Nummer 82 Montag, den 2[. Oktober Jahrgang 1935 °b * nur irf) höre gern zu!" letzt von Dingen fir* Es gibt Wichtigeres!" Alfred: „Na schön! Dann rede doch ... bitte ...! Ich höre gern zu! Barbara (weinend): „Glaubst du wirklich, daß ich letzt von Dingen sprechen könnte, die entscheidend zwischen uns stehn?" Alsred: „Ich sehe das nicht ein. Ich höre wirklich gern zu. Aber Barbara sagt natürlich nichts. Sie hat genug darnit zu tun, ihre aus. ,#l um HM f das M )t, daß Ü houls DOP n. Da W Die ft» iir tonnten liehen ■ lohren «il I ng, als kl ging oij, iehen, olli ■> die O weg, im mfen. 6t >ann Höch Richbiis ||ai traten 1 'hr mH n auf ben i Stimmt. hedjfJ „schwedti Unter jd °r°ng tJ °us J da- Seit. >l|eln b(J und litt horte unj A uni Ann. Unb «durch, jj unglürften -in ihn über bti t Tür J ich J ■ tnt^ *°|ii Frauen ..." . Barbara: „Ich wollte auch nicht über Frauen sprechen und schon gar nicht über Fehrjche Frauen ..." Alfred: „Aber wir müssen doch den Fall Fehr auch mal zu Ende ^Barbara (sehr heftig): „Also bring es zu Ende! Aber ich sage dir: Freunden stehst. ----- , , Barbara: „Ich fand Fehr nicht unter allem Niveau längst schon über seinem Niveau. Weißt es nur nicht .. Alfred: „Das ist mir zu spitzfindig. Fehr hatte doch recht: Die ere an k gha weift«' I Mb M ■eine fr das W n Sorill««1 i nichit(I' lchen * bis R°B sahen S n uni, «1; ast ab, • nicht- w lz irnetnu*1^1 «ichi-Z ch ließ * jfranbW n * 1 Sarit" mach" ?**! HB Z Iles Ä i suM' ' oierl* MtzenerZamiIieMMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Barbara fragt: „Bist du ärgerlich, daß ich über so was nachdenke? Sag mal ehrlich!" „Aergerlich ..." Alfred zögert und gibt es damit zu. Ja, er ist etwas ärgerlich über Barbaras vieles Sinnieren und Grübeln. Das Leben ist doch gar nicht so rätselhaft. Das heißt: Ganz innen mag es ja rätselhaft und unerklärlich sein. Aber draußen, dort, wo man atmet und lebt und sich entscheidet, da ist es ganz einfach, wenn man es nur lebt Das ist feine Ansicht. Freilich hier auf dem Urlaub, zwischen lauter Nichtstuern und nur damit beschäftigt, einer schönen jungen Frau zu dienen, hat er auch manchmal komische Gedanken. Die Ehe — das gibt er zu — f>at ihn überrascht und etwas unsicher gemacht. Wodurch ... das sagt er noch nicht. Kann es noch nicht ganz ausdrücken. Es ist aber wohl das, daß er zum erstenmal einen Gleichklang zwischen seiner Seele und seinen Sinnen erlebt hat und gesehn hat, welche Lebenskraft in einer Frau steckt. Davor hat er ein bißchen Angst. Er denkt noch, er könnt« von sich weg- gezogen werden, von seinem Beruf, seinen Aufgaben, seinem Zentrum. „Wir werden uns schon einigen", sagt Alfred. „Ich werde was von dir lernen, nämlich, wie man es schwer nimmt, und du was von mir, nämlich, wie man es leicht nimmt." So ... dies Thema ist also erledigt. Oder bleibt noch was darüber zu sagen? Er will nicht als der robuste Mann dastehn, der jede Diskussion ablehnt. „Nein", flüstert Barbara, „darüber ist nichts mehr zu sagen, aber ich muß dir endlich etwas sagen, das wir nie zu Ende bringen." Alfred zündet die kleine Nachttischlampe an, die kümmerliche rote Leuchttulpe, die auf allen Pensionsnachttischen blüht. Er möchte eine Zigarette rauchen. Bitte sehr. Barbara auch eine? Bitte sehr. Der Regen hat nun das Haus ganz eingehüllt. Er riefelt über das Dach, er flieht über die Wände. Er gluckert in allen Rinnen, er zischelt im Laub der Esche. Die Fensterbretter vibrieren ganz leise unter dem Regenschlag. „So — nun können wir aber wirklich sprechen", sagt Alfred. „Du mußt aber genau wissen", beginnt Barbara, „daß ich dich jetzt noch viel mehr liebe, als bevor wir geheiratet haben." „So", sagt Alfred. „Woran merkst du denn das?" Woran sie das merkt? Das merkt sie daran, daß sie mit ihm auch einverstanden ist, wo sie nicht einverstanden ist. Daß er zum Beispiel mit allen Menschen auf ihrem Niveau spricht, statt auf seinem, daß findet sie nicht gut. Denn bann merkt er eines Tages vielleicht nicht, „Magst du nicht auch liegen?" fragt Barbara. „Komm — ich rücke ein Stückchen!" Alfred legt sich vorsichtig zu Barbara Er streckt sich. Er schiebt behutsam seinen rechten Arm unter ihren Kops, ffitne Traufe an. 3 fingen. Blechern und eintönig, wie eine Operettensangerin. Aus Die zmk- beschlagenen Fensterbretter trommeln die Trapseni leife unb ern^'"91 Einmal geht noch eine Tür, vorsichtige Mannerschritte tapsen über ben Flur. Ein schlechtes Gewissen ist unterwegs. „Warum schläfst bu noch nicht?" fragt Alfreb. „Was ist bas für eine Biarbara lacht. Die Wänbe finb bünn. Die Türen haben «palten. Der Regen ist schuld. Das Wetterleuchten. Meine Uhr. Augerdem denke ich nach." „Worüber denkst du denn nach?" fragt Alfred. Barbara denkt über vieles nach. Zum Beispiel, warum die Menschen hierherfahren, wenn sie doch fest entschlossen sind, von der _Batur feinen Gebrauch zu machen und im sonnigen Flußtal Zwischen Wald ,e unb reisenben Kornfelbern genau die gleichen Dummheiten z ) Zu Hause. Alfred findet das auch komisch. Wer es >s «hm«bisher mch ausgefallen, und er hat sich über solche Dinge Niemals den Kopf zer brochen. Man muß die Menschen - findet er — so 'Een wie sie sind