Nummer 23 Freitag, den 22. März Zahrgang 1935 unter dem der Meer- °in «** He 5rei £ M-r ?»«•; fiutfo»" e noch1 D»lich-° Die Hochzeitskuh Roman einer jungen Liebe von Josef Magnus Wehner Copyright 1 928 by Georg Müller Verlag A.-G., München '.phry. d» im . Revo- auch >°i den ch bar, 'l'ch, ja wurde it, aber - grober u beob< wird er ieb von trug. gleiten hundert lieb der i einem t: „üluf b über» raunem uch von " Auch i ®läu- rlgejetzt. ig durch - in das auf, es Igte der 7. 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Unb wenn bie Erbe von bem zerkrachenben Eisen wankte, bann fühlte er es als leises Schaukeln. Die Sanze West ° ch 3ie Erinnerung würbe ihm unbeutlich unb floh in einem lustoollen Schauer zusammen. Auch' bie Briefe, bie er P“o ab genommen unb über fein Herz gesteckt hatte, lagen bort rote em süßes Geheimnis, er wollte sie jetz^t nicht öffnen Die Seligkeit bes Sterbens kam ohne ^S^ve"rbr!Üste^bie Welt über ihm. Nicht weit von ihm schrie ein ©olbat im Tobeskampse. Eine Granate hatte ihm Leid auf gerissen. I ZS mar ein junger Bursche, unb bas Sterben fiel ihm schwer. Bertow Porte ihn Haien9 er müsse jetzt schon fort unb h^e das Leben noch nicht genossen. Mitten in feine Todesschreie aber brach der Jubel ber Lerchen bie sich von keinem Grauen beirren ließen. W.e oft hatte sich Bertold chon an ihnen gefreut. Sie unb ber Sternenhimmel gaben ihm bie Gewähr, baß Gott noch lebenbig sei. Die einschlagenben Geschosse schmetterten bie Wanbe lemer Hohle z - I lammen. Langsam stieg er so roieber auf bie Oberwelt Er sah die feil ' iamften Rauchgestalten aus ben zersprungenen Granaten steigen, Teu I ielsbilber, häßlich unb unheimlich. Sie umrauschten ihn, aber sem H z ■ war voll Frieben. Dieser Friebe würbe auch nicht zerstört ourw oas | I chamvolle Bewußtsein, baß die Schlacht im ganzen ver oren baß jetzt Deutschlands Niebergang beginne. So gewiß b.e Lerchen } jubelten unb Orion am Firmament heraufstieg, so gewiß würbe Deu sch 'an2)ileeb5ran3ofen schossen Giftgase. Bertold roch es legte-aber bie Gasmaske nicht an, er wußte, baß es ihm nicht schaben ko ^Douaumont, ber einsame Sarg über ben Hügeln M im Höllen- Pcuer. Als bie Dämmerung herabschlich, richtete sich Bertold auf, um roar, wurde ihm zentnerschwer, und er konnte es nicht hm er sich ziehen. Als er es mehrmals versucht hatte, gab er die Hoffnung auf. Er dachte, daß er hier wohl sterben müsse. Aber er wollte nicht auf offener Erde liegen und da grauenvoll verwesen. Er griff nach seinem Spaten, grub rechts unb links eine Rinne unb bebetfte sich mit Erbe bis an ben Hals. Mit Gott hatte er langst abgeschlossen: sollte er sterben, bann wollte Gott nichts weiter mehr von ihm, sollte er aber gerettet werben, bann würbe das ein Zeichen fein, baß er noch viel von ihm erwarte. Unb so lag er. Keine Seele war um ihn. Die Kräfte verließen ihn. Er hatte feit Wochen fast nichts genossen als Schokolabe, Brot unb Rum. Ehe ihm bie Sinne schwanben, tauchte bie Heimat, Otto, Erich unb Birge noch einmal aus schmerzlicher Versunkenheit vor ihm auf. Dann warb es still. Er sah ein großes, blaues Meer und horte die Wellen Himmel rauschen. Und ein blendend weißer Vogel stieg von stäche gegen bie Sonne. Bertow entschlief. Als er roieber aufwachte, war es Tag. Neben ihm kauerten Kameraben im Sturmgepäck, junge, unbekannte Gesichter aus ben Kälbern ber Heimat. Sie spähten in die Ferne auf das Kampfspiel, bie Artillerien rollten unb plötzlich brachen sie los. Ihr Geheul verklang in ben Lüften. , So ging es roieber an ben Abenb. Die Wunbe fing an zu riechen. (Befangene Franzosen schwärmten burch bas lobernbe Dunkel unb suchten möglichst schnell aus bem Feuerbereich herauszukommen. fBerrounbete auf Bahren standen um Bertold herum, darunter ein junger Gymnasiallehrer, der im Delirium französisch sprach. , Was wollt ihr von mir?" dachte Bertold. Da geschah wieder ein furchtbarer Donnerschlag. Vier junge Franzosen sprangen zitternd in Bertolds Krater und suchten Deckung vor dem Feuer Sie schienen ihn nicht zu bemerken, schluckten hastig Wein und Milch und zündeten sich mit tanzenden Fingern eine Zigarette an. Sie sprachen sehr aufgeregt, Bertold hörte, daß sie Studenten waren. Da gab er sich zu erkennen. Er wünschte ihnen guten Abend. Die Studenten, die in ihm einen Toten vermutet hatten, fuhren entsetzt zusammen, aber Bertold überzeugte sie bald, daß er lebendig sei. Da sprangen sie hoch, begeistert» Einer hob die Hand und schwur, sie würden'Bertold nie verlassen unb ihn zurücktragen, unb wenn es ihr föiefjenerSamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Zweifel mehr: man hatte ihn aufgegeben. Er sah den Erdüberhang, der sich wie ein Dach über ihnen wölbte. Wenn sie alle tot wären, würde man das Dach durchstechen, dann wären sie im Nu begraben. Da wachte Bertold auf. Jetzt wollte er nicht mehr sterben. Er rief Sanitäter