Gießener zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Freitag, den 2t Juni Nummer 4? 4 Mut, baß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1933 by August Scherl G m. b. H.,- Berlin (Qortleßung.) Billy nickt. Als er sie wieder küßte, schien sie ihm viel gelöster und hingegebener. Mit einemmal schreckte sie auf. „Ich muh hinauf. Komm! Schnell! Wir denken ja nur noch an uns!" Aber als sie oben eintraten, schlief Elisabeth ruhig und tief. Die Hebamme, die es sich aus dem Diwan bequem gemacht hatte, zeigte sich sogar unwillig über die Störung durch den Arzt, die nach ihrer Ansicht vollkommen überflüssig war. Billy und Doktor Kern fanden also in dieser Nacht noch viel Zeit für ihre eigene Angelegenheit. — Morgens — man hatte sich gerade zum Frühstück niedergesetzt — erschien Doktor Hartl wieder, gefolgt von einem Taxichausfeur, der ihn herausgebracht hatte und der einen großen Karton hinter ihm hertrug. Hartl öffnete ihn in Billys neugieriger Gegenwart. Er enthielt einen Strauß der herrlichsten und kostbarsten Orchideen, nach denen Hartl ganz Berlin abgesucht hatte. Er hatte im Hotel übernachtet, um sie in aller Frühe zu finden. Elisabeth strahlte und dankte gerührt, als sie von (einem nächtlichen Ausflug erfuhr. Sie fühlte sich matt, aber alles Trübe, Schmerzliche schien von ihr abgefallen. Sie hatte nur noch Augen für das Kind, das in einem niederen Korbwagen neben ihrem Bett lag. Auch Hartl mußte einen Blick darauf werfen. Er liebte es vom ersten Augenblick ab. Es war für ihn nichts anderes als ein Stück von Elisabeth, das sie in sich getragen hatte, seit er sie liebte, und das sich jetzt zwar von ihr getrennt hatte, aber zu ihr gehörte, wie ihre runde Schulter oder ihr schöner Arm. Er durfte nicht länger bleiben und ging, das Leuchten ihrer Augen im Blut, aus sein Zimmer. — Gegen Mittag kam ein langes Kabel von Ludwig aus Hollywood als Antwort auf Billys Anzeige. Worte der Freude und Dankbarkeit und noch ein Wunsch: das Kind Isabella zu nennen, so, als sei das langst ausgemacht. keine Minute still. Zuerst meldeten sich die Intimen, von Doktor Kern benachrichtigt. Dann kamen noch so viele Anrufe, daß Elisabeth ganz erstaunt war über die Zahl der Freunde und Anhänger, die der Name Thiele in Berlin schon gefunden hatte. „Sie scheinen Urlaub genommen zu haben, lieber Doktor!" sagte^Elisabeth nach ein paar Tagen zu Kern, der sie mit Muhe daran verhinderte schon aufzustehen. So wohl fühlte sie siA. „Oder wallen Sie mit Gewalt Ihre schöne Praxis ruinieren, indem Sie sie ganz nach Nikolassee oer lC9C,Somme ich Ihnen zu oft, Lisa? - Sie haben ganz recht: Als Arzt bin ich hier überflüssig." „Das hat Billy auch schon gesagt/ ''Sie müßt engste besser erziehem Aber Scherz beiseite, Doktors,Sie sind doch nicht der Meinung, daß Sie mir etwas vormachen können. „Will ich auch nicht!" ,, _. ,. s .mh Da« Hebt ia ein Blinder, wie verliebt Sie sind. Sie uno Billy! — Sie haben also wirklich Urlaub genommen, um endlich vernuns- h9 Ze7ien°habe ich gemacht, aber ob das vernünftig ist, lass' ich vor- ‘““Sb^Sr^iBir freuen uns alle über Billy und Sie. Nur müssen Sie'sie mir noch eine Zeitlang hierlassen bis ich ollem mit mem» JlabAla fertig werde. Ein hübscher Name, Isabella, nicht wahr. L. g b den richtigen Einfall!" „hm!" brummte Kern zweifelnd. Ä”lÄbW*».lä«|l« n°ch ,»». >»»«" S>< '<—n. sooft Sie wollen." Konstantin, unserem netten Chauffeur. Bor dem ei( er jhr nehmen. Ich habe ihn ja auch seinerzeit engagieren müssen, weit >yr 9efläuatfd)!" knurrte Kern und stolperte hinauf- Als Elisabeth zum erstenmal wieder aufsteben durfte, kam aus ho Y eine hohe Summe versichertes Paket. Ganz obenauf lag e.n -Brief mir ganz nah. 28. einem Scheck, der genügte, um die bisher fällig gewordenen Verbindlichkeiten einzulösen. Doktor Hartl nickte aufatmend. Dann folgte eine riesenhafte Puppe mit beweglichen Gliedern und einem ganzen Fundus von Toiletten. Darunter aber fand sich, weitaus den größten Raum einnehmend, eine komplette Eisenbahn, mit elektrischem Antrieb und allen technischen Schikanen. Es war sofort klar, daß Ludwig sie längst bereitgestellt hatte für seinen „Prinzen" und daß diese auch für einen Säugling männlichen Geschlechts völlig unbrauchbare Gabe erst später durch die Puppe und eine Unmenge von Klappern, Holzringen und Gummischnullern ergänzt worden war. r m . Aber Elisabeth war von allem entzückt, am stärksten von seinem Brief. Er atmete nichts als Stolz und Zärtlichkeit, und sie spürte seine starke, heißblütige und impulsive Männlichkeit in diesem Augenblick wieder Bald war es so weit, daß Elisabeth auch wieder ausgehen konnte. An Hartls Arm suchte sie zuerst die alten Wege im Garten auf, der jetzt in voller sommerlicher Reise prangte und wucherte. Dann wurden ihre Spaziergänge immer weiter und führten sie am Ufer des Sees entlang. Doch mieden es beide, auf ihre früheren Gespräche zurückzukommen. Elisabeth wurde nicht müde, von ihrem Kind zu berichten. Jede kleinste Regung des hilflosen, aber gut gedeihenden Wesens wurde ihr zum Erlebnis, von dem sie nicht ausführlich genug erzählen konnte. Manchmal hatte Hartl den Eindruck, als klammere fie sich mit aller gefunden Kraft ihrer Natur daran fest, um nicht ins Ungewiße zu geraten' aber dann war