und die Bäume auch, wie sie sind, und den Fluß °uch- Wozu trau g fein, daß es in einem Walde anders hergeht als in einer Pension. Tränen zum Versiegen zu bringen. , Barbara", versucht Alfred noch einmal, „Barbara, Barbi ... Dann liegt er eine Weile schweigend, dreht das Licht aus und tastet sich, nachdem er Barbara flüchtig die Stirn gestreichelt hat, in sein Zimmer hm- ‘‘^Seber liegt nun überwach, trotzig in seinem Bett. Der Regen schüttet draußen. Der Fluß ist unter seinem Rauschen nicht mehr zu Horen Der Hund vom Sägewerk heult ohne Pause. Barbara ist es recht kläglich ,wmut. Dieser dumme Streit! Ist es denn nicht verständlich und sogar richtig daß die Männer sich gegenseitig verteidigen? Soll sie sich nicht lieber freuen über die treue Kameradschaft ihres Mannes? Das ist doch wirklich alles nicht schlimm ... dies bißchen Streit. Nein, schlimm ist nur, daß sie wieder nicht von Rauthammer gesprochen hat. Wenn das nun rum Drittenmal scheiterte, muß es doch ihre Schuld mit sein. Und außerdem- Wenn sie nicht bald spricht, kriegt die ganze Sache zum Schluß noch eine Wichtigkeit, die ihr nicht zukommt. Kriegt dieser Rauthammer doch noch eine Macht über ihr Leben und ihre Ehe ... Sie muh also Alfred hat nie darüber nai nicht schön oder nicht schlecht fin! eine Waldregenlaubluft hereingc wieviel er ist ... * „Ich bin nicht hochmütig", sagt Alfred gereizt. „Nein, sicher nicht", erwidert Barbara, „eher zu vertraglich ... „Das geht wieder auf Fehr", seufzt Alfred. „Du verstehst eben von einer bestimmten Art von Männern nichts." „Mag fein", gibt Barbara zu, „aber ich wollte von etwas Wichtigerem sprechen ..." , Es ist aber höchst wichtig", fällt Alfred ein, „wie du zu meinen Freunden stehst. Wenn du sie so unter allem Niveau findest .V Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Öon Walther von Hollanöer Copyright 6y August Scherl G.m.b.tz„ Verlin 9. Fortsetzung. Sie geht hinein. Sie legt sich wieder ins Bett. Merkwürdig waren diese drei Tage. Man merkt erstz wie überflüssig es meistens ist, mit anderen Menschen zu sprechen. Was Haden fie beide zum Beispiel mit Frau Görnewitz gemeinsam, was mit den beiden Kichermädchen, was mit Bankrat Meidam? Nichts. Ihr Leben will was anderes und ist was anderes. Und es ist nur merkwürdig, wie man das verschieden aufnimmt: Alfred ist immer liebenswürdig, sreunblich, interessiert scheinbar. Sie, Barbara, wirkt immer hochmütig, abweisend und kalt. Zu dumm! Sie findet sich gar nicht besser als die andern Menschen. Sie findet sich nur anders. Das Dümmste aber ist: Sie findet Alfred zu liebenswürdig, und Alfred findet sie zu hochmütig. Da hat man also wieder einen kleinen Grund zum Streiten. Wie? Sie streiten sich? Nein, aber sie kabbeln sich, sie ärgern sich ein bißchen übereinander, und sie müssen sich öfter aus- sprechen, als es ihnen lieb ist. Ist das nun schlimm? Sie hort nebenan durch die offene Tür Alfred Meimberg gleichmäßig und ruhig atmen. Sie härt an der offenen Balkontür die Regentropfen gleichmäßig fallen. Schlimm? Nein, sie ist glücklich. Sie schließt die Augen. Sie schläft ein. Der Regen draußen verstärkt sich. Der Wald rauscht auf. Die Baume seufzen und werden unter dem sanften Regen still. Das ferne Gewitter ist ausgelöfchi. Nun löschen die Lichter unten im Speisesaal aus, die Stufen knarren, die Türen schließen sich. Im Sägewerk unten am Fluh wacht ein Hund auf und bellt, ein anderer Hund antwortet, Dann ist alles still. Es scheint, als ob AlsreD Meimberg von Der Stille geweckt ist. Er tastet Durch Die Dunkelheit. Er setzt sich vorsichtig aus Barbaras Bett. Er nimmt ihre HanD. „Es regnet", sagt er leise, „mächtig." Barbara ist gleich wach. „Schön ist der Regen", flüstert fie, „nicht wahr?" llnö fie finbet, Dah Die Ehe doch eine ausgezeichnete Einrichtung ist, weil man alles DaDurch neu erlebt, Dah Der andere zum erstenmal Dabei ist. Regen zum Beispiel, eine Regennacht hat sie noch nie so erlebt. „Bei uns", sagt AlfreD, „war Regen zweitklassig. Meine Mutter ist immer gekränkt, wenn es regnet. Unb Vater faßte Regen als eine Be- rufscmgelegenheit auf, eine Solbatenfache. Wegen fur bieBaume gab es nicht, fonbern nur Kafernenhofregen, Setänberegen unb Manoverregen. Unb das Dienstalter richtete sich nach den Kubikzentimetern Regen, die der Offizier auf das Fell gekriegt hatte. Die Generalftabsoff>z>ere hatten deshalb für ihn fein Dienstalter." „Und bu?" fragt Barbara. „Wie findest du Regen?" ichgedacht. Regen kann man doch eigentlich finden. Hier im Zimmer natürlich, jetzt, da . /...mgeweht, ist Regen angenehm unb unter-- haitlich. Man braucht aber nichts barüber zu sagen. morgen die Sache erledigen. Und sie wird sich schon jetzt jedes Ausweichen zubauen. Jetzt gleich. Einen Augenblick zögert sie noch. Es ist sicherlich falsch, daß sie jetzt, nachgibt, daß sie ihrem Mann „nachläuft". Aber sie kann so nicht rechnen. Es steht mehr auf dem Spiel als ein bißchen Weiberstolz und Ehetaktik. Sie muh Rauthammer erledigen. Rauthammer erledigen. Sie beugt sich vorsichtig über Alfred. Er schläft ruhig, tief und angenehm. Wenn sie ein wenig dümmer wäre, würde sie jetzt beleidigt vor so viel Seelenruhe des Mannes