herbei, sprach laut und vernünftig mit ihnen, machte Scherze, gab ihnen sein letztes Geld und erreichte, daß sie ihn nach langem Widerstreben auf die Bahre luden und zurücktrugen. An einem Waldrand, der außerhalb des Feuerbereichs lag, erhielt er in der Nacht den ersten Verband. Dann rollte er mit einer Heerschar Verwundeter auf den Geleifen einer Feldbahn ins Tal hinunter. Zwei Leute in sauberen, weißen Kitteln trugen ihn in eine Kirche, an deren Wänden und Säulen Bellen mit Verwundeten standen. Sie trugen ihn vor den Altar; dort, im weihen Licht der großen Fenster, stand der Operationstisch. Der Arzt im gelben Ornat kam aus der Sakristei, von seinen Assistenten gefolgt, von denen einer die Aether- maske schwang. Als Bertold den Aether roch, der ihm das Bewußtsein nehmen sollte, da jauchzte er inwendig, er fuhr gern hinunter und sprach dem Arzt in der Narkose seine Glückwünsche aus. Als er lange danach in feinem Kirchenbett aufwachte, beugten sich zwei dunkle Gestalten über ihn, ein sehr dicker Mönch und ein schmaler Gelehrter. Der Dicke war ein früherer Heidenmissionar, der bei Kriegsausbruch in die Heimat geeilt war, der Schmale ein Studienfreund von ihm. Das Spiel des Schicksals hatte es so gefügt, daß beide, die aus Bertolds Heimat waren, ihn hier fanden und zuerst begrüßten. Der Mönch gab ihm aus einem großen Feldkeffel zu trinken. Dann entschlief Bertold wieder. Als er aufwachte, lagen Auszeichnungen auf feinem Bett. Auch der Bataillonsführer schrieb ihm und dankte ihm. Man hatte ihn tot geglaubt. Als er zum ersten Male feine Wunde sah, schauderte ihn; sie war so groß, daß er die Hand durch sein Bein stecken konnte. Aber er hatte nie Fieber, das war das gute Blut seiner Mutter. Viele starben um ihn herum und wurden nachts hinausgetragen. Irre redeten, fangen und lallten in einem fort. Nach einigen Tagen kam Bertold in ein größeres Lazarett und von da in einigen Wochen in die Heimat, nach Deutschland. Erst dort verließ ihn die gewaltsame Spannung, die ihn am Leben erhalten hatte. Er brach zusammen, innerlich, völlig. Es wurde Herbst, bis er genas. Als er zum erstenmal hinausgefahren wurde, war das Laub goldbraun. Sein Kopf war noch wirr, er sah überall Otto stehen, allein, zur Wanderung gerüstet. Er sprach mit ihm im Schatten der Bäume und brachte ihm heimliche Opfer dar. Die Briefe Birges, die er im französischen Lazarett noch gehabt hatte, waren mitsamt dem Rock auf dem Wege nach Deutschland abhanden gekommen, er war nackt in die Heimat eingezogen, auch das Hemd gehörte dem König. Mit Erich stand er im Briefwechsel. Otto trat immer mehr in eine tiefe Stille zurück. Nachts stand sein Bild noch manchmal an Bertolds Bett, er stellte ihm immer ein Glas Wein hin, tagsüber kam er nur noch selten. Bertold erschrak manchmal vor dem Gesicht eines Kameraden, das dem toten Freunde in irgendeinem Zuge glich. Heftiger und heißer, je mehr er gesundete, kreisten seine Gedanken um Birge. Er schrieb viele Briefe, konnte aber nicht erfahren, wo sie sich aufhalte. Er hörte nur, auch Hans, den man aus dem Untersuchungsgefängnis entließ, sei gefallen. Hott aber liefere Vieh an das Heer und gelte als reicher Mann in feiner Heimat. . Es kam ein Tag, da konnte er auf den Krücken gehen. Ein Jahr dauerte es noch, bis er auch die Stöcke, die die Krücken ablösten, fortwerfen konnte. Und plötzlich war es Winter geworden. Als der Föhn im Frühlingston wieder um die Häuser sang, brach er zum zweitenmal auf, um Birge zu suchen. Man hatte ihm Urlaub gegeben, damit er seine Studien vollende. Dreizehntes Kapitel. Liebe. Es waren harte Jahre, die Birge durchmachen mußte. Was half es, daß sie sich Tag für Tag in die Mühsal der Arbeit stürzte, so daß die gute Tante ihr oft wehrte und sie zur Ruhe auf eine Bank ober in der Stube an ihre Seite niederzog? Ihre Gedanken waren in der Ferne bei den großen Heeren. Sie lebte von Brief zu Brief, der von Otto kam. Alle Geschehnisse, die ihr der Freund mitteilte, wurden größer, gefährlicher in ihrer Einsamkeit. Von sich selbst schrieb Otto wenig, desto mehr Don Bertold. Als die Freunde im Feld getrennt wurden, wuchs i^re Sorge. Birge erfuhr jetzt fast nichts mehr über Bertold und war wie Otto selbst nur auf Vermutungen angewiesen, lange Zeit, bis die erften Briefe von der italienischen und dann von der serbischen Front wieder in Ottos Hände liefen. ®er flute Vermittler verfehlte nie, in jedem Briefe Bertolds Truppenteil und die Armee, der fein Regiment wechselnd zugeteilt wurde, an= (jugeben. Bas war jedesmal eine stille Aufforderung an Birge, jetzt end- lich selbst an Bertold zu schreiben. Welche Qual für das eingeschloffene Mädchen! Sie zerquälte sich mit tausend Briefen, die sie an Bertold be- gann und nie vollendete. Sie konnte ihre Scheu nicht überwinden und kam nicht über die Forderung ihres herzens hinweg, daß er ihr zuerst schreiben muffe. Ihre