ruf. Ich höre meinen Namen, ich erkenne die Stimme des Rufenden. „Erler, leben Sie noch?" Ich öffne die Augen und bin hellwach. Blitzartig erkenne ich das Fürchterliche meiner Lage. Meine Stirn blutet stark. Hut und Eispickel sind fort, ich hänge im Seil in der riesigen Südostwand des Walliser Weihhorns, mit dem Gesicht nach der Wand, dicht unter einem kleinen Vorsprung. Hoch über mir, wohl an 30 Meter, erkenne ich L. In unerträglicher Weise schnürt das Seil mir den Brustkorb zusammen. Alle Kraft nehme ich zusammen und versuche zu antworten; es klingt mehr wie tonloses Lallen als Sprechen: „Ja, ich lebe, ich ersticke aber gleich, kann .eine Luft bekommen. Schneiden Sie mich ab, ich kann das nicht länger aushaltenl" Daraus L.: „Machen Sie keine Dummheiten, es wird schon alles werden!" Ich rufe zurück: „Lassen Sie das Seil etwas nach, ich will es versuchen." Das Seil wird nachgelassen, ich halte mich am Vorsprung fest und bekomme nun endlich Lust. Mit Aufbietung aller Kräfte ziehe ich mich auf den kleinen Vorsprung hinauf, ein Eckchen, das gerade notdürftig Raum zum Sitzen bietet. Endlich sitze ich völlig erschöpft mit dem Rücken gegen die Wand, die Beine hängen hinunter, das linke ist bewegungslos, der Oberfchenkel muh gebrochen fein. Hände und Unterarme find an vielen Stellen verletzt und bluten. Der Brustkorb tut mir bei jeder Bewegung, beim Atmen und Sprechen furchtbar weh. Kein Wunder, ich muß mindestens fünfzig Meter gestürzt fein. Jetzt sehe ich auch, daß ein Stück des zweiten Seiles von meinem Leib In die Tiefe hängt. Also gerifsen. Nach und nach kann ich meine Lage verbessern, den Rucksack abnehmen, die Schneehaube aufsetzen, Billrothmantel umnehmen, Tee trinken, Handschuhe anziehen. Das dauerte aber lange Zeit, jede Handlung war eine Leistung, die meine ganze Kraft und Energie verlangte. Ich fror an den Füßen. Ach, ich war ja ahne Stiefel geklettert. Wie spät? Sieben Uhr abend. — Ich war schließlich imstande, das gerissene Seil obzuknoten und an einen heruntergelassenen Bindfaden anzuknüpfen, so baß die Gefährten wieder in den Besitz eines allerdings nicht vollwertigen Seiles kamen. Es begann zu dämmern, ich lag schon lange im Schatten, die Berge wurden grau. Allmählich, in dem Maße, wie sich der Körper beruhigte, kam auch der Geist zu seinem Recht. Ich überdachte meine Lage, meine Gedanken gingen in die Heimat, zu den Eltern, zum Regiment. Was würden sie sagen, welche Angst ausstehen? Würde ich Soldat bleiben können? Dies alles überdachte ich aber rein verstandesmäßig, ohne inneren Anteil, völlig teilnahmslos. Die Nacht brock, herein. Ich hörte noch L. rufen und Notsignale geben, dann schlief ich ein, todmüde wie ich war ... Was meine Gefährten bei dem herrlichen Wetter bewog, oben zu bleiben und nicht um Hilfe abzusteigen, kannte ich damals nicht beurteilen. L. gab dauernd Signale, die auch, wie er mir zurief, beantwortet wurden. Er kam auch im Laufe des Vormittags herunter, packte mir die Füße in Zeitungspapier, legte mich in einem Riß, der sich oberhalb des Zackens in die Wand zog, zurecht und brachte mir Wasser. Die dritte eisige Nacht brach herein. In der Morgendämmerung wachte ich auf, wohl infolge der starken Kälte. Da hatte ich die Wahnvorstellung, als ob mein ganzer Zustand unwirklich sei, als ob ich alles nur träume. So kam mir der tolle