umkehren ... und hätte dann den ersten richtigen Riß in der Ehe. Aber sie weih jetzt schon, daß man Liebe, die man für den Partner empfindet, auch dann einsetzen muß, wenn man sie mal einen Augenblick lang nicht empfindet. Liebt man ... so soll man wirklich lieben. Sie beugt sich darum zu Alfred nieder. Sie küßt ihn auf die Stirn, auf die Augen, auf den Mund. Sie umarmt ihn warm und freudig. „Alfred! Alfred!" Alfred fährt auf. Er tastet nach ihr. Er zieht sie an sich. „Barbi! Da bist du ja! Schön, Barbi. Was sagst du? Was wolltest du?" „Ich wollte nur sagen", flüstert Barbara hastig, „daß ich morgen mit dir über meine erste Liebe sprechen muß. Morgen ... ganz bestimmt ... Du mußt mich erinnern ... Nein ... jetzt sollst du nichts sagen ..." Alfred sagt nichts. Gut ... man wird also morgen über diese erste Liebe sprechen. Es ist vielleicht wichtig. Wichtiger aber scheint ihm im Augenblick, still neben Barbara zu liegen und auf den Ruf des Regens zu horchen, auf das Trommeln der Traufen und Tropfen. Er meint zum erstenmal zu spüren, was Regen ist und was ein Wald ist, der geduldig wartet, bis Regen kommt, und lautlos und gierig den Regen in sich eintrinkt. Er kann es erst jetzt spüren, weil er Barbara liebt, weil er durch sie aufgerührt, geweckt, aus dem Trott geholt ist. „Ich liebe dich immer mehr, Barbi!" sagt er aus dem Dunklen in den Regen hinein. Und Barbara antwortet aus dem Regen: „Immer mehr, Alfred ... immer mehr ...!" Weiter sprechen sie nichts mehr. Der Regen aber redet die ganze Nacht durch. Die Wolken ziehen dicht über den Waldberg. Schütten ihren Regen über die Hänge, die Wiesen, das Waldtal, über Fluß und Häuser. Langsam und viel später als sonst wird es dämmerig. Man kann schon die Zeiger der Uhr erkennen. Man kann schon den Erlenbusch drüben vor dem Wald sehn. Da schlafen sie endlich ein. Beide lächeln. 12. Dies also ist der wichtige Tag der Unterredung zwischen Barbara und Alfred Meimberg über Rauthammer. Er beginnt mit Regen. Don Irland ist — ganz wie die Zeitung es angezeigt hat — ein Tief gekommen. Es besteht jetzt, da es angekommen ist, aus einem leichten Wind, der mit weißgrauen Wolken behängt ist. Die Wolken können aber nicht über die Waldberge, die das Flußtal eingrenzen. Sie treiben fluhquer und fluß- längs. Verquirlen sich in den Bäumen und regnen sich gründlich ab. Man könnte also gleich nach dem Frühstück mit der Unterredung beginnen? Einverstanden, meint Alfred. Aber nicht hier zwischen den Gästen. Sie werden lieber zusammen losfahren. Meimberg hat sowieso Lust, irgendwo in einer Stadt hinter einem Konditoreifenster zu sitzen und seine Zeitung zu lesen. Vielleicht hat er auch Lust, Dr. Fehr, den Arzt in Stuttgart, aufzustöbern. Wäre doch ganz nett. Hallo! Hallo! Schultern geklopft! Einen Schoppen Wein getrunken. Mittag gegessen. An einer Pfeife genuckelt und über Politik gesprochen. Nein, das mit Stuttgart muh nicht gerade an diesem wichtigen Tage sein. Alfred muß in den nächsten Tagen sowieso hirr. Cs ist ein Brief von Dr. Kleesand und Dr. Weppen gekommen. Ein gräßlich dicker Brief. Barbara hat ihn doch gesehen. Sie haben ihm einen ziemlich hoffnungslosen Fall übertragen, der nach Stuttgart hinüberspielt. Wenn Barbara weiterfragte, würde er ihr den Fall erzählen. Er wüßte gern ihr — rein menschliche s — Urteil. Aber sie ist von ihrem Vater gewöhnt, daß über Berufliches nicht gesprochen werden darf. „Heute also, bitte, nicht Stuttgart", sagt Barbara, „sondern wieder, wie sonst, irgendwohin. Spann nur das Auto an!" Sie zieht ihren roten Regenmantel an, mit der glasdurchsichtigen Kapuze. Die Schnürschuhe, den Allwetterrock. „Schön, daß es regnet", sagt Alfred, als er herunterkommt. „Siehst wirklich niedlich aus!" „Siehst auch niedlich aus!" sagt Barbara gekränkt. Niedlich ... das Ist eine Phrase aus der Fehrschen Kiste ... paßt aus Schlagsahnemädchen. „Siehst sehr niedlich aus mit deinem Läppchen und deinem Regenkäppchen. Famos, Junge!" „Los! Los!" antwortet Alfred. „Der Motor scharrt schon vor Ungeduld mit den Hufen." Frau Görnewitz kommt noch aus dem Haus geschossen in einem reizenden, rot tarierten Küchenkleid. Sie sieht jünger aus als jemals. Regen — so teilt sie mit — bekommt ihrer Haut so gut. Ob die Herrschaften zu Mittag wieder da sind? Nein, die Herrschaften sind nicht da. Die anderen Herrschasten, die eben an den Fenstern erscheinen — Bankrat Meidom, die beiden Kichermädchen, der blumenpflückende Oberlehrer und zwei nette neue Gesichter, Hauptmann Gericke und Frau — die anderen Herrschaften müssen schon allein zu Mittag essen. „Schade!" ruft das eine Kichermädchen. „Schade!" echot Meidam. „Schade, schade!" lachen die anderen. „Schade!" lacht auch Meimberg. Winken hin, Winken her. Barbara sieht sich Frau Gericke prüfend an, die Frau des Hauptmanns, eine Blondine, das Haar straff zurück- gestrichen. Gefällt ihr. Sie lächelt ihr vorfichUg zu. Guten Tag! lächelt sie. Auch eben verheiratet? Auch ein bißchen erstaunt und ausgerührt und schwindlig? Und Frau Gericke lächelt zurück. Wird rot. Jawohl! lächelt sie. Man staunt, was für ein fremdes Wesen so ein Mann ist. Auf Wieder- sehenl „Reizend!" sagt Barbara, als das