GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1935 Zreitag, -en 22. Februar Nummer 15 Die Hochzeitskuh Roman einer jungen Liebe von Josef Magnus Wehner Copyright 1 928 b y Georg Müller Verlag A.-G (Fortsetzung.) Viertes Kapitel. Mondwald. Bertold ging in den Grasgarten unter die großen Apfelbäume und wartete, bis er im Haufe des Paten und drüben beim Nachbarn die Lampen in der Stube aufgolden sah: Hans war also noch zu Hause. Dann schlich er von Baum zu Baum an den Wiesenpfad, dessen Anfang im Schutz mächtiger Kirschbäume lag. Dort im Gebüsch fand er auch seinen Rucksack, dem die Enden abstanden, so hatte ihn Birge gefüllt. Er hob ihn dankbar, setzte sich auf einen Feldbasalt und wartete. In der Nähe lag ein kleiner Wald, der dem Paten gehörte. Eine Doppelreihe von Büschen führte auf ihn zu. In seiner Mitte, die von flimmernden Buchen bestanden war, ging er etwas höher an den Himmel, außen war er mit Tanken umwölbt. Bertold hörte einen Schritt. Er wandte sich um und sah Birge herankommen. Sie ging langsam und kam doch schnell über das Gras. Ihr Kleid schimmerte wie feuchter Rauch, wenn sie auf die Mondplätze trat, ihr Gesicht war auch im Schatten sichtbar. Er schloß die Augen und ließ ihr Bild herankommen. Da war sie auch schon unmittelbar vor ihm, die fremde schöne Birge, ein wenig erschrocken über sein plötzliches Aufrecken. Sie griff schnell unter die Schürze und brachte einen überaus schönen Apfel hervor, wischte ihn, bis er von allen Seiten glänzte, und reichte ihn Bertold. Der drückte ihn an ihre Lippen und rollte ihn schon zum Andenken in seine Tasche; dann zog er die leichte, zitternde Birge an seine Brust. Sie deutete in den Mond und sagte, es sei hier zu hell. Dann ging sie voran. Nicht auf dem Wiesenpfad, der ihren Schatten abgebildet hätte, obwohl das Bertolds Weg zur Tante gewesen wäre, sondern geradewegs auf den schwarzen, borstigen Tannenwald zu. Ihr Schritt ging ebenso durch das aufrauschende Gras wie Bertolds Schritt: groß, leicht und stark. Der Fluß kam wie ein Donner herauf aus dem Tal, der Wald funkelte, die Büsche schrien zärtlich, wenn Birges knisterndes Kleid sie berührte. Manchmal faßte Bertold ihre Hand; aber sie eilte, in den Wald zu kommen, und er dachte, wie schön auch dies von der stolzen Birge sei, daß sie nicht so an ihm klebe wie die Heftigen Stadt- madchen. Nein, sie hätte ihn wohl auch entbehren können, wenn es notwendig geworden wäre. Als sie in das schwarze Fichtengebäu einfuhren, war Birge aus einmal anders geworden. Ihr Haar brannte bräunlich, und sie war größer auf dem schwellenden Moos; Bertold ging fast ohne zu atmen neben ihr. Sie lief sehr schnell durch die kohlschwarzen Bäume. Einmal rief er: „Birgel" „Wir sind ja bald da", flüsterte sie. Plötzlich brach Licht herein. Der Pfad drang schmal in em Haselnuh- wäldchen ein, und hinter den lockeren Stauden kamen die Buchen. Bertold hörte eine Quelle aus den Buchen rieseln, er schlang seinen Arm um Birges Knie und trug sie ein Stück. Der Mond schneite in großen farbigen Flocken durch das Laub. Da sah er die Quelle aus den Steinen hervorblitzen; Birge begehrte nach dem Boden. Sie ging ein paar Schritte und dehnte die Hände über ihr Haupt, ließ sich im Dunkelgrünen auf die Knie nieder und blickte in den Mond. Bertold aber betrachtete das Abbild des Mondes,, das in einer ruhigen Mulde der Quelle lag und überall feine Strahlen spann; dann schlürfte er neben Birge und fühlte plötzlich unter sich einen wollenen Mantel liegen. Den mußte Birge am Mittag dorthin gebracht haben. Er zog sie zu sich. „ , „Jetzt habe ich dir doch ein schönes Bett gemacht , sagte sie. „Und ich will dir noch ein viel schöneres machen, wenn du zu nur in die Stadt kommst." , . _ , „ „Es wird schwer (ein, denn ich möchte doch im Sommer kommen. „Freilich mußt du im Sommer kommen." „Da haben wir so viel Arbeit, Bertold! Schau, es ist manchmcll Mitternacht, wenn ich noch schnell in den Fluß gehe und mich bade." „Badest du jeden Tag?" „Fast jeden Tag. Das weih kein Mensch." „Hans auch nicht." München „Der? Der ist vorhin neben mir hergelausen und hat mich nicht gesehen." „Er hatte eine Axt in der Hand und lief an den Fluß hinunter." „Was soll er denn da unten suchen?" „Er kam gleich, als du fort warst, zu uns und sah, daß wir beide nicht da waren. Das ist doch genug, für die Axt." „Du meinst, er will mit mir kämpfen?" „Freilich! Aber du brauchst ja nicht unten über das Brett zu gehen, du kannst auch ein Stück weiter oben über das Wehr gehen. Es ist hell und man kann die Steine im Wehr sehr gut sehen. Dort bade ich immer." „Du meinst doch nicht, daß ich mich fürchte?" „Nein, Aber es