alles, was fie von ihrer Kleinen zu sagen wußte, wieder so einfach und stllbstverstünblich, daß er glaubte, sich geirrt zu haben. Niemals berührte sie auch nur von fern jenes Bild aus der Zeitschrift und die Schlüsse, die sie daraus gezogen haben muhte. Hartl ließ sie aewähren, hörte mit Teilnahme zu und freute sich, wenn er ihre mütterlichen Beobachtungen bestätigt fand. . Auch Konstantin, der Chausfeur, der bis fetzt viel zu wenig Beschafti- qunq nefunben hatte, trat mehr in Erscheinung. Meist gegen Abend, wenn es kühler wurde und das Baby versorgt war, fuhren fie noch ein paar Stunden über "Land. Billy weigerte sich, Elisabeths Vorschlag anzunehmen der dahin ging, wenigstens zweimal in der Woche eine erfahrene Mfskraft zu nehmen, damit fie an diesen Fahrten teilnehmen konnte. Auch die spöttische Bemerkung, daß sie nur dabliebe, um ihren Doktor zu empfonncn, nichis. Sie qab 3f(ib?l(a nicht eins bcn Sünden. 5)ottor 5)artt c^cnoh bic SonimertciHe rounfcf)[o5. Gr nannte fie spater bei sich die schönsten seines Lebens. Jetzt würde Ludwig bald zurückkommen wenn auch in seinen wieder spärlicher gewordenen Nachrichten der Termin nicht angegeben war. Morgens arbeitete er an feinem Werk, das langsam der Vollendung entgegenging. Die Nachmittage und vor allem die Abende aber gehörten Elisabeth. , Konstantin hatte fich als tüchtiger, gewissenhafter Chauffeur bewahrt, der in der Umgebung Berlins ausgezeichnet Bescheid wußte und immer neue, wenig besuchte Plätze im Wald und an den Seen ausfindig machte. So waren sie wieder eines Abends hinausgefahren und speisten in einem schönen, stilvollen Schloß an der Havel, das vor kurzem fernen Besitzer gewechselt batte und zu einem vornehmen Hotel geworben man Es lag mit seiner Terrasse unb mit einem gepflegten Rasenplatz mitten in einem weiten Park, ber in fünfter Neigung bis zum Spiegel bes an bi»fer Stelle verbreiterten Flusses hinabsiel. Sie hatten an einem ber Tische gespeist, bie auf biefem Rasen unter ben Kronen mächtiger Baume verteilt waren, unb batten noch einen Rest des alten, milden Rheinweins vor fich. den Hartl ausgesucht batte. Die Sonne war langsam hinter dem Wald versunken, unb vom Wasser herauf kam eine leichte, fcbmeicbelnbe Kühle. Schon eine Weile war ihre Unterhaltung verstummt. Beibe saben, hingegeben an ihre Gebanken, aneinanber vorbei. „Wissen Sie noch, Otto, baß ich Ihnen eines Tages sagte, wie wohl unb geborgen ich mich fühlte in Ihrer Nähe? Es ist jetzt schon eine Welle her unb es ist sehr viel mit mir geschehen Unterbetten. Ich habe mich sehr neränbert unb sehe heute alles mit ganz anberen Augen an. Dieses Gefühl aber ist mir geblieben ... ja, es ist noch starker geworben tn dieser letzten Zeit!" sagte Elisabeth. . , , . „„ Ich habe es nicht vergessen. Aber warum sprechen Sie fetzt davon? antwortete Hartl mit einer jäh auffteigenben Spannung. Er spurte "i- stinktiv, baß bie Cntscheibung, bie er immer roieber zuruckgestellt hatte, gan^rfü an ^"^sprechen. Es gebt nicht mehr anbers. 3* roürbe mid) fonft betrügen Ihnen gebt es genau io. Sind Sie benn wuküch (s stchA Otto wie Sie sich geben, so sicher, baß ich nicht weiß, was Sie burchgemacht haben in biefer Zeit? — Nein weichen Sie nicht roieber aus! Wir müssen da- enblich aussprechen. Sie bürjen es nicht länger verhindern. „Warum barf ich bas nicht? Diese letzte Zeit war jo schon. Soll sie jetzt zu Enbe sein?" „Vielleicht ist sie bamff zu Ende. Ich weiß das nicht. Ich weiß nur, daß es so nicht mehr weitergeht. Ich wurde (ehr unglücklich werden, Otto." „Dann muß. ich also heute schon sprechen. Ich wollte warten, bis Ludwig wieder da ist." „Ja, auch das habe ich geahnt. Das ist es ja, warum ich selbst davon anfange. Sie fühlen so ... wie kann ich es nennen? ... Der Ausdruck paßt so wenig in unsere Zeit und ist doch der einzig richtige... Sie fühlen so ritterlich Ludwig gegenüber und haben dieses Gefühl auch bewiesen. Darum fällt es mir nicht so schwer, weiterzusprechen. Nur müssen wir so davon sprechen, wie wenn Ludwig hier säße, jetzt hier neben uns säße und alles hörte." Hartl senkte den Kopf und brachte kein Wort heraus. Auch sie schwieg eine Weile, ehe sie mit leiser, erregter Stimme sortfuhr: „Sie lieben mich, Otto, und stehen vor der schwersten Entscheidung. Ich weiß es längst. Es hat mich nie im geringsten erschreckt. Sie brauchen sich keinen Vorwurf zu machen, denn Sie haben sich alle Mühe gegeben, es zu verbergen. — Ach, das geht doch nicht einer Frau gegenüber, mit der man so nahe und so lange zusammenlebt. Das ist wohl echt männlich, zu glauben, daß das auch nur für kurze Zeit verborgen bleiben könnte. — Wenn jemand sich einen Vorwurf machen kann, so bin ich es. Ich habe Sie veranlaßt, zurückzukommen, als Sie nach Hause, nach Dresden flüchten wollten. Ich konnte nicht daraus verzichten, Sie um mich zu haben und mich in Ihrem Schutz und in Ihrer stillen, zärtlichen Fürsorge geborgen zu fühlen. Ich wußte eben noch nicht, was für eine Gefahr darin „Eine Gefahr ... für Sie?" Sie nickte fast schwermütig. „Ja, eine große, eine tödliche Gefahr: die des leichtsinnigen Verrats. Sie find ein Mann, Otto. Wahrscheinlich verstehen Sie das so wie ich. Denn sie kämpfen und warten schweigend auf den Tag der Entscheidung. Die Gefahr des Verrats ist