Gedanke, allein den Abstieg zu versuchen. Hinunter, nur hinunter! Ich durchschnitt das Seil und kroch ein Stückchen vor. Aber schnell erkannte ich, zur Wirklichkeit erwachend, das Unmögliche und den Wahnwitz meines Beginnens, die grausame Wirklichkeit meiner Lage und schob mich, in mein Schicksal ergeben, in meine Felsspalte zurück. Infolge des starken Blutverlustes und wohl auch des Nervenschocks habe ich die Tage meist in einem halben Dämmerzustand zugebracht. Nachts schlief ich trotz der Kälte viel. Quälend empfand ich nur immer den Durst, den meine Freunde durch Sammeln des Schmelzwassers nach Kräften zu stillen versuchten. Außerdem lutschte ich die Eisnadeln, die sich regelmäßig im Laufe der Nacht an meinem Lagerplatz bildeten. Die Freunde gaben sich alle Mühe, meinen Mut ausrecht zu halten. Das Gefühl einer Lebensgefahr habe ich in der ganzen Zeit nie gehabt, überhaupt nicht an den Tod gedacht Ich hegte das feste Vertrauen, dah meine Gefährten alles nur Menschenmögliche zu meiner Rettung versuchen würden. Aber zuweilen muß ich wohl doch die Nerven verloren haben. Die Sonne des dritten Tages, des 10. August, erweckte die erstarrten Glieder zu neuem Leben. Plötzlich tönte es von oben: „Halten Sie noch ein bißchen aus, es kommt Hilfe I" Wie Himmelsmusik klang diese Botschaft in meinen Ohren. Ich e zurück, wann die Leute da sein könnten; bas würde noch Stunden n, war die Antwort. Und es dauerte noch lange. Es wurde fast Mittag, bis die Rettungskolonne, vom Ostgrat über den Gipfel kommend und aus zehn Führern bestehend, bei den Gefährten anlangte. Inzwischen hatte ich in der heiß scheinenden Sonne mehrere Stünden wundervoll geschlafen und wachte erst aus, als die Rettung da war. 2111 das, was nun folgte, an den Transport über den ganzen schweren Schalligrat bis auf den Gletscher, denke ich mit Schrecken und mit Grausen zurück. Jegliche Erinnerung aber fehlt mir daran, wie ich von meinem Lagerplatz zum Biwakplatz der Freunde hinaufgebracht wurde, Nachdem ich etwas erquickt war — ich hatte die ganze Zeit über nichts gegessen, übrigens auch nie ein Hungergefühl gehabt — wurde ich transportfähig hergerichtet. Durch zwei Pickelstiele wurde das linke Bein unter kundiger Leitung geschient, bann beibe Beine zusammengeschnürt. Mehrere Seile um bie Brust vervollstänbigten meine Ausrüstung. So konnte bie Heimreise beginnen, biesmal auf dem „richtigen" Wege. Z. und L. konnten mir nun nicht mehr helfen. In Begleitung von zwei Führern eilten sie über ben Schalligrat hinab, um im Tal bie nötigen Vorbereitungen für mich zu treffen. Dann begann mein Leibensweg. All bie Zacken unb Türme, die wir beim Ausstieg gemieden, mußte ich in diesem Zustand im Abstieg nehmen. Wie ein Bündel wurde ich hier hinausgehiht, dort hinuntergelassen, wobei ich nach Möglichkeit mit ben erfrorenen Händen nachhalf. Am meisten hatte ich dabei durch Atemnot und Rippenschmerzen zu leiden. Die Führer taten ihr Möglichstes, aber bas Ganze war boch eine Dual, zumal bas Wetter unbeständig wurde und zeitweise ein eisiger, mit Schnee untermengter Sturm über ben Grat fegte. Die Sonne ging schon zur Neige, als mir enblich auf bem Gletscher anlangten. Hier steckte man mich in zwei Säcke, bie bis über bie Brust reichten, unb nun würbe ich gewissermassen als Schlitten weiter be° förbert, bis wir enblich ben Hüttenweg