Verwirrung wuchs ins Ungeheuere, und ihre Briefe an Otto enthielten schließlich nur noch eine dornige Hecke von Fragen, was mit Bertold sei, ob sein Regiment große Verluste erlitten babe, ob er keinen Urlaub bekomme und so fort. Eins nur tat sie Sie sandte ihm, ohne einen Absender abzugeben, so oft sie konnte, kleine Pakete, die sie in die Stadt trug, damit nicht der Stempel ihres Dorfes auf dem Schild stehe Nie legte sie in solche Päckchen ein kleines Zeichen öer Webe oder der Heimat, etwa einen Tannenzweig zu Weihnachten eine Blume ober gar etwas von ihrem winzigen Eigentum. Unb Bertolb war denn auch des Glaubens, diese Päckchen kämen von irgendeinem Verein. (Fortsetzung folgt.) Hahnenschrei im März. Von Hans Thyriot. Noch ist die Saat im Acker kaum besonnt, Noch brach die Scholle nicht den Rost vorn Eisen, Noch gehn die Sterne kalt in fernen Kreisen, Noch stehn die Wälder blau am Horizont. Noch steigt der Nebel rauchend aus dem Ried, Noch starrt der Kirschbaum kahl im fahlen Garten, Metallen glänzt fein Stamm, die Zweige warten Auf Wind aus Süden, Vogelzug und Wed. Doch eines Abends fällt ein warmer Regen, Und eines Nachts schwimmt silbern überm Tale Der Mond auf Wolken als Perlmutterschale Den Fischen fort — dem Widder still entgegen. Und eines Morgens zwischen Tag unb Traum Mit angehaltnem Atem liegst du lauschend: Da stieß ein Hahn, gereckt unb flügelrauschend, Den morgenroten Schrei ins Helle, welcher, kaum Gehört, verhallt unb dennoch zitternd steht In weicher Lust, gewölbt unb steil gezogen: Ein Hahnenschrei ist wie ein Regenbogen, Frühlingsverkündigung und Tiergebet. Genfer Gee. Von Rudolf G. Binding. „Jetzt", sagte eine vor mir sitzende Frau eben (es war an einem bösen, abweisenden Apriltag unserer Breiten, unb ber Regen schlug an die Scheiden) „jetzt dlühn dort allenthalben um die große Stabt an ben Ufern bes Sees entlang bie Bänber ber Streifen ber gelben Osterglocken; unb bann im Mai, bis hoch hinauf an ben Hängen, dlühn die Wiesen vorn Weiß ber Narzissen: Felber blühenden Schnees." Sie sagte es nur im Entzücken einer Erinnerung. War nicht alles über eine Lanbschast gesagt, wenn man ber kinblichen, herrscherischen Lust ber Natur gebuchte, dieser süßen Sinnlosigkeit, seltene Blumen in Bändern unb Felbern wie Fahnen in bas Freie der Landschaft zu legen? Was man beim ersten Anblick nicht begreift, was als UeberfüUe benimmt, ohne es zu fein — ist bas Wunber ber Unfchulb. Das Geheimnis biefes Lanbstriches ist, baß er keine Geheimnisse hat. Alles ist ausge» breitet: unbefangen, kinblich, königlich zugleich, als wäre ber Natur selbst baran gelegen, enblich einmal nichts zu verbergen, nichts für sich zu behalten, sich an sich felbft zu entzücken. Hier führt nichts ins Unter* irbifche, ins Mystische. Das königliche Blau biefes Sees begräbt nichts in feiner durchsichtigen Tiefe; diese Berge umfchweigen nichts; bie Ewigkeit bes Schnees, bie blenbenben Gewänber biefer ragenben Spitzen, dieser Häupter bedeuten keinen Tod. Kann Tob bort sein, wo bie Natur so unschulbig ist, keine Geheimnisse zu haben? Es ist keine Trübung in ihr, kein Aufhören in ihr, keine Erschlaffung in ihr. Alles ist ins Sublime, ins Schlanke, ins Vornehme erhöht unb erhoben, unb alles bietet sich zugleich so unbedenklich, innig unb tief ben Menschen bar, wie ein Herz, bem man überall auf ben Grunb sieht. Wenn sich mitteilenbe Majestät unheimlich ist, Unb wer es einer Lanbfchaft nicht zutraut ober nicht erlaubt, königlich unb liebenswürdig zugleich zu sein, unb wer es nicht begreift, baß gerade Unbefangenheit königlich ist, der versteht diese Landschaft nicht. Dieser See beglückt ohne zu beschweren, beschenkt ohne Aufdringlichkeit, und-bezwingt ohne die leiseste Gewalt. Wer mit der Bahn von Norden kommend, nach Ueberroinbung ber letzten Höhen bes nördlichen Ufers plötzlich die ganze Herrlichkeit in ber Tiefe vor sich ausgebreitet steht, der möchte wohl ausbrechen in einen Schrei, wenn nicht bie Schönheit zugleich eine Art Heiligkett des Entzückens erzeugte. Drüben bie unwegsamen Züge der Felsberge Savoyens mit spärlichem Schnee, bie bie Lanbfchaft und den See zugleich nach Süden sicher und kräftig beschließen, sind vor ihren eigenen Schatten in die Wand von warmem, duftigem Veilchenblau vereint; ihre Kämme von Licht schwungvoll und voller Bestimmtheit in eine einzige Linie ausgezogen, die zart sich zum Untergang senkt. Der See spielt in Flecken und Skalen von Blau. Er ist groß. Die Ufer umengen ihn nicht. Während der kurze gelenkige Zug mit den gefälligen kleinen elekttisch betriebenen Wagen sicher und vorsichtig bas weit ßefchwungene Schlangengewinbe ber Bahn, an ben Hügeln hin, burch em Terrassengelänbe von Reben zum See hinabklettert — ziehn taufenb unb aber taufenb Chalets über bie Hügel hin: fest gefügte niebrige Schlösser zwischen dem Rebenland, Reihen von Dörfern unb Marktflecken an