Auto über den Fluß hinüber i} und das Waldtal hinausklettert. „Reizend, diese Frau Gericke!" Reizend? Alfred ist ganz erstaunt. Er hat die Frau überhaupt nicht I bemerkt. Er hat nur den Hauptmann gesehen, den langbeinigen, schmal- ! hüftigen Gericke, der ein Meisterreiter sein fall, ein ausgezeichneter Boxers und Tennisspieler. Außerdem liest er die „Wahlverwandtschaften". Bas > hat Frau Görnewitz erzählt. Merkwürdig, nicht? Ja, vielleicht merkwürdig, obwohl nicht einzusehen ist, warum eia ■ Meisterreiter nicht die „Wahlverwandtschaften" lesen soll. Im übriger! interessiert sie sich im Augenblick nicht für andere Männer. Sie flitzen durch die kleine Stadt, über den Marktplatz mit den spitz, 1 giebeligen Häusern, ein Stück geht es durch die Ebene, die eintönig im* Regen steht. Kornfelder, Weinberge, Bauernhäuser, mit Rosen davor, mit t Malven, Levkojen und Riesenmohn. Hllgelauf wieder ein Stück, ein paar- Dörfer, eine Stadt: Blaubeuren. Blaubeuren? Soll Barbara endlich in Blaubeuren von Rauthammer sprechen? Alfred ist gerade so lustig. Er spielt den Fremdenführer. Bitte, hier ist eine echte Blaubeurener Rasenbleiche zu sehen, mit unzähligen Leintüchern. Dann kommt eine Villenstraße, 1890 erbaut, wie die Villen, strotzen der meisten kleinen Städte, Häuser mit Erkerchen, mit Türmchen, s mit Spitzchen, mit Giebelchen, mit eisernen Landsknechten in Pluderhosen,» deren Lanze nach dem Wetter sticht. Wie kommt die Zementkugel aufs, Dach? Bitte, ernstlich: Hat man ein Recht, die Generation in den Orkus zu schicken, die das baute, die dafür schuftete, die darauf stolz war? Jawohl ... das mag [ein. Aber Barbara möchte jetzt das andere besprechen „Was für eine wundervolle Regenlust doch ist!" weicht Alfred jetzt! deutlich aus. „Kräftig und farbiger als in Norddeutschland. Nicht wahr?"! Sie gehn einen Fußpfad. Sie gehn ein klein wenig gegeneinandergelehnt, f aber das wissen sie nicht. Mit einemmal liegt mitten im Ort ein StückI Waschblau. Kein Zweifel. Es sieht, mit einem Geländer versehen, in einem etwas schütteren Stadtwald gelegen, vierzig Meter breit, wie eine Waschmittelreklame aus. Ist aber ein natürliches Wasserbecken, der Blautopf genannt, wie man an einer Holztafel lesen kann, der Quell der Blau. „Es ist demnach was Berühmtes", seufzt Barbara, „und wir haben es, sogar gesehn. Schnell weiter!" Sie kommen, weil alle Wegweiser hinfllhren, zum Kloster. Sie geben einen hohen, Hellen Kreuzgang. Dann stehen sie vor Syrlins Chorgestühl, stehen sie vor seinem Schnitzaltar. „Merkwürdig, die Apostel!" sagt Alfred. „Wenn man ihnen die Haare und die Bärte fchneidet, sind es Menschen von heute. Da ... bitte, der Petrus ... ist das Fehr? Natürlich! Und das ist Weppen ... der Judas. Wie?" Barbara sieht die Figuren Gesicht für Gesicht durch. Sie sind unheimlich lebendig, dabei etwas starr, sehr übertrieben. „Und dies, bitte?' lacht Alfred. „Bart wegdenken! Dein Onkel mit dem hohen Kragen ... der Sinologe. Wie hieß er?" „Und dies", sagt Barbara laut, man muß endlich damit zustande kommen, keine Entschuldigung mehr, bitte, „dieser hagere Johannes da ... aber du mußt dir die Perücke wegdenken, er hat jetzt nämlich keine Hoare mehr ... dieser Johannes sieht aus wie der Mann, den ich mal geliebt habe." „So", sagt Alfred, „die Haare weg! Na also ... Johannes." „Nein", sagt Barbara, „er heißt nicht Johannes. Er heißt Karl Rauthammer." Alfred geht weiter. Er findet den Altar schön in Einzelheiten, überladen im Ganzen. Sie kommen durch den Klostergarten, sie begegnen zwei Theologiestudenten mit derben Schädeln und dunklen Haaren, angenehmen groben Bauernjungen. Sie kommen zurück zum Auto, sie fahren langsam die Stadt ab, indem sie sich ein bißchen zu den Fenstern des Autos hinausbeugen. Es gibt nichts Besonderes zu sehen. Sie fahren langsam ins Flußtal hinein. Barbara ist es jetzt viel leichter zumut. Sie hot angefangen zu sprechen. Nun kann Alfred ja weiterfrogen. Aber er spricht, als fei nichts geschehen, vom Motor, der nie wieder versagt hat, feit Krause II ihn behandelte. Sie sprechen über den Weg, den sie fahren wollen. Nach Ulm. Sie muß noch mal auf den Münsterturm steigen. Hat sie denn Alfred nicht die merkwürdige Sache von ihrer Mutter erzählt, die nicht von Türmen hinuntersehen konnte? Und auf des Vaters Wunsch doch hinoufgeklettert war? Und von dem seltsamen Ausdruck, mit dem sie vom Turm in die Tiefe starrte? ... Entsetzen, Abgrundsehnsucht. „Davon hast du mir nichts erzählt", sagt Alfred. „Du hast mir überhaupt nur sehr wenig erzählt. Den Nomen Rauthammer habe ich heute zum erstenmal gehört." „Hallo, halt!" sagt Barbara. „Anhalten! Wenn du bei deinem Autolenken immer auf die Straße starrst, kann ich nicht mit dir sprechen." Sie stehen auf einer Anhöhe nicht weit von Ulm. Der Regen ist jetzt so heftig wie in der Nacht. Er trommelt auf das Verdeck des Wagens. „Ich habe schon ein paarmal davon gesprochen, daß ich jemanden geliebt habe", beginnt Barbara. „Weiter!" sagt Alfred. „Sprich weiter!" „Nein, nein“, sagt Barbara, „jo hat es keinen Zweck. Du siehst mief) an wie ein inquisitorischer Heldenvater. So kommen wir nicht weiter. „Es ist überhaupt ein riesiger