erreichten. Nun hatte mein Leiben sein Enbe erreicht. Oie Welt der Schmetterlinge Von Jürgen Sch ä f e r. lieber bie Schmetterlinge, die, in vielen zauberhaften Farben schimmernd, einen verwilderten Bauplatz in unserer Straße bevölkerten, habe ich einmal bittere Tränen vergossen. jju;er herrrmofe ^-oenpeck, auf dem kein Gärtner waltete und den nur ein baufälliger Zaun ein- faßte, fo daß man leicht in die kleine Wildnis einbringen konnte, war nach altem ungeschriebenem Recht bas geh-ime Königreich bcr Knaben unserer Straße; hier führten wir bas Zepter in Krieg unb Frieden. Jeder Baum und Strauch wußte von erträumten Abenteuern, jede Steinburg von einem Kampf gegen bie Knaben der Nachbarstraße zu berichten, unb alles, was sich auf biesem Bauplatz befand, das war uns verfallen, und niemand hatte ein Recht daran. So waren auch die kleinen Eidechsen unser Eigentum, die sich auf den Steinen im Mittagslicht sonnten, und die Käser und Bienen waren unsere Untertanen, über deren Schicksale wir patriarchalisch schalteten. Warum sollten dann nicht auch die Schmetterlinge uns gehören? Warum sollten wir die weißen, gelben, braunen und blauen Falter mit den sanften hauchdünnen Flügeln' nicht einfangen dürfen, um in ihre schwarzsamtenen Augen zu blicken und die Leiber aufgespießt als Beute Heimzutragen in die Sammlung von Tausend Dingen, die uns wert erschienen? Aber dazu brauchte man ein Netz, ein Gazenetz, bas, an einem Drahtring befestigt, hoch oben an einem Stecken luftig im Winde flatterte. Warum hatte man mir zum Geburtstag alle Wünsche erfüllt und nur diesen unbeachtet gelassen, der sich auf ein solches Schmetterlingsnetz bezog? Ich fragte mit keinem Wort darnach, aber als ich über bie Gaben hinsah, die ich sicherlich nicht verdient hatte und die mich jede für sich wohl erfreuen sollte, da rannen ganz still, und ohne daß ich mich dagegen wehren konnte, Tränen über meine Wangen. So groß war die Enttäuschung darüber, daß mir nun die Herrschaft über bas Volk ber Schmetterlinge nie zufallen würde. Hatten jene, bie mich beschenkten, ben Zwiespalt meiner Gefühle erkannt ober hatten meine Tränen ihnen verraten, was in mir oorging? Ich weih es nicht, aber noch am selben Tag vernahm ich nicht von ungefähr eine seltsame Geschichte. Es war eine kleine Naturgeschichte, bie vor ben Ohren ber Zoologen sicherlich nicht hätte bestehen können. Vom Leben ber Schmetterlinge hanbelte sie, von jenen wenigen Wochen, in denen die winzigen Körperchen mit den großen Flügeln von Blüte zu Blüte gaukeln, um bann bahinzusterben, ein Opfer ber Vögel und ber Nachtfröste ober taufenb anderer Gefahren, die siegreich zu bestehen nur wenigen ber Falter vergönnt ist. Auch jene seltsamen Schicksale wurden aufgezählt, die vierfache Verwandlung vorn Ei zur Raupe und Puppe, bis schließlich bunte zarte Flügel sich in der absterbenden Hülle entfalten und zum ersten Mal ins Sonnenlicht tauchen. Die Schöpfungsgeschichte erfuhr ich in dieser Stunde, die ich mit Tränen erkauft hatte. Nun begehrte ich nicht mehr, diese kleinen Lichtvögel zu fangen und zu töten, sondern ich folgte ihrem Tanz in den Lüften in kindlicher Scheu, daß sich vor meinen Äugen eines der Wunder erfülle, von dem das Leben, in bem ich selbst als ein Wachsender und Werdender mitten drin stand, überreich erfüllt war. Die Namen ber Falter, bie ich