ben Ufern, die belanglosen Städtchen am Busen, an Buchten des Sees, die hochgestellten, sich brüstenden, ungefügen Hotels auf Terrassen und Höhen, — alles gehört zu ihr, alles umschließt sie. Aus den kleinen Orten Hügel auf. Berg hinan, in steilen Anstiegen oder in geneigten Windungen, geschwungen um Kuppen unb angeklammert an felsige Zungen unb Stirnen, kriechen bie kurzen harmlosen hellen Raupen ber Funiculaires auf ihrem schmalen Schienenstrang, ber im Grase verschwindet, emsig allenthalben empor. •rüfte ' an einem n schlug ai ladt an Öen Xterglolen; die Wiese« agte es nur Landschaft ur gedachte, Feldern mit TrschlassM erhöht unh md tief de« int) N1; er es ein« ibenswürd« »esangenW egM ohne dl« ilndung d« hkeitmd« en in * tt des 6”1' bersülle bo Geheim!! , ist ausgc Natur seldft sich N ins Unten gräbt nicht! ; die Ewigen Epihe«, ; die Jiatur Nuf brm See ziehen die winzigen weißen Stäbchen der Dampfboote buech die tiefblaue Seide eine kaum bemerkbare Bahn, die sich hinter ihnen schließt ohne Schmerz und Trübung. Denn alles bleibt ungetrübt. Der Rauch großer Industriegebiete ist diesem Lande so fremd wie Nebel des Nordens. Auf den Hügeln wächst Wein. Er verleugnet sich nicht. Er fetzt sich bald zu uns. Er ist gekeltert, wie eine schöne, vornehme Frau, die sich zu uns gesellt um nichts als um uns zu entzücken. Einzig uns e ne vornehme, feine Gesellschaft zu leisten ist sie da, und bildet sich durchaus nichts ein. Und doch soll man erst einmal eine suchen wie sie: so licht und anmutig, so fröhlich und frisch, fo wohlig und warm. 5 mU s gäben siv , bte N ' non 2" aWÄ und Ö* gzhr-nd betrieb«" 'ff'* p: nt »,& Es ist Markttag in einer der kleinen Städte am See. Die Luft ist sehr frisch von der Nacht. Die Welt, Dinge und Menschen klingen im Morgen, Die Sonne ist heiß und keck, aber jeder kleinste Schatten wie eisgekühlt. Auf dem zu geräumigen Quadrat des Platzes breitet sich ■unbefangen der Ueberfluß. Der Markt liegt natürlich am See, nur eine behäbige Lindenallee, die zugleich Strandpromenade ist, trennt ihn vom Wasser, das langsam auf dem Kiesrand atmet. Die- Fische habens nicht Weit. Sie blitzen, in dichte Lagen gereiht, frisch und sättig im Licht vor ien Ständen. Die Hühner, die Tauben hängen sauber gerupft, die Brüste Oer Freiherr vom Gtekn. Bon Robert Hohlbaum. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, so weiß ich, daß die Namen Blücher, Schill, Körner, ja fogar ©neifenau und Scharnhorst für mich sehr frühe feststehende Begriffe waren, daß ich Arndt und Schenkendorf sehr bald aus den Lesebüchern, wenn auch nicht eben aus ihren schönsten Gedichten kennenlernte. Und wenn ich von einer späteren Zeit sprechen will: um Bismarck kreisten die Gedanken des Knaben unablässig, Moltke und Roon waren mir aus zahllosen Bildern vertraut. Als ich zum erstenmal den Namen des Freiherrn vom Stein hörte war ich schon ein erwachsener Mensch, und — ja, das muß ich gestehen — daß ich eine genaue Vorstellung seines Wesens erwarb, das liegt kaum ein paar Jahre zurück. Erst im Verlaufe der Vorarbeit für meinen Stein- Roman versenkte ich mich ganz in das Wesen dieser großen reinen Gestalt, und heute — da die ersten Stein-Kenner und Forscher sich zu meinem Buche bekannt haben — darf ich es vielleicht wagen, von dem großen Führer der Jugend etwas zu erzählen. Woran liegt es, daß Stein fo wenig ins tiefste Volk gedrungen ist? Wohl in erster Linie daran, daß er weder Dichter noch Soldat war, sondern Staatsmann. Ein Vergleich mit Bismarck ist hier nicht zu ziehen. Der lebt als der Reichsfchmied — jeder wird sich an das Bild erinnern — weiter durch seinen greifbaren Erfolg, aber nicht nur dadurch, auch durch feine Verbindung mit den Militärs, mit den Heldentaten des Heeres. Und trug Moltke die Uniform als Feldmarschall, fo ist uns auch Bismarck, der Halberstädter Kürassier, unvergeßlich geworden, obwohl er keine anderen militärischen Erfahrungen besaß als die eines bescheidenen Reserveoffiziers, und obwohl er, wie wir wissen, gar oft mit den Feldherren in fachlicher Fehde lag. Stein hat nie eine Uniform getragen, alle Bilder zeigen ihn in schlichtem grauem Rock, selten im Staatsrock mit dem einzigen — preußischen — Orden als Schmuck. Obwohl er sein Leben vielfach in die Schanze schlug, obwohl er den Krieg von 1813 in einer besonderen Sendung mitmachte, ist er doch für den Nachfahren nicht mit dem glänzenden militärischen Bild verbunden. Und vor allem, sein äußerer Erfolg war weit geringer als der Bismarcks, er war in allem Anreger, nicht Erfüllung. Dazu kommt, daß der erste Teil feiner Laufbahn eine mehr oder minder ruhige Beamtenkarriere ist. Ein wunderbares Erleben in den Koalitionskriegen — er fchlug an der Spitze von Frankfurter Hand- werksburfchen eine Abteilung französischer Revolutionstruppen in die Flucht — dann ist er Chef der Bergwerke, Oberpräsident von Westfalen, bis