Ihnen nie so nahe gekommen, wie sie uns Frauen kommen kann. Dafür danke ich Ihnen, daß Sie selbst mich nie in diese Gefahr gebracht haben. — Also handelt es sich jetzt vor allem um mich. Allein kann ich jetzt nicht mehr mit mir fertig werden. Sie müssen mir weiter helfen, Otto, noch viel weiter helfen, als Sie es bisher getan haben." „Kann ich das...? Darf ich das...?" „Hier zwischen Ihnen und mir sitzt Ludwig. Er hört alles, was ich sage. Drei Jahre lang war ich glücklich mit ihm über alles Trübe und Dunkle hinweg. Ich bin heute noch viel glücklicher mit meiner kleinen Isa. Das weiß er, und das wissen Sie. Darum stand er im Mittelpunkt aller meiner Empfindungen und Gedanken. Jetzt aber, seit er fort ist und seit Sie da sind, Otto, habe ich gelernt, mich selbst, meine eigene Person wichtiger zu nehmen als je zuvor. Ich habe mich selbst kennengelernt und erfahren, daß ich um seinetwillen auf vieles verzichtet hatte, was mir ebenso wertvoll sein kann wie bisher mein -unbewußter Verzicht. Sie haben mich das gelehrt. Sie haben mir meine Freiheit wiedergegeben und damit die Frage an mich selbst, wie von jetzt ab meine Zukunft aus- jeben wird. — Ludwig ist so, wie er ist. Er kann und darf sich nicht andern. Ich war sehr glücklich mit ihm und kann es vielleicht wieder (ein. Auf der anderen Seite aber — und dort stehen Sie, Otto — ist eine Geborgenheit und eine Freiheit, von denen ich nicht weiß, ob ich sie nicht ebenso lieben kann, ob ich darin nicht ebenso glücklich fein kann wie in meinem bisherigen Leben." . Ihre letzten Sätze waren fast unhörbar geworden. Doch Hartl hatte sie vollkommen verstanden, auch wenn fein Ohr sie nicht aufgefangen hatte. Er suchte verzweifelt nach einem Wort, das die unerträgliche Spannung rdnen tSLopf und sein Herz erfüllte. Mußte er jetzt nicht aus- pr'ngen sie an sich reißen und mit ihr flüchten in die Nacht hinaus, in we Welt hinaus und dieses Glück ihrer Gemeinschaft verteidigen mit allen .Mitteln und gegen alles, was noch herandrängen konnte?! — Das war Naud und enthielt nichts wie Rausch und ein schmachvolles Erwachen — S'e.r s°b Ludwig, sein ältester Freund, und sah zu, was in ihm vorging, fih.™ rr brauchte sich dieser Regung nicht zu schämen. Sie war da, um überwunden zu werden Dort saß Elisabeth und sah mit erwachten, rat- ,,„un. Augen m das Chaos des Daseins, wußte keinen Ausweg mehr und bat um (eine Hilfe, weil sie glaubte und darauf vertraute, daß er i„&Us e Q s.£e- Wie wenig nützte Ihm in Wirklichkeit all fein Wissen! einem Einzigen Äort.Gub“”9 unb Elisabeth, und suchte vergebens nach Sie gnss nach seiner Hand und hielt sie fest. „Sie sehen so schwermütig aus, Otto Dürfen Sie nur letzt nicht mehr helfen? Oder kann es nur Ludwig? Oder die kleine, hilflose Isa?" antwortete Hartl. „Niemand kann das. Ich kann nur oer= suchen, Ihnen mit dem, was ich weiß, beizustehen, selbst zur Klarheit und damit zur letzten Entscheidung zu form .en. Das war es, was ich in Dresden erkannte, als ich ganz mit mir allein war und an unsere Zukunst suchte. An Ihre, an Ludwigs und an meine eigene. — Es ist das Schwerste, Elisabeth, letzt, nachdem alles ausgesprochen ist." .Manchmal habe ich die Empfindung, als ob diese Entscheidung nicht so schwer (ei — sogar auch, nachdem die kleine Isa da ist. Ich glaube, da Ludwig mich verstehen würde. Nie würde Ich ihn und Isa ganz ver- Sit »" «1» 2MÄÄ7'*' "Sl‘ „Unö bann ist Plötzlich alles wieder so dunkel und unlösbar!" “ war über die dunklen Wipfel der Bäume emporgestiegen und übergoß den Rasen vor ihnen, die barocke Fassade des Schlosses und den nahen Fluß mi einem magischen silbernen Licht. Von der Terrasse lang eine le.se schwebende Musik. Der Zauber der Nacht war °asi sie beide erschauerten, rote unter einem alle Wirklichkeit aufhebenden körperlose«, verschmelzenden Kuß. Ha"! erhob sich zuerst und versuchte, diesen Bann abzuschütteln. ir Pulfien Pe,m' sagte er und ging um den Stuhl herum, der zwischen ihnen an der Schmalseite des Tisches stand und den für sie beide nod) immer die breite, stumme Gestalt. Ludwigs einnahm. „Ja ... Wir müssen!" wiederholte Elisabeth und stand ebenfalls auf.- Mit dem Kellner, der die Rechnung brachte, nahm auch alle Wirklich, feit der Umgebung wieder feste Gestalt an. Die Musik verstummte, uni am Parkplatz hinten wartete Konstantin mit dem Wagen. Sie stiegen ein. Konstantin brachte sie nach Nikolassee zurück. — Beide fanden feinen Schlaf in dieser Nacht. Hartl lag regungslos ausgestreckt und hörte nichts mehr als die rauschende Symphonie [eines Glückes. Sie liebte ihn und würde ihm gehören bis ans Ende des Lebens Sie durften Ludwig frei in die Augen sehen. Sie hatten ihn nicht vcr raten. Das Leben gab ihm Elisabeth! Aus ihr selbst war die Erkenntnis gereift, daß die Entscheidung bei ihr lag. Sie halte es ausgesprochen, daß sie ihn liebte, so, als ob (ü auch gleichzeitig zu Ludwig gesprochen hätte. Mit ihrem wachen weid, lichen Instinkt hatte sie den einzigen und natürlichen Weg gesunden, ohn« daß er sich schuldig gemacht hatte. Keiner trug eine Schuld. Er durste auch seinem Glück frei in die Augen sehen... Elisabeth aber warf sich unruhig hin und her und weinte sehr Diel, weil sie noch nicht wußte, was sie unter diesen Tränen begrub. 