wird doch zu lustig, wenn er die ganze Nacht mit seiner großen Axt am Wasser sitzt und sein Feind ist schon längst jenseits." „Aber sein Vater und dein Vater müssen doch auch Über das Brett kommen?" „Wenn sie nüchtern sind, gehen sie durch das Dorf, wenn sie schief geladen haben, über das Wasser." „Hoffentlich haben sie heute schwer geladen und ich sehe alle drei zusammenstoßen." „Ach!" Birge seufzte. Dann fragte sie: „Wann fährst du nun auf die Universität?" „Uebermorgen." Sie schwiegen lange. Wenn ein Vogel sein Gefieder schüttelte ober ein Fuchs über das Reisig lief, erschraken sie und drängten sich näher zusammen. Das Wasser, der Mond, und das Säuseln und Rauschen in den Buchen schläferte sie ein. Sie hätten sich wünschen können, daß diese Nacht und dieser Himmel ewig über ihrer einsamen Liebe wandeln möge. Aber sie wünschten sich nichts. Nur der Abschied zehrte an ihrem Glück. Nach langer Zeit tauchte Bertold einen Haselzweig in die Quelle und besprengte rundum den Platz damit. Dann gab er ihn Birge und sprach: „Hebe ihn gut auf." Birge wachte aus und sprach: „Ja, ich will ihn über mein Bett hängen." Sie nahm den Zweig und streichelte die haarigen Blätter: „Bertold, eher soll mein Herz stillstehen —." Sie konnte nicht weitersprechen. Bertold schloß ihr den Mund, dann sprang er aus: „Wir müssen jetzt Abschied nehmen, Birge." Birge stand aus. Sie taumelte leicht. Sie drückten sich noch einmal aneinander, dann griff Birge in die Tasche, preßte Bertold etwas in die Hand, sah ihn noch einmal voll an und ging den Pfad zurück. Bald schlugen die Büsche über ihr zusammen, jetzt rauschte nur noch ihr Schritt, nun war nichts mehr von ihr zu sehen und zu hören. Nur ein feiner Duft von ihrem Haar webte noch in der Luft. Bertold stand eine Zeitlang regungslos da. Dann schob er das, was Birge ihm in die Hand gedrückt hatte, zum Apfel in die Tasche, schulterte den Rucksack und lief schnell durch den Wald. Als er auf die Wiese kam, brauste ihn der Mond an. Er blieb stehen und schaute nach Birges Haus, bis er ruhig wurde. Dann ging er mit großen Schritten den Berg hinunter. Er dachte nicht daran, wie Birge ihm geraten hatte, über das Wehr zu gehen, er lief geradewegs auf den Steg zu, der aus einem schwachen, in der Mitte gestützten Brett bestand. Das war der kürzeste Weg zu seiner Tante. Vielleicht schlief sie noch nicht so fest, wenn er ankam, daß er sie ohne öffentlichen Lärm wecken konnte. Sie hatte zwar die Gewohnheit, nachts Tür und Tor ofsen- stehen zu lassen, worüber sie von Bertolds Vater schon oft gescholten worden war, aber da sie weder Knecht noch Magd, nur einen großen Kramladen und ihr Vieh hatte, hätte sie Bertold erschreckt, wenn er durch die offene Tür hineingegangen wäre. Er wollte ihr pfeifen, so lange, bis sie auswachte. Ihre Kammer lag zu ebener Erde. Bertold war jetzt am Flusse angekommen. Das Wehr rauschte oberhalb sehr leise und feierlich. Der bläuliche Fluß war unendlich still unter seinen Erlen. Am Wasser entlang waren von den Bauern Basaltsteine zu Türmen ausgeschichtet worden. Sie standen in den Lichtungen der Bäume unheimlich wie Grabmäler da. Bertold blieb stehen und horchte. Hatte da nicht ein Tier geknurrt? und das freie Ende feinem Kommando tanzte dann die sich mit aller Kraft in den Trinker am ©tritt. Unter den reichsten und Freunds zum Halten überlassen. Auf ein Flasche an den Mund, der Freund stemmte Boden und hielt den hintenüber geneigten seltsamsten Bewegungen, indem keiner den anderen im Stich lieh, vielmehr jeder des anderen Gang durch eine womöglich noch ausschweifendere Bewegung unterstrich, waren sie schon an Bertold vorbeigekommen. Da sahen sie das Wasser und fuhren zurück. Keiner sprach ein Wort Sie standen angewurzelt auf ihrem Fleck. Der Pate nieste. Matthies sprach mit gebrochener, fast nüchterner Stimme: „Da ist das Wasser". „Und der — Steg", fügte Friedrich hinzu. „Mir wird schlecht", sagte Matthies und rülpste. Bertold hob einen schweren Stein auf und ging, indem er den Stein wursbereit über seinem Haupte hielt, naher aus den ächzenden Stem- turm los. Plötzlich blieb er stehen. Der Laut kam von unten. Das Tier muhte am Fuße eines solchen Turmes liegen. Und da sah er es auch schon und legte den Stein vorsichtig wieder über em Wasserrinnsal auf bCnfiTn5Cflu6 da und schlief Er hatte den Rücken gegen den Steinturm gelehnt den Stiel der Axt, die zwischen seinen Knien stand, hatte er gläubig mit den Fingern umschlungen. Unter seinem Sitze sprang em Strählchen Wasser im Bogen aus dem Stein. Es kam aus dem vergeblich zugemauerten Flusse und sprang in Hansens Mütze, die ihm vom Kopse zwischen seine Füße geglitten