endlich Friedrich. Wilhelm ihn als Finanzminister beruft. So ist Stein am häufigsten von der Ueberlieferung uns bewahrt worden: als preußischer Staatsmann und als Erneuerer dieses Staates. Das war er gewiß. Er hat in äußerlich stiller, innerlich bewegter Arbeit drei große Werke begonnen und durchgeführt, soweit ihm dies die karge Zeit feiner Amtstätigkeit erlaubte, die Bauernbefreiung, die Selbstverwaltung der Sädte und Gemeinden und unmittelbar durch feinen Anhänger Wilhelm von Humboldt die Wiedergeburt der Hochschule und der deutschen Wissenschaft. Büro- und Schreibtischarbeit für den oberflächlichen Blick, und auch sie ist anzustaunen, bei einem Feuergeist, der sich der Sache zuliebe zur Nüchternheit zwang. Aber eben das unterscheidet ihn ja von den Herren vom grünen Tisch, — daß er sich erst an diesen setzte, wenn er seine Erfahrungen auf grünem Felde gesammelt hatte. Stein kannte den Bauern seiner Heimat und des kargeren Preußen nicht nur, er kannte auch, was damals mehr als selten war — den Arbeiter in der Gestalt des Bergmanns der westfälischen Gruben, und er kannte den schlichten Handwerker, seine Wünsche und Nöte. Er war ein preußischer Staatsmann, gewiß, einer der allergrößten, aber dieses Land war ihm nicht Selbstzweck wie den andern, er sah es nur als Keimzelle für Größeres. Bismarck ist preußischer Junker im größten und schönsten Sinne. Stein war Reichsritter, einer jener Adeligen, die niemand als den Kaiser über sich hatten, die, wenn sie dienten, dies freiwillig taten, aus einem inneren Drange heraus, nicht in äußerlich umriffener Stellung. Er hat es ganz offen gesagt, daß er Preußen nur zu seinem Arbeitsfeld erwählt habe, weil er in diesem Staate den künftigen Erneuerer Deutschlands sah. Hätte er ihn in Oesterreich geglaubt, wie damals noch viele, er hätte nicht einen Augenblick gezögert, diesem Lande feine ganze Kraft zu weihen. Und ebensowenig wie die einzelnen deutschen Staaten galten ihm die Dynastien. Er hat die Fürsten, die im Kampfe gegen Napoleon getreu geblieben waren, anerkannt, er hat die ungetreuen Könige und Herzöge des Rheinbundes als das bezeichnet, was sie waren, als Verräter an der großen deutschen Sache. Es gibt da — Arndt erzählt sie in feinen (Erinnerungen — eine sehr bezeichnende Anekdote. Als er am russischen Zarenhofe als Berater Alexanders lebte, zu einer Zeit, da die Franzosen im Jahre 1812 Moskau eingenommen hatten und für die Kleinmütigen der Krieg zu Ende schien, da stand Stein in viel angefochtener Einsamkeit in den Augen der Friedenspartei als der böse Geist und Unruhestifter da. Als aber die Franzosen den Rückzug antraten und die ersten Anzeichen der furchtbaren Katastrophe sich zeigten, die über Napoleon hereinbrach, schlug die Stimmung der Wetterwendischen um, und die Zarinmutter, eine württembergische Prinzessin, konnte sich nicht genug tun in ihrem neuen Franzosenhaß. Bei der Hoftafel äußerte sie einmal: „Wenn nun noch ein Franzose unangefochten durch Deutschland kommt, schäme ich mich, eine Deutsche zu fein!" Da erhob sich Stein und sagte: „Majestät, Sie tuen sehr unrecht daran, ein so braves Volk zu schmähen. Schämen sollen Sie sich, aber schämen Sie sich Ihres Bruders und Ihrer Vettern, der deutschen Rheinbundfürsten, die Deutschland verraten haben!" Wer ihn deshalb als Rebellen mit der französischen Revolution in Verbindung bringen wollte, der würde sich grundlegend irren. Er wollte alles eher als das sog. „souveräne" Volk, er war kein Verfechter der Freiheit des einzelnen, sondern sah diesen immer nur als Glied der großen Volksgemeinschaft, für die Opfer zu bringen jeder bereit fein müsse. Das sagte und dachte er nicht nur, bas hat er im eigenen Leben durch die Tat bewiesen. Nach der Schlacht bei Jena, nachdem er dem König den Staatsschatz gerettet hatte, war Stein auf kränkende Weise zeigend, die Köpfe über den Rand der langen Bretter. Sicher hat jeder im Städtchen ein Huhn heute im Topf und zartere Mägen die Taube. Das Fleifch von Ochsen und Kälbern weiterhin wartet dennoch der Käufer. Die Gemüse sind anreizend zu Arrangements geordnet — saftige Gebirge. Die Tomatenpyramiden streuen ein bestimmtes durchsichtiges Rot in die Gänge zwischen den Zelten. Denn jeder Stand hat ein kleines und eigenes wehendes Leinendach, ein hängendes Plantuch, ein schirmendes Segel, weiß und schon rotbraun von Sonnenrost, hinter und über sich, unter dem dem Blick der Herannahenden verborgen, die Verkäufer stehen. Nur die ausgelegte Ware darf in der Sonne prangen; aber das leichtbewegte Zelttuch wehtchie tiefe Kühle der Schattenluft darüber hin. Mächtige Räder verschiedener Größe bilden Säulenstümpfe von Schweizer Käse in unbegreiflicher Vielheit. Man kauft hier den Käse nach Reise und Alter, wie Wein nach Jahrgängen. Und überall Blumen und Früchte. Blumen gepackt, gebündelt, gepreßt in Körben - was kosten die Blumen! — sie sind