29. Billy hatte schon gefrühstückt, als Elisabeth am nächsten Morgen herunterkam. Neben ihrer Tasse lag die Post. Sie sah sie zerstreut durchs Nichts aus Hollywood, nur ein paar gleichgültige Geschäftsbriefe und ein Umfdjlag mit dem Firmenstempel des Agenten Herrschte. Sie öffnete ihn zuerst. Der Agent teilte ihr mit, daß heute nachmittag um drei Uhr eine Sonderoorführung des ersten Films aus der diesjährigen Produktion der Gloria-Eorporation stattfinde, und zwar in den Räumen ihrer hiesigen Vertretung Unter den Linden. In der tragenden Rolle Ludwig Thiele. Dabei lag eine gedruckte Einladungskarte. Elisabeth hielt sie in der Hand und setzte sich langsam auf ihren Stuhl. Sie vergaß, nad) dem Frühstück zu kling-eln. Mit abwesenden Augen starrte sie auf das Blatt, auf dem mit gesperrten Lettern in der Mitte Ludwigs Name stand. Sie sah sich im verdunkelten Raum sitzen, in dem nur fern und schwach die präparierte Leinwand schimmerte. Und bamt würde Ludwig plötzlich da fein, sich bewegen, sprechen, ihr in die Augen sehen. Das Blatt in ihrer Hand fing an zu zittern. Er selbst war noch viele Tausende von Meilen entfernt, konnte ihr nicht helfen aus der geguülten Zerrissenheit, die in der Schlaflosigkeit der letzten Nacht ihren Gipfel erreicht hatte: aber nun war fein lebendiges Abbild da und wartet! auf sie: Heute nachmittag drei Uhr würde es aus dem Dunkel treten unb um sie fein mit dem stärksten und besten Hauch seines Wesens. Warum kam das gerade heute, nachdem sie gestern abend hatte sprechen müssen und so gesprochen hatte, als wäre Ludwig selbst zugegen? War es das, was man einen Wink des Schicksals zu nennen pflegte, ohnr schärfer darüber nachzudenken? ... Ach, das war im Grunde gar nicht so ungewöhnlich, überraschend und geheimnisvoll! War Ludwig nicht immer um sie gewesen in diesen langen Monaten? In ihr als die kleine Iso, die jetzt mit allen Ansprüchen eines triebhaft aufwachsenden Lebens droben in ihrem Korbwagen lag unb ganz feine Augen hatte? War nicht wiober ein anberer Teil feines Ledens immer bageblieben in ber Orb- nungsarbeit, bie Hartl übernommen und bis zu einem übersichtlichen Resultat durchgeführt hatte? War nicht in feinen Briefen, so selten sie waren, wieder ein anderer Teil seines Wesens von drüben bis hierher gedrungen und hatte tief in ihr Herz gegriffen? Hatte jenes Bild in ber Zeitschrift nicht noch viel mehr über ihn ausgesagt? Immer war er ba. Das Erscheinen Hartls unterbrach ihr Grübeln. Sie reichte ihm stumm die Karte. Während er las, war ihr, als würde feine hohe Stirn durchsichtig unb als sähe sie, wie sich dahinter die gleichen Gedanken formten. Als er nach einer langen Pause den Blick zu ihr hob, lag darin die Bestätigung. „Ich werde Sie heute nachmittag begleiten." Sie nickte nur und klingelte nach dem Mädchen. — Es waren die einzigen Worte, die an diesem Vormittag zwischen ihnen fielen. Billy wurde grimmig, als sie erfuhr, daß sie an dieser Vorführung nicht teilnehmen könnte, unb hatte für den Hinweis, daß die offizielle Premiere schon am Anfang ber nächsten Woche ftattfinben würde, nur ein ablehnendes Achselzucken. Natürlich würde sie mit Doktor Kern Hinsehen. Aber warum nicht auch heute ein Platz für sie ba war, konnte sie nicht verstehen. Zum erstenmal spürte sie gegen Hartl eine feinbfeiige Regung, wenn diese auch nicht ganz beutlich unb nicht ohne Reue war. Um brei Uhr wurden Elisabeth unb Hart! von Henschke, dem Leiter der Berliner Geschäftsstelle der Gloria-Film-Eorporation, oorgestellt unb non ihm in den kleinen, dunkel getäfelten Vorführungsraum geleitet, wo eine Anzahl von Interessenten in den wenigen bequemen, ledergepolsterten Stuhlreihen saß. Elisabeth und Hartl blieben in der hintersten Reihe allein. Nach wenigen Minuten wurde der Raum verdunkelt, und auf der Leinwand erschienen Titel und Vorspann des Films: Die Gloria-Film-Eorporation (Produktionsleitung Direktor Grolman) „ v seigt: Ludwig Thiele in „Kameraden", Film aus dem Seemannsleben. iToVnb dann folgten bie Namen des Regisseurs, eines der ersten von USA., unb ber übrigen Darsteller. Zugleich mit bem Vorspann setzte eine Musik ein, aus ber man ben Klang einer Ziehharmonika heraushörte, die die einfache und volksliedhafte Melodie eines Matrosenliedes variierte. (Fortsetzung folgt.) Oie traurige Krönung. Von Eduard Mörike. Es war ein König Milefint, Don dem will ich euch sagen: Der meuchelte sein Bruderskind, Wollte selbst die Krone tragen. Die Krönung ward mit Prangen Auf Liffey-Schloß begangen. O Irland! Irland! Wärest du so blind. Der König sitzt um Mitternacht Im leeren Marmorsaale, Sieht irr in all die neue Pracht, Wie trunken von dem Mahle; Er spricht zu seinem Sohne: „Noch einmal bring die Krone! Doch schau, wer hat die Pforten aufgemach Da kommt ein seltsam Totenspiel, Ein Zug mit leisen Tritten, Vermummte Gäste groß und viel, Eine Krone schwankt inmitten; Cs drängt sich durch die Pforte Mit Flüstern ohne Worte; Dem Könige, dem wird so geisterschwü Und aus der schwarzen Menge blickt Ein Kind mit frischer Wunde, Es lächelt sterbensweh und nickt. Es macht im Saal die Runde, Es trippelt zu dem Throne, Cs reichet eine Krone Dem Könige, des Herze tief erschrickt. Darauf der Zug von bannen strich. Von Morgenluft berauschet, Die Kerzen flackern wunderlich. Der