war. Er schnarchte überaus laut und rachsüchtig. Und doch hatte der Schlaf, aus dem diese fürchterlichen Stimmen aufstiegen, auf Bertold eine so beruhigende Wirkung, daß es ihn selber schläferte. Er gab Hans leise den Segen und ging über das Brett den Fluß hinunter, denn er hatte drüben einen wunderbaren Ruheturm entdeckt, viel schöner als den von Hans. Es war ein Haufen von wenigstens zehn Garben, die wie ein Haus allein auf dem Acker standen. Der Bauer, dem der Acker gehörte, hatte sie für die Armen stehen lassen. . „Bettelstudent", dachte Bertold und kroch hinein. Er machte sich ein Tor' gegen Osten, daß er die Sterne sehen konnte, nahm sich vor, rechtzeitig aufzuwachen, damit er in der Dämmerung noch zur Tante käme, und schlief ein. Er hätte gar keinen Vorsatz zu fassen brauchen, denn kaum hatte er eine Weile geschlafen, da hörte er in der Ferne einen fürchterlichen Gesang. Er steckte den Kopf durch die Garben und horchte. Es waren zwei Männer. Die beiden Säuger beratschlagten unter großem Geschrei, was sie nun für ein Lied singen wollten, konnten sich aber nicht einigen und legten nun gesondert los. Der eine sang ein Soldatenlied, der andere ein Lied an die Abendsonne. Es schallte herzzerreißend über das mond- stille Gelände. Glücklicherweise kam ihnen der Text bald zwischen die Beine. Sie brachten die Worte nicht mehr gesund aus dem Halse und gerieten in ein wüstes Gestolper und Gelächter, das erst endete, als einer von ihnen Halt kommandierte. Es war der Pate. Doch verlangte der Befehl mehr, als beide leisten konnten. Bertold sah ihre Gestalten im Nebel durcheinanderwogen, die des dürren Paten und die des dicken Nachbarn. Glückte es ihnen, sich an den Händen zu fassen, dann ging es zwar einige Schritte im Sturm vorwärts, und besonders die langen Beine des Paten drängten eifrig nach der Heimat, aber bald zerrten beide nach verschiedenen Seiten oder sie rutschten aneinander, und es dauerte dann immer einige Zeit, bis sie sich wiedergefunden oder voneinander losgelöst hatten. Bewunderungswürdig waren sie, wenn sie aus einer Flasche tranken, die der dicke Matthies im Ranzen trug. Das geschah etwa alle hundert Schritt und so regelmäßig, daß man an eine höhere Fügung oder an ein eingeborenes Gesetz hätte glauben können. Hierbei mußte der, an den die Reihe kam zu trinken, sich den Strick, an dem am Morgen das Kalb zum Markte geführt worden war, unter die Schultern binden „Das Wasser laust — immer im — Bogen, immer im Bogen. Prost!" Matthies griff verzweifelt nach der Flasche als nach dem letzten Mittel, das ihn vor der Ernüchterung retten konnte. Die Wirkung blieb denn auch nicht aus. Die beiden Freunde wurden von neuem betrunken und schwuren, nachdem sie dem Wasser den Rücken zugekehrt hatten, daß sie sofort über den Steg gehen würden. „Wenn aber was passiert?" sagte Matthies. „Ich habe so eine Ahnung." Stillschweigend nahm Matthies das freie Ende des Strickes — das andere war noch um Friedrichs Schulter geschleift — und schlang es sich feft um den Arm. Dann ging er, den Freund hinter sich drein- suhrend, voran. Er tastete lange mit dem Fuße, bis er das Stegbrett gesunden hatte. Dann aber, in einer alten Gewohnheit, wollte er" eilig über das Brett rennen, um drüben wieder auf festen Boden zu kommen vergaß aber, daß Friedrich an ihn angebunden war, und so kam es' daß, als beide etwa in der Mitte des Steges angekommen waren Mat- th'es, indem er anzog, ins Taumeln geriet. Er warf die Arme in die Luft und fiel ins Wasser, das nicht sehr tief war, Friedrich hinterdrein die waren sofort nüchtern, standen auf den Füßen und schrien fürchterlich. u .3" diesem Augenblick wachte Hans auf. Er glaubte nichts anderes, al öafj Dlorber und Räuber vom Wasser her auf ihn einbringen JXm'e jSro$ JclncL aber lief er nicht einfach bavon — v'iel- ,Cn/ L b’e ®ut über Bertolb in ihm auf — vielmehr hi^hJih»» m $AU0 blinblings auf bas Stegbrett ein, an bem » bC!'- 9iaubeJ öittttnb unb in Tobesangst mimmernb, anklam- mh* nt^rhmf ß seinen benach- rtolb die Heiland n wenig aus das war und n fieber« :e sie an, Senn das so einen Meister- nicht sesl en." fahren', i Ferien, taute zuigel, non hell aus, stemmte (5 ob ich gt’s Euch ihn ein, nicht s" war hi»- jte. Auch ug einen ein, da.!» golbenei und ei"' n unoel- m rede«- einet 6*' t klinge"' Krume» sich auf *• i °°ll * rd IP* inmot lärrt1” ntftJÄ nich' w n*°6 NOM s* Wichtel' ’geuW Berf* n Weg zu dir. Von Georg Grabenhorst. Weg zu dir bin ich gegangen, unb ich tat boch keinen Schritt — Wie ein Traum, ein oft geträumter, alles mir vorüberglitt. Unb wie Glanz von junger Kerze abenbhohe Halle füllt — hat von fern ein