bald kennenlernte, vermehrten mit ihrem sonderbaren vergleichenden Sinn noch meine Ehrfurcht; nur Kohlweißlinge unb Zitronenfalter hatte ich früher unterschieben, unb nun wußte ich, wer bas „Blaue Orbensband" und wer der „Admiral", wer der „Trauermantel" und wer das „lagpfaucnaugc" war. „Kleiner Fuchs" und „Brauner Bär" ließen sich mit einiger Geduld nach bem Schmetterlingsbuch feststellen, unb „Schwalbenschwanz" unb „Apollo" waren ehrerbietig begrüßte seltene Gäste 'n der kleinen ©artenroilbnis. Nichts hätte mich nunmehr noch bewegen können, bicfe ©innbilber vielfacher Auferstehung einzusangen und zu täten. Der hohe Lehrwert sorgsam geführter Schmetterlings-Sammlungen ist mir wohl bekannt unb ich habe keineswegs bie Absicht, jene zu Drrantwortltch: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Univerlitäts-Buch« und Steindluckerei, R. Lange, ®iefi«R. lichen Meinung trat. In welchem Maß ihr daneben die Gymnasialbildung nachhing, will ich an einem Beispiel zeigen. Im Verlaus meiner Bemühungen, ihr dies und jenes davon beizubringen, was ein Verleger wissen muß, sagte ich einmal zu ihr: „Hier, Fräulein Lehmann, haben wir eine Umschlagzeichnung von Olas Gulbransson, die ist — messen wir schnell mal nach — 21 Zentimenter breit und 33,7 Zentimeter hoch. In der Reproduktion muh sie aus 12 Zentimeter Breite verkleinert werden. Rechnen Sie aus, wie hoch sie dann wohl wird!" — „Sofort!", entgegnete sie zuversichtlich, ließ sich an der andern Seite meines Doppelschreibtisches nieder, nahm Bleistift und Papier und ging ans Werk, doch schweiften ihre Augen dabei häufig sinnend in die Weite. Ich merkte bald, die Sache brauchte ihre Zeit, und tat inzwischen etwas anderes. Rach einer halben Stunde fragte Fräulein Lehmann zapplig: „Herr Holm, kann ich damit nicht ins Sekretariat hinauf? Da bin ich jetzt ganz ungestört." — „Bitte!" lächelte ich mild. „Aber ist das so schwer? Sie kommen doch frisch vom Gymnasium? Gleichung mit einer Unbekannten; nicht?" — „Natürlich: x", gab sie recht rätselhaft zurück, „nichts einfacher als das! Nur wenn ich Ihnen so gegenübersitze — das macht mich verwirrt." — „Sehr schmeichelhaft!" warf ich tiefernst dazwischen. — „In zwei Minuten bin ich wieder da", erklärte sie und huschte slint hinaus. Ich wurde von der Arbeit ein- aeschluckt und vergaß darüber diese Sache ganz. Gut eine Stunde später klopfte es an meine Tür, Fräulein Lehmann trat ein und fragte sachlich und leichthin: „Entschuldigen Sie, Herr Holm haben Sie nicht eine Logarithmentafel da.?" — „Ach?" staunte ich erheitert. Leider nicht, be- daure sehr! Geht es denn gar nicht ohne das?" — „Doch, selbstverstand- lichl Aber mit Logarithmen rechnet sich das leichter , behauptete dies arme Opfer seines Wissens — wenn ich dies harte Wort gebrauchen darf. Auf die Art machte sich Fraulein Lehmann auch noch andre Dinge schwierig, mit denen sich ihr übrigens sehr geweckter Kops beschaftlgte- Vielleickt aber ist es nur Neid von mir, wenn ich darüber lächle Neid aus ihren dem meinen überlegenen Sinn i.ur Wissenschaft Gar mancher, der als Gelehrter etwas gilt, walzt ja gleich ihr schweißtriefend Log garithmentafeln bei Aufgaben, die so ein kümmerlicher La,e ahnungslos mit Kopfrechnen bewältigt. Fraglos zu beneiden war d-e iunge Dame um die schöne Sicherheit, mit der sie prächtig aufgebauschte Reden