Mond am Fenster lauschet; Der Sohn mit Angst und Schweigen Zum Vater tät sich neigen, — Er neiget über eine Leiche sich. £Xe Fahrt des Herrn von Ringen. Erzählung von Werner Bergengruen. Nicht die Liebe eines Volkes oder auf Abstammung gegründetes Erbrecht hatte Ernst Johann Biron zum Herzog von Kurland gemacht, sondern höfische Intrigen, geheime Wühlarbeit und die Drohungen der hinter ihm stehenden russischen Kanonen und Bajonette. Er residierte denn auch nicht wie seine Vorgänger aus dem Hause Kettler in Mitau, sondern blieb am Petersburger Hofe und beutete von dort das unglückliche Kurland in gewinnsüchtiger Härte aus. Mit einem Netz von Spähern überzog er das ganze Land, und wer in den Verdacht herzogfeindlicher Gesinnung oder gar herzogfeindlicher Aeußerungen geriet — wozu die grundloseste Anzeige hinreichte —, der wurde bei Nacht verhaftet und ohne Verhör und Urteil nach Sibirien oder in entlegene Gouvernements des russischen Reiches verschleppt. So darf denn auch ein Zusammenhang zwischen dieser Gepflogenheit der herzoglichen Regierung und dem merkwürdigen Schicksal des Herrn von Ringen auf Aldenshof angenommen werden. Der junge, noch unvermählte Heinrich von Ringen lebte mit feiner lebigen Schwester im Haufe feiner Eltern unb bewirtschaftete an Stelle des kränklichen Vaters bas kleine, nahe ber livlänbischen Grenze gelegene Gut. Bei bem mäßigen Vermögen ber Familie hatte er keinen leichten Stand, und so war es kein Wunder, daß feine landwirtschaftliche Tätigkeit ihn völlig in Anspruch nahm unb er meber Zeit noch Neigung hatte, lief) um Staats- ober anbere Gedankendinge zu kümmern. Er lebte ein gleichmäßiges Leben ber Arbeit, von welcher er nur im Umgang mit ben □einigen, in ber Jagd ober gelegentlichem Verkehr mit ben Nachbarn krholung suchte. Am Abenb eines heißen Sommertages geschah es, baß ber junge Herr von Ringen nach Einbruch ber Dunkelheit in ber vom ^rrenhauje iur Lanbstraße führenben Pappelallee lustwanbelte, um bie Abendkuhle ju genießen. Da sah er vier Männer auf sich zukommen, bie ihm unbekannt schienen. Er blieb stehen unb fragte sie in deutscher unb, als leine Antwort erfolgte, in lettischer Sprache nach ihrem Begehr. Die Männer traten schweigenb auf ihn zu, bem Herrn von Ringen würbe ■5 unheimlich, unb er griff nach seinem Jagdmesser. Ehe er es aber Heben konnte, fühlte er sich gepackt unb zu Boben geworfen. Kräftige Dänbe schloffen sich um feinen Hals unb verhinberten ihn am Steten; fT würbe gefesselt unb geknebelt und bann zur Lanbstraße gebracht, wo -in geräumiger, geschlossener zweispänniger Wagen stand, neben dem -inige Reiter und Handpferde hielten. Die Männer, die den Herrn von Ringen überfallen hatten, wechselten mit den Leitern einige Worte in einer Sprache, die er nicht verstand und die ihm Russisch zu sein schien. 2ann wurde die Wagentür geöffnet und der Gefangene yinem- !-schoben. Die Tür schloß sich wieder, und der Wagen setzte sich samt einer Eskorte in Bewegung. All dies war so schnell vor sich gegangen, daß der Herr von gingen -unächst nicht recht zum Bewußtsein dessen kam, was mit ihm Seschnh. trft jetzt, da er in der Finsternis des Wagens auf dem übrigens reichlich i-fchütteten Stroh lag, begann er sich zu sammeln und seine Lage zu 1 berdenken. Er konnte nichts anderes glauben, als daß eine Verwechslung geschehen ober baß er Räubern in die Hände gefallen fei. Darüber ver» wirrten sich seine Gedanken, und da er seit dem frühen Morgen tätig gewesen war, schlief er ein, von der gleichmäßigen Bewegung des Wagens gewiegt. Als er erwachte, hielt das Fuhrwerk. Die Tür wurde geöffnet, er wurde hinausgezogen und von Fesseln und Knebeln befreit Gleichzeitig aber zeigte ihm einer der Männer feine Pistole und gab ihm durch allerhand Zeichen zu verstehen, welches Schicksal ihm im Falle eines Fluchtversuches erwartete. Der Herr von Ringen sah sich um und erkannte im hellen Mondschein eine kleine, wohl zwei Meilen östlich von Aldens- 1)0f gelegene, ihm von der Jagd her vertraute Waldwiese, auf der er weidende Pferde erblickte. Rund um sich gewahrte er etwa acht bewaffnete Männer, deren einige die Uniform russischer Husaren zu tragen schienen. Sie lagerten sich im Kreise, hießen ihn durch Zeichen ihrem Beispiel folgen und begannen eine Abendmahlzeit einzunehmen, nicht ohne ihrem Gefangenen von ihren aus kaltem Fleisch, Brot und Branntwein bestehenden Vorräten reichlich mitzuteilen. Sei es aber, daß keiner von den Männern ber deutschen ober ber lettischen Sprache mächtig war, sei es, baß ein höherer Befehl ihnen ben Munb verschloß: sie hatten auf alles Anreden und Fragen des Herrn von Ringen keine Antwort, und so gelang es ihm nicht, zu erfahren, wer feine Entführer waren und was für Pläne sie mit ihm hatten. Das wurde auch an den folgenden Tagen nicht anders, an denen die Reife genau in der bisherigen Form fortgesetzt wurde, nur mit dem Unterschiede, daß der Gefangene von Fesseln und Knebeln freiblieb. Dafür waren aber die Fenster des Wagens dicht verhängt, und die Tür blieb verschlossen. Die Ungeduld, Spannung und Neugier des Herrn van Ringen wuchsen mit jedem Tage, und fast stündlich erwartete er das Eintreten eines Ereignisses, das feine Sage klären oder wenigstens das Abenteuer in einen neuen Abschnitt bringen