Kinberlächeln meine Seele ganz umhüllt. Aus dem Leben eines Knaben. Erzählung von Anbreas ^eitler. b!Jn einer Januarnacht, ein paar Jahre nach bem Kriege, hatte hrian einen wunberlichen Traum. Es geschah barin, bah unversehens in schmutzigem felbgrauem Mantel, ben stählernen Helm tief in bie Sun gebrückt, ber tote Vater neben ihm stanb unb seine Hanb ergriff. Ei war nicht anbers anzusehen als wie beim Abschieb nach bem letzten - Umub, ba Florian ihn an bie Bahn geleitet batte; genau wie bamals trug er bas Gewehr am Riemen, unb auch ber pralle, abgescheuerte Ir nifter sah ihm auf bem Rücken. Schweigenb zog er ben Knaben mit sie fort, unb biefer schritt ruhig unb voller Freube neben ihm her. S gingen tiefer in bie Stabt hinein, burch leere, weiträumige Liahen unb seuchte, oft gebrochene Gassen, bie Florian allesamt noch rtirt erblickt hatte, bis sie enblich vor bem Portale einer Kirche stauben, bii mit hohem Turm unb steilem Dach sich gebieterisch in bie Winter- ruyt erhob. Die alten Bronzeflügel sprangen geräuschlos auseinanber, ur sie einzulassen; unb bann stiegen sie, ber Vater, ber immer schwieg, voun, Florian bicht hinter ihm brein, bie gerounbene Treppe in bie Wie, bie bis unter ben hölzernen Turmhelm hinaufsührte. Oben sank» fic roieber eine Türe, biesmal nur klein, bie bei ihrem Nahen sogleich au log, unb burch biese traten sie aus einen schmalen Umgang hinaus, gltrian gewahrte aber, neben bem Vater an ber Brüstung lehnend», ne er unter sich bie schweigenbe bunfle Stabt, noch über sich bie in bei Himmel hinein sich oerjüngenbe Turmspitze. Es würbe ihn> statt hpefsn ein rounberbarer Anblick zuteil. Als eine ungeheure Kugelschale umgab sie von allen Seiten ber Himmel. Jeboch, es war auch nicht ber stes-öhnliche ber Nacht mit kleinen, zuckenben Sternen. Auf einem Iptimbe von mattem dunklem Blau schwebten als weihglühende Bäll [ort bie Gestirne auf unb ab, um- ober gegeneinanber wie leuchtenbe piiLerballons, bie von flimmernben Strahlenkränzen umgeben waren. S» tauchten gelassenen Ganges vor ihnen in bie Tiefe nieber, glitten str-rr ihren Füßen hindurch und stiegen festlich leicht hinter ihrem Bitten empor, sanken langsam von oben auf sie herab und umhüllten r« für kurze Weile mit einem kühlen, wolkigen Licht, nach dem Florian s die. Hände ausstreckie, denn es drängte ihn unsäglich, es zu fassen und In galten. Der Vater stand währenddessen ihm zugewandt und sah ein- Dri glich in sein Gesicht. Es dauerte freilich nicht lange, da schoß alles h wilden Strudeln zusammen und verdunkelte Sils der Knabe anderntags erwachte, sand er sein Kissen von nn list n Tränen genäßt; auch war ihm beklommen und traurig zumute ni nie zuvor in seinem fieben. Er hatte nur selten und meist auch bloß [lingtig des toten Vaters gedacht; denn es gab niemanden, der seine I Sevalt beschwor und die Erinnerung an ihn ausrechterhielt. Auch seine M.Her war schon gestorben und er wuchs seit vielen Jahren bei Fremdei heran, die seine Eltern nicht gekannt hatten. Nun schmerzte es ihn, ba> sein Vater nicht mehr lebte Er meinte, unbeschreiblich gut müßte es »ein, wenn er da wäre. Warum er das glaubte, hätte Florian wohl nicl zu sagen gewußt; fortan aber sehnte er sich sehr. i Er begann heimlich aufzuzeichnen, was ihm selbst von seinem Vater n»r im Gedächtnis geblieben war. Allabendlich, wenn man ihn bereits Nineschlasen glaubte, lag er noch lange im Dunkeln wach und sann sich ii lie Jahre der Kindheit zurück Fiel ihm etwas ein, wovon sich das iSiten des Vaters erhellte, machte er leise Licht und trug es in ein jlriales Heft ein, bas er diesem Zweck bestimmt hatte. Seine Aufschrift ^roete: „Der Türmer". Aber die weißen Seiten, die dem Knaben zuerst Wt auszureichen schienen, füllten sich nur langsam, unb in mancher Nacht schloß er entmutigt unb enttäuscht die Augen. Denn es zeigte sich liH allein, wie verschwindend klein unb nebensächlich die Züge des iutjuntenen Lebens waren, die sich auf diese Weise bewahren ließen. Itarlds nämlich Florian gelegentlich das Geschriebene, mußte er er- Micken feststellen, daß der Mensch, ben er mit Worten nachbilden tote, ihm sremder wurde, je länger er es versuchte. Bald wagte er W nicht mehr, eine Eintragung zu machen aus Furcht, den Schein, tir dem der Tote noch umwoben war, vollends zu zerstören. Doch ein ; pbiünftiges Verlangen saß weiter in seiner Brust und quälte ihn. I Aus dem Dachboden wurde ein alter, verfärbter Koffer aufbewahrt, w vem einst die wenigen Habseligkeiten des elternlosen Kindes ins f’tss gekommen waren Er stand staubbedeckt in einem finsteren | Rüttel,' unb fein unterstes Fach enthielt noch einiges, was man ent- Ifelsr