nur zum Mitnehmen. Armvoll bewegen sich Käufer von Stand zu Stand. — Der Markt- ist ganz ruhig: ein leises, freundliches Geräusch von Stimmen. Hinter den Bertaufsftänben in einer abgegrenzten Parade, stehen zweiräderige Karren aufgefahren, die Pferde angefchirrt nach außen gerichtet, mit Bündeln von Reisig hoch und reichlich beloben, eine harmlose Wagenburg: das Brennholz für das Herdfeuer. Und ein jeder geht hin, und irgendwie angehängt, unter den Arm geschoben, auf den Kopf genommen wandern zum Schluß die fest zufammengezogenen Reisigbündel mit den Blumen und Früchten, mit den Tauben und Fischen, mit dem Gemüse und Käse die Straßen entlang. Ein Käsestand lockt. Als wir näher treten, folgt ein gutmütiges großes scharfes Messer, so groß wie das Schwert Davids, unter dem Zelthang hervor uns zu jedem der Käse, den wir ins Auge fassen. Die Hand, die es führt, ist unsichtbar wie der Mensch, der sie bewegt. Das Messer erwartet unseren Wink. Schließlich, um mich nicht zu blamieren, beute ich auf einen gelblichen Käse. Sofort fährt es hin. Aber man muß sich sehr eilen und die Hanb fchnell unter bie faUenbe Scheibe halten, bamit bie Probe richtig hineinfalle. Denn schon roieber roanbert wortlos das Messer. Uns war die Probe genügend für ein ganzes Frühstück. Die Dent du Midi steht ganz bleich und allein, nach Osten gewandt, im ersten Dämmer der Frühe. Sie ist weiß und sehr zart. Der See ift ganz dunkel. Die Berge Savoyens sind dunkler als blau, wie ruhendes Gewölk, doch mit der klarsten Säumung gegen den Himmel. Darüber, dahinter die lauteren Schneefelder des Montblanc. Die Dent steht noch weißer. Da fchmilzt aufflammend ein goldener Tropfen von der höchsten Zacke hernieder, schwer und voll, und fließt langsam, wie aus dem Innern des Berges kommend, die Konturen der Spitze hinab. Die Sonne hat sie erfaßt. Der Berg erstrahlt wie beglückt, in die Rechte des Tags, des Lichts, der Farben, des Lebens eingesetzt. Der Himmel wechselt ins zärtlichste Blau. Das Gestirn aber geht den Weg seines Tages kaum sichtbar vor Glanz. Cs läßt der Landschaft unter ihm das ganze Spiel des Tages allein. Aber immer wirft es tiefe Reflexe der Berge, der Wolken — ganz ferner unsichtbarer — bis in den Grund des Wassers: Becken und Ströme von blauem Cmailfluh im Weiteren Fluidum, goldbraune, grünliche, bronzene Schatten farbiger Cr- tegung über die Fläche. Der erste Strahl gehörte den Bergen, die Glut Des Tages dem Wein, der Abend aber gehörte ihm, gehört der Sonne «allein. Dann ist das ganze Reich des Sees einbezogen in das Trfumphale iihres Untergangs. Denn dort, im Westen, ist eine offene Lucke für sie ge- Haffen; dort verstellen ihr kleine Berge den letzten Blick, dort^versinkt der «goldene Globus frei im offenen Feuertor des Horizonts. Erne flüssige ibreite Brücke von Gold läuft über den See, aus ihr heraus, tn ihr «endend. Lange Geländer von violetten und roten Bändern schwingen meben ihr her: wer über sie hinschritte, liefe ins Herz ber Sonne hinein. Lange ruft sie dem Sehnenden. Ihr Scheideblick macht trunken. Unser Herz sinkt ihr nach. Dann zieht sie langsam die goldene Brücke hinter sich ein. Die Berge «werden fahl. Die Gipfel verfallen in Tod. Die Maske der großen Starre ffteigt von ihnen nieder und legt sich über Land und See. Gegen Untergang ahnen wir Genf, die Stadt mit der sonderbar ttiefen Teilung: Die Strenge Calvins, die Leichtlebigkeit Frankreichs mntermifcht nebeneinander. — Wunderbare Landschaft der Mitte: Südlicher See dort zwischen «Süden und Norden; ohne die Tragik des Südens, ohne die Trauer des Nordens. entlaffen worben. Und boch, als nach bem Frleben von Tilsit bas Land darnieberlag als bie Freunbe bes Baterlandes ihn riefen, ba vergab er lebe persönliche Kränkung, da kehrte er ohne Ueberlegung zurück und weihte feine ganze Kraft aufs neue bem Volk Von Napoleon geachtet, im Exil in Prag, Brünn, Troppau tebenb, erreichte ihn enblich die Em- tübung bes Zaren. Unb hier beginnt bie größte unb wichtigste Periode feines Lebens Er unb er allein hat burch ben bämomschen Willen seiner Persönlichkeit, burch bie heiße Macht seiner Liebe zu Deutschland den Zaren bewogen, fest zu bleiben, Wiberstanb zu leisten. Unb er hat daburch der Weltlage eine anbere Wendung gegeben. In biesem Sinne ist der Befreiungskrieg sein geistiges Werk, ist Stein der erste unter Deutschlands Erlösern. Denn er war neben wenigen andern in einer Zeit, da alles darnieberlag, sozusagen Deutschlanb. Er war Deutschlanb durch ben ungeheuren Glauben, ber in ihm lebte. Er hat bas große Vaterland nicht geschaffen unb nicht erlebt, ober er hat es in Geist unb Seele vorgeahnt. Jede Tat ist zuerst ein (Bebaute, eine Ibee, bie sich unverlierbar forterbt, bis ber ganz große Ersüller kommt. So steht biefer Mann vor uns, rein, gerabe, groß unb furchtlos. Was Bismarck Zivilcourage nannte, bas befaß Stein in erstaunlichstem