fuhren konnte zur Klärung von Problemen, die ich überhaupt nicht sah Es wird an meinem langsameren Begriffsvermögen Siegen haben daß ich im Zuhören des öfteren kopfschüttelnd bei mir dachte: --Warum artesische Brunnen von fünfhundert Meter Tiefe bohren wo dicht daneben doch der schönste Quell von selber aus dem Boden springt! Im gleichen Jahre 1920 nun rief mich eines Tages Ludwig Thoma von seinem Tegernseer Landhaus aus der lüften telephonisch an. „S)o m, qrüß dich Gott! Hier Thoma. Geh, du tonntest mir nen Gefallen tun. Ich hab nämlich ein neues Lustspiel auf der Pfannen. Du, das w'rb was - du wirft schaun! Paß auf: und da brm brauchet ich em gan3 ein pfundsmodernes Mädel, und ich kenn doch keine von der Sorten, Gottseidank! Es geht mir um die g’fchupften Spruch, die wo so eine m* und überhaupt die ganze sogenannte Geisteshaltung — du verstehst mich schon. Da wollt ich fragen: weih mir du kein Buch von fo ner überspannten Tintenurschel, wo ich nachlesen kann, mit was für ®odm ft sich das damische Geschlecht von heutzutag beschäftigt, und roaso die be- sonderen Phrasen sind, die solch ein neues Weib — ba6 d) net lad), auf seiner Walzen hat, Geh, überleg bir s, Holm!Fallt bir gar nix I ein? Da wär ich bir schon bantbar, Alter; gel?! Ich dachte nach und kam auf nichts was auch kein Wunber well mem Verlegerberuf es ja zwangsläufig mit sich bringt, baß 'ch nicht viel gebrückte Bucher lese, besonbers aber keine, bie mir nichts zu sagen haben; benn darin' mein Bebars burch Prüfung von Manuskripten für ben Verlag schon feit Jahrzehnten voll gebeckt. Was sollte ich Freunb Thoma also raten? — Plötzlich kam mir bie Erleuchtung. „Du, Thoma", rief ich m ben Trichter, „so 'nen Schmöker, ber dir Helsen konnte, weiß ich auch nicht auf ben Stürz Aber berartiges ftubiert sich doch viel besser am lebenden Modell. Ich hab seit ungefähr zwei Monaten hier eine junge ™ Verlag. Du, die ist wie gemacht dafür. Wenn du die andrehst, rebet fu fort, bis es bir langt für zwanzig Lustspiele." — „Das rourb mir doch 3U viel", knurrte Thoma sehr mißtrauisch, „am laufenben B-mb Lustspiele schmieren — ging mir ab!" — „Du suchst bir halt bie Perlen aus dem Gruscht", redete ich ihm weiter zu, „ich schick fte bir hinaus für eine Woche. Entbehren kann ich sie solange leicht." — Em Zaubern klang m (einer Stimme mit, aber er sagte bann: „Nein, schau, pah auf: em Bud), wenn mir zu fad wird, klapp ich's zu unb schmeiß es an die Wand, aber bei so einem Mädel ..." —.....ba weißt bu, was sich schickt? ergänzte ich. — „Daß bu bich sei net täuschst!" klangs männlich rauh zu- I rück „Bcll's mir zu bumm wirb, fliegt sie glatt beim Tempel naus! — „Dann soll sie also kommen?" fragte ich unb lächelte. — „Hau, laß bir Zeit! So haben wir noch nicht gewettet", wibersprach er fchnell. „Da muh I ich erst schon mehr noch von ihr wissen. Ist sie am Enb gar aus Berlin? — „A wo, beinah so sllbbeutsch wie bu selbst", beruhigte ich ihn und gab bie näheren Personalien an. — „Unb ... unb wie heißt bie Pflanze? wollte er noch wissen. — „Grit Merete Lehmanm — „Was? Wie? Ja, qibt’s bös an? Wie war bas? Grit Merete? Du, ba glaub ich selbst, daß dös die Wahre ist." — „Glaub ich schon lange! Soll ich fte nun schicken? Sie tut's sicher gern. Sie hat nichts gegen Arbeitspausen kann nicht genug berühmte Männer kennenlernen und