müsse. Indessen verging Tag um Tag, unb nichts geschah: es würbe gefahren, gerastet unb roieber gefahren. Aus ben Tagen würben Wochen unb keine Aenderung trat ein. Die Tage begannen kürzer, bie Nächte kühler zu werben, unb man gab bem Herrn von Ringen einen Schafspelz unb einige Pferbebecken. Gerastet würbe nicht mehr unter freiem Himmel, fonbern auf Gütern ober in einsamen Bauernhöfen. Aber jeben Annäherungsversuch bes Herrn von Ringen an bereu Bewohner verhinberten seine Wächter. Unb ganz allmählich begann sich bie Ungebulb bes Herrn von Ringen zu legen. Längst hatte er gemerkt, baß ihm für Leib unb Leben keine unmittelbare Gefahr brohte, unb wie benn ber Mensch sich an fast alles zu gewöhnen vermag, so gewöhnte sich ber Gefangene auch an biefes Leben im Wagen. Die Männer, bie ihn begleiteten, würben mehrmals burch anbere abgelöst, bie aber an Schweigsamkeit unb Wachsamkeit ihren Vorgängern nichts nachgaben; aus bem geschlossenen Wagen war ein ebensolcher Schlitten geworben; man fuhr über enbtofe Schneefelber und rastete häufiger als im Sommer. Hatte der Herr von Ringen anfangs noch aus dem Stande der Sonne unb ber Sternbilder Schlüsse auf die Fahrtrichtung ziehen können, fo gab er es allmählich auf, nachdem, er beobachtet hatte, baß es wohl zuerst nach Osten gegangen war, bann aber alle Himmelrichtungen ein» anber abwechselten. Der Schnee schmolz, bie Wasser schäumten, bie Frühlingsstürme stoben über bie weite Ebene, unb bie Zeit ber schlimmsten Unwegsamkeit würbe in einem einsamen Kruge abgewartet. Dann würbe ber Schlitten roieber mit einem Wagen vertauscht, unb bie endlose Fahrt hob abermals an. Die Zugvogel kehrten zurück, die Sonne schien, es wurde Sommer, es wurde Herbst, Winter, Frühling und wieder Sommer. Der Herr von Ringen aber hatte längst alle Hoffnung verloren, daß die Fahrt jemals ihr Ziel erreichen unb er seine Freiheit roiebererlangen konnte. Zwei Jahre fuhr er im geschloffenen Gefährt, zwei Jahre rastete er an fremben Feuern, zwei Jahre sprach niemand ein Wort mit ihm unb er mit niemanbem. Da hatte sich benn sein einfacher Geist in ben Gang bes Geschehens gefügt, er hatte sich bumpf ergeben unb meinte, es fei Gottes Wille unb fein Schicksal, baß er also reifen müsse. Da geschah es eines Nachts, baß er erwachte, währenb ber Wagen hielt. Aber alles blieb totenstill, unb niemanb kam wie sonst, um bie verschlossene Tür zu offnen und ihn hinauszulassen. Der Herr von Ringen wartete geduldig Stunde um Stunde, aber nichts drang an sein Ohr. Da faßte er den Griff der Wagentür, sie war unverfchloffen und gab nach. Der Herr von Ringen stieg aus und sah in der Morgenfonne den Park und das Herrenhaus von Aldenshof vor sich liegen. Er schüttelte sich, als wollte er seinen Traum verscheuchen, ft fuhr sich mit der Hand über die Augen, aber das Bild blieb. Er schaute sich um, der Wagen stand allein, und es waren weder Pferde noch Begleiter zu sehen. Da ging es wie ein Erwachen über ihn, langsam ging er durch den Park, in welchem er so oft als Knabe gespielt hatte, auf fein Vaterhaus zu. Er trat ins Eßzimmer ein, wo feine Eltern und feine Schwester bei ihrer Morgenmahlzeit saßen, und blieb schweigend an der Tür stehen. Sie sahen erst überrascht auf, sie erkannten ihn nicht in feiner schlechten, groben Kleidung, seinem langen, wirren, ungepflegten Haupt- und Barthaar, dann schrie (eine Mutter: „Heinrich!", stürzte auf ihn zu, und schloß ihn unter Tränen in ihre Arme. Alle drei küßten und umarmten ihn, meinten, lachten und fragten durcheinander; er aber blieb scheu und abwesend, fast wie einer, der von Fremden fälschlicherweise für einen der Ihrigen gehalten und mit ihrem Vertrauen beschenkt wird, ohne den Zusammenhang zu verstehen und das Mißverständnis so schnell aufklären zu können. Allmählich jedoch sand er sich in den Kreis der ©einigen, und wenn er auch nicht viel sprach, so ließ er doch ein wenig Freude erkennen. Sie pflegten und stärkten ihn, fo gut sie konnten, und nach einigen Wochen ging er wieder feinen früheren Beschäftigungen nach, als fei nicht viel vorgefallen. Nur blieb er wortkarg unb ernst, zeigte sich selten unb ungern ben Nachbarn, die auf die Kunde von seiner Rückkehr in Scharen jn Gaste kamen, und behielt einen fremden und abwesenden GeflchK- ausdruck bei. Sein Vater, der vor Zeiten studiert hatte und in allen Schriftkünsten erfahren war, verfaßte eine umfangreiche Klageschrift und sandte sie, mit seinem Siegel und des Sohnes Unterfertigung versehen, durch die Ritterschaft an den herzoglichen Hof. Eine Weile nach der Rückkehr des Herrn von Ringen fuhr eines Nachts der kleine Jndrik, der die Stallwache hatte, aus feinem Halbschlummer auf und gewahrte eine Gestalt im Stall. Er sprang hinzu, und als er den jungen Herrn erkannte, fragte er nach seinen Befehlen. Der aber winkte ihm schweigend ab, zog selbst zwei Pferde aus dem Stall, und während der Junge schon wieder schlief, spännte er den großen geschlossenen Wagen an, mit dem er zurückgekommen war, und fuhr langsam in die Nacht hinaus. Und wie sehr man ihn auch am nächsten Tage und in der Folgezeit suchte, so hat ihn niemand je wieder zu Gesicht bekommen. Die Klageschrift aber war indessen an den herzoglichen Hof gelangt, lagerte hier eine Zeitlang in allerhand Kanzleien