Unsinn!" versucht Alfred. „Wir machen eine Wichtigkeit daraus. Es muß doch nicht jetzt erledigt werden?" „Jetzt nicht", lächelt Barbara, „aber heute noch. Morgen kann es schon zu spät sein." Sie fahren. Sie kommen in einer Regenpause in Ulm an. Gehn durch althäufige Straßen, sitzen in einer Konditorei, gleich gegenüber dem Münster. Die Ulmer kommen herein, schütteln den Regen von den Schirmen, essen Kuchen, klatschen, wie andere Städter auch, die nicht einen so schönen Dom zum Unschönen und Beten haben. (Sortierung folgt) 'Riff im Mondschein. Von Achim von Arnim. Herz zum Herzen ist nicht weit, Unter lichten Sternen, Und das Äug', von Tau geweiht. Blickt zu lieben Fernen; Unterm Hufschlag klingt die Welt, Und die Himmel schweigen. Zwischen beiden mir gesellt Will der Mond sich neigen. Zeigt sich heut in roter Glut An dem Erdenrande, Gleich als ob mit heißem Blut Er auf Erden lande. Doch, nun flieht er scheu empor, Glänzt in reinem Lichte, Und ich scheue mich auch vor Seinem Angesichte. TurmveUchen. Auszeichnungen aus dem Kriege. Von Max Mell. Die Batterie war ausgebaut und in Czernowitz eingerückt. Wir Einjährigen hausten zu dritt in einem ebenerdigen Raum der Kasernen- anlage; die gesamte Einrichtung des Zimmers bestand in zwei eisernen Bettgeftellen. Wir gewannen ein drittes Lager dadurch, daß wir sie in die Ecken rückten und die Schmalseiten mit einer Bretterlage verbanden, der Raum war lang genug, daß wir in einer Linie schlafen konnten. Vornehm an ihm war der Parkettboden! wir waren in den Amtsräumen eines Kommandos. Leider kroch nachts Ungeziefer aus den Fugen, es waren hier viele Einquartierungen gewesen. Eine Glastafel in dem hohen Fenster fehlte; wir ersetzten sie allabendlich durch Zcitungsbogen, denn es drang gegen Morgen schon bittere Kälte herein. Es war Herbst geworden, und bei einer Uebungsfahrt über Land wußte er mein Herz zu beschleichen. Denn ich sah in der abgeernteten Landschaft nirgends mehr ein Zeichen des Lebendigen; ein langer, bleichgoldener Glanz lag über ihr, nichts rührte sich mehr in der Luft; ich brachte von dieser Fahrt eine gewisse Beklommenheit mit, und die zuversichtlichen Worte, die mir vor wenigen Wochen das unverhoffte Zusammentreffen mit Hans Carossa entlockt hatte, hätte mir jetzt einer vorhalten müssen. Manchmal leistet man dies, in sich wieder Ordnung zu schaffen, aus sich selber; manchmal aber sind die Dichter dazu da und nehmen es uns ab. So erging es mir diesmal. Ich hatte in einer der Buchhandlungen der Stadt ein wenig gemustert, was mir etwa zusagte, und ich sand das „Buch der Bilder" von Rainer Maria Rilke. Es hatte auf mich gewartet; es stehen die großen Gedichte von dem Zaren darin, und drei Invasionen der Russen und manche Plünderung hatte es nicht von der Stelle gerückt. Es bestimmte mich sogleich der Gedanke, meinen Zimmerkameraden damit etwas Neues und Besonderes zu bringen, ich erstand das Buch und erzählte am Abend — es dunkelte früh und wir hatten ein Kerzenstümpfchen — den beiden von dem Dichter und was er bedeutete. Ich schlug das Gedicht auf, das mir jungem Träumer seinerzeit größte Entzückung gewesen, als ich es zum ersten Male, das war jetzt anderthalb Jahrzehnte her, in einem Heft der „Insel" gelesen hatte: „Der Sänger singt vor einem Fürstenkind ..." Ich las es vor. Der Kamerad, dem ich es vor allem zugedacht hatte, ein kultivierter junger Wiener aus gutem Hause, schien von der präraffaeli- tischen Schönheit der Bilder, von dem verwirrenden Klang der Verse und Reime kaum berührt. Aber auch mir blieb die Erhellung, die ich durch das Heraufrufen eines schönen Traums erhofft hatte, aus und ich fand mich enttäuscht. Allein das Buch enthielt auch Gedichte die mir unbekannt geblieben waren, denn es war die neue erweitere Ausgabe, in der es ein kleiner dicker Band geworden war. Und da stand ich aus einmal vor dem kurzen Gedicht, welches das eine herbstliche Ereignis: das Fallen der Blätter, in allen Gegenständen sieht; es ist in allen; alles fällt; — und schließt: „Und doch ist einer, welcher dieses Fallen Unendlich sanft in seinen Händen hält." Mit tiefer Bewegung las ich diese Verse. Sie waren was ich eben brauchte. Ich empfing ihre Wohltat und fühlte nicht das Recht zu haben, sie für mich allein zu behalten; und so las ich die neun Zellen, die das Gedicht ausmachen, alsbald vor. Mein Kamerad ging fremd) auch mit ihnen nicht mit, und es war mir leid, daß ich damit allein bleit? m sollte. Aber wie hätte ich es ihm verargen können. Er trug wir als Gegengabe aus einem erbeuteten Lesebuch ein Gedicht von guter, aber epigonifcher Art vor, dem wieder ich nichts abgewann. Jedenfalls, wir waren Kriegskameraden und waren gewillt, miteinander zu teilen, was uns oben hielt oder weiterbrachte. Da verschlug es zuletzt Nicht allzu Diel, ob der eine auch gerade brauchte, was dem andern wichng war. Der andere Tag war ein Sonntag, und ich hatte schon ein Vorhaben, wie ich die freien Stunden des späteren Nachmittags verwenden wollte. Ich wußte, es ist der Stadt ein deutsches Dorf als Vorort vorgelagert, fein Name ist Rosch, die Straße dahin hatte ich schon bemerkt, und ich hatte den Wunsch, es zu sehen. Es