schätzt die Abwechslung. — ,No ja, von mir aus!" brummte er in einem Ton, als ob es nur aus Gefälligkeit für mich geschähe, fügte bann aber .lebhafter „Und wenn schon, bann ... Sönnt’s net gleich heut fern? Drei Uhr achtzehn qtng’ ein Zug ..." „Schön! Bleib am Apparat! Ich sprech mit ihr , rief ich unb lieh mir Fräulein Lehmann kommen. Da mir bekannt war, bah sie an Befangenheit nicht litt, sagte ich ihr runb heraus was Thoma von ihr wollte. Unb sie hatte Humor genug, uns beiben biefen Anschlag auch nicht zu verübeln. Sie freute sich sogar wie ein Spitzbub barauf, bem Bayernbichter ben Trakehner ihrer jungen Weisheit in allen Gangarten der Hohen Schule vorzureiten. Sie bat nur, sofort gehen zu dursen, um sich innerlich durch stille Sammlung, äußerlich durch Dauerwellen sur den großen Zweck zu rüsten. So fuhr sie am gleichen Nachmittag mit achttägigem Urlaub vom Verlag nach Tegernsee. Grit Merete Lehmann kehrte sehr befriedigt von dem Aufenthalt zurück. Auch Ludwig Thoma äußerte sich zu mir im gleichen Sinn Aus mein Angebot, sie ihm bei Bedarf noch einmal hinzuschicken, sagte er aber: „Nein, ich dank dir schön, mir hat's gelangt", unb fugte, beraum bernb halb unb halb erschöpft, hinzu: „Na, so was von Umbrehungszahl! Wenn ich bas hinkrieg, wirb es gut!" Was aber Thoma nun in Wahrheit babel profitierte, weiß ich "ich unb wirb bie Welt auch nicht erfahren. Denn sein geplantes Lustspie würbe nie geschrieben, weil ihm nicht lange Zeit barauf ber Tod z früh für unser deutsches Schrifttum und besonders für sein Bayernland die Feder aus der Hand nahm. c „rfin Mir aber kam schon gleich nach jenem Telephongesprach blitzartig der Gedanke, dah in dieser Geschichte von dem jungen Mädchen als Studiengegenstand für einen Schriftsteller die Keimzelle zu einem neuen Lustspiel sah. Zu einem solchen hat sich dieser Keim dann auch im Sauf der Jahre bei mir ausgewachsen. Aber das steht auf einem andern Blatt und geht uns hier nichts an. fabeln bie ob klein ober groß, im Forfcherbrang auch ins Äolk ber Schmetterlinge einbringen: Naturerkenntnis ist immer mit Beraunbe- kunq "er Schöpfung verbunben. Mir aber warb nun einmal bas Schmetterlingsnetz versagt, unb ich kann nicht aus eigener Erfahrung vom SammAn'imd Präparieren der Falter berichten, nur vom Horen- iaaen Da soll au> einem Landsitz jenseits des Kanals ein Schmetterlings- saminler wohnen.' der mehr als eine Million Schmetterlinge beherbergt, Seltenheiten befinden sid) darunter, die ich in meiner kleinen Garte"' I Wildnis nie hätte entdecken können und die lebend zu sehen, m>r sicherlich auch in Zukunft versagt ist. Als kleiner Junge soll dieser Schmetter- lingsfreund eine kleine Sammlung zusammengebracht haben, die ihm bald wieder aus dem Sinn tarn. Viele Jahre lang agen b e Saite bie er einst nach allen Regeln ber Sammelkunst anfullte, verstaubt und unbeachtet in einem Winkel des Dachbodens. Da aber führte ihn em •aufall wieder zu jenen Kästen aus der Jugendzeit, unb es padte tf) wiederum die Leidenschaft des Sammlers. Jetzt aber war es der erfahrene Mann, der nach Vervollständigung feiner Schatze strebte und fern aanus Vermögen dafür hingab. Er. schickte erfahrene Naturforscher aus Nedllione^ nach allen Teilen der Erde, nach Norbperu und Holland, ch- Neuguinea, nach dem Kongo unb nach ©innatra, um sich g . I plare jener