und wanderte dann zur russischen Regierung weiter, wo sie zunächst das gleiche Schicksal hatte. Dann gelangte sie auf dem Umwege über den herzoglichen Hof und die kurländische Ritterschaft wieder an ihren Verfasser zurück, und es war ein Begleitschreiben dabei, welches besagte, man werde mit alleräußerster Strenge verfahren, wenn der Urheber imstande sei, die Schuldigen an der Entführung seines Sohnes anzugeben. Als aber dieser Bescheid in Aldenshof eintraf, da war der Herr von Ringen schon lange verschollen. Königreich Münster. Von Dr. I. Rudolf. Unter den Hunderten von Staaten, die sich im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit im deutschen Raume bildeten, war das Königreich Münster sicher eines der seltsamsten. Heute muh man schon aufmerksam durch die Gassen der alten Bischofsstadt wandern, um die Spuren der 16 Monate währenden Herrschaft der Wiedertäufer zu finden. Vor vierhundert Jahren aber waren die Blicke der „Taufgesinnten" in Holland, wie der Schweiz, in Böhmen wie in Straßburg nach Münster gerichtet, schienen sich doch hier die Prophezeiungen des großen Taufpredigers Melchior Hoffmann zu erfüllen. ♦ Wie neben Luther in Sachsen und Thüringen „Schwarmgeister" aufgetreten waren, ein Thomas Münzer, ein Karlstadt oder die sog. „Zwickauer Propheten, so gingen über Zwinglis Lehre auch in Zürich bald Ultrareformatoren hinaus, die sich nur noch an die Bibel hielten und aus ihr nicht nur religiöse Lehren zogen, sondern auch die ganze soziale Ordnung des öffentlichen Lebens nach dem Vorbild des Urchristentums einrichten wollten. Aus der Bibel bewiesen sie, daß Zins und Zehnten, namentlich aber die Pfründe der Geistlichen keine Berechtigung hätten, daß die Christen in Gütergemeinschaft leben sollten, keine weltliche Obrigkeit brauchten, keine Waffen tragen dürften. Als äußeres Kennzeichen, aber auch als Ausdruck ihrer Lehre von der Rechtfertigung des Sünders führten sie die Erwachsenentaufe ein: Nur derjenige, der im vollen Gebrauch der Vernunft sich zu ihrer Gemeinschaft bekannte, sollte die Taufe empfangen, durch die sie entsühnt werden und nicht mehr sündigen. So dachten sie ihre Gemeinden als Genossenschaften von wirklich „Heiligen". Dieser Gedanke der Erneuerung des Urchristentums wurde besonders von den breiten Massen verstanden, fand daher schnelle Verbreitung. Da aber die Lehren der Züricher Täufer zweifellos sozial und wirtschaftlich revolutionär wirkten und die Fürsten, die Geistlichkeit und der Adel schon durch die kaum unterdrückten Wirren des Bauernkrieges nervös waren, verfolgte man überall die Taufgesinnten schärf. So flohen sie durch Oberdeutschland und die Schweiz, flohen nach Oesterreich, nach Friesland und die Niederlande, trugen aber überallhin ihre Lehre von der Neutaufe der Heiligen und der baldigen Wiederkunft des Herrn auf den Wolken des Himmels. Unter zum Teil gräßlichen Martern mußten viele der Täufer ihr Leben lassen. Bis 1530 sollen schon an zweitausend Märtyrer des Täufer- tnms geworden sein. Und als die ersten gefallen waren, kam der Rachegedanke unter ihren Anhängern auf. Nur wenige duldeten die Leiden so still und freudig, wie jener Melchior Hoffmann, der mit seinen Offenbarungen feine Jünger berauschte, aber bei der Verfolgung ihnen gebot, nicht mehr zu taufen, sondern nur still weiter zu lehren; denn 1533 werde das neue Jerufalem erstehen und die einst lebendig zum Himmel gefahrenen Propheten Henoch und Elias wiederkehren. ♦ In Münster hatte die Reformation lutherischer Prägung im politischen Streit zwischen den mächtigen Gilden, dem patrizischen Rat und dem schwächlichen Bischof, dem Herrn der Stadt, leicht Fuß fassen können. Ein beredter Prediger Bernhard Roth mann schwenkte zur neuen Lehre Über und fand Hilfe gegen den Bischof bei den Gilden, namentlich bei dem ränkesüchtigen und einflußreichen Tuchhändler Bernt K n i fixe r d o l l i n g , da die Gilden mit Bischof und Rat wegen der handwerklichen und wirtschaftlichen Konkurrenz der „Fratherherren" und des Augustinerinnenklosters im Streit lagen. Kaiser und Reichstage wurden mit dem mllnsterschen Fall bemüht, ein Bischof verkaufte sein Bistum, ein anderer starb. Der dritte endlich erkannte Münster als lutherische Stadt im Februar 1533 an. Aber die Lutheraner hatten selbst das Heft schon nicht mehr in der Hand. Aus Cleve waren läuferische Gedanken emgeschlevpt worden, R o t h m a n n und andere Prediger an den nun firotestantischen Pfarrkirchen neigten dem Täufertum zu, und aus Hol- lond und Friesland flohen die verfolgten Taufgesinnten auf die Nachricht von seinen Predigten nach Münster. Auch der „Prophet" Ja, Matthison aus Haarlem kam hierher. . * Münster wurde nun zur „heiligen Stadt". Alles Gold und Silber, alle Schmucksachen mußten „Diakonen" übergeben werden, die es ar die Armen verteilen sollten. Auf Befehl des Propheten wurden sämtlich! Bücher außer der Bibel auf dem Domplatz verbrannt. Als dann bei Bischof mit Heeresrnacht gegen Münster heranzog, fühlte sich Ja, Matthison als neuer Simfon und zog gegen ihn aus, fiel aber in Kampf. Nun warf sich I a n v o n L e y d en als neuer Prophet auf uni behauptete, Gott habe ihm schon acht Tage zuvor geoffenbart, er werde Jan Matthison ob feines Hochmuts in die Hand feiner Feinde geben