Maße. Unb eben wir Deutschen fassen ja den Begriff Heldentum nicht nur äußerlich auf, sondern auch geistig und seelisch. Für uns ist Schiller, der sein einsames Werk schwerster Krankheit abrang, ein Held, für uns ist Kant, der Königsberger Stubengelehrte, ein Held, weil er aus seinem Geiste ein ewig gültiges Ideal nationaler Pflicht aufftettte, unb für uns ist vor allem Stein ein Held, der den Dienst an ber großen Sache allen persönlichen Rücksichten voranstellte. Heute ist wohl feine Stunde angebrochen, heute sehen wir in ihm ben größten Vorläufer bes neuen großen Deutschlanb. Er wirb unsterb- lich sein wie.dieses. Was zu wissen nottut. Eine Geschichte von Bruno Brehm. Wir waren auf Manövern, ich war Korporal und hatte Stallinspektion. Die Batterie war spät abend erst ins Quartier gekommen und ich jätte mich weit lieber irgendwo hingebaut und wäre • eingeschlafen als nm von Bauer zu Bauer zu gehen und nach den Pferden zu schauen. Beim letzten Bauer, draußen in der Scheune, fand ich den Stallroart schlafend, fein pfeifender Atem roch nach Schnaps. Ich nahm den Tränk- eitner, der unweit stand und schüttete den Mann mit dem nassen Guß an. Der kleine Mensch fuhr auf, griff nach feinem Bajonett und rannte auf mich los. Er war kein braver Kanonier, er war früher draußen vor einer Stadt Ziegelschläger gewesen und hatte eine lange Reihe von Strafen schon zu den Soldaten mitgebracht. Ich wußte, daß es ernst war unb daß es galt. I<§ hätte blank ziehen müssen, denn ich war im Dienst unb ber Mann, der auf mich zutorkelte, wohl auch. Ich zog nicht blank, ich [prang zur Seite, ber Mann stürzte ins Leere, ich gab ihm noch einen Stoß, er schlug hin. Ich nahm das Bajonett auf und warf es hinter mich. Der Mann kam wieder hoch und begann zu brüllen und zu schreien. Er drang noch einmal auf mich ein, ich stieß ihn wieder zurück. Da stand aus einmal, mit einer Taschenlampe In der Hand, der Rechnungsunteroffizier Schulz neben mir. Er fragte, was hier vorgegangen fei, ich, noch atemlos, meldete, was sich begeben hatte. Er sah das Bajonett, er fragte, warum ich mich in eine Balgerei eingelassen habe, und er bestimmte mich für den nächsten Morgen zum Rapport. Der Dienst hielt mich bis ein Uhr wach, die Gedanken noch ein wenig länger. Dieser Unteroffizier hatte mich schon vom ersten Augenblick an gehaßt, unb mir dies auch, wo immer er nur konnte, ganz unverhohlen gezeigt. Ich mied daher die Kanzlei, wann immer ich nur konnte, der Dienst führte mich nicht allzuoft hin. Schulz war ein blasser, fahriger Mensch, wenn er den Frührapport entgegennahm, zitterten seine Hände. Er hatte bas Untergymnasium besucht, er vergaß selten, dies in irgendeine Bemerkung einzuflechten. Dann hatte er wohl irgendeine kleine Schreiberstelle annehmen müssen und war schließlich beim Militär hängengeblieben. Trotz feinem deutschen Namen gab er sich als Tschechen aus, aber vielleicht tat er dies nur deshalo, weil unser Batteriekommandant auch ein Tscheche war. Weshalb er mich haßte, wußte ich nicht, darüber dachte ich auch nicht viel nach, denn mir war dies schon allzuoft widerfahren, daß mich jemand bei der ersten Begegnung gleich all seine hemmungslose Abneigung fühlen liefe. Das müsse wohl so sein, sagte ich mir, es ist würdelos und vergeblich, dagegen ankämpfen zu wollen. Freilich, ;d) hatte mich nicht richtig benommen: nimmer hätte ich den schlafenden Kanonier mit kaltem Wasser anschütten dürfen. Der richtige Weg wäre gewesen, den Mann aufzuwecken und ihn beim Frührapport wegen Fahrlässigkeit im Dienst zu melden. Aber das war es wohl gewesen, was mir so widerstrebt hatte. Der Mann hatte Strafen genug auf dem Kerbholz. Und denn hatte es mich geärgert, daß dieser Mensch betrunken war. Hätte ich wirklich den Säbel ziehen und den Angreifer niederfchlagen sollen? Ich hatte diesen Menschen doch selbst zum Aeußer- ften gereizt. Wir werden sehen, was es morgen beim Rapport geben wird. Schlimmsten Falls darf ich nicht auf Urlaub fahren. Das ist unangenehm. aber es wird sich ertragen (offen. Am nächsten Tag war Rasttag. Nach der Pferdevisite sollte der Rapport abgehalten werden. Der Dienstführende nahm mich beifeite; er war der Sohn eines Gastwirtes, vierschrötig und gelassen: was ich denn an», gestellt Habe? Das werde ein böser Rapport werden. Der Hauptmann schaue aus. als habe er Essig geschluckt. Es wurde ein böser Rapport. Der Hauptmann sah an mir vorbei in die Lust. Erst wurde der Kanonier verhört, ich verstand nicht viel davon, weil der Hauptmann mit ihm tschechisch sprach. Dann sagte ich mein Sprüchlein auf. Unb bann kam ber Rechnungsunterosfizier Unb dieser Mensch wußte etwas zu melden, was mir das Herz in der Brust erstarren ließ; ich hörte nur das Wort Feigheit! Und der kleine Fahr- tanonier bestätigte, was der Unteroffizier sagte. Denn Schulz stellte die Sache so dar, als wäre nur durch fein Dazwifchentreten