war nicht eben weit. Die Straße ging in eine Bodensenkung und stieg durch Wiesen wieder an, zu einer Siedlung, deren Häuser, man hatte mich darauf aufmerksam gemacht, hierzulande schnell als deutsch zu erkennen waren, sie hatten nämlich gemauerte Rauchfänge. Allenthalben standen große tußbaume um sie, es war hübk-b, darauf in langsamer Steigung zuzugehn. In den Vorgärten lagen mit flammiger Zeichnung die großen Kürbisse, prächtig nahm sich daneben die satte gelbe Farbe der eingebrachten und trocknenden Maiskolben aus; der Anstrich der Häuser, kaffeebraun ober algengrün, abgeteilt mit kalkweißer Säulenzeichnung, gab schönste Farbeneinstimmung dazu. Auch in den ©arten gab es noch manches Bunte und als ich in einem Vorgärtchen ein stattliches Blumengewächs bemerkte' das ich nicht kannte, trat ich an den Zaun. Es trug ein ganzes Türmchen blauer Bluten, die in ihrer Form an die Bohnenblüte erinnerten und solcher Turme standen größere und kleinere nebeneinander. Nun blieb mein Betrachten nicht unbemerkt. Ein Bauernmädchen kam hinter dem Haus hervor; sie war in schlichtem sonntäglichen Gewand, ihre langsamen Bewegungen wiesen auf den Ruhetag, und sonntägliche Stille trug auch das runde gesunde Bauerngesichtchen unter den sauber geglätteten braunen Haarflechten. Ich hatte aufgefehen und grüßte- sie erwiderte. Ich fragte nach den Blumen. Turmveilchen nannte man sie und angebaut wären sie zum Schmuck. Die Sprache des Mädchens verriet die Schwäbin; es war ein eingeborenes, wurzelhaftes Deutsch, dessen unverderbten Lauten ich sogleich mit Begierde horchte. Der Gedanke es hier heimisch und bodenständig zu wissen, gesellte es als Schönheit zu den Nußbäumen und den Farben in Haus und Garten. Denn unverkennbar war es eine bewahrte Sprache, die sie sprach, und ich bekam auch weitere Ausschlüsse: der Großvater des Großvaters war aus Schwaben hergezogen, erzählte sie und das stimmte zu dem Zeitpunkt der Erwerbung des Landes durch Oesterreich. Das ganze Dorf war deutsch, das nächste wieder wallachisch. Aber sie hatten hier ihre deutsche Schule, ihren deutschen Bürgermeister. Sie sprach von ihren Eltern und fragte nach den meinen und wo ich daheim wäre. Sie klagte ein weniges über die Russentage und über die, die zum Feind gehalten hatten. Aber nun war das vorbei. Und nun würde es Herbst und bald wären die Abende, wo die Frauen des Hauses sich zum Spinnen fetzten. Dazu erzählten sie dann und fangen Lieder. Stillen und unbewegten Gesichts berichtete sie von einem stillen und in sich beruhenden Leben. Und es war ein sonntägliches Aufatmen darin, so davon zu sprechen und zu einem fremden Besucher. Sie empfand dies auch nicht anders; denn da ich nun für die Auskunft dankte, brach sie von dem Stämmchen der Turmveilchen das größte und vollste und reichte es mir. Das Dorf erwies sich als recht weitläufig, es ging darin öfters bergauf und bergunter. Die Bäume waren noch schwer belaubt und versteckten die Gebäude, von denen Kinderrufe, Abendgespräche, Musik klangen. Ein weiteres Gespräch anzuknüpfen, dessen bedurfte cs für mich nicht mehr. Das heimatliche Wesen des deutschen Dorfes hatte sich finden lassen und mir ein Zeichen in die Hand gelegt. Ich kam wieder heraus zwischen die Aecker und auf die staubige Chaussee, die durch die Bodensenke, über einen Bach mit trägem Wasser, hinauf in den schreienden Sonntagabend der Vorstadt führte. Die Blume roch mit schwerer Süße. Es war schon dunkel, als ich in unser Kasernen- zimmer trat. Ich gab die Blume in meinen Feldbecher und stellte ihn auf das Fensterbrett. Und da zeigte sich nun, wie schon ein sehr kleines Ding die Kraft haben kann, uns das Gefühl des Zuhause zu schenken. Ms ich am folgenden Tag zur Mittagszeit in das Zimmer zurückkehrte, waren die Blüten von der Sonne durchleuchtet und waren die Hauptsache in dem Raum; es war anders als sonst. Und am Abend, als ich das finstere Zimmer betrat, trug mir die Zugluft zur Ueberrafchung und Erinnerung von dem nur mangelhaft verwahrten Fenster sogleich den schweren süßen Duft entgegen. — Etwas von dem, was seit jenem Besuch im Villenviertel ein vielleicht nur halb eingestandener Wunsch für meinen Aufenthalt in der Stadt gewesen, war doch zu mir gekommen. Mehr wäre in diesem Augenblick auch wahrhaftig nicht mehr vonnöten gewesen. Denn am selben Tag sagte man uns: „Morgen Abfahrt!" Da war dann um drei Uhr früh Tagwache und die Kraftwagen unserer Batterie zogen, schwer den Boden erschütternd, durch die schlafende Stadt fteitab hinunter zum Bahnhof. Es wurde hoher Tag, bis sie verladen war. Daß uns eine lange dauernde Fahrt bevorstand, war uns nicht zweifelhaft. Mein Feeund, der Oberleutnant P., kam an uns Einjährigen vorbei und murmelte mir zu: „Nach Tirol". Das freute mich mächtig, denn „das Land und Volk gefiel* mir wohl". Die Mannschaft bekam Brot für eine ganze Woche zugeteilt, denn so lang mochte die Reise wohl dauern; und auch wir Einjährigen hatten dann zu dem uns zugewiesenen Wagen jeder drei Laib Brot zu schleppen. Ich hatte die meinigen zum Schutz gegen die Staubwolken in Zeitungspapier ein- gehüllt und darauf das Turmveilchen gelegt, das sich frisch gehalten hatte. Wir