herauszunehmen vergessen ober später als entbehrlich wieder fimingetan hatte. Zu ihm schlich sich nun Florian eines Tages ver- liMen hinauf Er hoffte, daß vielleicht auf seinem Grunde, bis dahm ! Mißachtet, noch ein paar Dinge aus dem Besitze des Vaters lägen, wo- «Mich ein Bündel Briefe ober einige Photographien. Aber es kam »Ä-'s Aehnliches ans Licht. Nur zerbrochenes Spielzeug, verschlissene, htrnflectige Schulbücher, blaue Hefte mit feiner eigenen, schon etwas ivic-blaßten Kinderhandschrift, ein rotgebundenes Album mit Reklarne- hrften und ein Kästchen voller schöngemaserter Steine, die er einst auf eiT Reise ihrer seinen Ouarzpunkte und -schnüre willen am Meeres- ftabe aufgelesen hatte. । Jedoch, es hätte auf Florian in dieser Stunde kein Blatt, fettt Gegenstand, nicht einmal ein Bild des Toten heftiger einwirken können, als dieser Fund. Denn es war das erstemal, daß er sich wachen Sinnes in einer srüheren Gestalt begegnete. Betroffen nahm er die alten Sachen in die Hände Zuoberst lag ein kleiner Apselschimmel. Florian lächelte; der pralle hölzerne Pferdeleib war von einer fahlbraunen Farbe überzogen: eines Tages hatte es ihm ein blanker Fuchs auf der -Straße angetan — so mußte das graugetupfte weiße Roß sich mit Schuhcreme verwandeln laffenl Unter dem Kopfende seines Bettes war fein Stall gewesen, und wenn er morgens erwachte, griff er mit der Hand hinunter und strich liebkosend über den glatten, geschweiften Rücken. Wie seltsam ihn das nun anmutete! — Er blätterte in den Heften. Hatte er wirklich diese Seiten beschrieben? Da war ein Aufsatz — „Die Sonne". Ach, er erinnerte sich gut, wieviel Mühe der ihm bereitet hatte Zur Mittagszeit war er in den Stadtpark hinaus- gegangen, um die Sonne so recht in ihrer Größe und Pracht vor sich zu sehen und sich alles, alles einzuprägen, was an ihr herrlich und merkwürdig war. Aber als er nun las, was er damals über sie niedergeschrieben hatte, mußte er mitleidig lächeln. — Dann schlug er das Album auf. Diese albernen bunten Marken hatten ihm gefallen! Er hatte sie so geliebt, daß er eine sauber und grab neben die andere klebte. Einmal, das wußte er noch, hatte ein Mitschüler, als sie auf der Straßenbahn von der Schule heimfuhren, einige zum Scherz aus dem Fenster geblasen. Lange hatte er den Verlust nicht verschmerzen können. — Und die Steine? Er ließ sie durch die Finger gleiten und begriff nicht mehr, warum er sie gesammelt hatte. Da erlebte Florian an sich selbst das Wunder des großen Werdens. Es befiel ihn eine Freude ohnegleichen. Er meinte, es werde auf einer ungeheuren Orgel gespielt, die Klänge wie Wolken über dem Lande brauen lieh. Was ihn entzückte und berauschte, waren freilich keine vernehmbaren Töne, wie sie sonst aus den Pfeifen strömen. — Und mitten in dem Stürmen unb Brausen, bas ihn unenblich bewegte, riß mit einem Male bie Finsternis vor seinen Augen auseinander wie jener Vorhang damals im Tempel, und es glühte und leuchtete gewaltig und jubilierte und brüllte mit Flammenzungen. Er wußte nicht, wie ihm geschah; es war ein Glücksgefühl in seiner Brust, das er nie vorher empfunden hatte. Er hätte lachen und fingen mögen und nicht fugen können, was ihn dazu trieb. Am liebsten wäre er sogleich aufgebrochen und weit gewandert. Es war in ihm ein Uebermaß an Lust erwacht, auszuschreiten, und sich zu regen. Am Abend dieses Tages holte er das Heft aus der Lade, auf das er den Titel „Der Türmer" gefetzt hatte; aber er schrieb nichts mehr hinein. Er sann ein wenig nach, bann machte er ben Ofen auf und schob es in dis Glut. „Du bist ja in mir!" dachte er, als es verrauchte, und meinte damit den Vater. Sür^in Eleonore Aeuß-Köstrih. (Ein Gedenkblatt zu ihrem 100. Geburtstage. Von Dekan Rudolf Widmann, Schotten. Am 20. Februar 1935 waren hundert Jahre verflossen, seitdem im alten von gewaltigen Baumriesen eines einzigartigen Parkes umrauschten Stolberger Grafenschlosse zu Gedern die Fürstin Eleonore Reuß das Licht der Welt erblickte, eine Frau, die in der deutschen Literaturgeschichte des vorigen Jahrhunderts eine bedeutsame Rolle gespielt hat. Ihre Stärke war die geistliche Dichtung, und mit Recht darf sie als die größte religiöse Dichterin des evangelischen Deutschlands in neuerer Zeit angesehen werden. Dichterblut pulste in ihren Adern; denn sie entstammte dem alten deutschen mediatisierten Dynastengeschlecht des Hauses Stolberg, das vor allem im 16. unb 18. Jahrhunbert bie beutsche Literatur beeinflußte unb ihr wertvolle Beiträge schenkte, wobei nur hingewiesen fei auf bie beiben „Wernigeröber Sängerfreife" unb zwar auf ben „Wernigeröber geistlichen Sängertreis", der sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts um den im Pietismus wurzelnden Erbgrafen Henrich Ernst sammelte, und auf den „Anakreontischen Sängertreis" — auch „Wernigeröder Dichterverein" genannt —, dessen Haupt Graf Christian Friedrich (1746 bis 1824) war. Unsre oberhessische Heimat und besonders ber Vogelsberg barf stolz barauf fein, bah bie be- beutenbe Dichterin Fürstin Eleonore Reuß bem oberhefsifchen Hei- matboben entstammt, unb es ist für ben Heimatfreunb eine Ehrenpflicht, ihrer bantbar zu gebenten. Hat sie sich boch vor allem einen unsterblichen Namen gemacht burch bas tief empfunbene, in viele beutsche evangelische Gesangbücher aufgenommene unb gerne gesungene Silvesterlied „Das Jahr geht still zu Ende". Es bleibt unverständlich, daß dieses Lied leider bis jetzt im Hessischen Gesangbuch keine Aufnahme gefunden hat; es dürfte erwartet werden, daß bei einer kommenden Gesangbuchreform dieser Fehler wieder gut gemacht und ber heimatlichen Dichterin ber ihr gebührenbe Platz eingeräumt wirb. Die Eltern ber Dichterin waren ber bamals im ©eherner Schloß wohnenbe Erbgraf Hermann unb seine Gemahlin Emma, eine geborene Gräfin von Erbach-Fürstenau. Im Jahre 1838, als bie Gräfin Eleonore erst brei Jahre alt war, siedelte die erbgräsliche Familie nach ber alten Harzheimat Ilsenburg über, wo sie im „Marienhos" wohnte. Nach weiteren brei Jahren — am 24. Oktober 1841 — verstarb (Erbgraf Hermann, unb bie Erziehung Eleonorens unb ihres Brubers Otto würbe nun geleitet von ber Mutter, einer trefflichen Frau, im Verein mit Fräulein von Möllenborf. die beide den inneren Werdegang der jungen Gräfin wesentlich beeinflußten. 20 Jahre alt reichte sie am 13. September 1855 zu Ilsenburg bem bereits 57 Jahre alten Fürsten Heinrich LXXIV Reuß-Köstritz bie Hanb zum Bunbe fürs Leben Sie nahm mit bem Gatten ihren Wohnsitz aus Jänkenborf in ber Ober-Lausitz. Aus ber sehr glücklichen Ehe gingen fünf Kinber hervor, von denen eine Tochter vermählt ist mit dem Pastor Grasen Lüttichau, dem bekannten Direktor ber Diakonissenanstalt Kaiserswerth am w Lks und: kulturellen Ent- wurde es gewiß heute als selbst- zeichen des guten Tons gelten, sind das Ergebnis allmählicher Schulung in h» eines der elementarsten Lebenstriebe, des 01 der mit seinen Härten und sich birgt, den rücksichtslosen gilt auch für die Tischsitten, 8a Hu M M ..L iift llto 1 litt) Cfjai *u|| Schl figet 3«) Dm Doch ziehet mein Verlangen Mich weit von der Erde los" „Heimgehen, seligwerden — o wunderbares Wort. Hohe dichterische Begabung verbunden mit inniger Wärme des Gefühls und aufrichtiger Herzensfrömmigkeit sichern der Dichterin ein bleibendes Andenken. Strahlend leuchtet ihr Name unter den Poeten des 19. Jahrhunderts. Unvergänglich bleibt besonders ihr tiefstes Lied: „Das Jahr geht still zu Ende". Nun fei auch still mein Herz! In Gottes treue Hände Leg ich nun Freud und Schmerz, Und was dies Jahr umschlossen. Was Gott der Herr nur weiß: Die Tränen, die geflossen, Die Wunden brennend heiß." Uv' 6}tti Sei Hilfe beim Essen getestet zu haben. Schon bei den primitivsten Völkern bat es Messer aus Knochen, wie bet den Eskimos, aus Stein, Muscheln oder Bambus gegeben; man bediente sich ihrer für die festen Speisen, und als Vorlegemesser haben sie auf fast allen Tischen des Mittelalters aeleaen Es war aber noch nicht üblich, ein Messer für jebes Gedeck zu nehmen. Der Löffel war als Eßgerät schon in der europäischen Steinzeit bekannt. In Aegypten gab es bereits 5000 v. Ehr. Löffel aus Holz und Stein; die Griechen benutzten sie nur für die Brühe, wahrend die Romer chon weitergehenden Gebrauch von ihnen machten. In der fränkischen 3eit ist der Löffel nur bei den Vornehmen verbreitet und fand spater auch im deutschen Bürgerhaus Eingang. Von einer allgemeinen Verwendung kann für Deutschland jedoch erst seit dem.16. Jahrhundert gesprochen werden. Der jüngste Tischgenosse des Menschen ist zweifellos die Gabel, und erst sie hat der bisherigen Sitte, bei den Mahlzeiten nut den Fingern in die Schüssel zu fahren, allmählich und endgültig den Garaus gemacht. Der Gabel begegnen wir allerdings auch schon bei Öen Römern und Griechen, aber eigentlich nur zum Herausholen des Fleisches aus dem Topf, zum Anrichten und zum Anstechen. So wurde sie auch bei den Germanen der Völkerwanderung und im frühen Mittelalter gebraucht. Als Eßgerät des Einzelnen ist sie wahrscheinlich erst tm 10. Jahrhundert in Europa aufgetreten und allgemeiner erst vor etwas mehr als zweihundert Jahren verwendet worden. Die erste Erwähnung der Gabel finden wir bei dem asketischen Sittenprediger Petrus D a m i a n i, der in seinem „Liber Gomorgianus gegen Die Weltlichkeit