Er wußte die Bürger zu religiösem Fanatismus zu entflammen, daß sie nicht nur alle Nöte einer langen Belagerung ertrugen, sondern auch in begeistertem Widerstand alle Angriffe heldenmütig abschlugen. Ja, es gelang ihm, noch Sendboten in die umliegenden Städte zu schicken, um dort die läuferischen Lehren zu verbreiten und so einen Entsatz der Stadt zu bringen. Dann führte Jan von Leyden oder Jan B o ck e 1 s o n eine neue, „nicht von Menschen erdachte" Staatsverfassung ein, teilte die Stadt ie zwölf Quartiere nach den zwölf Stämmen Israels und setzte an ihn, Spitze zwölf Aelteste, ihm treu ergebene Männer. Rothmann ftellw sie dem Volk in seierlichem Auszug vor, belehnte sie durch Ueberreidjm eines Schwertes mit der Gewalt, und der Prophet stimmte das Siet an „Allein Gott in der Höh' fei Ehr'!" Knipperdolling erfjiell das nur allzu wichtige Amt eines Scharfrichters. Kern der Staatsordnung war die Gütergemeinschaft, der die einzelnen Gewerke zu dienen fjattem So mußten die Schuhmacher unter Führung von Herrmann Tomate die Schuhe „für das neue Israel" machen uff. Aber auch ein, aus bei Bibel keineswegs belegbarer Brauch wurde eingeführt: die Vielweiberei Der betreffende Erlaß soll daraus entstanden fein, daß ein sehr religiösen Jünger den mit der Frau des gefallenen Jan Matthison verheirateten Propheten beim Ehebruch ertappte. Darauf wurde die Vielweiberei dein Volk durch entsprechende Predigten drei Tage lang mundgerecht gemacht und bann der so vorbereitete Brauch verkündet. Jede Frau zwang man zu heiraten. Der Prophet selbst hatte bald fünfzehn Frauen. Endlich nahm man aus dem alten Testament den Gedanken eines priesterlichen Königtums. Im Anschluß an die Weissagungen von bem gerechten König David verkündete ein neuer Prophet, der Goldschmied D u s e n t s ch u r, ihm fei vom himmlischen Vater geoffenbart, Jan doih Leyden werde König über den ganzen Erdkreis werden. „Er wird bem Thron und das Szepter feines Vaters David einnehmen, bis Gott bas Reich wiederum von ihm zurücknehmen wird." Knipperdolling unö andere Angesehene waren eingeweihi, der neue Prophet salbte 3am von Leyden auf dem Marktplatz zum König und überreichte ihm bas Schwert der Gewalt. Der Gesalbte kniete nieder, bat Gott um Schutz und Erleuchtung, ermahnte das noch recht erstaunte Volk zum Gehe!" sam und stimmte das Lied an „Allein Gott in der Höh' sei Ehr'!" Ungebändigt lieh Jan nun seiner Herrschsucht und Prunksucht bis Zügel schießen. Eine Kaiser- und eine Königskrone mußten ihm die mün« sterschen Goldschmiede schaffen, einen Reichsapfel und ein schweres goldenes Szepter trug er stets in der Oeffentlichkeit, und fein Schwert Hintz in goldener Scheide. Er tat dies, wie berichtet wird, nicht allein aus Eitelkeit, sondern aus geschickter Berechnung auf die Psychologie ben Menge, die sich durch solche äußerliche Pracht blenden und begeistern ließ. ♦ Der Bürger dagegen durste nach den Verordnungen nur zwei Röck«„ zwei Beinkleider, zwei Mützen und vier Hemden, alles von einfachstem Schnitt, besitzen und mußte alles übrige den Armen geben. Solchen Kontrast wurde in diesem Oottesftaat nicht als unerträglich empfunden... Dreimal in der Woche sah man den von Gott gesandten König in seinem Prunk auf dem Marktplatz Gericht halten; wie er in feinem Palast! schlemmte, sah man nicht. Hatte die Einführung der Vielweiberei noch einen kleinen Aufstandsversuch hervorgerufen, der aber blutig unterbrütf! wurde, fo kämpften doch Männer, Weiber und Kinder unentmutigt unh« treu für das „Neue Sion". Selbst die verlockendsten Slmneftieangcbofts des Bischofs konnten sie nicht bewegen, die Stadt auszuliefern. Ja eines in das neue Jerusalem gezogene Friesländerin Hille F e i k e n fühlte sich sogar von Gott berufen, gleich Judith die Stadt zu befreien; sie M in das feindliche Lager, um angeblich dem Bischof die Stadt zu verraten; tatsächlich wollte sie ihn ermorden. Ein Bürger aber verriet fit- * Erst der guälende Hunger brach allmählich den Widerstand der Uwglücklichen, so daß sie scharenweise zum Lager der Bischöflichen flohen Die Stadt selbst aber hielt unter dem Terror des Königs und dem Fanatismus der Täufer noch immer stand, bis endlich ein Bürger und ein Landsknecht einem Feldhauptmann des Bischofs am 25. Juni 1535 beim Weg in die Stadt zeigten. Beinahe wäre es auch jetzt noch gelungen, ben 400 Mann starken Sturmkolonne deki Rückweg zu verlegen; das Tor», durch das sie eingezogen waren, hatten die Täufer schon 'wieder beseht-. Aber endlich war von den „sionitischen Streitern" nur mehr ein Häuft lein von 200 Mann übrig, das schließlich die Waffen streckte. „KänU Jan" wurde gefangen, ebenso Knipperdolling und andere Führer ben Wiedertäufer. Jan von Leyden, Knipperdolling uniio Krechting wurden öffentlich hingerichtet und in drei Käfigen am Turm der Lambertikirche aufgehängt zum Wahrzeichen gegen aus Wiedertäufer in Deutschland, deren Traum von einem Reich Gottes auffl Erden durch die Münstersche Katastrophe ein schreckliches Ende fanö- Nur Bernhard Rothmann konnte man nicht hinrichten; man hat^W nie wiedergesehen. Wahrscheinlich suchte und fand er unerkannt den -low im Kampfe. Heran twortlich: Or. HansThyriot. — Druck undVerlag:Vrühl'jcheUnioerfitäts»Vuch» undSte in druckerei, 2t. Lange, Gießen-