verhindert worden, daß mich ein betrunkener Kanonier, den ich mißhandelt hatte, da- vongejagt hätte. „Eine gottverdammte Sauerei!" fluchte der kleine Hauptmann. So, dachte ich mir, nun bist du fertig. Hier hast du es mit drei Tschechen zu tun, sie werden zusammenhalten unb du kannst dein Leben lang nachdenken, ob man einen Betrunkenen mit Wasser anschütten darf oder nicht. Aber bald sollte ich Gelegenheit finden, mich für diesen Gedanken bis In das Herz hinein zu schämen. Mein kleiner Hauptmann ging einige Male vor uns auf und nieder und bann sagte er: „So geht bas nicht! So geht bas nicht! Das finb Dinge, bie in Garnisonsarrest führen!" Dann blieb .er vor mir stehen: „Unb zur Degrabierung!" Unb bann ging er zum Rechnungsunteroffizier Schulz: „Wir haben auch noch später ein wenig miteinanber zu sprechen." Dann ließ ber Hauptmann ben Rapport ab treten. Mich nahm er mit in sein Quartier. „Nun?" sagte er, mir ben Rücken kehrend und durch das Fenster blickend, haben Sie nichts zu sagen?" Ich hätte viel zu sagen gehabt, aber mir war der Hals zugeschnürt. Ich sah auf den kleinen Hauptmann mit dem grauen Haar, ich sah auf dem Tisch ein Buch liegen: Tolstoi. Krieg und Frieden. Vielleicht sollte ich doch versuchen, mit dem Hauptmann zu sprechen. Er kehrt« mir immer noch den Rücken zu und wartete. „Nun? Beeilen Sie sich, ich hah' nicht allzuviel Zeit", sagte der Hauptmann. Da stieß ich hervor: ,Lerr Hauptmann, ich bitte gehorsamst, ich war nicht feig. Der Mann war betrunken!" „Sie haben ben Mann nicht mit Wasser anzuschütten!" „Jawohl, Herr Hauptmann!" „Wenn aber ber Mensch mit ber Waffe in ber Hanb auf Sie losgeht, bann haben Sie ..." Der Hauptmann brehte sich herum unb sah mich an. „Da sehen Sie, wie eines bas anbere nach sich zieht. Da sehen Sie, was aus Unüberlegtheiten herauswächst. Ich werbe btese Sache nieberschlagen. Ich will aus solchen Dummheiten keine Affäre machen. Wenn bas einmal ein Aubitor in bie Hanb bekommt, bann wird etwas baraus, was roeber Sie noch ich auch nur ahnen. Ich will in meiner Batterie keine fo gottverfluchten Sauereien! Merken Sie sich bas!" ,Lawohl, Herr Hauptmann. Ich banke gehorsamst, Herr Hauptmann." „So, unb nun geh! Nimm bich zusammen! Keine Dummheiten machen! Gescheit fein." Mein Hauptmann hätte beinahe mein Vater fein können. Ich schluckte, er reichte mir die Hand, ich stolperte hinaus. Was der Hauptmann mit dem Unteroffizier Schulz gesprochen hatte, erfuhr ich nicht. Wir gingen einander aus dem Weg. Der Kanonier bekam seine Strafe wegen Trunkenheit. Ueber die ganze Geschichte wurde nicht weiter gesprochen. Hin und wieder sah ich Schulz in die Augen. Mich traf manch böser Blick, aber ich nahm mich zusammen. Ein paar Monate später stand ich als Fähnrich in der Batteriekanzlei. Ich war zu keiner Waffenübung eingerückt; ich wollte bleiben, ich hatte mich aktivieren lassen, man brauchte Offiziere und hatte mich aufge« fordert, in die Armee einzutreten. Die Prüfungen waren abgelegt, ich stand fest und nun war es an mir, dem Rechnungsunterofsizier den Äragen umzudrehen. Ich hatte nichts vergessen, der Schimpf, den mir dieser Mann angetan hatte, saß fest unb brannte in mir. „Feigheit!" bas war nicht heruntergegangen, das hatte mich bis in den Schlaf gepeinigt. Der Mann da, der jetzt mit einem Papier in feinen zitternden Händen vor mir stand, der Mann hatte mir ans Leben gewollt. Denn was geschehen wäre, wenn der Hauptmann nicht so anständig mit mir gesprochen hätte, daran wollte ich lieber gar nicht denken. Der Rechnungsunteroffizier blickte nicht auf, das Blatt Papier zitterte in feinen Händen. Ich trat an den Tisch und sah ihn eine Weile an. Der Schreiber am Nebentisch schaute auf, der fühlte wohl auch, was in der Luft lag. „Gehen Sie hinaus, Jaworka", sagte ich zu dem Schreiber. Der Schreiber verzog schadenfroh seinen Mund und verschwand. Schulz war blaß, sein Atem ging hörbar. Ich fühle, daß ich Schluß machen mußte, weil mich etwas wie ein saugender Wirbel weiterriß. Wenn der Mann nun seine Augen hebt und wenn Ich die Angst in seinen Blicken sehe, ich weiß nicht, ob ich dann noch an mich halten kann. „Schwamm darüber, Schulz", sagte ich, „und nun melden Sie mich beim Herrn Hauptmann an." ,Lch danke, Herr Fähnrich", sagte Schulz und ging ganz langsam zur Tür der Kanzlei des Hauptmanns. Ich hätte gerne noch gefragt, warum Schulz mir das damals angetan hatte, aber ich bezwang mich. Er hätte mir ja doch nicht die Wahrheit gesagt. Aber als ich mich am Abend vor bem Einschlafen selbst fragte, warum ich fo gehandelt hatte, da gab mir jene bessere Stimme die Antwort: „Weil sonst das Böse nicht aus der Welt geschafft wird. An einer Stelle muß es einmal unterbrochen werden, sonst zeugt es fort und vergiftet unser Leben." Verantwortlich: vr. HanSThyriot. — Druck undD er lag:Drühi'scheUniv erfitäts-Duch» undSteindru ckerei. R.Lange, (Sieben.