und Fleischeslust seiner Zeit zu Felde zog. Dabei erwähnt er als eines der schlimmsten Zeichen der Verweichlichung den Gebrauch der Gabel beim Essen. Wir verdanken diesem Kirchenvater auch eine wichtige Angabe über die Herkunft der von ihm gehaßten Neuerung. Nach seiner Erzählung soll sich eine byzantinische Prinzessin, die in Venedig tm Jahre 955 den Sohn des damaligen Dogen heiratete, beim Hochzeitsmahl eines kleinen goldenen Gegenstandes bedient haben, mit dem fie auf die reizendste und zierlichste Weise die Speisen zum Munde führte. In der üppigen und verfeinerten Atmosphäre des byzantinischen Kaiserreiches waren die Tischsitten schon damals in einer Welse entwickelt d,e elbft die wohlhabenden Venezianer in Erstaunen setzte und ihren Sinn für Vrachtentfaltung zur Nachahmung reizte. 1360 finden wir die Gabel zwar auch fchon in Florenz erwähnt, aber eine weite Verbreitung war ihr in der mittelalterlichen Kultur nicht vergönnt. VKe sie bereits bei ihrem Auftauchen in Venedig mit Spottgedichten bedacht und als eine schädliche Neuerung hingestellt wurde, so wurde sie besonders von der Geistlichkeit überall als das „zweizinkige Werkzeug des Teufels" ingrimmig verfolgt. Im 16. Jahrhundert verbreitete sich das neue Tischgerät dann auch in anderen Ländern, löste aber noch überall, wo es zum ersten Male auftrat, die heftigsten Auseinandersetzungen aus. So wie die Einführung der Gabel in dem französischen Kloster Saint-Maur einen leidenschaftlichen Streit zwischen den alten und jungen Mönchen heraufbeschwor, so wurde auch in Deutschland von den Geistlichen gegen sie gepredigt and dazu aufgefordert, die Gaben Gottes mit den Fingern anzufassen, wenn man den Schöpfer nicht beleidigen wolle. In England soll die Gabel zum ersten Male von der Königin Elisabeth benutzt worden fein. Daß bei der bisher üblich gewesenen Art, die Speisen mit den Fingern zum Munde zu bringen, die Reinlichkeit nicht immer zu ihrem Recht kam, beweist ein Buch aus dem 15. Jahrhundert über den „Anstand bei Tisch", in dem das gut erzogene Kind ermahnt wird, sich nicht „mit der nackten Hand, mit der man das Fleisch anfaßt, die Nase zu putzen. Und in der um 1480 verfaßten „Civilite" von Jean Sulpice wird geraten: „Faß das Fleisch nur mit drei Fingern an, ' Steck es nicht mit beiden Händen in den Mund. Laß deine Hand nicht zu lange im Teller. Man wird dich für schlecht erzogen halten, wenn du dir einen unanständigen Teil des Körpers kratzest, bevor du das Fleisch mit den Fingern zerteilst." Aus den Regeln, deren Befolgung hier empfohlen wird, kann man ungefähr schließen, wie es um die Tischfitten im allgemeinen bestellt t„ar. Noch im '16. Jahrhundert mußte Erasmus sogar die vornehmen Herren ermahnen, schmutzige und fettige Finger nicht zum Munde zu führen, um sie abzulecken, und sie auch nicht am Rocke abzuwischen. „Anständiger ist es", so fügt er hinzu, „wenn man sie am Teller abwischt.' Montaigne schrieb voller Verwunderung, daß man bei den Schweizern immer so viel Löffel sehe, als Leute bei Tische feien", und ein Engländer, der 1608 nach Paris tarn, berichtete, daß Gabeln dort fast unbekannt waren. „Das Merkwürdigste ist", so schreibt er, „daß man einen Italiener nie veranlassen könnte, aus dem Teller mit den Fingern zu essen; als Grund geben sie an, daß nicht jeder saubere Hände hat. Auch ich habe diese Sitte angenommen und sogar in England beibehalten. Das trug mir mehr als ein spöttisches Wort ein." Schon an diesen Beispielen sehen wir, daß die Gabel eine wichtige Schrittmacherin auf dem Wege zur Verfeinerung der Tischsitten gewesen ist, und bald findet sie auch am Tischtuch und an der Serviette unermüdliche Begleiter. Aber so schnell wollten die Menschen sich unter das Joch der neuen Bräuche nicht beugen, und fast jedes Jahrhundert hat sein grobianisches Zeitalter gehabt, in dem man seine überschäumende Lebenskraft Mehr oder minder geräuschvoll durch ein ungehobeltes Auftreten bekundete. Wie es beispielsweise bei Tisch unter den Studenten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zuging, zeigen die 1766 erlassenen Statuten des „Chursürstlich-Sächsischen Convictorii" auf der Universität Wittenberg. Von diesen Bestimmungen zur Wahrung eines gesitteten Benehmens bei Tisch feien nur genannt: „Art. 24. Wer vor dem anderen beym Fleisch oder Braten in die Schüssel fährt, ist in 6 Pf. Strafe verfallen. Art. 25. Die Zugemüse und Caldaunen sollen mit Löffeln getheill werden, jedoch, bei 2 Pf. Strafe, die Suppe weiter nicht unter die Zugemüse, noch die Zugemüse in die Suppen-Schüssel geschüttet, sondern jedwedes allein gegessen werden. Art. 29. Niemand soll dasjenige, was