schritten dahin, als von der Bahnrampe herüber, wo er die Verladung befehligte, die schneidende Stimme des Hauptmanns, aber nicht feindselig, erklang: „Korporal M., sind das lauter Blumen'?" Nun, meine Last war ihm bald erklärlich und er mochte sich nachher über seine Frage selbst wundern. Ob sie nicht durch die naive Vorstellung vom Dichter unwillkürlich mit befördert worden war? Ich muß sagen, der Verdacht, ich zöge solcher Art aus der schönen Stadt fort, erweiterte mich und schmeichelte mir. Leider blieb die Blume nicht mehr lange frisch, die Reise bot keine Möglichkeit sie zu pflegen. Sie schließlich einfach beim Fenster hinauszuwerfen, lag mir aber doch nicht ganz. Es war eine herrliche Fahrt, quer durch das ganze alte Reich, viele Tage lang, und jeder war gleich schön. Eines Morgens, da wir erwachten, stand der Zug in Marburg. Wir hielten an einem Uebergang, sahen in einen Straßenzug hinein, lasen wieder deutsche Aufschriften, lieber den Häusern aber standen, blendend in der Herbstsonne, die hohen Weinberge, mit Kapellen ober Baumgruppen gekrönt; es war steirisches Land und war die Stadt, in der ich geboren bin. Seit meinem vierten Lebensjahre hatte ich sie nicht mxhr gesehen und sog nun von meinem Waggonfenster den Anblick, die linde durchsonnte Lust um so lebensdurstiger ein, als ich wußte, es ging einem schwierigen Kriegsschauplätze entgegen. Wir Einjährigen durften ja nicht aussteigen. Aber mein Oberleutnant tarn und reichte mir eine herrliche große Birne ins Fenster, und so grüßte mich der Ort, in dem mein Vater manchen Schulgarten beraten und betreut hatte, doch mit einer Frucht. Der Zug setzte sich dann in Bewegung und ba ließ ich benn bie Blume aus dem fernen deutschen Dors im Osten hinab auf die Heimaterde gleiten. Lorelei. Don Josef von Eichendorff. Es ist schon spät, es wird schon kalt. Was reitst du einsam durch den Wald? Der Wald ist lang, du bist allein, Du schöne Braut! Ich führ dich heim! „Groß ist der Männer Trug und List, Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist, Wohl irrt das Waldhorn her und hin, O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin." So reich geschmückt ist Roß und Weib, So wunderschön der junge Leib, Jetzt kenn ich dich — Gott steh mir bei! Du bist die Hexe Lorelei. „Du kennst mich wohl — von hohem Stein Schaut still mein Schloß tief in den Rhein. Es ist schon spät, es wird schon kalt, Kommst nimmermehr aus diesem Wald!" Ein Mädchen ist verschwunden. Kriminalgeschichte von Jo Hanns Rösler. Das Mädchen öffnete die Tür. „Zwei Herren möchten Sie sprechen." William Brook nickte kurz. „Ich lasse bitten." Zwei Herren traten ein. Sie grüßten ernst. „Herr William Brook?" „Ja. Sie wünschen?" „Kriminalpolizei. Kommissar Brown. Wir möchten einige Fragen an Sie richten!" „Bitte!" „Kennen Sie ein Fräulein Muriel Davis?" William Brook nickte: „Flüchtig." „Waren Sie oft mit ihr zusammen?" „Nur einmal." „Wann war das?" „Vor einer Woche. Ich lernte sie im Hydepark kennen. Wir gingen erst ein wenig zusammen spazieren. Dann kam sie in meine Wohnung. „Wi,e lange blieb sie bei Ihnen?" „Gegen elf Uhr verließ sie mich." „Hat sie Ihnen gesagt, wohin sie gehen wollte?" „Gewiß. Nach Hause." Der Kommissar sagte plötzlich: „Sie ist aber nicht nach Hause gegangen." „Nicht. Seltsam. Wohin?" „Das möchten wir gern von Ihnen wissen. Das junge Mädchen ist seit jenem Tage, wo es mit Ihnen zusammen gesehen wurde, spurlos verschwunden. Sie ist nicht nach Hause gekommen. Man hat bis heute keine Nachricht von ihr. Ihr Vater hat eine Abgängigkeitsanzeige erstattet. William Brook war sichtlich nervös. „Die Angelegenheit ist mir sehr peinlich. Ich habe doch mit der Sache nichts zu tun. Die Dame hat vier Stunden in meiner Gesellschaft verbracht, ich habe seitdem nichts wieder von ihr gehört." „Haben Sie einen Zeugen, der gesehen hat, daß die Dame von Ihnen wegging?" „Nein." Die beiden Kriminalbeamten verabschiedeten sich. „Wir bitten Sie, sich zur Verfügung der Polizei zu halten. Wir müssen Sie ersuchen, London vorläufig nicht zu verlassen." Ein Stunde später trat ein neuer Besucher in das Arbeitszimmer William Brooks. Es war ein älterer, schlecht rasierter Mann, der anscheinend stark dem Alkohol zugesprochen hatte. Er trat breit ins Zimmer und lief auf Brook zu, ihm ungeniert seine roten Hände entgegenstreckend. „Was wollen Sie?" herrschte Brook ihn an. „Ich komme wegen meiner Tochter." „Ihrer Tochter?" „Sie kennen doch meine Tochter? Meine Tochter heißt Muriel Davis. .Ich bin der Vater." William Brook schob einen Stuhl hinüber. „Haben Sie etwas von ihr gehört?" Der Alte kaute an seinen Lippen. „Wie man es nimmt. — Bis jetzt noch nicht — aber ich könnte Dieb acht bald etwas von ihr hören." „Was soll das heißen?" „Sie war doch zuletzt mit Ihnen, Herr. Seitdem ist sie verschwunden. Die Polizei sucht sie. Eine unangenehme Sache, Herr, eine sehr unan- .mehrne Sache, Herr. Seine Augen schielten mit einem schlauen, durchtriebenen Blick. „Natürlich ist es unangenehm", sagte William Brook, „es wird sich ckbstverstündlich Herausstellen, daß ich mit der Sache gar nichts zu un habe." Der Alte lachte stoßweise. „Hossentlich. Bis dahin