srerndlänbischen Arten herbeischasfen zu lassen, bie m, ben Büchern ber Zoologen prangen. Dazu kaufte er anbere Sammlungen I auf unb hatte halb unermeßliche Schätze ber kleinen Lichtvogel m einer Obhut. Trug nicht jeber biejer Schmetterlinge bas Geheimnis fernes Werbens ins Haus unb ein Schicksal, bas oft abenteuerlicher war a eine Reifeqefchichte. Manche Schmetterlinge würben an Borb eines Schiffes gefangen, mehr als fjunbcrttaufenb Meter vom festen ßanb enthalt Sie roaren auf bie Wasserfläche hinausgeflogen unb dann von starker Luftströmung auf ben Ozean getrieben roorben, um schließlich erschöpft an Borb eines Schiffes niederzugehen. Andere Falter fand man tot auf den Schneefeibern ber Hochalpen, wohin sie burch warme auf- fteigenbe Luftströmungen emporgetmrbelt roorben waren. Der kleinste Schmetterling ber Sammlung, der aus Indien stammt, soll mit aus gebreiteten Schwingen nur einen Zentimeter messen, „wahrend das größte Exemplar mit Namen „Onthoptera Alexandrae eine Flugeibreite von fünfundzwanzig Zentimeter hat. Em befonders seltener und überaus schöner Schmetterling namens „Papilla der ßtftige foll überhaupt nicht einzuscmgen gewesen sein. Um den Sammler nicht zu enttäuschen, fuhren seine Beauftragten in einem Kanu auf dem Kongo so nahe an den Schmetterling heran, baß sie eine ungefähre Se'djmmg von ihm anfertigen konnten, bie ber Sammlung als schwacher Ersatz eingefüqt wurde. Von einem Schmetterling, der nad) ferner Heimat an der Küste von Guinea den Namen „Sierra-Leone fuhrt, wirb erzählt, daß er vierzigtausend Mark gekostet habe. 2m Jahre 1755 wurde das erste Exemplar gefangen, dann aber hatte man hundert Jahre vergeblich nach bem Schmetterling gespäht, bis im Jahre 1855 ein Sammler einen Reisenben nach Guinea fanbte, bem er für ben Fang bes Falters einen hohen Preis bot. Aber alles Suchen war vergebens, unb als ber Schmetterlingsjäger sich schon roieber zur Heimfahrt rüstete, ba trat ihm auf bem Weg zum Schiff ein Eingeborener entgegen unb jetgte tlim einen Falter, ben er soeben gefunben habe; es war jener, um bessent- roitten eine Expebition wochenlang im Innern von Guinea umher- geftreift war. Ludwig Thoma sucht eine Lustspielfigur. Eine Erinnerung von K o r f i z Holm. Es mag wohl 1920 gewesen fein, im Knofpenzettalter ber großen Inflation, bie späterhin so fabelhaft zur Blüte kam, ba stellte ich beim Verlag Albert ßangen eine Volontärin ein, bie ich als Hilfskraft für mich selbst ausbilben wollte. Es war ein ganz mobernes Mäbel nut Doppelvornamen, dem Reifezeugnis eines humanistischen Gymnasiums, überlegener Weltbetrachtung, unb was sonst noch bazu gehört. Ich will sie Grit Merete ßehmann nennen, ohne Rücksicht barauf, wie sie wirklich hieß. Sie hatte ungeheuer viel gelesen, was in meinen Augen noch nicht unbebingt ein Vorzug ist. Das sollte ich wohl nicht so offen sagen als ein Mann, ber selber Bücher schreibt unb Bücher anderer zu Hunderten verlegt, aber ich tu es doch — es wirkt so angenehm uninteressiert. Von Anfang an schon lebte in mir der Verdacht, daß auch mein Fräulein ßehmann schriebe, und er hat mich nicht getäuscht, aber sie faßte sich nicht gleich das Herz, mir das zu beichten. Die erste Frucht ihrer ßcftüre, die ich kosten durfte, war ihre Fähigkeit, wahrhafte Feuilletons über das Neueste zu reden, bas jeweils in ben Brennpunkt ber offent-