er zu seinem Theile mit der Gabel oder Messer anzesaht, ober auf das Tischtuch geworfen, wieder zurück in die Schüssel legen bei 6 Pf. Strafe.' x:t wie ! liier -E lllsg C;lk I und einer Verfeinerung der Ümgangsformen, die sich der menschlichen Gesellschaft als eines der wirksamsten Mittel anbot, um die ungestüme Wildheit der Leidenschaften zu bändigen, Gebärde und Ausdruck zu dämpfen und mit den Pflichten der Gemeinschaft in Einklang zu bringen. Diese Läuterung und Veredlung des Benehmens im Verkehr unter den Menschen hat sich, so sehr sie auch immer vom persönlichen Takt des einzelnen getragen wird, in der Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht durchgesetzt und ist überhaupt eine der treibenden Kräfte der Kultur; sie ist die Verklärung des Alltags, Existenznöten immer wieder die Gefahr in Kampf aller gegen alle zu entfesseln. Das deren Geietze nicht den zufälligen Launen geiftes entsprungen sind, sondern in denen keine Schwierigkeiten bereiten, die meisten der uns , verständlich erscheinenden Regeln des Anstands und der Höflichkeit auf ein praktisches Bedürfnis und auf eine vom Leben gebotene Notwendigkeit zurückzuführen. Ritterlichkeit, gepflegtes Benehmen und eine gesittete äußere Haltung, kurzum alle die Eigenschaften, die uns als die Kenn- Dnl Itmf Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts»Duch» und Steindruckerei. 5L Lange, (Sieben. eines genießerischen Schön- sich ebenfalls die Erhebung ----- -------- Verlangens nach Sättigung nämlich, zur gesellschaftlichen Form vollzieht. Mester und Löffel streiten sich um den Rang, den Menschen die erste Gelänge es uns, den verschlungenen Wegen der Wicklung bis in die letzten Ursprünge nachzuspüren, so würde es gewiß Tischsitten durch die Jahrtausende. Von Dr. Wolfgang Frahm. Rack dem km Fahre 1884 erfolgten Tode des Fürsten Reuß kehrte die Dictzterin wieder nach ihrem geliebten Ilsenburg zuruck wo sie am Sem mber 1903 oerüarb und ihre letzte Ruhestätte fand neben der dariiaen Kirche Bei ihrer Beisetzung sang die große, tief ergriffene ÄrgeSe' bfe brei letzten Strophen ihres Liedes „Das Jahr geht ^‘%as dichterische Talent der Fürstin zeigte sich schon ^ühe. Erst zwei- unbiwanzigjährig dichtete sie auf einer längeren Fahrt durch das ver- u s , der Gattin des Begründers der Pflege-Anstalten für Epileptische und Biode 4" Nemstedt. Vbllivv von Nathusius, das schon erwähnte Lied „Das Jahr geht still Ende" Letzterer wär der Herausgeber des „Volksblattes für Stabt unb Land", bas einen großen Leserkreis in den christlichen Familien des nörblichen Deutfchlanbs hatte und belehrenben unb unterhaltenden Charakter trug. Auch Marie von Nathusius war Mitarbeiterin ihres- Mannes und würbe in manch guter unb viel gelesener Erzählung als „Frau Volksblattfchreiberin" gerne gehört; fie war es auch, bte in einer ihrer Geschichten „Das Baregekleid" ihrer jungen Freunbin Eleonore in einer Tbeobora" genannten Gestalt ein bleibenbes Denkmal errichtete unb auch im Jaime 1854 ber 19jährigen Gräfin ben Adbruck ihres ersten Siebes „Die Glocken der Heimat" im „Volksblatt" vermittelte, wovon bie erste" Strophe angeführt sei: „Meister, wollest nur bereiten Festes, klingendes Metall, Gib ein Helles, frisches Läuten, Reiche Kraft dem schwachen Schall, Denn alleine Hab ich keine, — Laß mich fein dein Widerhall " Durch diesen ersten Versuch ermuntert, ließ die Dichterin, die gar bald empfängliche Leser gefunden hatte weitere Lieder folgen, deren erstes Bändchen im Jahre 1867 unter dem Titel „Gesammelte Blatter von Eleonore" herauskam; 1880 und 1882 erschienen zwei weitere Sammlungen „Gedichte". Im Jahre 1873 veröffentlichte sie „Die sieben Sendschreiben der Offenbarung St. Johannis in Siebern . Aber auch auf bem Gebiete ber Biographie betätigte sich bte Fürstin. So schrieb sie eine Sebensgeschichte von Philipp von Nathusius, verfaßte weiter eine solche ber Gräfin Frieberike v. Reben, ber Freundin von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, die bekannt geworden war als wackere Helferin der um ihres Glaubens willen aus Oesterreich vertriebenen evangelifchen Zillertaler, und rvürbigte schließlich in einem umfangreichen Werke den hochkonfervatwen Politiker Adolf v. Thadden- Trieglaff. Auch darf nicht unerwähnt bleiben ihre Mitarbeiterschaft an der von D. Rudolf Kögel, D. Emil Frommei und D. Wilhelm Baur begründeten „Neuen Christoterpe . Schier unerschöpflich rann der Born ihrer geistlichen und weltlichen Sieder, wie auch größerer Verserzählungen. Von allgemein bekanntgewordenen Gedichten seien noch besonders die beiden erwähnt: „Ich bin durch die Welt gegangen Und die Welt ist schön und groß,