aber gibt es Aerger. Die Polizei kommt ins Haus, Verhöre, Durchsuchungen, die liebe Nachbarschaft. Man soll sich nie mit der Polizei einlassen. Etwas findet sie immer." „Ich habe nichts zu fürchten", sagte William Brook und stand auf, „es tut mir leid, daß ich Ihre Tochter kennengelernt habe. Hoffentlich komml sie bald zu Ihnen zurück. Mehr haben wir uns wohl nicht zu sagen." Der fremde Besucher hatte sich ebenfalls erhoben. „Wenn Sie nicht wollen, haben wir uns wohl nichts mehr zu sagen. Aber vielleicht wäre es Ihnen ganz angenehm, wenn meine Tochter plöjp lich wieder auftauchte. Ich meine, wenn sie heute abend wieder bei mir wäre, das dürfte Ihnen schon einiges wert fein." „Eine Erpressung?" „Was für häßliche Worte, Herr! Ich will mich nur für Sie be- mühen. Diese Arbeit muh doch bezahlt werden." William Brook trat zum Telephon. „Wenn Sie nicht augenblicklich meine Wohnung verlassen, rufe ich die Polizei." Der Alte torkelte zur Tür. „Wenn Sie den Schmerz eines armen Vaters um feine einzige Tochter nicht begreifen wollen —" William Brook betrat das Polizetkommiffariat. „Ich komme in Sachen Muriel Davis." „Einen Augenblick." Wenige Minuten später war Kommissar Brown zur Stelle. „Haben Sie etwas Neues zu melden, Herr Brook?" „Ja. Soeben war der Vater des Mädchens bei mir." „Was wollte er?" „Er versuchte eine Erpressung." Der Kommissar sah erstaunt auf. „(Eine Erpressung? Wofür?" „(Er wollte das Mädchen wieder herbetfchafsen, wenn ich ihm eine entsprechende Summe dafür zahlte. Sicher hält er feine Tochter daheim verborgen." Der Kommissar gab einem Beamten Anweisungen. „Bann wird sich der Fall ja bald aufklären", wandte er sich wieder zu dem Besucher, „wir werden sofort bas Haus durchsuchen lassen, wo diese Leute wohnen. Sie begleiten uns wohl, Herr Brook?" „Gern." * Das Haus des alten Davis lag am Ende einer Vorstadtstraße zwischen hohen Bretterzäunen und verwilderten Gärten. Zwei Polizeiwagen fuhren vor und bremsten schnell. „Hier ist es", sagte der Kommissar. William Brook erschrak. „Hier?" „Ja. Wundert Sie das? Kennen Sie das Haus?" „Nein, natürlich nicht." Die Beamten traten in das Haus und durchsuchten die Zimmer. William Brook und der Kommissar folgten ihnen. Fünf Minuten vergingen. Die Beamten kehrten zurück: Das Haus ist leer. Wir haben nichts gefunden." Der Kommissar wandte sich an William Brook. „Schade. Ich hätte mich für Sie gefreut, wenn sich das Mädchen gefunden hätte. Wir haben nämlich bereits einen Haftbefehl gegen Sie erhalten, da Sie dringend verdächtig sind, an der Abgängigkeit des Mädchens beteiligt zu fein ober wenigstens Näheres barüber zu wissen." Der Anbere rieb nervös bie Hände aneinander. „Das ist doch lächerlich. Ich weiß nicht bas Geringste von ber Sache. Außerbem bin ich nach wie vor überzeugt, baß bas Mäbchen sich doch im Hause befindet. Sicher gibt es hier verborgene Räume. Darf ich nochmals Nachsehen?" Die Beamten folgten Brook, ber sicher bie Treppe zum ersten Stock emporschritt unb bas Bibliothekzimmer betrat. „Recht viele Bücher hat ber alte Herr", er zeigte auf eine Wanb, bie mit hohen Regalen bebetft war, „er sah nicht so aus, als ob er sich sonderlich für Bücher interessierte. Man sollte die Regale untersuchen." Die Beamten taten ihre Pflicht. „Nichts. Keine Tür ist dahinter." „Kann ich einmal Nachsehen?" Er trat zu dem zweiten Fach von rechts, hob ein Buch heraus, fand» einen Hebel, den er vorzog. Das Regal teilte sich in der Mitte. Ein Roum ward sichtbar. Von ber Wanb löste sich eine junge Frau. Sie schien nicht übermäßig erstaunt, als bie Beamten eintraten. „Haben Sie mich enblich gefunben?", sagte sie. William Brook lächelte: „Cs war nicht so schwer." Die junge Dame trat auf ihn zu: „Nein, für Sie bestimmt nicht." „Was heißt bas?" „Wer ben Raum kannte unb ben Mechanismus ber Tür wußte, für ben war es wirklich ein Kinderspiel. Ein anderer Mensch hätte den verborgenen Hebel nicht so schnell finden können. Nur wußten wir nicht genau, wie der Mann hieß, der sich damit auskannte. Und es lag un* sehr viel daran, dies zu erfahren, feit wir vor vier Jahren hier da* große Rauschgiftlager entdeckten. Der Mieter des Hauses, der unter falschem Namen hier eingezogen war, hatte Wind bekommen unb war im letzter Minute verschwunden. Unsere Verbachtskette um Sie, verehrter William Brook, alias James Renard, reichte nicht hin, um Sie zu verhaften. Dieses Beweisglieb fehlte uns noch. In Ihrer Angst, von ber Polizei verhört zu werben, verrieten Sie uns Ihre Kenntnis bes Raume* unb ber Türe. Ich erkläre sie traft meines Amtes als Beamtin de* Dezernates für Rauschgifthandel für verhaftet." William Brook lächelte müde: „Sie sind noch sehr jung und eifrig. Sicher bin ich Ihr erster Fall." „Ja. Sie sind mein erster Fall." William Brook sah sie ein wenig spöttisch an. Dann sagte er: „Unter diesen Umständen will ich nicht leugnen. Ich mache gern einer Frau, die schön ist, eine kleine Freude. Schon aus Dankbarkeit für ben Abend Einmal wäre es ja boch geschehen. Unb ich habe bas Vergnügen, mit dem: Ende meiner Karriere den Anfang Ihrer Karriere einzuleiten." Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei. A. Lange. (Sieben.